vier oder fünf an der Zahl , die völlig eigenartig wirken und in ihrer Mischung von Berliner Nähtisch und ägyptischem Fetisch , von Ramses und Christian Friedrich Gentz , kairensischen Teppichen und Ahornpaneelen aus der Berliner Glanzzeit der Jenny Lind , nirgend ihresgleichen haben , auch in den maurischen Häusern nicht , deren wir vielleicht einige , jedenfalls aber eins in unserer Stadt besitzen : das Diebitschsche Haus am Hafenplatz . Denn all das bisher in wohlüberlegter Gegensätzlichkeit Aufgezählte gibt nur eine schwache Vorstellung von dem , was sich an aparten und untereinander in einer Art Fehde stehenden Dingen hier alles zusammenfindet , Dinge , die berufen scheinen , ein Fünfweltteile-Redenzvous und dabei zugleich das bunte reiche Leben zu veranschaulichen , das der Besitzer aller dieser Herrlichkeiten führen durfte . Was von dem Grund und Boden unserer Hauptstadt gesagt worden ist , » jeder Quadratmeter bedeute schon ein Vermögen « , das gilt fast auch von den Wänden dieser W. Gentzschen Wohnung , und » gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge « haben wir hier die bei den verschiedensten Gelegenheiten , als Erinnerungsblätter , an W. Gentz überreichten Skizzen aller möglichen Malerberühmtheiten zusammen . Ich kenne , soweit Berlin in Frage kommt , keinen Privatmann , dessen Wohnung angetan wäre , mit der hier vorhandenen Bilderfülle zu wetteifern , und wenn beispielsweise das an den Wänden der Menzelschen Wohnung Aufgespeicherte , schon weil sich viele » Menzels « darunter befinden , unendlich wertvoller ist , so verschwinden doch , namentlich solange wir der Zahl ihr Recht gönnen , selbst diese Menzelschen Schätze neben der bunten Mannigfaltigkeit des hier bei W. Gentz Gebotenen . Daß übrigens das Gentzsche sich auch inhaltlich sehen lassen kann , das wird sich aus einer bloßen Aufzählung der Bilder und Skizzen genugsam ergeben , trotzdem ich gezwungen bin , an drei Vierteln des Vorhandenen vorüber zu gehen . Es befinden sich hier : Friedrich Geselschap : Mädchen von Capri . Anselm von Feuerbach : Aretins Tod bei einem ihm von Tizian gegebenen Gastmahl . Otto Knille : Dolce far niente . Ein Tiroler Bursch . Rudolf Henneberg : 1. Szene vorm Forsthaus . 2. Reiter , ein Wasser durchschreitend . Gustav Spangenberg : Studienkopf zu Spangenbergs Lutherbild in der Nationalgalerie . Albert Hertel : Dorf in Abendbeleuchtung . Georg Bleibtreu : Kaiser Wilhelm und Moltke am Abend des 18. August 1870 ( Gravelotte ) . von Meckel 32 : Arabische Wegelagerer . von Klever ( Professor an der Petersburger Akademie ) : Russisches Dorf am Meer . Hugo von Blomberg : Benvenuto Cellini im Keller . Teutwart Schmitson : Bäuerliches Gespann . Ernst Ewald : Märchenerzähler . Dörr : Vier Interieurs einer Färberei in Fontainebleau ( Dörr war ein Mecklenburger aus Ludwigslust , bildschöner Mensch und um seiner Schönheit willen früh gestorben . ) Ludwig Knaus : Kinderszene aus der Feilnerstraße . Paul Meyerheim : Ziegen und ein im Grase liegender Junge . Geschenk Paul Meyerheims an sein Patenkind Ismael Gentz . Fritz Werner : 1. Französische Gefangene im Tempelgarten zu Ruppin . 2. Porträt von W. Gentz , in ägyptischem Kostüm . Anton von Werner : 1. Almosen-Verteilung auf einem Kirchhofe bei Kairon . 2. Gebet in der Wüste ; Abd el Kader . Ferdinand Heilbuth : Doppelte Nelken in einer japanischen Vase . Jean Lous Hamon : Im Ringelreihen tanzende Mädchen . ( L. Hamon , gest . 1874 . ) Diese zweiundzwanzig Bilder und Skizzen , unter denen mir F. Heilbuths » Doppelte Nelken « und J. L. Hamons » Ringelreihen « als die bedeutendsten erschienen sind , geben aber , wie schon angedeutet , nur eine geringe Vorstellung von dem , was sich hier alles auf engstem Raume zusammenfindet . Vieles von dem Verbleibenden ( dreißig Bilder und Skizzen ) rührt von niemand Geringerem her , als von W. Gentz selbst , und wenn ich in vorstehendem speziell auf Aufzählung dieser Gentzschen Arbeiten , zu denen auch zahlreiche Kopien nach Veronese , Tizian , Velasquez , Rubens , Jordaens , Giorgone , Correggio , Poussin usw. gehören , verzichtet habe , so geschah es , um diesem Aufsatze nicht über Gebühr einen katalogartigen Charakter zu geben . Abschließend aber möchte ich an eben dieser Stelle noch hervorheben dürfen , daß der reiche Bilderschmuck nur einen Teil der Gesamtausschmückung dieser Räume bietet , die mit ihren aus Afrika mitgebrachten Erinnerungsstücken in erster Reihe den Eindruck eines ethnographischen Museums machen . Da finden sich wunderbar geformte Laternen , Leuchter und Kannen aus arabischen Moscheen , Rauchgefäße , Teller und Tassen , altägyptische Götterfiguren , perlmutterbelegte Sessel , Kaffeemörser und Musikinstrumente : Darabucken und Tamburine . So das Gentzsche Haus . Und eigenartig wie das Haus , so das Leben in ihm , auch das gesellschaftliche , das , in vielen Punkten mit dem Leben anderer Künstlerhäuser übereinstimmend , sich doch auch wieder durch einen eigentümlich internationalen Zug von ihnen unterscheidet . W. Gentz ' zwölfjähriges Leben in Paris , seine bis auf diesen Tag alljährlich fortgesetzten Reisen in immer noch wenig befahrene Gegenden , sein ausgebildeter Sinn für Geographisches , Anthropologisches und Kulturhistorisches überhaupt , sein Wissen , das es ihm ermöglicht , auch eigentlichsten Gelehrten auf ihren Wegen zu folgen – all das hat sich vereinigt , um seinem gastlichen Hause nicht bloß einen künstlerischen , sondern auch einen wissenschaftlichen , halb diplomatischen , alle Gesellschafts-und Völkerklassen umfassenden Stempel zu leihen . Ich würde mich nicht wundern , Tippo Tipp oder Mirambo , oder Bana Heri , oder , wenn er noch lebte , den König Mtesa von Uganda bei Gentz zum Frühstück anzutreffen , Stanleys oder Wißmanns , oder Emin Paschas , als einfacher Selbstverständlichkeiten , ganz zu geschweigen . Ich darf mich nicht rühmen , oft an den Reunions in der Hildebrandtstraße teilgenommen zu haben , aber niemals war ich zugegen , ohne sachlich und persönlich Interessantes erlebt zu haben . W. Gentz liebt es zum Beispiel , seinen Gästen , auf gut Afrikanisch , Bananen vorzusetzen , und er tut wohl daran ; denn diese Bananen , ob sie einem nun schmecken oder nicht , sind einfach ein Ausdruck davon , daß man sich , wenn man ihn besucht , nicht auf einer Alltagsheide , sondern auf einem besonderen Boden befindet . Die letzten zwei Male , daß ich dort verkehrte , sind mir unvergeßlich durch die Personen , deren Bekanntschaft ich damals machte resp . erneuerte . Der eine war Wereschtschagin , just auf der Höhe seines Ruhms , schweigsam , und nur erheitert , wenn die pikante Mirjam ( damals noch unverheiratet ) ihm , ohne Rücksicht auf seine feierliche Miene , kleine Geschichten und Berliner Anekdoten erzählte . Man merkte daran das unter Namen und Autoritäten groß gewordene Kind , das nicht gelernt hatte , Berühmtheiten ängstlich zu nehmen . Der andere , den ich traf , war Hermann Maron , den ich seit länger als fünfundvierzig Jahren ( wo wir gemeinschaftlich einen Dichterklub gegründet ) nicht wiedergesehen hatte . Wir fanden uns – sehr verändert ; sein Leben war wunderbar gegangen , und vier Wochen später schoß er erst seiner Frau , dann sich selber eine Kugel durchs Herz . * So viel über W. Gentz und sein Haus . Eine Biographie darf aber auch an dem Menschen , und wenn dieser ein Künstler , an seiner Kunst nicht vorübergehen . Ich kann ihm hier wieder selber das Wort geben ; denn er hat sich mit jener Aufrichtigkeit und Ruhe , die sein ganzes Wesen ausmacht , über sich selbst als Mensch und Künstler ausgesprochen . » ... Ich bin Darwinist « , so schreibt er . » Was ich von Vater und Mutter geerbt , weiß ich nicht sicher herauszubringen . Mein Vater erzählte mir einmal , daß er sich in der Jugend vorgenommen habe , 100000 Taler erwerben zu wollen . Das war damals , von seinem Standpunkt aus , sehr viel . Mein Bestreben war immer darauf gerichtet , › etwas zu werden ‹ . Kaufmännischen Sinn aber , Erwerbssinn , der äußerlich vorwärts kommen und bescheidene Zustände verbessern will , hatte ich gar nicht , vielmehr einen konservativen Sinn , wie meine Mutter , die sehr sparsam war . Meine Mutter war auch eine sehr versöhnliche Natur und verzieh allen , sogar den größten Feinden , wohin auch die Konkurrenten gehörten . Etwas davon glaube ich geerbt zu haben . Fleißig waren beide Eltern und auch ich ging davon aus , daß ich durch Arbeit ersetzen müsse , was mir an Naturanlage fehlte . In der Jugend war ich exzentrisch und schroff , wovon meine Lehrer damals erzählen konnten ; beim » Trommeln « immer der Führer im Streit . Ich zähle mich nicht zu den Herdenmenschen . In meiner Eltern Hause wurde nie gespielt , auch nicht Karten . Ich bin keine eigentlich gesellige Natur und machte meine Reisen meist allein , um von dem mir vorgesteckten Ziel , um anderer willen , nicht abweichen zu müssen . Ich halte es für selbstverständlich , daß jeder , der unter bestimmten Einflüssen seines Landes groß geworden ist , dies Land und seine Nation mehr liebt als andere Nationen . Ich hasse aber die Kirchturmspolitik . Da andere Völker die leuchtendsten Vorbilder hervorgebracht haben : Homer , Äschylus und Phidias , Christus , Shakespeare , Michelangelo und Tizian , so kann ich nicht einsehen , warum man das Fremde geringer achten soll . In religiöser Beziehung stehe ich auf dem Schillerschen Standpunkt : Welche Religion ich bekenne ? Keine von allen , Die du mir nennst . – Und warum keine ? Aus Religion . Die Religionsphilosophie hat mich immer sehr interessiert . Ich habe die Vedas , Confucius , die Bibel , den Koran , den heiligen Augustinus , Luther , Spinoza , Lamennais usw. gelesen . In der Natur und dem Menschenleben scheint mir , und zwar durch den unerbittlichen Kampf ums Dasein , der Pessimismus gerechtfertigt . Die persönliche Freiheit ist mir in der Politik das Ideal . Daher bekenne ich mich nicht zur Sozialdemokratie , die ein Untergraben derselben bedeutet . In Paris früher habe ich mich mit sozialistischen Schriften von Fourier , Considérant , Proudhon usw. bekanntgemacht , möchte dieselben aber nicht noch einmal lesen . Nach Luther ist der Mensch ein übermütig und verzagtes Ding , und ich darf sagen , ich habe beide Seelenstimmungen sattsam erlebt , jedoch mehr die letztere , überhaupt viel an moralischem und künstlerischem Katzenjammer gelitten . Für das Schaffen anderer habe ich mich immer interessiert , daher auch immer gesucht , mit denen verkehren zu können , die sich auf diesem oder jenem Gebiete schöpferisch auszeichneten . Eine Folge davon war , daß ich stets in einem nicht kleinen Kreise gelebt , am liebsten jedoch , außer mit Afrikareisenden wie Barth , Schweinfurth , Nachtigall usw. mit Künstlern verkehrt habe . Nur der Sinn für Musik ist immer ein sehr geringer bei mir gewesen ; am liebsten hörte ich Volkslieder und Kirchengesang , dem ich in katholischen Ländern immer gern beigewohnt habe . Mit fast allen Künstlern der letzten Dezennien habe ich verkehrt , darunter von Diebitsch , Henneberg , Gustav Richter , die Meyerheims , Menzel , Knaus , Karl Becker , Bleibtreu , Spangenberg , Geselschap , so verschieden und entgegengesetzt die hier Genannten auch sein mochten . Vielleicht ein Charakterfehler . Ich tröste mich aber mit dem Spinozaschen Satze , daß die schlechten Seiten des Menschen auch zugleich seine Tugenden seien . Viel Eindruck hat auf mich der indische Spruch gemacht : » Tu ' was du willst , und du wirst es bereuen . « So weit Gentz über sich selber . Ich möchte nach eigenen Wahrnehmungen und Erlebnissen ein paar Worte hinzufügen dürfen . W. Gentz ist in allem das Gegenteil von einem modernen Radaumenschen , und in gänzlicher Abwesenheit von lärmend anspruchsvoller Inszenierung seiner selbst , liegt sein Wesen und sein Wert . Schon im Gespräche mit ihm zeigt sich dies ; er kennt weder die » großen Worte « , noch das nervös Prickelnde der Konversation . Wer das verlangt , wird nicht weit mit ihm kommen ; wer indessen weiß , daß ein lange gelagerter und ruhig gewordener Rauenthaler , der ' s aber in sich hat , besser ist als ein moussierender Mosel , der wird Geschmack und Genuß an Gentzscher Reserviertheit und an seiner das langsam Mecklenburgische streifenden Vortragsweise finden . Ich kann nicht einmal behaupten , überaus häufig mit ihm verkehrt zu haben , und bin ihm doch das Anerkenntnis schuldig , unter den etwa » hundert besten Geschichten « , die mich als eiserner Bestand durchs Leben begleitet haben und noch begleiten , ein halbes Dutzend ihm dankbar anrechnen zu müssen . Und das ist sehr viel . Gleich das erste derart , was ich schon vor beinahe zwanzig Jahren aus seinem Munde hörte , kann als ein Musterstück seiner Vortragsweise gelten , einer Weise , die mir darin zu gipfeln scheint , daß er den anderen oft eine halbe Stunde lang sprechen läßt , bis er plötzlich , an einer ihm passend erscheinenden Stelle , nun seinerseits das Wort nimmt , nicht um eine gleichgültige Bemerkung oder kurze philosophische Betrachtung ( darin er übrigens Meister ist ) , sondern um ein figurenreiches Bild einzuschieben . Er ist dann holländischer Maler mit dem Wort und malt heitere Genreszenen , die mich , in ihrer farbenfrischen Anschaulichkeit , immer an humoristische Schilderungen aus Achim von Arnim erinnert haben . Aber ich wollte von unserem Erzähler erzählen . Wir schlenderten am Tiergartenrande hin und ich klagte – wie das jedesmal geschieht , wenn man von einer Sommerreise heimkehrt – über die jämmerlichen Essereien in den qualvoll langweiligen Hotels , und wie mir immer noch das Leben in England als ein Ideal vorschwebe , wo man Ruhe habe vor Lachsmayonnaisen und Aal in Aspik , und sich seinem Genuß an Hammelrippen und Seezungen immer wieder freudig hingeben könne ; – nur die natürlichen Gerichte hätten einen Wert . » Ja « , nahm jetzt Gentz das Wort , » das meine ich auch und habe das nie lebhafter empfunden als einmal in Bayern , in Tagen , wo mir das Hotelessen auch so recht zuwider war . Es traf sich , daß ich zu selber Zeit von einem reichen Patrizier , einem Enthusiasten für Bilder und Archäologisches , zum Frühstück geladen wurde , nahm denn auch an und fand bei meinem Erscheinen schon ein paar andere Gäste vor , mit denen ich mich auch bald danach in ein mit Birkenreisern dekoriertes Eßzimmer geführt sah . Die Fenster standen auf , und alles um uns her war Appetitlichkeit und Frische . Und nun denken Sie sich , was gab es da ? Auf einem langen eichenen Tisch lag ein am Spieß gebratenes junges Schwein , aufgebrochen und mit kleinen Thymiansträußen ausgesteckt , was ganz reizend aussah . Wichtiger aber waren lange schmale Spitztüten , die daneben steckten und in denen sich Pfeffer und Salz befand . Nun wurde jedem von uns ein Messer gereicht , das eine ganz eigentümliche Form hatte , beinahe sichelförmig , und so bewaffnet gingen wir in einem Gänsereihen um den Tisch herum , um , wie Jäger , das Revier abzusuchen . Sie werden sich erinnern , daß , wenn man ein Gänsegerüst abknaupelt , es kleine Höhlen und Winkel gibt , wo die eigentlichen Delikatessen liegen , und diese sich halb verbergenden Stellen auch an dem jungen Schweine ausfindig zu machen und dabei dem andern zuvorzukommen , das war nun die Aufgabe . Natürlich wäre ich , als ein Neuling und Uneingeweihter , jämmerlich damit gescheitert , wenn nicht die Liebenswürdigkeit des Wirts sich meiner erbarmt hätte . Da ist mir denn erst klar geworden , was Schweinebraten heißt . Und dazu die Tüten und die Thymiansträuße , und das Kulmbacher Bier ( denn es war in der Kulmbacher Gegend ) , das immer frisch gereicht wurde , – ja , hören Sie , da kann der Halbe Mond in Eisenach oder das Zehnpfundhotel in Thale nicht gegen an , und Sie haben schon ganz recht , wenn Sie sagen , › nicht bloß das Gesunde , sondern recht eigentlich auch das Feine , das hat man bloß bei den Naturgerichten . ‹ Und wirklich , die was davon verstehen , die haben auch immer so gedacht , obenan Friedrich Wilhelm I. , der durchaus für Weißkohl und Hammelfleisch war . Kaiser Wilhelm soll auch den Tag gesegnet haben , wo er Brühkartoffeln kennenlernte , vom seligen Goethe gar nicht erst zu reden . Sie wissen , daß ich die Teltower Rüben meine . « Das war so ein in Worten gemaltes Gentzsches Bild , und wenn ich auch für den Wortlaut der Geschichte nicht mehr einstehen kann , so weiß ich doch die Hauptsache richtig wiedergegeben zu haben . Und so verliefen Gentzsche Geschichten überhaupt , nur daß die allerechtesten doch noch einen Beisatz von feinem Spott und sozusagen liebevoller Ausmalung menschlicher Schwächen zu haben pflegten . Eine derartig eulenspiegelisch gefärbte Geschichte möchte ich , als zweite Gentziade , hier noch erzählen , und zwar , wie ich zur Beruhigung der Leser gleich hinzusetzen will , auch als letzte . » ... Nun denn , der sogenannte Marine-Krause ( reizender Lebemann und tüchtiger Künstler ) war auch Lehrer an der Akademie . Kunsthändler Rudolf Lepke kaufte viel von ihm . Eines Tages hielt Krause wieder seine Klasse und ging eben von Platz zu Platz , als ein allen älteren Malern und natürlich auch allen Akademieschülern wohlbekannter Diener Lepkes eintrat , ein Bild unterm Arm . Krause sah sofort , daß es ein Bild von ihm selber war . » Nun , Zühlke , was gibt es ? « » Ja , Herr Professor ... « Und Zühlke sah verlegen auf die jungen Akademiker . » Na , man ' raus . « » Ja , Herr Professor , Herr Lepke schickt Ihnen das Bild wieder ... Sie hätten alle wieder rote Jacken an ... Und rote Jacken , die wollte keiner mehr , die hätten die Leute jetzt über ... Er sagte , Sie müßten ihnen andere Jacken anziehen , Herr Professor ; anders ging es nicht . « Krause verfärbte sich und rang anscheinend nach Luft . Endlich hatte er sich seine Rolle zurecht gelegt und fuhr nun los , indem er den Berserker ganz kunstgerecht spielte . » Zühlke , ' raus . Was soll das heißen ? Lepke ist verrückt geworden . Raus sag ' ich . « Und während Zühlke ging , tobte Krause vor seinen Schülern immer noch weiter und stürzte schließlich dem armen Zühlke nach , vor sich hinbrummend , daß er dem Kerl noch ein paar ordentliche Redensarten an den Kopf schmeißen müsse . Dabei warf er die Klassentür forsch zu und sah nun auch wirklich den Korridor hinunter . Da ging Zühlke noch , das Bild unterm Arm . » Zühlke ! « » Herr Professor ... « » Zühlke kommen Sie noch mal her . Wissen Sie was , stellen Sie das Bild da hinter die Tür , aber so , daß die Jungens es nicht sehen , wenn sie ' rausstürzen , und sagen Sie Lepken , ich würde den Kerls andere Jacken anziehen . Und grüßen Sie Lepken . Er ist doch wohl ? « » Ganz wohl , Herr Professor . « » Na , denn is es gut . « Und sofort die Wutmiene wieder aufsetzend , trat er in den Klassensaal zurück , um noch einiges über den unverschämten Kerl zu sagen . « So Gentz in seiner zweiten echtesten Geschichte , die mir , neben anderem , auch dadurch unvergeßlich geblieben ist , daß er ( wir sprachen gerade von einem durch » Schneidigkeit « sich auszeichnenden Künstler ) schmunzelnd hinzusetzte : » Und sehen Sie , so ist der nu gerade auch . « Und wer wollte es bezweifeln , daß er zu solchem Ausspruch ein Recht hatte ! Gibt es doch nur ganz wenig Menschen , die frei von solcher Komödianterei sind ; andere , die sich wohl frei davon machen möchten , können ' s nicht , weil sie ' s von Geschäfts wegen nicht dürfen . Verbleibt uns , zum Schluß , noch ein Wort über W. Gentz , den Maler . Auch hier wieder können wir seinen eigenen Aufzeichnungen folgen . » ... Ich bin der Ansicht « , so schreibt er , » daß die Kunst modern , d.h. zeitgemäß sein müsse . Ich verehre die alten Künstler im höchsten Grade , ja , finde , daß sie in ihrem Kreise so Vollendetes geleistet , daß es nicht übertroffen werden kann . Ich nenne nur die Sixtinische Madonna und die Gestalten des Phidias . Die moderne Kunst muß also andere Wege einschlagen oder andere Gebiete kultivieren , um damit konkurrieren zu können . Naturalismus – Realismus . Zum Beispiel ein Pferd wie das des ersten Napoleon auf dem winterlichen Rückzuge ( von Meissonier ) hat nie ein alter Maler so gut gemalt ; gemütvolle und humoristische Genreszenen wie Knaus ebensowenig . Das Studium alter Kunst halte ich aber für gut , vielleicht für notwendig . Es gehört schon große Kraft dazu , die Alten so nachzuahmen , daß diese Nachahmungen daneben bestehen können . ( Lenbach . ) Meiner Neigung nach bin ich Idealist , und doch hat mich meine Naturbegabung nicht dazu befähigt , ideale , phantastische Gestalten und Seelenschilderungen hervorzubringen . Ich habe mich deshalb auf die pittoreske Seite der Natur beschränken müssen . Ich bin mehr Kolorist . Der Farbenzauber übt den größten Reiz auf mich aus , besonders der Tizians , der wohl auf diesem Gebiet das Vollendetste schuf . Den Stil halte ich in der Kunst für notwendig , Stil dahin aufgefaßt , daß er das Triviale , Gemeine , Alltägliche von der Kunst fernzuhalten , aus dem Darzustellenden auszuschließen habe . Stil besitzen demnach auch Rembrandt und Menzel . 33 Die Kunst soll nach Vollendung streben , soll ehrliche , gründliche Arbeit verrichten und , soweit dies die modernen » Impressionisten « tun , schließe ich auch diese Richtung innerhalb der Kunst ( Fr. von Uhde , Max Klinger ) von der Kunst selbst nicht aus . Leider aber wenden sich auch viele junge Künstler dieser Richtung zu , die , bei unleugbarem Talent , doch nicht Energie genug haben , gründlich zu arbeiten und zunächst nur auffallen wollen , was durch den Impressionismus und Intentionismus , dieser äußersten Linken , allerdings möglich ist . Es ist natürlich , daß ein Künstler das Naheliegende , das Heimatliche , das Vaterländische vollendeter als das Fremde zu schildern vermag . Sollte aber nicht , wie die Wissenschaft , so auch die Kunst dazu berechtigt sein , den ganzen Erdball in ihr Gebiet zu ziehen ? Würde jede Nation für sich nur ihr Nationales in Betracht ziehen , so würde zwar dadurch auch der Erdball zur Darstellung gelangen , es müßte dann aber , wenn man sich vor Erstarrung und Enge bewahren wollte , doch immer wieder ein großartiger Kunstaustausch stattfinden , der in der tatsächlichen Anerkennung einer Gleich- oder Mitberechtigung , dem Wesen des Nationalismus doch wieder widersprechen würde . « So W. Gentz über seine Kunstrichtung , Bemerkungen , denen ich , abschließend , ein paar Worte hinzufügen möchte . So gewiß Paris , seit Horace Vernets Tagen , und vielleicht früher schon , reich an Orientmalern ist , so gewiß ist W. Gentz unter uns ein Unikum geblieben , derart , daß wir vielleicht keinen Künstler haben , selbst große Meister wie Menzel und Knaus nicht ausgeschlossen , mit denen wir eine so bestimmte Vorstellung verknüpfen , wie mit W. Gentz . Er ist Kairo , Jerusalem , Konstantinopel , er ist Sklavenkarawane , Harem , Judenkirchhof und dazwischen Wüste mit Tempeltrümmern und Pyramiden und Fluß und See mit Pelikanen und Flamingos . Die Bilder , die davon abweichen , liegen weit zurück . Der Orient ist seine Welt und der Turban nicht bloß das Kleid , das ihn kleidet , sondern auch das Zeichen , darin er siegt . Ernst , solide , gewissenhaft wie der ganze Mann , ist auch das , was er schafft ; ein feiner Humor , der sein Leben durchdringt , adelt auch seine Kunst und heimelt uns daraus an . Er gehört zu den Nicht-Vielen , an denen man sich ermutigen darf , und wenn ich im Streit mit den Verurteilern unserer Zeit aufgefordert werde , Namen zu nennen und den Beweis zu führen für meine günstigere Meinung , so nenne ich auch Wilhelm Gentz und freue mich der Landsmannschaft und daß ich Wand an Wand mit ihm geboren wurde . * Diese biographische Skizze wurde 1889 auf 1890 geschrieben . W. Gentz war damals siebenundsechzig Jahre und seine feste und erprobte Gesundheit schien ihm noch eine Reihe von Jahren zu versprechen . Es war aber anders beschlossen . Genau um die vorgenannte Zeit ( Winter 1889 und 1890 ) begab er sich mit Frau und Sohn nach Tunis und Tripolis , wo er sich , mit jugendlichem Feuereifer , rastloser und angestrengtester Tätigkeit hingab . Diese rastlose Tätigkeit und mehr noch der plötzliche Wechsel von Sonnenglut und Kälte , legten den Keim zu einem quälenden Leiden . Mit rührender Geduld ertrug er die Beschwerden der Heimfahrt , ohne mit einem Wort zu klagen . Als Sterbender traf er wieder in Berlin ein und entschlief am 23. August 1890 . 12. Civibus aevi futuri 12. » Civibus aevi futuri « Es trägt Verstand und rechter Sinn Mit wenig Kunst sich selber vor . Faust Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand , Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen , Es ist , als habe hier , am Torfmoor hin , Natur die Trödelbude aufgeschlagen . Annette von Droste-Hülshoff Unter den wenigstens durch Ausdehnung hervorragenden Gebäuden der Stadt nimmt das Gymnasium den ersten Rang ein . Es wurde nach dem Brande von 1787 auf dem Platzviereck errichtet , auf dem wenigstens drei Kölner Dome hätten stehen können , und empfing die Inschrift , die ich diesem Kapitel vorgesetzt habe : Civibus aevi futuri . Die Ruppiner lateinische Schule zählt zu den ältesten der Mark und 1865 konnte bereits das fünfhundertjährige Bestehen dieser alma mater gefeiert werden . Festgedichte von erheblicher Strophenanzahl erschienen , die das Wachsen der Schule von Jahrhundert zu Jahrhundert begleiteten und dem Ruppiner Bürger , insonderheit dem des Reformationszeitalters , das ehrende Zeugnis ausstellten , » daß er durch Beifall , Lob und reiche Spenden die herzudrängenden Jünger des Wissens tatenstark gemacht « und das Ansehen der Schule durch ganz Brandenburg hin begründet habe : » Der Schule Ruf hallt durch die ganze Mark . « So war es im sechzehnten Jahrhundert und so war es auch im neunzehnten noch . Nur die Beschaffenheit des Rufs , » der immer noch durch die Marken hallte « , war inzwischen ein anderer geworden . Wohl war das Gymnasium eine Wissensquelle geblieben , aber was wenigstens in den Tagen meiner eigenen Jugend ihren besonderen Ruf begründete , war doch vorwiegend der Umstand , daß diese Ruppiner Wissensquelle zugleich eine besondere Trostesquelle geworden war . Hier hatte der » Wilde « sein Refugium , hier fühlte der an der bekannten Klippe Gescheiterte wieder Hoffnung und sah das Rettungsboot vom Lande stoßen . Mancher schon dem Untergehen Nahe , hier ist er durch liebevoll zugeworfene Schwimmgürtel sich selbst und dem Staat erhalten geblieben . Und » Gott sei Dank ! « so füge ich in meiner Vorliebe für alle diese Anstalten » von der milderen Observanz « hinzu . Sie sind meines Erachtens ein notwendiger Ausgleich für den andern Orts geübten Rigorismus . Denn ich bekämpfe den Satz und werde ihn bis zum letzten Lebenshauche bekämpfen , daß der Normalabiturient oder der durch sieben Examina gegangene Patentpreuße die Blüte der Menschheit repräsentiere . Das Beste , was wir haben , ist ohne diese vorgängigen Proben geleistet worden . Und so seid mir denn gepriesen ihr Schlupflöcher , wo der Nicht-Mustermensch noch Chancen hat , sich glücklich durchwinden zu können ! Die bei Gelegenheit der Jubelfeier von 1865 erschienenen » Annalen « ermöglichen uns einen historischen Überblick über die Schule , den wir aber nicht allzuweit rückwärts ausdehnen . Vor etwa hundert Jahren erlangte sie während des Doppelrektorates von Lieberkühn und Stuve eine Art europäische Berühmtheit . Beide , die zu den Anhängern Basedows zählten , leisteten Bedeutendes in Erweckung eines frischen Geistes in der Jugend und » die mit Vorliebe gepflegte Anthropologie erzeugte eine praktische Diätetik , die viele Schüler selbst in den Häusern ihrer anders denkenden Eltern dazu bestimmte , freiwillig allem Luxus und aller Verwöhnung , so beispielsweise dem Kaffee , dem Bier und Wein zu entsagen . Sie tranken Wasser , schliefen und badeten kalt und gefielen sich in jeglicher Abhärtung des Körpers . « Aber dies alles war nur Episode . Die Lieberkühn-Stuvesche Herrschaft währte nur wenige Jahre , von 1777 – 1786 ; ein Jahr darauf brannten Stadt und Schule nieder und als 1791 unser jetziges » Civibus aevi futuri « aus der Asche erstand , rückten neue Prinzipes und neue Prinzipien in das Gymnasium ein . Während des ersten Drittels dieses Jahrhunderts regierte Thormeyer , der Schulmonarch , wie er im Buche steht . Ich habe selbst noch bei meinem Eintritt ins Gymnasium ein Cornelius-Nepos-Kapitel unter seinen Augen oder richtiger unter seinen Nüstern übersetzt , und was Thackeray in seinem Vanity fair erzählt , » daß ihm von Zeit zu Zeit immer noch Mr. Birch in seinen Träumen erscheine « , das kann ich auch von meinen Beziehungen zum alten Thormeyer sagen . Er war eine Kolossalfigur mit Löwenkopf und Löwenstimme , lauter Schreckensattribute , die dadurch nicht an Macht verloren , daß man sich schaudernd erzählte , » er sei überhaupt nur von Stendal nach Ruppin versetzt worden , weil er sich an ersterem Ort an