allersonderbarste war , wie in den letzten Wochen ihres Lebens das Talent , dem sie ihre ganze Existenz hingeopfert , ohne es wirklich zu besitzen , geheimnisvoll dämonisch zum Vorschein kam . » Heute noch scheint mir « , sagte Nürnberger , » als hätt ich niemals , auch von der größten Schauspielerin , Verse so sprechen gehört , ganze Szenen so agieren gesehen , wie von meiner Schwester in dem Hotelzimmer in Cadenabbia mit der Aussicht auf den Comosee , ein paar Tage , bevor sie starb . Freilich « , setzte er hinzu , » ist es möglich , ja sogar wahrscheinlich , daß mich die Erinnerung täuscht . « » Warum denn ? « fragte Georg , dem dieser Abschluß so gut gefiel , daß er sich ihn nicht verderben lassen wollte . Und er bemühte sich , Nürnberger , der es lächelnd anhörte , zu überzeugen , daß der sich nicht geirrt haben könnte und daß mit dem seltsamen Mädchen , das in Cadenabbia begraben lag , eine große Schauspielerin dahingegangen war ... Das Landhaus , das Georg suchte , fand er auch auf seinen Wanderungen mit Nürnberger nicht ; ja , von einem Mal zum andern , schien die Entdeckung schwieriger zu werden . Nürnberger spottete wohl zuweilen über die schwer erfüllbaren Ansprüche Georgs , der nach einer Villa zu suchen schien , an der vorn die wohlgepflegte Straße vorbeiführen und die rückwärts eine Gartentüre in den Urwald haben sollte . Schließlich glaubte Georg selbst nicht mehr ernsthaft daran , daß es ihm jetzt gelingen würde , das erwünschte Haus zu finden und verließ sich auf den Zwang des Findenmüssens nach der Rückkehr von der Reise . Notwendiger erschien es , sich möglichst bald mit einem Arzt ins Einvernehmen zu setzen ; aber auch das verschob Georg von einem Tag zum andern . Doch eines Abends teilte Anna ihm mit , daß sie , durch einen neuen Ohnmachtsanfall in plötzliche Angst versetzt , Doktor Stauber besucht und ihm ihren Zustand eröffnet hatte . Er war sehr herzlich gewesen , hatte keinerlei Erstaunen ausgedrückt , sie in jeder Hinsicht vollkommen beruhigt und nur den Wunsch geäußert , Georg vor der Abreise zu sprechen . Ein paar Tage darauf folgte Georg der Einladung des Arztes . Die Ordination war eben zu Ende . Doktor Stauber empfing ihn mit der vorausgesehenen Freundlichkeit , schien die ganze Angelegenheit so einwandfrei und natürlich als möglich zu finden und sprach von Anna nie anders als von der jungen Frau , was Georg eigentümlich , aber nicht unangenehm berührte . Als die sachlichen Erörterungen abgeschlossen waren , erkundigte sich der Arzt nach dem Ziel der Reise . Georg hatte noch kein Programm entworfen , nur so viel stand fest , daß das Frühjahr im Süden , wahrscheinlich in Italien verbracht werden sollte . Doktor Stauber nahm Anlaß von seinem letzten Aufenthalt in Rom zu erzählen , der zehn Jahre zurücklag . Er war damals , wie schon früher einmal , mit dem Leiter der Ausgrabungen in persönlichem Verkehr gestanden und sprach zu Georg in fast begeistertem Ton von den neuesten Entdeckungen auf dem Palatin , über den er als junger Mann selbst Studien gepflogen und in den Heften für Altertumsforschung veröffentlicht hatte . Dann zeigte er Georg nicht ohne Stolz seine Bibliothek , die in eine medizinische und in eine kunsthistorische geschieden war , und trug ihm leihweise einige seltenere Bücher , eines aus dem Jahre 1834 über die vatikanischen Sammlungen und eine Geschichte Siziliens an . Georg fühlte sich höchst angeregt , während ihm so deutlich zum Bewußtsein kam , wie reiche Tage ihm bevorstanden . Eine Art von Heimweh nach wohlbekannten und lang entbehrten Gegenden überkam ihn , halbvergessene Bilder tauchten wieder in ihm auf : die Pyramide des Cestius stand am Horizont , in den scharfen Umrissen , wie sie ihm erschienen , da er als Knabe mit dem Prinzen von Makedonien in die abendliche Stadt zurückgeritten war ; die dämmrige Kirche tat sich auf , wo er seine erste Geliebte als Braut zum Altar hatte schreiten sehen ; unter einem dunkeln Himmel zog ein Nachen mit seltsam schwefelgelben Segeln an der Küste hin ... Er begann zu reden , sprach von den vielen Städten und Landschaften des Südens , die er als Knabe , als Jüngling gesehen , erzählte von der Sehnsucht nach diesen Orten , die ihn oft wie ein wahres Heimweh ergriff , von seiner Freude all das Ersehnte , Bewahrtes und Vergessenes , und vieles Neue , mit gereiftem Blick umfassen zu dürfen , und diesmal in Gesellschaft eines Wesens , das fähig , alles mit ihm zu verstehen und zu genießen , und das ihm teuer war . Doktor Stauber , der eben daran war , ein Buch in die Reihe zurückzustellen , wandte sich plötzlich nach Georg um , sah ihn mild an und sagte : » Das laß ich mir gefallen . « Da Georg seinen Blick ein wenig befremdet erwiderte , setzte er hinzu : » Es war nämlich das erste warme Wort über Ihre Beziehung zu Annerl , das ich im Laufe dieser Stunde von Ihnen vernommen habe . Ich weiß , ich weiß , es liegt nicht in Ihrer Art , sich einem beinahe fremden Menschen gegenüber aufzuschließen , aber gerade weil ichs eigentlich nicht erwarten durfte , hats mir wohlgetan . Es ist Ihnen wirklich aus dem Herzen gekommen , man hats gemerkt . Und es hätte mir leid getan um das Annerl entschuldigen Sie , ich heiß sie halt noch immer so wenn ich mir hätte denken müssen , Sie haben sie nicht so gern , wie sie es verdient . « » Ich weiß eigentlich nicht « , erwiderte Georg kühl , » was Sie veranlaßt , daran zu zweifeln , Herr Doktor . « » Hab ' ich etwas von Zweifeln gesagt ? « erwiderte Stauber gutmütig . » Aber schließlich , es soll schon dagewesen sein , daß ein junger Mann , der allerlei erlebt hat , so ein Opfer nicht genügend würdigt . Es bleibt ja doch ein Opfer , lieber Baron . Wir können noch so erhaben sein über alle Vorurteile eine Kleinigkeit ist es heutzutage noch immer nicht , wenn sich ein junges Mädel aus guter Familie zu so was entschließt . Und ich wills Ihnen nicht verhehlen Annerl hab ichs natürlich nicht merken lassen es hat mir doch einen leisen Ruck gegeben , wie sie neulich bei mir gewesen ist und mir die Sache erzählt hat . « » Entschuldigen Sie , Herr Doktor « , erwiderte Georg geärgert aber höflich , » wenn es Ihnen einen Ruck gegeben hat , so beweist das doch einiges gegen Ihr Erhabensein über Vorurteile ... « » Da haben Sie recht « , sagte Stauber lächelnd . » Aber vielleicht sehen Sie mir diese Rückständigkeit nach , wenn Sie bedenken , daß ich etwas älter bin als Sie und aus einer andern Zeit herkomme . Und dem Einfluß seiner Epoche kann sich selbst ein ziemlich selbständig denkender Mensch ... was zu sein ich mir schmeichle ... nicht ganz entziehen . Das ist ja das Merkwürdige . Aber glauben Sie mir , es gibt auch heutzutage , selbst unter den jungen Leuten , die bei Nietzsche und Ibsen aufgewachsen sind , geradesoviel Philister als es vor dreißig Jahren gegeben hat ; sie geben sich nur nicht zu erkennen , außer es geht ihnen selbst an den Kragen , zum Beispiel , wenn man ihnen die Schwester verführt oder wenn ihre Frau Gemahlin ihnen plötzlich mit der Idee kommt , sie will sich ausleben ... Manche sind natürlich konsequent und spielen ihre Rolle weiter ... das ist aber mehr eine Frage der Selbstbeherrschung als der Weltanschauung . Und früher wieder , wissen Sie , in der Epoche , aus der ich eben komme , wo die Begriffe so unwiderruflich festgestanden sind , wo jeder zum Beispiel genau gewußt hat : man hat seine Eltern zu verehren , sonst ist man ein Schuft ... oder : eine wahre Liebe gibt es nur einmal im Leben ... oder : es ist ein Vergnügen für das Vaterland zu sterben ... wissen Sie , in der Epoche , wo jeder anständige Mensch irgendeine Fahne hochgehalten , oder wenigstens irgendwas auf sein Banner geschrieben hat ... glauben Sie mir , schon damals haben die sogenannten modernen Ideen mehr Anhänger gehabt , als man ahnt . Nur , daß es diese Anhänger selbst manchmal nicht recht gewußt , daß sie selber ihren Ideen nicht getraut , daß sie sich gewissermaßen wie Auswürflinge oder gar wie Verbrecher vorgekommen sind . Soll ich Ihnen was sagen , Herr Baron ? Es gibt überhaupt keine neuen Ideen . Neue Gedankenintensitäten das ja . Aber meinen Sie im Ernst , daß Nietzsche den Übermenschen , Ibsen die Lebenslüge erfunden hat , und Anzengruber die Wahrheit , daß die Eltern selber » danach sein sollen « , die von ihren Kindern Verehrung und Liebe wünschen ? Keine Spur . Alle ethischen Ideen sind immer dagewesen , und staunen würde man , wenn man wüßte , was für Flachköpfe die sogenannten neuen , großen Wahrheiten gedacht , vielleicht sogar manchmal ausgesprochen haben , lang vor den Genies , denen wir diese Wahrheiten verdanken , oder vielmehr den Mut , diese Wahrheiten für wahr zu halten . Aber ich bin da etwas weit abgekommen , verzeihen Sie . Eigentlich hab ich nur sagen wollen ... und Sie werden mirs glauben ... ich weiß so gut wie Sie , Herr Baron , daß es manches jungfräuliche Mädchen gibt , das tausendmal verdorbener ist als eine sogenannte Gefallene , und manchen , als anständig geltenden jungen Mann , der schlimmere Dinge auf dem Gewissen hat , als daß er mit einem unschuldigen Mädchen ein Verhältnis anfängt . Und doch ... das ist eben der Fluch meiner Epoche ... « , schaltete er lächelnd ein , » ich hab mir nicht helfen können : im ersten Moment , wie Annerl mir die Geschichte erzählt hat , da haben gewisse unangenehme Worte , die seinerzeit ihre feststehende Bedeutung gehabt haben , in meinem alten Kopf ganz mit ihrem alten Ton zu klingen angefangen , dumme , überlebte Worte wie ... Wüstling ... Verführung ... sitzen lassen ... und so weiter . Und daher , ich muß noch einmal um Entschuldigung bitten , jetzt , da ich Sie etwas näher kennen gelernt habe daher ist dann der Ruck gekommen , den gespürt zu haben ein moderner Mensch eigentlich nicht eingestehen dürfte . Aber , um wieder ganz ernst zu reden , überlegen Sie nur einmal , wie sich Ihr seliger Herr Vater zu der Sache gestellt hätte , der wieder das Annerl nicht gekannt hat . Er war doch sicher einer der klügsten und vorurteilslosesten Menschen , den man sich denken kann ... Und trotzdem zweifeln Sie gewiß nicht daran , daß es auch bei ihm nicht ganz ohne Ruck abgegangen wäre . « Georg streckte dem Arzt unwillkürlich die Hand entgegen . Das Unerwartete dieser plötzlichen Mahnung an den geliebten Toten ließ eine so heftige Sehnsucht in ihm aufsteigen , daß er sie nur zu lindern vermochte , indem er von dem Entschwundenen zu reden begann . Auch der Arzt wußte noch von mancher Begegnung mit dem verblichnen Baron zu erzählen , meist zufälligen , flüchtigen auf der Straße , bei Sitzungen der Akademie der Wissenschaften , in Konzerten . Wieder war einer jener Augenblicke , in dem Georg sich dem Dahingeschiedenen gegenüber seltsam schuldvoll erschien und sich im Innern zuschwor , seines Andenkens würdig zu werden . » Grüßen Sie das Annerl von mir « , sagte der Arzt beim Abschied zu ihm , » aber von dem Ruck erzählen Sie ihr lieber nichts . Sie ist ein sehr feinfühliges Geschöpf , das wissen Sie ja , und jetzt kommt es vor allem darauf an , ihr jede unangenehme Aufregung zu ersparen . Bedenken Sie nur , lieber Baron , es handelt sich jetzt nur um das eine , daß ein gesundes Kind auf die Welt kommt , alles übrige ... na , grüßen Sie sie schön von mir , hoffentlich sehen wir uns alle gesund im Sommer wieder . « Georg entfernte sich mit dem erhöhten Bewußtsein seiner Verpflichtungen gegenüber dem Wesen , das sich ihm gegeben , und jenem andern , das in wenigen Monaten zum Dasein erwachen sollte . Er dachte zuerst daran , ein Testament zu machen und es bei einem Notar zu hinterlegen . Bei näherer Überlegung aber fand er es richtiger , sich seinem Bruder zu eröffnen , der ihm unter allen Menschen doch auch innerlich am nächsten stand . In der eigentümlichen Befangenheit aber , die dem doch so innigen Verhältnis zwischen den Brüdern eigen war , ließ er Tag um Tag verstreichen , bis endlich Felicians Abreise nach Afrika zu den Jagden ganz nahe bevorstand . In der Nacht vorher , auf dem Weg aus dem Klub nach Hause , teilte Georg seinem Bruder mit , daß er schon in der nächsten Zeit eine lange Reise anzutreten gedenke . » So ? Auf wie lange willst du denn fort ? « fragte Felician . Georg hörte im Ton dieser Worte eine gewisse Besorgnis mitklingen und fühlte sich veranlaßt hinzuzusetzen : » Es wird wohl auf Jahre hinaus die letzte größere Reise sein , die ich unternehme . Im Herbst befinde ich mich ja hoffentlich in einer festen Stellung . « » Du bist also ganz entschlossen ? « » Ja , selbstverständlich . « » Es freut mich sehr , Georg , aus verschiedenen Gründen , wie du dir denken kannst , daß du nun endlich ernst machen willst . Und im übrigen trifft ' s sich auch gut , daß nicht nur einer von uns in die Welt hinaus muß , und der andere allein zurückbleibt . Das wär doch ein biß ' l traurig gewesen . « Georg wußte wohl , daß Felician im nächsten Herbst einer auswärtigen Vertretung zugeteilt werden sollte , aber mit solcher Klarheit war ihm noch nie bewußt geworden , daß es nun in wenigen Monaten mit der langjährigen brüderlichen Gemeinschaft , mit dem Zusammenwohnen in dem alten Haus gegenüber dem Park , ja gewissermaßen mit der Jugend unwiederbringlich vorbei sein mußte . Er sah das Leben ernst , beinahe drohend vor sich liegen . » Hast du denn schon eine Ahnung « , fragte er , » wohin sie dich schicken werden ? « » Eine gewisse Chance besteht für Athen . « » Wär ' dir das angenehm ? « » Warum nicht . Die Gesellschaft dort soll nicht uninteressant sein . Bernburg war drei Jahre lang dort , und er ist ungern fort . Und dabei haben sie ihn nach London versetzt , was doch auch nicht ohne ist . « Sie gingen eine Weile schweigend weiter , nahmen den Weg durch den Park wie gewöhnlich . Eine Luft wie vom nahen Frühling war um sie , obwohl auf den Rasenplätzen noch schmale , weiße Schneeflecken schimmerten . » Also nach Italien reist du ? « fragte Felician . » Ja . « » Wieder so weit nach dem Süden wie voriges Frühjahr ? « » Das weiß ich noch nicht . « Wieder ein kurzes Schweigen . Plötzlich aus dem Dunkel heraus die Stimme Felicians : » Hast du von Grace eigentlich seitdem etwas gehört ? « » Von Grace « , wiederholte Georg etwas verwundert , denn es war lange her , daß Felician diesen Namen nicht mehr ausgesprochen hatte . » Von Grace hab ' ich nichts mehr gehört . Das war übrigens so abgemacht zwischen uns . In Genua haben wir für ewig Abschied genommen . Auch schon über ein Jahr her ... « Auf einer Bank , ganz im Dunkeln , saß ein Herr im Pelz , mit Zylinder und weißen Handschuhen . Ah , Labinski , dachte Georg einen Moment lang ; im nächsten fiel ihm natürlich ein , daß der sich erschossen hatte ... Es war nicht das erstemal , daß er ihn zu sehen glaubte . Auch im botanischen Garten zu Palermo unter einer japanischen Esche war einmal einer gesessen , bei hellichtem Tag , den Georg eine Sekunde lang für Labinski gehalten hatte . Und neulich , hinter den geschlossenen Fenstern eines Fiakers hatte Georg das Antlitz seines verstorbenen Vaters zu erkennen geglaubt . Hinter den laublosen Ästen schimmerten Häuser her . Eines davon war das , in dem die Brüder wohnten . Es wäre Zeit , dachte Georg , daß ich endlich auf die Angelegenheit zu reden komme . Und um rasch anzuknüpfen , bemerkte er leicht : » Ich fahr ' übrigens auch heuer nicht allein nach Italien . « » So , so « , sagte Felician und sah vor sich hin . Im selben Moment fühlte Georg , daß er den Ton nicht richtig genommen hatte . Er besorgte , daß Felician sich etwa denken könnte : ah , nun hat er wieder ein Abenteuer mit so einer dubiosen Person . Und ernst fügte er hinzu : » Du , Felician , ich hätte was ziemlich Wichtiges mit dir zu besprechen . « » Was Wichtiges ? « » Ja . « » Na Georg « , sagte Felician mild und sah ihn von der Seite an . » Was gibt ' s denn , du heiratest doch nicht am Ende ? « » O nein « , erwiderte Georg und ärgerte sich gleich wieder , daß er diese Möglichkeit so entschieden abgelehnt hatte . » Nein , nicht um eine Heirat handelt es sich , sondern um etwas viel Wesentlicheres . « Felician blieb einen Moment stehen . » Du hast ein Kind ? « fragte er ernst . » Nein . Noch nicht . Das ist es eben . Darum reisen wir fort . « » So « , sagte Felician . Sie waren aus dem Park herausgetreten . Unwillkürlich sahen sie beide zu dem Fenster ihrer Wohnung auf , von dem aus noch vor einem Jahr ihr Vater ihnen manchmal grüßend zugenickt hatte . Beide fühlten mit Wehmut , wie sie seit dem Tode des Vaters einander allmählich entglitten waren und mit leiser Angst , um wie viel weiter sie das Leben noch voneinander entfernen konnte . » Komm zu mir ins Zimmer « , sagte Georg , als sie oben waren . » Da ist ' s am gemütlichsten . « Er setzte sich auf seinen bequemen Sessel am Schreibtisch . In die Ecke des kleinen , grünen Lederdiwans , der an den Schreibtisch angerückt war , lehnte sich Felician und hörte ruhig zu . Georg nannte ihm den Namen seiner Geliebten , sprach von ihr in guten und innigen Worten und erbat sich von Felician , daß er sich der Mutter und des Kindes annähme für den Fall , daß ihm , Georg , in der nächsten Zeit etwas Menschliches zustieße . Was von seinem Vermögen noch vorhanden wäre , hinterließe er selbstverständlich dem Kind , der Mutter fiele die Nutznießung bis zu des Kindes Volljährigkeit zu . Als Georg zu Ende war , sagte Felician nach kurzem Schweigen lächelnd : » Na , du hast ja gegründete Hoffnung , von deiner Reise ebenso gesund und wohl zurückzukommen , als ich aus Afrika , und so hat unsere Besprechung wohl nur akademische Bedeutung . « » Das hoff ich natürlich auch . Aber es ist mir jedenfalls eine Beruhigung , Felician , daß du nun eingeweiht bist und ich nach jeder Richtung hin unbesorgt sein kann . « » Ja natürlich , das kannst du . « Er reichte dem Bruder die Hand . Dann stand er auf , ging im Zimmer auf und ab . Endlich fragte er : » Zu legitimieren denkst du deine Beziehungen nicht ? « » Vorläufig nein . Was die Zukunft bringt , kann man ja nicht wissen . « Felician blieb stehen . » Na ja ... « » Du wärst dafür , daß ich heirate ? « rief Georg mit einigem Erstaunen aus . » Durchaus nicht . « » Felician , ich bitte dich , sei aufrichtig ! « » Weißt du , in solche Geschichten soll man niemandem drein reden , auch seinem Bruder nicht . « » Aber wenn ich dich bitte , Felician . Mir komme vor , als gefiele dir irgend etwas an der Geschichte nicht . « » Ja , siehst du Georg ... du wirst mich ja nicht mißverstehen ... ich weiß natürlich , daß du nicht daran denkst , sie im Stich zu lassen , im Gegenteil , ich bin sogar überzeugt , daß du dich in jeder Beziehung viel nobler benehmen wirst , als irgendein Mensch an deiner Stelle . Aber , die Frage ist doch eigentlich die : hättest du dich in die Sache eingelassen , wenn du dir die Folgen nach allen Seiten hin überlegt hättest ? « » Ja das ist freilich schwer zu beantworten « , sagte Georg . » Ich meine ganz einfach : Hast du die Absicht gehabt ... nicht sie zu deiner Lebensgefährtin zu machen , aber ein Kind mit ihr zu haben ? « » Gott , wer denkt daran ? Wenn man es so absolut hätte vermeiden wollen . « Felician unterbrach ihn . » Weiß sie , daß du nicht daran denkst , sie zu heiraten ? « » Na du glaubst doch nicht , ich hab ihr ' s heiraten versprochen . « » Nein . Aber das Sitzenlassen doch auch nicht . « » Das wäre gerade so eine Unaufrichtigkeit gewesen , Felician . Es ist gekommen , wie derartige Dinge eben zu kommen pflegen , hat sich alles ganz ohne Programm entwickelt , bis auf den heutigen Tag . « » Ja das ist recht schön . Es ist nur die Frage , ob man nicht in wichtigen Lebensdingen zu Programmen gewissermaßen verpflichtet ist . « » Möglich ... Aber das war ja meine Sache nie , leider ... « Felician blieb vor Georg stehen , machte ein liebes Gesicht und nickte ein paarmal . » Das ist schon wahr , Georg . Du bist doch nicht bös ... aber weil wir schon einmal davon sprechen ... ich maße mir natürlich nicht das Recht an , dir in deine Lebensführung dreinzureden ... » Red nur , Felician ... wirklich ... es tut mir geradezu wohl ... « Er strich ihm leise über die Hand , die auf der Diwanlehne lag . » Na ja , es ist weiter nicht viel zu sagen . Ich meine nur , daß es in allen Dingen bei dir so ist ... so ein Mangel an Programm . Siehst du , um von einem andern wichtigen Punkt zu reden , ich für meinen Teil bin ja überzeugt von deinem Talent und viele andre auch . Aber du arbeitest doch eigentlich verflucht wenig , nicht ? Und von selbst kommt der Ruhm ja doch nicht , selbst wenn man ... « » Gewiß nicht . Aber so wenig wie du glaubst , arbeit ich durchaus nicht , Felician . Nur ist ja das Arbeiten bei unsereinem so eine eigentümliche Geschichte . Manchmal beim Spazierengehen , ja sogar im Schlaf fällt einem allerlei ein ... Und dann im Herbst ... « » Na ja , hoffen wir , obzwar ich fürchte , von deiner Gage wirst du anfangs nicht leben können . Und wie lange dein bissel Geld reichen wird , bei deiner Art zu leben , das ist sehr die Frage . Ich sag dir aufrichtig , wie du mir früher die Summe genannt hast , die du deinem Kind hinterlassen könntest , hab ich einen förmlichen Schrecken gekriegt . « » Hab nur Geduld , Felician . In drei Jahren oder fünf , wenn ich meine Oper fertig hab ... « , er sagte es in selbstironisierendem Tone . » Schreibst du wirklich an einer Oper , Georg ? « » Nächstens fang ich an . « » Wer macht dir denn den Text ? « » Der Heinrich Bermann . Da machst du natürlich wieder ein Gesicht . « » Lieber Georg , was deinen Verkehr anbelangt , bin ich immer weit davon entfernt gewesen , dir dreinzureden . Es ist ganz natürlich , daß du bei deiner geistigen Richtung in andre Kreise kommst als ich und mit Leuten umgehst , an denen ich vielleicht weniger Geschmack fände . Aber , wenn der Text von Herrn Bermann nur schön ist , so hast du meinen Segen ... und der Herr Bermann natürlich auch . « » Der Text ist noch nicht fertig , nur das Szenarium . « Felician mußte wider Willen lachen . » So siehts mit deiner Oper aus ? Wenn nur das Theater schon gebaut ist , für das sie dich als Kapellmeister engagieren . « » Na « , sagte Georg etwas beleidigt . » Verzeih « , entgegnete Felician . » Ich zweifle wirklich nicht an deiner Zukunft . Ich möcht halt nur , daß du selber ein bißchen mehr dazu tätest . Ich wär ja so ... wirklich Georg , stolz wär ich , wenn was Großes aus dir würde . Und es liegt ja gewiß nur an dir . Der Willy Eißler , der doch ein sehr musikalischer Mensch ist , hat mir erst neulich wieder gesagt , daß er von dir mehr hält , als von den meisten jüngern Komponisten . « » Wegen der paar Lieder , die er von mir kennt ? » Ja er findet sie eben hervorragend . Auf die Masse kommts doch nicht an . « » Du bist ein guter Kerl , Felician . Aber du brauchst mich wirklich nicht zu ermutigen . Ich weiß schon , was in mir steckt , nur fleißiger muß ich halt sein . Und die Reise wird sehr wohltätig auf mich wirken . So auf eine Zeit aus der gewohnten Umgebung herauskommen , das tut sehr gut . Das ist diesmal was ganz anderes , als im vorigen Jahr . Es ist ja das erstemal , Felician , daß ich mit einem Wesen zusammen bin , das vollkommen auf meinem Niveau steht , das mir mehr ... das mir wahrhaftig auch eine Freundin ist . Und das Bewußtsein , daß ich ein Kind haben werde , und grad mit ihr , das ist mir , trotz aller Begleitumstände , eher angenehm . « » Das kann ich mir schon denken « , sagte Felician und betrachtete Georg ernst und liebevoll . Die Uhr auf dem Schreibtisch schlug zwei . » O , schon so spät « , rief Felician . » Und morgen früh muß ich packen . Na , morgen bei Tisch können wir noch über allerlei reden . Also , grüß dich Gott Georg . « » Gute Nacht , Felician . Ich danke dir « , setzte er bewegt hinzu . » Wofür dankst du mir , du bist komisch Georg . « Sie reichten sich die Hände , und dann küßten sie einander , was schon seit langer Zeit nicht geschehen war . Und Georg beschloß , sein Kind , wenn es ein Knabe sein sollte , Felician zu nennen , und er freute sich der guten Vorbedeutung im Glücksklang dieses Namens . Nach des Bruders Abreise fühlte sich Georg so verlassen , als hätte er nie einen andern Freund gehabt . Der Aufenthalt in der großen , einsamen Wohnung , wo ihm eine ähnliche Stimmung zu lasten schien , wie in der ersten Zeit nach dem Tode des Vaters , machte ihn beinahe traurig . Die Tage , die noch bis zur Abreise verstreichen mußten , empfand er als Übergangszeit , mit der nichts rechtes mehr anzufangen war . Die Stunden mit der Geliebten im Zimmer der Kirche gegenüber wurden farblos und öde . Mit Anna selbst schien nun auch seelisch eine Veränderung vorzugehen . Sie war manchmal reizbar , dann wieder schweigsam , fast melancholisch , und oft überkam Georg im Zusammensein mit ihr eine solche Langeweile , daß ihm vor den nächsten Monaten , in denen sie ganz aufeinander angewiesen sein sollten , geradezu bange wurde . Wohl versprach die Reise an sich Abwechslung genug . Aber wie sollte es in den spätern Monaten werden , die man ruhig irgendwo in der Nähe Wiens zu verbringen genötigt war ? Er mußte auf eine Gesellschaft für Anna bedacht sein . Noch zögerte er mit ihr davon zu sprechen , als Anna selbst ihm mit einer Neuigkeit entgegenkam , die jene Schwierigkeit und zugleich eine andre auf die einfachste Weise zu beheben geeignet war . In der letzten Zeit , insbesondere seit Anna ihre Lektionen allmählich aufgegeben , hatte sie sich Theresen wieder näher angeschlossen , ihr alles anvertraut ; und so war bald auch Theresens Mutter mit im Geheimnis . Diese nun kam Anna gütiger entgegen als die eigene Mutter , die nach einem kurzen Aufflackern des Verständnisses sich von der schuldigen Tochter gekränkt und schwermütig abgeschlossen hatte . Frau Golowski erklärte sich nicht nur bereit bei Anna auf dem Lande zu wohnen , sondern versprach auch , das kleine Haus , das Georg nicht hatte entdecken können , während das junge Paar fern war , ausfindig zu machen . So sehr diese Bereitwilligkeit Georgs Bequemlichkeit entgegenkam , es war ihm doch ein wenig peinlich , dieser fremden , alten Frau verpflichtet zu sein ; und daß gerade sie , die Mutter Leos , und der Vater Bertholds dazu bestimmt waren , an einem so wichtigen Erlebnis Annas so bedeutenden Anteil zu nehmen , wollte ihm in verstimmten Augenblicken beinahe lächerlich erscheinen . Drei Tage vor der Abreise , an einem schönen März-Nachmittag , machte Georg seinen Abschiedsbesuch bei Ehrenbergs . Seit jenem Weihnachtsfeiertage hatte er sich nur selten oben blicken lassen , und seine Gespräche mit Else waren seither durchaus harmlos geblieben .