, die sie zum Aufhören bringt , so geschah es auch hier . Denn nachdem das Mädchen wieder eine neue Stellung erhalten hatte , schien es äußerlich , als sei zwischen beiden alles wie vorher , da sie doch beide mit Mühe und Verdruß ein drückendes Joch trugen , und Karl war oft heftig und ungerecht gegen sie , und sie schwieg voller Sanftmut . Da bat sie ihn , es war gerade am Jahrestag ihrer ersten Begegnung , daß sie wollten wieder an jenen Ort hinausfahren , wo sie sich kennen gelernt . Sie kamen an , und es schien äußerlich alles unverändert , denn wie im vorigen Jahre war der große und niedrige Raum vollgedrängt mit Menschen , und spielte auf der Erhöhung die geringe Kapelle , und es war fast , als schlage der Lärm der Gespräche , des Klapperns , des Gehens und Kommens , des Tanzens und der Musik im gleichen Zeitmaß an ihr Ohr , nur saßen sie jetzt allein und ohne die Freunde . Aber da wurde ihnen klar , wie sie selbst sich verändert hatten , denn sie wurden von Widerwillen und heftiger Langeweile befallen , und wo im vorigen Jahr ihnen die Hoffnung einen weiten Raum gezeigt hatte hinter diesen tanzenden Paaren , da war es jetzt , als sei das alles hier nicht räumlich , sondern geschehe in einer Fläche , und sie hätten fliehen mögen , weil das Gewühl ihnen nahe kam . Mit einem erzwungenen Lächeln führte Karl sie zum Tanze , aber ihre Hände lagen schlaff ineinander , und sie beide dachten an den ersten plötzlichen Händedruck , den sie sich damals beim Tanz gegeben , der sie beide elektrisch durchzuckt hatte . Während diesem überlegte sie sich eine Absicht , führte ihn aus dem Saal in den winterlichen Garten und sprach zu ihm : » Ich sehe ein , daß es für uns beide am besten ist , wenn wir nun auseinandergehen . Wohl haben unsre Eltern recht gehabt , daß sie uns warnten vor der Leichtfertigkeit und sagten , gleich gesellt sich zu gleich . Ich habe geglaubt wie viele heute , das Leben sei leichter geworden , und die Alten seien altfränkisch , und unter den Menschen herrsche mehr Gleichheit wie früher . Aber jetzt verspüre ich , daß ich einem falschen Scheine gefolgt bin , denn in Wahrheit ist das Leben schwerer geworden , weil ein jeder allein steht in der Welt und keinen Menschen hat , noch Meinung , an die er sich halten kann ; und in Wahrheit ist eine tiefere Ungleichheit unter die Menschen gekommen , wie sie früher war ; denn als du versuchtest , wie du es nanntest , mich zu bilden , da verspürte ich eine tiefe Kluft , die nicht überbrückt werden kann ; und wenn ich redlich sprechen soll , so muß ich sagen , ich weiß nicht , welches mehr wert ist , deine Bildung oder das , was ich für mich habe und auch behalten will . Und vielleicht ist das der einzige Unterschied gegen früher , daß ich als ein Dienstbote solche Gesinnungen habe und ausspreche . Aber wir wollen nicht in Haß und Erbitterung voneinandergehen , denn wir haben doch einmal gedacht , wir gehören zusammen , und ich wenigstens bin durch dich ein andrer Mensch geworden . Und wie ich dir schon sonst sagte , will ich das Kind für mich behalten und will mich seiner auch allein freuen , du aber sollst keine Furcht haben durch uns beide . Und denke auch nicht , daß ich ein trauriges Leben haben werde ; denn ich will suchen , daß ich einen guten und tüchtigen Mann bekomme , der für mich paßt , und will heiraten und ein rechtschaffenes Leben führen . « Nach diesen Worten geschah nur noch Unbedeutendes ; und so trennten sich am Ende die beiden , nachdem einer den andern sonderbar beeinflußt hatte und dessen Leben in eine neue Bahn geleitet . Bei Karl kam es in den folgenden Wochen , daß eine dichterische Begabung , die sich bis dahin nicht hatte zu äußern vermögen , einen ihr angemessenen Ausdruck fand . Freilich war seine Dichtung nicht ein Kind der Kraft und Gesundheit und ein freiwilliges Überfließen , sondern wie bei so vielen Menschen unsrer heutigen Zeit war sie ein Kind der Schwäche , die hier dem Seelenunkundigen durch scheinbar scharfe Wiedergabe der Natur gerade als Stärke zu erscheinen vermochte . Zu jener Zeit kam aus dem Auslande der Einfluß gleichgestimmter Seelen , und weil der leere Nachton früherer Kunst , der bei uns damals vornehmlich zu hören war , die Ohren und Geister nicht gegen die fremden Klänge einzunehmen vermochte , so geschah es , daß gerade die Dürftigen und Schwächlichen zu einer besonderen Entfaltung kamen und ein seltsames Gaukelspiel vortäuschen konnten . Karls Geschick wollte , daß er mit in diese Bewegung geriet . Aber weil er ein schwacher Mensch war , so hatte er nicht die Liebe zu den Dingen und Menschen , die ein Dichter haben muß , der die Welt in sich aufnimmt in Heiterkeit und Ruhe und sie vergoldet durch seine Freude , Hoffnung und Willen zum Guten und dann wieder aus sich heraus stellt in einen Rahmen , damit die Menschen das Bild anschauen mögen und glücklicher und besser werden , sondern er beobachtete das einzelne und zerfaserte es und wollte aus den untersuchten Stücken des Leichnams wieder lebendige Körper schaffen , und zerfaserte sich selbst in Hochmut und Selbstverachtung und wollte neue seelische Wahrheiten bilden aus diesen Quellen der Eitelkeit . Und dieses alles bedeutete für die Geschichte seines Wesens einen weiteren Schritt in die Auflösung . Wie aber eine Frucht , die sich aus der Blüte entwickelt hat zum Fruchtansatz und allmählich gereift ist zum rotbackigen Apfel und dann vom Baum gepflückt wird und aufgehoben im dunkeln Raum , wie solcher Frucht alles weitere Geschehen als eine weitere Entwicklung erscheinen muß , nicht nur , daß sie noch reift auf dem Stroh und schmackhafter wird , sondern auch , daß sie endlich vom Kernhause aus zu faulen beginnt und die Fäulnis sich immer mehr ausdehnt , bis der ganze Apfel verfault ist und der Schimmel ihn bedeckt , so muß auch solchem Menschen seine Auflösung als eine Weiterentwicklung erscheinen , und er mag sich sogar als einen Erstling preisen der künftigen Zeiten , wo eine neue Art Menschen leben wird , die ihm gleich sind , da er doch nur ein fauler Apfel ist und nicht mehr wert , als daß ihn die Hausfrau ausliest und wirft ihn auf den Mist . Es ist schon früher berichtet , daß die Gräfin viele Jahre lang bettlägerig gewesen ist . Welche Krankheit sie haben mochte , das konnten die Ärzte nicht bestimmt sagen , denn es wechselten die Schmerzen und die Stellen des Leidens und alle Anzeichen , und nur das war immer das gleiche , daß sie nicht ihr Bett verlassen konnte . Sie war eine harte Frau und hatte einen unruhigen Verstand , der zu allen Dingen schweifte , und seit ihrer Krankheit vornehmlich aber zu den verschiedenen Angelegenheiten des Haushaltes . Diesen wollte sie beständig von ihrem Lager aus leiten , und die Dienstboten mußten ihr alles genau berichten und erklären , und indem sie in ihrer Einsamkeit nach diesen Antworten und Erzählungen sich ein vollständiges Bild von allem machte , befahl sie ihnen genau alles bis in das geringste , was getan werden sollte . Aber da die Dienstboten sich sehr häufig nicht an ihre Befehle kehrten und nach ihrem Belieben wirtschafteten und ihr dann später trügerischerweise Falsches berichteten , bildete sie sich doch eine unrichtige Vorstellung von allem , was vorhanden war und was geschah . Dann kam es , daß die Leute ihre früheren Lügen vergaßen und nach dem wirklichen Stande erzählten , auch sonst sich Widersprüche herausstellten zwischen ihrem Bilde , das sie sich gemacht , und den wirklichen Zuständen . Hierüber geriet sie immer in großen Zorn , schalt viel und klagte dann das Geschehene ihrem Mann , der sich hierdurch noch mehr von ihr entfremdete , als ohnedies durch ihre Krankheit geschah . Wie sie das verspürte , machte sie ihm Vorwürfe und trieb sich und ihn immer weiter in den Unfrieden hinein . Die beiden Söhne , die mit alten und in der Familie erblichen Namen Bolko und Ivo genannt wurden , hatten sich inzwischen in der bereits früher geschilderten Art entwickelt und waren von Hause fortgekommen als Offiziere . Die ganze Zeit über verlangten sie von ihrem Vater immer sehr viel Geld , der zwar für sich selbst leichtfertig und unbedacht war , für seiner Söhne zielloses Leben aber doch einen klaren Blick hatte ; auf seine Ermahnungen freilich hörten sie nicht , sondern hielten ihm keck sein eignes Beispiel vor ; und indem er Furcht hatte , über seine Verhältnisse selbst klar zu werden , vermochte er ihnen auf diesen Einwurf nicht eindringlich zu antworten , denn sie lebten in der Meinung , daß das elterliche Vermögen viel größer sei , als es in der Tat war . So war er dahin gelangt , daß er schon Geld auf Wechsel genommen hatte , und war in die Hände der Wucherer geraten ; nun befiel ihn zuzeiten eine heftige Angst und sinnlose Reue ; und während solche Stimmungen früher von selbst wieder verschwunden waren durch die Wirkungen seines leichten Gemütes , kostete es ihn jetzt Anstrengung , sich von ihnen frei zu halten . Die Frau durfte von allen diesen Sorgen nichts erfahren , und wenn sie in ihrer Unwissenheit oft Verfügungen traf , die ihm in seinem Mangel schwierig wurden , so mußte er allerhand Ausflüchte ersinnen , Lügen erzählen und lange Geschichten vorbringen und zuweilen sich gekränkt stellen oder Vergeßlichkeit heucheln . Die Tochter , die allein zu Hause geblieben war , stand ohne eine rechte Bedeutung an der Seite , denn sie merkte wohl , daß der Vater Geheimnisse hatte , und aus Scheu und Mitleid wurde dadurch ihr Benehmen fremd gegen ihn , was er nach seinem bösen Gewissen ausdeutete , als wisse sie vieles und zürne ihm ; und die Mutter hielt sie von den Angelegenheiten des Hauses entfernt aus Eifersucht , weil sie selbst die Leitung behalten wollte , und auch aus geheimer Furcht , daß ihre Unzulänglichkeit aufgedeckt werde . So brachte die junge Dame ein freudloses Leben hin in Sehnsucht nach einer Tätigkeit und Wirkung . Indem die Dinge so lagen , kam plötzlich der älteste Sohn Bolko unvorbereitet zu einem kurzen Besuch : der Vater erschrak , als er das Telegramm erhielt , und wie des Sohnes sporenklirrender Schritt auf dem Gange hörbar wurde , stockte ihm das Blut . Er führte ihn zur Mutter , die den Ältesten immer besonders geliebt hatte , indem sie von seinem wahren Leben gar nichts wußte , sondern ihn immer nur kannte , wie er als ein hübscher und schlanker Mensch mit offenem Gesicht ehrerbietig in ihrem dämmerigen Krankenzimmer stand . Sie freute sich mit einem glücklichen Gesicht , wie er ihr die Hand küßte , und mit großer Zärtlichkeit streichelte sie seine blonden Haare . Dann ließ sie sich von ihm erzählen , und er mußte Bälle beschreiben und Schlittenfahrten , und auch von seinen Pferden sprach er . So hörte sie immer mit glücklichem Lächeln zu , und als sie selbst einmal einiges sprach , suchte sie seinen Gedanken eine leise Richtung zu geben , denn sie hatte eine Heirat für ihn im Sinn und hätte gern gewußt , welches seine Meinung sei ; und in dieser kurzen Zeit erschien ihr plötzlich ihr eignes Leben gar nicht so unglücklich wie sonst , und ihres Sohnes künftiges Leben war ihr heiter und sonnig . Er lachte aber über ihre Anspielungen und machte Scherze , so daß sie ein wenig gekränkt wurde ; aber nur ein wenig , sie verzog den Mund , wie sie als junges Mädchen getan , und ganz schnell wurde sie wieder zufrieden und heiter ; seit sehr langer Zeit war sie nicht in solcher Verfassung gewesen . Nach einer Weile stand er auf , um das Zimmer zu verlassen ; groß und stattlich war er vor ihr , und sie blickte in ein ungetrübtes und lachendes Gesicht . Da überkam sie eine besondere Zärtlichkeit und gab ihm einen Wink , daß er sich über sie beugen mußte , und sie selbst hob ihren Kopf und drückte ihm einen Kuß auf die Stirn ; dabei überflog Röte ihr ganzes Gesicht , und ihre Augen glänzten . Wie er zum Vater zurückkehrte , fand er den in einer Ecke seines großen Lehnstuhls , da sah er ganz verfallen und grau aus ; schweigend wies er dem Sohn einen Platz an . Die Furcht vor dem Gespräch lastete auf beiden , und um die Stille zu brechen , sagte der junge Mann endlich gleichgültige Sätze über die Ernte . Der Vater nickte nur , denn ihm verschloß die Angst den Mund noch fester wie dem Sohne , zuletzt aber fragte er doch nach dem Grund des Besuches , unvermittelt . Da schwieg der junge Offizier zuerst lange , und endlich erzählte er , daß er Abschied von den Eltern nehmen wolle , weil er am andern Tage einen Zweikampf habe , in dem er fallen werde . Nichts weiter sagte er , aber der Vater merkte , daß sein Sohn sich schämen mußte über die Ursache , und daß alles unabwendbar war , und saß da mit entsetztem Ausdruck und offenem Munde , und den Sohn überkam ein Ekel vor dem gedunsenen und schlaffen Schlemmergesicht ; deshalb fügte er in härterer Sprache hinzu , daß er seine Schulden und andre Verpflichtungen aufgeschrieben habe und ihm das Verzeichnis geben wolle , damit der Vater später alles begleiche . Da war es , als sei dem Alten das Wichtigste gar nicht klar geworden , und nur das Geringere berührte ihn , und fing an , mit heftigen Worten auf den Sohn zu schelten , daß der Schulden gemacht habe , und in seiner Verstörtheit gebrauchte er ganz gemeine Ausdrücke . Hierdurch geriet der Junge in eine feindliche Erregung und sprang ungestüm von seinem Stuhl auf und erwiderte die Vorwürfe und sagte dem Vater , daß er keine Eltern gehabt habe , und auch sein Bruder habe keine Eltern gehabt und auch seine Schwester nicht ; niemand habe sich um sie gekümmert wie bezahlte Leute , denn den Eltern waren sie zur Last , weil die andre Dinge vorhatten ; nur wurden sie zuweilen der Mutter vorgeführt in geputzten Kleidern und mit einstudierten Reden ; nie haben die Eltern ein Herz gehabt für die Kinder , deshalb seien die nie mit einer Bitte zu ihnen gekommen ; ein einziges Mal habe er erlebt , daß die Schwester gebeten , sie möchte gern Kaninchen haben , da sei ihr von der Mutter geantwortet , daß kein Raum vorhanden sei . Viele Vorwürfe habe er sich selbst schon gemacht über sein verkehrtes Leben , das nun jetzt in jungen Jahren zu Ende sei , und er wisse wohl , daß er selbst schuld habe , denn trotz allem hätte er ein andrer Mensch werden können ; aber außer ihm selbst seien die Verursacher seines Unterganges sein Vater und seine Mutter . Und nicht lange könne es dauern , dann werde sein Bruder Ivo nach Hause kommen in derselben Weise wie jetzt er . Damit warf er das Verzeichnis der Schulden auf den Tisch und sagte , sein Erbteil müsse hinreichend groß sein , daß diese Summen nur eine Kleinigkeit dagegen ausmachten , und dann ging er aus der Tür ; erleichterten Herzens , denn er war ein schwacher und schlechter Mensch und war nun beruhigt in seinem Gewissen , weil er sein Unrecht einem andern aufgeladen hatte . Wie nun die Nachricht kam von dem Tode des jungen Herrn , da ereignete sich das Sonderbare , daß die alte Gräfin plötzlich von ihrem Lager aufstand , auf dem sie fünfzehn Jahre lang verharrt , und war , als sei sie nie krank gewesen . Sie ließ sich die Kleider kommen , die sie damals zuletzt getragen , als sie sich gelegt , und wählte sich ein dunkelfarbiges Gewand aus ; es schien aber , als sei sie größer geworden , und ihre Figur hatte sich verschmälert , so daß das Kleid in sonderbarer Weise auf ihr hing , und indem es gleichzeitig unmodern geworden war und für einen jugendlicheren Menschen gearbeitet , machte sie einen seltsam unheimlichen Eindruck in ihrem Aufzug . Mit Leichtigkeit stieg sie die Treppen und besuchte alle Räume und Winkel und betrachtete Vorräte und Einrichtungen und fand alles ganz anders , wie sie es sich auf ihrem Lager gedacht , und geriet in heftige Erregung über die Dienstboten ; und so schalt sie im Hause herum und zankte mit Bosheit , während die Leiche des Erstgeborenen gebracht wurde und der alte Herr verstört in seinem verschlossenen und verriegelten Zimmer saß . Nach dem Herkommen wurde der Tote in einem großen Saal aufgebahrt , der mit Tannengrün geschmückt war ; in dem Saal hatten seit vielen hundert Jahren die Toten des Geschlechtes gelegen , von Lichten auf alten Leuchtern ihre wachsfarbenen Gesichter beschienen . Die Leute aus der Gegend und die Bedienten und die Arbeiter von den Gütern kamen , die Leiche anzusehen ; sie kamen mit ihren Frauen und den schüchternen Kindern und hatten ihre Sonntagskleider angezogen . Da sahen sie die Gräfin in wunderlicher Kleidung , die über die Leiche des Sohnes ausgestreckt lag und schluchzte , daß ihre Gestalt erschüttert wurde . Viele Stunden lag sie so , und wie sie sich erhob , begann sie wieder ihr mißtöniges Schelten mit den erschreckten Leuten und eilte aufgeregt durch alle Räume , Kommodenschubladen aufziehend , in denen sie vor fünfzehn Jahren alte Flicken aufgehoben , in Schränken wühlend und nach längst vertragenen Kleidern forschend , das Porzellan und Glas betrachtend , das die Wirtschafterin mit zitternden Händen auf den großen Ausziehtisch stellen mußte , und das Silber nachzählend , das sie selber putzen wollte . Der alte Herr hatte mit schweren Sinnen gerechnet und gezählt ; zum ersten Male kam ihm jetzt eine Art Klarheit seiner Lage , und er fühlte sich gänzlich hilflos . Mit schweren Schritten ging er die Treppe hinab , und gebeugt bestieg er den Wagen , um nach dem Orte zu reisen , wo sein Sohn gestanden . Hier suchte er den Wucherer auf in seinem Hause , das erst neu gebaut war , denn der Mann war ein Bauunternehmer ; eine marmorne Treppe erstieg er , die mit einem teuren Teppich belegt war , und kam in ein prunkvolles Gemach ; es war ihm , als verlasse ihn alles Selbstbewußtsein , das immer natürlich gewesen war , wie er dem stiernackigen Menschen gegenüberstand , der seine gewöhnliche und gemeine Art mit Kaltblütigkeit hinter einer eignen Höflichkeit verbarg , welche der Graf in den Kreisen , welche er sonst gekannt , noch nie getroffen hatte ; vielleicht war der Mensch erst vor kurzem aus dem Zuchthause entlassen , und trotzdem wußte er sich so zu haben , daß der adelige Mann verwirrt wurde vor ihm . Vergeblich versuchte der in einer vornehmen und nachlässigen Manier zu sprechen , er mußte abbrechen und nach einer andern Weise suchen ; am Ende legte er dem andern mit Schüchternheit seine Verhältnisse offen dar , als sei der gegen ihn ein alter und würdiger Herr , dem er vertrauen müsse , und der ihn ermahnen und tadeln , aber auch unterstützen werde . In diesen Minuten , als ihm der künstlich erhaltene Stolz vor der Kraft eines ehrlosen Menschen zusammenbrach , begann in dem Grafen eine Verstörtheit , die ihn am Ende kindisch machte . Der andre , der seinen Vorteil bald bemerkte , wußte ihn zu den Absichten zu bestimmen , die er selbst sich gesetzt , und so wurden die Schulden derart geordnet , daß der Graf ihm kaum je wieder aus den Händen kommen konnte . Ivo , der zweite Sohn , wurde zu der Beerdigung erwartet ; er verspätete sich aber in auffälliger Weise und kam erst , als die Träger den zugeschraubten Sarg eben auf die Achseln nehmen wollten . Nachdem die Feierlichkeit beendet war , saßen die vier Familienmitglieder in trüben Gedanken beisammen . Am Ende begann der Sohn mit einem Scheine , als handle es sich nur um Unbedeutendes , daß er den Vater auf andre Gedanken bringen wolle , und habe er in der letzten Zeit Unglück im Spiel gehabt , und brauche er bis zum übernächsten Tage eine bestimmte Geldsumme , die ihm der Vater gewiß geben werde ; absichtlich brachte er die Bitte in Gegenwart der beiden Frauen vor , weil er dachte , daß für das erste sein Anliegen dadurch geringfügiger erscheinen müsse . In dem alten Herrn wurden durch diese Worte längst vergessene Erinnerungen lebendig , und deren Drang übertäubte in seinem geschwächten Geist das Verständnis dessen , was er gehört . So begann er von seiner Jugend zu erzählen , und wie man damals anspruchsloser gelebt habe , denn nur an Königs Geburtstag habe man Wein getrunken , und sonst Kofent , und er selbst habe einmal seinem Vater kleine Schulden beichten müssen , da habe ihn der übel aufgenommen und ihm vorgerechnet , was er selbst arbeite und verbrauche , und habe ihm dann Hausarrest gegeben vier Wochen lang . Heute aber sei die Jugend leichtfertig , und das Eindringen der reichen Bürgerlichen in die Armee habe die Zeiten vornehmer Einfachheit verdrängt . Ivo saß da in großer Besorgnis , denn in Wahrheit hatte er große Schulden und wußte nicht , wie er seines Vaters Reden auffassen sollte . Und wie der Vater geendet hatte , begann die Mutter , schalt auf die heutigen Zeiten , in denen es keine treuen und sorgsamen Dienstboten mehr gäbe , und erzählte weitläufig von ihrer Leinenaussteuer , wieviel Dutzend sie von jeder Sache gehabt , und wie das alles auseinandergerissen sei , so daß sie nichts Vollständiges mehr vorfinde , und das Wenige , das noch in den Schränken liege , sei übel gewaschen . Dabei war , als seien die fünfzehn Jahre ihres Krankenlagers gar nicht gewesen , und sie verwechselte die Zeiten , denn indem sie von einigen Leuten sprach , dachte sie an deren Eltern , die in den Jahren , welche sie im Sinn hatte , so aussahen wie die jetzt . Dem Ivo wurde es unheimlich durch seine eigne Angst und durch das wirre Sprechen der Eltern , und er blickte hilfesuchend auf seine Schwester ; die aber hatte ihren eignen Gedanken nachgehangen und seine Bitte überhört , weil sie im Ton nicht auffällig gewesen war , und da sie den Verfall der Eltern allmählich hatte vor sich gehen sehen , so waren ihr auch diese Reden nicht auffällig gewesen . So saß sie da im schwarzen und geschlossenen Kleid , die Hände im Schoße liegend und ins Leere blickend ; sie bedachte aber , wie sie es erreichen könne , daß sie diesem Leben entfliehe , denn bis zur Unerträglichkeit hatte sich der Überdruß in ihr gesteigert . Aber wie der junge Offizier sich derart ganz allein zwischen diesen drei Menschen fühlte und seine Sorge ihm mit Schwere auf das Herz fiel , stieg es ihm heiß in die Augen , und zwei Tränen rannen ihm über die Backen und in die Winkel des zuckenden Mundes . Hierdurch wurde die Schwester aufmerksam , und indem ihr nun seine früheren Worte in klares Bewußtsein traten , fragte sie erschreckt , ob seine Schuldenlast vielleicht sehr hoch sei ; er aber war so bekümmert , daß er nicht zu reden vermochte , und so nickte er nur mit dem Kopfe . Dann , während sich inzwischen unter den Eltern ein Streit entspann um ein silbernes Salzfaß , das die Mutter vermißte , klagte er mit abgerissenen Worten der Schwester , daß es ihm an Mut fehle , um seinem Leben ein Ende zu machen , denn das sei ja doch der einzige Ausweg . Als er das sagte , schrie sie laut auf und verhüllte ihr Gesicht ; der Vater wendete sich langsam zu ihr und fragte sie nach der Ursache ihres Schreiens , und indem er an den Wortwechsel über das Salzfaß dachte und in seinen trüben Gedanken meinte , daß es sich bei diesem um etwas Wichtiges handle , das auch seine Tochter schwer betrübe , suchte er mit der alten Gewohnheit liebenswürdiger Gesinnung sie zu trösten , indem er sagte , daß dieses Salzfaß sich schon noch wiederfinden werde , und sie als ein Kind brauche sich nicht solche Sorgen zu machen wie die Erwachsenen . Bei diesen Reden wurde dem jungen Ivo der Zustand seiner Eltern endlich ganz klar , und er verspürte mit Erschrecken , daß er zu seinen eignen verworrenen Verhältnissen nun auch noch das Bedenken der Familienangelegenheiten auf sich nehmen müsse , und nur geringer Trost war es ihm , daß er jetzt die Möglichkeit in der Hand habe , seine Lage in die Richte zu bringen , denn es ahnte ihm wohl , wie arg alles verwickelt war . Indessen besprach er sich nun mit der Schwester , was zu tun sei , und beruhigten die beiden die Eltern und brachten die mit Schonung dahin , daß sie ungestört von ihnen blieben und sich mit Ruhe beraten konnten . Die ganze Nacht brannte in dem Arbeitszimmer des alten Grafen eine schlechte Lampe ohne Glocke , die sie sich aus der Küche hatten heraufbringen lassen ; bei ihrem Schein lasen sie Aufzeichnungen , Ausgabenberechnungen , Einnahmenverzeichnisse und allerhand Aufstellungen über die Vermögensverhältnisse , und als letztes fiel ihnen das Blatt Bolkos in die Hand und die Urkunden über die Unterhandlungen mit dem Wucherer . Es war den Ungeübten nicht möglich , ein klares Bild aus dem Wirrwarr zu gewinnen , in dem sich der alte Herr selbst ja schon seit langen Jahren nicht mehr zurechtgefunden hatte ; aber eine recht deutliche Vorstellung von ihrer Lage gewannen sie doch vornehmlich aus einem Schreiben , in welchem der frühere Vermögensverwalter um seine Entlassung bat , der eine andre Stellung angenommen hatte . Indessen drängte die Zeit , denn Ivos Hauptschuld war fällig , und er hatte seine Ehre verpfändet , und so ersparte die Notwendigkeit eines schnellen Entschlusses ihnen die Verzweiflung , die sie überfallen hätte , wenn sie sich länger hätten bedenken können , und es blieb kein weiterer Ausweg , als daß sich Ivo an den Wucherer seines Vaters wendete , da dieser die Verhältnisse am besten kannte und deshalb am leichtesten geneigt sein mußte zur Aushilfe . Was dann weiter geschehen sollte , insbesondere mit dem Vater , und wie Ivo die Ordnung und Verwaltung der Geschäfte in die Hand nehmen würde , das mußte man nachher bedenken . Eine kurze Zeit war noch bis zur Abfahrt des Wagens für den Zug , den Ivo benutzen mußte . Er trat zu seiner Schwester , und sein Gesicht , das gestern noch leichtfertige und leere Züge aufgewiesen hatte , erschien gealtert und männlicher geworden ; und indem er ihre Hand erfaßte , sprach er zu ihr in einem neuen und tiefen Ton , den sie bis dahin nicht von ihm gehört . » Liebe Schwester , wir sind die letzten von einem alten Geschlecht , zu dem viele Menschen durch Jahrhunderte aufgesehen haben . Nun gehe ich einen schweren Weg , denn ich weiß nicht , ob ich bekommen werde , was ich suche ; bekomme ich es aber nicht , so muß ich sterben , denn wenigstens liegt mir das ob , zu achten , daß unser Name nicht in Unehren erlischt . Du bleibst dann allein zurück , aber ich habe um dich keine Sorgen , denn du wirst schon eine Stelle für dich finden in der Welt ; das sehe ich jetzt mit ruhigen Augen , denn seit mir offenkundig geworden ist , vor welcher Entscheidung und Ernsthaftigkeit ich stehe , habe ich plötzlich einen neuen Blick bekommen , Leben und Menschen zu betrachten , über die ich vorher gar nicht nachgedacht . Ich weiß , daß mein Bruder meinte , unseres verfehlten Lebens Ursache seien unsre Eltern , und ich selbst habe wohl dieser Meinung beigepflichtet in Stunden , wo das Gewissen mich mahnen wollte ; aber dabei wußte ich doch immer im Herzen , daß ich nur eine schlechte Ausflucht meiner Angst suchte , und im Innern wußte ich mit großer Furcht , meines verfehlten Lebens Ursache sei ich selbst , denn ich gab mich hin an schlechte Menschen und war gedankenlos und überlegte nicht meiner Schritte Folgen , und alles , was ich tat , verstrickte mich immer mehr in das Netz , dessen Maschen mich nun so eng umschnüren ; und schon daraus , daß ich bisher immer mehr gefesselt wurde , würde ich annehmen , wie auf die Stimme eines Dämons hörend , daß mein Suchen vergeblich sein wird und meines Lebens Ende unabwendbar nahe ist . Nicht wenig aber hat die heimliche Gewissensangst selber zu meiner Verstrickung beigetragen , denn sie selbst machte blind , und gleicherweise das Streben , ihr zu entgehen , indem ich sie mir leugnete , machte blind . Nun aber , in dieser Nacht der Verzweiflung , habe ich ein neues Licht gesehen , und ich weiß nun , daß niemand eine Schuld hat , nicht meine Eltern und nicht ich , sondern wir sind getrieben durch eine Macht zu dem Ende , das sie gewollt hat , und ich glaube , daß ihr Wille gut und nützlich ist . Denn wenn die Macht den Willen hat , daß einer ins Licht kommen soll und sein Geschlecht in die Höhe führen , so ist der pflichtlos und heiter , sorgt nicht und ringt nicht , und ohne sein Zutun wächst er , wie der