die wirtschaftliche Lage und den Neubau der Fabrik . Wenn die Senatorin eine Ansicht äußerte , war es sicher eine von verwegener Fortschrittlichkeit , und ihr Gatte machte eine objektive Bemerkung darüber , daß Frauen , wenn sie links ständen , dies gleich bis zum Extrem täten , und daß , falls man die Frauen zur aktiven Mitarbeit in der Politik erst zulasse , wie seine Gattin hoffe , daß es bald geschähe , man sie nur zwei Parteien bilden sehen würde : ultrakonservative und radikale ; eine weibliche Mittelpartei würde man nie erleben . Sophie und Marieluis hörten schweigend zu . Es stand zu vermuten , daß Tulla sich langweile , aber sie lächelte manchmal der von ihr vergötterten Frau zu . Das ganze Bild sah so durchaus landläufig und friedlich aus . Aber die sacht umhergleitende , lieblichdienende Frau ließ ihre flammenden Blicke lauernd über die zwei Menschen gleiten , deren Erröten sie gesehen ... Und sie spürte , mit welcher Vorsicht , mit welcher Befangenheit Allert und Marieluis sich vermieden . Sie sprachen nicht miteinander . Aber scheu und flüchtig suchte sein Auge zuweilen das beherrschte , schöne Gesicht . - Sehr aufrecht saß Marieluis und hielt die Hände leicht im Schoß gefaltet . Allert empfand , gleich vielen Menschen in einer großen Gefühlsfeinheit , immer bald , wenn er beobachtet ward . Und es zwang ihn förmlich etwas , dann dem Blick des Beobachters zu begegnen . So sah er nun Frau Julia an - in einer stolzen Frage . Sie lächelte ihm vielsagend , mit funkelnden Augen zu . Und da zwang ihn wieder sein Gefühl , sogleich nach dem Mann hinüberzublicken . - Wie unangenehm war es ihm , daß er das helle Auge auf die Frau gerichtet fand - und nun wandte sich dieser stechende Blick ihm zu ... Und wieder erging es Allert wie so vielen : das Mißtrauen eines anderen macht unfrei ; wirkt hinüber auf den Beargwöhnten und gibt ihm ein ärgerliches Gefühl von schlechtem Gewissen ... Kein Wort war gesprochen worden , aber nun wußte Allert es ganz gewiß , daß dieser Mann von der Angst gepeitscht war , die Frau an ihn zu verlieren . Ich kann ihm doch nicht ins Gesicht sagen , daß er ruhig sein darf , dachte er . Er sollte mich doch zur Genüge kennen , um zu wissen , daß sein Verdacht unbegründet ist . Von diesem Nachmittag an schien sich zwischen der schönen Frau und Marieluis ein näheres Verhältnis anzuspinnen . Sie gingen zusammen zu den Schützlingen des Vereins . Sie besuchten Allerts Mutter gemeinsam im Atelier , wo nun , neben dem unvollendeten Bild eines hamburgischen Staatsmannes , das Porträt der jungen Tulla im Werden war . Frau Julia nahm auch einige Male die neue » Freundin « mit auf den Fahrten zum Bau . Und da traf Allert die beiden Damen . Er sah es wohl , in ihrer merkwürdigen , verschlossenen Beherrschtheit war Marieluis die Umworbene , Abwartende . Aber immerhin : sie ließ sich doch umwerben , gab sich und ihre Zeit , von der es immer hieß , sie sei den ganzen Tag ausgefüllt , den Ansprüchen der Frau hin . Was steckte dahinter ? Seine Mutter erkannte es rasch . Aber alles verbot ihr , davon zu ihm zu sprechen . Sie als Frau wußte ja , daß es Frauen gibt , die , ganz entgegen dem veralteten Gerede von der weiblichen Lust am Heiratsstiften , durchaus ihre Freude und ihr Interesse daran haben , Heiraten zu hindern . Vielleicht nur , weil sie fürchten , aus ihrem engsten Kreis einen angenehmen Kavalier zu verlieren . - Oft genug auch , weil sie einen Verehrer nicht entlassen wollen . Sie spürte : Julia wollte belauern , hetzen , zerstören - mit feinen Worten , mit leisem Lächeln - wie eben eine kluge Egoistin zerstören kann , wenn sie will . Und zugleich hatte sie in Marieluis ' Person ein Mittel , Allert öfters noch heranzuziehen . Wenn er ihr selbst auch vielleicht ausweichen wollte : er blieb gewiß nicht fort , wenn sie sagte : » Sie treffen Fräulein Amster . « Und was wollte Marieluis ? Vielleicht ward sie von jener unbewußten Neugier getrieben , unter deren Zwang ein liebendes und doch noch schwer mit sich kämpfendes Herz steht . - Vielleicht bildete sie sich ein : Julia kennt ihn genau . Und dann : durch die Vermittlung dieser Frau sah sie ihn ja häufiger , als es sonst der Fall gewesen wäre . Das freilich fiel aus den so bestimmten und klaren Linien von Marieluis ' Wesen . Schien so sehr die Art aller verliebten Mädchen . Aber gerade deshalb bewies es wohl viel . Und aus Herzensgrund hoffte die wartende Mutter , daß Frau Julia im Grunde fördere , was sie zu hindern sich vielleicht vorgenommen . Sie konnte übrigens auch nur sehr von fern dieser Beziehung zusehen und nicht genau nachprüfen , welcher Kitt die zusammenhielt . Denn sie war sehr in Anspruch genommen von ihrem jungen Gast , der ihrer Aufmerksamkeit in besonderem Maße bedurfte . Wie schnell verfliegt eine Rührung - wie rasch flaut ein Enthusiasmus ab . Die junge Tulla war vierundzwanzig Stunden glückselig , daß sie bei der geliebten Frau sein durfte , bei » seiner « Mutter . Aber nach dem ersten Freudenrausch des Wiedersehens kam ein sonderbarer Zustand . Es war keine Enttäuschung . Aber es war ein Warten ! Auf irgend etwas Fröhliches , Unterhaltsames . Sie liebte in dieser rasch eintretenden Stille der Empfindungen die teure Frau nicht weniger . Aber sie wunderte sich , wie so ganz anders doch dieses Leben sei . Einen Tag war es sehr hübsch , im Atelier beim Malen zuzusehen . Aber es war schließlich jeden Tag dasselbe . Lesen mochte Tulla nicht . Das erkannte Sophie rasch : dies junge Leben war wirklich noch ganz leer . Man hatte es nur mit Zerstreuungen und Vergnügungen angefüllt . Tulla wurde eigentlich nur lebhaft und froh , wenn sie von Raspe sprach . Unermüdlich hätte seine Mutter von ihm sprechen dürfen . Aber da war ja eine gewisse Vorsicht geboten . Wie leicht konnte eine beredte und von ihrem Sohn entzückte Mutter zu weit gehen , Hoffnungen erwecken ... Das durfte nicht sein ... dazu war sie nicht berechtigt - mußte sich vielmehr hüten , die eigenen Wünsche zu verbergen . Wußte sie denn , zu welchem Ausgang sich des Sohnes Herzenskämpfe hindurch ringen würden ? Nein , nichts wußte sie . Aber Sophie , in ihrer Zuversicht , daß in der Tochter des teuren Verstorbenen doch gewiß viel von seiner Art verborgen sei , nahm sich vor , ihrem lieben Gast auf jede Weise zu helfen . Vor allen Dingen begann sie gleich das Bildnis , um , beim Malen plaudernd , sich rasch näher mit Tulla bekannt zu machen . Gern ging Tulla durch die Straßen , besah sich die Läden und kam regelmäßig mit irgendeinem höchst überflüssigen Ankauf für sich selbst oder Sophie heim . » Liebes Kind , « sagte die ihr endlich , » lassen Sie das doch . Ich muß Ihnen einmal vorrechnen , wieviel Geld Sie in einer Woche vertun . Sie werden selbst erschrecken . Davon muß die Frau eines höheren Beamten oder Offiziers ihren Hausstand bestreiten - so viel ist das . « Tulla war betroffen . Sie konnte auch nicht gestehen , daß ihre Mama ihr befohlen hatte , sich durch Blumenspenden und elegante , kleine Aufmerksamkeiten für die Gastfreundschaft dankbar zu erweisen . Sie staunte es ehrlich und überrascht an : diese ihre kleinen Nebenausgaben kamen dem Haushaltsgeld etwa einer Offiziersdame gleich ? O , wie schwer hatte es so eine Dame dann ! Sie seufzte - ins Unbestimmte . Sie fand auch das Hauswesen rasch unbegreiflich eng und klein . Die ersten Tage war sie entzückt davon . Keine große Dienerschaft um einen herum , die lauert und frech ist und nie zur Stelle , wenn man gerade was will . Aber das , was zuerst wie ein Märchen schien , wurde ihr rasch eine Art Verlegenheit - besonders , wenn sie sich vorstellte : Fiffi von Samelsohn könne das alles hier beobachten . Und sie grübelte sich auch allerlei zurecht - nach Mädchenart . Wenn » er « sich nichts , gar nichts aus ihr mache , würde seine Mutter sie nicht eingeladen haben . Und wenn » er « sie liebte und die große , große Glückseligkeit käme eines Tages , dann brauchte man ja auch schließlich nicht so eng und klein zu leben , wie Frau von Hellbingsdorf tat . Unter dieser Vorstellung erschien ihr der gegenwärtige Zustand wie eine Art Prüfungszeit . Diese Einbildung gab Tulla Mut und befähigte sie , zu verbergen , daß ihr die Tage im Grunde genommen schrecklich lang wurden . Aber Sophie spürte es ja doch . Sie dachte : mit der Zeit ! Und sie beschloß , für mehr Abwechslung zu sorgen . Abends ging man dann zuweilen ins Theater . Auch gab Sophie zweimal ein kleines Abendessen . Es waren beide Male je vierzehn Personen . Obgleich Hilfskräfte angenommen wurden , erwuchs der Dame des Hauses doch mancherlei Mühe . Und Tulla dachte vergleichend daran , daß die Mama bei Festessen von viel über hundert Personen nur eine Besprechung mit der Wirtschafterin habe , und sonst nicht die geringste Mühe . Das hatte entschieden doch auch seine Bequemlichkeiten . Aber - war nicht alles , alles egal ? Wenn man liebte ? Geliebt wurde ? ... In dem Umgangskreis von Frau von Hellbingsdorf konnte Tulla das Gefühl von Fremdheit durchaus nicht bezwingen . Marieluis hatte was Unnahbares . Frau Doktor Dorne war ihr zuwider . Obschon in keiner Hinsicht der Mama ähnlich , hatte Frau Julia irgendeine Art zu lächeln - manchmal - die an die Art Mamas erinnerte . Und das ärgerte , reizte , schmerzte Tulla . Und sie wußte nicht , warum ... Mit John Vierbrinck konnte sie etwas über St. Moritz und Wintersport sprechen . Er sah aus und tat wie ein Diplomat und unterhielt sich aus einer großen Distanz . Die Senatorin Amster war einige Minuten sehr liebenswürdig zu ihr . Programmäßig . Der Baron Fritz Patow , der hier nun als Vetter der Familie aus und ein ging , der hätte Tulla schon am besten gefallen . In seiner Hauptmannswürde machte er sich imposant . Es war ein Gemisch von flotter Jugendlichkeit und gesetzter Reife in ihm , das einem jungen Mädchen wohl zusagen konnte . Die Uniform erinnerte Tulla auch - ach so deutlich ! - an Raspe . Aber der Baron Patow beschäftigte sich ausschließlich mit Dory Vierbrinck . Auf der ersten Abendgesellschaft schien diese kleine Dory , die so allerliebst naseweis und klug aussah , wovon möglicherweise nur der Kneifer die Ursache war , etwas zerstreut . Nahm es so , als bemerke sie es wenig . Ja , es kam Tulla so vor , als sähe Dory durch ihre Gläser mit den lebhaften Augen oft forschend zu Allert hinüber . Aber an dem zweiten Abend ließ sie sich vergnügt und schlagfertig mit Patow in endlose Neckerei ein . Und wenige Tage nachher begegnete Tulla schon beiden . Sie ritten zusammen ; der Bruder John , in vollendeter Haltung , das vornehme Diplomatengesicht von einem zufriedenen Lächeln verklärt , war als dritter dabei . Hinterdrein die Reitdiener . Eine kleine Kavalkade des Vergnügens . Sie waren so mit sich beschäftigt , daß sie Tulla gar nicht bemerkten . Sie kam sich plötzlich - obgleich ihr diese Menschen ja fast fremd waren - wie ausgeschlossen vor . Wie in der Verbannung . Was tue ich hier eigentlich ? dachte sie . Aber dann kam es ihr zum Bewußtsein : ich warte . Auf das Glück ! Auf den einen , Ersehnten . Ja , wenn » er « nur erst käme , würde auf der Stelle das Leben wieder leicht und unterhaltend und herrlich . Und das gab ihr dann immer von neuem eine zärtliche und fröhliche Stimmung , mit der sie im Hause seine geliebte Mutter in die Täuschung wiegte - ohne auch nur im mindesten täuschen zu wollen - daß sie sich diesem Leben anzupassen beginne . So waren diese Wochen vor Ostern doch wie ein Idyll . Und zu Ostern hatte Raspe Urlaub genommen - zehn Tage , lange - zehn Tage - ja , die können wohl eine Ewigkeit von Glück werden . Aber noch vor Ostern kam in das Idyll eine schwere Störung . Doktor Dorne war für einige Tage verreist . Das geschah sehr selten . Aber er mußte zur Förderung und Nachprüfung seiner chemischen Versuche durchaus das Laboratorium eines befreundeten Fachgenossen in Wien aufsuchen . Er hatte den Reiseplan und die Zeit der Abwesenheit mit seiner Frau besprochen . Am Sonntag nachmittag fuhr er nach Berlin , um dort den Nachtzug nach Wien zu nehmen . Die Rückreise sollte ebenfalls mit möglichster Zeitersparnis ausgeführt werden . Ja , sogar die kurze Strecke von Berlin nach Hamburg wollte Dorne nachts zurücklegen , und er versprach seiner Frau bestimmt , am Donnerstag früh sechs Uhr wieder daheim zu sein . Sie sagte , sie habe eine zu große Unruhe , wenn sie nicht mit allen Gedanken einer solchen Reise folgen könne , Station für Station ; deshalb möchte sie gern so genau wissen ... möchte das Kursbuch im Kopfe kontrollieren ... die Hotels wissen , wo er absteige , kurz - im Geiste mit ihm reisen . Und so entsetzlich ihr es sei , früh aufzustehen : sie werde am Donnerstag morgen an der Bahn sein . Dies scheine denn doch ihre einfachste Pflicht , als Dank für all die Arbeit , die sie bewundere , für die er sich die Strapazen dieser hastigen Reise auferlege . Die Augen des Mannes bekamen einen Glanz von Glück . Und er reiste lächelnd ab . Schon am Montagmorgen erhielt Allert dann ein Eilbotenbriefchen : » Lieber Freund ! Nun fühle ich mich noch einsamer als sonst . Sie müssen mir heute abend Gesellschaft leisten - nicht Sie allein - wie vielleicht Ihr männlicher Größenwahn sich gleich einbildet - ich improvisiere einen kleinen Kreis : Marieluis , Ihr Vetter Patow , der so liebenswürdig war , Karten bei uns abzugeben , Dory Vierbrinck - ich weiß noch nicht , ob mit oder ohne den vornehmen Bruder . Also bringen Sie Ihren Vetter nicht in die entsetzliche Lage , der einzige Mann zwischen drei Damen zu werden . Bitte eine Telefonnachricht ! Ich habe aber nur ein Ohr für sie , wenn es ein Ja ist ! « Nun , dies war harmlos und nett und begreiflich . Es kostete Allert keine Ueberwindung , am Telefon das gewünschte » Ja « nach dem Alsterufer hinzumelden . Vielleicht , nein gewiß : seine schroffen Worte damals nach der Blumensendung hatten ihr gezeigt , daß sie niemals Glück damit haben werde , ihn zu ihrem Ritter heranzubilden . Wie es mit dieser Ritterschaft auch gemeint sein mochte : schuldvoll oder schuldlos ! Zu einem Spiel mit Ehre und Ruhe hielt er sich zu hoch ; zu einem törichten Eitelkeitsdienst hatte er keine Zeit . Aber man mußte eben doch leidlich miteinander auskommen . Er hatte gedacht , sie werde sich rächen für den Abfall . So war er ihr fast dankbar , daß sie den ganz ignorierte . Und es war klug und überraschend vernünftig von der lebensgierigen Frau , daß sie sich nun einen Kreis jüngerer Menschen zu bilden suchte . Innerhalb eines solchen wollte er ihr gern jederzeit gesellige Opfer bringen . Und dann : er sah jetzt bei ihr auch die eine - die er zu meiden wünschte und dennoch nicht meiden konnte . Er war nie mit ihr zusammen , ohne sich voll Zorn zu geloben : ich will sie niemals wiedersehen . Und er war nie drei Tage von ihr entfernt , ohne sich auf das qualvollste nach ihrem Anblick zu sehnen . Allert ging absichtlich recht spät . Und traf trotzdem die noch nicht , um derentwillen er ja eigentlich kam . Da war Dory Vierbrinck , mit ihrem hochmütigverbindlichen Bruder , der sich immer so benahm , als gehöre er dem englischen Oberhause an . Und da war auch Fritz Patow . Allert machte einige merkwürdige Beobachtungen . Der etwas steifen und sehr vornehmen Haltung John Vierbrincks begegnete die Hausfrau mit einer vollkommenen Art von sicherer , aber begrenzter Freundlichkeit . Ihre Koketterie schien sie mit ihren bunten Schuhen in den Schrank geschlossen zu haben . Sie war wie immer sehr schön gekleidet , aber doch hatte sie einige der raffinierten Einzelheiten vermieden , mit denen sie sonst , in der Intimität des Hauses , ihrem Anzug etwas - ja , etwas - Einladendes zu geben wußte . Wie klug diese Zurückhaltung ! Sie spürte wohl , daß ein noch so leises Herausfallen aus der strengsten Korrektheit Herrn John Vierbrinck veranlaßt hätte , seinen Eltern zu sagen : diese Frau Dorne ist kein Umgang . Sie sah das Geschwisterpaar zum erstenmal bei sich . Welche Fähigkeit , sich auf die Menschen einzustimmen ! Oder vielleicht die Erkenntnis , daß hier eine würdige Zurückhaltung der einzige Weg zu gesellschaftlichen Erfolgen war ? Nun - hoffentlich . Und die andere Beobachtung war , daß Dory Vierbrinck und sein Vetter , der Baron Patow , sich auf das offenkundigste miteinander beschäftigten ... Im Januar war es doch Allert vorgekommen , als ob die lebhaften Augen hinter den Gläsern ihm mit besonderem Blick begegneten ... Und es hatte ihm manchmal geschienen , als ob das Gesicht mit den reizenden Grübchen sich ganz verklärte , wenn er sich ihr zuwandte . Das hatte ihn mit Verlegenheit , fast mit leisem Schmerz erfüllt . Und nun ? So rasch war , was da keimte , schon hingewelkt ? Eine Erleichterung . Gewiß . Und so lehrreich . Er wußte wohl : das ist das Herzensleben von tausend Mädchen . Sie harren , warten - ihre Seelen sind geöffnet und bereit für die Liebe - und sie wenden sich sofort dem zu , von dem sie hoffen oder sicher spüren : er ist der Bewerber ! All ihr Lieben ist nur Gegenliebe . Blüte eines Triebes . Er sah auch , wie ein Mann den andern durchschaut , daß Fritz Patow wirklich verliebt war . Die Liste auf seinem Zettel war ja lang gewesen ; beim prüfenden Ueberblick über all die junge Weiblichkeit in den Ballsälen und an den Festtafeln mußte sich dann doch wohl seine innere Stimme - die man auch eine Herzensstimme nennen konnte , wenn man wollte - für Dory entschieden haben . Daß da allerehestens eine Verlobungsanzeige gedruckt werden würde , war klar . Sonst hätte der formvolle John nicht dieses Zusammensein durch seine Gegenwart gebilligt . Glückliche Naturen ! So rasch , so unbesorgten Gemütes , so voll frohen Sinnes auf die höchste Stufe gemeinsamen Menschentums zueilen zu können . Allert mußte sich zusammennehmen , um sich nicht in zu schwere Grübeleien zu verlieren . Er beschloß seine Neigung dazu mit dem Gedanken : Gottlob , daß auf diese Weise alle Tage noch zahllose Ehen geschlossen werden , sonst sähe es auch schlimm aus um den Staat . Das Gewöhnliche hat auch seine soziale Wichtigkeit . » Wo in aller Welt bleibt Marieluis ? « fragte John die Hausfrau . » Wir werden ein Viertelstündchen zu warten haben mit dem Essen . Marieluis hat Abendschule und muß dann erst nach Hause , sich umzukleiden , « erklärte Frau Julia . John machte eine leise mißbilligende Kopfbewegung . » Tante Amster ist mir unverständlich . Nun gottlob , daß ich ihr Dory entrissen habe , « sagte er . » Ich selbst , nun ich näher in diese Art Arbeit hineinsehe , muß gestehen , daß sie mir zu unweiblich ist . « Frau Julia sah nur John bei ihren Worten an , schien sich in keiner Weise an Allert zu richten . » Sie glauben nicht , was man alles kennen lernt . Lebensverhältnisse , Gewohnheiten , naive Sicherheit im Unmoralischen , Liederlichkeit , die aus den Wolken fällt , wenn man ihr vorstellt , daß sie Liederlichkeit ist - nein - Sie glauben gar nicht , Herr Vierbrinck ! Und von diesen Dingen hat man ja gar keine Ahnung gehabt , das lernt man alles durch die Vereinstätigkeit kennen . Und ich meine auch , wenn sich Frauen so daran gewöhnen , all diese Dinge mit dem richtigen Namen zu benennen , verliert sogar die Sprache schon den feinen Zauber der Weiblichkeit . Und mit welchen Vorstellungen wird die Phantasie junger Mädchen getrübt , die sich in solche sozialen Unterschichten hinabbegeben . « » Sehr richtig , meine gnädige Frau . « » Ich bewundere die Opferfreudigkeit und den Verstand von Frau Senator Amster , sie ist eine der bedeutendsten Frauen , die ich kenne , nur aus unbegrenztem Respekt vor ihr mag ich mich nicht so rasch wieder von der Mitarbeit zurückziehen . Wo sie selbst mit solchem Fanatismus unermüdlich dabei ist . « » Ja , « sagte John , » Tante und Marieluis sind wirklich fanatisch . Sie sollen mal sehen , an Marieluis erleben wir noch was . « Allert hörte zu ; jedes Wort stieß ihn in sein Herz ... Es wurde ihm aber erspart , zu vernehmen , von welcher Art das sein sollte , was John sich noch an peinlichen Ueberraschungen versprach . Denn die Tür tat sich auf , und Marieluis trat herein . Schön und freundlich , von sicherem Wesen - sie hatte ja vorher gewußt , daß sie Allert träfe , und sich darauf gerüstet . Man ging sogleich in das Eßzimmer , und um den kleinen runden Tisch wurde es alsbald lebhaft . » John sagt , Du bist fanatisch , « berichtete Dory lachend . » Das ist mir lieb zu hören . Ich möchte nicht lau sein , in gar nichts , « sagte Marieluis . » Weshalb dauerte die Abendschule denn so lange ? « fragte Julia . » Es war nachher noch eine Sitzung . Fräulein Doktor Marya Müller will hier zweimal sprechen . Vorträge , mit sich anschließenden Debatten . Wir haben sie nicht eigentlich herberufen , aber wir stützen die Sache finanziell . Und für den einen Vortrag treten wir auch als Einberufende heraus . « » Was für Vorträge ? « fragte Allert . Und Dory , aus ihrem hie und da noch aufflackernden Gewohnheitsinteresse heraus , das aber kein wohlwollendes mehr , sondern im Handumdrehen ein kritisches geworden war , fragte fast zugleich : » Warum bloß für einen ? « » Der zweite Vortrag wird von den Forderungen sprechen , die das uneheliche Kind an die Gesellschaft und das Gesetz hat , « erzählte Marieluis , » das ist ja durchaus unsere Sache . Der erste soll das Stimmrecht der Frau behandeln . Mutter ist ja leidenschaftlich dafür und hofft es auch zu erleben , daß sie zur Urne gehen darf . Sie steht doch auch mit einigen englischen Führerinnen der Bewegung in lebhaftem Briefwechsel . Aber hier öffentlich dafür eintreten - das kann sie ja leider nicht . Wegen Vater , weil er doch zur Regierung gehört , es wäre nicht taktvoll . « » Aha ! « sagte John und lächelte bedeutungsvoll . Marieluis sah ihn kühl an . » Und Sie , « fragte Allert , » Sie werden sich an den Versammlungen beteiligen ? « » Aber doch selbstverständlich . Hoffentlich auch an der Debatte . « » Ach , Marya Müller ! « sagte Patow vergnügt . » Die habe ich mal gesehen , ulkiges Weib , das heißt : mehr Mann als Weib , gänzlich maskuline Toilette , wenn man da von Toilette sprechen darf ; ohne das bißchen schwarzen Kleiderrock unterm langen Paletot ' raus hätt ' ich taxiert : Mann ! « » Nun , « bemerkte Marieluis , » das Uebermaß ihrer wichtigen und großartigen Tätigkeit läßt ihr keine Zeit , sich zu putzen . Sie wählt eben die bequemste Tracht . Das muß jeder machen , wie er will . « » Ich sehe Dich im Geiste auch schon so herumlaufen , « prophezeite John . Marieluis zuckte die Achseln . » Es sollte mir einfallen , mit Dir über diese Fragen zu sprechen , « sagte sie . » Nun , nun , « wehrte John ab , » bitte , nicht so von oben runter . So ganz ohne Einsicht bin ich ja nicht . Soziale Arbeit - richtig , wichtig , famos . Aber ich meine : laßt das , soweit es eben Weiber machen sollen , wollen , müssen , die Alten , Häßlichen , die Unverheirateten , die Kinderlosen , Enttäuschten tun , und laßt die Jungen , Schönen , Holden , Zarten , Zärtlichen nach wie vor uns beglücken , ihr einziges Ziel darin suchen , eines Mannes Weib zu sein ! « Er sagte es mit Pathos , und die Tischgenossen lachten auch , selbst Marieluis , die schon weit darüber hinaus war , sich durch Verulken ärgern zu lassen . » Diese köstliche Teilung aller Weiblichkeit in zwei Gruppen wird Ihnen wohl nicht gelingen , « sagte Allert , und er fühlte , daß seine Stimme gereizt klang , und konnte ihr trotz des Willens zur Selbstbeherrschung keinen festen Klang geben . » Es wird wohl immer Frauen geben , die zögernd auf der Grenze zwischen beiden Gruppen stehen . Solche , die sich einbilden , ihre Pflichten gegen einen Gatten , gegen die eigenste , engste kleine Welt ihrer Familie mit den Pflichten gegen die Allgemeinheit vereinen zu können . Frauen , denen es ihrer Vorbildung und ihren geistigen Bedürfnissen nach ein Opfer wäre , wenn der Schauplatz ihres Wirkens nur die Häuslichkeit sein sollte . Das sind die Frauen , die in das Leben des Mannes , der sie liebt , der sie vor der Berührung mit dem Unreinen hüten möchte , schwere Konflikte bringen . « Und sie sahen einander fest an , zwei stumme Kämpfer , von denen keiner die Schwachheit haben wollte , den Blick zu einer Bitte zu mildern . » Was Konflikt ! « sprach der Hauptmann . » Ein rechter Mann hat die Kraft , das Weib ganz zu sich herüberzuziehen . « Und Dory und er lächelten sich offenherzig zu , in Erinnerung an ein Gespräch über Dorys vormalige Tätigkeit . Patow bildete sich nämlich fest ein , daß sein bloßes Erscheinen an Dorys Lebenshorizont genügt habe , sie sofort von ihrer früheren Richtung abzubringen . Und Dory war im Grunde genommen auch schon dieses Glaubens . » Es ließe sich doch auch der Fall denken , daß es einer Frau gelänge , auf die rückständigen Ansichten des Mannes klärend einzuwirken und aus ihm ihren Mitarbeiter zu machen . « Ganz blaß war Marieluis , als sie das sagte , aber sie sah nun an Allert vorbei . Rückständig . Da war es schon wieder , dies üble , dies nichtssagende Wort , mit dem man gar nichts machen kann , und das gerade deshalb so schwer besieglich ist . - Allert sprach , mit Mühe nur allzu hörbare Bitterkeit vermeidend : » Sie und Ihre Mitkämpferinnen sind sehr rasch mit diesem Wort bei der Hand . Und ich fürchte , es trifft - in Ihrem Sinn - auf die meisten von uns zu ! Wir haben uns eben noch nicht so ganz auf die neue Frau eingerichtet . Wir sind gewissermaßen bei diesen Entwicklungen und Uebergängen ganz vergessen worden ! Niemals haben sich all diese Frauen gefragt : was sagt der Mann dazu ? Berauben wir ihn nicht ? Dadurch , daß wir sein Leben öder machen und ärmer an Illusionen und Poesie ? Ganz einfach : der leidende Teil sind wir , jawohl , das sind wir , mag uns unser Verstand noch so viel Einsichtsvolles vorpredigen , daß das edel und groß und nötig sei , was viele von diesen rastlosen , aufopferungsfähigen Frauen tun . Aber unsere Empfindung sagt nun mal dagegen : von meiner Frau mag ich solche Arbeit nicht getan sehen . Meine Frau soll mir stillen Frieden und Glück ins Haus bringen , sie soll sich allein mit mir und ihren , meinen Kindern beschäftigen . Und wenn dies Egoismus ist , kann man vielleicht sagen , es ist der gesunde Egoismus . Der unbewußt über den Bestand der Familie wacht , deren Gründung immer schwerer wird , ja wohl auch dank der neuen Frau . « Nur Frau Julia fühlte , wußte , daß hier zwei leidenschaftliche und starke Menschen miteinander fochten , um den Weg zueinander zu finden . Sie werden ihn nicht finden ! dachte sie triumphierend . Die anderen Zuhörer dachten , es sei ein kleines Wortgefecht . » Meine Mutter zeigt , daß man beides , soziale Arbeit und völligste Pflichterfüllung in der Familie , vereinen kann . Zum Beispiel ist es ihr doch auch ein Opfer , nicht auch öffentlich für Marya Müllers Vortrag über Stimmrecht einzutreten . Sie bringt das Opfer der Stellung ihres Mannes und begnügt sich , in der Stille ihrer Ueberzeugung förderlich zu dienen . « Dies endete das Gespräch , schlug ihn einfach auf den Mund . Was sollte ein Mann von Takt hierauf antworten vor Zeugen ? Oh , könnte ich sie nur einmal allein sprechen , wie wollte ich die Worte finden , ihr zu sagen , daß dieser sachliche , kluge Friede im Leben ihrer Pflegeeltern etwas anderes ist als das Glück , von dem ich träume . Aber Allert sah und sprach sie ja nie allein . Und er wagte nicht , ihr eine Möglichkeit dazu vorzuschlagen - solche in der Wohnung seiner Mutter herbeizuführen - das wäre nicht gegangen , ohne eine