Leichen von Boxern und Mandschutruppen zu Haufen angetürmt , wie sie in verzweifelter Flucht gerade übereinander hingestürzt waren . Auf ihren grünlichen Gesichtern lag ein letztes hilfloses Entsetzen und ihre Körper waren in den weiten blauen Kleidern wie wesenlos zusammengesunken . Ein beklemmender fauler Geruch entstieg ihnen in der drückenden Sommerschwüle . Aber es gab keinen Menschen , der daran denken konnte , andere Menschen zu begraben . Nur die Straßenhunde strichen witternd um die Leichen , in immer enger werdenden Kreisen , Straßenhunde , die , während die Menschen darbten , seltsam fett geworden waren und nun hyänenhaft verstohlen schielten , mit gekrümmtem Rücken und eingezogenem Schwanze , im Bewußtsein , gegen uraltes Gesetz verstoßen und sich am höchsten Lebewesen vergangen zu haben . In der unmittelbaren Nähe des Petang war alles verbrannt und zerstört . Kaum daß in dem allgemeinen Trümmerhaufen zu unterscheiden war , wo Fußsteige , wo Häuser gewesen . Weiter aber folgten Straßen , wo Gebäude noch standen . Aber über all diesen Straßen lag eine unheimliche Stille ; sie waren ganz leer ; und diese Leere , diese Stille wirkten beängstigend nach dem steten Getöse , dem Gedränge der letzten Wochen . Die Häuser waren alle fest verschlossen . Kein Laut drang aus ihnen . Das ganze Viertel wie ausgestorben . Und doch fühlte man im Vorübergehen , daß da , zwischen Ritzen und Spalten , tückische und verängstete Augen spähten . Tschun war mit einigen anderen der kürzlich Befreiten hinausgelaufen . Ganz zwecklos zuerst , wie er selbst dachte . Höchstens etwa , um sich selbst zu beweisen , daß man wirklich und wahrhaftig frei war , daß es nicht bloß der in den vergangenen Wochen so oft geträumte Traum der Befreiung war . Durch die Straße , wo er und die Mutter gewohnt , kam er jetzt mit der kleinen Schar . Hier hatten die Zerstörer arg gehaust . Von dem Häuschen blieben nur ein paar rußige Mauerreste . Zwischen dem Schutt , der die ganze Stätte bedeckte , erkannte Tschun eine Scherbe von einem Näpfchen , aus dem er als Kind einst gegessen . Das Stückchen Porzellan fing gerade einen Sonnenstrahl auf und glitzerte lustig inmitten all der grauen , trostlosen Trümmer . Ach , es war gut , daß die Mutter das nicht sah ! - Und in der lautlosen leeren Straße sagte Tschun plötzlich : » Ich muß weiße Trauerschuhe haben . « Die Worte hallten ganz laut in der Stille , und während er sie sprach , ward sich Tschun bewußt , daß er diesen einen Zweck ja seit Tagen mit sich herumgetragen hatte , daß er nur deswegen mit den anderen jetzt hinausgelaufen war : weiße Trauerschuhe wenigstens wollte er für die Mutter tragen . Nun schauten auch die anderen unwillkürlich auf ihre Füße . Sie hatten das vorher gar nicht beachtet , waren gelaufen wie Tiere , die der Haft entsprungen , aber nun gewahrten sie es : ihnen allen hingen die chinesischen Zeugschuhe in Fetzen ! Sie trugen sie ja ununterbrochen seit zwei Monaten . Da riefen sie alle : » Wir brauchen auch Schuhe ! Wir auch ! Wir auch ! « » Früher gab es hier in der Seitenstraße einen Schuhladen , « sagte Tschun , » wenn er nicht zerstört ist , könnten wir da kaufen . « » Besitzt denn jemand von uns noch Geld ? « fragte einer des Häufleins . Sie sahen sich verdutzt an . » Ach was Geld , was kaufen ! « rief ein anderer , ein großer , starker Bauer , der , durch irgendwelchen Zufall bei Beginn des Aufstandes in Peking anwesend , sich auch in den Petang gerettet hatte , » wir haben wahrhaftig genug ausgestanden und eingebüßt , daß wir uns wenigstens ein paar Schuhe nehmen können , wo wir sie finden . » Er hat recht , « riefen die anderen , schnell überzeugt von der neuen Moral , » dies ist eine andere Zeit als sonst ! « Und es war eine andere Zeit . Sie bogen in die Seitengasse . Der gesuchte Laden bestand noch . Von weitem schon sahen sie den großen Stiefel , den er als Aushängeschild führte . Aber der Laden war fest verschlossen . Er mußte wohl , wie so viele Häuser , verlassen sein , denn auf all ihr Klopfen erfolgte keine Antwort . Da trat der große Landmann vor , stemmte sich gegen die Tür und brüllte hinein : » Wenn nicht sofort geöffnet wird , brech ' ich die Tür auf ! « - Nun nahten schlürfende Schritte im Innern . Die Tür öffnete sich spaltenweit . Man sah einen Alten , zitternd und grünweiß vor Angst . » Hier ist nichts mehr , ehrenwerte Herren ! Hier ist längst alles ausgeplündert ! « versuchte er zu parlamentieren . Aber schon hatte der Bauer die Tür fast ganz aufgezwängt und den Alten gepackt : » Gesteh , wo Du die Schuhe hast , und gib jedem ein Paar , dann soll Dir weiter nichts geschehen ! « sagte er , » andernfalls suchen wir selbst - und dann ... ! « - Die übrigen waren inzwischen auch eingedrungen und verliehen der ausgesprochenen Drohung Nachdruck . Winselnd beschwor der Alte , es sei sein Untergang , wenn etwas wegkäme , die Besitzer wären längst geflohen , hätten ihn als Hüter zurückgelassen , er verlöre sein Gesicht , wenn er das Haus nicht betreue . - Aber schließlich wies er doch mit verstohlener Gebärde aus dem leeren Laden in einen rückwärts gelegenen Raum . Und da entdeckten sie wirklich , wohlversteckt , den ganzen Schuhvorrat . Jeder bediente sich nun rasch . Tschun hatte weiße Trauerschuhe gefunden und sofort angelegt , hatte sogar eine weiße Schnur aufgetrieben , wie sie bei Trauerfällen in den Zopf geflochten wird . Er fühlte sich hierdurch plötzlich wohler . Es war doch nun so , wie es sein sollte . Der Alte mußte nun auch noch Tee bringen . Man hatte ja so lange keinen Tee mehr getrunken . Und was er an Tabak besaß , mußte er hergeben . Als die Schar dann aus dem Laden wieder heraustrat , glänzte es seltsam lüstern in all den schmalen Augen . Das war aber auch ein gar zu wohliges Gefühl gewesen , einfach nehmen zu können , ohne an Zahlung denken zu brauchen ! Und jeder hatte auch bereits entdeckt , daß er noch viele Bedürfnisse habe . An Kleidern , eigentlich an allem mangelte es ihnen , besonders aber fehlte es ihnen nun schon so lang an genügendem Essen ! Und die Stadt , mit ihren verlassenen Häusern , ihren vergessenen Vorräten , mit all der Habe , die ungenutzt verkam - sie lag da vor ihnen - wen kümmerte es in der allgemeinen Zerstörung und Verwirrung , wenn sie , die so viel verloren und ausgestanden hatten , sich dafür jetzt etwas schadlos hielten ? Mancher schlich nun allein davon , wollte wohl geheimen Fährten folgen . Die anderen zogen vereint weiter . Tschun aber löste sich von ihnen . Er empfand plötzlich einen Ekel , er hatte genug davon . Er schlug den Weg zum Gesandtschaftsviertel ein . Da war alles bis zur Unkenntlichkeit verändert , vernichtet . Geborstene Mauern , eingestürzte Dächer , Schutt- und Trümmerhaufen . All dieselben trostlosen Dinge , die Tschun acht Wochen lang im Petang hatte entstehen und schlimmer und schlimmer werden sehen . Und wie dort , so auch hier , seltsame , improvisierte Befestigungswerke : Barrikaden , aus dem erbaut , was im Augenblick zur Hand gewesen ; und Berge von Sandsäcken , zum Teil aus grober Baumwolle , aber auch aus Vorhängen , Betten , Kleidern , aus allem genäht , was die verschiedenen fremden Taitais gerade besessen . Tschun glaubte einige dieser kostbaren Stoffe , trotz Staub und Schmutz , wiederzuerkennen . Er erinnerte sich , wie ihn die vielen unnützen Vorhänge in den Häusern der Fremden oft gewundert hatten - die fanden nun so ihr Ende ! Und er entsann sich auch der langen Verhandlungen , die die Taitais mit den Händlern um Stickereien und Seidenrollen zu führen liebten - daß diese teuer erworbenen und dann sorgsam gehüteten Stücke so rücksichtslos zerschnitten worden waren , vergegenwärtigte ihm am allerdeutlichsten , wie schlimm es auch hier um die Belagerten gestanden haben mußte . Im Gegensatz aber zu der Petanggegend , wo die Straßen jetzt so leer und lautlos waren , herrschte hier ein merkwürdiges Leben . Ganz anders als sonst freilich . Chinesen sah man kaum . Aber fremde Soldaten , mehr und mehr Soldaten . Aller Art , aller Länder . Tschun war ganz erstaunt über ihre Verschiedenheit . Sie waren nicht etwa alle weißhäutig wie die Ta-jens , sondern es gab auch langaufgeschossene dunkelfarbige Reiter mit hohem Turban , bei deren Anblick Tschun plötzlich an den alten Einsiedler denken mußte - und daneben magere , unansehnliche Leute , die von tropischer Sonne gedörrt und gelbgebrannt worden - aus einem ganz südlichen Lande sollten sie stammen , das einst China gehört hatte , das aber längst von einem der unersättlichen fremden Völker geraubt worden war . Am zahlreichsten aber schienen die Inselzwerge zu sein ! Sie hielten sich stramm und reckten sich , besonders wenn ihnen die großen , vierschrötigen Kosaken begegneten , die Tschun , wegen ihrer wasserblauen Augen und hanfartigen Haare , unter allen Fremden so besonders abstoßend fand . Seine Gefühle den Inselzwergen gegenüber waren weniger klar . Es ärgerte ihn ja , daß die hier in Peking so gebieterisch auftreten durften , aber dann empfand er doch auch eine gewisse Genugtuung , daß Leute , die so gelb waren wie die Chinesen selbst , mit den weißen Fremden so selbstbewußt verkehrten , daß sie von ihnen offenbar als gleichwertig behandelt wurden . Ja , die Kosaken und die Japaner besah sich Tschun am genauesten . Die Kosaken , ungeschlacht und wuchtig , erinnerten ihn an die schweren Kugeln aus Geschützen des 17. Jahrhunderts , die , neben moderneren Geschossen , während der Belagerung auch bisweilen in den Petang eingeschlagen waren ; bei den Japanern dagegen mußte er unwillkürlich an die lange im geheimen vorbereiteten Minen denken , die , plötzlich explodierend , so unerwartete Verheerungen anrichteten . Und er überlegte : Zwischen diesen beiden Völkern sitzen wir nun auf der Erde , die eine riesige Kugel sein soll und durch das Weltall kreist . Wer von den zweien mag aber wohl der gefährlichere für uns sein ? Dann sann er weiter : Außer diesen zwei gibt es aber noch viele andere auf der Kugel ; die kommen jetzt auch alle nach China gefahren und steigen bei uns ans Land , und sicher werden sie alle etwas haben wollen und sich damit brüsten , einen Brand gelöscht zu haben , dessen erster Funke doch eigentlich von ihnen stammt . Ach , schade ist ' s schon , daß man nicht all diese rastlosen Leute von der Kugel hinaus ins Weltall schleudern kann . Dann hätten wir hier vielleicht Ruhe . - Und nachdem dieser Gedanke sich in Tschuns Kopf geformt hatte , war er selbst ganz erstaunt . So dachten ja die Fremdenfeinde ! Und Tschun hatte die Ausländer doch immer als Freunde angesehen , war ja sogar einst , gegen manchen Widerspruch , aus seiner altgewohnten in ihre neue Welt gelaufen ! Wie war es denn gekommen , daß ihm das alles jetzt so anders schien ? - - In der von vielen Geschossen getroffenen und durchlöcherten Gesandtschaft , wo er selbst früher der Taitai gedient hatte , fand Tschun den Onkel Kuang yin wieder . Der hatte die Belagerung gut überstanden , sah nur etwas magerer aus als sonst und verriet jene Gereiztheit , die Leuten eigen , die während längerer Zeit nicht genügend haben schlafen können . Tschun begrüßte den Onkel noch etwas feierlicher als sonst , wie es sich nach längerer Abwesenheit schickt , während Kuang yin , die weißen Trauerschuhe gewahrend , nach dem Grunde frug und dann die üblichen Trauerworte sprach . Von jenem überschwänglichen Jubel , den die fremden Herren und die Priester beim Wiedersehen gezeigt , war zwischen diesen beiden Verwandten nichts zu merken . Sie hätten ihn aber auch beide völlig unziemlich gefunden . Kuang yins erstes Entzücken , gerettet zu sein , hatte auch offenbar schon Zeit gehabt , in allerhand neu entstandenen Sorgen zu ersticken . » Es ist in allem eine solche Verwirrung , « brummte er , » man weiß nicht , wo das Notwendigste zu bekommen , keinen Markt gibt es mehr , und dabei ist das Haus , sofern es überhaupt noch steht , voll von Offizieren - statt einem Herrn hat man jetzt Dutzende - und es kommen noch immer mehr hinzu ! Und natürlich können sie sich mit niemand verständigen . Da soll ich nun Boys besorgen , die fremde Sprachen verstehen . Für die Stelle bei dem einen Offizier , der in den nächsten Tagen erwartet wird und der in einem besonderen Yamen wohnen soll , habe ich übrigens gleich an Dich gedacht . « Tschun hatte gar keine Lust , in den Dienst dieses unbekannten Ausländers zu treten . Er konstatierte dies zu seinem eigenen Erstaunen . Früher würde es ihn gerade gelockt haben , auch einen fremden Militärmandarinen mal näher kennen zu lernen . Aber jetzt hatte er eigentlich auf nichts Lust . Hätte nur gern geschlafen und die Vergangenheit der letzten Wochen und mit ihr auch die Gegenwart ganz aus seinem Bewußtsein ausgeschaltet . Aber das wohlwollende Anerbieten des Onkels auszuschlagen , wäre unehrerbietig gewesen , und er hätte auch nicht mal genau gewußt , welchen Grund dagegen anzuführen . Es war nur ein allgemeiner Widerwille , mit all diesen Menschen , mit diesen ganzen Ereignissen zu tun zu haben . So ging er denn dankend auf den Vorschlag ein . Dann erkundigte er sich , ob Kuang yin etwa von den übrigen Verwandten gehört habe . Doch der wußte nur , daß Lin te i und Yang hung mit den Seinen seit dem großen Brande verschwunden waren , und auch von Sin schen und Wang pao hatte er seit dem Entsatz Pekings noch nichts vernommen . Wie mochte es wohl den Großen der Erde gehen , dachte Tschun , während so viele der Kleinen gedarbt hatten oder ganz verschollen waren ! Und er frug : » Was haben die Fremden denn mit der Kaiserin getan ? Halten sie sie sehr streng gefangen ? « Kuang yin lachte . » Streng gefangen ? Bewahre ! Sie haben sie ja ganz ungestört entweichen lassen ! « » Na , « meinte Tschun , » wenn sie nur unschädlich ist , mag sie meinethalben leben , wo sie will . Nun werden die Fremden wohl den Kaiser Kwang Hsü wieder in seine Rechte einsetzen ? « » Aber nein doch ! « rief Kuang yin , » den hat Tzü Hsi auf ihre Flucht ja mitgenommen ! « Tschun sah ihn ungläubig an . » Das haben die Fremden zugelassen ? Aber er war doch der einzige , der zu ihnen gehalten hat , der einzige auch , von dem sie hoffen konnten , daß er die Aufgeklärtesten des Landes um sich sammeln würde , um Ordnung herzustellen . Es mußte ihnen doch alles dran liegen , daß er die Regierung wieder in die Hände bekäme ? « » Ach , ich glaube , so weit hat niemand gedacht , « sagte Kuang yin . » Weißt Du , die fremden Truppen sind ja in unbeschreiblicher Verwirrung hier angekommen . Offenbar ohne eigentlichen Plan , und ohne daß einer dagewesen wäre , der allen hätte befehlen können . Jeder wollte nur überhaupt als erster ankommen . Wie in einem Rennen . Was dann hier geschehen solle , würde sich ja finden . Vielleicht dachten manche , es gäbe eine allgemeine große Plünderung . Als sie dann wirklich anlangten , wußte keiner , wo der andere war . In der Unordnung haben sogar die einen auf die anderen geschossen . Einmal war schon begonnen worden , gegen die verbotene Stadt vorzugehen - dann wäre auch vielleicht das ganze Nest wirklich ausgehoben worden - , aber da kam plötzlich Gegenbefehl . Na und während all der Unschlüssigkeit und Uneinigkeit hat eben Tzü Hsi , die ja nie viel zaudert , Zeit gehabt zu entkommen . Einen Tag erst nach dem Einzug der fremden Truppen ist sie fort . « » Dann kann sie ja aber noch gar nicht weit weg sein , « sagte Tschun . » Denken die Ta-jens denn nicht daran , ihr die vielen Soldaten nachzuschicken , um sie festzuhalten und den Kaiser zurückzubringen ? « » Aber Tschun , « sagte Kuang yin , » hast Du denn die Art der Ta-jens schon völlig vergessen ? Ehe die einen gemeinsamen Entschluß fassen ! ... Das kennt man doch ... in der höchsten eigenen Lebensgefahr allenfalls ... und eigentlich auch dann kaum . « » Warum tut es dann nicht ein einzelner mit seinen Truppen ? « fragte Tschun . » Dazu hat sich einer der fremden Offiziere auch schon erboten , « antwortete Kuang yin . » Aber sein Ta-jen soll ihm geantwortet haben , für diesen Fall besäße er von zu Hause keine Instruktionen , und es sei eine zu arge Verantwortung , so etwas allein zu unternehmen . - Zu alledem kommt aber , glaube ich , noch etwas anderes , « setzte Kuang yin dann hinzu . Tschun sah ihn fragend an . Und Kuang yin fuhr fort : » Ja , so viel hab ich nämlich schon gemerkt , daß zwischen den Ta-jens und ihren vielen militärischen Rettern keine sonderliche Liebe besteht . Die Ta-jens sind ja gewiß froh , durch sie befreit zu sein , aber es wäre ihnen doch sehr erwünscht , wenn die Truppen nun nicht mehr zu neuen besonderen Dingen noch notwendig würden . Sie lieben die Angelegenheiten nicht , die von den Waffenleuten entschieden werden müssen . Da fühlen sie sich nicht mehr so ganz als die ersten . - Und sie haben auch gegenseitig viel aneinander auszusetzen . Die Offiziere denken nämlich offenbar : Das sind schlechte Diplomaten , die von solch einer Bewegung wie die der Boxer gar nichts voraus gemerkt haben und sich so überraschen ließen . Und die Ta-jens wiederum denken : Das sind schlechte Soldaten , die so viel Zeit gebraucht haben , bis sie endlich zu uns durchdrangen und uns befreiten . « » Da magst Du recht haben , « sagte Tschun , » unter den Fremden herrscht ja immer Uneinigkeit . Bisher dachten wir freilich , nur zwischen denen der verschiedenen einzelnen Ländchen , aber , wie es scheint , sogar zwischen den verschiedenen Berufen desselben Landes . - Na - um so besser für uns ! « » Freilich , um so besser für uns , « wiederholte Kuang yin , » denn all diese Uneinigkeit wird hoffentlich hindern , daß aus ihrem geeinten Zorn gar zu Schlimmes für uns entsteht . « » Ja , « fiel Tschun ganz eifrig ein , » daran denk ich jetzt auch immer , denn es wäre doch furchtbar , wenn der Boxerwahnsinn von den Ausländern als Vorwand benutzt würde , uns noch mehr Land zu rauben oder uns durch Syndikate , Geldanleihen und sogenannte Ratgeber noch schärfer bevormunden zu wollen . Ganz unerträglich würde das - denn , weißt Du , je mehr man sich ' s überlegt : denselben Glauben wie die Ausländer haben wir ja nun mal - und darum mußte man während der Belagerung schon des Gesichts halber zu ihnen halten - aber das ist auch das einzige Gemeinsame . In allem übrigen sind sie uns doch ... fremd ... fremd ! « Er hatte nach dem letzten Wort gesucht und offenbar kein ausdrucksvolleres finden können . Nachdem er es aber ausgesprochen , wunderte er sich selbst über den Klang , den das Wort hatte . Mißachtung , Abneigung lagen ja darin ! Kuang yin hatte Tschun Unterkunft bis zum Antritt seines neuen Dienstes angeboten . » Einstweilen aber schau Dir die Stadt an - da gibt es jetzt Gelegenheiten , wie sie so bald nicht wiederkehren , « sagte er bedeutungsvoll . Tschun sagte darauf dem Onkel , er fürchte , ihm bei dem neuen Herrn wenig Ehre zu machen , denn er habe ja nichts von seinen Sachen retten können und besitze nur diesen einen Anzug . » In der Lage sind heute viele , « antwortete Kuang yin gleichmütig , » und doch wirst Du sie binnen kurzem in Seide und Zobel einhergehen sehen - ich sagte Dir ja schon : es gibt Gelegenheiten . « Und dann setzte er mit einem schlauen Blinzeln hinzu : » Abends , sobald ich fort kann , gehe ich auch . « Tschun wollte sich nun vor allem nach den Vettern umsehen , die in anderen Stadtteilen wohnten . Auf dem Weg zu Sin schen begegneten ihm anfänglich noch viele fremde Soldaten . Manche trieben laut singend Vieh und Schafe vor sich her . In dieser Stadt , wo alle Lebensmittel verschwunden schienen , hatten sie offenbar einen glücklichen Fund gemacht . Aber auch andere Fremde sah Tschun : Herren , meist zu Pferde , die ihm von früher bekannt waren , nur daß sie jetzt abgemagert und wie verwildert aussahen . Sie führten Leute mit leeren Karren bei sich . Wozu mochten sie die wohl gebrauchen ? Dann wurden die Ausländer seltener . Tschun kam nun in entferntere Straßen , wo Europäer und ihre Anhänger nicht wohnten . Hier war während der Boxerherrschaft wenig zerstört worden . Aber die Bewohner mochten wohl fürchten , daß durch den inzwischen eingetretenen Umschwung jetzt die Reihe an sie kommen könnte : Tschun sah manche mit angstvollen Gesichtern und spähenden Blicken vor ihren Häusern stehen , als ob sie Wache hielten , während andere , scheu und eilig , als fürchteten sie , überrascht zu werden , irgend etwas an den Türen zu arbeiten schienen . Was taten sie da ? Bereiteten sie besondere Verschlüsse ? Erwarteten sie neue Straßenkämpfe ? - Tschun konnte es nicht genau sehen , denn sie verschwanden , sobald sie in der Straße ein fremdes Gesicht gewahrten . - Aber in der nächsten Seitengasse wohnte ja Sin schen , den wollte er fragen - falls er ihn überhaupt noch vorfand - es waren ja so manche in dieser Zeit verschollen ! Doch sobald Tschun um die Ecke bog , sah er auch schon den Vetter vor seiner Türe stehen . Wie die anderen schien auch er irgend etwas daran zu arbeiten - und , ganz wie die anderen , wollte auch er verschwinden , sobald er einen Fremden nahen sah . Doch Tschun rief ihn an , und nachdem ihn Sin schen erkannt hatte , kam er auf ihn zu und begrüßte ihn so erfreut , daß es Tschun beinahe wunderte . - Und nun sah Tschun , was Sin schen und all die anderen so eifrig und verstohlen trieben : sie entfernten von ihren Türpfosten jede Spur der aufgeklebten feurigroten Papiere , deren schwarze Schriftzeichen die Insassen als treue Boxeranhänger bezeichneten ! Und Tschuns Erstaunen gewahrend , erklärte Sin schen : » Ja , siehst Du , es war die einzige Art , uns und unsere Habe in der Zeit zu retten . Wir alle hier haben es getan . Aber jetzt gilt es , die Dinger zu entfernen - sie könnten sonst unser Verderben werden . « Er hatte Tschun inzwischen in sein Haus geführt , und da gewahrte dieser eine seltsame Werkstatt : billige bunte Stoffe lagen am Boden , und sämtliche Angehörigen Sin schens fabrizierten daraus eifrigst allerhand Fähnchen in den Landesfarben der verschiedenen fremden Truppen . Die weiße japanische Flagge mit der roten Kugel war am leichtesten zu machen , und sie wurde in großen Mengen hergestellt . » Jetzt sollen diese Fähnchen über unsere Türen kommen , um uns vor den Fremden zu sichern , « erläuterte Sin schen , » ich habe übernommen , sie für die ganze Straße zu liefern . - Ach , und weißt Du , Tschun , « setzte er dann eifrig hinzu , » Du verstehst ja eine der Barbarensprachen , da könntest Du etwas für mich tun : schreib mir doch auf einen großen Zettel , daß ich ein guter Freund aller Fremden und Christen bin ! Den kleb ' ich auf den Türpfosten , dann plündern sie sicher nicht bei mir , wenn sie in unsere Straße kommen . « » Wo denkst Du hin ? « rief Tschun . » Die Fremden plündern doch überhaupt nicht ! « » Lieber Tschun , « erwiderte Sin schen bedächtig , » Heere der fremden Teufel sind schon einmal nach Peking gekommen , lang ehe Du geboren warst - damals haben sie den Sommerpalast ausgeplündert - sie werden auch diesmal wieder plündern . « Und dann setzte er beinahe entschuldigend hinzu : » Alle Menschen plündern . « Tschun mußte ihm schließlich den Gefallen tun , ein Papier mit den gewünschten Worten zu beschreiben . Er wurde dazu in ein rückwärts gelegenes Zimmer geführt . Da lagen allerhand geheimnisvolle Ballen , Stoffe und Pelze , aufgerollte Teppiche Auch Vasen standen da , die Tschun nicht kannte . Alles in einem wirren Durcheinander . Sin schen aber erklärte achselzuckend und mit einer weiten Handbewegung : » Was man selbst nicht nimmt , nehmen andere - alle Menschen plündern . « Nachdem Tschun das Schriftstück fertig verfaßt hatte , das Sin schen als Freund der Fremden beglaubigen sollte , konnte er sich nicht enthalten , ihn zu fragen : » Nun , und Deine eigentlichen großmächtigen Freunde , die sind wohl fort ? « » Du meinst den ehrenwerten Li lien ying , « sagte Sin schen . » Ja , der ist mit der Kaiserin fort . Leute aus seinem Haushalt sind nachher bei mir gewesen und haben mir davon erzählt . Es muß schrecklich gewesen sein , diese Flucht ! Früh , zur Stunde des Tigers , während eines schweren Gewitters , sind sie fort , die Kaiserin , der Kaiser und der Ta a ko . Und denk ' Dir , nur drei ganz gewöhnliche Maultierkarren hatten sie - und die gnadenreiche Gegenwart trug ein Baumwollkleid wie die Landfrauen , und die chinesische statt der mandschurischen Haartracht , um nicht erkannt zu werden . Im letzten Augenblick hat die Perl-Konkubine , die ja immer vorlaut war , die Kaiserin beschworen , den Kaiser nicht mit sich zu nehmen , sondern ihn in Peking zu lassen , damit er den Frieden mit den Fremden schließe . Na , aber da ist sie übel angekommen ! Tzü Hsi war in dem Augenblick wohl überhaupt nicht in der Stimmung , Ratschläge anzunehmen - und natürlich witterte sie auch gleich , trotz aller Aufregung der Stunde , welche Pläne von Kwang Hsüs Partei sich hinter diesem Vorschlag bargen - da hat sie denn , kurz entschlossen , wie sie ja immer war , die Perl-Konkubine wegen unbefugten Redens durch Li lien yings Leute augenblicklich in einen der tiefen Brunnen werfen lassen - alles Flehen und Weinen des Kaisers hat nichts genutzt . - Ja , und dann sind sie davongefahren , durch die Tore der militärischen Tüchtigkeit und des Sieges . « » Wenig geeignete Namen beim Antritt so kläglicher Reise , « meinte Tschun gleichmütig . » Ja , wirklich beklagenswert , « sagte Sin schen , » daß die Kaiserin fliehen muß in einem Alter , das doch dem niedrigst Geborenen Anspruch auf Ehrerbietung verleiht ! « » Aber bedenk doch , was sie durch ihre Verblendung über das ganze Land für Unglück gebracht hat , « entgegnete Tschun . » Sie wird nicht am meisten leiden für das , was sie angerichtet hat . « » Ach , « sagte Sin schen , » ihr wird jetzt alles aufgebürdet , aber ich weiß doch von Li lien ying , daß es ganz anders zugegangen ist . Während dieser letzten Wochen ist Tzü Hsi zwischen Tuan und Yung Lu hin- und hergezerrt worden , immer schwankend , wer von beiden recht habe . Aber doch hat Tuan sie nie dazu bestimmen können , den endgültigen Befehl zum allgemeinen Angriff aller Truppen zu geben , und er hat auch nie von Yung Lu die schweren Belagerungsgeschütze erhalten , um die er getobt und geschrien hat ! Sonst stände es heute anders ! Jeder Widerstand wäre umsonst gewesen , und alle fremden Teufel wären vernichtet . « » Vergiß nicht , daß Du von Deinen neuen Freunden sprichst , « sagte Tschun lachend , » na , es freut mich aber , daß Du doch wenigstens nicht mehr an die übernatürlichen Kräfte der Boxer zu glauben scheinst . « Sin schen machte eine wegwerfende Gebärde . » Nein , das war natürlich Kindergeschwätz und ihre Gewalt nicht gewichtiger wie Blumenstaub . « Als Entgelt für das Schutzschreiben erhielt Tschun von Sin schen etliche neue seidene Gewänder . Es war hoher Lohn für geringe Mühe - aber sie kamen dem Vetter selbst ja auch nicht teuer zu stehen . Kuang yin hatte recht . Diese Zeit bot seltene Gelegenheiten . Und weiter ging nun Tschun durch die Stadt . Die Straßen waren jetzt bei nahender Dämmerung voller geworden . Einzelne Gestalten mit Säcken über den Schultern tauchten verstohlen auf , huschten eilig vorbei . Auch ganze Haufen kamen daher gezogen . Leute mit bösen Aeuglein und hart entschlossenen Zügen , die sich zu irgendeinem schlimmen Tun zusammengerottet hatten . Manchmal fielen irgendwo vereinzelte Schüsse . Schmerzensschreie , Hilferufe erschallten hier und dort , erstarben rasch erstickt , unbeachtet . Keiner kümmerte sich um des anderen Not . Jeder hatte eigene Wege und Zwecke . Rache und Gier waren mit der einbrechenden Dunkelheit aus