der in der gleichen Zeit , da die andern einen Schritt machten , leichtlich seine drei haxelte . Wo wir gingen , liefen Kinder hinter uns drein und reichten uns kleine Päcklein mit Kupfermünz ; Männer nickten uns wohlwollend zu , und die Weiber und jungen Mädchen sahen neugierig aus den Häusern und blickten uns lange nach . Abends machten wir endlich vor einem grauen , verwitterten Hause halt , und der Magister führte uns durch einen dunklen Gang in ein niederes Lokal , das von Rauch und Qualm , von Lärmen und Geschrei erfüllt war . Bei unserm Eintreten wandten sich die meisten der an langen , schmutzigen Tischen sitzenden Gäste blitzschnell nach uns um ; etliche zogen sich eilends in einen dämmerigen Winkel hinter dem mächtigen Ofen zurück und blickten scheu und forschend nach uns . Der Magister aber begann sogleich , diesen oder jenen in seiner welschen Sprache zu begrüßen , schob uns eine Bank zurecht und verlangte vom Herbergsvater befehlend Speis und Trank . Warf auch gleich einen Gulden auf den zinnernen Teller am Schanktisch und begehrte ein Nachtlager für alle vier . Der Wirt , ein buckliger , alter Tropf mit rinnenden Augen und langen Krallen an den Fingern , kam schlürfend in einem schmierigen Leinenkittel aus seinem Verschlag und stellte jedem von uns ein Glas Branntwein hin , langte einen Brotlaib aus dem Wandschrank und sagte : » Was is gfällig , meine lieben Leut ? - Frische Gselchte hab i , oder Fleischknödl ; a Voressen oder a Bröckerl Käs is aa no da . - Geht wohl so alles auf eine Rechnung , Herr Magister ? « » Aber freilich , Vater Kaspar ! « rief da der Gsell ; » solang wir grandig Kis scheften , ist jeder unser Brißger ! « Da stieß mich der Bäcker an : » Hast es ghört , Hiasl ! Solange er hübsch Geld hat , sagt er , ist jeder sein Bruder ! - Alle Hochachtung vor unserm Kameraden ! - Alle Hochachtung ! « Mein Ziehbruder , der Fritz , aber sagte gar nichts , betrachtete die Gesichter der Burschen , die hier herumsaßen und standen , aßen und tranken , schwatzten , würfelten oder sich sonst unterhielten , und aß darnach mit gutem Hunger etliche Würste . Also tat ich auch desgleichen , nachdem ich noch jedem gesagt hatte , daß ich ganz ohne Kreuzer Gelds war ; darauf aber alle drei nur ein lustigs Lachen hören ließen und mich ermahnten , gut zuzugreifen . Nach solchem Mahl reckte der Magister behaglich seine Beine unter den Tisch , zündete sich eine kurze Pfeife an und schloß die Augen ; doch verlor er kein Wort der Unterhaltung und gab jedem , der über den Tisch was fragte , sogleich Bescheid . Da schwirrten die welschen Reden durchs Lokal , daß selbst meine Kameraden Müh hatten , sie zu verstehen und mir zu verdeutschen . Endlich aber wurden wir müd und ließen uns das Nachtlager zeigen , dabei uns der Magister noch wohl ermahnte , nichts von Wert unverwahrt liegen zu lassen ; so ein lakerer Koluf hätt seine Scheinling die ganze Zeit über bei uns herüben gehabt . Was soviel bedeuten sollt , als daß so ein falscher Hund seine Augen auf unsere Ranzen geworfen hätte . Also legte jeder sein Sach unters Haupt , und ich konnt nicht umhin , einen Stoßseufzer zu unserer lieben Frau vom Birkenstein zu schicken , ehe ich die Glieder streckte und entschlief . Hab nicht gar bsunder wohl geruht , die selbige Nacht ; denn da wimmelte es in meinem Strohsack von allerlei Getier , so daß ich den andern Morgen am ganzen Leib voller Binkel und roter Fladen war und mir vor Jucken und Beißen kaum mehr zu helfen wußte . Wär auch gern in ein Schaff kalts Wasser gesprungen , um mich darin eine Weil zu baden , eh ich wieder in meinen Habit schloff ; das aber leider nicht geschehen kunnt , weil bloß ein armseligs Näpflein für alle Gäst bereit stand zum Waschen . Waren ihrer nicht allzu viel , die sich in der trüben Brüh abwuschen , und der Magister riet mir , auch damit zu warten , bis wir unterwegs ein Orts einen Bach fänden ; denn für Krätz und Läus sei ich noch zu jung . Die wären besser für die älteren Lumpen und Strolche . Darnach gab er mir insgeheim ein schmals Büchlein und ein Päcklein Papiere , indem er sagte : » Hab gut acht drauf und weis sie nur vor , wanns gar nicht anders geht ! Ich hab sie gestern noch für dich eingehandelt ! « Ich besah mir die Papiere darnach an einem geheimen Ort und erschrak nicht wenig , als ich las , daß ich der zwanzigjährige Malergesell Johannes Schröckh aus Traunstein sein sollt . Ging also hinein und sagte zum Magister : » Ihr müßt Euch geirrt haben ! Ich heiß Mathias Bichler und bin aus ... « Aber der alt Spitzbub hielt mir sogleich das Maul zu und fuhr mich halblaut an : » Haarbogen , dummer ! - Halt dein Bonum ! - Sei froh , daß du überhaupt was bist ! - Ohne Kundschaft kommst du nicht weit im Land herum , das merk dir ! - Da werden sie dich bald krank zopfen , und du kannst etliche Wochen hinter Schloß und Riegel brummen . - Oder sie fegen dich aus und schieben dich nach dem Nest ab , aus dem du stammst ! - Die werden ja schauen , wenn du wieder kommst als ausgefegter Pfiffges ! « Damit ließ er mich stehen , ordnete sein Felleisen und mahnte den Bäcker und meinen Ziehbruder , die eine braune Zwiebelsuppe auslöffelten und Branntwein dazu tranken , zum Aufbruch . » Avanti ! « sagte er . » Schmust nicht lang ; holcht , daß wir bald aus dem Bais und ins Flach stieben ! - Mir ists , als sei die Schmier im Anzug ! Ich habs nicht mit der kistigen Kontrolle ! « Da machten sich die beiden geschwind fertig , indessen ich einen harten Kampf mit mir ausfocht , ob ich sollt unter falschem Namen weiter wandern oder aber als der , welcher ich wirklich war , in Not und Elend kommen , von den Schürgen aufgegriffen und nach Sonnenreuth abgeschubt werden . War mir gar nicht wohl bei solchem Überlegen , und ich hätt gern gewünscht , daß ich wieder bei dem alten Fegfeuer in dem Zigeunerwagen gesessen wär als ihr Sohn . Aber in dem Augenblick faßte der Fritz meinen Arm , schüttelte mich und sagte : » Also , Hiasl , wannst mitwillst , mußt gleich gehen ! Über eine Weil ists schon zu spät , - die Wach kommt um Sechse zum Visitieren ! « Da raffte ich mich auf , schnallte mein Ränzel um und folgte ihnen , ohne mich noch viel zu bedenken ; darüber der Magister sehr erfreut schien und mir bei allen Zufällen seine Hilfe versprach . Also zogen wir hinaus zum Tor und dahin durchs Gau , kamen in allerlei Ortschaften , da man uns mißtrauisch betrachtete , die Häuser verriegelte oder aber uns scheltend von der Tür jagte ; besuchten Dörfer und Märkte , daselbst einer oder der ander auf eine Zeit Arbeit und Lohnung fand oder von guten Bauern mit Zehrung reich versehen wurd , und hielten dabei fest zusammen als gute Kameraden , die gern und willig miteinander teilen , was sie haben ; sei ' s nun Geld oder Speis , Quartier oder Unterstand , oder der magere Inhalt des Felleisens . Der Magister insbesonders tat mit uns gar brüderlich ; hatte auch immer Geld , oder , wie er es nannte , Kis , obgleich er am wenigsten sich plagte oder lange wo arbeitete . Doch dacht ich auch über dies nicht viel nach und vertraute ihm als einem weitgereisten und welterfahrenen Mann , der mir zwar als ein Vagabundus , niemals aber als ein wirklicher Spitzbub fürkam und grad für mich eine schier zärtliche Neigung hegte . Er stammte aus gutem Hause und war der Sohn eines rheinischen Gutsbesitzers . Die harte Zucht im elterlichen Haus ließ ihn schon als vierzehnjährigen Knaben den Entschluß fassen , heimlich davonzugehen . Er packte also einen Anzug , Geld und sonstige notwendige Dinge zusammen , versteckte den Pack in einem alten Boot am Rheinufer und ließ nach solchen Vorbereitungen noch einige Zeit verstreichen , ehe er verschwand . Man wähnte , daß er im Rhein beim Baden ertrunken wär , weil man nachher seine alten Kleider daselbst gefunden hatte , und ließ ihn aus der Liste der Lebenden streichen , dieweil er mit einem Kaufschiff rheinaufwärts fuhr und schließlich in Basel längeren Aufenthalt nahm , ein Student wurde und durch seine Geniestreiche bald unter der Burschenschaft großen Ruhms und Ansehens genoß . Lebte also flott und in Saus und Braus , machte Schulden , bis ihm kein Mensch mehr borgte , und kehrte schließlich im Jahr 1790 als ein etwa fünfundzwanzigjähriger Studiosus der schönen Wissenschaften Basel den Rücken ; doch nicht , ohne noch seine Hauswirtin , eine mannstolle Wittib , durch das Märchen , er sei als Hofrat zu der Fürstin von Taxis nach Regensburg beordert worden und brauche dazu Geld und anständige Kleider , um ein schöns Sümmchen Geldes zu prellen . Sie gab ihm willig fünfhundert Gulden , nachdem er sie seine liebe Braut genannt und ihr versprochen hatte , sie zur Frau Hofrätin zu machen . Darnach zog er lange Zeit in der Welt herum , tat gar fein und anhabisch , so daß man ihn überall als einen großen Herrn mit Hochachtung und Ehrfurcht behandelte , bis er eines Tages unter Rücklassung großer Schulden und etlicher trauernder Mädchen wieder verschwand . Im Jahr 1800 , da er eben ohne jeden Kreuzer Gelds in der ärmlichen Dachstube einer Vorstadt Wiens saß , fiel ihm ein Gedicht in die Hände , das auf einem Fetzen Papier stand , darein ihm die Mamsell vom Krämerladen sein Stück Speck gewickelt hatte . Es war eine Lobhymne auf den großen Fritz , den Preußenkönig . Sogleich ging er nun daran , etwas Ähnliches auf einen österreichischen Herzog zu machen , widmete es » Seiner Durchlaucht alleruntertänigst « und erhielt dafür von dem alten Herrn , der sich durch den schwülstigen Lobgesang nicht wenig geschmeichelt fühlte , ein ansehnliches Geldgeschenk , ein huldvolles Handschreiben und eine silberne Dose mit fürstlicher Widmung . Da ihm also solches so wohl geglückt war , machte er das Lumpenstück sogleich auch in Deutschland und dichtete bald diesen , bald jenen hohen Herrn an ; doch folgte dieser einen großen Auszeichnung leider keine zweite mehr , und die deutschen Fürsten hatten höchstens einen Ordensstern oder ein paar trockene Dankesworte für ihn . Noch einmal kehrte er nach Wien zurück , empfahl sich aber nach verschiedenen Streichen bald wieder , und schließlich erwischte ihn die Polizei , als er eben ohne Bezahlung seiner Zechschuld aus einem Gasthof zu Nürnberg verschwinden wollte . Im Polizeigewahrsam hingen sich bald etliche zünftige Gauner an ihn ; er lernte ihre welsche Sprache , und nachdem er wieder in Freiheit gesetzt war , zog er mit allerhand reisendem Gesindel durch die Gaue , um sich schließlich doch wieder von ihnen zu trennen . Und so war er am End bis in die Berge gekommen und hatte in der Gegend von Kufstein den Bäcker und meinen Ziehbruder getroffen , mit denen er nun der Münchnerstadt zu wollte , um daselbst als Schreiber irgendwo unterzukommen . Also tappte ich mit ihm und den beiden andern dahin , indes die Felder kahl wurden , die Obstbäume überall voll schwerer Früchte hingen und ein scharfer Wind durch die Äste der fahlen Buchen und Birken strich und auch uns durch die leichte Kluft fuhr . Aus den Scheunen aber erscholl wieder das gleichmäßige Lied der Drischeln und gemahnte mich an jene glückhaften Tage im Weidhof , also daß ich gemach immer stiller wurd und im Innersten meines Herzens ein tiefes Weh nach jener Zeit und Weil verspürte . Da schickte es sich , daß wir eines Abends so um Kirchweih durch ein größeres Bauerndorf nahe bei Ebersberg zogen und daselbst um Speis und Nachtquartier herumbettelten , als ein großmächtiger Blachenwagen aus dem Schupfen eines Wirtshauses gezogen , mit allerhand Kisten , Körben und Säcken beladen und mit zwei starken Rössern bespannt wurde . Der Magister war sogleich zu dem Fuhrknecht hingegangen , sah ihm eine Weil zu und fragte ihn dann herablassend : » Wo aus noch mit der Fuhr , lieber Freund ? « Darauf der Bursch , ohne aufzuschauen , erwiderte : » Auf Münga . - Dös is ' s Botenfuhrwerk . « Nun stand der Magister noch eine Zeit , ohne ein Wort zu reden , sah dem andern beim Eingeschirren zu und wandte sich darnach an uns , die wir gleich ihm um das Fuhrwerk herumstanden . » Ihr wollt wohl auch nach München ? « fragte er uns scheinbar neugierig . » Freilich wohl ! « erwiderten wir frisch und machten , daß uns der Knecht plötzlich erstaunt und mißtrauisch ansah . » Nix da ! « sagte er unwirsch ; » da kunnt jeder kommen und mitfahren wollen ! - Habs nit mit solchen Gästen , wies ihr seids ! « » Das kann ich mir denken « , meinte der Magister halb lächelnd , halb mitleidig ; » Ihr wollt halt auch nicht grad umsonst jeden fahren , der kommt . - Jawohl . - Da habt Ihr auch nicht so unrecht , lieber Mann ! - Aber - wie wärs , wenn Ihr - natürlich gegen gutes Fahrgeld - mich mitnehmen würdet ? - Ich habe droben beim Herrn Pfarrer amtshalber zu tun gehabt und hab leider die Post versäumt . « Er tat , als sähe er auf seine Taschenuhr , dabei er doch nur eine Zwiebel an dem Band hängen hatte , und wiederholte : » Jawohl . - Leider . - Viel zu spät ! « Der Knecht geschirrte ruhig weiter , indes er ab und zu einen schnellen Blick auf den Magister warf und gleichmütig sagte : » So - beim Herr Pfarrer , sagts ! - Mhm . - Ja , - müaßts halt aufsitzen , wanns Euch nit z ' hart is . - Mhm . - Dees kost nachher nit viel für Euch ... Dees wißts ja selber ! ... « Da zog der Magister mit fürnehmer Gebärde einen Gulden , den letzten , den er noch hatte , aus dem Sack und hielt ihn dem Knecht hin . Der aber wollt von solchem reichen Fuhrlohn nichts wissen : » Naa , naa , gnädiger Herr ! « sagte er ; » a so tean ma nit ! Um dees fahr i ja den ganzen Pfarrhof bis auf Münga ! - Naa , so viel nimm i nit o ! - So viel scho überhaupts nit ! « Da blinzelte der Magister zu uns herüber und meinte gutherzig : » Ihr seid ein braver Kerl . - Aber ich will Euch was sagen : ich geb Euch den Gulden , und dafür erbarmt Ihr Euch über die armen Brüder da und nehmt sie um Gottswillen mit in die Stadt . - Ich werde nicht versäumen , dem Herrn Pfarrer von Eurer Gutherzigkeit zu schreiben ! ... « Da lag er drin - der Gimpel ! - » No ja « , sagte er wieder langsam und gleichmütig ; » nachher laß i s ' halt aufsitzen , die drei . - Aber i hoff , daß s ' Enk koan Unmuß nit machen ! « Und wandte sich an uns : » Also - nachher kinnts scho aufhocken ! « Gab ihm also der Magister den Gulden , - der Knecht bedankte sich untertänigst , - und wir stiegen fröhlich ein und freuten uns über die Keckheit des Magisters . Der aber ließ sich fein » Gnädiger Herr « titulieren , setzte sich auf die weiche Decke , die ihm der Knecht noch gegeben hatte , und wünschte sich und uns eine gute Reis , indes der ander draußen den Handgaul beim Zaum faßte , lustig mit der Geißel knallte und aus dem Dorf fuhr . Unterwegs , da die Pferde gemächlich in der einbrechenden Nacht dahinstapften und der Knecht pfeifend und singend nebenherschritt , lachten wir noch viel über diesen wohlgelungenen Streich und lobten die Schlauheit des Magisters . Der aber erwiderte schmunzelnd : » O , das ist noch gar nichts ! Da hab ich früher schon feinere Stückln geliefert ! « Und erzählte uns also die verschiedensten Streiche , die er als Studiosus , als Reisender und als Vagabund schon ausgeführt . So ging er einmal bei Sturm und Regen , ohne einen Knopf im Sack , hungrig und durstig der Stadt Wien zu und dachte darüber nach , wie er es anstellen möcht , daß er sich ohne größere Ausgaben einmal wieder ordentlich satt essen und seinen äußeren Menschen ein wenig vorteilhafter gestalten kunnt , als ihm etwas einfiel . Er lief also eilends zum Tor hinein , indem er dem Wächter eins jener huldvollen Handschreiben aus fürstlicher Feder unter die Nase hielt und sagte : » Es eilt , mein Lieber ! - Seine Durchlaucht wollen mich sprechen ! « War also glücklich drinnen in der Stadt und begab sich sogleich in einen Gasthof , daselbst er ein Zimmer begehrte , den Brief mit dem herzoglichen Siegel vorwies und sagte : » Wenn seine Durchlaucht nach mir senden sollte , dann meldet , daß ich momentan unpäßlich sei . Ich werde in zwei , drei Tagen kommen ! « Fragte auch gleich , wann die Wechselbank geöffnet sei , und befahl , man möchte sofort nach einem Schneider und zwei Schustern schicken ; denn er sei unterwegs in den Platzregen gekommen und hätte im Augenblick kein Gepäck bei sich . Man beeilte sich sogleich respektvollst , die Wünsche » Seiner Gnaden « zu erfüllen , wies ihm ein nobles Zimmer mit Kabinett an und bewirtete ihn reichlich ; ja - der Besitzer des Gasthofs ließ ihm sogar ein Paar feiner Staatshosen , neue Strümpfe und trockene Wäsche bringen , damit dem » Herrn Baron « nichts Unpäßliches zustoße . Nacheinander kamen nun die Meister , und er ließ sich einen feinen Anzug nebst zwei Paar Schuhen anmessen , sagte , daß er die Sachen bestimmt in zwei Tagen haben müßte , holte aus dem alten Rock die Briefe der Fürstlichkeiten und legte sie offen auf den Tisch ; sein altes Gewand aber schenkte er einem Armen . Am übernächsten Tag kam zur bestimmten Stunde erst der Schneider ; der Magister probierte die feinen Stücke und bemerkte , daß ihn die Hosen ziemlich spannten ; darum sagte er : » Ich glaube , Ihr müßt die hintere Naht seichter nehmen , lieber Freund ! Bedenket doch , daß ich als Gast des Herzogs viel Komplimente machen muß ! - Aber bringt mir die Hosen ganz bestimmt um sechs Uhr wieder ! - Den Rock und das Leibstück könnt Ihr hier lassen ; - das paßt . « Mit tiefen Verbeugungen verschwand der Schneider . Nun trat der erste Schuster ein . Sogleich probierte der Magister die fürnehmen Staatsschuhe und fand , daß ihn die linke kleine Zehe schmerze . » Ach « , sagte er zu dem devot vor ihm knienden Meister ; » schlagt ihn doch noch zwei Stunden über den Leist , den linken ! - Und um drei Uhr bringt Ihr ihn wieder ; der andere paßt wie angegossen ! « Unter vielen Entschuldigungen ging der gute Mann , und gleich darauf erschien der andere Schuster . Wieder probierte der Magister und gab den rechten Schuh mit dem Wunsch zurück , daß er noch ein wenig ausgeraspelt werden sollte ; denn beim Auftreten steche ihn ein Stiften in die große Zehe . Doch müsse er den Schuh bestimmt bis zwei Uhr wieder haben , da er beim Herzog zur Tafel geladen sei . » Gewiß , Euer Gnaden ! - Schamster Diener ! « sagte der Meister und ging . Nun begab sich der Magister wohlausstaffiert hinab zum Wirt und fragte , ob die Bank jetzt offen sei , er müsse sich Geld holen . » Jawohl , Herr Baron ! Gerade gehts noch ! « sagte der Wirt ; » aber ich will Euer Gnaden doch lieber ein Pferd geben . Reiten geht schneller denn gehen , und der Bankportier kann ihn ja derweilen halten , den Gaul , bis Euer Gnaden fertig sind ! « Ließ also einen sauberen Fuchsen satteln , - und der Magister ritt fröhlichen Herzens zum Tor hinaus und bedauerte nur , daß er die Gesichter der Geprellten nicht mehr sehen konnte , wann sie es merkten , daß der Vogel ausgeflogen war mit ihren Federn . - Unter solchen Erzählungen des Magisters waren wir schier die halbe Nacht gefahren , als uns endlich der Schlaf überfiel und wir uns auf die harten Kisten und Säcke streckten . Da gab es dem Wagen plötzlich einen Ruck . Wir rissen die Augen auf , sahen uns schlaftrunken an und krochen dann neugierig unter der Blache hervor . Da stand das Fuhrwerk vor dem Haus des Zolleinnehmers , und der Knecht klopfte eben ans Fenster des Beamten . » Holla ! « sagte da der Magister halblaut ; » jetzt ists aber Zeit , daß wir verschwinden ; sonst kommts auf , was ich für ein Vogel bin ! « Damit sprang er vom Wagen und rief dem Knecht zu : » Die armen Kerle suchen Arbeit ; nun will ich sie einmal schnell zu meinem Vetter , dem Pfarrer von Maria Hilf , führen ; der hat hübsch Holz zum Machen . - Also adjes , guter Freund ! - Ich werde nicht versäumen ! « Der Knecht zog ehrfürchtig seine Haube und grüßte den Magister devot ; wir aber liefen frisch dahin . Es war ein schöner Morgen ; über den Fluren und Wiesen lag ein glitzernder Reif , feine Nebel stiegen auf und nieder , und unter uns in einem Tal lag die Münchnerstadt wie ein Schattenriß mit ihren Türmen und Giebeln , Mauern und Zinnen . Ein breites , dampfendes Wasser , das der Isarfluß war , floß rauschend zwischen herbstlich buntgefärbten Bäumen und Büschen dahin , und aus dem Nebelschleier ragten die mächtigen , grünlich schimmernden Kuppeln der Türme vom Dom unserer lieben Frau . Glockengeläut tönte zu uns herüber , das Rufen und Juchzen der Flößer drang vom Fluß herauf , und allerhand Fuhrwerke und Leut bewegten sich auf den zwei Brücken , die unter uns über die Isar nach dem Tor der Münchnerstadt führten . Also trabten wir den Rosenheimer Berg hinab , vorbei an niedern Häusern mit kleinen Gärten und geraniengeschmückten Fenstern , und schritten über die Brucken , darunter der Fluß mit wilden , grüngelben Wassern dahinfloß . Vor dem Tor waren überall noch grüne Wiesen mit Schafherden ; Gänse und Enten tummelten sich in Bächen , aus einer Kaserne ritten bunte Soldaten , im Wirtshaus zum Postgarten blies ein Postillon etliche Landlermelodien , und unter dem Isartor hobelte und schnitzte der Stadtwagner an der Deichsel einer fürstlichen Karosse ; der Messerschmied daneben ließ die Funken von seinem Schleifstein sprühen , und ein Schlosser stieß eben seine glühende Eisenstange ins kalte Wasser und schlug und hämmerte sie zur kunstvollen Schnecke . Vor dem Zollwächterhaus aber stand ein alter Soldat der Polizei , fragte nach unsern Papieren und machte , daß ich mich in diesem Augenblick elender fühlte als zu jener Stund , da ich alles verloren hatte . Johannes Schröckh Mit zitternden Fingern und großer Kümmernis und Angst im Herzen schnallte ich mein Ränzl ab und holte umständlich die Kundschaft und das Wanderbuch heraus , unsere liebe Frau wieder einmal brünstig um Hilf angehend und den Magister , der grad anstandslos als Karl Ludwig Harold , Geheimschreiber aus Darmstadt , das Tor passierte , in alle Höllen und Verdammnisse verfluchend . Eben gab der Bäcker seine Papiere hin , sagte , daß er Philipp Leber heiße und in München Arbeit suche , und folgte darauf ebenfalls ohne Hindernis dem Magister ; darnach kam mein Ziehbruder , der Fritz . Der Beamte las laut : » Friedrich Glotz , Stallknecht aus Sonnenreuth , - Ihr sucht Arbeit ? - Wird schon was geben . - Könnt passieren . « Nun war also die Reih an mir , und ich stand allein und verlassen von der ganzen Welt vor dem gestrengen Gendarm , darauf gefaßt , daß er im nächsten Augenblick die Häscher rufe , mich in Fesseln lege und in den nächstbesten Turm sperre als gemeinen Betrüger . Aber er sagte bloß : » Stimmt . - Könnt passieren . « Und gab mir den üblichen Gegenschein für meinen Reisepaß . Noch umständlicher , als ich meine Judasfetzen ehvor ausgepackt , tat ich den empfangenen Wisch jetzt hinein in den Ranzen , sagte dem Alten mit bebender Stimm Pfüa Gott und ging mit schlotternden Knien hinein durchs Tor in die Stadt und ins Tal Mariä . Lachend standen meine Gefährten vor dem Haus eines Bäckers und empfingen mich mit üblem Spott , darüber ich mich so stark erzürnte , daß ich von ihnen weglief . Der Magister aber eilte mir nach und redete mir zu , bis ich wieder umkehrte und also mit ihnen beriet , was wir nun anheben wollten . » Ich weiß schon mein Teil ! « sagte der Bäck ; » ich geh jetzt zu dem Wecklmeister da hinein , - vielleicht hab ich Glück ! « Und trat also ins Haus , über dessen Tür ein fein geschmiedeter Kranz mit dem Zunftzeichen der Bäcker hing und ein Schild : » ZumDirnbäcken « . Indessen er drin verhandelte , gingen wir heraußen langsam auf und ab und lugten dabei verstohlen durch die Scheibe des Schiebfensters , dahinter der feiste , mehlbestäubte Meister neben seiner himmellangen Hausfrau stand und dem Philipp seine Kundschaften abverlangte . Es dauerte eine geraume Weil , eh der Kamerad wieder aus dem Haus trat ; da er aber endlich erschien , lachte er voll Freuden und nahm von uns Abschied . » Bin schon gedungen ! « sagte er . » Ist ein guter Herr , der Meister . - Drei Tag Prob ums Essen , - darnach fix auf drei Jahr , wann ich mich gut halt . - Herrgott , bin ich froh drüber ! - Ich wünsch euch das gleiche Glück ! - Und ... « Er langte in den Sack und zog alle seine zusammengefochtenen Groschen und Kreuzer hervor : » Da - teilts es fröhlich miteinander ! - Und jetzt bhüt euch der Himmel ! « Wir wünschten ihm alles Glück und nahmen sein Geschenk gern an . Dann versprachen wir ihm , zum nächsten Sonntag vor dem Haus zu stehen und auf ihn zu warten . Und also gingen wir , indes er seine Ballonhaube schwenkte und wieder ins Haus trat . Im Tal Mariä war schon lautes Leben und Treiben , da wir so durchmarschierten . Schwerbeladene und mit feisten Ochsen bespannte Bierwägen kamen aus einem Bräuhaus , aus der Hufschmiede daneben drang beißender Rauch und das Fluchen der Gesellen . Vor der Werkstatt eines Sattlers hielt eine Staatskarosse , während daneben aus der Hochbruckenmühl die weißen Mahlburschen mit schweren Säcken aus dem Tor keuchten und einen Wagen beluden . Kraxenweiber und feine Kochmamsellen , alte Bauern und junge Gecken liefen durch die Gassen ; prunkvoll in Samt und Seide gekleidete Bürgersfrauen und silberstrotzende Männer kamen aus einer Kirchen . Ein Tändler stand unter seiner Ladentür , hatte eine endsgroße Brille auf der Nase und stäubte und blies an einem alten Ministerrock und schimpfte nebenzu grimmig auf den Gestank , welchen der Weißgerber mit seinen Häuten und Fellen um sich verbreitete , da er sie vom Karren hob und ins Haus trug . Ein Fuhrwerk mit feinem weißen Sand zum Fegen der Böden und Bänk stand vor dem Wirtshaus zum Löffelwirt , und der Lenker des alten , hinkenden Schimmels schrie in langgezogenen Tönen : » Weiß Saand ! « Dabei er aber von einer buntgewandeten Jungfer , die zwo Fäßlein in einer Kraxe am Rucken trug , überschrien wurde ; denn sie lockte die Frauen und Kochdirnen ringsum aus den Häusern mit ihrem Ruf : » Rührmilli und Butter ! « Ein alter , zusammengeschrumpfter Salzstößler mit erfrornen Backen und tröpfelnder Nase stand hinter der trüben Scheibe seines Ladenfensters und sah neidig auf die schweren Kisten und Ballen , die daneben vor dem Tor des reichen Handelsmannes und Seidenhändlers abgeladen wurden , indes ein Gendarm dabei Wache hielt , daß nichts gestohlen wurde . Zwei Diener liefen mit einer Sänfte , darin ein steinalts Männlein mit langstieligem Spekulierglas und gepuderter Perücke saß , dem Ratstor zu und stießen dabei schier einem Burschen seine zwei großmächtigen Käsräder vom Kopf , die er eben aus einem Gewölb trug . Vor dem Haus eines Branntweinbrenners hielt der Magister an und sagte : » Jetzt gehn wir einmal zuerst da hinein auf ein Glas Bittern . Und dann reden wir weiter ! « Also traten wir ins Haus , das man den Heiliggeistbranntweiner hieß , und darin schon männiglich Leut beieinander saßen und standen : Alte und Junge , Bauern , Händler , Handwerker und Bürger , ihr Stamperl tranken oder etliche Krüg füllen ließen und daneben sich mit jedermann anließen und unterhielten . Und da wir also unsere himmelblauen und grünen , gepreßten Gläslein nahmen und auf gut Glück anstießen , trat einer zu uns , ein aufgeblähter , rotkopfichter Mensch mit schweren Silberknöpfen an seinem braunen Rock , und fragte leutselig , wo wir herkämen . Sagten wir : » Von den