Zeitangaben , über die kein Zweifel aufkommen kann . Karkmeß teilt das Jahr : es ist die Grenze zwischen der Schollenzeit und der Zungenzeit . Vor Karkmeß werden in schnellen Reisen nur Schollen gefangen , die lebend an den Markt gebracht werden : nach Karkmeß geht es auf die Zungen los , die auf Eis gepackt werden ; da sind die Reisen länger und mühseliger , und das Geld hat nicht mehr den hellen Klang der Schollentaler . Die Sonne steht am höchsten : Wotan will nach Süden reiten , aber ehe er sein weißes Roß , den Sleipner , wendet , hält er einen Augenblick in Gedanken inne , und diesen Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer , um ihr Sonnwendfest zu feiern . Ehe sie den dunkeln Nächten entgegensegeln , wollen sie sich der Sonne und des Lebens freuen , wollen sie einen Tag lachen . Wer das nicht kann , wer bis Karkmeß nicht seinen guten Schilling verdient hat , der holt den Rest des Sommers auch nichts mehr aus der See und mag denken , die alten Weiber hätten ihn behext . Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hühner , wenn Tucktuck gerufen wird , sondern nach und nach . Schon acht Tage vorher füllt sich das Fleet mit Schiffen : Klugheit und Nachbarlichkeit verhindern , daß alle an einem Tag den Hamburg-Altonaer Markt überfallen und die Fische wertlos machen . Es gibt auch mancherlei zu tun . Nicht allein den Sonntag zuvor , an dem alle Fischerknechte und Fischerjungen auf Musik sind und sich een Perd , ein Mädchen , für das Fest heuern , weshalb diese Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt wird , sondern die ganze Woche hindurch . Da ist keine Zeit , den Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu helfen oder die Reitbudenpfähle mit einzurammen , denn erst muß der Ewer sein Karkmeßkleid haben . Teeren und Schmeeren heißt die Losung , den langen Tag wird geteert und geschmeert , daß der ganze Deich danach riecht , und daß das Wasser in allen Regenbogenfarben glänzt . Da wird geschrubbt und kalfatert , da wird gemalt und gelabsalbt ! Wie Schafe , die geschoren werden sollen , liegen die Fahrzeuge auf dem Sand und lassen alles über sich ergehen , denn sie wissen , daß es gut für sie ist . Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein Finkenwärder Ewer zu Karkmeß , so viel tut der Schiffer daran . Nicht umsonst hat er holländisches Blut in sich und eine große Lust an Reinlichkeit und Buntheit : so schmückt er seinen Ewer mit bunten Farben und glänzenden Streifen und wird nicht müde , ihn zu zieren . Da wird der Bünn gründlich gereinigt , da werden die Eiskisten überholt , schlechte Taue ausgeschoren , neue Kurren eingestellt und zerrissene Segel geflickt . Da wird geloht : du liebe Zeit : wie wird geloht ! Der ganze Rasen des Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel : Großsegel an Großsegel , Fock an Fock , Besan an Besan , und alle werden gebräunt und geloht , damit sie haltbarer werden sollen . Das Lohen haben die Finkenwärder vor den Blankenesern voraus , die keinen Platz dafür haben ( denn in den Sand können sie die Segel nicht legen ) und deshalb mit weißen Lappen fischen und segeln müssen . Überall am Bollwerk bruddelt es in den großen Wurstkesseln , und Fischer und Frauen schöpfen die Lohe und dweilen sie auf die Segel . Ist das Schiff moi , dann sieht der Fischermann seine Knipptasche an und begleicht die großen Rechnungen , die er beim Zimmerbaas , beim Schmied , beim Segelmacher und beim Reepschläger stehen hat , denn Karkmeß ist allgemeiner Zahltag . Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren , also das stehende Geld noch nicht zurückbezahlt , so bekommt noch der Bauer seine Zinsen . In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse , die Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwärder Seefischer , die 1835 gegründet worden ist , als schwere Stürme die damalige kleine Flotte zu vernichten drohten . Sie läßt sich die Prozente , das Jahresgeld , bringen , das nach den Verlusten berechnet wird . Das ist wahrhaftig kein grüner Tisch , an dem die sechs Alten mit dem Obervorsteher sitzen ! Plattdeutsch wird gesprochen , einer nennt den andern du , jeder weiß , was er will , und niemand braucht nach Worten zu suchen ! Das ist der Senat von Finkenwärder und einen bessern hatte Venedig auch nicht . Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse , ein Denkmal besten Gemeinsinnes . Sie ist der mächtige Leuchtturm , der seine Strahlen vom Skagerrak bis zur Themsemündung wirft . Seen wollten ihn unterwaschen , Stürme wollten sein Licht verlöschen : er steht und leuchtet ! Mittlerweile sind sie auf der Aue , von der Müggenburg bis zum Tun , auch nicht müßig gewesen , sie haben gebaut und gezimmert , geklopft und gehämmert auf Deubel kumm rut , bis Zelt an Zelt steht . Dann steigt die Sonne blank und schön aus dem Hamburger Daak , und der große Freudentag ist da mit seinen Luftbällen und Reitbuden , seinen Aalzelten und Schießständen , seinen Eiskarren und Lungenprüfern , mit Lukas und Kaspar , mit Herkulessen und Feuerfressern , mit Seiltänzern und Negern , mit Hün und Perdün , mit Jubel und Trubel ! Die Gören sind wie durchgedreht , und die Jungkerls und Deerns wissen vor Übermut und Lebensfreude nicht , was sie alles aufstellen wollen . Da wird gejagt und geschossen und getanzt und getrunken und gesungen und gelacht : die ganze Aue wirbelt durcheinander . Die Jungen tragen blaue Brillen und Rinaldinischnurrbärte , sie essen Knackwürste und Eis , bis sie nicht mehr können : die Mädchen kaufen sich Puppen und Kokosnüsse und lutschen an Zuckerstangen : es ist einfach unbeschreiblich , was auf Karkmeß alles los ist . Die sich erzürnt haben , vertragen sich und trinken wieder einen zusammen , und die gut Freund gewesen waren , erzürnen sich und kriegen das Tageln : dat is so bi Karkmeß mit vermokt . Hein Mück haut den Lukas , daß es knallt , und läßt sich für die hervorragenden Leistungen eine goldene Medaille an die Heldenbrust heften . Jan Tiemann läßt sich elektrisieren , Hinnik Külper kauft seiner Braut ein großes Zuckerherz , Peter Gröhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus . Und ein Getute und Geblarre , ein Flöten und Knarren , ein Juchen und Schreien ! Das beste Teil erwählen sich die alten Fahrensleute ; sie ziehen ein weißes Hemd an , holen den Stuhl aus der Dönß und setzen sich geruhig auf den Deich . Sie lassen die Karkmeßleute an sich vorüberziehen , necken die beladenen Kinder und führen ein nachbarliches Gespräch . Das Allerschönste sehen aber auch sie nicht vor Luftbällen und Kinderspielzeug : die blassen , roten Rosen am Westerdeich und das wogende Korn im Lande und den weißen Flieder auf den Wurten und die Lindenblüten am Elbdeich : das große Sommerblühen . Das geht allen verloren . * * * Der große und der kleine Klaus Mewes hätten nicht von hier sein müssen , wenn sie dem Karkmeß fern geblieben wären . Zumal Störtebeker hatte sich den Tag ehrlich verdient . Bis an den Bauch im Wasser stehend , hatte er geschrubbt , einen ganzen Tag im Maststuhl zwischen Himmel und Erde hängend , hatte er die Besan gelabsalbt , mit krummem Rücken war er in den Bünn gekrochen und hatte die toten Schollen aus den Ecken geholt , er hatte beim Lohen geholfen wie ein Großer , er hatte das Nachthaus grün angestrichen , er hatte das alte Bettstroh mit allen Flöhen und Wanzen auf dem Schlick verbrannt . Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule zurückkam , wo er seines Amtes gewaltet hatte , denn er saß trotz seiner Jugend schon im Vorstande der Seefischerkasse , da hatten Kap Horn , Hein Mück , Klaus Störtebeker und Gesa gerade die bekannte letzte Feile weggelegt . Wie ein Königsschiff lag der große Ewer auf dem blinkenden Wasser und glänzte wie der Regenbogen . Seine deutsche Flagge wehte im Winde , und grüßte seinen Schiffer . Dem aber lachte das Herz . * * * Wennt Karkmeß is , wennt Karkmeß is , denn goht wie langsen Diek ! Sie gingen zu vieren : Klaus Mewes , Gesa , Kap Horn und Störtebeker . Dieser voran , denn er hatte die Taschen voll Geld . Er nahm alles mit , die Reitbuden und die Schaukeln . Nur Spielzeug kaufte er sich nicht mehr . » Kann ik up See jo doch ne bruken « , sagte er verächtlich , und als er beim Allemalundjedesmal einen Goldfisch gewonnen hatte , schenkte er ihn dem kleinen Paul Meier . Seiner Mutter aber kaufte er einen bunten Blumentopf , Kap Horn eine Kokosnuß , damit der an China erinnert würde , und seinem Vater einen dicken , geräucherten Aal . Einen Augenblick guckten sie auch bei Trina Külpers am Auedeich ein , wo Musik war . Klaus und Gesa tanzten durch den Saal wie Bräutigam und Braut . Da bekam auch der alte Janmaat einen Tanz von der schönen , jungen Frau seines Schiffers . * * * Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem Karkmeß . Kap Horn und Störtebeker blieben auf dem Neß . In der Dämmerung saßen sie vor der Tür . Der Matrose guckte nach den Lichtern auf der Elbe und erzählte vom Walroßfang bei Grönland . Und über den blühenden Lindenbäumen tanzten die Mücken . Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank . * * * Sommer heißt der gewaltige Herr , den die Welt hat . In königlicher Pracht schreitet er einher , weithin über Land und See gleißt und funkelt sein Purpurmantel . Groß und ehern sind seine Schritte . Alles wirft er nieder , alles muß sich vor ihm beugen ! Das grüne Korn erbleicht und senkt die Ähren , die Blumen verdorren , die Vögel verstummen , die Tiere verkriechen sich . Nach dem spielenden Kind , nach dem lachenden Jüngling ist der Mann gekommen , der Riese . Stückwerk ist nicht sein Handwerk : er macht ganze Arbeit . Mit gewaltiger , furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche , Milde , Leichte in Grund und Boden , zermalmt er es zu Staub , bis er allein dasteht . Dann zuckt es in seinen Fäusten , dann reckt er die Arme , dann stemmt er die Beine , dann sprüht es aus seinen Augen , dann glüht und dampft sein Atem , und hart lacht es um seine Zähne . Selbst die großen Meister die Winde , müssen , vor ihm ducken , und wollen sie sich erheben , so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen . Eö weiß , was er zu tun hat , weiß , daß es um Brot und Leben geht , weiß , daß der Winter kommt . Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen , in all den milden Monden , das vollbringt er in wenigen Wochen : in unerbittlichem Ernst , in kochendem Eifer , in glühendem Haß , in flammendem Zorn , - und all sein Ernst und Zorn ist wilde , gewaltige Liebe ! Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei . Auch Klaus Mewes fühlt sie . Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille , und das Deck ist bratenheiß . Nachts steht der ganze Heben in Flammen , und das Schiff erzittert . Wie lang ziehen sich die Reisen hin , wie oft müssen sie in Norderney und Cuxhaven binnen laufen , weil ihnen das Eis geschmolzen ist ! Sie fahren wieder viel nach der Weser , denn die Zungen , die nicht freihändig verkauft , sondern in der Halle versteigert werden , sind in Geestemünde ebenso teuer wie in St. Pauli und Altona . Zweimal segeln sie bei scharfem Ostwind nach Ijmuiden in Holland , einmal kommen sie nach Esbjerg in Dänemark . Manche Kurre zerreißen sie in den Steinen , so daß beständig einer mit dem Ausheilen zu tun hat . Lange Wachen gibt es : der Streek dauert drei bis vier Stunden ; saure Arbeit , denn die Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand , und die Kurre ist oft nicht zu hieven . Einmal verlieren sie das ganze Geschirr : die Kurre hakt hakt ja wohl an einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest : der Ewer törnt auf , steht einen Augenblick fast still , dann aber reißt die Kurrleine , und dreihundert Mark sind verloren . Ein andermal treibt eine ostfriesische Jalk gegen sie und macht ihnen eine solche Havarei , daß sie nach der Oste segeln und dort zimmern müssen . Dann wieder liegen sie vor Wind hinter Wangeroog . Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht ! Und es kommen ja auch schöne , große Reisen : einmal , als die Zungen auf Zweimarkzehn stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig , machen sie gute vierhundert Mark . Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord , und wenn er auch nicht vor dem hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist , so gehört er doch als Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mück . Ihm ist jedes Wetter recht , wenn er nur an Bord und bei seinem Vater bleiben darf . Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf , aber sie halten sich auf Finkenwärder nicht lange auf . Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den Winter , wenn sie ihn bittet , doch einige Tage zu Hause zu bleiben : er muß fischen ! Und den Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder bekommen : so lange bleibt er an Bord ! Und mit der Nachttide wird gefahren , damit sie wieder in die Fischerei kommen und ihnen das Eis nicht wegschmelze ! All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts : der Wind bläst in die Segel , und der Ewer zieht westwärts . Zwar winken die beiden Seefischer vom Achterdeck , aber sie lachen doch dabei und freuen sich , daß sie wieder einmal glücklich der Gefahr entronnen sind , getrennt zu werden . * * * In der Kürze eines Seeamtspruches könnte ich nun auch berichten , daß sie einmal im Sturm mit genauer Not über das Watt gesegelt sind . Es ließe sich aber auch anders schreiben , obzwar es unfinkenwärderisch wäre , denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas , das alle Tage vorkommen kann . Der alte Regenwind , der Südwest , war Baas auf der See . Graue Wolken , eine noch grauer als die andre , trieb er über den Heben . Klaus Mewes und sein Junge , die die Wache hatten , steckten unter den Südwestern tief im Ölzeug und ließen den Regen auf sich niederströmen . Sie fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden . Der Ewer arbeitete stark in der schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit den leckenden Segeln gegen die Wolken . Mehr und mehr frischte der Wind auf , die Seen krönten sich mit Schaum , und das Wetterglas fiel tiefer und tiefer . Klaus beschloß deshalb , den Streek den letzten zu taufen und treiben zu lassen . » Intehn , intehn ! « sang Störtebeker , und Kap Horn und Hein Mück kletterten aus ihren Kojen und kamen an Deck . Sie zogen ein und freuten sich , als sie den Steert an Deck hatten , denn es wurde immer windiger , und der Ewer stampfte und rollte stärker als zuvor , nun ihm der Halt des schweren Netzes mangelte . Schollen , Zungen und Steinbutt , meist kleines Zeug , klatschten auf das Deck . Störtebeker und Hein Mück zogen die Fock auf und machten sich mit dem Knecht über die Fische her , Klaus aber nahm das Ruder und steuerte . Als keinerlei Aussicht war , daß das Wetter sich so bald ändere , dachte er hinter Wangeroog zu flüchten , dann aber besann er sich und hielt nach der Elbe hinüber , um zwischen den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen . Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers , der vor dem mächtigen Druck der Segel durch das hohle Wasser schäumte wie ein Dampfer und manchen Spritzer überkriegte . Die paar Petermännchen , Knurrhähne , Rotzungen , Rochen , Kleiße , Steinbutte , Taschen und Zungen waren bald verarbeitet . Dann spülten sie das Deck rein . Hein ging in die Kombüse , um Klöße zu braten und Kaffee zu brauen , Kap Horn aber blieb oben , sah Luken und Boot genau nach und packte alles in den Raum und die Plicht , was drift gehen konnte , denn es wollte schon dämmern und niemand konnte wissen , was die Nacht noch brächte . Die Elbe war weit weg . Sie konnten keine halbe Meile weit sehen , so diesig und unsichtig war die Luft . Der Wind wehte flagiger und stoßweiser als vorher und lief raumer . Sie segelten schon platt vor dem Laken , und die hohen Wogen liefen ihnen nach wie geifernde , hungrige Wölfe : eine große Gefahr für Boot und Segel . Aber der Laertes , der kühne Schwimmer , hielt kraftvoll den Kopf oben und ließ sich weder begraben , noch aus dem Kurs werfen . Störtebeker stand geruhig bei seinem Vater , ohne Bangigkeit , und half das Neuwerker Feuer suchen . Wenn die Luft nicht so dick gewesen wäre , hätten sie es längst in Sicht haben müssen . Da weist Klaus Mewes nach Norden , wo urplötzlich eine blauschwarze Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt . Mit unheimlicher Schnelligkeit fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit unfaßlicher Macht über den griesen Heben . Wetterleuchten , grelle Blitze und dumpfe Donnerschläge sind das nächste . » Nu gift wat ! « ruft Kap Horn . » Gläuf ik ok « , antwortet Klaus Mewes , » goh no binnen , Störtebeker . « » Worüm , Vadder ? Ik bün ne bang , lot mi man hier blieben ! « » Ne , du muß dol , Klaus , du speulst uns ober Burd ! Goh gau no nerden un lot Hein de Kapp toschuben un bliewt beid inne Koi , bit wi jo wedder ropt ! « Störtebeker sieht seinen Vater an , dann sagt er : » Jo , Vadder « , und geht nach unten , denn er weiß , daß man dem Schiffer gehorchen muß , und wenn man ' s auch zehnmal besser wüßte . » Bang bün ik ober keen beten , Vadder « , ruft er noch vom Großmast , dann verschwindet er und verklart Hein Mück die Sache , der aber ruhig weiter brät und meint , es würde jawohl nicht so schlimm werden . Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm . Zu sprechen brauchen sie darüber nicht , denn sie fahren lange genug zur See , um zu wissen , was die große Wolke zu bedeuten hat . Kap Horns Züge sind wie aus Holz geschnitten , des Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen : niemand sähe es beiden an , daß sie so fröhliche Menschen sind und so gern lachen . Sie wissen , was geschehen wird : dennoch haben sie ein so jähes Umlaufen , ein so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt und einen so furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht . Der Südwest hat ausgeweht : mit einer schweren Hagelflage in den Armen fegt ein eisiger Nordwest heran , trommelt und pfeift auf der See und wirft sich mit Ungestüm auf den Ewer . Unmittelbar darauf springt der Wind wieder um : Nord ! Und noch kein Besinnen : abermals dreht er sich : Nordost , Nordoststurm . Nun wahr dich , Ewer , nun wehr dich , Klaus Mewes ! Die See , die See ! Wie gischt und schäumt sie ! Sie kocht ! Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an . Er faßt die schweren , langsamen Seen des Südwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um . Furchtbar bearbeitet er sie mit seinen Fäusten , daß sie wild durcheinander laufen . Dat ward een beuse Nacht for mannig lütt Schipp , dat noch buten is , will Kap Horn noch sagen , aber er kommt nicht mehr dazu , denn der Ewer ist mitten in diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten ! Wie wild kommt der Sturm über den kleinen Fischerewer ! Erst springt er ihn an , wie der Löwe ein Schaf , als wolle er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister werfen . Als ihm das nicht gelingt , legt er sich so hart auf die Segel , daß sie den Ewer platt aufs Wasser drücken und , er zittert und bebt , als könne er sich nicht wieder aufrichten . Zu der Kajüte purzelt Hein gegen den Ofen und Störtebeker gegen die Dielentür , an Deck aber klammern Schiffer und Knecht sich an die Wanten an um nicht über Bord zu spülen . Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe , das ihn überfallen hat . » Fock dol ! « gellt seine Stimme durch den Lärm . Kap Horn turnt nach vorn und reißt sie herunter . » Seil dol ! « schrillt es . Der Schiffer kettet das Ruder an und stürzt nach den Fallen . Rumms ! Rumms ! Dröhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und zerschlägt diesem Duchten und Dollbaum , er hebt ihn wieder und rammt fürchterlich auf das Deck . Kap Horn wäre getroffen und getötet worden , wenn Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte . Wieder ein harter Windstoß , - da ein scharfer Knall : über dem zweiten Reff ist ein großes Loch in da Großsegel gerissen . Gau , gau , Klaus Mewes , oder dat ganze Seil geiht innen Dutt ! Schon meinen sie , es geborgen zu haben , da greift das wilde Tier noch einmal danach , zwängt sich mit aller Gewalt hinein und schwenkt es als seine Fahne , dann aber gelingt es ihnen , es niederzuholen . Wütend heult der geprellte Sturm durch die Wanten , an denen es nichts zu beißen gibt , dann aber gewahrt er das Achtersegel , das noch steht , er macht einen krummen Buckel , - und in Fetzen zerrissen fliegt die dunkle Besan in die Winde . Zwar ist der Ewer wieder aufgestanden , aber er ist jetzt ohne Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder . Er ist ein Spielball der brüllenden Seen . Vor Topp und Takel lenzend , dümpelt und scheistert er in der wilden Dünung , und die hohen Seen rollen über ihn hinweg . » Dor is een Licht ! « ruft Kap Horn und weist über den Steven . Klaus blickt nach der bezeichneten Richtung und sieht ein Licht auf der See , hell und tröstend . Ein unerschrockener , unauslöschlicher Weiser , reißt dort das Elbfeuerschiff an seinen Ketten . Aber in welchem Kompaß ? Klaus peilt , und als er » Nordost « ruft , da schüttelt der alte Matrose ernst den Kopf und sieht ihn an , denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit dem Loch im Großsegel und ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit . Die Elbe ist nicht zu erreichen . Den Ewer treiben lassen , geht aber auch nicht an , denn sie haben keinen Platz : die gefährlichen Sandbänke der Westertill sind in bedrohlicher Nähe und der Sturm muß sie gerade dahin werfen , wenn sie noch lange zögern . Es hilft nichts : sie dürfen es nicht mehr mit ansehen , sie müssen handeln . Zurück müssen sie , zurück nach der Weser ! Wo ist dein Lachen geblieben , Klaus Mewes ? Warum singst du nicht , der du doch sonst im Sturm gesungen hast ? Denkst du du deines Jungen ? Der sitzt warm im Bauch des Ewers und lacht aus der Koje : So geiht he god ! - und obgleich Hein Mück ihn stören will und sagt , es sei nichts Genaues , bleibt er fröhlich und lacht sorglos : » Vadder is jo boben ! « An Deck ist das Halsen glücklich gelungen . Gezogen von der halb aufgeholten , angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten Klüver am Großmast , geschoben von den immer gröber und ochsiger werdenden Seen , wühlt der Ewer sich durch das kappelige Wasser . Südwest liegt an . Es ist eine böse Gelegenheit , denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen alle Sicht . So weit sie sehen können , ist kein Licht zu erblicken : sie sind allein auf der See . Ihr Zeug ist durchnäßt , denn die Seen laufen über den Setzbord , wie sie wollen . Die Frau am Deich ! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden , nichts schläft oder träumt in ihm , alles wacht . Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz ist von Menschen , so hat er seine Gedanken auf dem Haufen : taghell sind alle Stuben und Kammern beleuchtet , und über die Treppen eilen die aufgejagten Diener . Die Seen werden hohler und hohler , und donnerartiger klingt ihr Lärm , wie aus der Tiefe gequollen . Klaus will ihm erst nicht glauben , bis er sich dermaßen verstärkt , daß er es muß . » Lot ut ! « ruft er dann jäh und reißt das Blei aus dem Nachthaus . Der Knecht peilt die Tiefe . » Fief Fohm ! « » Denn sünd wi uppe Grünnen ! « Fünf Faden Wasser nur . Wie weit sind sie abgetrieben ! Sie sind in leeger Wall ! Bis jetzt ist alles Spiel gewesen , verglichen mit dem Ernst , der nun kommt ! Klaus Mewes fühlt sich von kalten , eisernen Fäusten gepackt , die ihn erdrosseln wollen . Gefahr ! gurgelt das Wasser , Gefahr ! braust der Sturm , Gefahr ! schreit der Ewer . » Nu geiht op Leben un Dod « , ruft der Knecht . Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt : » Seil upsetten ! « denn er will sich nicht geben . Mit großer Mühe setzten sie das Sturmsegel am Besansmast , binden das dritte Reff an und ziehen das Großsegel halb auf und geben der Fock etwas mehr Bott . Der ringende Ewer luvt auf und legt sich dwars in die schweren Seen . Argewaltig wird der Kampf mit Wind und Wasser , verzweifelt wehrt der kleine Menschenewer sich gegen die beiden Großen , die ihn tot machen wollen . Mit unbeschreiblicher Wildheit und Wut branden die Seen ununterbrochen über den Setzbord , daß das Deck ein Wasser ist , die Segel wie Dachrinnen lecken und die Spritzer bis zum Flögel fliegen . Wenn eine der großen Unsulten von Sturzseen gigantisch und eisern heranwuchtet , duckt der Ewer sich wie ein Bulle und nimmt sie von Steuerbord über , richtet sich hoch und steil auf und schüttelt sie nach Backbord ab . Dann duckt er sich wieder , ein Wal im Kampf mit Schwertfischen , die von allen Seiten auf ihn eindringen . Wehr dich , Ewer ! Kap Horn , halt aus ! Denk an die Stürme im südlichen Atlantik , an den düstern Felsen , nach dem du genannt bist , und laß die Kette nicht los ! Steh fest auf dem glatten Deck , laß dich nicht über Bord spülen ! Denk an die vielen Hochzeiten , zu denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen sollst ! Klaus Mewes , du Leu von Finkenwärder , der du immer in der ersten Reihe gestanden hast , muß ich dich aufrufen ? Nein , - das braucht es nicht : da steht er am Ruder im zerrissenen Ölrock , naß wie ein Kater , knietief im Wasser , und wankt und weicht nicht , er hält den Ewer , er hält ihn ! Damit er nicht über Bord schöle , hat er sich mit einem Tauende festgebunden . So steht er da , ein ganzer Seemann , ernst und wachsam , und späht durch Nacht und Regen nach Land und Feuern . Zeit gibt es nicht mehr , es gibt nur noch Sturm ! Wer will wissen , ob es Minuten oder Stunden sind , die sie durchleben , bis an Steuerbord ein Licht erscheint ? » Rodensand ! « ruft der Knecht , aber der Schiffer schüttelt ungläubig den Kopf . Da taucht neben dem hellen Licht ein schwächeres auf , und er muß glauben , was er erst nicht glauben wollteweil er sich nicht denken konnte , daß sie so weit abgetrieben sein könnten : das Licht voraus ist das Feuerschiff Bremen ! Sie müssen hoch auf den Gründen sein ! Hastig knotete er sich los und wirft das Lot ! Er wirft es zum zweiten Mal , denn es kann ja nicht sein , die Leine muß gehakt sein . Aber es bleiben drei Faden . » Dree Fohm ! Dree Fohm ! Dree Fohm ! « ruft er durch den Sturm . » Hest hürt , Kap Horn ? « gröhlt er , als er keine Antwort bekommt . In diesem Augenblick schiebt Störtebeker , dem die Zeit zu lang wird , die Kapp auf , um auszugucken : da schlägt ihm die See dermaßen ins Gesicht , daß er das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe hinuntersaust . Er krabbelt sich aber gleich wieder auf , schiebt die Kapp zu und sagt zu Hein , der ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht : » Junge , dat do ik ne wedder , Hein ! Wat hebb ik een kreegen ! Meist , as wenn Vadder mi een fixen Backs geef ! «