darauf sind uns Musketen und Hakenbüchsen ausgehändigt worden , und nun hat das Zielen , Laden und Scheibenschießen angehoben . Nicht der kalte Wind Decembris , nicht herabgießender Regen und Schneegestöber hat uns verdrossen . Und so wir abends im Barackenquartier unser Kommisbrot mit Speck verzehreten , wohl gar einen Trunk Zerbster Bieres dazu , ließ unser Mut sich fröhlich im Gesange aus : » Frisch auf ins weite Feld ! Zu Wasser und zu Lande Bin ich Soldat ums Geld . Weil alle Leute schlafen , Soldaten müssen wachen , Dazu sein sie bestellt ! « Ums Geld war ich nun freilich nicht Soldat . Doch wenn ich auch heimlich schmunzelte » Eia , mir steht nach edlerem Solde der Sinn « , so hielt ich doch in allen soldatischen Strapazen wacker mit den Kameraden . Die Wachen bekam ich fast sattsam zu kosten . Doch oft fühlte sich mein Mut zu ähnlicher Flamme angefacht , wie in der Nacht des dritten Advents , da ich auf der Zollschanze Posten stund . Mit den Füßen stampfend vertrieb ich mir den Frost . Die Lunte meiner Muskete glomm , und scharf lugete ich hinaus in die vom Sterngeflimmer bleich erhellte Ebene , ob nicht etwan ein Feind daher geschlichen komme . In der nahen Wachtbude intonierten die rauhen Kehlen meiner Kameraden : » Zu Magdeburg , der werten , Tummeln sich Völker viel , Zu Fuß und auch zu Pferden Treiben sie Waffenspiel . Im Schilde überm Tore Da steht ein Mägdelein , Sein Händlein hat erkoren Ein Rautenkränzelein . Das Mägdlein spricht : Hie schauet Die Burg der freien Magd ! Der Unschuld anvertrauet , Vor Feinden unverzagt . So einer auf der Freiten Mein Kränzelein begehrt , Der muß zuvörderst streiten Gen manches Helden Schwert . Mich halten wohlbeschirmet Geschütz und Mauerstein . Komm nur herangestürmet , Du freches Freierlein ! « Hinter mir scholl es dumpf von den Türmen . Ich kannte sie alle von meiner Kindheit her , die erzenen Munde von Sankt Johannis , Sankt Katharinen , Sankt Jakobi , Sankt Ulrich , Sankt Sebastian , vom Liebfrauenkloster und endlich die dumpfe Glocke vom Dome . Jetzo dröhneten sie die Morgenstunde , kündend , daß mir die Ablösung nahe . Ich schaute zurück und sahe die dunkle Masse der Stadt , Dächer und Türme scharf abgehoben vom dämmernden Osten . Und da deuchte mich , droben zwischen den zween Domtürmen stehe die Magdeburgische Wappenjungfer mit dem erhobenen Kränzel ; und niemand anders war ' s als meiner Thekla seine Gestalt . Sie lächelte mir zu in spöttischer Herausforderung , als wolle sie rufen wie einst auf der Abendburg : » Wag ' s Knab , wag ' s ! « Und abermals wallete heiß mein Geblüt , ich drückte die Faust auf mein pochend Herze , leise zu mir selber sprechend : » Harre , Johannes , harre ! Wirst sie endlich doch erobern , die stolze Feine ! Wohlan , das sei hinfüro all dein Ziel - dein Abendburgschatz , den du gewißlich heben wirst ! « Wie ich des andern Tages den Schlaf , so auf der Wacht versäumet war , etlichermaßen nachholete , ward ich aufgewecket von meinem Korporal , dieweil ein Bote für mich gekommen . Es war ein Page des Obersten Falkenberg . Er führete mich beiseite und tat in meine Hand ein Päcklein , auf dessen Siegel das gräflich Schlicksche Wappen gedrücket war , mir wohlbekannt von Theklas Ringe . Ich gab dem Pagen einen Botenlohn und hieß ihn beim Marketender harren , ob etwan eilige Antwort auf diese Post vonnöten . Klopfenden Herzens öffnete ich das Päcklein . Es enthielt einen Beutel mit Dukaten nebst einem Briefel , also lautend : » Mein getreuer Johannes wolle doch nit denken , daß ich sein vergessen , seit wir einander aus den Augen gekommen . Nehme Er meines Herzens Gruß und meines Dankes ein Zeichen . Soldaten bedürfen Geldes , sintemalen Kommisbrot trucken schmecket , und bekanntermaßen die Herren Offiziere nicht gern einen armen Schlucker avancieren lassen . Ei ja , die Welt fordert zu einem guten Gemälde auch einen güldenen Rahmen . Präsentier Er sich also den Herren Fürgesetzten , wie sie es gerne haben , mit etlichem Edelmetalle , auf daß Er , wie zum Exempel der heldenhafte Oberste Aldringen , eines Bürgers Sohn , mit Gottes Beistand an eine Stelle avanciere , wo Ihm freudig vor aller Welt die Hand reichen darf eine , so Ihm wohlaffectionieret . « Dies Schreiben erregte mir viel Freude , aber auch einen Beigeschmack von Verdruß und Trutz . Schrieb ohne Verzug die Antwort , tat sie nebst den Dukaten zusammen und händigte das Packet versiegelt dem Pagen für die Jungfer Gräfin ein . Es lautete aber mein Briefel : » In gebührender Reverenz hab ich empfangen , was mein hochgeehrt Fräulein mir geschrieben . Hab ' s für eine Gnade gehalten , daß Sie bemühet gewesen , mich mit einem Gruße und Beistande zu würdigen . Von Herzen danke ich Ihr die gute Affektion , so Sie gen mich heget , und bitte den Himmel , daß er Sie zu dem Schlusse führe , den mein adlig Fräulein in Aussicht stellet . Indessen verzeihe Sie ihrem Knechte , daß er die beigelegte Gabe , so ehrenvoll sie ist , wieder in Ihre Hand zurückgibt . Meine Dienste für das holdselige Fräulein haben mir einen Lohn eingebracht , vor dem alles Gold nur eitel Armutei bedeutet . Was aber mein Avancement anlangt , so möcht ich vor den Augen meiner Herrin einzig durch eigen Verdienst und Kraft zu Rang und Ehren kommen . Avancement durch Fräuleins Gunst gibt es für mich nur im Reiche des Herzens . Also ist einer gesonnen , so nimmer die Losung vergisset : Wag ' s Knab . « - Um sich der Stadt besser zu versichern und sein Kriegsvolk allmählig daselbst einzunisten , setzete Falkenberg durch , daß etliche hundert Soldaten aus den Vorstädten nach Magdeburg hinein quartieren durften . Auch meine Kompagnie erhielt Befehl , sich marschfertig zu machen . Jedoch mußten wir , bevor die Hohe Pforte uns geöffnet ward , dem Burgemeister , Herrn Kühlwein , geloben , zu der Stadt Versicherung in aller Treue das Bündnis zu wahren und gute Disziplin zu halten . Hierauf so zog ich ins alte gute Vaterland , das ich kindlichen Alters verlassen , aufs neue ein , diesmal ein mannhafter Verteidiger patriotischer Freiheit . Mit Freuden nahm ich die Gassen und Häuser , die Magdeburger Mundart und Sitte wahr ; alles war noch ebenso wie vor zwanzig Jahren . Da stund immer noch das alte Rathaus und davor zwischen Krambuden und Marktkörben Kaiser Ottos steinern Bildnis . Hier , auf dem großen Platze , machte meine Kompagnie Halt und ward in die Bürgerquartiere verteilet . Ich erhielt Befehl , mich nebst meinem Korporal zum Kaufherrn Schmidt zu begeben , der ein gut steinernes Haus neben der Ringapotheke besaß . Als wir zur Stelle kamen , stund vor der Apotheke eine gedoppelte Schildwache , woran zu erkennen , daß allhie der Oberste Falkenberg sein Losament habe . Wie eine Lerche jubelte mein Herz , als in einem oberen Fenster Jungfer Thekla sichtbar ward , und unsere Blicke einander trafen , wobei eine holde Glut ihr Antlitz übergoß . Da wußte ich , daß nicht der Zufall mich an diesen Ort geführet . Stumm , doch inniglich dankete ich dem Fräulein , die linke Hand auf mein Herze gedrückt . Daß der Oberste Falkenberg mir wohlgesinnet , bewies er gleich in den ersten Tagen meines neuen Quartiers . Es war kurz vor Weihnachten , und der Abend dämmerte . Ich wollte eines dienstfreien Stündleins genießen und wandelte über den beschneiten Ring durch die Reihen der Buden , in denen allerlei Kram feil geboten ward . Die aus Fichtenreisern geflochtenen , bunt gezierten Weihnachtspyramiden betrachtete ich stillfrohen Sinnes , als wäre ich noch ein Knabe , und als gäbe es keine Waffen , keine Feinde . Da vernahm ich hinter mir Sporenklirren , und als ich mich umwandte , stund da der Oberste Falkenberg . Allsogleich grüßete ich ihn soldatisch und harrte des Befehls . Er sahe mir scharf ins Auge und sprach : » Ist es wahr , daß Er ein flotter Reiter ? « Ich entgegnete : » Vor Jahren hab ich manch Roß des Herrn Schaffgotsch probieret . Seines Gestütes Verwalter war mir gewogen und sah es gern , wenn ich beim Zureiten half . « » Und als Magdeburger Kind findet Er sich in der Umgegend der Stadt zurecht ? Wie ? Kennet Er den Weg nach Langenweddingen ? Und trauet Er sich zu , allsogleich als Courier dorthin zu reiten , aber noch diese Nacht zurück zu sein ? « » Ja , Herr Oberster ! « » So bring Er diese Post eilends dem Kapitän Rote zu Langenweddingen und kehre sofort mit der Antwort heim . Doch seh Er sich für ; die Pappenheimer streifen bereits bis Buckau . Wird Er von den Unsrigen angerufen , so nenne Er die Losung : Vivat Gustavus und füge hinzu : Courier vom Obersten . Wohlan , melde Er sich sofort der Hauptwache , wo man ihm ein Pferd geben wird , und Gott befohlen . « Falkenberg reichte mir den Brief , den ich in meinem Koller barg , worauf ich frohen Mutes den Herrn grüßte und zur Hauptwache eilte . Der wachthabende Offizier wies mir ein tüchtig Pferd an , auch Säbel und Pistol . Ich lud die Waffe , tat dem Pferde Zaum , Gurt und Sattel an , schwang mich hinauf und trabte los . Als ich Sudenburg passiert hatte , ging ' s im Galopp voran . Die Nacht war eingebrochen ; der von Sternen angeflimmerte Schnee verbreitete ein Dämmerlicht , darin die kahlen Hecken und Bäume zu beiden Seiten der Landstraße dunkle Wegweiser bildeten . Die Gegend war völlig einsam , nur hin und wieder verriet Hundegebell ein Gehöft in der Nähe . Dicht vor Langenweddingen kam ein Reiter mir entgegengetrabt , den ich für einen Posten des Kapitäns Rote hielt . Zur Sicherheit aber spannte ich den Hahn meines Pistols , hielt mein Pferd an und zielte auf den Reiter . » Wer da ? Losung ! « rief er , und ich erwiderte : » Vivat Gustavus ! Courier vom Obersten ! « Da schoß mir krachend ein Feuerstrahl entgegen , und mein Pferd brach unter mir zusammen . Ich kam jedoch auf die Beine zu stehen und brannte auf den Reiter ab , da er allbereits zum Hiebe ausholte . Er stürzte und lag am Boden . Ich haschte seines Pferdes Zügel und band es an einen Baum . Hierauf untersuchte ich den Gefallenen . Er war tot , durch die Brust geschossen ! Ich fand bei ihm eine Brieftasche und einen gefüllten Beutel , nahm seine prächtigen Reiterstiefel , die mir paßten , auch seinen Federhut , schwang mich auf das erbeutete Roß und galoppierte weiter . Aus Langenweddingen kam mir ein Trupp Reiter entgegen , und ihr Führer war Kapitän Rote . Ich folgte ihm in das Wirtshaus , wo er quartierte , übergab ihm die Post von Falkenberg und berichtete , was vorgefallen . Er ließ sich die Brieftasche zeigen und fand darin ein chiffriertes Schreiben . » Versäum Er nicht , gleich nach der Heimkehr dem Herrn Obersten dies Papier zu übergeben , « schärfte er mir ein . Dann schrieb er seine Antwort an Falkenberg , während ich mich an Warmbier labete . Als ich gleich darauf wieder im Sattel saß , spürte ich , welch edeln Renner ich erbeutet . Fortuna war mir hold , so daß ich in kürzester Frist wieder nach Magdeburg gelangte . Fand den Obersten auf der Hauptwache , allwo er mit etlichen Hauptleuten Rates pflag . Als ich Meldung getan und die Papiere übergeben hatte , maß mich Herr Falkenberg heiter vom Haupt bis zu den Füßen und sprach : » Dieweilen Er seine Sache also gut ausgerichtet , mag Er bleiben , wozu Er unterwegs avanciert ist . Ein Dragoner soll er sein und gleich morgen in der Schwadron des Rittmeisters Pfeifer exerzieren . « So war ich ein Reitersmann worden und auf der Staffel des Emporkommens eine Stufe höher gerücket . Denn ein Reitersmann übertraf nicht bloß an Solde den Fußknecht , sondern auch an Ansehen und hatte mehr Aussicht , Offizier zu werden . Als ich mich zu meinem Quartier begab , sahe ich ein Fenster der Falkenbergschen Wohnung erleuchtet , und mir kam der Gedanke , dort möchte vielleicht Thekla wachen . Dann wieder gestund ich mir , es werde wohl des Obersten Kammerdiener sein , so seines Herrn harre . Ich pochte an die Tür meines Quartierhauses , durch dessen Schlüsselloch ich Licht bemerkte . Gleich darauf ward aufgetan , und die alte Schmidtin , eine Laterne in der Hand , begrüßte mich mit Freuden : » Gott sei gelobt , der Ihn von dem schlimmen Ritte wohlbehalten heimgeführt hat . « » Dank Euch , Witwe Schmidtin ! Aber woher wußtet Ihr denn von meinem Ritte ? « Flüsternd gab die Alte zur Antwort : » Ei , von der Jungfer Gräfin ! Am späten Abend ist sie zu mir herübergehuscht und hat mir vertrauet , wie Ihn der Oberste zu gefährlichem Werke ausgesandt habe . Gebanget hat sich das Fräulein - hat gesagt , sie könne nicht schlafen und wolle über der Bibel wachen . Habe ihr versprechen gemußt , gleich nach seiner Heimkehr durch Händeklatschen anzuzeigen , daß alles gut gegangen . « Und sie ging hinaus und klatschte in die Hände . Gleich darauf klirrete oben das Fenster . Ich drückte der guten Alten die Hand und begab mich zur Ruhe . Nach kurzem Schlafe ward ich von meinem Korporal geweckt und aufgefordert , seine Waffen zu putzen . Als ich dies Werk verrichtet und auch meine Kleidung gesäubert hatte , wobei ich dem Korporal mein nächtlich Abenteuer erzählete , wollte ich mich zum Exerzierplatze begeben . Vor die Haustür tretend , gewahrte ich einen Trupp Kurrendejungen , der vor des Obersten Quartier Aufstellung nahm . Der Sitte gemäß sang die Kurrende zur Adventszeit vor den Häusern fromme Lieder und heischete Gaben . Um die Laterne des Kantors geschart , intoniereten die Knaben : » Allein Gott in der Höh sei Ehr ! « Andächtiglich schaute ich gen Himmel , und die Sterne sprachen mit ihrem friedlichen Schimmer : » Wir waren dabei , haben geleuchtet , als seine Gnade dich beschirmte diese Nacht . Und Dank für seine Gnade ! « Da tat sich die Haustür des Falkenbergschen Quartiers auf , und zwo Mägde brachten eine dampfende Schüssel nebst Tassen und anderen Trinkgefäßen auf die Straße . Eine Mehlsuppe ward den jubelnden Knaben verabreicht . Derweilen sie sich erquickten , erschien droben am Fenster Jungfer Thekla . Triumphierend schwenkte ich den erbeuteten Federhut . Und es sang die Kurrende : » Vom Himmel hoch , da komm ich her . « Glückseligen Herzens begab ich mich nach dem Stadtmarsch zu den Dragonern . Das Reiterwesen fiel mir gar nicht schwer . Im Sattel saß ich wie ein altgedienter Reiter . Brauchte nur noch Säbelschlagen und Schwadron-Exercitium zu üben . Alles ging mir so gut vonstatten , daß ich nach sechs Wochen ein Gefreiter war und allbereits Korporaldienste tun durfte . Gern verwendete mich der Oberste als Courier und Ordinanz . Im Februario des Jahres 1631 bekam die Stadt , von den Pappenheimern inzwischen immer schärfer blockiert , auf einmal Luft . General Tilly war auf die Nachricht vom übeln Zustande seiner Kriegsvölker an der Warthe und Oder mit drei Regimentern dorthin geeilt und alsdann ins Mechelnburgische gezogen , wo er den klüglich ausweichenden Schwedenkönig endlich zu fassen gedachte . Um aber zur Entscheidungsschlacht möglichst gerüstet zu sein , hatte Tilly von den Magdeburgischen Belagerungstruppen weggezogen , was irgend abkömmlich erschien . Also ward die Stadt derart von Feinden entblößet , daß es aussah , als solle das Donnerwetter ziemlich unschädlich vorüberziehen . Südlich war der Feind bis Barby zurückgewichen . Seine Stellung zu erkunden , ritten wir am rechten Elbufer stromauf bis zu einer bewaldeten Insel , die Kreuzhorst geheißen , wo sich Pappenheimer eingenistet hatten . Indessen die Vorbereitungen zum Überfall des Feindes getroffen wurden , zog ich nebst vier anderen Dragonern auf Kundschaft über die Stadt Barby hinaus , in der Richtung auf Calbe . Die Feuerrohre schußfertig , scharf die vereinzelten Ufergebüsche durchspähend , trabten wir längs des Saaleflusses . Unter milden Sonnenstrahlen war das Eis geschmolzen , die letzten Schollen trieben den gelben Fluß hinab ; schon zierten sich die Weidenruten mit Silberkätzchen , und aus dem winterlichen Rasen lugten güldene Huflattichsternlein . Auf einmal in der Ferne Pferdegewieher . Allsogleich hieß ich meine Kriegsgenossen absitzen und die Pferde im Gebüsch verborgen halten , während ich geduckt vorwärts in der Richtung des Schalles schlich . Bald nahm ich eines bewaffneten Reiters wahr , der mir entgegenkam . Ich barg mich hinter einer alten Eiche , die der Feind passieren mußte . Den Karbiner über die Schulter gehängt , kam er gerade auf meine Eiche losgetrottet . Schon wollte ich zum Schusse anlegen , als mir beifiel , der Knall möchte uns andere Feinde auf den Hals locken . Lauerte also mit gezogenem Säbel . Da nun der ahnungslose Pappenheimer dicht an mir vorbeiritt , tat ich einen Sprung und hieb seinem Pferde ins Hinterbein , daß es zusammenbrach und den Reiter in den Sand warf . Ich wie ein Wolf über ihn her und packe seine Gurgel , während er mich bange anglotzt und mit gequetschter Stimme um Pardon bittet . Ich frage , ob er fortan der Stadt Magdeburg diene wolle , worauf er ja sagt . Hierauf binde ich seine Hände mit Weidenruten auf den Rücken und zücke den Säbel : » Nun sag Er die Wahrheit : kommen noch mehr Pappenheimer , und was haben sie vor ? Gib genaue Auskunft , und wehe dir , so du leugest ! « » Ja doch , Herr Schweb , « antwortete der Gefangene - » alles will ich gestehen . Vorreiter bin ich für einen Kahn mit Proviant , so bald die Saale herabgeschwommen kommet . « » Wie stark ist seine Mannschaft ? « » Ein Korporal und fünf Musketiere . « » Und wohin soll der Kahn gebracht werden ? « » Gen Barby , allwo der Ratskeller zum Proviantspeicher dient . « Inzwischen war von meinen Gefährten einer herbeigaloppiert , und ich rief ihm zu : » Schnell die drei besten Schützen her ! Zu Fuße ! Der vierte bleibt mit den Pferden im Versteck . « Derweilen mein Befehl ausgeführet ward , gab mir der Kriegsteufel eine seiner Tücken ein , und ich herrschte den Gefangenen an : » Wir werden dich an deinem besten Halse aufhängen , so du nicht tust , was ich jetzo befehle . Lege dich hier in den Sand , und wenn der Kahn kommt , rufe ihn herbei , dein Pferd sei gestürzt , und du habest das Bein gebrochen . « Vor Bestürzung bleich , versetzte der Gefangene : » Das wolle der Herr mir erlassen . Würde Er selber etwan fertig bringen , seine Kameraden in die Falle zu locken ? « Diese Frage machte mich verwirrt ; da ich aber an mein Avancement dachte , und wie ich als Offizier auf Theklas Hand hoffen durfe , tat ich hochmütig und sprach : » Du Hund , wir sind im Kriege , da gilt des Stärkeren Gebot . Auch darfst du nicht vergessen , daß du jetzo schwedisch worden . Nun rede , wirst du das tun , was ich gebiete ? Sonsten wahrlich soll der Wind unter deinen Füßen zusammenschlagen . Du mußt - mußt ! « Da sagte der Mann , er wolle es tun , und ich hieß ihn , allsogleich sich niederlegen . Währenddem waren meine Leute herbeigekommen , und wir verkrochen uns . Es währte nicht lange , so erscholl Ruderschlag , und der Kahn kam gefahren . » Her zu mir ! « rief nun der Gefangene . » Bin der Wenzel , mein Klepper ist gestürzet . O weh , o weh ! « In ungeheuchelte Tränen brach er aus , und ich besorgte , er möchte alles verderben . Doch im Kahne gebot eine Stimme : » Aus Land ! Musketen hier lassen ! « Richtig kam der Kahn , drei waffenlose Soldaten stiegen aus und wateten aus Ufer . Da krachte mein Schuß , und der Befehlshaber des Kahnes stürzte . Gleich darauf feuerte ein zweiter von denen , so mit mir im Uferrohre lauerten , und auch der Steuermann war getroffen . Nun sprangen wir auf und riefen den Soldaten , die hastig zum Kahne zurückstrebten , zu : » Ergebet euch ! Wer ausreißt , wird niedergeknallt . « Da baten zwei um Pardon . Der dritte jedoch stürzte mit gezogenem Messer auf den Wenzel los und schrie : » Verräter ! « - ward aber vor geschehener Rachetat von den Meinen niedergesäbelt . Wie er röchelnd dalag , drehte er das Angesicht zum Wenzel und stöhnte grimmen Blickes : » Judas ! « - » Nicht doch ! « antwortete Wenzel kläglich , richtete sich vom Boden auf und hub die Schwurfinger : » Man tät mich dazu zwingen . « Mit dem Haupt seitwärts gen mich deutend , fügte er hinzu : » Der da hat ' s getan ! « Und des Sterbenden Auge rollete vorwurfsvoll zu mir herüber . Da zuckte mein Herz , als ob ein Geier es in den Fängen hielte . Ratlos griff ich mir ans Haupt wie einer , der sich nicht zu verantworten weiß , und eine Stimme gleich der meines seligen Vaters sprach dumpf in mir : » Was hast du getan , Johannes ? Gläubest du , also ins Paradeis einzugehen ? « Vor Scham sank mir das Kinn auf die Brust , ich wandte mich zum Wenzel und wollte um Vergebung bitten . Aber da schwatzete allsogleich der böse Geist in mir dazwischen : » Sei kein Narre - bist halt ein Krieger . Erobere die Braut ! Heilig magst du später werden ! Wag ' s Knab ! « Immerhin drängte es mich , am Wenzel etwas gut zu machen ; schnitt also die Weidenruten durch , so seine Hände gefesselt hielten , und sprach : » Was krächzest du , ruppige Krähe ? Mich willst du verklagen ? Sei froh , daß du diesen Dienst leisten gedurft . Er hat dir zum Leben die Freiheit gerettet . Ich lasse dich frei ; geh , wohin du magst . « » Was tust du ? « sprach ein Kamerad zu mir . » Nehmen wir ihn doch lieber mit ! Er mag rudern helfen . « Da seufzete der Wenzel und zuckte die Achseln : » Meine Freiheit - die ist hin . Mir bleibet keine Wahl . Wie könnte ich jetzo zu den Meinen heimkehren ? Muß schon bei euch bleiben . « Inzwischen hatten meine anderen Kameraden sich des Kahnes bemächtigt und erhuben ein Jubelgeschrei , sintemalen unter dem Segeltuche Korn und geräuchert Fleisch die schwere Menge . Nun hatte ich meine Fassung wiedergewonnen , spürte sogar ein Frohlocken in der Brust . Meine Sorge war nur noch , wie sich dieser Sieg am besten ausnutzen lasse . Und zum Lohn für meine Folgsamkeit gab mir die Kriegsfuria eine neue List ein . Durch Befragen erfuhr ich vom Wenzel , die Besatzung von Barby sei fünfzig Reiter stark , auf die drei Mauertore verteilet , den Befehl habe ein Kornet , und die heutige Losung laute » Maximilian « . Ich gebot nun meinen Kameraden , nebst dem Wenzel und den anderen Gefangenen , den Kahn gen Barby zu rudern , das inzwischen von den Unsern erobert sein werde . Begab mich hierauf zu dem Posten bei den Pferden und befahl ihm , sie außer dem meinigen in einen bezeichneten Busch zwischen Schönebeck und Barby zu führen . Dann bekam mein Renner die Sporen , und ich jagte zu meiner Schwadron zurück . Kaum hatte ich dem Rittmeister den Vorfall berichtet , so ging er auch schon auf meinen Plan ein und ließ aufsitzen . Zunächst umritten wir Barby , da wir für ein Pappenheimsches Detachement gelten wollten und also von Süden her kommen mußten . Die Dämmerung war allbereits hereingebrochen , als wir vor Barbys südlichem Tore anlangten . Ich und der Rittmeister trabten der Schwadron voran . Wir hatten grüne Feldbinden umgetan , wie sie die Pappenheimer trugen . Als wir eines Flüßleins Brücke passieren wollten , wurden wir von einem Posten angerufen : » Gebt Losung ! « » Maximilian ! « entgegnete der Rittmeister . » Passieret « , sagte der Posten . Da brachte der Rittmeister sein Pferd an ihn heran und fragte : » He , Kamerad ! Habet Ihr zu Barby auch einen guten Trunk ? « Gleich darauf sank der Posten lautlos vom Pferde , da ein hurtiger Hieb des Rittmeisters seinen Kopf getroffen hatte . Ich erhielt nun den Befehl , am Mauertor Einlaß zu begehren . Ritt also hin und sagte dem Trupp Soldaten , die dort Wache hielten und ihre Karbiner auf mich anlegten , die Losung » Marximilian . « Man beleuchtete mich mit einer Fackel und sah meine grüne Feldbinde . » Gut ! « sagte der Wachthabende . » Was ist Sein Begehr ? « » Daß Ihr das Tor auftuet für ein Detachement vom Regiment Kufstein . « Da der Wachthabende zögerte , fuhr ich fort : » So gebet mir einen Mann zum Herrn Kornet mit , der Euch befehligt . « Hierauf schwand das Mißtrauen der Pappenheimer , und sie taten das Tor auf . Zugleich trabten die Meinen heran und hieben auf die verdutzte Torwache ein , die sich dann ergab . Nun jagten wir durch Barbys Gassen und bemächtigten uns der übrigen Tore . Unser Verlust war gering ; die Feinde gaben sich gefangen , sofern sie nicht niedergemacht waren . Im Ratskeller fanden wir mindestens dreißig Mispel Korn , Speck , Brot und Bier , ferner fünf Zentner Pulver , wonach wir sehr Verlangen trugen . Da auch eine Herde Rinder im Städtlein war , und meine Kameraden mit dem Kahne anlangten , so hatte dieser Handstreich uns reiche Beute eingebracht . Mein Rittmeister beorderte mich , die angenehme Meldung Herrn Falkenberg zu überbringen . Ich brach sogleich auf und traf am späten Abend den Obersten zu Schönebeck . Genau mußte ich alle Einzelheiten berichten ; hierauf sandte Falkenberg Verstärkung nach Barby und traf Anstalten , den erbeuteten Proviant nach Magdeburg einzuheimsen . Zu mir aber sprach er : » Tielsch , Er ist Korporal ! « Bevor ich diese Nacht einschlief , flogen meine Gedanken zu Thekla , und ich sahe mich allbereits als Offizier vor ihr stehen , während sie liebevollen Auges ihre Hand in die meine legte . Doch in mein Triumphieren mengete sich eine Beklommenheit . Des Märleins von der Abendburg gedachte ich , und Worte meines Vaters kamen mir in den Sinn , die er in meiner Kindheit gesprochen : » Das Menschenherz ist die wahre Abendburg ; verwunschen ist es von einem bösen Geiste , in seinen tiefen Kammern aber ruhet ein Reichtum , den nimmer Motten noch Rost fressen . Den sollst du heben , mein Johannes ! « Und traurig ward mein Gemüte . Zwischen Schlaf und Wachen kam ich mir vor wie jenes Weib , dem sich in der Johannisnacht die Abendburg aufgetan . Wohl hatte sie Goldes eine Last herausgeholt ; doch wie sich der Felsen hinter ihr schloß , ward sie gewahr , daß ihr lieb Kindlein innen geblieben . So hatte auch ich mich bereichert an kalten Schätzen und dabei das Kindlein Unschuld verloren . Nun wimmerte es gleich dem eingemauerten Mägdlein im Krökentore . Morgens , als mein Roß mich im Galoppe wiegte , schalt ich mich einen Grillenfänger , jubelnd : » Vivat Soldateska ! « Wie ohnmächtig der Feind sich fühlte , ward in einer Sitzung der Magdeburger Ratmannen von Herrn Falkenberg dargetan . Der Oberste wies einen Brief , darin ihm Pappenheim viermal hunderttausend Taler und ein Landgut anbot , sofern er die Stadt preisgeben wolle . » Da sehet ihr - sprach Falkenberg - wie der Feind seiner Tapferkeit also wenig zutraut , daß er zum schleichenden Verrate seine Zuflucht nimmt . Was bleibet ihm auch anders übrig ? Lebensmittel haben wir genung , um die Blockade noch etliche Monde auszuhalten . Inzwischen wird die schwedische Majestät ihr königlich Wort einlösen und uns entsetzen . Schon jetzo spüren wir , wie König Gustavus uns Luft macht , indem er viel Feindesvolk von der Stadt ablockt und im Lande umherschleppt . So harret aus , Glaubensbrüder , und lachet , weil der alte Ligistenkorporal an euern Mauern sich die morschen Zähne ausbeißet . « Und es sangen die Bürger : » Erhalt uns , Herr , bei deinem Wort Und steur ' des Papst und Türken Mord ! « Wie aber auf den Tag die Nacht folget , also brach nach dieser schönen Abendröte unseres Waffenglückes bange Finsternis herein . Es erschien nämlich wider Erwarten Tilly mit seiner Hauptmacht . Dieweilen er den ausweichenden Schwedenkönig nicht zu fassen gekriegt , war er nun resolvieret , mit unserer Stadt aufzuräumen , um nicht länger vor den Blicken ganz Europiens am Narrenseile herumgeführet zu werden . Das siebente Abenteuer Die Magdeburgische Bluthochzeit Wenige Tage vor Tillys Anrücken erhub sich ein Sturmwind , wie seit Menschengedenken nicht erhöret worden . Riß von den Dächern Ziegel , daß mehrere Leute erschlagen wurden , und auf den Straßen Haufen von Schutt lagen . Fünf Windmühlen und drei Schiffmühlen sind zerbrochen