und die Hände falteten sich , aber es kam kein Wort über ihre Lippen , nur im Herzen wogte ein verworrenes Dankgebet , ein namenloses Bangen , ein unendliches Glücksgefühl . Endlich sprang sie empor und öffnete das Fenster , „ da drüben , da drüben ! “ flüsterte sie und winkte mit der Hand , als könne er es sehen . Ob er jetzt an sie dachte ? Ob er seiner Mutter gestanden , daß er das kleine kindische Lieschen aus der Mühle im Arme gehalten und geküßt ? Und Nelly ? „ Lieschen ! Lieschen ! “ rief es da unten . „ Gleich ! “ antwortete sie – es klang wie ein jauchzender Aufschrei ; sie nahm das Licht und trat vor den Spiegel ; dunkelglühende Augen scharrten aus dem Glase ihr entgegen . Seine Braut flüsterte sie , „ seine Braut ! “ und tiefes Roth überflog ihr Gesicht ; sie löschte schnell das Licht und eilte hinunter . „ Sie sind schon in der Eßstube , Fräulein , “ rief Dörte ihr zu , und dann kreischte sie plötzlich laut auf . „ Jesses , Jesses , Jesses , Fräulein , es ist ’ ne heimliche Braut im Hause ; sehn Sie doch – eins , zwei , drei Lichter ! “ Das junge Mädchen , welches schon den Drücker der Eßstubenthür in der Hand hatte , drehte sich über und über erröthend um – richtig , da stand die Dörte mit der Küchenlampe ; dort hing die grün lackirte Flurlampe an der Wand , und die Muhme war eben aus ihrem Stübchen getreten und hielt die Hand schützend vor den flackernden Wachsstock , daß der Schein so recht hell auf das alte gute Gesicht fiel . „ Es ist doch die Möglichkeit ! “ sagte sie wie ärgerlich . „ Mädel , Du bist rein toll ; da jauchzt sie los , daß ich zum wenigsten meine , sie hat das große Loos gewonnen . Heimliche Braut – dummer Schnack , wirst es wohl selbst am besten wissen , wer ’ s ist ! Steht doch alle Abend an der Gartenpforte ein Liebespaar , trotz dem tiefsten Schnee . Geh ’ hinein , Kind ! Ich komme schon nach , “ wandte sie sich an Lieschen , die zögernd die Thür zur Eßstube öffnete und mit der alten Frau hereintrat . Da saßen sie schon , der Vater , die Mutter und der Onkel Pastor , und nun sprach dieser das Tischgebet , und dann erschien Dörte mit dem duftenden Gänsebraten , den der Hauswirth jetzt zerlegen wollte . „ Und weißt Du , Pastor , “ sagte er in Fortsetzung eines unterbrochenen Gespräches , und strich dabei das Messer an dem zierlichen Schleifstahl hinunter , „ es wäre ein wahrer Segen , wenn die Geschichte wirklich in ’ s Leben träte , aber glauben kann ich nicht daran ; es heißt schon seit zehn Jahren so . “ „ Ja , ich kann Dir auch nichts weiter sagen , Friedrich , “ erwiderte der Pastor , „ als was ich in B. neulich hörte von dem Baumeister Leonhardt ; er sagte , zum Frühjahr käme eine Commission , um die verschiedenen Strecken zu erwerben , und sobald dies geschehen , geht das Bauen los ; meinetwegen , Eisenbahn oder nicht ! Ich wollte nur – “ er strich mit der Hand über die Stirn . „ Sie ängstigen sich wegen der Krankheit der Kinder , Herr Pastor ? “ fragte nach einer Pause teilnehmend die Hausfrau . „ Nun ja , ich will es ehrlich gestehen , “ erwiderte er und sah wirklich bekümmert aus , „ wir stehen ja Alle in Gottes Hand , aber das Menschenherz ist leicht verzagt ; die heimtückische Krankheit tritt in diesem Jahre ganz besonders gefährlich auf , im Dorfe liegen ja Haus bei Haus die Kleinen ; aus mancher Familie habe ich eins oder gar zwei zu Grabe geleitet , und bei allem Beugen unter den Willen des Herrn , Minnachen – die Angst läßt sich nicht fortjagen . “ „ Um Gotteswillen , Onkel , so schlimm ist es ? “ Lieschen sah mit großen erschrockenen Augen zu ihm hinüber ; sie kam sich plötzlich im höchstem Grade lieblos vor , hatte sie doch in ihrem seligen Glück seine Angst erst gar nicht bemerkt . „ Soll ich mitkommen ? Soll ich helfen ? “ „ Ei behüte , Lieschen , das ist eine gefährliche ansteckende Krankheit – um die Welt nicht ! “ sagte freundlich der geistliche Herr und drückte ihr die kleine Hand , „ nein , nein , da wird meine Rosine schon allein fertig ; man soll , sich nicht leichtsinniger Weise in Gefahr begeben . Du bist das einzige Kind – das muß sich schonen für die Eltern ; nein , ich danke Dir , Lieschen ; es geht schon so . Uebrigens ich muß bald nach dem Essen wieder fort ; die Rosine hat mich mit aller Gewalt heraufgejagt . “ „ Na , komm , Pastor , “ sagte der Hausherr herzlich und hob sein Glas , „ auf daß es bald besser gehe daheim und alle Angst umsonst war ! “ „ Gott gebe es ! “ Das ernste Gesicht des Pastors hellte sich wieder auf ; „ aber nun ist ’ s genug davon , “ meinte er sich zusammenraffend , „ ich will Euch nicht auch noch die Festfreude verderben , gelt Lieschen ? Lach ’ nur wieder . Sahst vorhin so strahlend aus . Was hattest Du denn mit der Nelly ? Dein Gesicht glänzte ja wie eitel Lust und Freude . “ Lieschen erröthete wie eine Purpurrose . „ Nun , dort oben wird ’ s wohl nicht gerad ’ zu strahlend aussehen , “ fiel Herr Erving ein . „ Ach ja , da hat ’ s auch sein bitteres Leid – es ist wahr , “ seufzte der Pastor ; „ kleine Kinder , kleine Sorgen , große Kinder , große Sorgen ! Es ist so auf der Welt . “ „ Du lieber Gott , “ meinte die alte Frau , „ so ein bischen Gottvertrauen gehört schon immer mit dazu ; um den Jungen , den Army , aber , da ist mir schon gar nicht bange ; so ein frisches junges Blut , dem wird das bissel falsche Lieb ’ nicht gleich das Herz abdrücken , dazu ist er ein zu stolzes Gemüth , und Liebesweh ist netter Liebeszunder , wird bald ’ nen andern Schatz haben . “ „ Nun , das wäre Nebensache , Muhme , aber die leidigen Verhältnisse sonst noch , und – “ Klapp , da war die Thür gegangen und das junge Mädchen verschwunden ; und da saßen die Zurückbleibenden und staunten sich in stummer Verwunderung an . 14. Der Onkel Pastor hatte sich auf den Heimweg begeben , ohne das junge Mädchen wiedergesehen zu haben . Ein Ruf im Hausflur nach ihr war unbeantwortet geblieben . Die Muhme suchte ihr Liesel allenthalben . In der Wohnstube war sie nicht , in der Weihnachtsstube auch nicht , und nun öffnete sie vorsichtig die Thür zu dem Zimmer des Mädchens ; es war fast dunkel drinnen , aber dort am Fenster stand eine schlanke Gestalt und schaute unbeweglich in die schweigende schneehelle Nacht . „ Liesel ! “ rief die alte Frau leise . „ Muhme , “ klang es beklommen zurück . „ Sag ’ Kind , was ist Dir denn ? Hast doch nicht Kopfweh , bist doch nicht krank ? “ Aber statt aller Antwort umschlangen sie die weichen Mädchenarme ; ein glühendes Gesicht barg sich an ihrem Hals , und die Gestalt , die sich an sie schmiegte , bebte in verhaltenem Schluchzen . „ Kind , Liesel , was ist ’ s denn ? “ fragte die alte Frau erschreckt , „ hat Dir Jemand was gethan ? “ Sie schüttelte den Kopf . „ Was ist ’ s denn , mein Herzel ? “ und sie zog die Widerstrebende zum Sopha , setzte sich neben sie und hielt sie fest umschlungen . „ Ach Muhme , liebste , beste Muhme – “ „ Was denn , mein Herzpünktchen ? Nun ? Du lachst wohl gar ? “ fragte sie gleich darauf , „ Du närrisches Ding , was soll das heißen ? “ „ Ach , ich möchte lachen und weinen und – ich weiß nicht was Alles , “ flüsterte sie ; „ schließ ’ die Augen , Muhme ! Ich will Dir sagen , weshalb – ach , ich habe solche Angst vor Dir – “ „ Angst vor mir ? Ja , das muß ich sagen : das sieht Dir ähnlich – na fix , fix – was hast Du begangen ? “ „ Ich – ich – bin eine Braut geworden , Muhme , “ sagte sie stockend ; „ hast Du mir es nicht gleich angesehen ? “ „ Eine Braut ? Kind ! “ „ Ich bin ja so glücklich , so glücklich – der Army – “ „ Der Army ! “ stöhnte die alte Frau , und die Zähne schlugen ihr vor Schreck zusammen . „ Der Army ? Du eine Braut ? “ wiederholte sie tonlos . „ Also doch , also doch ! “ „ Muhme , hast Du denn kein freundlich Wort ? Wir haben uns ja so lieb , so lieb ! “ [ 806 ] „ Lieb ? Er hat Dich lieb ? “ „ Aber , Muhme , wie Du fragst ! Würde er mich sonst zu seiner Braut haben wollen ? “ „ Barmherziger Gott ! “ schrie es auf in der Seele der alten Frau , „ das arme thörichte Kind ! Sie glaubt sich geliebt , und er er will nur ihr Geld , um sich zu retten . “ Und in stummer Angst tastete sie mit der kalten Hand nach der des Lieblings , die wie Feuer glühend in der ihren lag , und da flüsterte schon wieder die süße Stimme an ihrem Ohr ; war ’ s nicht just so seliges , so thörichtes Zeug wie damals , als ihr die Lisett ihre junge Liebe vertraute ? „ Denk doch , Muhme , ich kann ihm wieder das Leben froh machen ; um meinetwillen wird er es wieder lieben lernen , wie schön das ist ! Ich soll das können , Muhme , ist es denn wirklich wahr ? Ach , Muhme , da draußen unter der alten verschneiten Linde , wo ich ihn vor drei Jahren noch einmal sah , da hat er mich gefragt . Und nun – nicht wahr , Du sagst es Vater und Mutter ? Ich sterbe ja vor – vor Scham , wenn ich bekennen soll , daß ich einem fremden Manne gut bin ; ich kann es nicht – thu ’ Du es doch ! Wenn es hier nicht dunkel wär ’ , ich hätte es Dir nimmer sagen können . – Muhme , so sprich doch , so gieb mir doch einen einzigen Kuß – “ Lisett – Lisett – war sie es denn nicht , die da eben flüsterte ? „ O Herr Gott ! “ so sprach es aus tiefer Qual heraus in der alten Frau , „ ist dies das Glück , um das ich Dich gebeten für das Kind , allabendlich und jeden Morgen ? Hat sie nicht tausendmal was Besseres verdient , als dieses Loos ? “ Und dann saß sie ein paar Augenblicke wie starr . „ Liesel , “ sagte sie endlich gepreßt , „ Du weißt nicht , was Du gethan hast , Du weißt nicht , was Dir bevorsteht , wenn diese unselige – sei mir nicht böse , aber ich muß so sprechen – diese unselige Verlobung wirklich zu Stande kommt . Du kennst die alte Baronin nicht , wie ich sie kenne ; sie ist schlimmer als ein Teufel . Sie wird Dich elend machen , wie meine arme Lisett , die sie auf dem Gewissen hat , und ich mein ’ , daß mein Gewissen auch nicht rein wäre , wenn das Unglück doch geschieht und ich hätte Dich nicht gewarnt jetzt , wo es noch Zeit ist und wonach Niemand von Eurer Lieb ’ was weiß , als Ihr Zwei und ich . Sei still ! “ – wehrte sie , als Lieschen sie zu unterbrechen versuchte – „ thu ’ der alten Muhme und Dir selber den Gefallen ! Was ich Dir erzählen will , das schmeckt bitter , aber es ist eine Arzenei und Gott geb ’ s , daß sie Dir eingeht und hilft ! Es ist die Geschichte der Lisett , die ich Dir erzählen muß – gelt , Du weißt noch , daß ich sie Dir erzählen wollt ’ im Frühjahr , weil ich Deine Liebe kommen sah , aber ich brachte es damals nicht über die Lippen – hätte ich es nur gethan ! “ Das junge Mädchen kauerte sich wortlos zu ihren Füßen ; kein Laut von ihren Lippen verrieth , wie ihr junges kaum erblühtes Mädchenglück im Herzen schauerte , als sei plötzlich ein Strom von Eisluft in den lachenden Frühling gebrochen . „ Also der Baron Fritz , “ begann die alte Frau mit tiefer Stimme , der Bruder des Großvaters von Nelly und Army , war der Lisett ihr Bräutigam ; sie hatten sich heimlich versprochen ; Niemand wußte es außer mir . Der Baron Fritz , wollte erst , wenn er mündig sei , mit seiner Werbung vor Lisett ’ s Eltern treten und mit seinem Bruder sprechen , und dann wollten sie sich ein Gut kaufen ; es war ein glückliches Paar , Liesel , und ein schönes dazu , und sie hatten sich so sehr lieb , es war eine Lust sie zusammen zu sehen dort unten in der alten Laube am Wasser . Baron Fritz stand nicht weit von hier als schmucker Husarenofficier in einer kleinen Stadt ; er kam oft herüber , und wenn es um die Zeit war , daß er eintreffen mußte , dann stand Lisett droben in ihrem Stübchen am Fenster und sah zu dem Thurm hinüber , und dann flammte wohl bald ein Licht dort oben auf ; das war das Zeichen , daß er zu ihr kam . Dann jauchzte sie vor Freude und schlug die Hände zusammen und lief ihm ein Stückchen in den Wald entgegen . Und dann – an einem Sommerabend – hielt des Bruders junges schönes Weib , Nelly ’ s Großmutter , ihren Einzug in das alte Schloß . Die Lisett und ich waren hingelaufen sie zu sehen ; das ganze Schloß war erleuchtet und die Diener warteten mit Fackeln an der großen Freitreppe , auch Baron Fritz stand da mit seiner alten Mutter , und dann kam das junge Paar gefahren . Das mußte wahr sein : schön war die junge Frau , aber es lag Stolz in ihrer Haltung , Stolz auf dem blassen Gesicht , und Stolz blitzte aus ihren großen schwarzen Augen . Die Lisett war ganz bleich geworden als sie ihr nachschaute . ‚ Die wird meine Freundin nicht , Marie , ‘ sagte sie zu mir . Und sie hat Recht gehabt . Gott weiß , wo die stolze junge Frau erfahren hat , daß der Baron Fritz der Lisett gut sei , und wer ihr dem teuflischen Plan eingab , die Beiden zu trennen . Ich weiß nur das Eine , daß es ihr gelang . Und wie – ja wie ist es ihr gelungen ! Es war im Herbst , und das Schloß voller Jagdgäste ; man konnte deutlich das Halali aus den Wäldern hören , und allabendlich flammten die Fenster des Schlosses in hellem Lichte auf ; das tolle Leben begann da oben , das die Schloßherrin so liebte und mit dem sie ihre Familie beinahe an den Bettelstab gebracht hat . Baron Fritz aber nahm Abschied von der Lisett ; er konnte längere Zeit nicht wieder kommen , und sie schenkte ihm ein kleines goldenes Herzchen , das sie immer auf der Brust trug ; ich hörte noch , wie sie sagte : ‚ Da Schatz , thue die Locke von mir hinein und denk an mich ! ‘ Sieh , Lieschen , dies goldene Herz , das war der Lisett ihr Tod . Doch höre weiter ! Der Baron Fritz reiste ab , und es vergingen so vierzehn Tage ; schreiben konnten sich die Liebesleute nicht , denn sonst wär ’ Alles offenbar geworden ; damals war man auch noch nicht so gar arg auf ’ s Schreiben , wie heut zu Tage , aber denken thaten sie desto mehr an einander , und das mag jetzt manchmal umgekehrt sein . Nun also , der Fritz war abgereist , und die Lisett stand allabendlich aus alter Gewohnheit am Fenster und guckte noch dem Thurmstübchen hinüber , denn dort wohnte Baron Fritz stets , wenn er hier war . Aber es blieb jeden Abend dunkel , und es war ja auch nicht anders möglich , denn vor vier Wochen konnte er nicht wieder hier sein , und jetzt waren erst vierzehn Tage verflossen . Da , eines Abends , schreit die Lisett hell auf und rennt auf mich zu , die ich eben mit dem Strickstrumpf ein wenig zu ihr schwatzen komme . ‚ Jesus ! ‘ ruft sie , ‚ er ist da ; es ist Licht im Thurm , ‘ und richtig , da schimmert das erleuchtete Bogenfenster herüber . Sie nahm nicht einmal ein Tuch um , als sie aus dem Hause flog . Nach einer Weile kehrte sie zurück . ‚ Er kam nicht , ‘ sagte sie , ‚ was soll das nur bedeuten ? ‘ Ich schüttelte den Kopf . Na , wart Lisettchen ! Ich frag ’ den Christian morgen . Aber wer nicht kam , war der Christian , und um Mittag bringt mir ein Junge den Bescheid , ich sollte nicht auf ihn warten , er sei für die Herrschaft verreist , um ein neues Pferd für die Frau Baronin zu holen . Die Lisett war in einer Unruhe , die sich gar nicht beschreiben läßt . Sobald es dämmerte , stand sie am Fenster , und wieder sah man das Licht drüben . Abermals lief sie in ’ s Freie , und kam blaß zurück und warf sich weinend in ’ s Sopha . Gott weiß , sie mußte schon eine Ahnung haben von dem , was ihr bevorstand , denn sie wollte von keinem Trost etwas wissen . ‚ Er ist da und kommt nicht , er liebt mich nicht mehr , ‘ schluchzte sie , ‚ ach ich sterbe , wenn es so ist . ‘ Am dritten Abend dieselbe Geschichte ; die Lisett sah aus wie der Kalk an der Wand . Dann blieb es dunkel im Thurmstübchen . – Ohngefähr vier Tage darauf sitzen wir , die Lisett und ich , im Mittagssonnenschein vor der Hausthür und rupfen Krammetsvögel , und sie schaut so den Federn nach , die in der Luft umherfliegen , während ein banger Seufzer nach dem andern über ihre Lippen geht ; da kommt über den Mühlsteg ein Mädchen gegangen . Zuerst kannten wir sie nicht , denn ihr neuer rother Rock mit den schwarzen Streifen blendete ordentlich in die Augen , dann aber sagte die Lisett : ‚ Das ist ja die tolle Fränzel , was will die hier ? ‘ Richtig , sie war ’ s , und kam gerade auf uns zu getänzelt mit ihren zierlichen Füßen , die in kleinen Spannbänderschuhen und schneeweißen Strümpfchen steckten . Sie hatte ein schwarzes Kamisol an , und ein Paar lange ebenso schwarze Zöpfe hingen ihr auf den Rücken herunter ; das Gesicht mit den funkelnden Augen und der kleinen Nase sah die Lisett an , als wär ’ sie eitel Freundlichkeit . Nun mußt Du wissen , Liesel , die tolle Fränzel war mit uns zur Confirmation gegangen , und ein wilder Kind hat ’ s wohl nimmer gegeben ; Zigeuner hatten sie einst hinter dem Kirchhofszaun liegen lassen , als sie kaum erst acht Tage alt war , und sie ist im Armenhause groß geworden . Ein leichtsinniges , arbeitsscheues Blut war sie von jeher , das Aergerniß der ganzen Gemeinde , der Frau Baronin aber gefiel sie , als sie einst mit einem [ 807 ] Körbchen Beeren auf das Schloß kam . ‚ Sie erinnere sie an ihre Heimath , ‘ hatte sie gesagt , und so kam Fränzel in den Dienst der gnädigen Frau und ging einher so bunt geputzt , als wären unseres Herrgotts christliche Tage eitel Mummenschanz . Wir hörten aber auch bald , daß sie noch immer die tolle Fränzel sei ; da verkehrten so viele fremde Cavaliere im Schloß und hübsch war ja die Fränzel , zu hübsch , und sie hätt ’ gewiß ’ nen braven Burschen gefunden , der sie als seinen ehrlichen Schatz hätt ’ küssen mögen , aber sie war leichtfertig als der Schlimmsten Eine , und – Gott sei Dank ! – noch galt ja Zucht und Ehrbarkeit bei uns daheim . Und so kam sie denn daher ; in den kleinen Ohren hingen große glänzende Goldreifen , und einen Ring hatt ’ sie auch an der Hand , mit der sie so recht auffällig an der schneeweißen Schürze bändelte . ‚ Guten Tag ! ‘ rief sie uns entgegen , und die Lisett sagte wieder : ‚ Guten Tag ! ‘ und fragte : ‚ Was soll ’ s , Fränzel ? ‘ ‚ Nun Jesses , ich sah die Mamsell hier drüben sitzen und wollt ’ mal sehen , wie ’ s bei Euch ausschaut . Ihr braucht Euch ja meiner nicht zu schämen , sind wir doch zusammen confirmirt worden – oder bist Du stolz geworden ? ‘ ‚ Nein , ‘ erwiderte die Lisett , ‚ ich bin nicht stolz , aber wenn Du kommst , so hat ’ s was zu bedeuten – sag ’ mir rasch , was Du willst ! ‘ ‚ Gar nichts , meine Gute , ‘ erwiderte sie und that wie beleidigt , ‚ brauchst Dich meiner nicht zu schämen ; betteln thu ’ ich nicht mehr ; hab ’ mein Brod übrig genug , ‘ und dabei lachte sie , daß man alle die weißen Zähne sah , und drehte sich auf dem Fuße herum , daß der rothe Rock und die Zöpfe nur so flogen . ‚ Siehst so blaß aus , ‘ sagte sie dann plötzlich und fixirte das Gesicht der Lisett , ‚ hast Liebeskummer , he ? ‘ Lisett erröthete über und über . ‚ Was geht ’ s Dich an , wie ich ausseh ? ‘ erwiderte sie kurz und erhob sich so rasch , daß die feinen Federn aus ihrer Schürze nur so in der Luft herumwirbelten . Auf einmal sah ich , daß ihr die Augen schier aus dem Kopfe traten und daß sie sich leichenblaß mit der Hand nach dem Herze faßte und auf die Bank niedersank , und als meine Blicke den ihrigen folgten , da fielen sie auf ein kleines goldenes Herz , das sich aus dem Busentuch der Fränzel geschoben . ‚ Allmächtiger Gott ! ‘ schrie die Lisett – dann aber war sie mit einem Sprunge neben der Fränzel , hatte sie an der Schulter gepackt und fragte mit einer Stimme , die mir durch Mark und Bein ging – so voll schriller Herzensangst war sie – : ‚ Woher hast Du das Herz , Fränzel ? ‘ “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 50 , S. 821 – 824 Fortsetzungsroman – Teil 11 [ 821 ] Lieschen hing in athemloser Spannung an den Lippen der Erzählenden . „ Einen Augenblick blieb Alles still , “ fuhr die Muhme nach kurzer Pause fort ; „ dann hättest Du hören sollen mit welcher Seelenangst die Lisett wiederholte : ‚ Woher hast Du das goldene Herz , Fränzel ? ‘ Sie schien der Fränzel die Worte von den Lippen lesen zu wollen , und diese hatte den Kopf weit zurückgebogen und sah mit funkelnden Augen zu ihr hinüber ; sie stand mit übereinander geschlagenen Armen , und nach und nach legte sich ein höhnisches Lächeln um ihren Mund . ‚ Was geht ’ s Dich an ? ‘ fragte sie und wollte sich los machen . ‚ Was es mich angeht ? Gütiger Jesus , sie fragt , was es mich angeht ! Marie , so hilf mir doch ! ‘ rief die Lisett , ‚ ich muß es wieder haben ; es ist ja mein – nein , sein – Herr Gott , ich hab ’ es ihm ja geschenkt . ‘ Ich trat näher , ganz starr vor Schrecken . ‚ Gieb das Ding her , Fränzel ! ‘ sagte ich . ‚ Gelt , Du hast es gefunden ? ‘ ‚ Was meint Ihr denn ? ‘ rief diese und schüttelte die Hand Lisett ’ s ab , die schwer auf ihrer Schulter lag , mich wundert , daß Ihr nicht sagt , ich hätt ’ s gestohlen . Es ist mein Eigenthum , ich laß ’ mir ’ s nur von dem nehmen , der mir ’ s geschenkt , und nun rührt mich nicht an ! Ich sollte meinen , Ihr wißt noch von früher , daß ich kratzen kann . ’ Sie trat zurück ; ihre Hände hatten sich geballt ; dann wandte sie sich rasch zum Gehen . ‚ Halt ! ‘ rief Lisett und faßte sie wieder am Arm , ‚ ich frage Dich im Namen Jesu : Wer gab Dir das Herz ? ‘ Sie stand hochaufgerichtet vor dem Mädchen und hielt wie beschwörend die Hand empor – ein Zittern ging durch ihre Gestalt . Den Augenblick werd ’ ich nimmer vergessen , Lieschen . Ich wollt ’ zu ihr hin , um sie zu stützen , aber ich mußte stehen bleiben und sie ansehen ; so schön sah sie aus , durch die entlaubten Zweige der Linden fiel ein Strahl der Herbstsonne und spielte auf ihrem braunen Haar , daß es wirklich aussah wie ein Heiligenschein , und wie ein Heiligenbild stand sie auch da , wie ein Engel vor einer Verlorenen . Fränzel war ganz blaß geworden , als sie den Augen der Lisett begegnete , dann aber riß sie sich los und sagte : ‚ Warum willst Du das wissen ? Hab ’ ich Dich schon einmal danach gefragt , wer Dir das goldne Ringel gab , das Du neulich so heiß geküßt hast in der Laube ? Ja , ja , das hab ’ ich wohl gesehen , ‘ lachte sie , und kann ich nicht auch heimlich ’ nen Liebsten haben ? Denkst Du , weil Du des reichen Lumpenmüllers schöne Lisett bist , die tolle Fränzel gefällt Keinem ? Leb ’ wohl Lisett , und thu ’ nicht so verwundert ! Weiter sag ’ ich Nichts – ’ sie lachte spöttisch auf und rannte über den Mühlensteg , daß ihr rother Rock im Sonnenschein uns in die Augen leuchtete . Die Lisett aber stand bleich und starr und sah ihr nach , und als ich hinging zu ihr und sie trösten wollte , da stieß sie mich hastig zurück , und dann ging sie hinauf in ihre Stube . – Ich wußte nicht , was ich machen sollte , Kind , ob ich ihr folgen sollte oder nicht ; das Herz klopfte mir zum Zerspringen , und wie ich noch so dastand , kam der Lisett ihre Mutter und gab mir einen Auftrag und schalt , daß die Federn da alle so zerstreut lagen auf dem Platze . Ich besorgte , was sie mir befohlen , aber die Thränen drängten sich mir aus den Augen um der armen Lisett ihren schweren Kummer – Herr Gott , wer hätte das gedacht ? Sollte es denn wirklich wahr sein , daß er das Andenken von seinem Schatz an die leichtfertige Dirne vertändelt ? Aber freilich , woher sollte sie es haben ? Und dann das Licht drei Abende hinter einander im Thurmstübchen ! O du einziger Heiland , dachte ich , was soll nun werden ? Und sobald ich konnte , lief ich hinauf zu der Lisett , und da stand sie am Fenster und sah hinüber zum Schloß , und als ich an sie heranging und wollt ’ meinen Arm um sie legen , da sagte sie ganz leise : ‚ Laß gut sein , Mariechen ! Womit wolltest Du mich auch trösten ? Geh ’ nur hinunter , geh ’ nur ! Ich werde schon allein fertig . ‘ Ich schüttelte den Kopf und ging ; ich konnt ’ ja vor Weinen kaum sprechen , aber als ich eben die Stubenthür wieder schließen wollt ’ , da schrie sie auf , so furchtbar , so gellend , und als ich erschreckt zurücklief , da schüttelte es sie wie im Krampf und dann sank sie zu Boden . – Ich wollte sie aufheben aber sie lag schwer in meinen Armen wie eine Todte , und da kam auch schon die Mutter die Treppe herauf , und – Du lieber Gott , Kind , was soll ich Dir das ausmalen ? Es ist mir selbst nur wie ein dumpfer unheimlicher Traum . Die Lisett war schwer krank geworden ; der Doctor gab keine Hoffnung , ich saß Tag und Nacht dort an dem Bette und horchte auf die bangen Phantasien , und das plauderte so süß und erzählte sich Etwas mit