, der einer Seele eigene Welt zusammenfügte , und wo noch immer der Turm des Baues sich nicht aufreckt , nur erst hohe Mauern und Zinnen sich erheben , die den neugierigen Blick abweisen . Einhart war noch immer ein Zigeuner . Den Sinn für die offnen Erdenräume , für Wälder und Heiden , hatte er nicht verloren . Ob er auch , in seiner Strenge begehrt , längst selbst in Schlössern und Burgen an Fürstentafeln seine Speisen gegessen und sich als Künstler hatte rühmen lassen . Nach einer sinnlosen , ziellosen Wanderschaft hatte er von neuem Menschen gemalt . In einer der letzten großen Ausstellungen war Begehr nach seinen Werken gewesen , und ein Mäcen hatte das meiste davon aufgekauft . An Mitteln fehlte es ihm nicht . Aber auch an Gleichgültigkeit dagegen hatte er nicht abgenommen . Er fragte noch immer Krähen und Gräser , Wolken und Bäume um ihre Freuden , und wußte nicht recht , ob er nicht lieber ein Baum sein möchte und harren und es sich begeben lassen , als es mit Erjagen erraffen und nicht finden . Wenn man das Enttäuschung nennt , mag man auch ihn enttäuscht nennen . » Reich leben ist eine Sache für sich , « sagte er oft mit Lächeln und nannte dann das Geheimnis mit drolligem Namen . Damals , als er aufgewühlt in die Beglückungen des Blutes sich ganz einsenkte , waren die inneren Fluten ein Meer ohne Grenzen , und der Beseligung keine Zweifel . Hart und voll Wunder alles . Die Glutfeuer der Tiefe gaben Wärme und die Farben des Schicksals wie glühe Rosen . Das war nicht mühsam Zusammentreiben , was nicht kommen will . Das war ganz Geschenk und Fülle , Leid und Licht , Zerrissenheit und eins in allem . Jetzt schmerzte nichts in Einharts Blute , wo er ein ruhiger , selbstsicherer Künstler nun am Heideraine hinging und die Welt von ferne träumte , wie eine Baumkrone träumt , hin und her , hin und her , tändelnd mit Licht , spielend mit Schatten . Das sind die Zeiten des stillen Erntewartens auch im Geiste , die nichts von Leiden und Leidenschaften , vom Erjagen und Ersehnen wissen . 2 Unten im Moore hing ein altes , moosbegrüntes Dach nieder fast ins Gras und in Nessel- und Schierlingstauden , tief im Eichenschatten verborgen . Gänse gackerten unter den Säulen der Stämme , und ein Schwein machte drollige Sprünge und quiekte ungehalten , wenn jemand in den Frieden der verfallenen Umhürdung , in die verwunschene , verwachsene , nesselumwucherte Herrlichkeit eindrang . Einhart mußte hier oft seinen Weg hindurchnehmen weiter in die Weiden hinaus . Wie Einhart jetzt war , hatte er gern den Blick in die Ferne gerichtet . » Unstet « war noch immer sein Name . Er näherte sich , in dem Grase am Wege schreitend , dem kleinen , engen Hausfenster , legte seine Stirn an die Scheiben und sah hinein in die dunkle Stube . Hier wohnte Klaus Otten , der Moorbauer , und seine magere , strenge Frau mit der schreiigen Stimme , mit den großen Holzschuhen an den Füßen und der dürftigen Haube , und Henny , deren Tochter , die seit einem Frühling krank in den Kissen saß , und die sich nun eine Welt träumte , jemehr sich ihr die Hoffnung und der Blick verschloß . Henny war eine blonde , junge , sanfte Seele , ein wenig neckisch immer im Leben , und wo sie Arbeit tat , froh und wohlgemut singend früher . Und sie hatte allerlei Arbeit getan . Vor allem draußen in dem Mooracker hatte sie Scholle um Scholle mit Vater zusammen umgelegt und hingeschoben und der Sonne gebreitet , und geschichtet dann , und in den Kahn geborgen endlich , wenn es zum Trocknen gekommen war . Sie war auch dann mit dem wundersamen , eintönigen Ruderstoße , einer und einer und immer wieder derselbe , im sonnenweiten Wiesenglanze mit Vater und der schwarzen , erdigen Sommerernte zur Stadt gefahren . Nun war damit nichts mehr . Es blühten ihr jetzt die glühen Todesrosen im schmalen , kindlichen Angesicht , und sie träumte viel und konnte wundersam aufmerken auf alle Dinge im Himmel und auf Erden . Einhart hatte gleich im Beginn seines sommerlichen Aufenthaltes einmal zufällig hier Rast gehalten und in diese graublauen , jungen Augen gesehen und mit Staunen den seltsam glücklichen Glanz des Entsagens und Entschwebens fort in alle Weiten . Und Henny hing jetzt an der Stunde , wo Einhart oft den Abend durch die Stauden und Schatten und die goldnen Tupfen des Sonnenscheidens hindurchstapfte . Heute hatte sich Henny schon am Nachmittag zeitig in Kissen hinausbetten lassen . Um sie glühten allerlei Taube-Nesseln , Camillen und Glockenblumen . Sie horchte in die helle Sommerluft , wo Finken ihr kleines Lied sorglos pfiffen , und Spinnen sich auf die Blätter niederließen oder auf ihre Hand und erschrocken sich dann am eigenen Gespinste eilig in die Lüfte emporzogen . Henny war außermaßen fein von Sinnen . So eine Spinne mit ihrem Fleckenkleide sah sie staunend an wie eine Dame in reicher Gewandung . Die kleine Spinnenarbeit däuchte ihr voll ein Wunder . So ins Schauen versunken , konnte Henny stundenlang zusehen , wenn das winzige Dürrbein mühsam die Fäden seines Netzes zusammenrollte wie ein Seiler seine Knäuel , dort wo das Netz lädiert und undicht geworden , um mit feinem Bisse die kleinen Packen Spinnenseide zu lösen und in die Lüfte verächtlich hinauszuwerfen , wie eine Dienstmagd den Kehricht . Fein war der Knäuel . Henny fing ihn in der Hand . Sie zerdrückte ihn zu einem kaum sichtbaren Flecken Silberstaub . Es war schier ein Wunder , ihr , die angebunden an Leib und Seele , nur noch Auge und Traum hinaussprang aus ihrem kranken und schwachen Gehäuse . Und deren Hoffnung nur noch in den Lüften hinwehte ohne Halte , wie der Wind . Und wenn Einhart nicht kam , war es nur ein Tag ohne solches Wehen . Aber auch Einhart kam nur zu gern . Er sah zum ersten Male hier in dieser Bleiche der Züge solch ein Leben ohne irdische Bestimmung . Er sah in diese einzig-artige Süße der Züge , die engelgleich sich in den Luftkreis um und um einsaugten und mit jeder Spinne und jedem Blatte und jedem Vogel und jedem Lufthauch aufwehten ins Ungewisse , und war erschüttert heimlich von der unerhörten Leichtigkeit solcher Seele , von der Frohheit und dem Leide , die gleichsam in Einem aus den jungen Augen lachten . » Nun , Henny ? liebe Henny ! « sagte Einhart gewöhnlich , wenn er aus den hohen Nessel- und Schierlingstauden zu ihr trat . » Liebe Henny ! « das klang ihrem verwehenden Leben wie Sonne . » Guten Tag , Herr Selle ! « sagte dann Henny mit dem Gesicht halb in den Kissen und die Augen allein nach ihm gewandt . Aber die Hand , die einmal eine harte Arbeitshand gewesen , zu ihm hingestreckt , daß er sie in seinen langen , feinen Fingern hielt . » Na also ! es geht ja ! ich sehe es an den Fingerspitzen , « lachte dann Einhart und sah drollig die Hand an , die jetzt kindlich und bleich und weich war wie ein Federflaum . Er brachte wohl auch einen Strauß von Blüten , die er draußen in der Heide zusammengebunden . Feine , silberne Wollgrasbüschel liebte Henny . Damit strich er ihr gar erst einmal über die seine , bleiche , magere Nase . Das machte Henny lachen , wie eine flüchtige Drossel auflacht , klingend , ganz ohne Erde und Schwere , nur eine verfliegende Lust in die Luft . Einhart konnte dann dieses entrückte , schöne Mädchen anstaunen heimlich . Er konnte ihre Hände ewig sprachlos in den seinen halten , jede blaue Linie des zarten Aderwerkes verfolgen , und jeden Hauch rosigen Glanzes , der darüber huschte , wenn das junge Herz Hennys sich dann heimlich auch froh erregte , in den dunklen Zigeuner , der ja ein freier , sicherer Mann war , sich zu verlieren . Sie sprachen nie viel . Es war nur meist eine stumme , lange Frohheit . Hennys Hände lagen oft lange in Einharts Hand . Und Einhart sah auch Hennys Mund dabei lange an , der allein noch wie frisches , zartes Fleisch glänzte . » Ich war heute faul , « sagte wohl Einhart . Oder auch : » heute habe ich meine Tagesernte doch gemäht . « Dabei zeigte er Henny einige Blätter Leinwand hin . » Oh ! « sagte sie dann . » Das ist unten an der Brücke der dunkle Wassergrund und der schwarze Geisterkahn . « » Ist es wahr , « sagte Henny einmal , weil sie irgendwo so etwas gelesen hatte , » daß man in die Seligkeit eingeht über einen dunklen Fluß , von einem stummen , düsteren Fährmann gefahren , auf einem solchen Kahne ? « » I wo ! « sagte Einhart . » Du , Henny , gehst mit Flügeln ein ! « sagte er lachend . » Und ich auch . Mit Kähnen , das wäre zu mühselig . Gar noch auf solcher alten Schute ! « In Henny und Einhart war ein heimliches Miteinander . Henny wußte schon vorher halbe Stunden , wenn Einhart kommen würde . Sie merkte es an der Luft , am Vogelgesang , an dem Gackern der Gänse , an dem Zittern der Spinnenfäden , an tausend unsagbaren Dingen , daß er käme . Und er kam immer , wenn es ihr alle diese seinen Dinge um sie schon erzählt hatten . Und Einhart hatte ein solches Rätselleben noch niemals angesehen . So gebunden und bleich und die Röte der Todnacht auf den Wangen erglühend , und der Mund noch feucht und voll Liebe , und so fein und leise alles erhörend ihr kleines , blutloses Ohr . » Henny , « sagte Einhart manchmal , » was träumtest du eben in die Eichenkrone über dir und den hellen Himmel ? « Dann erzählte sie ihm wohl einmal einen flüchtigen Traum . Oder sie lächelte ohne Ton . » Was ich träumte , werde ich Ihnen nicht sagen , « sagte sie dann . Da sagte sie es ihm lange nicht , so oft er kam . Aber eines Tages begann sie auch selber zu erzählen . » Ich träumte , « sagte sie versunken , » ich läge wie ein feiner Sommernebel über meinem Bette ausgebreitet , und mir war nichts mehr schwer . Ich konnte sein , wo ich wollte , oben , und unten , unter den Blumen , oder in den Baumwipfeln , alles war nur rein ein seliges , freies Dasein . « Und eines Tages auch kam Einhart , wollte es wieder von ihr wissen , weil Hennys Gesicht etwas von Schönheit und Verklärung hatte , wie er es so noch nie gesehen . Da drang er in sie und sah , daß ihr gleich eine schwache Blutwelle ins Schläfenweiß aufschoß und ihr Gesicht in Purpurglut legte und ihren Atem fast erdrückte . Und er mußte sie ewig quälen . Er bat . Er nahm ihre weiße , sanfte Hand in die seine , und sah sie mit bittenden Augen lange an , fragte und bat wieder . Da begann sie zitternd und flüsternd und zögernd noch immer endlich doch zu sprechen . » Einmal im Himmel , « sagte sie . » Was ? - - was ? - - weiter ! « » Einmal im Himmel werde ich , « kicherte sie leise . » Einmal im Himmel - - werde - - ich - - dich . « » Werde ich dich ? « sagte Einhart wiederholend , aber jetzt in Einfalt lächelnd . » Werde ich dich küssen , « sagte Henny hastig . » Denn hier auf Erden bin ich nur ein elender Mensch , zu bleich und zu schwach und zu krank , und arm und ein Nichts ! - - - Aber im Himmel , « lagte sie dann fest und arglos froh , » ist besser seben . « Und Einhart fühlte es , daß ihre Seele der seinen sehr nahe kam , fast wie wenn sie als Windeshauch seine Wange strich . Und man konnte in Einharts Auge sehen , daß er Henny mit einer unbegreiflichen Frage ansah , in der Trauer und Staunen und reiner Glanz der Liebe von ferne gingen und nicht Halt fanden . Oh , es gingen noch immer nicht die Glutfarben aus Henny . Immer neu mußte sie schüchtern Glück und Lachen ganz leise überwinden . 3 Im Moore feierte man ein Volksfest . Es waren helle Zelte gebaut nahe einem Kiefernhügel , der gegen den blauen Aethergrund der weiten Nacht ragte . Und der erstrahlende , irrlichtelierende Freudentaumel der Karussells schwang sich unter dröhnender Musik um . Die Lampen und Lichter glitzerten in bunten Scheinen und schwirrten vorüber inmitten der drängenden Menge erheiterter junger Gesichter . Alt und jung strömte um Wurst- und Kuchenbuden und hin in das von grünen Reisern durchduftete Zelt , worin die jungen Paare tanzten . Leute aus den jetzt unter der Sternennacht schlafenden , weiten Mooren saßen an den Tischen , zum Teil wie sie sind , ernst und ungesprächig , auch ein wenig feierlich erstaunt von dem Lichterglanze und der Musik die Frauen , und die Männer dann und wann geradehin , flüchtig von Witz und ohne groß Anmut . Um einen Tisch saßen junge Maler . Einige freie , geistige Mädchengesichter glänzten in Röte , die mitten durch Staub und Wirbel sich mit schwebender Frische in die schwerfällige , walzende Menge mischten . Die jungen Malerköpfe waren voll Leben . Die Augen aller sahen voll Spannung in die bunte Welt des nächtlichen Reigens . Heiter und unbedacht streifte der träumende Blick dieser staunenden Jungwelt den Duft der Dinge dieser Festnacht und schwang sich lachend inmitten des bäuerlichen Gestampfes immer wieder neu hinein , nicht nur zu schauen , auch dabei zu sein . Einhart war spät in das Tanzzelt getreten , hatte ein paar seiner Kameraden mit flüchtigem Nicken angesehen und war unschlüssig unter die Gruppe Bauern am Eingang zurückgegangen . Man kannte ihn auch hier allenthalben , weil er noch immer fremdartig genug aussah . Nicht mehr verwahrlost , sehr schlank und mager . Aber die Augenbrauen immer mehr wie breite Bänder , die Augen aus Tiefdunkel blinzelnd oder auch mit der Güte und Einfalt und dem verlorenen Lächeln eines Kindes , oder plötzlich der Blick mit Funken wie der eines harten , andalusischen Räubers . So war er allen , auch den Bauern , immer ein wenig ungeheuer . Die jungen Malerinnen waren halb moquant , halb hingezogen , obwohl Einhart in dieser Zeit für niemand recht zu gebrauchen war . Auch an diesem Abend war Einhart sehr gleichgültig . Es sich von Festen und bunten Aeußerlichkeiten ablesen , hatte er völlig verlernt . » Die Natur meiner Augen und Sinne hat es so schön eingerichtet , daß die Welt ohne Mühe hineinspringt . Und was hineinspringt , ist mir sicher , « sagte er . » Wenn sich meine Stunde nach etwas sehnt , was verloren ist , kommt es aus der Brunnentiefe aufgestiegen wie der Nix im Märchen und lacht oder weint mit mir . « So lebte er die Dinge ohne Anspruch . Auch alle die leuchtenden oder beschatteten Gesichter rings . Aber er sah manchen Bauern doch scharf an , und manches blonde Mädchen , das vorbeihuschte , ihn zu grüßen , und den derben Burschen , der Hut oder Mütze vor ihm lupfte . Er hatte immer etwas Prüfendes im Blick . Es war gar nicht Methode . Es war gewohntes Leben jetzt . Und Einhart mischte sich dann doch unter die Tanzenden , tanzte mit einer wunderlichen Schönheit , die vom Moore in bunten Damenflittern gekommen war , nachdem sie Jahre jenseits des Meeres gewesen und rechtes Geld mit heimgebracht . Alle Moorleute staunten die überlegen Prunkende an , die sie früher als einfaches Heidekind gekannt , wie sie mit ihren Seidenbehängen und der Schleppe jetzt im Arme Einharts hinflog , mit sicherer Grazie alles flatternde Lose ihres Gewandes zusammenhaltend und umschwingend , wie es keine der derben , gesunden Moortöchter in ihrer behaglich runden Umdrehung vermochte . Aber wie auch alle die lustigen , jungen Blicke rings , je mehr die Zeit hinging , lockten und bedrängten , wie auch Einhart dann noch einmal lange stumm am Tische unter den Malern gesessen , in die flackernde Regsamkeit des halbhellen Tanztaumels hineinstarrend , wie er auch dann unentschlossen einem blonden Mädchenkopfe sich nachgestohlen , der ihm ein paarmal mit heimlichen Blicken zugeblinkt , wie ihn auch dann die lustige , schmiegsame Heide , jung und derb und verliebt , mit heißen Erhitzungen jetzt in der Festnacht hinausgelockt in die Waldschatten und sich an ihn gehangen mit weichen Armen , die aus den offenen Aermeln wie Nixenarme im Sternenschein glänzten , Einhart konnte in dieser Nacht nirgend Ruhe finden . Er hatte es noch immer aus dem Wandervolke , die treibenden Süchte , die wie Krankheiten ihn manchmal plötzlich überfielen und versehrten . So geschah es auch heute , daß in die drängenden Flüstertöne dieser Nacht , in das Gesumme und Geräusche in den Baumwipfeln oben und das Silberlicht der Sterne , unter die scharfen Schatten im Waldgrunde und in die stammelnde Sehnsucht des blinkenden Mädchenmundes ein Bild plötzlich tiefer Erschrockenheit hineinsprang . Daß Einhart seinen Namen aus den Weiten der Nacht herhalten hörte , und hinstarrte - und hinlauschte - gierig . Und es zum andern und zum dritten Male vernehmlich einsog : » Einhart ! - Einhart ! - Einhart ! « von einer leiblichen Stimme silberhell durch die Nacht gerufen . Daß ihm die übrige Welt rings darnach wie in Totenruhe verstummt erschien . Einhart hatte Heide sofort losgelassen . Er sprang aus den Waldschatten ins Licht ganz hinein . Er machte eine Bewegung mit dem Munde , wie um zu rufen . Aber es kam noch kein Ton . Er rief jetzt wirklich . » Ich komme ! « rief er laut . Weil es ihn auch gleich dünkte , daß er den Ruf verstanden . Und er lief - und lief , wie getrieben , was er konnte , hin ins Moor , wo Henny in der umwachsenen Hütte krank lag . Das Haus lag im Schlitzschattenwerk der alten Eichen ganz verborgen und dunkel . Ein kleines Fenster gab einen rotgoldenen Schein , warm wie eine Seele und stumm . Die Schierlingsstauden und die Nesseln standen wie bleiche Spitzensäume unter dem Fensterschein und flüsterten und zitterten . Einhart schlug sein Herz wie ein Hammer in der Brust . Er drückte leise , wie oft , sein Gesicht an die Scheibe . Alles lag still , wie in Ewigkeit gebunden . Er suchte jetzt einen Halt zu gewinnen . Das Unbegreifliche hatte ihn bedrohlich angefaßt . Er trat noch einmal vom Fenster zurück . Und er sah auf in die Nacht . Über den Schatten des Hauses hingen in den Baumwipfeln die blanken Sterne , als wären Diamanten in die Zweige gesät . Drinnen im Hause regte sich nichts . Dann schlich Einhart neu nahe , sah lange durch die Scheibe in den Dämmerraum und merkte endlich , daß drinnen der Tod selber am Tische saß und schlief . Es war eine von den wunderlichen Visionen Einharts . In dieser Nacht ging es in Einhart wie Irresein schon seit Anbeginn . Da konnte er die Welt noch weniger sehen vor seinen eigenen Bildern . Er drückte ewig die Stirn an die Scheibe , um drinnen - den Tod schlafen zu sehen . Ein alter , müder , starrer Mann , grau wie eine Fledermaus , in einem langen Gewände wie gefaltete Flügel , dessen Kopf unsinnig , und wie zu arg geknickt , unkenntlich auf den Tisch hing . Ganz allmählich erkannte Einhart , daß es der alte Otten selber war . Der Schein des kleinen Lichtes traf seinen grauen Schädel . Auch die alte , strenge , magere Frau Otten saß im großen Lehnstuhle und schlief , das Gesangbuch auf ihren Knien in der Hand haltend , worüber ein Lichtstreif spielte . Das Bett neben dem Tische schien wie eine Bahre mit einem Totenlaken zugedeckt . Wie Einhart lange hingestarrt , erwachte Frau Otten , daß ihre Haubenbänder einen vertrackten Schatten an die Wand warfen . Und der alte Graumann regte sich auch . Die Beiden hielten stumme Totenwacht . Denn Henny hatte eben den langen Schlaf des Todes begonnen . Einhart sah jetzt auch deren Züge genau . Das Fenster war nahe . Das junge , entrückte Totengesicht hob sich langsam aus den weißen Tüchern heraus . Es schien zu lächeln . Einhart wußte es jetzt . Hennys Stimme hatte ihn zärtlich noch einmal gerufen . Er regte sich nicht . Er trat nicht hinein . Er stand nur ewig und ging dann wie ein Schlafwandler ohne Laut in die Nacht der Moore zurück , Schierling und Nesselstauden durchschreitend , dieselben , in denen Henny noch am Tage in Kissen gebettet gesessen . Die Nachtwelt begann in Unruhe aufzuschauern . Die Blumen und Bäume flüsterten . Einhart lief ins Unbestimmte Schritt um Schritt . Tausend Fragen tat er in die Sterne . Allenthalben däuchten wie zarte Gewande über den Heiden aufzusteigen . Er war tief in Rätsel verstrickt in dieser weiten , einzigen Nacht . Als Einhart am Morgen in sein Quartier kam , sah er aus wie ein Kind , so sanft berührt von den fernsten , geheimsten Weisen aus den Gründen , die ewiges Vergehen und ewiges Leben halten . 4 Das Leben auch dieses Sommers ging bald hin . Einzeln verfärbten sich die Blätter der schiefhängenden Birken an der langen , schnurgeraden Chaussee , die hinwies in die Ferne . Einhart hatte die Herbstabende oft einsam in den Weiden gestanden , neckisch umschnaubt von den Mäulern der Mutterstuten und Füllen und hatte in den sinkenden Sonnenglast hineingesehen . Oder er war an den tintenschwarzen Tiefen der Moorgewässer entlang gelaufen , darin Hütte und Strauchwerk und hoher Hängebaum sich düster fremd und kalt spiegeln , und über die Heidehügel hin , hatte den Schrei des Brachvogels über sich klagen hören in die Dämmerluft und war schließlich mit seinen Gesichten und Träumen dann auch selber ins Weite gezogen . In jedem Leben gibt es Zeiten , wo die Seele , überreich an Gehalt und Drängen , nicht recht rasten kann . Wo nicht das Erschauen neuer , fremder Dinge und Wunder hinaustreibt und forttreibt von Ort zu Ort . Nur die unbestimmte Sehnsucht , endlich die schöne Schale der Götter zu finden , sie mit der eigenen Seligkeit und dem Reichtum aus der eigenen Tiefe zu erfüllen . » Denn die Welt des Wurmes und meine Welt ist allenthalben dieselbe . Aber in meinen Augen blitzt diese Welt und glänzt im See Menschenliebe wieder , « sagte Einhart jetzt oft . So war seine Welt nicht die Welt , die draußen war , nur die drinnen jetzt umhütet mit ihm ging . Einhart war noch immer einsam , wie er gekommen war . Er verstand es gar nicht mehr , sich anzuschließen . Keiner der jungen , tüchtigen Maler , die er in der Heide gefunden , und mit denen er beim Mittagsmahle oder nach Feierabend manchmal noch in der kahlen Dorfschenke des Moordorfes zusammen gesessen , kam ihm recht nahe . Das war wohl hauptsächlich , weil ein jeder für sich genug erfüllt war , auf seine Weise die Welt der Beglückung aus Wolken und Lüften , Wasser und Weiden zu greifen . Aber man traute sich auch nicht . Zumal wenn Einhart seine undeutbare Doppeltheit mit sich trug , achtlos spitz und abwehrend im Gespräche seine Blicke funkeln ließ , die dunklen Schalksaugen drollig-einfältige Begleitung zu sonderlichen Worten und Weisheiten spielten , wenn er sich gar manchmal in den Mantel tiefsinniger Verrücktheit hüllte , wie ein indischer Heiliger ewig lächelnd dasaß , aus einem Punkte der Weltbetrachtung süßen Wahnes Netze spinnend . Da waren die um ihn unschlüssig , wie ihn erkennen . Keiner , der eines solchen Einsamen , eines solchen Schalkes und Gauklers Herz recht gefunden glaubte , weil auch die Flamme der unsteten Sucht nach tiefem Leben ewig dabei zuckte und die Flamme der harten Verachtung alles kleinen Getriebes nach Ehren . Da waren die um ihn doch noch immer im Vergleich angebunden an tausend engere Wünsche und Weisen , bauten ihr Haus und priesen Heimat und Scholle , verherrlichten den Frieden der Ackerdienste und Feierstunden , und ließen die weite Welt sich im kleinen Moorgraben spiegeln mit den moosigen Baumästen zusammen , und mit dem ziegenhütenden Weidekind . Einhart hatte auch diese Welt gesehen , die alle sahen um ihn , » auch der Wurm , « wie er sagte . Aber er träumte von keiner Heimat . - Er träumte nur von dem Wundersee seiner eigenen Ausschau , darin diese ganze Welt sich in Menschlichkeit spiegelt . Kein Mensch kann je seine Träume leibhaftig träumen , wie die Welt , die wir wachend um uns Welt nennen . Kein Mensch , außer in flüchtigen Augenblicken , wo der Spiegel der eigenen Seele rein liegt wie im Tode , daß die zarten Luftgespinste Traum ihn kristallrein durchhauchen und uns ein volles Wähnen geben von den verborgenen Gestalten unserer fernsten Sehnsucht . Nur einen Augenblick . Wenn die wahre Welt der Dinge uns weckt , zerrinnen die Träume , und nicht einmal ein Erinnern kann noch den Saum ihres Gewandes fassen . Das mag wohl eine tiefe Weisheit bedeuten in unserm Leben . Denn wenn je ein Mensch in sich den Himmel seiner fernsten Sehnsuchten wirklich dauernd wölben könnte vor seinen Augen , so würde ihm das Bild der wachen Welt verblassen . Da würde er eine Seele sein , deren irdisches Auge erblindete , um nie mehr aus ihrem Traumlande zurückzuschauen . Der Leib dieses Menschen müßte hinsiechen . Denn selbst die köstlichsten irdischen Speisen würden nichts sein , als Ekel gegen die süßen , duftigen Früchte , die er im Garten seiner Sehnsuchten brechen könnte . Solche Wahnsinne gibt es . Es gibt manchen Irren , dessen unheimlich entlegener Weg jenes Wunder erreichte . Dessen Auge im irren , entirdischten Lächeln voll Wehmut seine grauen Pfleger zur eigenen Beglückung bemeistern möchte . Manchen Irren , der selig für sich wandelt , und der nicht irdischen Trank noch Speise mehr nehmen mag . Wahn und Kraft kommt aus derselben Quelle , die alle Wunder birgt . Aus der Quelle , die im Grunde eine ewige Quelle ist . Ein Brunnen voller Schätze . Auch ein Meer , unermeßlich und unergründlich . Darin Schau und Wahnsinn eines sind . Daraus der Mut des Träumerlebens Schatz um Schatz aus der Tiefe hebt , um es im Gleichnis der Welt zu geben , selbstvergessen es vorweglebend im schauenden und schaffenden Ereignis , dem irdischen Bilde aller Erdenzwänge zum Trotze . » Mein ist es , « sagte dann Einhart , » mein einziges , potentatisches Leben , das was ich mit mir herumtrage , in welcher Heimat immer . Und wenn ich wirklich ein Wahnsinniger bin , es ist der göttliche Wahnsinn , der alles Feste und Starre zunichte macht , Hoffnungen gibt , Aussichten . Und ohne so etwas lohnt sich nichts . « Einhart war ein Sonderling . Er war auch hart . Er mochte mit niemand auch nur familiär sein . Er duzte sich mit keinem Menschen . Mit Grottfuß . Aber den sah er nicht mehr . Der wußte jetzt auch schon alles in voraus , was die Künste sollen . » Sollen ! Ha Ha Ha ! Sie sollen mir den Buckel kratzen ! « sagte Einhart lachend , wenn er an Grottfuß dachte . Und wenn er von den herrschenden Modepreisern gebrandmarkt wurde , das tat ihm nur wohl . Auch mit daheim waren die Beziehungen jetzt ganz kalt und förmlich . Er dachte mit Liebe zurück . Aber hin ging er fast nie . Einmal im letzten Winter war er doch daheim gewesen ! Gott ! man hatte sich auch gar nichts zu sagen ! Rein nichts . Als wenn man jetzt eine ganz fremde Sprache redete . Was gingen den alten Geheimrat diese Künste an ? Und überhaupt so das Erleben dieser Welt . Der würdige , steife Herr ging zum Skat in einen vornehmen Beamtenklub . Und gar die Mädchen ! Die waren verheiratet , hatten ihre Kinder und sagten : » lieber Einhart ! « Weil Einhart jetzt in sehr anständiger Kleidung gekommen war . Rosa fuhr ihm wohl einmal noch wie in alter Zeit über die graugelbe Wange und versuchte sich zurückzuerinnern . Sie küßte ihn auch in Aufwallung . Aber sonst war sie unerfahrenen Geistes und dem Erringen des Lebens zu sich , dem tätigen Gewinnen eines wirklichen Anteils Welt in sich , war sie fern wie eine Kuhmagd . Die fleischliche Enge gab Sinn und Ende . Nichts galt wirklich , als das wahrhaft Erdene des Augenblicks . Da war Einhart sich also daheim sehr schnell ein wenig lächerlich vorgekommen , und er war nach wenigen Tagen mit freundlicher Einfalt und Güte im Gesicht abgesegelt . Nun ging es am Sommerende aus dem Moordorfe auch einsam und unstet in die Kunststadt zurück . Und er fand sich in allerhand wehmütige Träume noch einmal ganz verstrickt , als goldene Birke um goldene Birke zurückwich in die silbernen Morgennebel , und er in dem rattelnden , schwarzverblichenen Omnibuskasten mit den plumpen Ackergäulen davor die schnurgerade Chaussee hintetterte . Unterdessen zwei runde Bauerweiber , die volle Packen auf Boden und Sitze des Wagens ausgebreitet , den Lärm der klirrenden Fenster und des Räderrollens zu überschreien suchten