Winter , eingeschlossen in einem Ring unschuldiger Genüsse . In solchen Bildern lag etwas von der Wehmut reuigen Gewissens und dem Schmerz eines auf immer Verstoßenen . Zum andern Teil aber enthielten sie viel von der modischen Empfindsamkeit , die auch das verhärtetste Gemüt unter Umständen davon schwärmen ließ , seine selbstgeschaffene Unrast am Busen der Natur zu besänftigen . Und dann sprach er doch von seinem Leben . Er wußte sich als einen Mann darzustellen , der , vielbeneidet , mit Ehren und Ämtern und greifbaren Glücksgütern beladen , gleichwohl das Opfer feindlicher Mächte ist . Das Schicksal trat in romantischer Verkleidung auf und jagte den Sohn eines verfluchten Geschlechts unstet von Land zu Land . Vater und Mutter tot , ehemalige Freunde gegen den edeln Sproß des Hauses verschworen und er , ein Mann von fünfzig Jahren , ohne Heim und Weib und Kind , Ahasver ! Derlei Enthüllungen öffneten wie nichts sonst Caspars Herz der Freundschaft . Denn da war endlich einer , der sich gab , sich öffnete , die Vermummung abwarf . Es war bittersüße Lust , die angebetete Gestalt den Sockel verlassen zu sehen , auf dem sie für alle übrigen thronte . Was ihn betrifft , er bot in dieser Zeit das Schauspiel eines ruhenden Menschen ; außen und innen ruhend , gelöst von hemmender Fessel , Blick und Gebärde gelöst , die Gestalt aufgerichtet , die Stirn wie entschleiert , die Lippen geschwellt von einem beständigen Lächeln . Er wurde seiner Jugend inne . Er dehnte sich aus , es war ihm , als sei er ein Baum und seine Hände wie Zweige voller Blüten . Ihm schien , als ströme sein Blut einen Wohlgeruch aus ; die Luft schrie nach ihm , das Land schrie nach ihm , alles war voll von ihm , alles nannte seinen Namen . Er pflegte manchmal laut mit sich selbst zu reden , und wenn er dabei überrascht wurde , lachte er . Die Leute , die mit ihm in Berührung kamen , waren bezaubert ; sie fanden kein Ende , die über alles liebliche Erscheinung zu preisen , in der Kind und Jüngling zu rührendem Verein gediehen waren . Es gab junge Frauen , die ihm zärtliche Briefchen schrieben , und Herr von Tucher wurde vielfach mit Bitten belästigt , ihn von einem Maler konterfeien zu lassen . Das üble Gerede gegen ihn war auf einmal wie verblasen . Keiner wollte je etwas Schlechtes gesagt haben , die eingefleischten Widersacher duckten sich , die ganze Stadt warf sich plötzlich zu seinem Beschützer auf . Es hieß mit immer kühnerer Deutlichkeit , man müsse ihn gegen die Machenschaften des englischen Grafen in Schutz nehmen . Eines Tages mußte Stanhope zu seiner größten Bestürzung wahrnehmen , daß er von allen Seiten peinlich überwacht und behorcht war . Er mußte sich entschließen zu handeln . Die geheimnisvolle Mission und was ihrer Ausführung im Wege steht Schon lange hieß es an allen Wirtshaustischen , der Lord wolle Caspar Hauser an Sohnes Statt annehmen . In der Tat stellte Stanhope Mitte Juni den förmlichen Antrag an den Magistrat , ihm den Jüngling zu überlassen , er wünsche für seine Zukunft zu sorgen . Der Magistrat ließ durch den Bürgermeister erwidern : zum ersten , daß ein solches Ersuchen in pleno vorgetragen werden müsse ; zum zweiten , daß der Lord vor allem den Nachweis eines hinlänglichen Vermögens erbringen müsse , damit die Stadt eine sichere Gewähr für das Wohlergehen ihres Pfleglings habe . Stanhope nahm den Bescheid sehr ungnädig auf . Er ging zum Bürgermeister , zeigte ihm seine Orden , die Beglaubigungen fremder Höfe , sogar vertrauliche Briefe hoher Fürstlichkeiten ; Herr Binder , bei aller Ehrfurcht vor Seiner Lordschaft , bedauerte , den einstimmigen Beschluß des Kollegiums nicht rückgängig machen zu können . Der Graf war unvorsichtig genug , in einer Gesellschaft , wo er zu Gast geladen war , seine Geringschätzung gegen das pedantischüberhebliche Bürgerpack zu äußern . Dies wurde ruchbar , und obgleich er sich beeilte , in einem Brief an den Magistratsvorstand sein Benehmen zu entschuldigen und es als einen durch Weinlaune verursachten Ausbruch verzeihlichen Ärgers hinzustellen , machte die Sache doch böses Blut . Der Argwohn war einmal geweckt . Man wollte wissen , daß er in seinem Hotel häufig Persönlichkeiten von zweifelhaftem Aussehen empfange , mit denen er hinter verschlossenen Türen lange Verhandlungen führte . Wie kommt es überhaupt , fragte man sich , daß der angeblich so reiche und vornehme Mann sein Quartier in einem Gasthaus zweiten Ranges nimmt ? Fürchtet er am Ende , von seinen eignen Landsleuten gesehen zu werden , wenn er wie sie im » Adler « oder im » Bayrischen Hof « wohnt ? Dies schien plausibel , wenn man einer unverfolgbaren Nachricht trauen durfte , die irgendwer eines Tages verbreitete und nach welcher der Lord ehedem als Traktätchenverkäufer im Dienst der Jesuiten in Sachsen herumgezogen sei . Stanhope beeilte sich zu reisen . Er stattete dem Bürgermeister in seiner Kanzlei einen Abschiedsbesuch ab und sprach von dringlichen Geschäften , die ihn wegberiefen ; bei seiner Rückkunft werde er den geforderten Vermögensnachweis vorlegen . Zugleich deponierte er fünfhundert Gulden in guten Scheinen , welche Summe ausschließlich für die kleinen Wünsche und Bedürfnisse seines Lieblings zu verwenden sei . Der Bürgermeister wandte ein , daß eigentlich Herr von Tucher die Verwaltung dieses Geldes übernehmen müsse , doch der Lord schüttelte den Kopf und meinte , in Herrn von Tuchers Verfahren liege zu viel vorgefaßte Strenge , er handle nach einem erdachten Ideal von Tugend , eine so zarte Lebenspflanze könne nur in liebevollster Nachsicht aufgezogen werden . » Seien wir doch eingedenk , daß das Schicksal eine alte Schuld an Caspar abzutragen hat , und daß es engherzig ist , immerfort hemmen und beschneiden zu wollen , wo die Natur selbst gegen den Willen der Menschen ein so herrliches Gebilde erzeugt hat . « Der Ernst dieser Worte wie auch das hoheitsvolle Wesen des Lords machten großen Eindruck auf den Bürgermeister . Er sprach nochmals sein Bedauern darüber aus , daß die Absichten des Grafen nicht sogleich verwirklicht werden konnten , und versicherte , daß die Stadt es sich stets zur Ehre rechnen würde , einen solchen Gast in ihren Mauern zu beherbergen . Von hier begab sich Stanhope unverweilt zu Herrn von Tucher . Man sagte ihm , der Baron sei mit einigen Bekannten auf die Jagd geritten , auch Caspar sei ausgegangen , müsse aber in Bälde zurückkehren , er möge zu warten geruhen . Ungeduldig schritt er in dem großen Salon auf und ab . Er nahm die Brieftasche heraus , zählte Geld , notierte mit dem Bleistift Ziffern auf ein Blatt , wobei er mit den Zähnen knirschte und der feine weiße Hals sich langsam dunkelrot färbte wie bei einem Trinker . Er stampfte auf den Boden , das Gesicht war förmlich aufgerissen , der Blick glitzerte . » Gottverdammte Bestien « , murmelte er , und auf den schmalen Lippen lag eine wilde Verachtung . Da war nichts mehr von der Gemessenheit und Würde des Edelmanns . O , Herr Graf , muß der Vorhang des öffentlichen Theaters nur für eine Viertelstunde fallen , damit der Schauspieler , überdrüssig der gutgelernten Rolle , sein geschminktes Antlitz zu furchtbarer Wahrheit verändere ? Schade , daß kein Spiegel in dem Raum angebracht war , vielleicht hätte er den Lord zur Besinnung gebracht und zur Behutsamkeit ermahnt , denn es brauchte ja nur schnell eine Tür aufzugehen , und das Stück begann von neuem . Aber zeugte dieser Umstand nicht zugunsten des Grafen ? Wäre mehr Beherrschung nicht ein Beweis von größerer Kunst gewesen ? Der echte Komödiant tragiert sein Spiel auch leeren Räumen vor und macht selbst die Wände zu Zuschauern . In dieser Brust aber waren noch Stimmen des Verrats , in ihrer Tiefe war noch Sturm , ihr dumpfes Höhlengetier hatte noch Augen , die vom Strahl der Wandelbarkeit getroffen wurden . Es scheint , daß der Lord ein schlechter Rechner war , denn die aufgestellten Zahlen wollten nicht das notwendige Ergebnis liefern , so daß er immer wieder von neuem begann und mit gerunzelter Stirn einzelne Posten auf ihre Richtigkeit prüfte . » Für Popularitätszwecke entschieden zu wenig « , sagte er mürrisch , eine Äußerung , deren Unbedachtsamkeit dadurch gemildert war , daß sie in englischer Sprache getan wurde . Dann noch ein sonderbares Wort , unheimlich anzuhören , nicht wie aus einem geistreichen Schauspiel , sondern wie aus einem Räuberdrama : » Wenn der Graue sich wieder blicken läßt , will ich ihn in den Schwanz kneifen ; seine Beute ist wahrhaftig groß genug . Kronen sind keine Marktware , er mag ehrlicher im Teilen sein . « Beklagenswerter Lord ! Auch die Einsamkeit hat ihre Laute . Durch eine schlechtverschlossene Fensterspalte zwängt sich der Wind , und es gleicht einer Stimme , oder das Holz der jahrhundertalten Möbel zieht sich zusammen , und es klingt wie ein Schuß oder wie ein Miniaturgewitter . Zudem war Graf Stanhope abergläubisch ; das Rieseln der Kalkkörner hinter den Tapeten erinnerte ihn an den Tod ; wenn er mit dem linken Fuß ein Zimmer betrat , wurde ihm übel und ängstlich . Dies war hier geschehen ; er nahm sich zusammen und schwieg , um so mehr , als er vom Flur herauf Caspars helle Stimme hörte ; er begab sich wieder in seine Rolle , die Augen gewannen ihren gazellenhaften Glanz zurück , er holte einen Band Rousseauscher Schriften aus dem Bücherregal in der Ecke , setzte sich in den Lehnstuhl und begann mit sinniger Miene zu lesen . Und doch , als Caspar eintrat , als das freudeverklärte Antlitz aus dem Dämmer tauchte , da zitterte empfundener Schmerz über die Züge des Lords , und eine plötzliche Verzagtheit raubte ihm die Sprache . Ja , er wurde verwirrt er lenkte den Blick abseits , und erst als Caspar , durch das fremdere Wesen betroffen , ihn leise anrief , brach er das Schweigen ; es lag nahe , die bevorstehende Reise als Grund der Verstimmung anzuführen , aber der Zustand inneren Zurückbebens und jähen Wankelmutes in solchen Augenblicken war dem Lord nicht unbekannt , wenngleich er sich heute stärker als sonst fühlbar machte . Ihm war dann , als ob der Anblick des Jünglings den vorgesetzten Willen lähme , als ob mühsam aufgebaute Pläne zusammenbrächen , wie von einem Orkan gefaßt , so daß er das Werk wieder von vorn beginnen konnte , wenn er allein war und sich erholt hatte ; er glich dann der Penelope , die , was sie tagsüber kunstvoll gesponnen , bei Nacht wieder in seine Fäden trennte . Caspars wehmütige Klage bei der unerwarteten Kunde wurde nicht beschwichtigt durch den Hinweis , daß sein eignes Wohl diese Trennung erforderlich mache , auch nicht durch die Versicherung Stanhopes , daß er so bald als möglich , vielleicht schon nach Verlauf eines Monats , zurückkehren werde . Caspar schüttelte den Kopf und sagte mit erstickter Stimme , die Welt sei gar zu groß ; er umklammerte den Freund und bat flehentlich , mitgenommen zu werden , der Graf solle den Diener entlassen , er , Caspar , wolle dienen , er brauche kein Bett , auch keinen Lohn , er wolle wieder von Brot und Wasser leben . » Ach , tu es , Heinrich ! « rief er unter Tränen . » Was soll ich denn ohne dich hier anfangen ? « Der Lord stand auf und befreite sich sanft aus den Armen des Jünglings . Der Trost , den er spenden durfte , rettete ihn vor sich selbst und verlieh seinen Worten größeres Gewicht . » Daß du so kleinmütig bist , Caspar , beweist ein kleines Vertrauen zu mir « , sagte er , » wie kannst du nur glauben , daß Gott , der uns endlich vereinigt hat , uns nun wieder voneinander reißen wird ? Das hieße seine Weisheit und Güte verdächtigen . Die Welt ist ein Bau von hoher Harmonie , und der Mensch findet sich zum Menschen durch ein auserwähltes Gesetz ; halte du deine Bestimmung fest , so tragen dich Raum und Zeit ans Ziel , und ob ich eine Stunde lang oder wochenlang von dir fort bin , gilt gleichviel vor der Gewißheit der Erfüllung . Wartet doch mancher bis zum Tod auf den Erlöser und wird nicht ungeduldig . Auch mußt du dich beherrschen lernen , Caspar ; Fürstensöhne weinen nicht . « Es war mittlerweile dunkel geworden ; der Lord führte Caspar zum offenen Fenster und sprach bewegt : » Blick auf zum Himmel , Caspar , schau , wie die Sterne durch das Firmament brechen ! In diesem Zeichen wollen wir uns erkennen . « Mit Befriedigung bemerkte Stanhope , daß Caspar nachdenklich wurde und , feierlich gestimmt , sich der zügellosen Verzweiflung schämte , die keinen Zwang des Wechsels anerkennen , keine Zukunft gegen die beglückte Gegenwart in Kauf nehmen wollte . Es war , als spüre Caspar die höhere Notwendigkeit , welche die Schicksale steigert und heimlich ineinander stickt ; vielleicht erwachte sein verwundert umherschauendes Auge in dieser Stunde zum Begreifen , und der Damm , der den Strom der Sehnsucht hemmte , wurde eine Kraft der Seele ; die besiegte Leidenschaft adelt den Jüngling zum Mann . Fürstensöhne weinen nicht ; ein starkes Wort ; der leise Windhauch , der die Vorhänge bauschte , flüsterte es nach . Der Lord schaute auf die Uhr und erklärte , daß er Eile habe , er wolle der Hitze wegen die Nacht durch fahren . Vor dem Wagen unten nahm er Abschied ; Stanhope reichte Caspar einen kleinen mit Goldstücken gefüllten Beutel ; er gebot ihm , damit nach seinem Belieben zu schalten und keiner Einrede Gehör zu leihen . Diese unbedachte oder vielleicht schlau berechnete Weisung verschuldete ein ernstes Zerwürfnis zwischen Caspar und seinem Vormund . Herr von Tucher erfuhr von dem abermaligen Geschenk des Grafen und verlangte , daß Caspar ihm das Geld abliefere . Caspar weigerte sich wiederum , Herr von Tucher bestand jedoch mit seiner ganzen Autorität darauf , und er würde Gewalt angewendet haben , wenn nicht Caspar , eingeschüchtert durch Drohungen wie durch das Gefühl der Abwesenheit seines mächtigen Freundes , klein beigegeben hätte . Doch verharrte er in dumpfer Auflehnung , und dies brachte Herrn von Tucher außer sich . » Ich werde dich aus dem Haus stoßen « , rief er , nicht mehr fähig , sich zu beherrschen , » ich werde deine Schande der Welt offenbaren ; man soll dich endlich kennenlernen , du Schlack ! « Caspar , betrübt und erregt , glaubte in seiner Weise ebenfalls drohen zu sollen . » Ach , wenn das der Graf wüßte , der würde Augen machen ! « sagte er erbittert und mit naiver Bedeutsamkeit , als ob es in der Macht des Grafen läge , jedes Unrecht zu sühnen . » Der Graf ? Auch gegen ihn machst du dich ja des Undanks schuldig « , versetzte Herr von Tucher . » Wie oft hat er mir versichert , er habe dich zur Folgsamkeit und Treue ermahnt , habe dich himmelhoch gebeten , deinen Wohltätern keinen Anlaß zur Klage zu geben . Du aber mißachtest sein Gebot und bist seiner großmütigen Liebe ganz und gar unwürdig . « Caspar erstaunte . Von solchen Ratschlägen des Grafen wußte er nichts , eher vom Gegenteil ; er bestritt daher , daß der Lord dergleichen gesagt habe . Da schalt ihn Herr von Tucher mit verächtlicher Ruhe einen Lügner , woraus ersichtlich ist , daß das so weise aufgerichtete Erziehungssystem sich nicht einmal für seinen Schöpfer als tragfähig genug erwies , um Ausbrüche empörter Leidenschaft und verwundeten Selbstgefühls hintanzuhalten . Die Grundsätze waren endgültig in die Flucht geschlagen . Herr von Tucher war des unerquicklichen Kampfes müde ; obwohl entschlossen , Caspar nicht länger zu behalten , verschob er die Ausführung seines Vorsatzes bis zur Rückkehr des Grafen . Um nicht durch Caspars Anblick der beständigen Pein der Enttäuschung ausgesetzt zu sein , folgte er der Einladung eines Vetters und begab sich für den Rest des Sommers auf ein Landgut in der Nähe von Hersbruck , wo seine Mutter schon seit drei Monaten weilte . Da es Ferienzeit war und der Lehrer ohnedies nicht ins Haus kam , brauchte er für den Unterricht Caspars keine Maßnahmen zu treffen ; er empfahl ihm fleißiges Eigenstudium , trug Sorge für seine täglichen Bedürfnisse , ließ ihm vier Silbertaler an Taschengeld zurück und ging nach kaltem Abschied , die Aufsicht über ihn der Polizei und einem alten Diener des Hauses überlassend . Caspar zählte die Tage und durchstrich jeden vergangenen mit roter Kreide auf dem Kalender . Das lautlose Haus , die verödete Gasse , in der die Sonne brütete , ließen ihm das Alleinsein stetig fühlbar werden . Gesellschaft hatte er keine , Fremde , die noch immer zahlreich kamen , zahlreicher noch , seit die passionierte Teilnahme eines Lord Chesterfield den Findling wie mit einem Nimbus umgab , wurden nicht zugelassen , die früheren Bekannten aufzusuchen hatte er keine Lust . Am Abend nahm er manchmal sein Tagebuch zur Hand und schrieb ; da war ihm dann der Freund näher , es glich einer Unterhaltung mit ihm durch die trennende Ferne . Ohne das Gelöbnis des Stillschweigens über das , was Stanhope ihm anvertraut zu vergessen , wurde doch auf solche Weise das Papier zum Mitwisser der mysteriösen Andeutungen . Aber aus seiner Art sie zu fassen , erhellte klar , daß er sich im mindesten nicht dabei zurechtfinden konnte . Es war ein Märchen . Er verstand nicht den Bau der Ordnungen , nicht das labyrinthisch verschlungene Gefüge der menschlichen Gesellschaft . Noch war das Schloß mit seinen weiten Hallen ein Traum : da wehten die Schauer unbekannter Sterne . Nur heimzugehen war sein Wunsch , dies Wort hatte Sinn und Kraft . Wehe , wenn er zum Begreifen erwachte ; erst wenn die Finsternis entwichen , kann der verirrte Wanderer ermessen , wie weiter von seinem Ziel verschlagen worden . Anfangs September erhielt Caspar die erste kurze Nachricht vom Grafen , die auch dessen bevorstehende Rückkehr meldete . Seine Freude war groß , doch war ihr ein ahnender Schmerz zugemischt als könne es zwischen ihm und dem Freund nicht mehr werden wie vordem , als hätte die Zeit sein Antlitz verwandelt . Bei jedem Wagenrollen , jedem Läuten am Tor dehnte sich sein Herz bis zum Springen . Als der Erwartete endlich erschien , war Caspar keines Lautes mächtig ; er taumelte nur so und griff um sich , wie wenn er an der Wahrheit der Erscheinung zweifle . Der Lord veränderte Haltung und Miene ; es sah aus , als verschiebe er ein vorgesetztes Anderssein für später , das Lauern seiner Blicke versank in der weicheren Regung , in die der Jüngling ihn stets versetzte , der einzige Mensch vielleicht , dem er Macht über sein Inneres zugestehen müßte und dessen Geschick er zugleich hinter sich herschleifte wie der Jäger das erbeutete Wild . Er fand Caspar schlecht aussehend und fragte ihn , ob er genug zu essen gehabt habe . Der Bericht über die mit Herrn von Tucher vorgefallenen Streitigkeiten entlockte ihm nur Sarkasmen , doch schien er nicht weiter mißgelaunt darüber . » Hast du denn bisweilen an mich gedacht , Caspar ? « erkundigte er sich , und Caspar antwortete mit dem Blick eines treuen Hundes : » Viel , immer . « Dann fügte er hinzu : » Ich habe sogar an dich geschrieben , Heinrich . « » An mich geschrieben ? « wiederholte der Lord verwundert . » Du wußtest doch meinen Aufenthalt nicht ! « Caspar drückte die Hände zusammen und lächelte . » In mein Buch hab ichs geschrieben « , sagte er . Der Graf wurde nervös , doch stellte er sich zutraulich . » In welches Buch ? Und was hast du denn geschrieben ? Darf ichs nicht lesen ? « Caspar schüttelte den Kopf . » Also Heimlichkeiten , Caspar ? « » Nein , keine Heimlichkeiten , aber zeigen kann ich dirs nicht . « Stanhope brach das Gespräch ab , nahm sich aber vor , der Sache auf den Grund zu gehen . Er war wieder im » Wilden Mann « abgestiegen , doch lebte er anders als vorher . Zu jeder Mahlzeit bestellte er Champagner und teure Weine und trieb den größten Aufwand , als sei es ihm darum zu tun , Reichtum zu zeigen . Er brachte seine eigne Equipage mit , deren Räder vergoldet waren , während am Schlag Wappen und Adelskrone prangten . Als Dienerschaft hatte er einen Jäger und zwei Kämmerlinge , und diese drei Betreßten erregten das Staunen der Nürnberger . Er säumte nicht , sein Ansuchen um die Überlassung Caspar Hausers zu erneuern . Zum Beleg seines günstigen Vermögensstandes wies er , scheinbar nur nebenbei , auf die Kreditbriefe hin , die er seit seiner Rückkunft beim Marktvorsteher Simon Merkel deponiert hatte . Es lag darin eine Gebärde von Prahlerei , als seien so geringfügige Summen kaum der Rede wert ; in der Tat aber waren die Akkreditive , von deutschen Wechselhäusern aus Frankfurt und Karlsruhe ausgestellt , von bedeutender Höhe . Der Magistrat sah sich jedes stichhaltigen Einwands gegen die Wünsche des Lords beraubt . In der Versammlung der Stadtväter wurde die Frage aufgeworfen : ja warum ? Was will er eigentlich mit dem Hauser ? Darauf las Bürgermeister Binder mit besonderem Nachdruck eine Stelle aus der Zuschrift des Grafen vor , worin es hieß : » Der Unterzeichnete fühlt um so mehr den Beruf , sich des unglücklichen Findlings anzunehmen , als er bei langem Umgang mit ihm die selbst einem Vaterherzen wohltuende Erfahrung gemacht hat , wie sehr ihm dies kindliche Gemüt in liebender Anhänglichkeit und Dankbarkeit ergeben ist . « » Fragen wir also den Hauser selber , « hieß es , » man muß wissen , ob er Lust hat , dem Grafen zu folgen . « Caspar wurde vor Gericht zitiert . In tiefer Bewegung erklärte er , er sei überzeugt , daß der Herr Graf den innigsten Anteil an seinem Schicksal nehme , erklärte , mit dem Grafen gehen zu wollen , wohin ihn dieser auch führen werde . Trotz alledem verzögerte sich die förmliche Bewilligung des Magistrats durch eine Reihe erst scheinhafter und ungreifbarer Umstände , die aber nach und nach zu entschiedenem Widerstand erwuchsen , bis sie sich schließlich in einer einzigen Stimme Gehör verschafften , welcher niemand zu widerstehen wagte . Der übermäßige Eifer des Lords , sich der Person Caspars zu versichern , rührte den unterirdisch murrenden Argwohn immer wieder empor . Sein pomphaftes Auftreten mißfiel . dem Bürger , der einer bescheidenen Lebensführung , auch bei Großen , mehr Vertrauen entgegenbrachte als einer Verschwendungssucht , die nur die schlechten Instinkte des Pöbels nährte . Es erbitterte , wenn der Graf in seiner Prunkkarosse daherfuhr , mit Absicht die belebtesten Plätze wählte und nach rechts und links Kupfermünzen ins Volk streute , das sich dann , jeder Würde bar , vor dem in nachlässiger Leutseligkeit thronenden Fremdling im Kot wälzte . Man sprach davon , daß Stanhope vom Marktvorsteher Merkel auf die Kreditbriefe hin hohe Summen entlehnt habe . Merkel , wenngleich er gesichert schien , wurde zur Vorsicht ermahnt ; es lief das Gerücht , der Lord dürfe die Papiere gar nicht angreifen oder doch nur bis zu einer vorgeschriebenen Grenze . Mittlerweile war Herr von Tucher vom Land zurückgekehrt . Die Entwicklung der Dinge war ihm bekannt ; er wollte für seinen Teil ein klares Ende herbeiführen . Er richtete an den Lord einen ziemlich weitläufigen Brief in welchem er ihn schließlich vor die Wahl stellte : entweder den Jüngling ganz zu sich zu nehmen und ihn , den Baron , damit seiner Verantwortlichkeitspflicht zu entheben , oder einen jährlichen Beitrag auszusetzen , welcher es ermögliche , Caspar einem verständigen und gebildeten Mann vollständig zu übergeben ; in letzterem Falle müsse Seine Herrlichkeit allerdings die Güte haben , jedem Verkehr mit Caspar schriftlich wie mündlich für die Dauer mehrerer Jahre zu entsagen ; er seinerseits würde sich dafür gern verbinden , dem Lord regelmäßigen Bericht über Caspars Tun und Treiben abzustatten . In der sonstigen Fassung des Schreibens herrschte jedoch die gebotene Devotion vor . » Mit dem wärmsten Dank habe ich , hochzuverehrender Herr , die zahllosen Beweise des Wohlwollens anzuerkennen , mit denen Sie mich seit den wenigen Wochen Ihres Hierseins überschüttet haben « , hieß es unter anderm ; » aus dem Grund meiner Seele habe ich die ungeheuchelte Verehrung an den Tag zu legen , zu welcher mich Ihre Herzensgüte und Ihr seltener Edelmut zwingen . Aus dieser Gesinnung entspringt mir auch die Pflicht des Vertrauens , zu der Sie mich so oft aufgefordert haben , und so trete ich vor Ihnen , edler Mann , geraden und offenen Sinnes auf mit der Zuversicht , daß Sie meinen Worten ein geneigtes Ohr schenken werden . Caspar ist nicht der , für den Sie ihn zu halten scheinen . Wie konnten Sie auch dieses wunderliche Zwitterding kennenlernen , da ihn ja im Umgang mit Ihnen , dem er alles verdankt und von dem er alles erwartet , was sein Sinn begehrt , auch alles dazu einlud , im besten Licht zu leuchten . Herr Graf ! Sie haben ihm eine Freundschaft bezeigt , wie man sie nur einem Gleichgestellten schenkt . Bei der unbegrenzten Eitelkeit , mit welcher die Natur neben so reichen Gaben seine Seele verunstaltet hat und die von einfältigen Menschen hier noch großgezogen wurde , haben Sie unschuldigerweise ein Gift in sein an sich schon krankes Wesen gemischt , das kein Seelenarzt , auch nicht der geschickteste , wird jemals wieder daraus entfernen können . Ich bin von nichts weiter entfernt , als Ihnen damit einen Vorwurf zu machen , ich bitte Sie inständig , auch nicht einen solchen finden zu wollen . Sie sind außer Schuld . Aber feststellen muß ich , daß während der ganzen Zeit , die Caspar in meinem Hause weilte , kein Anlaß war , mit ihm unzufrieden zu sein , während er seit Ihrem Aufenthalt dahier , ich sage es mit blutendem Herzen und mit der Zaghaftigkeit , die mir Liebe und Ehrfurcht gegen Sie , vortrefflicher Mann , gebieten , wie umgewandelt und verkehrt ist . « Eine solche Sprache mußte auch dem verwöhntesten Ohr schmeicheln . Nichtsdestoweniger gab sich Lord Stanhope den Anschein durch den Brief des Freiherrn herausgefordert und verletzt worden zu sein , sprach auch überall in Gesellschaft davon . In einer Eingabe an das Kreisgericht in Ansbach , die sich als notwendig erwiesen und worin er seine Bereitwilligkeit anzeigte , nicht nur während seines Lebens für Caspar Hauser zu sorgen , sondern auch dessen Erhaltung für den Fall seines Todes zu sichern , erwähnte er , daß zwischen ihm und Herrn von Tucher Verhältnisse eingetreten seien , die ihm für jetzt und künftig jeden Verkehr unmöglich machten ; es sei deshalb von Wichtigkeit , daß Caspar tunlichst bald in eine andre Umgebung versetzt werde . Hofrat Hofmann in Ansbach beeilte sich , Herrn von Tucher von der verhüllten Anklage des Lords zu unterrichten . Herr von Tucher war außer sich . Er teilte der Behörde seinen an Stanhope gerichteten Brief wörtlich mit , schilderte noch einmal und in düsteren Farben den unheilvollen Einfluß des Grafen auf Caspars Charakter und ersuchte um schleunige Decharge von einer Vormundschaft , die ihm , wie er sich ausdrückte , Sorgen , Plagen und Lasten und zuletzt noch Undank und Verargung seines redlichen Willens zugezogen habe . Da das Ansbacher Amt ein Gutachten über die Person des Lords gewünscht , schrieb er zurück , er habe den Herrn Grafen als einen seltenen Mann von ausgezeichneten Eigenschaften kennengelernt . Das Gerücht bezeichne ihn als sehr vermöglich , er selbst behaupte , eine jährliche Rente von zwanzigtausend Pfund Sterling , also dreimalhunderttausend Gulden , zu genießen , welches Einkommen ihn übrigens als Earl und erblichen Pair von Großbritannien noch keineswegs unter die reichen Edelleute seines Landes setze . » Vorausgesetzt , daß die hochlöbliche Kuratelbehörde genügende Sicherheit erlangt , « schloß er sein mächtig langes Schreiben , » auch solche , die über gewisse bedenkliche Konjunkturen in England Aufschluß gibt , habe ich als Vormund gegen die Adoption Caspar Hausers durch Lord Stanhope , sonderlich in finanzieller Hinsicht , nichts einzuwenden . « Ein umständliches Verfahren , ein endloser Instanzenweg . Stanhope zappelte schon vor Ungeduld und Wut . Doch schienen ungeachtet des geschäftigen Klatsches und der widerstreitenden Meinungen alle Hindernisse beseitigt , und er sah sich dem von Anfang an mit langsamer Zähigkeit verfolgten Ziele nahe , als plötzlich alles wieder vernichtet wurde . Der Präsident Feuerbach legte nämlich sein Veto ein gegen die Entfernung Caspars aus Nürnberg , Er schickte einen Privatboten an den Bürgermeister Binder und ließ ihn wissen , daß er soeben von seiner Badekur in Karlsbad zurückgekommen und was im Werke sei als vollkommene Neuigkeit vernehme . Er untersagte jede Entscheidung , bevor er den ihm verworren und verdächtig erscheinenden Fall geprüft und die auszuführenden Schritte gutgeheißen habe . Der Bürgermeister fand sich verbunden , den Lord sogleich von der neuen Wendung der Dinge in Kenntnis zu setzen . Stanhope empfing und las das Briefchen Binders in seinem Hotel gerade während man ihn rasierte . Er stieß den Bader beiseite , sprang auf und rannte , noch mit dem Seifenschaum auf seiner Wange , heftig erregt durch das Zimmer . Es dauerte geraume Zeit , bis er sich seiner Toilettenpflicht wieder erinnerte ; er zerriß den Zettel , den ihm Binder geschickt , in hundert kleine Stücke und saß dann unter dem Rasiermesser mit einem Gesicht so voll Haß und Galle , daß die Hand des erschrockenen Barbiers zu zittern begann und er sich nach vollendeter Arbeit