abzulegen ; man beachtete mich also nicht , und das war mir eben recht . Ich ging dorthin , wo es zwei leere Tische gab , und setzte mich an einem derselben nieder . Eben als ich mit dem Essen begonnen hatte , traten vier Personen in den Saal , die sich dem neben mir stehenden Tische näherten , um an demselben Platz zu nehmen . Es waren zwei Herren und zwei Damen . Der eine der Herren war der Kapitän des Schiffes , welches uns gelandet hatte . Er trug Paradeuniform , wahrscheinlich wegen der Herrschaften , bei denen er sich befand . Diese waren jedenfalls Vater , Mutter und Tochter , der Erstere alt , doch militärisch gerade und stramm , sehr einfach gekleidet , aber jeder Zoll an ihm den vornehmen Mann verratend . Man kannte ihn im Hotel ; die Dienerschaft flog herbei und zeigte eine Ehrerbietung , die man nur hochgestellten Personen zu widmen pflegt . Der Kapitän trat zu mir heran , gab mir die Hand und flüsterte mir eilig zu : » Ist General - - ich hatte ihm geheime Papiere zu bringen - - persönlich - - lud mich ein , mit ihm zu speisen - - mußte also meinen Aufenthalt hier um einige Stunden verlängern . « Dann ging er wieder zum andern Tisch hinüber . Da er mich gegrüßt hatte , wurde mir auch von den andern Drei eine höfliche Verbeugung , ehe sie sich setzten . Dann unterhielten sie sich in jenem ungezwungenen aber gedämpften Tone , welcher die Worte zwar nicht hören , doch deutlich ahnen läßt . Nicht lange hierauf wurde die Tür von außen dröhnend aufgerissen , und wer kam mit überlauter Rücksichtslosigkeit hereingestürmt ? Die lieben Zivilisatoren und Gentlemen , welche also demselben Hotel die Ehre gegeben hatten , sich den Trägern der abendländischen Kultur öffnen zu dürfen . Sie hatten mehrere zusammengeschobene Tische für sich bestellt und stürzten sich nach ihren Plätzen , als ob sie es gar nicht erwarten könnten , ihren Tropenkoller auch an dieser Stelle auszulassen . Der von meinem Omar Gerettete war auch mit dabei . Er hieß Dilke und schien sich vollständig wieder erholt zu haben , denn er gab sich die größte Mühe , der Lebhafteste von ihnen zu sein , und forderte sie in übermütiger Weise auf , die » heutige , gloriose Schwimmpartie « auf seine Rechnung mit ihm zu feiern und zunächst mit einem ebenso gloriosen , steifen Grog zu beginnen . Als die Kellner das Getränk brachten , wurde es sofort hinuntergestürzt und in zweiter Auflage gleich nochmals bestellt . Dann ließ man verschiedene Rums , Arraks und Kognaks kommen , um » den Appitit zu stärken « , worauf man bei der erscheinenden Suppe zum schweren Weine überging . Das geschah Alles so laut , so unmanierlich , als ob die andern Gäste der Beachtung gar nicht würdig seien . Ich sah , daß man allgemein empört hierüber war . Die Elite des Occidentes schien dies aber gar nicht zu bemerken . Sie hatte nur Augen für sich , für ihre Flaschen und Gläser , bis der Blick Eines von ihnen so gütig war , über den Saal hinüber auf mich zu fallen und mich zu erkennen . Er teilte den Andern mit , wen er gesehen hatte . Da gab es zunächst ein kurzes , heimliches Flüstern , dann erfolgte das , was mir auf dem Schiffe gelungen war , zu verhüten - der Angriff gegen mich . Man fragte laut , ob es einem Deutschen erlaubt sei , hier in Penang mitten unter Gentlemen zu wohnen und zu speisen . Es sei Einer da , der nicht einmal die vorgeschriebene Toilette gemacht habe . Das müsse man als eine Beleidigung der öffentlichen Sitte , der ganzen , hier anwesenden Gesellschaft auffassen . Hierauf wagte man es sogar , von mir auf Deutschland überzugehen . Man sprach von meinem Vaterlande in Ausdrücken , welche mich zu dem Entschlusse brachten , jetzt zwar noch zu schweigen , nach Tisch aber diese Leute coram populo vorzunehmen . Doch sollte es hierzu nicht kommen , denn es trat ein Anderer für mich ein , der General . Er saß so , daß er sie alle genau beobachten konnte . Sein Gesicht hatte sich vor Zorn gerötet . Ich sah , daß er mit dem Kapitän von ihnen sprach . Dieser antwortete in langer zusammenhängender Rede . Wahrscheinlich erzählte er , wie sich diese Herren schon auf dem Schiffe betragen hatten und was es mit der » heutigen , gloriosen Schwimmpartie « eigentlich für eine Bewandtnis habe . Jetzt fingen sie sogar von meinem Araber an . Ich sei mit diesem Kerl so sehr verbrüdert , daß man gar nicht wisse , wen man als den Herrn und wen man als den Diener zu behandeln habe . Es sei aber eben Deutschlands einzige , und noch dazu nur eingebildete Größe , daß es mit jeder Rasse pokuliere , um ihr den Floh der Menschenwürde in das Ohr und den Ungehorsam gegen andere , höhere Nationen in den Kopf zu setzen . Ich hätte mich mit meinem ungezogenen Araber sogar der frech gewordenen Chinesen angenommen , und wenn man sich das nicht gefallen lassen wolle , so sei Germania sofort mit rohen Fäusten da , um mit Prügel darzulegen , was es auf andere , gebildete Art niemals beweisen könne . Die Mannschaften und Offiziere des Schiffes , also wohl auch der Kapitän , hatten von Omar erfahren , daß die sechs Gentlemen von uns die Treppe hinabgeworfen worden waren . Der General hatte es nun auch gehört . Er sagte so laut , daß ich es deutlich verstand : » Sie hatten noch viel Schlimmeres verdient , als diese gloriose Treppenpartie . Wenn sie nicht augenblicklich tun , was ich ihnen befehlen werde , stürzen sie dieses Mal noch tiefer ! « Er stand auf und ging zu ihnen hin , langsamen Schrittes , hoch aufgerichtet . Jedermann sah , daß diese vornehme , gebieterische Gestalt sehr wahrscheinlich mit einer Katastrophe nahte . Dennoch rief einer der Gentlemen spottend aus : » Wer kommt denn da ? Im armseligen Straßenrock ! Also auch ein Deutscher , der kein Geld zur weißen Frühstücksjacke hat ! Will mit uns reden , wie es scheint ! Steht auf ! Erhebt Euch von den Sitzen ! Achtung , dem Achtung gebührt ! « Sie sprangen alle empor und sahen dem General laut lachend entgegen . Dieser kam heran , blieb vor ihnen stehen , griff in die Tasche und sagte : » Hier meine Karte ! « Er warf sie auf den Tisch . Einer nahm sie weg , las sie und gab sie seinem Nachbar . Und wie sie nun von Hand zu Hand weiterging , so wurde die Szene eine ganz andere . Die Gesichter zeigten sehr deutlich den Schreck , der Jeden beim Lesen des Namens ergriff . Die erst ironische Achtung war plötzlich ernst , sehr ernst geworden . Da fuhr der General fort , indem er sich halb wendete und auf mich zeigte : » Ihr habt dort den deutschen Gentleman und sein Vaterland verhöhnt . Jetzt marschiert Ihr hin zu ihm und bittet um Verzeihung , alle , ohne Ausnahme ! Wer nicht gehorcht , den schicke ich mit dem nächsten Schiffe heim ! Wir brauchen allerdings Gentlemen , aber keine Renommisten ! Vorwärts - - marsch ! « Keiner wagte ein Wort der Entgegnung . Er hielt den Arm noch ausgestreckt , und sie setzten sich in Bewegung , um zu gehorchen . Da stand ich auf und sagte : » Ich danke Ihnen , General ! Die Beleidigten verzichten auf die Abbitte und erklären sich für befriedigt ! « Er nickte mir halb verwundert zu und antwortete : » Dann haben nicht Sie mir zu danken , sondern ich Ihnen im Namen dieser unvorsichtigen Leute . Gestatten Sie , daß Ihr Diener hieher zu Tisch geladen wird ? « » Ja , « sagte ich , indem ich mich wieder niedersetzte . Er drehte sich den Blamierten wieder zu und fragte : » Welcher von Euch heißt Dilke ? « » Ich , « antwortete der Betreffende . » Ihr schickt jetzt auf der Stelle nach Sejjid Omar , und wenn er kommt , so bittet Ihr ihn , mit Euch zu speisen ! Ihr behandelt ihn mit der Hochachtung und Dankbarkeit , die ihm als Sejjid und als Lebensretter gebührt ! Das ist mein Befehl , und ich bin gewohnt , daß man mir gehorche ! « Nach diesen Worten kehrte er an seinen Platz zurück . Als er sah , daß ich abermals aufstand , um mich anerkennend zu verbeugen , kam er bis zu mir heran , gab mir die Hand und sprach : » Bitte , keinen Dank ! Ich tat nur meine Schuldigkeit . Sie wissen , es gibt in jedem Volke derartige Bestandteile , mit denen ohne Kandare nicht auszukommen ist . « Er hatte das so laut gesagt , daß man es im ganzen , jetzt still gewordenem Saale hörte ; dann ging er nach seinem Platze . Man kann sich denken , mit welcher allgemeinen Spannung dem Erscheinen Omars entgegengesehen wurde . Er befand sich drüben in meiner Wohnung ; aber es dauerte doch einige Zeit , ehe er kam . Der Grund dieser Verzögerung lag darin , daß er sich von dem nach ihm geschickten Kellner hatte erzählen lassen , um was es sich eigentlich handle . Wie ich ihn kannte , war ich überzeugt , daß sich die Gentlemen nun auf eine zweite Niederlage gefaßt zu machen hatten . Er kannte in Punkto Ehre keinen Spaß ! Endlich stellte er sich ein , in seinem besten arabischen Gewande , mit dem seidenen Unterkleide , nicht den Tarbusch , sondern den Turban auf dem Kopfe . Dilke rief ihm zu : » Komm her zu uns , und setze dich ! Du sollst mit uns speisen . « Also keine höfliche Einladung , sondern viel eher ein Befehl ! Noch dazu per Du ! Da hatte er sich in Omar freilich verrechnet ! Dieser nahm seine würdevollste Haltung an , ging nur bis zur Hälfte zu ihm hin , blieb dann stehen und fragte englisch : » Was hast du gesagt ? Ich soll mit Euch speisen ? Ich soll ? Weißt du , ich bin Sejjid Omar , der niemals soll , sondern nur das tut , was er will ! « » Es ist aber befohlen worden ! « versuchte Dilke , sich aus der Verlegenheit zu reißen . » Befohlen ? Wem ? Jedenfalls nur Euch ! Denn Ihr tut das , was sich schickt und was sich gehört , nur auf Befehl . Ich aber tue es freiwillig und weil ich es liebe . Guten Menschen befiehlt selbst Allah nicht , sondern er bittet bloß . Mit solchen aber , die nicht gut sind , esse ich weder freiwillig und noch viel weniger gezwungen . Ich danke für deinen Befehl ! « Er drehte sich um und wollte wieder gehen . Da sprang der General auf und rief ihm zu : » Sejjid Omar , das haben Sie gut gesagt . Ich achte Sie ! Darum bitte ich Sie , hierher zu kommen und mit mir zu speisen . Meine Frau , die Generalin , wird Sie gern an ihrer Seite sehen . Wollen Sie ? « Da kreuzte Omar seine Arme auf der Brust , verbeugte sich und antwortete : » Mein Sihdi hat mich gelehrt , Old England lieb zu haben , und wen ich liebe , dem schlage ich keinen Wunsch ab , den ich erfüllen kann . « » So kommen Sie ! Den Leuten dort aber habe ich heut noch zu lehren , höflich zu sein , zumal wenn es sich um meine Befehle handelt ! « Die beiden Damen nahmen den Sejjid zwischen sich . Ihre lieben Gesichter glänzten vor Freude über den sonderbaren , aber ganz gewiß herzlich willkommenen Gast , der sich in so höflicher und fehlerloser Weise zu ihnen setzte und schon bei den ersten Griffen nach Messer und Gabel verriet , daß sie sich seiner sicherlich nicht zu schämen brauchten . Uebrigens muß ich sagen , daß Omar zwar am liebsten auf arabische Weise , also mit den zehn Fingern , aß ; aber seit er bei mir war , hatte er gelernt , auch mit dem Besteck in der Weise umzugehen , als ob er das von Jugend auf nicht anders gewohnt sei . Die tiefe , ernste Feierlichkeit , welche dann jede seiner Handbewegungen charakterisierte , war für jeden Andern einfach unerreichbar . So auch hier ! Er saß in einer Haltung zwischen den Herrschaften , als ob nicht sie ihn , sondern er sie zu Gaste geladen habe , und benahm sich zwar sehr freundlich , aber dabei so gesetzt und würdevoll , daß es ihnen gewiß nicht einfallen konnte , ihn als den Beschenkten zu betrachten . Dem unverdorbenen Orientalen ist jene ungekünstelte Unnahbarkeit eigen , welche auch sein Land , nicht aber der Occident besitzt . Nur ich allein , der ich ihn genau kannte , konnte bemerken , daß es doch Etwas gab , was ihn genierte , und das war meine Anwesenheit . Darum beeilte ich mich , mit meinem Menu zu Ende zu kommen , und stand dann auf , um den Saal zu verlassen . Da erhob man sich auch an dem andern Tische . Der Kapitän und der General gaben mir die Hände , und ich gestehe aufrichtig , daß ich gerührt war , als mir die beiden Damen dann auch die ihrigen reichten . Die Menschen sind allüberall gut , wenn sie sich damit begnügen , nichts weiter sein zu wollen als eben nur - - - gute Menschen ! - - - Drittes Kapitel Die » Shen « Dem mit dem Dampfer nach dem Osten kommenden Reisenden treten hier in Penang zum ersten Male chinesische Gestalten , Formen und Gebräuche in der Weise entgegen , daß sein Auge von ihnen gefesselt wird . Er findet das , was er sieht , so überaus fremdartig , seinem gewohnten Fühlen und Denken so fern liegend , daß er sich unwillkürlich fragt , ob es ihm möglich sein werde , unter diesen neuen Eindrücken der Alte zu bleiben . Und er hat ein Recht , einen schwerwiegenden Grund zu dieser Frage , weil allen diesen Erscheinungen eine Lebensfülle , eine strotzende Kraft , eine überzeugende Selbstverständlichkeit innewohnt , durch welche die Ansicht , daß es sich um altersschwache , kranke Zustände handle , schon in den ersten Stunden arg erschüttert wird . Freilich , wer ein so groß , dick und fett gepflegtes Vorurteil mit sich bringt , daß sein klares , unparteiisches Urteil von diesem gefräßigen Behemoth vollständig verschlungen worden ist , der wird hier , an der Außenpforte der chinesischen Welt , nichts als den oberflächlichen Eindruck verspüren , daß er jetzt den ersten Schritt in das Land der Bizarritäten getan habe . Von den ersten Kinderschuhen an hat man durch alle Klassen der Volks- und höheren und höchsten Schulen über die Chinesen nichts Anderes gehört , als daß sie wunderlich gewordene , verschrobene Menschen seien , über welche die Weltgeschichte schon längst den Fluch der Lächerlichkeit ausgesprochen habe . In unzähligen Büchern , Zeitungen und sonstigen Veröffentlichungen wird dieses billige Urteil breiter und immer breiter getreten ; man atmet es ein ; man schluckt es hinunter ; es wird mit in Chymus und Chylus verwandelt ; es geht auf die Knochen , in Fleisch und in Blut über und bildet ein so unausrottbares Bestandteil unserer geistigen Existenz , daß wir gar nicht auf den Gedanken kommen , zu fragen , ob es ein wahres und also berechtigtes sei . Ich erlaube mir , meinem Gedankengange durch die Bemerkung vorauszugreifen , daß es den Chinesen ganz in derselben Weise auch mit uns ergeht ; sie bekommen von den Kinderjahren an bis in das Greisenalter über uns nur immer die eine , einzige Lehre wiederholt , daß wir wunderliche Narren seien , mit denen die Weltgeschichte nichts mehr anzufangen wisse , weil wir an sie die unerhörte Forderung stellen , uns für ihre Lieblinge zu erklären und die anderen Nationen vollständig fallen zu lassen . Mit andern Worten , die Chinesen halten uns für ganz dieselben Toren , die sie in unsern Augen sind . Wer mit einer solchen , förmlich in das Wesen übergegangenen Ansicht nach dem Osten kommt , von dem ist nicht anzunehmen , daß er so bald andern Sinnes zu machen sei . Er kann sich jahrelang in China aufhalten und wird nicht nur ganz der Alte bleiben , sondern vielleicht gar noch schroffer als früher denken , wenn seine Voraussetzungen , daß er mit seinen Ideen das weite , fremde Land im Sturm erobern könne , nicht in Erfüllung gehen . Es gibt keiner von Beiden nach , und so bleiben Beide , wie sie sind . Nur Eins ist nicht geblieben : die Erbitterung ist größer geworden ! Das ist die einfache Erklärung der sonst unbegreiflichen Tatsache , daß Leute welche ein halbes , ja gar ein ganzes Menschenalter in China zugebracht haben und also wohl mit Recht behaupten , Land und Leute genau zu kennen , dieses Land und diese Leute genau noch ebenso falsch beurteilen wie Einer , der niemals dort gewesen ist . Ihre Kenntnis ist - - - Photographie ! Ihr ganzes , vielleicht außerordentlich reiches Wissen besteht aus leb- und seelenlosen Kamerabildern , welche in den aus Europa mitgebrachten Apparaten entstanden sind . Aus dem Vorurteile der kaukasischen Rasse werden die Films geschnitten , denen man die Unmöglichkeit zumutet , uns die chinesische Volksseele in allen , auch ihren tiefsten und geheimnisvollsten Regungen , treu , wahr und aufrichtig darzustellen . Ist es für den Menschen denn gar so schwer , dem Bruder auch eine berechtigte Eigenart , eine gleichwertige Individualität zuzutrauen ? Muß denn Jeder , der sich erlaubt , anders zu sein , darum gleich als inferior gedacht werden ? Man beobachte den Europäer , wie er aus hochmütigen Augen im fremden Lande um sich schaut ! Der Schiffsjunge , welcher jetzt wegen unheilbarer Dummheit vom Maate mit dem Tau verhauen wird , geht eine Viertelstunde später mit dem erhebenden Bewußtsein an das Land , daß alle Malaien und Chinesen Penangs nicht wert seien , ihm die ochsenledernen Stiefel zu schmieren , und zwar nur deshalb , weil er ein Kaukasier aus Dorf Klapperschnalle ist ! Ich hatte eine liebe , alte , gute Großmutter , die sagte mir , als ich bereit stand , in die Welt zu gehen : » Bilde dir ja nie ein , daß du besser seist als andere Leute ! Hinter jedem Menschen , mit dem du sprichst , steht sein Engel . Du kannst ihn nicht sehen ; aber er ist da ; er sieht alle deine Gedanken , und wenn sie mißwollend sind , so kränkst du ihn . Und bedenke , daß der Engel des Negers genau so licht , so rein und so dankbar wie der deine ist ! - - « Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten mich , als ich nach Tische einen Gang durch Penang machte . In den Straßen und Gassen stieß ein Laden an den andern . Viele hatten gar keine Tür , weil die Vorderwand des Hauses fehlte und es an ihrer Stelle nur Tragpfosten gab . Und vor diesen Läden zogen sich zu beiden Seiten lange Reihen von feilhaltenden Frucht- und andern Händlern hin . Ich sah weder Polizei noch Militär , und doch herrschte überall eine Ordnung , welche einen erfreulichen Eindruck machte . Von dem Völkerbilde sage ich nichts . Es gab dasselbe Kunterbunt der Nationalitäten wie in jeder östlichen Hafenstadt , nur daß hier Indochina vorherrschend war . Es war außerordentlich heiß . Plötzlich verdüsterte sich der Himmel ; es drohte einer jener plötzlich hereinbrechenden Platzregen , welche der Aequatorgegend eigen sind . Ich blieb stehen und schaute mich nach einem Orte um , der mir und meinem Anzuge Rettung bot . Ein Hotel war nicht in der Nähe . Das sah ein an mir vorübergehender Kuli . Er blieb stehen , deutete die Gasse hinab und sagte : » Sablah kirri , Pilsen Birr ! « Sablah kiri heißt so viel wie » links « . Also links in dieser Straße gab es Pilsener Bier . Der Mann hatte mich ganz richtig abgeschätzt . Ich drückte ihm vor Freude ein Trinkgeld in die Hand und eilte dann die Gasse hinab . Ja , da stand linker Hand ein europäisch aussehendes , nettes Haus , dessen Paterre eine Restauration enthielt . Die breite Tür hatte keine Flügel , sondern leinene Vorhänge , und das Fenster war bis oben hinauf mit Flaschen besetzt . Da konnte man auch , und zwar in deutscher Sprache , lesen : » Echt Hamburger Pilsener Bier « . Ich hatte keine Zeit , stundenlang über diese sonderbare Echtheit nachzudenken , denn soeben prasselte der Regen in der Weise los , als ob an Stelle des Himmels ein sehr weitmaschiges Sieb vorhanden sei . Ich tat einen schnellen Sprung zwischen die Vorhänge hinein und entging dadurch zwar vorn , leider aber nicht auch hinten dem drohenden Bade . Es traf , wie der biedere Erzgebirgler sich auszudrücken pflegt , der erste » Schwabb « des Regens meinen Rücken noch dergestalt , als ob mir eine Gießkanne voll Wasser nachgeschüttet worden sei . An der » Vorderhand « vollständig trocken , fühlte ich mich an der » Hinterhand « bis auf die Haut durchnäßt und wurde von dem herzlichen Lachen zweier weiblicher Stimmen empfangen , in welches ich sofort einstimmte . Die Beiden saßen am Fenster ; die Eine , welche die Mutter war , häkelte an einer weißen Spitze ; die Andere , natürlich die Tochter , putzte sich eine Feder auf den Hut . Ihre Gesichtszüge und besonders ihr Lachen paßten so genau in die Gegend , wo man gern so unbefangen lustig ist , daß ich , anstatt zu grüßen , die Frage aussprach : » Sie sind Oesterreicherinnen ? « » Ja , « antwortete die Mutter . » Kennen Sie uns ? « » Nein . « » Woher wissen Sie da , daß wir Oesterreicherinnen sind ? « » Weil Sie ausschauen wie Ihre Majestät die Kaiserin Maria Theresia und ein so liebes , cisleithanisches Lachen haben . « » Cis - - - cis - - cis - - ! Wie ist das ? Wer lacht cis ? « fragte die Tochter . » Lassen Sie das Cis , und geben Sie mir ein Pilsener ! Ist es echt ? « » Ja , aus Hamburg . Das aus Pilsen hält sich nicht bei uns . « Ich kannte das . Man trinkt dieses echte Pilsener aus Hamburg im ganzen Osten ; die Flasche wird mit zwei , oft auch mit drei Mark bezahlt . Die Frau war Witwe . Sie erzählte mir ihre Lebensgeschichte , die aber nicht hierher gehört . Beide waren sehr musikalisch . In der Stube stand eine Pianino . Bald saß ich am Instrumente und spielte . Die Damen sangen heimatliche Lieder dazu . Der Regen ging vorüber ; wir musizierten aber weiter . Plötzlich schwiegen sie mitten in einer Strophe . » Herr Tsi ! « rief die Mutter . Welch ein Name ! Ich schaute nach der Tür , welche in das Innere des Hauses führte . Es konnte jeder andere Chinese so heißen , aber er war es , war es wirklich ! Er tat , als er mich sah , einige schnelle , fast würdelose Schritte , beinahe waren es Sprünge , auf mich zu und begrüßte mich in einer Weise , welche nicht den geringsten Zweifel übrig ließ , daß er sich aufrichtig über dieses unvorhergesehene Zusammentreffen freute . Die Damen waren aufgestanden und setzten sich nicht wieder nieder . Es sprach aus der Art und Weise , wie sie uns stehend beobachteten , eine Hochachtung , welche Weiße , und besonders wenn sie Frauen sind , einem Angehörigen der gelben Rasse nicht zu erweisen pflegen . Als er einige kurze Worte an sie richtete , war er höflich , weiter nichts ; dann bat er mich , ihm zu folgen . Er führte mich aus dem Gastzimmer durch einen schmalen Hausgang in eine Art von Blumenholz , in welchem ein kleineres Gebäude als Einzelwohnung stand . Die zu ihr gehörigen kleineren Nebenräume sah ich nicht . Das Wohnzimmer war verhältnismäßig groß und halb europäisch , halb indisch eingerichtet . Auffällig waren die vielen Sessel , die es gab . Es sah ganz so aus , als ob Tsi sehr oft Besuch habe . Auf einem Tische stand das Teegeschirr . Wasser brodelte über einem so großen Spiritusbehälter , daß anzunehmen war , es werde den ganzen Tag im Kochen erhalten . Ich nahm Platz . Er bereitete zwei Tassen Tee und sagte dabei : » Hier wohne ich . Merken Sie auf , lieber Freund , was ich Ihnen sage ! Es ist nicht viel , aber für mich außerordentlich wichtig . Mein Vater ist in die Heimat gereist ; ich hatte noch an verschiedenen Orten , jetzt auch hier zu tun . Was das ist , bitte , fragen Sie mich nicht ! Ich darf es nicht sagen und möchte doch gerade Sie nicht täuschen . Ich gelte als Arzt , bin es eigentlich auch . Wenn Sie mich als solchen bezeichnen , laden Sie keine Unwahrheit auf Ihr Gewissen , denn ich habe in Montpellier cum laude bestanden . Ich habe viel Besuch zu empfangen und deshalb grad diese Wohnung gewählt , weil sie verborgen liegt und die zu mir kommenden Personen von etwaigen Beobachtern für Gäste der Restauration gehalten werden . Wer sich darüber hinaus zu legitimieren hätte , der könnte sagen , er hätte meine ärztliche Hilfe in Anspruch genommen . Ich lasse mich aus Nützlichkeitsrücksichten auch hier so nennen , wie man mich in Kairo mißverständlich genannt hat - - Tsi . Ich bin ganz glücklich , Sie wiederzusehen , und bitte Sie , es zu ermöglichen , daß wir uns nicht so bald wieder trennen . Aber heute und morgen habe ich keine Zeit für Sie . Von übermorgen an stehe ich Ihnen von und mit ganzem Herzen zur Verfügung . Sie sehen , ich bin aufrichtig . Wie ich Sie kenne , entnehmen Sie gerade aus dieser eigentlich rücksichtslosen Mitteilung , daß meine Freundschaft für Sie keine Höflichkeit sondern Wahrheit ist . Werden Sie mir verzeihen ? « » Aber ganz natürlich ! Leider werden wir uns doch bald trennen müssen . Morgen kommt der Dampfer Coen der Koninklijke Paketvaart Maatschappij , Kommandant Wilkens , der mein Freund ist , von Padang , um nach Singapore zu gehen . Wenn er zurückkommt , wird er mich für Uleh-leh aufnehmen . « » Sie wollen hinüber nach Sumatra ? « fragte er schnell . » Ja . « » Und gerade nach Uleh-leh , also Atjeh ? Nehmen Sie sich in acht ! Man bereitet dort Dinge vor , welche jedem Europäer , der den Kreis der Stadt verläßt , gefährlich werden können . Ich weiß das ganz genau ! Doch davon sprechen wir später . Jetzt trinken Sie Ihren Tee und sagen mir , wie es Ihnen gegangen ist und wo Sie nach Kairo überall gewesen sind ! « » Wollen wir nicht auch das für später aufheben ? Sie haben keine Zeit , und meine Erlebnisse sind nicht in der Absicht geschehen , Sie hier mit Erzählungen zu stören . Ich komme ja übermorgen wieder , oder suchen Sie mich im East and Oriental Hotel auf , wo ich mit Sejjid Omar wohne . « » Was ? Dieser ist noch bei Ihnen ? « » Ja . Er hat sich brav bewährt und wird sich außerordentlich freuen , Sie zu sehen . Er hielt ja schon in Kairo große Stücke auf Sie und Ihren Vater , wie Sie ja wissen . Jetzt gehe ich , doch nicht , ohne daß ich eine Frage nach unserm Freunde Waller ausgesprochen habe . Wissen Sie , daß er die Absicht hatte , jetzt hier in Penang zu sein ? « » Nein , « antwortete er schnell und indem sein Gesicht den Ausdruck freudiger Ueberraschung annahm . » Ist er etwa hier ? « » Ich weiß es nicht . In meinem Hotel befindet er sich nicht , sonst hätte ich ihn heut an der Tafel gesehen . « » Dann vielleicht in einem andern . Man muß schleunigst nachfragen ! « Er sagte das außerordentlich eilig und dringend . » Allerdings , « antwortete ich . » Ich werde mich gleich jetzt im Crag Hotel , Sea View Hotel und Hotel de l ' Europe erkundigen . « » Und mir sofort , sofort Auskunft bringen oder wenigstens senden ? « » Gern ! « » Wollte Miß Mary mitkommen ? « » Ja . « » Wissen Sie das genau ? « » Ganz genau . Sie wird ihn ja auf dieser Reise nie verlassen . Sie sind in Indien gewesen und kommen von der Ostküste herüber nach Penang . « » Bitte , wer hat Ihnen das gesagt ? « Der liebe , junge Mann war ganz begeistert . Ich erwiderte ihm : » Gestatten Sie mir , daß ich einstweilen auch ein Geheimnis vor Ihnen habe ! Was Sie wissen wollen , erfuhr ich auf eine Weise , von welcher ich jetzt noch nicht sprechen kann . Erweisen Sie mir den Gefallen , zu schweigen , falls wir Vater und Tochter hier treffen sollten . Sie dürfen nicht erfahren , daß ich von ihrer Absicht ,