gedient hatte , das Wasser der Bitternis für die Augen zu destillieren ; er begriff , daß die wahre Konsolation erst begann , wenn das Glück vergangen genug und für immer vorüber war . Nichts war ihm näher , als dieser Trost . Und während sein Blick scheinbar die Brücke drüben umfaßte , liebte er es , durch dieses von der starken Cumäa zu großen Wegen ergriffene Herz die Welt zu sehen , die damalige : die gewagten Meere , fremdtürmige Städte , zugehalten vom Andruck der Weiten ; der gesammelten Gebirge ekstatische Einsamkeit und die in fürchtigem Zweifel erforschten Himmel , die sich erst schlossen wie eines Saugkindes Hirnschale . Aber wenn jemand eintrat , so erschrak er , und langsam beschlug sich sein Geist . Er gab zu , daß man ihn vom Fenster fortführte und ihn beschäftigte . Sie hatten ihm die Gewohnheit beigebracht , stundenlang über Abbildungen zu verweilen , und er war es zufrieden , nur kränkte es ihn , daß man im Blättern niemals mehrere Bilder vor sich behielt und daß sie in den Folianten festsaßen , so daß man sie nicht untereinander bewegen konnte . Da hatte sich jemand eines Spiels Karten erinnert , das völlig in Vergessenheit geraten war , und der König nahm den in Gunst , der es ihm brachte ; so sehr waren diese Kartons nach seinem Herzen , die bunt waren und einzeln beweglich und voller Figur . Und während das Kartenspielen unter den Hofleuten in Mode kam , saß der König in seiner Bibliothek und spielte allein . Genau wie er nun zwei Könige nebeneinander aufschlug , so hatte Gott neulich ihn und den Kaiser Wenzel zusammengetan ; manchmal starb eine Königin , dann legte er ein Herz-Aß auf sie , das war wie ein Grabstein . Es wunderte ihn nicht , daß es in diesem Spiel mehrere Päpste gab ; er richtete Rom ein drüben am Rande des Tisches , und hier , unter seiner Rechten , war Avignon . Rom war ihm gleichgültig , er stellte es sich aus irgendeinem Grunde rund vor und bestand nicht weiter darauf . Aber Avignon kannte er . Und kaum dachte er es , so wiederholte seine Erinnerung den hohen hermetischen Palast und überanstrengte sich . Er schloß die Augen und mußte tief Atem holen . Er fürchtete bös zu träumen nächste Nacht . Im ganzen aber war es wirklich eine beruhigende Beschäftigung , und sie hatten recht , ihn immer wieder darauf zu bringen . Solche Stunden befestigten ihn in der Ansicht , daß er der König sei , König Karl der Sechste . Das will nicht sagen , daß er sich übertrieb ; weit von ihm war die Meinung , mehr zu sein als so ein Blatt , aber die Gewißheit bestärkte sich in ihm , daß auch er eine bestimmte Karte sei , vielleicht eine schlechte , eine zornig ausgespielte , die immer verlor : aber immer die gleiche : aber nie eine andere . Und doch , wenn eine Woche so hingegangen war in gleichmäßiger Selbstbestätigung , so wurde ihm enge in ihm . Die Haut spannte ihn um die Stirn und im Nacken , als empfände er auf einmal seinen zu deutlichen Kontur . Niemand wußte , welcher Versuchung er nachgab , wenn er dann nach den Mysterien fragte und nicht erwarten konnte , daß sie begännen . Und war es einmal so weit , so wohnte er mehr rue Saint-Denis als in seinem Hôtel von Saint-Pol . Es war das Verhängnisvolle dieser dargestellten Gedichte , daß sie sich immerfort ergänzten und erweiterten und zu Zehntausenden von Versen anwuchsen , so daß die Zeit in ihnen schließlich die wirkliche war ; etwa so , als machte man einen Globus im Maßstab der Erde . Die hohle Estrade , unter der die Hölle war und über der , an einen Pfeiler angebaut , das geländerlose Gerüst eines Balkons das Niveau des Paradieses bedeutete , trug nur noch dazu bei , die Täuschung zu verringern . Denn dieses Jahrhundert hatte in der Tat Himmel und Hölle irdisch gemacht : es lebte aus den Kräften beider , um sich zu überstehen . Es waren die Tage jener avignonesischen Christenheit , die sich vor einem Menschenalter um Johann den Zweiundzwanzigsten zusammengezogen hatte , mit so viel unwillkürlicher Zuflucht , daß an dem Platze seines Pontifikats , gleich nach ihm , die Masse dieses Palastes entstanden war , verschlossen und schwer wie ein äußerster Notleib für die wohnlose Seele aller . Er selbst aber , der kleine , leichte , geistige Greis , wohnte noch im Offenen . Während er , kaum angekommen , ohne Aufschub , nach allen Seiten hin rasch und knapp zu handeln begann , standen die Schüsseln mit Gift gewürzt auf seiner Tafel ; der erste Becher mußte immer weggeschüttet werden , denn das Stück Einhorn war mißfarbig , wenn es der Mundkämmerer daraus zurückzog . Ratlos , nicht wissend , wo er sie verbergen sollte , trug der Siebzigjährige die Wachsbildnisse herum , die man von ihm gemacht hatte , um ihn darin zu verderben ; und er ritzte sich an den langen Nadeln , mit denen sie durchstochen waren . Man konnte sie einschmelzen . Doch so hatte er sich schon an diesen heimlichen Simulakern entsetzt , daß er , gegen seinen starken Willen , mehrmals den Gedanken formte , er könnte sich selbst damit tödlich sein und hinschwinden wie das Wachs am Feuer . Sein verminderter Körper wurde nur noch trockener vom Grausen und dauerhafter . Aber nun wagte man sich an den Körper seines Reichs ; von Granada aus waren die Juden angestiftet worden , alle Christlichen zu vertilgen , und diesmal hatten sie sich furchtbarere Vollzieher erkauft . Niemand zweifelte , gleich auf die ersten Gerüchte hin , an dem Anschlag der Leprosen ; schon hatten einzelne gesehen , wie sie Bündel ihrer schrecklichen Zersetzung in die Brunnen warfen . Es war nicht Leichtgläubigkeit , daß man dies sofort für möglich hielt ; der Glaube , im Gegenteil , war so schwer geworden , daß er den Zitternden entsank und bis auf den Grund der Brunnen fiel . Und wieder hatte der eifrige Greis Gift abzuhalten vom Blute . Zur Zeit seiner abergläubischen Anwandlungen hatte er sich und seiner Umgebung das Angelus verschrieben gegen die Dämonen der Dämmerung ; und nun läutete man auf der ganzen erregten Welt jeden Abend dieses kalmierende Gebet . Sonst aber glichen alle Bullen und Briefe , die von ihm ausgingen , mehr einen Gewürzwein als einer Tisane . Das Kaisertum hatte sich nicht in seine Behandlung gestellt , aber er ermüdete nicht , es mit Beweisen seines Krankseins zu überhäufen ; und schon wandte man sich aus dem fernsten Osten an diesen herrischen Arzt . Aber da geschah das Unglaubliche . Am Allerheiligentag hatte er gepredigt , länger , wärmer als sonst ; in einem plötzlichen Bedürfnis , wie um ihn selbst wiederzusehen , hatte er seinen Glauben gezeigt ; aus dem fünfundachtzigjährigen Tabernakel hatte er ihn mit aller Kraft langsam herausgehoben und auf der Kanzel ausgestellt : und da schrieen sie ihn an . Ganz Europa schrie : dieser Glaube war schlecht . Damals verschwand der Papst . Tagelang ging keine Aktion von ihm aus , er lag in seinem Betzimmer auf den Knieen und erforschte das Geheimnis der Handelnden , die Schaden nehmen an ihrer Seele . Endlich erschien er , erschöpft von der schweren Einkehr , und widerrief . Er widerrief einmal über das andere . Es wurde die senile Leidenschaft seines Geistes , zu widerrufen . Es konnte geschehen , daß er nachts die Kardinäle wecken ließ , um mit ihnen von seiner Reue zu reden . Und vielleicht war das , was sein Leben über die Maßen hinhielt , schließlich nur die Hoffnung , sich auch noch vor Napoleon Orsini zu demütigen , der ihn haßte und der nicht kommen wollte . Jakob von Cahors hatte widerrufen . Und man könnte meinen , Gott selber hätte seine Irrung erweisen wollen , da er so bald hernach jenen Sohn des Grafen von Ligny aufkommen ließ , der seine Mündigkeit auf Erden nur abzuwarten schien , um des Himmels seelische Sinnlichkeiten mannbar anzutreten . Es lebten viele , die sich dieses klaren Knaben in seinem Kardinalat erinnerten , und wie er am Eingang seiner Jünglingschaft Bischof geworden und mit kaum achtzehn Jahren in einer Ekstase seiner Vollendung gestorben war . Man begegnete Totgewesenen : denn die Luft an seinem Grabe , in der , frei geworden , pures Leben lag , wirkte lange noch auf die Leichname . Aber war nicht etwas Verzweifeltes selbst in dieser frühreifen Heiligkeit ? War es nicht ein Unrecht an allen , daß das reine Gewebe dieser Seele nur eben durchgezogen worden war , als handelte es sich nur darum , es in der garen Scharlachküpe der Zeit leuchtend zu färben ? Empfand man nicht etwas wie einen Gegenstoß , da dieser junge Prinz von der Erde absprang in seine leidenschaftliche Himmelfahrt ? Warum verweilten die Leuchtenden nicht unter den mühsamen Lichtziehern ? War es nicht diese Finsternis , die Johann den Zweiundzwanzigsten dahin gebracht hatte , zu behaupten , daß es vor dem jüngsten Gericht keine ganze Seligkeit gäbe , nirgends , auch unter den Seligen nicht ? Und in der Tat , wieviel rechthaberische Verbissenheit gehörte dazu , sich vorzustellen , daß , während hier so dichte Wirrsal geschah , irgendwo Gesichter schon im Scheine Gottes lagen , an Engel zurückgelehnt und gestillt durch die unausschöpfliche Aussicht auf ihn . Da sitze ich in der kalten Nacht und schreibe und weiß das alles . Ich weiß es vielleicht , weil mir jener Mann begegnet ist , damals als ich klein war . Er war sehr groß , ich glaube sogar , daß er auffallen mußte durch seine Größe . So unwahrscheinlich es ist , es war mir irgendwie gelungen , gegen Abend allein aus dem Haus zu kommen ; ich lief , ich bog um eine Ecke , und in demselben Augenblick stieß ich gegen ihn . Ich begreife nicht , wie das , was jetzt geschah , sich in etwa fünf Sekunden abspielen konnte . So dicht man es auch erzählt , es dauert viel länger . Ich hatte mir weh getan im Anlauf an ihn ; ich war klein , es schien mir schon viel , daß ich nicht weinte , auch erwartete ich unwillkürlich , getröstet zu sein . Da er das nicht tat , hielt ich ihn für verlegen ; es fiel ihm , vermutete ich , der richtige Scherz nicht ein , in dem diese Sache aufzulösen war . Ich war schon vergnügt genug , ihm dabei zu helfen , aber dazu war es nötig , ihm ins Gesicht zu sehen . Ich habe gesagt , daß er groß war . Nun hatte er sich nicht , wie es doch natürlich gewesen wäre , über mich gebeugt , so daß er sich in einer Höhe befand , auf die ich nicht vorbereitet war . Immer noch war vor mir nichts als der Geruch und die eigentümliche Härte seines Anzugs , die ich gefühlt hatte . Plötzlich kam sein Gesicht . Wie es war ? Ich weiß es nicht , ich will es nicht wissen . Es war das Gesicht eines Feindes . Und neben diesem Gesicht , dicht nebenan , in der Höhe der schrecklichen Augen , stand , wie ein zweiter Kopf , seine Faust . Ehe ich noch Zeit hatte , mein Gesicht wegzusenken , lief ich schon ; ich wich links an ihm vorbei und lief geradeaus eine leere , furchtbare Gasse hinunter , die Gasse einer fremden Stadt , einer Stadt in der nichts vergeben wird . Damals erlebte ich , was ich jetzt begreife : jene schwere , massive , verzweifelte Zeit . Die Zeit , in der der Kuß zweier , die sich versöhnten , nur das Zeichen für die Mörder war , die herumstanden . Sie tranken aus demselben Becher , sie bestiegen vor aller Augen das gleiche Reitpferd , und es wurde verbreitet , daß sie die Nacht in einem Bette schlafen würden : und über allen diesen Berührungen wurde ihr Widerwillen aneinander so dringend , daß , sooft einer die schlagenden Adern des andern sah , ein krankhafter Ekel ihn bäumte , wie beim Anblick einer Kröte . Die Zeit , in der ein Bruder den Bruder um dessen größeren Erbteils willen überfiel und gefangenhielt ; zwar trat der König für den Mißhandelten ein und erreichte ihm Freiheit und Eigentum ; in anderen fernen Schicksalen beschäftigt , gestand ihm der Ältere Ruhe zu und bereute in Briefen sein Unrecht . Aber über alledem kam der Befreite nicht mehr zur Fassung . Das Jahrhundert zeigt ihn im Pilgerkleid von Kirche zu Kirche ziehen , immer wunderlichere Gelübde erfindend . Mit Amuletten behangen , flüstert er den Mönchen von Saint-Denis seine Befürchtungen zu , und in ihren Registern stand lange die hundertpfündige Wachskerze verzeichnet , die er für gut hielt , dem heiligen Ludwig zu weihen . Zu seinem eigenen Leben kam es nicht ; bis an sein Ende fühlte er seines Bruders Neid und Zorn in verzerrter Konstellation über seinem Herzen . Und jener Graf von Foix , Gaston Phöbus , der in aller Bewunderung war , hatte er nicht seinen Vetter Ernault , des englischen Königs Hauptmann zu Lourdes , offen getötet ? Und was war dieser deutliche Mord gegen den grauenvollen Zufall , daß er das kleine scharfe Nagelmesser nicht fortgelegt hatte , als er mit seiner berühmt schönen Hand in zuckendem Vorwurf den bloßen Hals seines liegenden Sohnes streifte ? Die Stube war dunkel , man mußte leuchten , um das Blut zu sehen , das so weit herkam und nun für immer ein köstliches Geschlecht verließ , da es heimlich aus der winzigen Wunde dieses erschöpften Knaben austrat . Wer konnte stark sein und sich des Mordes enthalten ? Wer in dieser Zeit wußte nicht , daß das Äußerste unvermeidlich war ? Da und dort über einen , dessen Blick untertags dem kostenden Blick seines Mörders begegnet war , kam ein seltsames Vorgefühl . Er zog sich zurück , er schloß sich ein , er schrieb das Ende seines Willens und verordnete zum Schluß die Trage aus Weidengeflecht , die Cölestinerkutte und Aschenstreu . Fremde Minstrel erschienen vor seinem Schloß , und er beschenkte sie fürstlich für ihre Stimme , die mit seinen vagen Ahnungen einig war . Im Aufblick der Hunde war Zweifel , und sie wurden weniger sicher in ihrer Aufwartung . Aus der Devise , die das ganze Leben lang gegolten hatte , trat leise ein neuer , offener Nebensinn . Manche lange Gewohnheit kam einem veraltet vor , aber es war , als bildete sich kein Ersatz mehr für sie . Stellten sich Pläne ein , so ging man im großen mit ihnen um , ohne wirklich an sie zu glauben ; dagegen griffen gewisse Erinnerungen zu einer unerwarteten Endgültigkeit . Abends , am Feuerplatz , meinte man sich ihnen zu überlassen . Aber die Nacht draußen , die man nicht mehr kannte , wurde auf einmal ganz stark im Gehör . Das an so vielen freien oder gefährlichen Nächten erfahrene Ohr unterschied einzelne Stücke der Stille . Und doch war es anders diesmal . Nicht die Nacht zwischen gestern und heute : eine Nacht . Nacht . Beau Sire Dieu , und dann die Auferstehung . Kaum daß in solche Stunden die Berühmung um eine Geliebte hineinreichte : sie waren alle verstellt in Tagliedern und Diengedichten ; unbegreiflich geworden unter langen nachschleppenden Prunknamen . Höchstens , im Dunkel , wie das volle , frauige Aufschaun eines Bastardsohns . Und dann , vor dem späten Nachtessen diese Nachdenklichkeit über die Hände in dem silbernen Waschbecken . Die eigenen Hände . Ob ein Zusammenhang in das Ihre zu bringen war ? eine Folge , eine Fortsetzung im Greifen und Lassen ? Nein . Alle versuchten das Teil und das Gegenteil . Alle hoben sich auf , Handlung war keine . Es gab keine Handlung , außer bei den Missionsbrüdern . Der König , so wie er sie hatte sich gebärden sehn , erfand selbst den Freibrief für sie . Er redete sie seine lieben Brüder an ; nie war ihm jemand so nahegegangen . Es wurde ihnen wörtlich bewilligt , in ihrer Bedeutung unter den Zeitlichen herumzugehen ; denn der König wünschte nichts mehr , als daß sie viele anstecken sollten und hineinreißen in ihre starke Aktion , in der Ordnung war . Was ihn selbst betrifft , so sehnte er sich , von ihnen zu lernen . Trug er nicht , ganz wie sie , die Zeichen und Kleider eines Sinnes an sich ? Wenn er ihnen zusah , so konnte er glauben , dies müßte sich erlernen lassen : zu kommen und zu gehen , auszusagen und sich abzubiegen , so daß kein Zweifel war . Ungeheuere Hoffnungen überzogen sein Herz . In diesem unruhig beleuchteten , merkwürdig unbestimmten Saal des Dreifaltigkeitshospitals saß er täglich an seinem besten Platz und stand auf vor Erregung und nahm sich zusamm wie ein Schüler . Andere weinten ; er aber war innen voll glänzender Tränen und preßte nur die kalten Hände ineinander , um es zu ertragen . Manchmal im Äußersten , wenn ein abgesprochener Spieler plötzlich wegtrat aus seinem großen Blick , hob er das Gesicht und erschrak : seit wie lange schon war Er da : Monseigneur Sankt Michaël , oben , vorgetreten an den Rand des Gerüsts in seiner spiegelnden silbernen Rüstung . In solchen Momenten richtete er sich auf . Er sah um sich wie vor einer Entscheidung . Er war ganz nahe daran , das Gegenstück zu dieser Handlung hier einzusehen : die große , bange , profane Passion , in der er spielte . Aber auf einmal war es vorbei . Alle bewegten sich ohne Sinn . Offene Fackeln kamen auf ihn zu , und in die Wölbung hinauf warfen sich formlose Schatten . Menschen , die er nicht kannte , zerrten an ihm . Er wollte spielen ; aber aus seinem Mund kam nichts , seine Bewegungen ergaben keine Gebärde . Sie drängten sich so eigentümlich um ihn , es kam ihm die Idee , daß er das Kreuz tragen sollte . Und er wollte warten , daß sie es brächten . Aber sie waren stärker , und sie schoben ihn langsam hinaus . Aussen ist vieles anders geworden . Ich weiß nicht wie . Aber innen und vor Dir , mein Gott , innen vor Dir , Zuschauer : sind wir nicht ohne Handlung ? Wir entdecken wohl , daß wir die Rolle nicht wissen , wir suchen einen Spiegel , wir möchten abschminken und das Falsche abnehmen und wirklich sein . Aber irgendwo haftet uns noch ein Stück Verkleidung an , das wir vergessen . Eine Spur Übertreibung bleibt in unseren Augenbrauen , wir merken nicht , daß unsere Mundwinkel verbogen sind . Und so gehen wir herum , ein Gespött und eine Hälfte : weder Seiende , noch Schauspieler . Das war im Theater zu Orange . Ohne recht aufzusehen , nur im Bewußtsein des rustiken Bruchs , der jetzt seine Fassade ausmacht , war ich durch die kleine Glastür des Wächters eingetreten . Ich befand mich zwischen liegenden Säulenkörpern und kleinen Althaeabäumen , aber sie verdeckten mir nur einen Augenblick die offene Muschel des Zuschauerhangs , die dalag , geteilt von den Schatten des Nachmittags , wie eine riesige konkave Sonnenuhr . Ich ging rasch auf sie zu . Ich fühlte , zwischen den Sitzreihen aufsteigend , wie ich abnahm in dieser Umgebung . Oben , etwas höher , standen , schlecht verteilt , ein paar Fremde herum in müßiger Neugier ; ihre Anzüge waren unangenehm deutlich , aber ihr Maßstab war nicht der Rede wert . Eine Weile faßten sie mich ins Auge und wunderten sich über meine Kleinheit . Das machte , daß ich mich umdrehte . Oh , ich war völlig unvorbereitet . Es wurde gespielt . Ein immenses , ein übermenschliches Drama war im Gange , das Drama dieser gewaltigen Szenenwand , deren senkrechte Gliederung dreifach auftrat , dröhnend vor Größe , fast vernichtend und plötzlich maßvoll im Übermaß . Ich ließ mich hin vor glücklicher Bestürzung . Dieses Ragende da mit der antlitzhaften Ordnung seiner Schatten , mit dem gesammelten Dunkel im Mund seiner Mitte , begrenzt , oben , von des Kranzgesimses gleichlockiger Haartracht : dies war die starke , alles verstellende antikische Maske , hinter der die Welt zum Gesicht zusammenschoß . Hier , in diesem großen , eingebogenen Sitzkreis herrschte ein wartendes , leeres , saugendes Dasein : alles Geschehen war drüben : Götter und Schicksal . Und von drüben kam ( wenn man hoch aufsah ) leicht , über den Wandgrat : der ewige Einzug der Himmel . Diese Stunde , das begreife ich jetzt , schloß mich für immer aus von unseren Theatern . Was soll ich dort ? Was soll ich vor einer Szene , in der diese Wand ( die Ikonwand der russischen Kirchen ) abgetragen wurde , weil man nicht mehr die Kraft hat , durch ihre Härte die Handlung durchzupressen , die gasförmige , die in vollen schweren Öltropfen austritt . Nun fallen die Stücke in Brocken durch das lochige Grobsieb der Bühnen und häufen sich an und werden weggeräumt , wenn es genug ist . Es ist dieselbe ungare Wirklichkeit , die auf den Straßen liegt und in den Häusern , nur daß mehr davon dort zusammenkommt , als sonst in einen Abend geht . 7 ( Laßt uns doch aufrichtig sein , wir haben kein Theater , so wenig wir einen Gott haben : dazu gehört Gemeinsamkeit . Jeder hat seine besonderen Einfälle und Befürchtungen , und er läßt den andern so viel davon sehen , als ihm nützt und paßt . Wir verdünnen fortwährend unser Verstehen , damit es reichen soll , statt zu schreien nach der Wand einer gemeinsamen Not , hinter der das Unbegreifliche Zeit hat , sich zu sammeln und anzuspannen . ) Hätten wir ein Theater , stündest du dann , du Tragische , immer wieder so schmal , so bar , so ohne Gestaltvorwand vor denen , die an deinem ausgestellten Schmerz ihre eilige Neugier vergnügen ? Du sahst , unsäglich Rührende , das Wirklichsein deines Leidens voraus , in Verona damals , als du , fast noch ein Kind , theaterspielend , lauter Rosen vor dich hieltst wie eine maskige Vorderansicht , die dich gesteigert verbergen sollte . Es ist wahr , du warst ein Schauspielerkind , und wenn die Deinen spielten , so wollten sie gesehen sein ; aber du schlugst aus der Art. Dir sollte dieser Beruf werden , was für Marianna Alcoforado , ohne daß sie es ahnte , die Nonnenschaft war , eine Verkleidung , dicht und dauernd genug , um hinter ihr rückhaltlos elend zu sein , mit der Inständigkeit , mit der unsichtbare Selige selig sind . In allen Städten , wohin du kamst , beschrieben sie deine Gebärde ; aber sie begriffen nicht , wie du , aussichtsloser von Tag zu Tag , immer wieder eine Dichtung vor dich hobst , ob sie dich berge . Du hieltest dein Haar , deine Hände , irgendein dichtes Ding vor die durchscheinenden Stellen . Du hauchtest die an , die durchsichtig waren ; du machtest dich klein ; du verstecktest dich , wie Kinder sich verstecken , und dann hattest du jenen kurzen , glücklichen Auflaut , und höchstens ein Engel hätte dich suchen dürfen . Aber , schautest du dann vorsichtig auf , so war kein Zweifel , daß sie dich die ganze Zeit gesehen hatten , alle in dem häßlichen , hohlen , äugigen Raum : dich , dich , dich und nichts anderes . Und es kam dich an , ihnen den Arm verkürzt entgegenzustrecken mit dem Fingerzeichen gegen den bösen Blick . Es kam dich an , ihnen dein Gesicht zu entreißen , an dem sie zehrten . Es kam dich an , du selber zu sein . Deinen Mitspielern fiel der Mut ; als hätte man sie mit einem Pantherweibchen zusammengesperrt , krochen sie an den Kulissen entlang und sprachen was fällig war , nur um dich nicht zu reizen . Du aber zogst sie hervor und stelltest sie hin und gingst mit ihnen um wie mit Wirklichen . Die schlappen Türen , die hingetäuschten Vorhänge , die Gegenstände ohne Hinterseite drängten dich zum Widerspruch . Du fühltest , wie dein Herz sich unaufhaltsam steigerte zu einer immensen Wirklichkeit und , erschrocken , versuchtest du noch einmal die Blicke von dir abzunehmen wie lange Fäden Altweibersommers - : Aber da brachen sie schon in Beifall aus in ihrer Angst vor dem Äußersten : wie um im letzten Moment etwas von sich abzuwenden , was sie zwingen würde , ihr Leben zu ändern . Schlecht leben die Geliebten und in Gefahr . Ach , daß sie sich überstünden und Liebende würden . Um die Liebenden ist lauter Sicherheit . Niemand verdächtigt sie mehr , und sie selbst sind nicht imstande , sich zu verraten . In ihnen ist das Geheimnis heil geworden , sie schreien es im Ganzen aus wie Nachtigallen , es hat keine Teile . Sie klagen um einen ; aber die ganze Natur stimmt in sie ein : es ist die Klage um einen Ewigen . Sie stürzen sich dem Verlorenen nach , aber schon mit den ersten Schritten überholen sie ihn , und vor ihnen ist nur noch Gott . Ihre Legende ist die der Byblis , die den Kaunos verfolgt bis nach Lykien hin . Ihres Herzens Andrang jagte sie durch die Länder auf seiner Spur , und schließlich war sie am Ende der Kraft ; aber so stark war ihres Wesens Bewegtheit , daß sie , hinsinkend , jenseits vom Tod als Quelle wiedererschien , eilend , als eilende Quelle . Was ist anderes der Portugiesin geschehen : als daß sie innen zur Quelle ward ? Was dir , Heloïse ? was euch , Liebenden , deren Klagen auf uns gekommen sind : Gaspara Stampa ; Gräfin von Die und Clara d ' Anduze ; Louise Labbé , Marceline Desbordes , Elisa Mercoeur ? Aber du , arme flüchtige Aïssé , du zögertest schon und gabst nach . Müde Julie Lespinasse . Trostlose Sage des glücklichen Parks : Marie-Anne de Clermont . Ich weiß noch genau , einmal , vorzeiten , zuhaus , fand ich ein Schmucketui ; es war zwei Hände groß , fächerförmig mit einem eingepreßten Blumenrand im dunkelgrünen Saffian . Ich schlug es auf : es war leer . Das kann ich nun sagen nach so langer Zeit . Aber damals , da ich es geöffnet hatte , sah ich nur , woraus diese Leere bestand : aus Samt , aus einem kleinen Hügel lichten , nicht mehr frischen Samtes ; aus der Schmuckrille , die , um eine Spur Wehmut heller , leer , darin verlief . Einen Augenblick war das auszuhalten . Aber vor denen , die als Geliebte zurückbleiben , ist es vielleicht immer so . Blättert zurück in euren Tagebüchern . War da nicht immer um die Frühlinge eine Zeit , da das ausbrechende Jahr euch wie ein Vorwurf betraf ? Es war Lust zum Frohsein in euch , und doch , wenn ihr hinaustratet in das geräumige Freie , so entstand draußen eine Befremdung in der Luft , und ihr wurdet unsicher im Weitergehen wie auf einem Schiffe . Der Garten fing an ; ihr aber ( das war es ) , ihr schlepptet Winter herein und voriges Jahr ; für euch war es bestenfalls eine Fortsetzung . Während ihr wartetet , daß eure Seele teilnähme , empfandet ihr plötzlich eurer Glieder Gewicht , und etwas wie die Möglichkeit , krank zu werden , drang in euer offenes Vorgefühl . Ihr schobt es auf euer zu leichtes Kleid , ihr spanntet den Schal um die Schultern , ihr lieft die Allee bis zum Schluß : und dann standet ihr , herzklopfend , in dem weiten Rondell , entschlossen mit alledem einig zu sein . Aber ein Vogel klang und war allein und verleugnete euch . Ach , hättet ihr müssen gestorben sein ? Vielleicht . Vielleicht ist das neu , daß wir das überstehen : das Jahr und die Liebe . Blüten und Früchte sind reif , wenn sie fallen ; die Tiere fühlen sich und finden sich zueinander und sind es zufrieden . Wir aber , die wir uns Gott vorgenommen haben , wir können nicht fertig werden . Wir rücken unsere Natur hinaus , wir brauchen noch Zeit . Was ist uns ein Jahr ? Was sind alle ? Noch eh wir Gott angefangen haben , beten wir schon zu ihm : laß uns die Nacht überstehen . Und dann das Kranksein . Und dann die Liebe . Daß Clémence de Bourges hat sterben müssen in ihrem Aufgang . Sie , die ohne gleichen war ; unter den Instrumenten , die sie wie keine zu spielen verstand , das schönste , selber im mindesten Klang ihrer Stimme unvergeßlich gespielt . Ihr Mädchentum war von so hoher Entschlossenheit , daß eine flutende Liebende diesem aufkommenden Herzen das Buch Sonette zueignen konnte , darin jeder Vers ungestillt war . Louise Labbé fürchtete nicht , dieses Kind zu erschrecken mit der Leidenslänge der Liebe . Sie zeigte ihr das nächtliche Steigen der Sehnsucht ; sie versprach ihr den Schmerz wie einen größeren Weltraum ; und sie ahnte , daß sie mit ihrem erfahrenen Weh hinter dem dunkel erwarteten zurückblieb , von dem diese Jünglingin schön war . Mädchen in meiner Heimat . Daß die schönste von euch im Sommer an einem Nachmittag in der verdunkelten Bibliothek sich das kleine Buch fände , das Jan des Tournes 1556 gedruckt hat