, auf dem sie gestanden , war leer . Ihre Trümmer lagen in weitem Kreise zerstreut . Sie hatte bei diesem hannibalischen Schusse mehr geleistet , als man von ihr verlangte , hatte nicht nur nach vorne gegen den heiligen Zeno geschossen , auch nach rechts und links und nach hinten hinaus gegen den heiligen Peter . Die drei Feuerwerker lagen als regungslose Menschenpartikel in einer roten Lache . Doch drüben bei der feindlichen Schanze hallte das Siegesgeschrei der Stürmenden . Jetzt ein kurzes , wunderliches Schweigen . Dann folgte ein wirrer Lärm , der sich mischte aus Zorngeschrei und Gelächter . Hinter der niedergebrochenen Tormauer lag ein Toter ; sonst fanden die Sieger den Wallgang und das Mauthaus völlig geräumt . Nur die zwölf dräuenden Faustbüchsen waren noch da - hölzerne Brunnenröhren , die man mit Mennige rot angestrichen hatte . Und von der Schanze dehnte sich ein grüner , das ganze Tal von Wand zu Wand erfüllender See auf dreihundert Schritte hin . Der Feind hatte den Schwarzenbach durch einen Felsenwall gestaut und eine neue , feste Verschanzung hinter dem angelaufenen See errichtet , der das Land des heiligen Zeno vor jedem Einfall mit Rossen und schwerem Kriegsgerät behütete . Draußen auf dem See , schon an die hundert Schritt weit , ruderte die kleine Besatzung der Mautschanze auf einem Balkenfloß der neuen Befestigung zu . Unter dem Geschrei der siegreichen Stürmer traten die Gadnischen Armbruster und Faustschützen an . Es schnurrte und knallte . Ein Hagel von Bolzen und Bleikugeln flog in den See hinein . Die Menge tat ' s. Als die Floßbalken den Stauwall erreichten , trugen sieben leidlich gesunde Leute vier Schwerverwundete an das neue Ufer des heiligen Zeno . Den Siegern blieb geringe Arbeit . Zu rauben gab es nichts . Man steckte das kleine Mauthaus in Brand und begrub die drei Köpfe mit kummervollen Gesichtern . Den Mann , den der heilige Zeno verloren hatte , warf man in den neuen See , um für die nahe Berchtesgadnische Schanze die Luft nicht durch Verwesung verpesten zu lassen . Weiteren kriegerischen Unternehmungen war vorerst ein unbezwingbarer Riegel vorgeschoben . Über die steilen Waldgehänge des engen Tales brachte man weder Karren noch Roß hinüber . Und kletternde Fußknechte wären ein leichtes Ziel für die feindlichen Faustschützen und Armbruster geworden . Doch es war diesem sperrenden See , der dem heiligen Peter den Siegeslauf behinderte , auch etwas Gutes nachzusagen . Wie die Gadnischen da nicht hinüberkamen , so kam die Kriegsfurie der Herren von Hall auch nicht herüber . Man brauchte also in der Berchtesgadnischen Mautschanze keine große Besatzung zurückzulassen und konnte die Hauptmacht für die Ereignisse sparen , welche die Haller vermutlich an andrer Stelle vorbereiteten , weil sie hier am Schwarzenbach mit ihren Kräften so vorsichtig geknausert hatten . Die drei Feuerwerker , denen der Heldentod beim letzten Knall der Annasusanne zu einem schnellen und schmerzlosen Vorgang geworden war , bekamen am Schwarzenbach ein gemeinsames Grab und Kreuz . Und so zog der heimkehrende Haupthaufe des heiligen Peter am Abend zu Berchtesgaden nur mit einem einzigen Blessierten ein , der ohne Helm geritten kam und auf soldatischem Leib einen jungen Frauenkopf mit weißer , nach aufwärts gerutschter Kinnbinde zu tragen schien . Der Verlust der Kammerbüchse erregte in Berchtesgaden große Bestürzung bei Herren und Volk . Doch die Not ist ein Schmied , der die Schwachen zu Starken hämmert . Noch am Abend meldeten sich beim Propste zwei mutige Männer : ein Wagenschlosser , der eine neue Anna aus eisernen Stäben und Ringen schweißen wollte , und ein Erzformer , der eine neue Susanne aus Kupfer und Zinn zu gießen wagte . Weil es für solchen Guß an Speise fehlte , warf man noch vor Nacht eine schadhafte Glocke vom Turm der Pfarrkirche herunter . Trotz der Hilfe , die sich da zeigte , blieb Herr Peter Pienzenauer sorgenvoll . Ein Späher hatte am Abend zwei Nachrichten gebracht , eine gute und eine böse . Die andächtigen Bittgänger aus der Ramsau , nachdem sie bei der Sperrung des Schwarzenbachtales um ihrer selbst willen kräftig mitgeholfen hatten und jetzt neben den Stiftsmauern zu Hall in Bretterschuppen und Zelten hausten , weigerten sich hartnäckig , mit bewaffneter Hand an einem Fehdezug gegen den heiligen Peter teilzunehmen ; sie wollten nur fromm und gläubig zum heiligen Zeno beten , ihr Vieh betreuen und bessere Zeiten abwarten ; sonst nichts . Das war die gute Nachricht , die einen Fehler in der staatsmännischen Rechnung des Franzikopus Weiß bedeutete . Aber sie stand in logischem Zusammenhang mit der bösen Kunde , daß Franzikopus am Morgen in Begleitung eines mit reichen Geschenken vollgepfropften Wagens nach Burghausen gezogen wäre , um Beistand bei Herzog Heinrich zu erflehen . Goldene Geschenke pflegten in Burghausen immer zu wirken . Und da würde wohl eine hübsche Teilung beredet werden . Die Ramsau für den heiligen Zeno , das Land zwischen der Plaienburg und Bischofswies , vielleicht das ganze Gadnische Gebiet für Herzog Heinrich ? Propst Peter dachte in dieser Sorge an das gute alte Sprichwort : Stärker als zwei Wölfe ist der Bär . Von den österreichischen Schirmvögten , die in der Ferne wohnten und mit den Hussiten zu schaffen hatten , war Hilfe in kurzer Frist nicht zu erwarten . Und Salzburg würde keinen Beistand leisten ohne schwere Verpfändung . Nur eine Hilfe gab ' s : Man mußte den Bär über die Wölfe hetzen . Ein verläßlicher Bote mußte reiten ! Noch in der Nacht ! Auf weitem Umweg durch das Straubinger Land nach Ingolstadt , zu Herzog Ludwig im Bart ! Fürst Peter wußte unter seinen Chorherren keinen , der ihm für solch einen gefahrvollen Ritt verläßlich genug erschien . Doch der bisherige Verlauf dieses Ochsenhandels hatte ihn bereits aufmerksam gemacht auf ' eine neue Kraft , in der sich Jugend und Besonnenheit miteinander zu paaren schienen . Es war schon dunkle Nacht geworden . Klirrende Wachen machten die Runde , und in den Werkstätten des Stiftes wurde noch fieberhaft gearbeitet . In der Marktgasse hatten die vor den Schrecken des Krieges zitternden Bürger sich schon in ihre Häuser verkrochen und saßen hinter verriegelten Türen und geschlossenen Fensterläden . Nur an einem einzigen Haus der Marktgasse strahlte noch rötlicher Lichtschein aus einem Fenster zu ebener Erde . Herr Ruppert Someiner , seit vierzehn Tagen von einem krankhaft erscheinenden Ameisenfleiß befallen , saß zu später Stunde noch in seiner Amtsstube , addierte die neuen Schulden des Stiftes zu den alten und stöberte in vergilbten Pergamenten nach eingeschlafenen Rechten , die man wieder aufwecken und zu einem Goldsegen für das Stift verwandeln könne . Gefunden hatte er noch nichts . Doch von seiner ruhelosen Arbeit erwartete er mit Zuversicht einen raschen und mirakulösen Aufschwung des Berchtesgadnischen Landes . Er war in eine Urkund aus alten Reiten , so vertieft , daß er den Klöppelschlag am Haustor , den Schritt des Knechtes und das Klirren des Riegels überhörte . Als die Tür der Amtsstube sich öffnete und Fürst Peter im Licht der Lampe stand , verlor der Amtmann vorerst die Sprache . Und bevor ihm die Fähigkeit zurückkehrte , von seinen Goldmacherplänen zu reden , winkte der Propst mit der Hand . » Bleib , Ruppert ! Bleibe bei deiner wichtigen Arbeit ! Ich suche deinen Sohn . Wie geht es ihm ? « » Der Arm - sssssein Arm - « , Someiner , der seit vierzehn Tagen erschreckend abmagerte , schien auch vor der Gefahr zu stehen , ein Stotterer zu werden . » So ? « nickte der Fürst . » Besser , also ? Dann laß dich nicht stören , mein fleißiger Ruppert ! Ich finde schon hinauf . « Jede Antwort abschneidend , zog der Propst die Türe zu . Droben , am Ausgang des Treppenschachtes begegnete er der weißen , aufgeregten Frau Marianne , die der Knecht von dem hohen Besuch , der ins Haus gekommen , verständigt hatte . Man sah ihr an , wie schwer sie unter dem schweigsamen , aber um so schmerzhafteren Kriege gelitten hatte , der seit zwei Wochen im Hause war und Vater und Sohn entzweite . Beim Anblick des Fürsten schoß ihr gleich wieder der Gedanke an eine neue Gefahr ins Herz . Auf die Frage des Propstes , wie es dem Kranken ginge , klagte sie : » Ach , gnädigster Herr , mit dem Buben hab ich ein Kreuz ! Sein Arm , gottlob , der wird ja wohl bald wieder gut . Aber seine Seel will nimmer heilen . Allweil ist er so ein heller und froher Mensch gewesen . Jetzt ist er ein völlig andrer . Ist reizbar und jähzornig und hat kein Lachen nimmer . Die bösen Zeitläuft müssen ihm auf dem Herzen liegen wie ein Berg . « Fürst Peter nickte stumm . » Ich kenn mich in dem Buben schier nimmer aus . Ach , Herr ! Noch nie ist ein böser Wunsch in mir gewesen . Aber den heiligen Zeno möcht ich jetzt am liebsten hinausschelten aus dem Himmel - Gott verzeih mir die Sünd ! « Frau Marianne öffnete die Stubentür und sagte sanft : » Schau , Bub , der gnädigste Herr ist da ! « Lampert , den linken Arm in schwarzer Binde , saß unter den flackernden Kerzen des Eisenreifens am Tisch , vor dem Kriegsbuche des Abraham von Memmingen . Er hob das ernste , blasse Gesicht mit den tiefliegenden Augen , die in schlaflosen Nächten heiß geworden . Beim Anblick des Fürsten sprang er vom Sessel auf . » Wie geht ' s dir , Lampert ? « » Gut , Herr ! « Lampert nahm den Arm aus der Binde . Seine Mutter wurde blaß und machte ihm hinter dem Rücken des Fürsten abwinkende Zeichen . Doch Lampert sprach weiter : » Bin ich nötig , so kann ich morgen in den Sattel steigen . « Es lag noch immer ein rauher Schleier um seine Stimme ; und wenn er sprach , kam immer wieder ein leichter Hustenstoß , wie von einem quälenden Reiz in der Kehle . » Mein rechter Arm ist gesund , der linke wird ausreichen für den Zügel . « » Das hör ich gern . Aber dich brauche ich zu einem besseren Ding als zum Dreinschlagen . Hältst du dich kräftig genug für eine weite und anstrengende Reise ? « Frau Marianne hatte keinen Tropfen Blut mehr im Gesicht . Lampert reckte sich . » Für alles , was nötige Arbeit ist ! « Diesem peinvollen Zerwürfnis mit dem Vater zu entrinnen , der ruhelosen Ängstlichkeit seiner Mutter und den quälenden Gedanken seiner untätigen Einsamkeit entrückt zu werden - das war wie Erlösung für ihn , wie Erfüllung einer brennenden Sehnsucht . » Frau Marianne « , sagte der Fürst , » geh und richte , was dein Sohn für eine Reise braucht , die eine Woche dauern kann . In einer Stunde wird er reiten müssen . « » Reiten ? « stammelte die Amtmännin . » In Feindesland ? « » Nein , gute Mutter ! « Der Propst lächelte . » Zur Beruhigung deiner Gluckenseele schicke ich deinen Sohn in friedsame Gegend . « » Mutter « , fiel Lampert in Erregung ein , » ich bitte dich - das eilt . « » Ja , ja , ja , Bub ! So schau , ich geh doch schon ! « Frau Marianne huschte davon und klammerte sich an den Trost von der friedsamen Gegend , obwohl sie nur halb an diese Verheißung glaubte . Während sie in Lamperts Stube den Mantelsack und die Satteltaschen , packte , die nötigste Zehrung in einen Lederbeutel tat und sechs Goldstücke einzeln in den Saum des Wamses nähte , hörte sie unablässig aus der Wohnstube herauf den leisen Summ der beiden Männerstimmen . Was die zwei da bereden mochten ? Frau Marianne hätte in der Qual ihrer Muttersorge ein Mäuschen sein und sich durch den Kammerboden hinunterbeißen mögen , um lauschen zu können . Bei solchem Wunsche wurde sie von einer galligen Erbitterung befallen . Diese Zeiten ! Und diese Menschen , diese Narren , diese Ochsen ! Und weil sie nicht wissen , was Redlichkeit und Frieden heißt , weil sie Torheit und Schlechtigkeit aufeinanderbauen wie Kinder die hölzernen Klötzlein , drum muß eine Mutter ihren Sohn , den sie mit Schmerzen geboren , den sie mit aller Zärtlichkeit einer guten Seele umklammert , hinausreiten lassen in Not , Gefahr und Elend ! Bei finsterer Nacht ! Denn daß da draußen der Vollmond freundlich schimmerte , das sah Frau Marianne in ihrem sorgenvollen Zorne nicht . Sie sah nur die schwarzen Dinge des Lebens und dachte : Wenn es nach Meinung der Mütter ginge , dann gäbe es bald keinen Krieg mehr , und ewiger Friede wäre auf der schönen Erde . Da sollten sich die Mütter einmal zusammentun , wie die Fürsten ihre Heerhaufen sammeln . Und sollten diesen unsinnigen Mannsbildern und Streithammeln so lange , die naßkalten Putzfetzen um die Ohren schlagen , bis sie zu Vernunft und friedlicher Besinnung kämen . Als Frau Marianne ihr mütterliches Fürsorgewerk vollendet hatte und hinunterkam zur Tür der Wohnstube , klangen da drinnen noch immer die zwei Männerstimmen . Sie wagte nicht einzutreten . Doch in dieser brennenden Minute ihrer Muttersorge hielt sie es für keine unschöne Sache , an der Tür zu lauschen . Nur lauschen ? Frau Marianne war eine von jenen Müttern , die fähig sind , für Wohl und Glück ihres Kindes das schwerste Verbrechen zu begehen und dabei des Glaubens zu sein , daß sie einem heiligen Gebot gehorchen . Sie hörte Herrn Peter Pienzenauer mit ernsten Worten sagen : » Nein , Lampert ! Als redlich fühlender Mensch magst du recht haben : Der Anfang dieses üblen Handels war eine Torheit , die man hätte vermeiden können . Aber nun sind die Dinge so , wie sie sind . Und da muß ich denken und fühlen als Fürst . Stehen große Werte auf dem Spiel , so scheiden Mitleid und Barmherzigkeit mit einzelnen Menschenschicksalen völlig aus . Nach dem , was du mir jetzt über den Runotter sagtest , denk ich anders von diesem wunderlichen Manne als vor einer halben Stunde noch . Aber das zählt nicht mehr . Ein paar Menschen ? Was gut das ? Jetzt muß ich mich wehren um mein Land . Und ich hoffe , da kann ich mich auf dich verlassen ? Nicht ? « » Ja , Herr ! Mit Leib und Seele ! « klang Lamperts heisere Stimme . » Aber den Gedanken , daß wir an einem Karren ziehen , der mit einem Wirrsal von Recht und Unrecht beladen ist , bringe ich nicht mehr aus mir heraus . Freilich , die andern da drüben , die machen es nicht anders als wir . Aber immer muß ich mich fragen , wie Gott das geschehen lassen kann , daß aus dem Unverstand einer Stunde das Elend vieler Jahre und das Leiden von tausend Menschen wachsen darf . « Frau Marianne hörte ein kurzes Lachen und dann die Stimme des Fürsten : » Da bin ich überfragt . Und du , Lampert , du bist sehr neugierig , mehr , als nötig ist für die Ruhsamkeit eines Menschenlebens . « » Herr ? « » Was ? « » In finsteren Nächten muß ich mich immer fragen , ob Gott , während die Menschen sinnlos hadern , in kühlem Schatten ruht oder in heißer Sonne liegt . « Ein kurzes Schweigen . Und in Mutter Marianne schlugt das angstvolle Herz wie ein schmerzender Hammer . » Lampert ? - Das ist eine seltsame Frage . Vielleicht versteh ich sie . Vielleicht auch nicht . Im kühlen Schatten ruhen die Müden , in heißer Sonne liegen die Trägen . Das sind Eigenschaften des Lebens . Wenn Gott unermüdlich und immer werksam ist , dann müßte ihm das träge , müde Leben eine ferne , gleichgültige Sache sein ? Nein ! Lassen wir das ! Da sind Abgründe . Gott hat uns Wahrheit gegeben . Manchmal fühle ich , wie du , daß sie nicht ausreicht . Aber bessere Wahrheit kann ich als Mensch nicht finden . So muß ich warten , bis Gott sie mir sagt . Schweigt er , so bleib ich ohne Neugier und nehme in Licht und Dunkelheit die Dinge des Lebens so , wie sie mir erscheinen . Aber solche Worte sind unfruchtbar wie alte Frauen . Und die Stunde drängt . Geh und sieh , Lampert , wie weit deine Mutter mit der Arbeit für deine Reise kam ! « Erschrocken , mit verstörten Augen , trat Frau Marianne rasch in die Stube und sah , wie Lampert einen gesiegelten Brief , der auf dem Tische lag , an seiner Brust verwahrte . » Alles fertig ! « stammelte sie . » Ist alles schon fertig ! « » Brav , Mutter Marianne ! « Der Propst legte ihr lächelnd die Hand auf die Schulter . » Und ganz ohne Sorge ! Ich habe deinem Sohne sicheres Geleit verschrieben . Und gebe ihm von meinen Hofleuten den verläßlichsten mit , den Marimpfel . « » Nein , Herr ! « sagte Lampert hart . » Den nicht ! Ich nehme Heber den Stallknecht meines Vaters mit . Das ist ein guter und froher Mensch . Aber um drei feste Pferde muß ich bitten . Von unsern Gäulen ist nur der Moorle zu brauchen . Den reit ich , so lang er aushält . « Fürst Peter nickte . Dann sagte er schmunzelnd : » Bei so langem Ritt in den Mondnächten wirst du Zeit haben , um über die Wahrheit nachzudenken , von der wir sprachen . Bringst du was heraus dabei , so sag mir ' s , wenn du wieder heimkommst ! Ich werde dir dankbar sein . Und jetzt eile dich , daß du in den Sattel kommst ! Gott soll dich schützen auf der Reise - Gott , von dem ich auch nach diesem bösen Ochsenhandel noch glauben werde , daß er nicht trag ist und seiner Liebe nicht müde wird . « Als Herr Pienzenauer das Haus verlassen hatte , blieb hinter ihm ein hetzendes Gewimmel . Nur Vater Someiner - als er vernahm , um was es sich handelte - beteiligte sich nicht an diesem Aufruhr und kehrte mit dem Anschein unerschütterlicher Ruhe zu seinen Pergamenten zurück . Sein abgemagertes Gesicht war gelb . Er empfand diese dunkle , zwischen Lampert und dem Fürsten spielende Vertraulichkeit , von der er sich ausgeschlossen sah , als eine neue , schwere Kränkung . Und der Sohn begann in des Vaters Augen zu einem wühlenden Feinde zu werden , der ihn aus Amt und Würden wie aus der Gnade des Fürsten zu verdrängen suchte . Vom Stifte wurden drei gute Pferde geschickt . An zweien war Packung und Sattelzeug mit grauen Reiseschabracken überschnallt . Mutter Someiners Abschied von Lampert wurde eine lange und harte Sache . Als der Sohn sich vom Vater verabschieden wollte , erhob sich der Amtmann gar nicht von seinem heiligen Sessel . Er nickte nur und sprach : » Ja , ja , schon gut ! Reit nur ! Auf der hohen Schul zu Prag ist wohl doziert worden , wie man sich schön Kind macht bei seinem Fürsten ? « Wortlos schwang Lampert sich in den Sattel , faßte mit der rechten Faust den Zügel und legte den linken Arm wieder in die schwarze Binde . » Leb wohl , Mutter ! « Als die Pferde im Mondschein über das grobe Pflaster davonklapperten , kam es in der Amtsstube zwischen Frau Marianne und ihrem Gatten zu einem fürchterlichen Auftritt , der für die sorgenvolle Mutter mit heißen Tränen und für den tiefgekränkten Fürstendiener mit einem vernunftwidrigen Tobsuchtsanfall endete . Zwischen dem heiligen Peter und dem heiligen Zeno stand der Krieg erst vor der Entwicklung . Doch in dem einst so friedsamen Hause Someiner schlug die um der Ochsen willen aufgebrochene Fehde bereits ihre grimmigen Schlachten . 9 In der gleichen Vollmondnacht , in welcher Lampert Someiner dem Salzburger Grenzwall am Hangenden Steine zujagte , erreichte Franzikopus Weiß mit seinem Gesandtschaftswagen das steile Ufer der Salzach . Die Räder knatterten sanft auf schöner Straße . In Herzog Heinrichs Landen gab es gut gepflegte Wege . Die hatte er nötig für seine vielen Truppenzüge . Auch sonst noch hatten diese guten Straßen einen Nutzen . Sie lenkten fast den ganzen italienischen Handel durch niederbayrisches Gebiet und zu Herrn Heinrichs ertragsreichen Mautschranken . Viel Geld verdiente er an diesen guten Straßen , die seine fronenden Bauern bauen und erhalten mußten . Und in keinem Reichsland gab es Wege , die so sicher waren . Machte sich ein Straßenräuber unliebsam bemerkbar , so hatte er flink die Harnischreiter Herzog Heinrichs auf den Fersen und wurde ohne juristische Umständlichkeiten an den nächsten Baum befördert . Der unversöhnliche Vetter Ludwig zu Ingolstadt , der kein Freund von Todesurteilen war , hatte über den Vetter Heinrich das bissige Wort geprägt : » Zu Landshut und Burghausen henkt man , wie man im Spittel hustet ! « Aber die Handeltreibenden rühmten es dem Herzog Heinrich nach , daß man in seinem Lande reise wie in einem Rosengarten . Freilich , viele rote Blutrosen hatten im Straßenstaube blühen müssen , bis der niederbayrische Rosengarten so sicher wurde . Auf solch einer sicheren Straße konnte auch Franzikopus reisen , ohne viel Geleit zu führen . Er hatte nur zwei gewaffnete Reiter und zwei dienende Brüder mit aufmerksamen Gesichtern bei sich . Seine beiden Läufer hatte er schon am Nachmittage vorausgeschickt , um dem Herzog seine Ankunft melden zu lassen . Das Geschäft , das Franzikopus brachte , war es wert , daß Herr Heinrich für eine halbe Nacht des Bettes vergaß . Von der hohen Waldböschung , über die sich die Straße zum Tal der Salzach hinuntersenkte , konnte man im hellen Mondlicht die befestigte Stadt Burghausen , Herzog Heinrichs Sommerresidenz , gut überschauen . Gleich einer langen steinernen Schlange zog sich da drüben die Doppelzeile der Bürgerhäuser am Ufer des rauschenden Flusses hin . Zwischen den Dächern stand die Pfarrkirche wie ein hochgewachsener Hirte zwischen kleinen Schafen . Von der Salzach bog sich ein breiter Wasserarm um den steilen Schloßberg herum , auf dem sich mit Wällen , Palisaden , Mauern , Türmen und vielen Dächern das herzogliche Schloß erhob gleich einer zweiten kleinen , langgestreckten Stadt , die von fünf Schluchten in sechs getrennte , durch Fallbrücken verbundene Festungen zerschnitten wurde . Die vielen Dächer waren überleuchtet vom friedlichen Glanz des Mondes . Kleine Fenster schimmerten wie blanke Silbermünzen ; andre , hinter denen noch Licht war , blinkten rötlich wie Sterne bei dünnem Nebel . Vor dem untersten Burgtor kletterte Franzikopus aus dem Wagen und ließ einen schön geschnitzten , mit blauem Stahl beschlagenen Schrein herausheben , der die Geschenke des heiligen Zeno von Reichenhall enthielt . Seinen Troß mußte der Kaplan bei der Torwache zurücklassen . Zwei Soldknechte des Herzogs trugen den Schrein . Auf langem Wege ging es durch fünf Burghöfe , die beim Geflacker der Pfannenfeuer von Wachen wimmelten . Es ging vorbei an hohen Kornkammern , Haferkästen und Arsenalen . Fünf Zugbrücken fielen vor Franzikopus und stiegen hinter ihm wieder auf . Unter dem Tor des Schloßhofes empfing ihn der Kastellan , führte ihn zu einer trüb erleuchteten Halle und verschwand , um den Gast bei Herzog Heinrich zu melden . Während Franzikopus in einem Lehnstuhl ruhte , überlegte er seine Anrede . Die ersten Worte verlangten Vorsicht . Sprach man den Herzog lateinisch an , so wurde er verdrießlich , weil er kein Latein verstand und das bekennen mußte . Und begrüßte man den Herzog in deutscher Sprache , so wurde er ärgerlich bei dem Gedanken : » Der redet Deutsch , weil er weiß , daß ich Lateinisch nicht verstehe . « Franzikopus grübelte . Inzwischen stieg der Kastellan über zwei Wendeltreppen hinauf zu einem weißen , kahlen Korridor , dessen einziger Schmuck aus großen Hirschgeweihen bestand ; Herzog Heinrich war ein leidenschaftlicher Jäger , der in seinen Wäldern das Hochwild überreichlich hegte und den Bauern nicht erlaubte , daß sie Hunde hielten oder ihre Felder durch Zäune schützten . Eine schmale , niedere Tür führte zu einem großen , vielfenstrigen Raume . Rote Kerzen brannten mit starkem Harzgeruche auf vier Hirschgeweihen , die an eisernen Ketten unter der Balkendecke hingen . Um die Wände zog sich mannshoch eine braune , plumpe Täfelung mit Bänken und schweren Kästen . An der Mauer , die über diesem Holze frei blieb , war kein Bild , kein Schmuck , keine Kostbarkeit , nur eine Reihe handwerksmäßig gemalter Wappenschilder mit Spruchbändern . Auf jedem dieser Bänder wiederholten sich in großer Schrift die gleichen drei Worte : » Denk des Loys ! « Stühle wie in einer Bauernstube . Und in der Mitte des Raumes stand ein großer , schwerfälliger Tisch mit Papierrollen , Urkunden und Plänen , mit kleinen Modellen von Schanzen , Kammerbüchsen und hussitischen Heerwagen . An diesem Tasche , schreibend , saß ein Kahlköpfiger in schwarzem Ordenskleid , Nikodemus , des Herzogs geheimer Rat und kluger Finanzmann . Und neben dem Tische - mit den Fäusten am Gürtel , in roten Strumpfhosen und grauem Kittel , der nach Art der Bauernröcke geschnitten und mit Marderpelz gesäumt war - ging Herzog Heinrich auf und nieder , ein kleiner , frischer , brauner Herr von fünfunddreißig Jahren , zart gewachsen und flink beweglich , mit steil herausstechender Nase , mit den Aderwülsten des Jähzornigen an Hals und Schläfen . Dickes , streng gescheiteltes Schwarzhaar , das in kräuseligen Wülsten nach beiden Seiten strebte , umschattete das schmale , olivenfarbene Gesicht , aus dem die Augen eines Menschenverächters dunkel , stolz und lauernd herausbrannten . Er glich einem Südländer . Von seinem Urgroßvater . Kaiser Ludwig wiederholte sich kein Zug an ihm . Alles an Heinrich kam aus dem Blute seiner zierlichen Mutter Maddalena , die ein Kind des Barnabas Visconti war . Dieser kleine Herzog , ein großer Fürst und kühner Kriegsmann , schien so scharf zu hören wie ein Iltis . Bevor die Tür sich öffnete , hatte er schon den leisen Schritt des Kastellans vernommen . Und kaum schob der alte Mann den Kopf zur Türe herein , da fragte Herr Heinrich : » Kam er ? « » Ja , Herr ! « » Wie sieht er aus ? « Der Kastellan zögerte mit der Antwort . » Wie einer , vor dem man sich hüten muß . « » Dann flink herauf mit ihm ! « Der Herzog wurde heiter . » Gott soll ' s , wollen ! « Bei der Türe fragte der Alte : » Soll man ihm Dach und Zehrung im Schloß bieten ? « » Nein ! Der soll in der Herberg bleiben . Da verdient der Leutgeb , und ich spare mein Geld . « Der Kastellan wollte gehen . Da klang durch die offene Tür , vom Korridor herein , ein tollendes Kinderlachen , das immer näher kam . Der Herzog fuhr auf : » Was soll das ? Warum ist der Junge zu so später Stunde nicht im Bett ? « Das feine , helle Lachen war schon nahe vor der Türe . Dazu klang eine leise , ängstliche Mädchenstimme : » Kind , Kind , Kind ! « Lachend kam was Kleines über die Schwelle gewirbelt , in langem Hemdlein und mit nackten Füßen , ein vierjähriges Bübchen , gesund und kräftig , das glühende Gesichtl von wirren Locken umflogen . In Zorn schrie der Herzog : » Man soll das pflichtvergessene Weibsbild stäupen und hinauswerfen ! « Erschrocken blieb das Bübchen stehen . Bei seinem Anblick schmolz der Zorn des Vaters . Er raffte einen schwarzen Mantel auf , der über der Lehne eines Sessels hing , umhüllte den Knaben , trug ihn zum Tisch und stellte ihn auf die Platte , so daß die Gesichter der beiden einander gegenüber waren . Eine junge Magd mit bleichem Gesicht wollte eintreten ; auf der Schwelle wurde sie zurückgezogen , und es erschien eine fünfundzwanzigjährige Frau , schlank , mit einem roten , pelzverbrämten Mantel über dem dünnen Nachtgewande . Scheue , verschüchterte Augen glänzten groß in dem blassen Rundgesichtchen dieser Frau , die mit siebzehn Jahren zum ersten Male Mutter geworden und nach acht Geburten in sieben Jahren schon vorzeitig zu altern drohte . Der Schreck vor dem Muttergespenste war in diesem kindhaften Frauenblick . Zwei Söhne starben im ersten Lebensjahr ; zwei Söhne kamen verfrüht und tot zur Welt . Drei Mädchen lebten . Und dieser gesunde , blühende Knabe . Lautlos war der Kastellan davongegangen . Und Nikodemus verschwand durch eine Seitentür , die man , als sie geschlossen war , in der Täfelung nicht mehr sah . Herzogin Margarete , weil der Gemahl ihre Nähe nicht zu bemerken schien , blieb scheu und fröstelnd bei der Mauer stehen . Herr Heinrich hatte die Hände unter den Mantel geschoben , der das Kind umhüllte , knutschte vergnügt das kräftige Körperchen des Knaben und fragte mit gespielter Strenge : » Du Wildfang , warum schläfst du nicht ? Kinder , die gesund sein wollen , müssen schlafen . « Leise sagte das Büblein : » Hab zum Vatti wollen . « Die Augen des Herzogs glänzten auf . Seine Stimme blieb streng . » Zum Vatti sollst du kommen , wenn die Sonne scheint . Jetzt stehen Mond und Stern am Himmel . Da sollst du schlafen . « Er küßte den Knaben auf die Wange , und seine Stimme verwandelte sich . » Jung , hast du mich lieb ? « Lachend streckte das Kind die Händchen nach Haar und Nase des Vaters . Der fragte heiter : » Wer bin ich ? « » Vatti . « » Ja .