, mag kommen , was will . « Eine Fledermaus flog durchs offene Fenster und huschte ohne Laut wieder hinaus . Der Regen hatte aufgehört ; nur in den Röhren und Rinnen sickerte und plätscherte es noch . Es war etwas Banges in der Luft des Juniabends . 14 Von Benda hatte Daniel in der ersten Zeit einige spärliche Nachrichten aus England erhalten ; seit anderthalb Jahren hatte er nichts mehr von ihm gehört . Aber als Lenore im Juli aus Pommersfelden zurückkehrte , sagte sie ihm , daß im April ein Brief Bendas an ihre Adresse gelangt sei und daß sie ihm diesen Brief nach Naumburg geschickt habe . Doch der Brief hatte ihn nicht erreicht , und die Nachforschungen , die er jetzt anstellte , blieben vergebens . Bendas Mutter war nicht in der Stadt . Sie lebte bei Verwandten in Worms , hatte aber die Wohnung im Haus des Herrn Carovius behalten . Frau von Auffenberg weilte im Emser Bad und sollte erst im September zurückkehren . So knüpfte Daniel frühere Beziehungen wieder an , und es gelang ihm , einige Unterrichtsstunden zu bekommen , die ihm vorläufig einen kleinen Verdienst sicherten . Die Tage forderten viel äußerliche Geschäftigkeit von ihm , der er nicht gewachsen war . Er hatte geglaubt , man könne heiraten , wie man in einen Laden geht , um etwas zu kaufen , ohne Lärm und ohne Aufenthalt . Er hatte hundert Launen , hundert Einwände , hundert Grimassen . Die Wohnung am Egydienplatz war gemietet worden ; es erbitterte ihn , daß man , um mit einer geliebten Person zu leben , Tische , Betten , Stühle , Schränke , Lampen , Gläser , Teller , Kehrichtfässer , Wassereimer , Fensterpolster und tausenderlei Krimskrams haben mußte . Es wurde in der Stadt viel über die bevorstehende Hochzeit geredet , und die Leute sagten , sie begriffen den Inspektor Jordan nicht . Der Mann muß arg heruntergekommen sein , hieß es , daß er seine Tochter einem Bettelmusikanten gibt . Daniel fand alles schwer , alles war letztes Gericht für ihn . Eine Melodie fraß an seinem Herzen , ehe sie ihre reinste Form gewonnen hatte . Die Freiheit rief mit Himmelstönen ; die stille Verlobte rief zur Kameradschaft . Die Aufgabe , der er sich geweiht , heischte Einsamkeit , dann riß ihn wieder das Blut hin , und er wurde weich und wild . So stürzte er oft zu Jordans hinauf , trat mit wirren Haaren in die Stube , wo die beiden Schwestern emsig an Gertruds Ausstattung nähten , setzte sich hin , sprach kein Wort und wartete , bis Gertrud kam und ihm die Hand auf die Stirn legte . Er stieß sie zurück , aber das Mädchen lächelte sanft . Manchmal jedoch zog er sie an den Armen zu sich herab , dann lächelte Lenore , - schamhaft , als ertrüge sie nicht den Anblick Liebender . Es war ein gebrauchter Stutzflügel gekauft worden , der einstweilen in der Wohnstube des Inspektors stand . An manchen Abendstunden spielte Daniel . Die Schwestern hörten zu . Gertrud glich einer Schlummernden , der alle Wünsche in Erfüllung gegangen sind und die ruht , geisterhaft beglückt ruht . Lenore aber wachte ; wachte und sann . 15 Der Tag der Trauung kam . Morgens um halb zehn Uhr erschien Daniel in der Inspektorswohnung , im Gehrock und Zylinderhut , verdrossen und verrucht anzuschauen , ein Bild des Jammers . Der Weltmann Benno war genötigt , das Zimmer zu verlassen und fiel draußen vor Lachen auf eine Wäschetruhe . Er billigte diese Heirat nicht ; er schämte sich ihrer vor seinen Freunden . Gertrud trug einen einfachen Straßenanzug und einen der kleinen Jung-Frauenhüte , welche die Mode vorschrieb . Sie saß am Tisch und schaute mit großen Augen vor sich hin . Lenore trat mit einem Myrtenkranz ins Zimmer . » Den sollst du aufsetzen , Gertrud , « sagte sie , » nur zum Schein für uns , damit man doch das Gefühl hat , du bist eine Braut . Sonst ist ' s ja gar zu nüchtern mit eurem Standesamt . « » Wo hast du den Kranz her ? « fragte der Inspektor . » In einer Kiste hab ich ihn gefunden ; es ist Mutters Brautkranz . « » Ach , ist es Mutters Brautkranz ? wirklich ? « murmelte der Inspektor und betrachtete den Kranz , der vergilbt war . » Setz ihn doch mal auf , « bat Lenore wieder , aber Gertrud , mit einem Blick auf Daniel , weigerte sich . Da ging Lenore zum Spiegel und setzte sich selbst den Kranz aufs Haar . » Tu das nicht , Kind , « warnte der Inspektor , wehmütig lächelnd ; » das abergläubische Volk sagt , man muß Jungfer bleiben , wenn man den Kranz einer andern trägt . « » So bleib ich eben Jungfer und bleib ' s gern , « erwiderte Lenore . Sie drehte sich vom Spiegel halb unbewußt zu Daniel . Das Blond ihrer Wimpern erschien fast grau , das Rot der Lippen wurde durch das Lächeln in viele Teilchen zerstückelt , und der Hals war wie etwas Flüssiges und zugleich Entkörpertes . Daniel sah dies alles . Sein Blick umfaßte die Undinengestalt des Mädchens . Ihm war , als habe er sie in den Tagen seit ihrer Rückkehr überhaupt nicht gesehen ; als habe er nicht gesehen , daß sie reifer , schöner , süßer geworden war . Auf einmal verspürte er einen Schrecken , daß ihm die Knie wankten . Wie ein Blitz durchschoß es ihn : da ist es ja , was ich vergessen hatte ! da ist das Antlitz , die Figur , das Auge , die Bewegung , da steht es lebendig vor mir , und ich Narr , ich unsäglicher Narr , war mit Blindheit geschlagen ! Gertrud ahnte dumpf den unheilvollen Vorgang . Sie erhob sich und schaute Daniel entsetzt an . Er aber eilte zu ihr hin , als ob er flüchte , und packte ihre Hände . Lenore , im Glauben , sie habe durch ein Wort oder eine Gebärde Daniels Mißfallen erregt , riß den Myrtenkranz vom Haupt . Der Inspektor hatte diesen Geschehnissen keine Beachtung geschenkt . Sein ruheloses Auf- und Abwandern endend , zog er die Uhr und sagte , es sei wohl an der Zeit , daß man gehen müsse . Lenore , die schon den ganzen Morgen über ein geheimniskrämerisches Wesen gezeigt hatte , bat um Geduld , und ehe man sie nach dem Grund fragen konnte , läutete es , und sie lief hinaus . Mit strahlender Miene kehrte sie zurück , und Marianne Nothafft folgte ihr . Mühsam hielt sich Marianne gefaßt und sah sich halb schüchtern , halb forschend im Kreise um . Mutter und Sohn standen stumm vor einander . Das war Lenores Werk . Marianne sagte , sie wohne bei ihrer Schwester Therese . Den Abend zuvor war sie gekommen , heute wollte sie wieder nach Hause zurückkehren . » Ich bin froh , Mutter , daß du da bist , « sagte Daniel mit erstickter Stimme . Marianne legte ihre Hände auf seinen Scheitel , hierauf schritt sie zu Gertrud und tat ein Gleiches bei ihr . Nach der Trauung bewirtete der Inspektor seine Kinder und Marianne . Am Nachmittag fuhren sie alle in zwei bestellten Kutschen auf den Schmausenbuk . Daniel hatte seine Mutter noch nie so heiter gesehen , aber durch keine Bitte war sie zu bewegen , ihren Aufenthalt zu verlängern , und während des Redens darüber wurden zwischen ihr und Lenore vertraute Blicke getauscht . Als der Abend angebrochen war , begaben sich Daniel und Gertrud in ihr Heim . 16 Es ist Nacht geworden . Verlassen liegt der altertümliche Platz . Vom Kirchturm hat es elf Uhr geschlagen , die Lichter in den Fenstern verlöschen eins nach dem andern . Da kommt eine Gestalt von der Laufergasse herauf , späht scheu vor sich , hinter sich und bleibt vor dem schmalen Gebäude stehen , in welchem Daniel und Gertrud wohnen . Ist es ein weibliches Geschöpf , oder nicht vielmehr ein unheimlicher Gnom ? Die Gewänder schlottern nachlässig an dem plumpen Körper , ein verbogener Strohhut überdacht das verwildert aussehende Gesicht ; die Schultern sind emporgezogen , die Fäuste geballt , die Augen wie verglast . Plötzlich erschallt ein Schrei . Die Person eilt gegen die Kirche , stürzt auf die Knie und ihre Zähne beißen in ohnmächtiger Raserei in die Holzstange des Geländers . Erst nach einer geraumen Weile erhebt sie sich wieder , starrt mit verzerrten Lippen noch einmal zu den Fenstern hinauf und entfernt sich schleppenden Schrittes . Es war Philippine Schimmelweis . Sie trieb sich bis zum Morgengrauen in den Gassen herum . Zweiter Teil Daniel und Gertrud 1 Die im Reichstag beschlossene Verlängerung des Sozialistengesetzes , sowie die zu gewärtigende neue Heeresvorlage erregten in vielen Teilen des Landes eine bedrohliche Gärung . Im Oktober wollten die Sozialdemokraten einen allgemeinen Umzug durch die Straßen veranstalten , die Polizei jedoch verbot dies . Am Abend des Verbots standen die Regimenter feldmarschmäßig gerüstet in den Kasernen , und in der Stadt herrschte eine gedrückte Stimmung . In Wöhrd und Plobenhof kam es zu Aufläufen , und in den engen Gassen der inneren Stadt drängten sich Tausende von Arbeitern gegen das Rathaus . Bisweilen erhob sich aus der schweigenden Masse ein langgezogener Pfiff , und von der Hauptwache schallte dumpfer Trommelwirbel herüber . Unter denen , die von der Königsstraße herunterkamen , befand sich der Arbeiter Wachsmuth . In der Nähe des Schimmelweisschen Ladens angelangt , führte er aufreizende Reden gegen das ehemalige Mitglied der Partei , und seine Worte fielen auf fruchtbaren Boden . Ein Schlossergesell , der durch die Prudentia zu Schaden gebracht worden war , stieß wütende Beschimpfungen gegen den Buchhändler aus . Vor dem erleuchteten Auslagefenster staute sich die Menge . Wachsmuth stand an der Tür und schrie , der Verräter müsse heut noch an einem Laternenpfahl baumeln . Ein Stein flog über die Köpfe , die Glasscheibe brach in Scherben , und gleich darauf stürmte ein Dutzend Kerle in den Laden . Wo der Bluthund sei , wo der Aussauger sei , brüllten sie ; haben wollten sie ihn ; einen Denkzettel wollten sie ihm geben . Ehe Therese antworten konnte , schwirrten bereits Fetzen von Büchern und Zeitschriften umher , wurden Broschüren unter schmutzigen Stiefeln zertrampelt ; Arme streckten sich nach den Regalen , aufgestapelte Stöße fielen zusammen . Zwanziger war auf die Leiter gestiegen und heulte ; Therese stand gespensterhaft neben ihrem Kassatisch , und durch die hintere Tür war Philippine eingetreten und blickte , ein tückisches und überraschtes Lächeln auf den Lippen , ohne Schrecken in den Tumult . Da erschallte die Signalpfeife der Polizisten . Mit der Schnelligkeit eines Atemzuges wandten sich die Aufrührer zur Flucht . Als Therese zur Besinnung kam , war der Laden leer ; auch die Gasse draußen war leer wie zur Mitternacht . Nach einer Weile erschienen die Polizeidiener , und später drängten sich Neugierige an der Schwelle und bestaunten den Schauplatz der Verwüstung . Jason Philipp hatte das Unheil kommen gesehen und war rechtzeitig aus dem Laden in die Wohnung geflüchtet . Er hatte sogar die Zimmertüre zugesperrt und war zähneklappernd auf einen Stuhl gesunken . Jetzt kam er wieder herunter und trat den Gerichtspersonen , die sich indessen eingefunden hatten , mit schmerzlicher Würde entgegen . Er sagte : » Das von einem Volk , für welches ich Gut und Blut geopfert habe . « Zwanziger war in seiner Zeugenaussage von prahlerischer Ausführlichkeit . Philippine blickte ihn unter den Simpelfransen , die ihr tief in die Stirn hingen , mit giftiger Verachtung an und murmelte : » Ekelhafter Feigling . « Als Jason Philipp später vom Wirtshaus heim kam , sagte er : » Es ist ein verhängnisvoller Wahn , zu glauben , daß die Menschheit ohne Knute regiert werden kann . « Und er schob die gestickten Pantoffeln ( » dem Müden zum Trost « ) an die Füße . Die Pantoffeln waren bedeutend gealtert und Jason Philipp selbst war gealtert . In seinem Bart schimmerten silberweiße Haare . Therese überrechnete den Schaden , den der Pöbel angerichtet . Sie fühlte , daß es mit Jason Philipps Glück zu Ende ging . Ausgestreckt im Bette liegend , sagte Jason Philipp : » Ich habe demnächst ein ernstes Wörtlein mit dem Baron Auffenberg zu reden . Entweder die freisinnige Partei entschließt sich zu einem energischen Schritt gegen den Übermut der untern Klassen , oder ich bin ihr Mann gewesen . « » Wieviel Maß Vier hast du getrunken ? « fragte Therese aus den Kissen . » Zwei . « » Das ist sicher gelogen . « » Möglich , daß es drei waren , « versetzte Jason Philipp gähnend , » aber deswegen einen Mann wie mich der Lüge zu beschuldigen , das bringt nur eine so ungebildete Frau wie du fertig . « Da blies Therese die Kerze aus . 2 Der Baron Siegmund von Auffenberg war von München zurückgekehrt , wo er eine Konferenz mit dem Minister gehabt hatte . Er hatte außerdem mit vielen andern Leuten gesprochen und sich beständig herablassend , jovial und witzig gezeigt , denn seine Liebenswürdigkeit im Umgang war beinahe sprichwörtlich . Jetzt saß er mit düsterem Gesicht am Kamin , und keiner von denen , die noch vor wenigen Stunden durch seine Plauderkunst entzückt worden waren , hätte ihn so wiedererkannt . Die Stille und Einsamkeit peinigte ihn . Eine Gewalt , der er nicht mehr widerstreben konnte , zog ihn zu seiner Frau . Seit sieben Wochen hatte er sie nicht einmal gesehen , obwohl er in demselben Haus lebte wie sie . Es zog ihn hin , weil er wissen wollte , ob sie eine Nachricht erhalten hatte von ihm , dessen Namen er nicht denken mochte , von dem Sohn , dem Feind , dem Erben . Nicht als ob er hätte fragen wollen ; in ihr Gesicht wollte er schauen und darin lesen . Da niemand in seiner Umgebung von Eberhard zu sprechen wagte , war er auf Vermutungen angewiesen und auf die Feinheit seines Spürsinns . Er durfte die Begierde nicht merken lassen , mit der er darauf lauerte , daß ihm endlich einer den Untergang des Verhaßten ankündigen würde . Sechs Jahre waren verflossen und noch immer vernahm er die freche Stimme , von der er das Ungeheuerliche hatte hören müssen , das ihn aus der Dämmerung seiner Selbstgenügsamkeit und Selbstfreude gerissen hatte ; das Wort , welches keine Seelennot in der Heimlichkeit seines Schlafzimmers ihm entgegengeworfen und das ihm alle Genüsse des Daseins für alle Zeiten verbittert hatte . » Dépêche-toi , mon bon garçon , « schnarrte nebenan der Papagei . Der Baron erhob sich und schritt zu den Gemächern seiner Frau . Die Baronin erschrak , als sie ihn eintreten sah . Sie lag auf einem Polstersessel , das Haupt von Kissen gestützt , über den Beinen eine schwere , indische Decke . Sie hatte ein breites , aufgeschwemmtes Gesicht mit dicken Lippen und außerordentlich großen schwarzen Augen von krankhaftem Glanz . In ihrer Jugend hatte sie für schön gegolten , aber von dieser Schönheit war nichts mehr übrig als eine gewisse Frische der Haut und die würdevolle Haltung der geborenen Weltdame . Sie schickte ihre Zofe hinaus und schaute ihren Gatten schweigend an . Als sie die jesuitisch freundlichen Falten in seinem Gesicht bemerkte , vermittelst welcher er dessen wahres Gepräge verbarg , steigerte sich die Angst in ihrem Blick . » Du hast heute noch gar nicht musiziert , « begann er mit süßer Stimme ; » da ist einem zumut , als fehle dem Haus etwas . Du sollst dich ja sehr vervollkommnet haben , höre ich ; du sollst dir einen neuen künstlerischen Beirat zugelegt haben . Emilie hat es mir erzählt . « Emilie war die an den Rittmeister Graf Urlich verheiratete Tochter des Ehepaars . In den Augen der Freifrau war ein Ausdruck wie bei einem angeketteten Tier , dem man sich mit dem Schlachtbeil nähert . Die schmiegsame Glätte des Mannes , von dem sie seit fünfundzwanzig Jahren nur Brutalität und Hohn hinzunehmen gehabt , und der ihr die schlimmste Erniedrigung nicht erspart hatte , wenn kein Lauscher nah gewesen , war ihr qualvoll . » Was willst du von mir , Siegmund ? « stieß sie zitternd hervor . Der Baron trat dicht vor sie hin , kniff die Lippen zusammen und schaute sie mit einem furchtbaren Blick zehn bis zwölf Sekunden lang fest an . Da packte sie mit ihren beiden Händen seinen linken Arm . » Was ist mit Eberhard ? « schrie sie . » Du weißt etwas von ihm ! Sag mir alles ! « Der Baron schüttelte ihre Hände mit einer Bewegung des Widerwillens ab und wandte sich kalt zum Gehen . » O du , « stammelte die Frau , sinnlos vor Schmerz und zum erstenmal im Leben entschlossen , ihm zu sagen , was in tausend Stunden des Schreckens und der Bedrängnis ihr Herz verbrannt hatte , » du Unmensch , warum denn hat dich das Schicksal auf meinen Weg geführt ! Wo in der Welt ist noch ein Weib , dem ein solches Los beschieden ist ! Die ohne Freude , ohne Liebe , ohne Achtung , ohne Freiheit und ohne Ruhe sich hinschleppt , den Menschen eine Last und sich selber am meisten ! Die in Sammet und Seide geht und sich täglich den Tod wünscht ; die von allen für glücklich gehalten wird , weil der Teufel , der sie martert , alle mit seiner Falschheit betrügt ; die ihrer Kinder beraubt worden ist , schmählich beraubt ; denn ist nicht meine Tochter die Gefangene und Konkubine eines halbwahnsinnigen Strebers , und mein Sohn , ist er mir nicht genommen worden durch die Niedertracht , die man gegen seine Schwester geübt hat und durch das jämmerliche Schauspiel , das ihm meine Schwäche bot ? Wo gibt es , großer Gott , noch ein solches Leben auf der weiten Erde ! « Sie warf sich auf die Brust und wühlte das Gesicht in die Polster . Der Freiherr war überrascht von der fieberhaften Beredsamkeit einer Frau , an deren stumme Geduld er sich so gewöhnt hatte wie an das gleichmäßige Pendeln einer Wanduhr . Er war gespannt , wie sich die ihm neue Erscheinung weiter entwickeln würde , und deshalb blieb er an der Türe stehen . Aber während er kühl und abwartend dastand und sein hageres Gesicht Hohn und Verwunderung ausdrückte , verspürte er plötzlich einen peinigenden Überdruß vor seiner eigenen Person . Es war der Überdruß eines Mannes , dessen Wünsche stets erfüllt , dessen Gelüste stets befriedigt worden waren ; der die Menschen nur als hab- und zwecksüchtige Bittsteller kannte , der der Herr seiner Freunde , der Tyrann seiner Diener , der Mittelpunkt jeder Geselligkeit gewesen war , vor dem alles zurückwich , alles sich beugte , alles nickte , alles gefügig wurde und der nichts entbehrt hatte als das Gefühl der Entbehrung . » Ich verkenne nicht , « fing er langsam zu sprechen an , als hielte er eine Rede vor seinen Wählern , » ich verkenne nicht , daß unsere Ehe keine segensreichen Früchte getragen hat . Es bedarf deiner Deklamationen nicht , um mich davon zu überzeugen . Wir heirateten , weil die Umstände günstig waren . Wir hatten Ursache , den Entschluß zu bereuen . Lohnt es sich , die Ursache zu untersuchen ? Ich bin ein Mensch ohne sentimentale Bedürfnisse . Ich bin es in einem solchen Grad , daß mir bei andern jede Rührung , jeder Überschwang , jede Unhärte eine tödliche Abneigung einflößt . Schlimm genug , daß die politische Laufbahn mich nötigte , in dieser Beziehung dem allgemeinen Hang der Masse entgegenzukommen . Ich heuchelte mit vollem Bewußtsein , um so mehr war ich in meinem Privatleben bemüht , alle Gefühle zu verbergen . « » Es ist leicht , etwas zu verbergen , was man nicht besitzt , « kam es bitter von den Lippen der Freifrau . » Möglich ; es zeugt aber von wenig Takt , wenn der Reiche den Armen durch Verschwendung beständig aufreizt . Und das hast du getan . Du hast auf einen Besitz , über dessen Wert ich nicht streiten will , einen Nachdruck gelegt , der meine Verachtung herausforderte . Es war dir ein Vergnügen , zu weinen , wenn ein Sperling von einer Katze gefressen wurde . Ein ordinärer Zeitungsroman konnte dein geistiges Gleichgewicht zerstören . Du warst immer aufgelöst , immer in Ekstase , gleichviel , ob es sich um das erste Veilchen , um ein Gewitter , um einen verdorbenen Braten , um eine Halsentzündung oder um ein Gedicht handelte . Du hattest immer große Worte im Mund , und ich war der großen Worte müde . Du merktest nicht , wie mein Mißtrauen gegen alle Äußerungen dieser sogenannten Gefühle in Kälte , in Ungeduld und in Haß überging . Dann kam die Musik . Was dir anfangs eine Zerstreuung gewesen war , die man billigen konnte oder nicht , wurde allmählich die Entschädigung für ein tätiges Leben und für alle Mängel deines Charakters . Du hast dich der Musik hingegeben wie eine Dirne , die den ersten anständigen Liebhaber findet , « - die Freifrau zuckte , als hätte ein Peitschenhieb ihren Rücken getroffen , - » ja , wie eine Dirne , wie eine Dirne , « wiederholte er bleich , mit funkelnden Augen ; » da zeigte sich deine ganze Verwahrlosung und Haltlosigkeit , dein wurmhaftes Kleben an unbestimmten Zuständen und deine Unfähigkeit zur Disziplin . Bin ich ein Teufel für dich geworden , so hat mich deine Musik dazu gemacht ; nur deine Musik . Jetzt weißt du es . « » Das also , « flüsterte die Freifrau mit stockendem Atem . » Hast du mir denn etwas anderes übrig gelassenes die Musik ? Hast du nicht wie ein Tiger in meinem Leben gehaust ? Aber es ist ja nicht wahr , « schrie sie auf , » so schlecht bist du nicht , sonst würde ich selbst zur Lüge vor dem ewigen Richter , und daß ich Kinder von dir empfangen habe , wäre wider die Natur . Geh hinaus , damit ich noch glauben kann , es ist nicht wahr . « Der Baron rührte sich nicht . In namenloser Erregung und so schnell als es ihr verfetteter Körper erlaubte , richtete sich die Freifrau empor . » Ich kenne dich besser , « sagte sie mit bebenden Lippen ; » ich ahne , was dich umhertreibt , ich spüre , was dich nicht ruhen läßt . Du bist nicht der , der du zu sein vorgibst , du bist nicht der kalte Unempfindliche . In deiner Brust ist eine Stelle , wo du zu treffen gewesen bist , und dort bist du getroffen worden . Dort blutest du , Mann ! Und wenn wir alle , ich und deine Tochter und deine Brüder und deine Freunde und deine feigen Kreaturen , wenn wir dir auch so gleichgültig und so lästig wie Fliegen sind , einer hat dich verwunden können und das nagt an dir . Und weißt du , warum er dich verwunden konnte ? Weil du ihn geliebt hast . Sieh mich an und leugne . Du hast ihn geliebt , deinen Sohn , du hast ihn vergöttert , und daß er deine Liebe fortgeworfen hat , daß sie ihm nichts wert war , diese Liebe , die auf den zertrümmerten Existenzen seiner Mutter und seiner Schwester blühte , das ist das Leiden , das an deine Stirn geschrieben ist . Und daß du leidest , daran leidest , das ist meine Rache . « Der Baron antwortete mit keiner Silbe , mit keinem Blick . Sein Unterkiefer schob sich leer kauend von links nach rechts ; das Gesicht schien einzutrocknen und plötzlich um Jahre älter zu werden . Die aus ihren Hinterhalten gescheuchte Frau stand noch immer wie eine entflammte Sibylle da , als er sich schweigend umdrehte und das Zimmer verließ . » Es ist ihre Rache , daß ich leide , « murmelte er draußen wie geistesabwesend vor sich hin . » Leide ich wirklich ? « fragte er sich . Er schraubte eine Gasflamme ab , die über einer Konsole brannte . Ja , ich leide , bekannte er widerwillig , ich leide . Mit schlürfenden Schritten ging er an der Wand entlang und kam in einen Raum , in welchem es hell war . Denselben Überdruß , den ihm vorhin seine Person eingeflößt , empfand er nun beim Anblick der geschnitzten Sessel , der bemalten Porzellane , der kostbaren Tapeten und der goldgerahmten Ölgemälde . Er trug Verlangen nach einfacheren Dingen . Ihn verlangte nach kahlen Mauern , nach einem Strohlager , nach trockenem Brot , nach Kargheit und Strenge . Es war nicht zum erstenmal , daß sein erschöpfter Organismus in dem Gedanken einer klösterlichen Abgeschiedenheit Trost suchte . Längst war dieser Protestant , Nachkomme eines uralten Geschlechts von Protestanten , des protestantischen Wesens müde und betrachtete die römische Kirche als die heilsamere und begnadetere . Aber der Wandel der Gesinnung war sein sorgfältig behütetes Geheimnis und mußte Geheimnis bleiben , bis er , der Zuchtlose , der Sohn seiner Mutter , den begangenen Frevel gesühnt haben würde . Darauf zu harren , war sein Entschluß , und wie ein Hypnotiseur durch innere Sammlung das Medium unterwirft , wähnte er , den Eintritt dieses Ereignisses beschleunigen zu können , wenn er ihm eine ausschließliche Herrschaft über seinen Geist einräumte . 3 Als Eberhard von Auffenberg das elterliche Haus verlassen hatte , um sich auf eigene Füße zu stellen , war er hilflos wie ein Kind , das in einer Menschenmenge die Hand des erwachsenen Führers verliert . Er fragte sich : was soll ich tun ? Er hatte niemals gearbeitet . Er hatte an einigen Universitäten studiert , wie so viele andre junge Leute studieren , d.h. er hatte mit Müh und Not eine Anzahl von Prüfungen bestanden . Das Leben hatte ihm keine Aufgaben gegeben und er besaß so wenig Ehrgeiz , daß er jeden Ehrgeizigen für einen Verrückten hielt . Die geringste praktische Leistung bot ihm unüberwindliche Schwierigkeiten , und es war ihm in seiner Freiheit traurig zumute . Leute zu finden , die ihm auf seinen Namen Geld geborgt hätten , wäre nicht schwer gewesen . Aber er wollte nicht Schulden machen , von denen sein Vater hätte Kunde erhalten können , da wäre ja die ganze feierliche Lösung eines unwürdigen Verhältnisses Spiel und Phrase geworden . Mit seinem künftigen Erbteil durfte er rechnen ; und er rechnete damit , wenn auch in diese Rechnung der Tod des Vaters eingeschlossen werden mußte . Er brauchte einen vertrauenswürdigen Helfer und glaubte ihn in Herrn Carovius gefunden zu haben . » Zwei Leute wie Sie und ich werden sich nicht auf unnötige Formalitäten versteifen , « sagte Herr Carovius . » Mir genügt Ihr Gesicht und Ihre Unterschrift auf einem Stück Papier . Zehn Prozent bringen wir gleich in Abzug , damit meine Auslagen gedeckt sind , das Geld ist heutzutage teuer . Ich gebe Ihnen Rentenpapiere ; das Rentenpapier steht fünfundachtzig im Kurs , leider . Die Börse ist ein bißchen krank , aber der kleine Verlust spielt ja bei Ihnen keine Rolle . « Für zehntausend Mark , die er schuldete , empfing Eberhard siebentausendsechshundertfünfzig an Barwert . Nach weniger als einem Jahr war er abermals ohne Geld und verlangte von Herrn Carovius zwanzigtausend Mark . Herr Carovius sagte , er habe eine so große Summe nicht flüssig und müsse erst einen Geldgeber suchen . Eberhard erwiderte grämlich , er möge das nach seinem Gutdünken halten , nur bitte er sich aus , daß vor einem Dritten sein Name nicht genannt werde . Ein paar Tage später berichtete Herr Carovius von haarspalterischen Verhandlungen , von unbescheidenen Provisionen , die von einer Mittelsperson begehrt würden und von Wechseln , die ausgestellt werden müßten . Er schwor , daß ihm das Talent zu dergleichen Verrichtungen fehle , die er nur übernommen habe , weil er sich von einer fast närrisch zu heißenden Affektion für seinen jungen Freund erfaßt fühle . Eberhard blieb ungerührt . Der aalhaft bewegliche Mann mit der piepsenden Stimme gefiel ihm nicht , ach , ganz und gar nicht , eher fing er an , ihn zu fürchten , und diese Furcht stieg im selben Maß , in dem er sich im Netz verstrickte . Die zwanzigtausend Mark wurden gegen einen Zinsfuß von fünfunddreißig Prozent beschafft . Die Wechsel zu unterschreiben weigerte sich Eberhard anfangs ; erst als Herr Carovius beteuerte , sie seien nicht für den Umlauf bestimmt , man könne sie später mit neuen Darlehen ohne Mühe einlösen und sie lägen in seinem Kassaschrank so ruhig wie die Gebeine der Auffenbergschen Ahnen in ihren Sarkophagen , gab der von solchem Wortschwall Ermüdete nach . Mit jedem Federzug , den er tat , spürte er die Gefahr wachsen . Aber er war zu träg , um sich zu schützen , er war zu vornehm , um sich in kleinliche Erörterungen einzulassen , und er war nicht imstande , sich Einschränkungen aufzuerlegen . Die unterschriebenen Wechsel wurden mahnend vorgezeigt ; neue Darlehen beseitigten sie . Die neuen Darlehen erzeugten neue Wechsel ; diese wurden prolongiert . Die Prolongation verursachte Kosten ; ein unheimlicher Namenlos wurde ins Vertrauen gezogen , der Hypotheken aufnahm , Diamanten an Geldesstatt gab und minderwertige Börsenpapiere verkaufte . Als die Schuldenlast eine gewisse Höhe erreicht hatte , forderte Herr Carovius , daß der junge Freiherr sein Leben versichern lasse . Eberhard mußte willfahren ; die Prämie war sehr hoch . Nach Verlauf von drei