eilte nach Mrs. Fairfaxs Zimmer ; auch dort brannte ein Feuer , jedoch kein Licht . Keine Mrs. Fairfax war sichtbar . Statt ihrer fand ich auf dem Kaminteppich , einsam , aufrechtsitzend , ernst , einen großen , langhaarigen , schwarz und weißen Hund , ähnlich dem Gytrash aus dem Heckengäßchen , Er war ihm in der That so ähnlich , daß ich näher ging und rief : » Pilot ! « Das Tier erhob sich , kam auf mich zu und beschnüffelte mich . Ich liebkoste und streichelte den Hund ; er wedelte mit seinem großen , schweren Schwanze ; aber er sah doch ein wenig zu unheimlich aus , um mit ihm allein zu bleiben , und ich wußte nicht einmal , woher er gekommen . Ich zog die Glocke , denn ich wünschte ein Licht , und überdies hoffte ich auch Auskunft über diesen Gast zu erhalten . Leah trat ein . » Wo kommt dieser Hund her ? « » Er ist mit dem Herrn gekommen . « » Mit wem ? « » Mit dem Herrn , mit Mr. Rochester , er ist soeben angekommen . « » In der That ! Und ist Mrs. Fairfax bei ihm ? « » Ja . Und Fräulein Adele auch . Sie sind im Speisezimmer und John ist eben gegangen , um einen Wundarzt zu holen ; denn unser Herr hat einen Unfall gehabt . Sein Pferd ist gestürzt und er hat sich den Knöchel verrenkt . « » Ist das Pferd in dem Heckenweg gestürzt , der von Hay herabführt ? « » Ja , als er bergab ritt , ist es auf dem Glatteise gestürzt . « » Ah , Leah , wollen Sie mir nicht eine Kerze bringen ? Ich bitte Sie darum . « Leah brachte sie ; als sie eintrat , folgte Mrs. Fairfax ihr auf dem Fuße und wiederholte die Erzählung . Sie fügte noch hinzu , daß Mr. Carter gekommen und jetzt bei Mr. Rochester sei . Dann eilte sie hinaus , um ihre Vorbereitungen für den Thee zu treffen . Ich ging nach oben , um Hut und Mantel abzulegen . Dreizehntes Kapitel . Wie es schien , befolgte Mr. Rochester den Befehl des Arztes indem er an diesem Abend frühzeitig zu Bett ging . Am folgenden Morgen stand er spät auf . Als er dann herunterkam , war es nur , um sich den Geschäften zu widmen ; sein Bevollmächtigter und einige seiner Pächter waren gekommen und warteten jetzt , um mit ihm sprechen zu können . Adele und ich mußten das Bibliothekzimmer jetzt räumen ; es sollte täglich als Empfangszimmer für die Besucher dienen . Im oberen Stockwerk wurde ein Zimmer geheizt ; dorthin trug ich unsere Bücher und richtete es als künftiges Schulzimmer ein . Im Laufe des Morgens hatte ich noch Gelegenheit wahrzunehmen , daß Thornfield-Hall ein anderer Ort geworden ; es war nicht mehr still wie in einer Kirche ; zu jeder Stunde hallte ein lautes Klopfen an der Thür oder der Ton der Glocke durch das Haus ; oft ertönten Schritte in der Halle ; von unten herauf vernahm man den Schall fremder Stimmen . Ein Bächlein aus der Außenwelt rieselte plötzlich durch unser stilles Heim . Thornfield hatte einen Herrn bekommen . Mir gefiel es jetzt besser . An diesem Tage war es nicht leicht , Adele zu unterrichten ; sie konnte sich nicht sammeln . Jeden Augenblick lief sie zur Thür und blickte über das Treppengeländer hinab , um zu sehen , ob sie nicht einen Schimmer von Mr. Rochester erhaschen könne . Dann erfand sie allerlei Vorwände , um hinuntergehen zu dürfen ; ich vermute , daß sie nur in die Bibliothek gehen wollte , wo sie , wie ich sehr wohl wußte , durchaus nicht gebraucht wurde . Als ich dann ein wenig ärgerlich wurde und ihr befahl , still zu sitzen , begann sie unaufhörlich von ihrem » Ami , Monsieur Edouard Fairfax de Rochester , « wie sie ihn taufte , zu sprechen , – ich hatte seine Vornamen bis jetzt noch nicht gekannt – und Vermutungen über die Geschenke anzustellen , welche er ihr möglicherweise mitgebracht hatte ; denn wie es schien , hatte er ihr abends zuvor angedeutet , daß wenn sein Gepäck aus Millcote käme , sie eine kleine Schachtel finden würde , deren Inhalt sie möglicherweise interessieren könne . » Et cela doit signifier , « sagte sie , » qu ' il y aura là dedans un cadeau pour moi , et peut-etre pour vous aussi , Mademoiselle . Monsieur a parlé de vous : il m ' a demandé le nom de ma gouvernante , et si elle n ' était pas une petite personne , assez mince et un peu pâle , J ' ai dit que oui : car c ' est vrai , n ' est-ce pas , Mademoiselle ? « [ Fußnote ] Wie gewöhnlich speisten meine Schülerin und ich in Mrs. Fairfaxs Wohnzimmer . Der Nachmittag war rauh und es schneite , und wir brachten denselben im Schulzimmer zu . Mit Dunkelwerden erlaubte ich Adele , Bücher und Arbeiten fortzulegen und hinunter zu laufen ; denn aus der verhältnismäßigen Stille unten und dem Aufhören des Läutens an der Hausthürglocke schloß ich , daß Mr. Rochester jetzt unbeschäftigt sei . Allein geblieben , trat ich ans Fenster ; aber man konnte nichts mehr sehen ; die Dämmerung und das Schneegestöber verdunkelten die Luft und verbargen sogar das Gebüsch auf dem Wiesenplan vor dem Hause . Ich zog die Vorhänge zusammen und setzte mich wieder an das Feuer . Aus der leichten Asche versuchte ich ein Bild zu erkennen , welches große Ähnlichkeit mit einer Ansicht des Heidelberger Schlosses am Neckar hatte . Da trat Mrs. Fairfax ein . Damit fiel das feurige Mosaik zusammen , mit dem ich mich beschäftigt hatte , und zugleich zerstoben auch einige trübe , schwere , unwillkommene Gedanken , die angefangen hatten , meine friedliche Einsamkeit zu stören . » Es würde Mr. Rochester sehr angenehm sein , wenn Sie und Ihre Schülerin heute Abend den Thee mit ihm im Salon einnehmen wollten , « sagte sie , » er ist während des ganzen Tages so sehr beschäftigt gewesen , daß er bis jetzt keine Zeit gehabt , Sie aufzusuchen . « » Um welche Zeit nimmt er den Thee ? « fragte ich . » O , um sechs Uhr . Auf dem Lande hält er sich an frühe Stunden . Es wäre am besten , wenn Sie jetzt schon gingen , um Ihre Toilette zu wechseln . Ich werde mit Ihnen gehen , um Ihnen zu helfen . Hier ist eine Kerze . « » Ist es denn durchaus notwendig , meine Kleidung zu wechseln ? « » Ja , es ist besser , wenn Sie es thun . Ich mache stets Toilette für den Abend , wenn Mr. Rochester hier ist . « Diese Ceremonie erschien mir ein wenig pomphaft . Indessen begab ich mich auf mein Zimmer und mit Mrs. Fairfaxs Hilfe tauschte ich mein schwarzes wollenes Kleid gegen ein seidenes von gleicher Farbe ; es war das beste und nebenbei auch das einzige , welches ich besaß , mit Ausnahme eines hellgrauen , welches nach meinen Toilettenbegriffen , die ich aus Lowood mitgebracht , zu prächtig und elegant war , um es bei anderen als höchst feierlichen Gelegenheiten zu tragen . » Sie brauchen noch eine Brosche , « sagte Mrs. Fairfax . Ich besaß einen einzigen kleinen Schmuckgegenstand aus echten Perlen , welchen Miß Temple mir beim Abschied als Andenken geschenkt hatte ; diesen legte ich an und dann gingen wir hinunter . Ich war nicht an den Verkehr mit Fremden gewöhnt , und daher war es fast eine schwere Prüfung für mich , so förmlich aufgefordert vor Mr. Rochester zu erscheinen . Ich ließ Mrs. Fairfax zuerst in das Speisezimmer eintreten und hielt mich in ihrem Schatten , als wir dieses Gemach durchschritten . Dann gingen wir unter dem Bogen durch , dessen Vorhänge jetzt herabgelassen waren , und traten in die elegante Vertiefung , welche sich hinter demselben befand . Zwei Wachskerzen brannten auf dem Tische und zwei auf dem Kamin ; in der Hitze und dem Licht eines prächtig lodernden Feuers lag Pilot – neben ihm kniete Adele . Halb zurückgelehnt auf einem Ruhebett lag Mr. Rochester ; sein Fuß war durch ein Polster gestützt ; er blickte auf Adele und den Hund ; der Schein des Feuers fiel voll auf sein Gesicht . Ich erkannte sofort den Reiter mit der hohen Stirn und den dichten , kohlschwarzen Augenbrauen wieder ; das schwarze Haar ließ die Stirn noch weißer erscheinen . Ich erkannte seine scharf geschnittene Nase wieder , die mehr charakteristisch als schön war ; seine vollen Nüstern deuteten auf eine cholerische Natur ; sein grimmer Mund , das Kinn , die Kinnbacken – ja , alle drei waren grimmig , darüber konnte kein Irrtum obwalten . Seine Gestalt , die jetzt des Mantels entkleidet war , harmonierte an Schärfe mit seinem Gesicht . Ich vermute , daß man sie vom athletischen Standpunkt aus schön hätte nennen können , – die Brust war breit , die Hüften schmal ; aber sie war weder schlank noch geschmeidig . Mr. Rochester mußte Mrs. Fairfaxs und meinen Eintritt wohl bemerkt haben ; aber ich vermute , daß er nicht in der Laune war , Notiz von uns zu nehmen , denn er wandte nicht einmal den Kopf , als wir näher traten . » Hier ist Miß Eyre , mein Herr , « sagte Mrs. Fairfax in ihrer ruhigen Weise . Er neigte den Kopf leicht , aber immer wandte er noch keinen Blick von der Gruppe des Hundes mit dem Kinde . » Lassen Sie Miß Eyre Platz nehmen , « sagte er , und in der förmlichen , steifen Verbeugung , in dem ungeduldigen gezwungenen Ton lag etwas , das zu sagen schien : » Was zum Teufel kümmert es mich , ob Miß Eyre da ist oder nicht ? In diesem Augenblick verspüre ich keine Lust , mit ihr zu sprechen . « Ich setzte mich und meine Verlegenheit war gänzlich geschwunden . Ein Empfang von äußerster Höflichkeit würde mich wahrscheinlich verwirrt haben ; ich hätte ihn nicht durch Eleganz oder Grazie meinerseits erwidern können ; aber solche schroffe Launen legten mir keine Verpflichtung auf ; im Gegenteil , ich errang einen leichten Vorteil über ihn durch seinen Mangel an guter Manier , den ich schweigend zu ignorieren schien . Außerdem war mir das Außergewöhnliche seines Verfahrens pikant . Es interessierte mich zu beobachten , wie es nun weiter gehen würde . Er benahm sich also weiter , wie eine Statue es ungefähr gethan haben würde ; das heißt , er sprach weder , noch bewegte er sich . Mrs. Fairfax schien es für notwendig zu halten , daß einer von uns sich liebenswürdig zeige , und so begann sie zu sprechen . Freundlich wie gewöhnlich und wie gewöhnlich auch zuerst sehr alltäglich , begann sie ihn wegen der dringenden Geschäfte zu bemitleiden , mit welchen er während des ganzen Tages überbürdet gewesen , wegen der Verrenkung , welche ihm große Schmerzen verursachen müsse , – dann begann sie , ihm Geduld und Ausdauer während des Verlaufs seiner Heilung anzuempfehlen . » Madame , ich bitte um eine Tasse Thee , « lautete die einzige Antwort , welche sie erhielt . Sie beeilte sich , die Glocke zu ziehen ; und als das Theebrett gebracht wurde , begann sie , die Tassen , Löffel u. s. w. mit geschäftiger Schnelligkeit zu ordnen . Adele und ich gingen an den Tisch ; aber der Hausherr verließ sein Ruhebett nicht . » Wollen Sie Mr. Rochester die Tasse reichen ? « sagte Mrs. Fairfax zu mir . » Adele könnte den Thee verschütten . « Ich that , was sie begehrte . Als er mir die Tasse aus der Hand nahm , rief Adele , welche den Augenblick vielleicht für geeignet hielt , eine Bitte zu meinen Gunsten auszusprechen : » N ' est-ce pas , Monsieur , qu ' il y a un cadeau pour Mademoiselle Eyre dans votre petit coffre ? « [ Fußnote ] » Wer redet von cadeaux ? « fragte er rauh . » Haben Sie ein Geschenk erwartet , Miß Eyre ? Lieben Sie vielleicht Geschenke ? « und forschend blickte er mir ins Gesicht mit Augen , in denen Zorn und Ärger blitzten . » Ich weiß es kaum , mein Herr ; ich habe in dieser Beziehung wenig Erfahrung . Aber im allgemeinen hält man sie doch für sehr angenehme Dinge . « » Im allgemeinen hält man sie dafür ! ! Aber was halten Sie davon ? « » Ich müßte mir wirklich Zeit nehmen , Sir , um zu überlegen , bis ich eine Antwort finden könnte , die Ihrer Annahme würdig wäre . Ein Geschenk hat viele Gesichter . Nicht wahr ? Und man sollte jedes einzelne betrachten , ehe man eine Meinung über seine Beschaffenheit ausspricht . « » Miß Eyre , Sie sind nicht so harmlos und einfach wie Adele ; sie verlangt laut ein cadeau , sobald sie meiner ansichtig wird . Sie hingegen klopfen auf den Busch . « » Weil ich weniger Vertrauen zu meinen Verdiensten habe , als Adele ; sie kann das Recht der Gewohnheit und die alte Bekanntschaft geltend machen , denn sie hat mir erzählt , daß Sie ihr stets Spielsachen zu schenken pflegten . Mir würde es aber die größte Schwierigkeit bereiten , wenn ich irgend einen berechtigten Anspruch an Sie erheben sollte , denn ich bin eine Fremde und habe nichts gethan , um eine Belohnung von Ihnen zu verdienen . « » O , bitte , verfallen Sie jetzt nicht in das Extrem zu großer Bescheidenheit ! Ich habe Adele examiniert und finde , daß Sie sich mit ihr große Mühe gegeben haben . Sie ist nicht besonders aufgeweckt ; sie hat kein großes Talent , und doch hat sie in kurzer Zeit große Fortschritte gemacht . « » Sir , jetzt haben Sie mir mein cadeau gegeben ; ich bin Ihnen außerordentlich dankbar ; nichts kann einem Lehrer größere Freude machen als Lob über die Fortschritte seiner Schüler . « » Bah ! « sagte Mr. Rochester und trank dann seinen Thee schweigend aus . » Kommen Sie hierher ans Feuer , « sagte der Hausherr , als das Theegeschirr abgetragen war und Mrs. Fairfax sich mit ihrem Strickzeug in einen Winkel setzte , und Adele mich an der Hand durch das ganze Zimmer führte , um mir all die prächtigen Bücher und Nippsachen auf Konsolen und Chiffonnièren zu zeigen . Wir gehorchten pflichtschuldigst . Adele wollte auf meinem Schoß Platz nehmen , aber es wurde ihr anbefohlen , sich mit Pilot zu amüsieren . » Sie halten sich jetzt schon drei Monate in meinem Hause auf ? « » Ja , Sir . « » Und Sie kamen aus – – – – – – ? « » Aus der Schule zu Lowood in .... shire . « » Ah ! eine Wohlthätigkeitsanstalt ! – Wie lange waren Sie dort ? « » Acht Jahre . « » Acht Jahre ! Sie müssen ein zähes Leben haben . Ich meinte , daß die Hälfte der Zeit genügen müsse , um jede Konstitution aufzureiben ! Kein Wunder , daß Sie beinahe aussehen , als kämen Sie aus einer anderen Welt . Ich habe mich schon ganz erstaunt gefragt , woher Sie ein solches Gesicht haben konnten . Als Sie mir gestern Abend in dem Heckenwege entgegen kamen , mußte ich unwillkürlich an Gespenstergeschichten denken und ich hatte schon die Absicht zu fragen , ob Sie mein Pferd behext hätten . Ganz sicher bin ich dessen auch jetzt noch nicht . Wer sind Ihre Eltern ? « » Ich habe keine . « » Und hatten vermutlich auch niemals welche ; erinnern Sie sich ihrer nicht ? « » Nein . « » Das dachte ich mir . So warteten Sie also auf Ihre Leute , als Sie dort am Zaun saßen . « » Auf wen , Sir ? « » Auf die Männchen in Grün . Es war gerade eine rechte Mondscheinnacht für sie . Habe ich vielleicht einen Ihrer Zauber gebrochen , daß Sie das verdammte Eis über den Fußsteig zogen ? « Ich schüttelte den Kopf . » Die Männer in Grün haben alle schon vor hundert Jahren England verlassen , « sagte ich und sprach ebenso ernst , wie er es gethan hatte . » Und nicht einmal im Heckengäßchen von Hay oder auf den umliegenden Feldern würden Sie jetzt noch eine Spur von ihnen finden . Ich glaube , daß weder Herbst- noch Sommer- noch Wintersonne jemals wieder auf ihre Feste herabscheinen wird . « Mrs. Fairfax hatte ihr Strickzeug auf den Schoß sinken lassen und mit emporgezogenen Augenbrauen hörte sie erstaunt auf unser Gespräch . » Nun , « fuhr Mr. Rochester fort , » wenn Sie nun auch Ihre Eltern verleugnen , so müssen Sie doch irgend welche Verwandte haben , Onkel oder Tanten ? « » Keine , die ich jemals gesehen . « » Und Ihr Heim ? « » Ich habe keins . « » Wo leben denn Ihre Brüder und Schwestern ? « » Ich habe weder Brüder noch Schwestern , « » Wer empfahl Ihnen denn hierher zu kommen ? « » Ich ließ eine Annonce in die Zeitung rücken , und Mrs. Fairfax beantwortete diese Annonce . « » Ja , « sagte die gute Dame , welche jetzt wußte , auf welchem Boden wir uns bewegten , » und täglich danke ich der Vorsehung für die Wahl , welche sie mich treffen ließ . Miß Eyre ist eine unschätzbare Gefährtin für mich , und eine gütige , sorgsame , pflichtgetreue Lehrerin für Adele . « » Bemühen Sie sich nicht , ihr ein Zeugnis auszustellen , « entgegnete Mr. Rochester , » Lobeserhebungen ködern mich nicht . Ich werde für mich selbst urteilen . Sie hat damit angefangen , mein Pferd zu Boden zu strecken . « » Sir ? « sagte Mrs. Fairfax . » Ich habe ihr diese Verrenkung zu danken . « Die Witwe blickte uns erstaunt an . » Miß Eyre , sagen Sie mir , haben Sie jemals in einer Stadt gewohnt ? « » Nein , Sir . « » Haben Sie viel Gesellschaft gesehen ? « » Keine andere als die Schülerinnen und Lehrerinnen von Lowood ; und jetzt die Bewohner von Thornfield . « » Haben Sie viel gelesen ? « » Nur solche Bücher , derer ich zufällig habhaft werden konnte ; und diese waren weder sehr zahlreich noch sehr gelehrt . « » Sie haben das Leben einer Nonne geführt ; ohne Zweifel sind Sie in religiösen Formen gut geschult ; – Brocklehurst , welcher , wie ich glaube Direktor von Lowood , ist ein Prediger , wenn ich nicht irre ? « » Ja , Sir . « » Und die Mädchen verehrten ihn wahrscheinlich , wie die Nonnen eines Klosters ihren Priester anbeten ! « » O nein ! « » Sie sind sehr aufrichtig ! Nein ! Was ! Eine Novize , die ihren Priester nicht vergöttert ! Das klingt doch fast wie Blasphemie ! « » Ich liebte Mr. Brocklehurst durchaus nicht ; und ich stand mit meinem Gefühl nicht allein da . Er ist ein harter Mann , der unendlich übermütig war und sich stets Übergriffe erlaubte . Er ließ uns das Haar abschneiden , und aus Sparsamkeit kaufte er schlechte Nähnadeln und schlechten Zwirn , mit denen wir kaum nähen konnten . « » Das war eine sehr verkehrte Sparsamkeit , « bemerkte Mrs. Fairfax , welche den Faden des Gesprächs jetzt wieder aufnehmen konnte . » Und war dies das größte und schwärzeste seiner Verbrechen ? « fragte Mr. Rochester . » Er ließ uns beinahe verhungern , als er die alleinige Aufsicht über das Verpflegungsdepartement führte , bevor noch das Comite eingesetzt wurde ; und wöchentlich einmal langweilte er uns mit langen Vorträgen und mit abendlichen Vorlesungen aus Büchern , die er selbst zu wählen pflegte ; diese handelten stets von plötzlichen Todesfällen und fürchterlichen Strafen , so daß wir abends stets gequält und geängstigt zu Bette gingen . « » Wie alt waren Sie , als Sie nach Lowood kamen ? « » Ungefähr zehn Jahre alt . » Und acht Jahre blieben Sie dort . Na sind Sie also jetzt achtzehn Jahre alt ? « Ich nickte bejahend . » Wie Sie sehen ist die Arithmetik sehr nützlich . Ohne Ihre Hilfe wäre ich kaum imstande gewesen , Ihr Alter zu erraten . Es ist das eine sehr schwierige Sache in einem Falle , wo Züge und Gesichtsausdruck so sehr im Widerspruch miteinander stehen , wie es bei Ihnen der Fall ist . Und nun erzählen Sie mir , was Sie in Lowood gelernt haben . Können Sie Klavier spielen ? « » Ein wenig . « » Natürlich ' ein wenig ' . Das ist so die gewöhnliche Antwort . Gehen Sie in die Bibliothek – d. h. wenn Sie so liebenswürdig sein wollen . – Verzeihen Sie meinen Kommandoton ; ich bin daran gewöhnt zu sagen : , Thun Sie dies ' , und es ist geschehen ; ich kann meine alten Gewohnheiten eines einzigen neuen Hausgenossen zu Liebe nicht ablegen – Gehen Sie also in die Bibliothek ; nehmen Sie eine Kerze mit , lassen Sie die Thür offen , setzen Sie sich ans Klavier und spielen Sie ein Lied . « Ich ging , um seinen Weisungen Folge zu leisten . » Genug ! « rief er nach wenigen Minuten . » Sie spielen allerdings ' ein wenig ' , ich sehe schon ; gerade so wie jedes andere englische Schulmädchen , vielleicht noch ein wenig besser , aber durchaus nicht gut . « Ich schloß das Klavier und kehrte in das Wohnzimmer zurück . Mr. Rochester fuhr fort : » Adele hat mir heute Morgen einige Skizzen gezeigt , von denen sie sagte , daß es die Ihrigen seien . Ich weiss nicht , ob dieselben Ihr Werk allein sind , – wahrscheinlich hat ein Lehrer Ihnen dabei geholfen ? « » Nein , gewiß nicht ! « rief ich schnell . » Ah ! da erwacht die Eitelkeit . Gut also holen Sie Ihr Portefeuille , wenn Sie dafür bürgen können , daß es nur Originale enthält ; aber geben Sie Ihr Wort nicht , wenn Sie nicht ganz sicher sind . Ich erkenne sofort jedes Flickwerk . « » Dann werde ich also gar nichts sagen , Sir , und Sie werden selbst urteilen . « Ich holte das Portefeuille aus der Bibliothek . » Bringen Sie mir den Tisch heran , « sagte er , und ich schob denselben an sein Ruhebett . Adele und Mrs. Fairfax kamen auch heran , um die Bilder zu sehen . » Kein Gedränge , « sagte Mr. Rochester , » nehmen Sie mir die Zeichnungen aus der Hand , wenn ich damit fertig bin ; aber drücken Sie Ihre Gesichter nicht an das meine , « Mit Muße betrachtete er jedes Bild , jede Zeichnung . Drei von diesen legte er beiseite ; die andern schob er von sich , nachdem er sie geprüft hatte . » Nehmen Sie sie nach jenem Tische dort , Mrs. Fairfax , « sagte er , » und betrachten Sie sie mit Adele ; – Sie , ( mit einem Blicke auf mich ) nehmen Ihren Sitz wieder ein und beantworten meine Fragen . Ich sehe , daß diese Skizzen von einer Hand herrühren ; war es die Ihre ? « » Ja . « » Und wann haben Sie Zeit gefunden , sie zu machen ? Sie haben viel Zeit und auch einiges Nachdenken erfordert . « » Während der letzten Ferien entwarf ich sie in Lowood , als ich keine andere Beschäftigung hatte . « » Woher haben Sie die Motive genommen ? « » Aus meinem eigenen Kopfe . « » Aus dem Kopfe , den ich jetzt da auf Ihren Schultern sehe ? « » Ja , Sir . « » Hat er noch mehr dergleichen Vorräte in sich ? « » Ich meine wohl ; aber ich hoffe , daß er deren noch bessere in sich trägt . « Er breitete die Bilder wieder vor sich aus und betrachtete sie abwechselnd . Während er noch damit beschäftigt ist , will ich dir , lieber Leser , erzählen , was sie vorstellen , und vor allen Dingen muß ich vorausschicken , daß sie durchaus nichts wunderbares sind . Die Motive hatten sich mir lebhaft aufgedrängt . Als ich sie mit dem geistigen Auge sah , bevor ich versuchte , sie zu verkörpern , waren sie allerdings außergewöhnlich ; aber mein Pinsel konnte mit meiner Fantasie nicht gleichen Schritt halten , und in allen drei Fällen war die Ausführung nur ein schwaches Abbild dessen geworden , was mir vorgeschwebt hatte . Die Bilder waren in Wasserfarben ausgeführt . Das erste stellte düstere , blaugraue , niedrighängende Wolken über einer wildbewegten See dar . Die ganze Ferne lag in Finsternis da und ebenso der Vordergrund oder vielmehr die vorderen Wellen , denn es war gar kein Land auf dem Bilde . Ein einziger Lichtstrahl fiel auf einen halb aus dem Wasser hervorragenden Mast , auf welchem ein Wasserrabe sah , dunkel und groß , dessen Flügel mit Wellenschaum bespritzt waren ; im Schnabel hielt er ein goldenes Armband , welches mit Edelsteinen reich besetzt war ; diesen hatte ich die reichsten Farben verliehen , welche meine Palette herzugeben vermocht , die strahlendste Deutlichkeit , deren mein Zeichenstift fähig gewesen . Hinter Mast und Vogel schien ein ertrunkener Leichnam in dem grünen Wasser zu versinken ; ein weißer Arm war das einzige Glied , das deutlich sichtbar ; von ihm war das Armband herunter gespült oder gerissen . Der Vordergrund des zweiten Bildes zeigte nur die neblige Spitze eines Hügels , von welchem einige Blätter und Grashalme wie vom Winde getrieben , herabrollten . Hinter und über dem Bergesgipfel breitete sich der Himmelsbogen aus , tiefblau wie zur Dämmerzeit ; in den Himmel hinein ragte das Brustbild einer Frau , in so weichen und unbestimmten Farben gemalt , wie es mir nur möglich gewesen , zusammenzustellen . Die klare Stirn war von einem Stern gekrönt , die unteren Gesichtszüge sah man nur wie durch dichten Nebel ; die Augen glänzten dunkel und wild ; das Haar fiel schattengleich herab , wie eine strahlenlose Wolke , welche der Sturm oder die elektrische Kraft zerrissen hat . Auf ihrem Nacken lag ein bleicher Schein wie von Mondesstrahlen herrührend ; derselbe matte Glanz ruhte auf den dünnen Wolken , aus welchen diese Vision des Abendsterns emporzusteigen schien . Das dritte Bild zeigte den Gipfel eines Eisberges , welcher in den nördlichen Winterhimmel hineinragte . Am Horizont schoß ein Nordlicht seine schlanken Lanzen dicht nebeneinander empor . Diese in die Ferne schleudernd , erhob sich im Vordergrund ein Kopf – ein kolossaler Kopf , welcher sich dem Eisberg zuneigte und an diesem ruhte . Zwei magere Hände , welche sich unter der Stirn kreuzten und diese stützten , zogen einen schwarzen Schleier vor die unteren Gesichtszüge ; eine bleiche Stirn , weiß wie Elfenbein und ein hohles , starres Auge , das keinen anderen Ausdruck hatte als den der Verzweiflung , waren allein sichtbar . Über den Schläfen , zwischen turbanartigen Falten einer düstern Draperie , die in Form und Farbe unbestimmt wie eine Wolke war , glänzte ein Ring von weißen Flammen , auf dem hier und da Funken von intensiverem Glanz leuchteten . Dieser blasse Halbkreis war » das Ebenbild einer Königskrone ; was diese krönte , war die Form , die keine Form hat , « » Waren Sie glücklich , als Sie diese Bilder malten ? « fragte Mr. Rochester . » Ich hatte mich in die Arbeit vertieft , Sir ; ja – ich war glücklich . Als ich sie malte , empfand ich eine der höchsten Freuden , die ich jemals gekannt . « » Das will nicht viel sagen . Nach Ihrer eigenen Erzählung sind Ihrer Freuden nicht viele gewesen ; aber ich vermute , daß Sie sich in einer Art von Künstlers-Traumland befanden , als Sie diese seltsamen Farben mischten und auf die Leinwand übertrugen . Haben Sie täglich viele Stunden bei dieser Arbeit zugebracht ? « » Ich hatte nichts anderes zu thun , da es Ferienzeit war , und ich saß vom Morgen bis zum Mittag , vom Mittag bis zum Abend dabei . Die Länge der Mitsommertage begünstigte meine Neigung zum Fleiß . « » Und waren Sie mit dem Resultat Ihrer angestrengten Arbeit zufrieden ? « » Weit entfernt davon . Der Abstand zwischen meiner Idee und meiner Ausführung quälte mich ; in jedem dieser drei Fälle hatte mir etwas vorgeschwebt , was ich außer Stande gewesen zu verwirklichen . « » Nicht ganz . Den Schatten Ihrer Gedanken festzuhalten , ist Ihnen gelungen ; mehr wahrscheinlich nicht . Sie hatten nicht genug künstlerische Geschicklichkeit und Kenntnisse , um jenen vollständig Gestalt verleihen zu können ; jedoch sind die Zeichnungen für ein Schulmädchen immerhin beachtenswert . Die Ideen sind vollständig elfenartig , geisterhaft . Diese Augen in dem » Abendstern « müssen Sie einmal im Traume gesehen haben . Wie haben Sie es nur angefangen , diese so klar und doch nicht glänzend wieder zu geben ? Denn der Stern oberhalb der Stirn schwächt ihre Strahlen . Und welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe . Und wer hat Sie gelehrt , den Wind zu malen