sie halten können ? Ich werde nicht aufhören , ihr Freund zu sein und immer wünschen , « fügte er mit einem leisen Seufzer hinzu , » daß sie meiner Freundschaft nicht bedürfen wird . « Als Konrad die offizielle Anzeige der Verlobung erhalten hatte , besuchte er Frau Rubner aus bloßer Höflichkeit . Wie konnte diese Frau ihm jemals interessant , ja bedeutend erschienen sein , für die eine triviale Ehe mit einem Durchschnittsmenschen die Lösung ihrer inneren Konflikte , die Erfüllung ihrer Sehnsüchte bedeutete ? ! Ihr Anblick jedoch überraschte und fesselte ihn aufs neue . Das Gesicht hatte einen ganz weichen , fast demütig kindlichen Ausdruck angenommen , und aus ihren einst so kühlen , klugen Augen leuchtete nichts als reines Glück . » Man wird fromm , wenn man liebt , « sagte Frau Sara , nachdem sie die ersten konventionellen Redensarten gewechselt hatten , » fromm wie die Kinder , denen ihr Heiland das Himmelreich verheißt . Man glaubt alles , hofft und duldet alles . Selbst das Schwerste : daß ich meinen besten Freund so tief verwunden mußte . « Ein fragender Blick traf ihn dabei . » Warburg leidet sehr - gewiß , « entgegnete Konrad , » aber er gehört nicht zu den Menschen , die an getäuschter Neigung zugrunde gehen . « » Nein , « bestätigte sie mit tiefernstem Gesicht . » Starke Menschen gehen nur zugrunde , wenn sie sich selbst in ihrer Liebe täuschten , nicht wenn sie getäuscht worden sind . Ich weiß das , denn wir sind von gleicher Art , darum hätte ich auch nie seine Frau werden können , ebenso wie ein normales Weib nicht ihres Bruders Gattin werden kann . « Vor dem Abschied erzählte sie ihm noch , daß sie bald heiraten und im eigenen Auto die Hochzeitsreise machen würden . » Heute ist er bei seinen Eltern , « fügte sie lächelnd hinzu , » alten , einfachen Pfarrersleuten , um sie für unsere Verbindung günstig zu stimmen . Und übermorgen , wenn er heimkehrt , wird er sein neues Flugzeug zum ersten Male steuern . Wie froh wird er sein ! « Und sie klatschte in die Hände vor Freuden wie ein seliges Kind . Konrad ging langsam , von Schwermut beladen , von der glücklichen Frau . » Starke Menschen gehen nur zugrunde , wenn sie sich selbst in ihrer Liebe täuschten , « klang es ihm wieder und wieder in den Ohren , wie eine Melodie , die man nicht los wird . Und der Freund und Frau Sara waren vergessen . Es stand für ihn fest : Um das Weib , von dem er nicht lassen konnte , zu ringen , wenn es sein mußte , auch gegen sie selbst . Noch war sie ja sein - sein . Er durfte , er wollte nicht zweifeln . An dieser Gewißheit hing der Rest seiner persönlichen Würde . Gerade heute , das wußte er , gab sie ein Fest . Ihren Bitten gegenüber , daran teilzunehmen - die übrigens nicht allzu dringende gewesen waren , dachte er bitter - , war er , wie schon häufig , standhaft geblieben . Er hielt es nicht mehr aus , nur einer unter vielen zu sein , - einer am Wagen Frau Berolinas ! Aber wenn er jetzt in die Bar ging , dann würde er wohl - so nebenbei - von einigen ihrer Gäste hören können , wie sie ausgesehen hatte , wer wohl heute der Begünstigte gewesen war . Das Blut stieg ihm in die Schläfen : wie ekelhaft das war , wie unwürdig , die anderen auszuhorchen , wo es die Geliebte galt ! Nein - so ging ' s nicht mehr weiter . Ihm grauste vor sich selbst . Morgen würde er vor sie hintreten mit der einzigen Forderung , die allen Schmutz , unter dem er erstickte , abzuwaschen imstande wäre : Scheidung - In der Bar » Aux trois Grâces « spielten rotbefrackte Zigeuner . Die Geigen schluchzten , - ein hämmernder Ton fiel ein - aufpeitschend - Leonie lief Konrad entgegen . » Bist du auch betrunken wie die andern ? « Und ihr Blick forschte in seinem glühenden Antlitz . » Nein , « sagte er laut ; ihm war plötzlich , als würde er sich seiner überschäumenden Kraft wieder bewußt wie einst , da er Frau Berolina zuerst umarmt hatte . » Schau nur den Kerl , den Eulenburg , « flüsterte Leonie , » er wird sie umbringen . « » Eulenburg ? ! « Konrads Gesicht verfinsterte sich . Ihm gegenüber saß er und hielt die kranke Lia auf dem Schoß , ihr ein großes Glas Sekt in den offenen Mund schüttend . » Du , Konrad - « gröhlte er , » stell dir vor : für jeden Kuß verlangt dieser Fratz ein blankes Goldstück . Merk dir ' s , mein Junge , und tausch ' beizeiten deinen rosenroten Idealismus gegen ein Stück handfesten Erfolges ein . « Er setzte die Flasche an den Mund und trank in vollen Zügen . » Übrigens , Kinder , wozu der nicht alles gut ist ! Die schönsten Beine und die schmachtendsten Augen erreichen nicht , was er erreicht ! Nicht bloß so ' ne kleine Nachteule geht ihm auf den Leim - « Er schnalzte mit der Zunge und rülpste . Die anderen drängten sich um ihn . » Raus mit der Sprache , Gevatter , « schrien sie durcheinander . » Warum so zimperlich ! « - » Früh um viere ist keine Zote zotig genug - « Konrad war weiß geworden , er wußte selbst nicht warum . Leonie ließ ihn nicht aus den Augen . Eulenburg schüttelte sich vor Lachen , einen violetten Briefbogen , von großen , steilen Schriftzügen bedeckt , in der erhobenen Hand haltend . » Wißt ihr , was das ist , ihr Affen ? Ne ! - « Konrad war aufgesprungen , sich mit beiden Händen zitternd auf den Tisch stützend . Eulenburg lallte , so daß nur die allernächsten ihn noch verstanden : » Zwischen Knackmandeln und - und Kaffee - hab ' ich heut - heut - die - die schönste Frau von Berlin - « Mit einem raschen Griff entriß ihm Konrad den Zettel : » Mein Dichter ... Deine Renetta ... « er brüllte auf wie ein zu Tode Getroffener , und stürzte sich auf den Rivalen . Eulenburg starrte ihn an , verständnislos , mit gläsernen Augen , - sah zwei Fäuste - duckte sich heulend - Mit einer Kraft , die niemand dem Mädchen zugetraut hätte , riß Leonie den Wütenden auf den Stuhl zurück . » Haltung ! « zischte sie dicht an seinem Ohr , » um so ein Weibsstück Mord und Totschlag ? ! « Und zu den andern sagte sie laut : » Ihr seid alle miteinander besoffen ! Schert euch nach Hause ! « Sie senkten wie geschlagene Hunde die Köpfe . Langsam , als wäre nichts geschehen , versuchte Konrad sich eine Zigarette anzuzünden , doch seine Finger zitterten zu sehr . Da hielt ihm Leonie das brennende Streichholz hin . Die Zigarette glühte auf ; gleich darauf zerfiel ein Stück violetten Papiers in Asche . » Aus , « sagte Konrad mit fester Stimme , und , zu Leonie gewandt : » Was meinst du , wenn wir morgen , beide zusammen , Frau Berolina und der dummen Liebe den Rücken kehrten ? « Sechstes Kapitel Vom Suchen nach der neuen Religion Eine feuerrote Scheibe , glühte die Sonne durch silbergraue Nebelschleier . In der Ferne grollte der Donner . » Wer einmal wieder in sich selbst Donner und Blitz erleben könnte ! « murmelte Konrad vor sich hin . Er lag auf dem Rasen über den Nymphenburger Terrassen und sah den kunstvoll gebändigten Wasserspielen zu . Leonie saß neben ihm , lange grüne Grashalme durch die Zähne ziehend . » Armes Mädel ! « sagte er dann laut , nachdem er sie eine Weile betrachtet hatte , » du hast dir unsere Vergnügungsreise auch anders vorgestellt ! - Willst du heim ? Oder willst du irgendwo vor dem internationalen Gesindel , das in dieser Stadt zusammenströmt , deine Künste produzieren und eine bessere Gesellschaft finden , als ich es bin ? - So rede doch endlich ! - Weiß Gott , ich nehm ' s dir nicht übel , wenn es dir längst schon leid tut , bei mir die barmherzige Schwester zu spielen ! Könnte ich ' s , ich liefe mir selbst davon . « In ihrem Gesicht kämpfte es ; sie kniff die Augen krampfhaft zu , um die aufsteigenden Tränen zu verbergen . » Du möchtest mich nur los sein , was ? « entgegnete sie , ihren Kummer mit grober Rede verkleidend , » um dann ungestört , wie gestern , im Morgengrauen an den greulichen schmutzigen Fluß zu schleichen , wo sie die Selbstmörder fischen . - Puh ! « Zwei dicke Tränen , denen sie nicht mehr wehren konnte , rollten über ihre Wangen . » Aber Leonie ! « rief er und griff nach ihrer Hand , die er leise streichelte ; » wer wird denn weinen ! Um so einen wie mich noch dazu , der all deine Aufopferung gar nicht verdient . « Jetzt lachte sie , ein helles , klingendes Lachen , so daß ein paar Soldaten , die vorübergingen , lustig einstimmten . » Du hast recht , vollkommen recht . Verdienen tust ' s nicht , daß ich in Sack und Asche neben dir herlaufe und deine Schritte bewache wie eine zimperliche Großmama das Enkelchen . Jung , gesund , reich und so ' n Jammerlappen ! - « Er wollte antworten , aber sie hielt ihm , noch immer lachend , den Mund zu . » Nun hör ' schon zu Ende , du weißt , wenn ich mal im Schwatzen bin , dauert es seine Zeit . Also : gerad ' weil du ' s nicht verdienst , freut ' s mich so , dir was sein zu können ! « » Bist eine gute Seele , Leonie , « meinte er mit einem Anflug aufrichtiger Rührung in der Stimme . » Hat sich was : gut ! « sagte sie ärgerlich . » Gute Menschen sind immer gräßlich ; sie protzen mit ihrem Gutsein , indem sie durch ihre Leidensmiene zeigen , wie schwer es ihnen fällt . Nein : ich bin nicht gut , gar nicht ! Mal nützlich zu sein - freiwillig - kein Possenreißer oder Vergnügungsobjekt gegen bare Bezahlung - ein Hochgenuß ist ' s für unsereinen ! Wie ich in Stellung war , - ja , guck mich nur an : keine fünf Jahr ist ' s her , da wohnte ich noch in herrschaftlichen Dienstbotenlöchern und putzte die Stiefel vom Herrn und ließ mich von der Gnädigen kujonieren , - hielt ich ' s nur aus , wenn ein paar kleine Würmer da waren , denen ich hinter dem Rücken der grämlichen Mademoiselle etwas zustecken konnte , oder ein verliebter Backfisch , dem ich die Liebesbriefe besorgte . Dafür bezahlte mich keiner , das erinnerte mich daran , daß ich nebenbei auch noch ein Mensch geblieben war . « In diesem Augenblick flog ein Ball , von ein paar rotbäckigen Buben geschleudert , in Leoniens Schoß ; verlegen , mit verlangenden Augen blieben sie vor ihr stehen . Neckend deutete sie an , ihn konfiszieren zu wollen , als einer von ihnen sich auf sie stürzte , um ihn ihr zu entreißen . Sie sprang empor , ein regelrechtes Ringen entstand , das schließlich zu wildem Spiele wurde ; sie entwickelte dabei ausgelassene , ursprüngliche Heiterkeit und konnte sich schließlich der zudringlichen kleinen Bande nicht anders erwehren , als indem sie sich atemlos dicht neben Konrad ins Gras warf , bei ihm Schutz suchend . » Eigentlich bist du ein Stiesel , daß du nicht mitspielst , « meinte sie . » Und du ein rechtes Kind , « sagte er . » Weil ich nie eins habe sein können , wahrscheinlich , « entgegnete sie mit plötzlich verfinsterten Zügen . Er sah sie teilnahmsvoll an . » Ach so ! « fuhr sie , die Lippen spöttisch schürzend , fort , » du denkst , weil ich so schon beim Beichten war , kann ' s nun weiter gehen . Aber lassen wir ' s lieber . Er gibt Mädchen , die in Schauergeschichten schwelgen . Ich nicht . « Sie erhob sich , ein paarmal tief Atem holend : » Es war scheußlich - einfach scheußlich ! « » Und jetzt ist es besser ? « frug er , sich gleichfalls erhebend . » Besser ? « wiederholte sie . » Dumme Frage ! Man merkt ' s : der Herr Baron ist niemals Dienstbote gewesen . Ich wundere mich , daß es überhaupt noch welche gibt ! Wegen dem bißchen sogenannter Anständigkeit , meinst du wohl ? ! Wobei man verhutzelt und verkommt und sich in den Bettelmantel des Tugendstolzes als des einzigen Lohns für eine zerquälte Jugend hüllen kann ! « Er hörte ihr zu , ohne daß sein Interesse ein allzu lebhaftes gewesen wäre . Seine Gedanken waren , seit seiner fluchtartigen Abreise von Berlin wie ein versprengter Bienenschwarm , der , seiner Königin beraubt , zweck- und ziellos , hin und her summt . Es klang daher kühl und abwesend , wenn er , das Gespräch fortsetzend , sagte : » Aber vielleicht tauschest du , um die Schrecknisse der Vergangenheit los zu werden , Schrecknisse der Zukunft ein ? « Sie betrachtete ihn sekundenlang prüfend von der Seite , während ein leichter Schatten sich über ihre Züge legte . Dann zog sie seinen Arm durch den ihren und erwiderte , kräftig ausschreitend : » Kuponschneidende Philister meinen , daß armen Proleten , die jahrzehntelang in unentwegter Tugendhaftigkeit Invalidenmarken kleben , das trockene Brot , für das sie sie bestenfalls einmal eintauschen , wie Himmelsmanna schmecken wird . Ich versichere dich aber , daß , wer schon mit dem Glauben an die ewige Seligkeit aufgeräumt hat , sich mit solch irdischer Zukunftshoffnung sicher nicht beruhigen läßt . Für uns gibt ' s nur eins : den Luxus der Zukunftspläne und Sorgen euch zu überlassen . Seitdem ich bei dir bin , kommt er mir nicht einmal beneidenswert vor . Du spielst nie mit , wenn ' s gerade lustig ist , wie vorhin - « » Und beneide dich hinterher , « meinte er trübsinnig . Sie gingen unter alten rauschenden Buchen , an einem Bach entlang , der ganz leise floß , als fürchte er sich , den Abendfrieden zu stören . Mit dem sinkenden Tag mehrten sich die Wandernden ; ärmliche Leute meist , die , als wäre es ein Geschenk von heute , mit fröhlichen Gesichtern von dem alten verträumten Garten Besitz ergriffen . Leonie lächelte wie sie . » Die Zukunft der Armen ist immer nur der nächste Tag , « sagte sie unvermittelt . Ihr elastischer Gang - als führe er einer großen Freude entgegen - , ihr erhobener Kopf betonten noch die strahlende Zuversicht , mit der sie sprach . Seine Hand ruhte plötzlich fester auf ihrem Arm , während ein Gefühl der Beschämung ihn beschlich . Wie hatte sie doch vorhin gesagt : » Jung , gesund , reich und so ein Jammerlappen . « An seinem Ohr war es vorbeigeklungen . Jetzt , nachträglich , traf es ihn . » Was ist denn dein nächster Tag ? « frug er . » Dir helfen , fröhlich zu werden , « antwortete sie , ohne eine Spur von Sentimentalität . Ihm wurde warm ums Herz , und die Empfindung , daß wieder ein Stück seiner Seelenzwangsjacke von ihm fiel , ließ seinen Schritt sich federnd dem ihren anpassen . Durch alte Laubengänge kamen sie jetzt über breite , in üppiger Raumverschwendung , als gelte es , cäsarischen Prunkaufzügen Platz zu schaffen , sich dehnende Terrassen . Liebespaare , in jener naiven Lebensfreude aneinandergeschmiegt , die nichts von Schamlosigkeit an sich hat , kamen vorüber . Aus üppigem Buschwerk , das die Schere des Gärtners längst nicht mehr zu starren Formen bändigte , lugten lächelnd Dianen und Amoretten auf ein Volk , das von ihnen nichts mehr wußte ; und stille , von grauem Sandstein gefaßte Wasserflächen , in denen sich einst gepuderte Köpfchen eitel spiegelten , warfen neckend die bunten Kattunröckchen kleiner Vorstadtmädchen zurück . Der Himmel war jetzt wolkenlos ; von einem matten Blau , das fern am Horizont , wo der Park sich in die Felder verlor , in zartes Rosa überging . Nichts Grelles , nichts Schreiendes war in diesem Bilde , selbst unten der kleine See mit den feierlich und lautlos schwimmenden Schwänen hatte nichts Leuchtendes , nur einen Ton wie von altem Silber , und das kleine , zart geschwungene Rokokoschlößchen mit den geschlossenen Fenstern , hinter denen verborgene Geheimnisse träumen mußten , lugte wie der verirrte Geist alter Zeiten zwischen den Stämmen hervor : halb ängstlich , weil die Welt so anders war wie einst , halb glücklich , weil er heimgefunden hatte . Und hinter ihm drängte sich ' s in üppigem Blättergerank , und über ihm wölbten die Äste sich zärtlich schirmend zum Dach . Und nun bog der Weg wieder ins Helle , und vom freien Platze aus überflog das Auge noch einmal die grüne Pracht vom saftigen Rasen über die Hecken bis zu den hohen Bäumen hinüber . Grün ! War die Sprache so arm , daß sie für die vielfachen Farben des Frühlings nur ein einziges kleines Wort besaß ? Silberne und goldene , schwarze , blaue und rote Töne strahlten von den Buchen und Eichen , den Tannen , Eschen und Ahornen , - es war wie ein Konzert in Farben , wie eine Mozartsche Melodie . Konrad schwieg , erfüllt von jener Schönheit , die zwar alle unbewußt empfinden , die aber nur wenigen zu schauen vergönnt ist , wie etwa die Vornehmheit eines Menschen allen wohltut , die sich ihm nähern , aber nur einzelne , nur gleiche sie zu erkennen vermögen . Leonie sah ihn von der Seite an , verwundert , fast furchtsam . Sie fühlte immer , wenn er weit fort war von ihr , und lernte rasch , daß jedes Wort aus ihrem Munde ihn dann verletzte . Er bemerkte , wie sie zögernd hinter ihm zurückblieb , wie sie bemüht war , sich völlig auszulöschen , nur um sein Fühlen und Schauen , dem sie nicht zu folgen vermochte , nicht zu stören . Arme Leonie ! dachte er . War sie nicht viel , viel ärmer als er ? Waren es nicht dieselben , durch eine lange Ahnenreihe von Herren immer mehr verfeinerten Fühlfäden der Seele , die ihn zu einem überschwenglich Genießenden machten wie zu einem so tief zu Verletzenden ? Sie fuhren im Wagen zurück , denn er war ganz plötzlich sehr müde geworden . Leonie saß neben ihm ; ihre Hände ruhten lässig , handschuhlos , auf ihrem Schoße . Sie waren groß und kräftig wie die antiker Göttinnen , dabei sehr weiß . Es frappierte ihn , daß sie - nackt waren . Er betrachtete die seinen : schlanke , nervöse Hände mit sehr langen spitzen Fingern , - Hände , die , wenn er blind gewesen wäre , Schönheit tastend hätten empfinden können , aber keine Hände zum Zupacken oder Waffenführen . Er seufzte verstohlen - selbst ein teilnehmender Blick seiner Nachbarin , der immer gleich von einem Helfenwollen sprach , wäre ihm verletzend gewesen . Aber nun verstand er auch , warum die Weiße ihrer starken Hand ihm fast schamlos erschien . » Du hast schöne Hände , Leonie , aber sie sollten braun sein , « wollte er sagen , als sie plötzlich wie erschrocken aus ihrem langen Stummsein auffuhr . » Herr Gott , « rief sie , » da fällt mir ja ein , daß ich eine alte Bekannte besuchen könnte ! So ist das Wühlen in der Vergangenheit , zu dem deine Fragen und mehr noch deine Schweigsamkeit mich wider Willen veranlaßt haben , doch zu irgendwas gut gewesen ! « Und sie suchte eifrig in einem Notizbuch , das sie in ihrem Täschchen bei sich trug , bis sie eine schmale Karte fand und ihm hinüberreichte . » Frau Sabine Brandis , « las er , » wer ist das ? « » Das entzückendste Geschöpf , das du dir denken kannst , « antwortete sie enthusiastisch . » Sie gab in Berlin französische Stunden - um für das Universitätsstudium Geld zu verdienen , wie sie mir erzählte - und kam auch zu meiner Gnädigen . Das war , als meine heimliche Tanzerei im Lunaballhaus von dem jungen Herrn , einem ekelhaften Bengel , den ich auf seine Frechheiten hin mal gehörig heimgegeigt hatte , entdeckt worden war , und man mich einfach hinauswarf . Sie half mir damals . Zur Mutter traute ich mich nicht . Volle vier Wochen lang teilte sie ihre mageren Mahlzeiten mit mir und gab mir überdies alles , was ich an Bildung habe ; - auch das bißchen Französisch , über das du dich immer mokierst . « » Das ist aber doch Jahre her , « meinte Konrad , » kennst du denn ihre Adresse ? « » Damals wohnte sie - « , Leonie stockte und suchte wieder in ihrem Notizbuch . » Frühlingsstraße - ich hab ' s ! Vielleicht weiß man dort noch was von ihr . « Am selben Abend - sie war in ihrem Eifer nicht zurückzuhalten - begleitete er sie in den fernen Stadtteil . » Frau Sabine Brandis , « sagte der dicke Grünkramhändler , der vor der Türe saß ; » ei freilich , die wohnt hier , lange schon . Fünf Treppen hoch , links . « Konrad ließ Leonie allein und versprach , sie in einem kleinen Biergarten an der Reichenbachbrücke zu erwarten . Schon brannten die Laternen matt im Dämmerlicht , als er sich an einen der Tische setzte , die in dem winzigen Gärtchen standen . Die übrigen Gäste - sein Tisch war der letzte freie gewesen - genossen lebhaft schwatzend den milden Abend ; Handwerker , Arbeiter , kleine Beamte mochten es sein , nach den Gesprächsfragmenten zu urteilen , die er auffing . Von ihren persönlichen Freuden und Leiden sprachen sie , vom Streik der Bauarbeiter , von den internen Angelegenheiten des Stadtviertels , - der Zukunft von morgen , über die ihr Hoffen und Fürchten nicht hinausging . Kirchturmpolitik , dachte er , aber ohne jene spöttische Selbstüberhebung des gebildeten Europäers , die von der Höhe seines Standpunktes zeugen soll und dabei allzu oft nur seine Leere verrät . Die Zeit verrann . Er sah nach der Uhr . Wo nur Leonie blieb ? Sollte sie einen falschen Weg gegangen sein ? Er fing an , sich zu sorgen ; dabei sezierte er sein Gefühl ; es hätte kein anderes sein können , wenn sie ein Kind oder ein Freund gewesen wäre . Die Laternen glänzten durch den grauen Abend , kühl und fremd . Feuchtwarme Luft stieg von der Isar empor , die ihre gelben Fluten langsam vorüberwälzte . Warum sitze ich eigentlich hier ? dachte er ; um auf ein Mädchen zu warten , das ich nicht liebe , um die Freunde in Berlin glauben zu machen , daß ich mich amüsiere und Renetta Veits Untreue mich gleichgültig läßt ? Sie läßt mich ja auch wirklich gleichgültig , - mehr als das : leer - leer . Wie er den Bengel am Nebentisch beneidete , der leuchtenden Auges davon erzählte , daß der Kampf um Lohnerhöhung in seiner Fabrik von morgen ab seine Wocheneinnahme um eine ganze Mark erhöht habe , oder gar das zierliche Mädchen , die eben vorbeiging und ihrer Freundin die neue Bluse beschrieb , in der sie morgen - morgen ! - den Geliebten entzücken würde . » Auf Wiedersehen morgen ! « hörte er eine Stimme voll weichen Wohlklangs neben sich . Und dieses » Morgen « durchleuchtete ihn plötzlich mit dem Glanz aufgehender Sonne : daß er leer war , bedeutete zugleich frei sein . Und offen für neue Fülle ! Waren das nicht einmal Elsens Worte gewesen ? » Du bist nicht böse , ich seh ' s , « sagte Leonie , sich zu ihm beugend . » Auch nicht , daß ich von dir erzählte , nicht wahr ? Sie erwartet uns beide - morgen . « Man mußte steile fünf Treppen steigen , um zu Sabine Brandis zu kommen , und durch einen dunklen , engen Flur , an einer winzigen Puppenküche vorübergehen bis in das Zimmer , dessen ganze Außenwand ein breites Fenster war . Hielten sich drei Menschen darin auf wie zu jener Nachmittagsstunde , da Konrad und Leonie bei ihr waren , schien es voll zu sein , denn es standen viele gefüllte Bücherregale und mit Heften und Manuskripten beladene Tische umher . » Manchmal sind wir unserer zwanzig und merken im Eifer des Gesprächs die Enge kaum , « sagte lächelnd die kleine zarte Frau , während sie ihren Gästen den Tee einschenkte und ein Plätzchen frei machte , um die Tassen hinzustellen . » Es ist schade , daß Sie nur zum Vergnügen hier sind , « fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu , » trotz allen schlechten Rufs , den man uns macht , läßt es sich für den , der arbeiten will , nirgends so gut leben wie hier . Von den Fremden und dem Jahrmarktstreiben , das veranstaltet wird , um die Hotels zu füllen , sind wir durch Wälle und Mauern geschieden . Das Leben nach außen zerfetzt uns hier nicht wie in Berlin , darum vermögen wir um so intensiver nach innen zu leben . « Konrad fühlte die Verpflichtung , sich vor dem klugen durchdringenden Blick dieser Frau von dem Odium der bloßen Vergnügungsreise rein zu waschen . » Sie taxieren uns doch zu gering , « sagte er , » ich kam ohne Vorsatz , also auch nicht mit dem des Vergnügens , eigentlich nur aus dem instinktiven Gefühl heraus , mit der Flucht aus der alten Umgebung mir selbst zu entfliehen ; und Leonie gar begleitete mich unter Verzicht auf alles Amüsement als eine Art seelischer Krankenwärterin . « Leonie wehrte scheinbar ärgerlich und doch vor Freude errötend das Lob Konrads ab : » Du willst immer oben hinaus , auch für andere . Als ob es nicht für ein Mädel wie mich , die nie aus Berlin heraus kam , Vergnügen genug wäre , überhaupt hier zu sein . « » Sie hat recht , ganz recht , « meinte Sabine , ihr zunickend , » und ich würde es lieber hören , Sie , Herr von Hochseß , kämen aus ganz brutaler Vergnügungssucht hierher , die jedenfalls eine Lebensbejahung ist , als aus dieser lebenverneinenden Fluchtempfindung heraus . Die Welt ist doch so überreich an Schönheit , und - was weit herrlicher ist ! - so überreich an unbeackertem , fruchtbarem Boden ! « » Zeigen Sie ihn mir ! « rief er in jugendlich ungestümer Aufwallung , » und diese beiden Hände , die noch von keiner Arbeit zeugen , stell ' ich in seinen Dienst . « » Sind Sie denn blinden Auges durchs Leben gegangen ? ! « sagte sie erregt , » ist Ihnen seelisches und geistiges Leid , Sorge , Furcht und Verlassenheit nie begegnet ? ! Das der einzelnen , das der Lebensalter , der Geschlechter , der Klassen , der Rassen , der Völker , der Welt ? ! « Er errötete dunkel . » Ich habe darüber nachgedacht , « entgegnete er zögernd , » mir schienen aber alle Theorien , auch die des Sozialismus , mit denen die große Not der Menschheit bekämpft werden soll , so unzulänglich , so zweifelhaft . « Seine Stirn färbte sich noch tiefer . Er fühlte , wie jämmerlich es klingen mußte , was er sagte . Es war eine Art Selbstverteidigung , wenn er noch fortfuhr : » Auch schien mir , daß man erst selber etwas sein , selbst eine geschlossene Einheit darstellen muß , ehe man sich erlauben darf , in das Leben und Leiden anderer einzugreifen . « » Und weil Sie den Bettler nicht zum sorgenlosen Bankier machen können , versagten Sie ihm das Brot für - morgen ! « meinte sie bitter , um dann rasch , mit einem fast abbittenden Lächeln hinzuzufügen : » Freilich haben Sie recht , daß man erst selbst etwas sein muß , denn nirgends ist sentimentaler Dilettantismus schädlicher als in der Lebens- und Weltreform - « Es klingelte stürmisch . Sabine öffnete . » Kathi , du ? « hörte man sie rufen . » Um Gottes willen , was ist ? - komm , setz ' dich ! « Und sie führte eine totenblasse Frau hinein , der die Knie schwankten . » Rasch , ein Glas Tee ! « Leonie sprang hilfreich herzu . Konrad wollte stillschweigend gehen . » Bleiben Sie nur ! « Damit drückte ihn Sabinens kleine feste Hand auf den Stuhl zurück . Die Eingetretene kümmerte sich um niemanden . » Ich habe Nachricht von Johannes - endlich ! Endlich ! Aus dem Spital ist er entlassen . Er möchte heim ! « stieß sie mit der ersten Möglichkeit freien Atemholens heraus , während ihr die Tränen in Strömen über die eingefallenen Wangen liefen . Sabine streichelte und küßte die wild Erregte . » Nun gilt es , ihn so rasch als möglich hier zu haben , « sagte sie dann nachdenklich . » Aber wie - wie ? !