und dehnte sich : » Siehst du , das ist mir auch ein wunder Punkt - der allerwundeste . - Fortwährend haben sie mich in München darauf angeredet , daß ich schlecht aussähe - und ich fühl ' es ja auch selbst , daß mir irgend etwas fehlt , schon seit langem . Fast das ganze Jahr hindurch war ich immer wieder krank . Aber ich will einfach nicht krank sein - womöglich noch ein inneres Leiden , - das ist mir von jeher ein schrecklicher Begriff gewesen . - Laß uns um Gottes willen nicht mehr davon sprechen . « Bald nach diesem Gespräch fuhren sie zusammen in die Stadt . Henryk hatte jetzt eine andere Wohnung . Als Ellen die Treppe hinaufstieg , kam ihr alles so fremd und öde vor . Aber sie wollte ihn wiedersehen , vielleicht nur dies eine Mal noch - nicht etwas von ihrer einstigen Leidenschaft wiederfinden , die hatte sie längst ins Grab gelegt und sie sollte nie wieder erwachen . Nur ihm noch einmal in die Augen sehen und ihm sagen , daß sie nicht unterlegen und zerbrochen war . Er machte selbst die Tür auf , als sie läutete . » Ellen . « Sie war selbst verwundert , daß dies Wiedersehen sie völlig ruhig ließ . Er wollte sie umarmen , aber sie wich ihm aus . » Du bist ganz fremd geworden , Ellen . « » Ja , das bin ich wohl auch . « Dann saß sie auf dem Sofa und ließ ihre Blicke umhergehen ; es sah nicht mehr so armselig bei ihm aus wie früher . Henryk stand immer noch vor ihr : » Warum bist du dann wiedergekommen ? « » Um zu malen , nicht zu dir . « Beide schwiegen eine Zeitlang , sie suchte etwas von ihm wiederzufinden , von dem alten Zauber , der einstmals von ihm ausgegangen war , - ging im Atelier herum und sah seine Bilder an , es war immer noch dieselbe wilde , unfertige Malerei wie damals . Dabei antwortete sie halb mechanisch auf seine Fragen . In der Ecke stand eine größere Leinwand - eine schwarzhaarige Frau mit dem Kind an der Brust , einem ganz kleinen Kind , das beinah formlos aussah , wie kaum zum Leben erwacht - Ellen erkannte das Gesicht . » Ist das nicht die Anna , die uns damals Modell stand ? « Dann drehte sie sich plötzlich um und sah ihn an . Henryk war sichtlich verlegen und verwirrt . » Ich dachte , das würden dir die andern längst erzählt haben . « » Ist es dein Kind ? « Ihre Blicke begegneten sich . Ellen war langsam blaß geworden . In den wenigen Sekunden war alles wieder in ihr aufgewacht - die ganze Zeit , wo sie hilflos herumging mit seinem Kind unter dem Herzen , nicht wußte , wo sie es bergen sollte und sich selbst - die Heimreise - ihre Hochzeit - all die Todesangst , das Grauen , als es ihr wieder genommen wurde . Und ihre Schuld war ihr etwas Großes und Heiliges gewesen , das sie aufrecht erhielt . Jetzt lag plötzlich alles in einem ganz anderen Licht da - warum hatte sie sich so wehrlos dahintreiben lassen von diesem Mann , der ihr Kind nicht wollte , und der ihr jetzt so fremd und armselig vorkam - warum war sie ihm zuliebe über sich selbst hinweggegangen ? - Ihr Kind nicht gewollt , es kam ihr vor , als sei es seine Schuld und sein Wille gewesen , daß es niemals gelebt hatte . » Was hast du mit mir gemacht , Henryk ? « sagte sie endlich . » Wie meinst du das , Ellen , glaubst du , es wäre besser gewesen , du säßest jetzt im Elend wie das Mädchen da ? « » Tausendmal besser - denn du hast mich Komödie spielen lassen mit meinem Leben und mich glauben gemacht , es wäre ein großes Trauerspiel . Du konntest so schön reden . « » Reut es dich jetzt , daß du das damals für mich getan hast ? - Ich hätte es mir ja denken können . « » Nein , aber ich finde es jetzt beinahe lächerlich . « Ellen hatte ein Papiermesser vom Tisch genommen und bog es zwischen den Fingern hin und her , bis es plötzlich durchbrach . Dann sah sie auf , ihm in die Augen , und warf ihm das Messer vor die Füße : » Siehst du , das ist auch Theater , aber ich habe es von dir gelernt - so hast du es damals mit meinem Leben gemacht . - Komm , gib mir die Hand , wir können ja das übliche Ende machen und als Freunde scheiden , und dann gehe ich mir einen andern suchen - ich weiß , wo er zu finden ist . « Reinhard - ihr stilles heimatliches Glück bei ihm - und auch all das bange vergangene Leid - , das lag irgendwo in weiter Ferne , wo ihre Gedanken nicht hinkamen , - um sie her wogte nur ein taumelnder Rausch , der alles übertäubte , und das Leben leuchtete ihr wieder in ungebrochener Jugend , als ob sie nie von seinen Tiefen gewußt hätte . Der weite , matterleuchtete Raum , die gelbverschleierte Lampe und das dunkel schimmernde Kupfer - das alles hatte sie schon einmal gesehen in einer fernen Zeit , bei durchwachter Morgenfrühe . Und er hüllte sie wieder wie damals in einen langen , raschelnden Seidenmantel , während sie ihn aus halbgeschlossenen Augen ansah . » Du kamst mir immer vor wie ein Kind « , hörte sie seine Stimme ganz leise sagen , » ich hätte es kaum gewagt , dich nur anzurühren , und nun kommst du zu mir wie im Märchen und bist wie ein wirkliches Weib - « Dann war sie wieder draußen in den Bergen , wo es jetzt immer mehr Sommer wurde . Ellen hatte ein stilles einsames Unterkommen gefunden in einem abgelegenen Bauernhaus auf der Höhe , und ihre Freundin wohnte noch fast eine Stunde höher in der Almhütte . Vom frühen Morgen an kletterten sie in den Bergen umher , badeten , wenn es heiß war , unter den Wasserfällen , die hier und da von einer Felswand heruntersprühten , schliefen stundenlang im Freien , abends kehrte jede in ihre Bergklause zurück , und dann kamen die langen Sommernächte , die Ellen fürchtete wie den Tod - oben in der stummen Einsamkeit , wo manchmal rings am Himmel die Gewitter dröhnten oder der Wind an den Fenstern rüttelte . Da lag sie in quälender Schlaflosigkeit und dachte an Reinhard - sie ertrug es kaum mehr , seine Briefe zu lesen , die sie heim mahnten zu ihm - nun kam er bald und wußte nicht , daß sie sein Glück in Scherben zerschlagen hatte . - Und noch ein anderes , worüber sie sich bei Tage gewaltsam hinwegzutäuschen , es immer wieder zurückzudrängen suchte , das trat in der Nacht wie ein drohendes Gespenst vor sie hin : - das Bewußtsein , daß eine hinterlistige schleichende Krankheit langsam und unerbittlich ihre Kräfte zernagte . - Aber sie wehrte sich immer von neuem dagegen , wollte nichts davon wissen , nur leben , leben . Und dann wieder kam ein Brief von ihm - von Johnny - meist nur wenige Zeilen , ein kurzer , lockender Ruf . Der Anblick seiner Schrift allein trieb ihr das Blut zu heißen Wogen , und es litt sie nicht mehr in der sommergrünen Stille da droben . Beim dämmernden Morgen lief sie den Berg hinunter bis zu der kleinen Station . Dann stand sie plötzlich vor ihm in seinem Atelier und nächtelang lauschten sie nur der Stimme ihrer Sinne , die unaufhaltsam zusammenfluteten , das Leben jauchzte in ihr , bis es wieder in den einsamen Nächten da draußen aufschluchzte . Im Juli kam Reinhard , und sie machten zusammen eine weite Fußwanderung nach Tirol hinein . Die Sommersonne leuchtete , und jeder Tag war eine lange strahlende Zeit . Ellen schien keine Ermüdung zu kennen , und so lachend heiter hatte er sie selbst in der alten Zeit nie gesehen , sie schien jeden Sonnenstrahl in sich aufzunehmen . Nur von Zukunftsplänen sprach sie nicht mehr , vom Malen , von ihrer Gesundheit , ging alledem förmlich aus dem Wege . Es war nur ein Gedanke in ihr : diese wenigen Wochen noch mitsammen glücklich sein , - dann mußte alles zerbrechen . Und alles Glück , alles Frohe und Schöne , alle tiefste und letzte Freude , was andere während eines ganzen Lebens bedächtig in sich nehmen , Zug auf Zug , das sollte er jetzt auf einmal leeren und mit ihr . Sie hielt ihm den Becher an die Lippen und er trank und trank . Und wenn der Becher leer war , wollte sie ihm sagen : » Jetzt ist es vorbei ! « Aber bis dieser Augenblick kam , sollte nichts die langen Sommertage trüben . Hier und da blieben sie länger an einem Ort , der sie besonders anzog , und in diesen Ruhetagen kam es oft zu langen Gesprächen wie früher daheim , wenn Reinhard an seinem Schreibtisch saß und Ellen in der halbdunklen Ecke auf dem Diwan lag . Dann schien es ihm manchmal , als ob ihre Frohheit sich auf Augenblicke verdunkelte , und es durchfuhr ihn plötzlich : sollte nicht irgendeine geheime Angst hinter alledem stecken ? Vielleicht fürchtete sie , wieder krank zu werden wie im letzten Winter , nicht arbeiten zu können - - Und Ellen konnte dann so seltsam sein und seltsame Sachen reden , fast wie im Fieber . » Wenn nun mit einemmal alles vorbei wäre , Reinhard - könntest du das ertragen ? « » Ertragen - ich weiß nicht . Aber was sollte denn vorbei sein ? Solange wir uns haben , gehört uns das Leben , das hab ' ich noch nie so gefühlt wie jetzt , und du auch , glaube ich . « » Ja - aber wir wissen doch nie , was kommen kann . - Sieh mal , es gibt doch so etwas wie Schicksal , was die Menschen voneinanderreißen kann - gerade so , wie es uns beide zusammengeworfen hat . Wie kann man das wissen ? - wenn nun einer von uns sich in jemand anderen verliebte . - Ob du es zum Beispiel begreifen würdest , wenn ich einmal etwas ganz Wahnsinniges täte - von dir ginge . « » Warum sprichst du so sonderbar , Kind ? Willst du mir etwa fortlaufen ? Wenn du es tätest , müßte es doch einen Grund haben , und wenn deine Liebe aufhörte , würde ich dich niemals halten wollen . « » Nein , so meinte ich es nicht - ich glaube , das , was zwischen uns beiden ist - wie ich dich liebe - gerade dich , das kann nie zu Ende sein , wenigstens könnte das nie einem anderen Menschen gehören . Aber anderes könnte vielleicht kommen - ich weiß doch nicht , ob du mich ganz kennst . - Man fühlt doch manchmal Tiefen in sich , wo nie jemand anders hineinschauen kann , etwas Wildes , das vielleicht immer schlafen bleibt , aber es könnte auch einmal herauswollen und dazu treiben , alles , was schön und gut ist , zu zerstören - daß wir gerade das Unglück wollen - einfach müssen . Und würdest du das verstehen - bei mir ? Wenn ich dir sagte , du mußt mich freilassen , weil ich in mein Unglück hineinrennen will ? « » Ellen , es ist mir beinah unheimlich , wenn du so redest - was soll das ? Es sind Phantasien , kranke Gedanken ! Ich glaube , gerade du bist so zum Glück geschaffen wie wenige , und um glücklich zu machen . Das kannst du nur selbst nicht fühlen - damals wolltest du es auch nicht glauben , und sind wir dann nicht doch glücklich gewesen , so ganz selten glücklich ? « » Ja , aber vielleicht könnte ich es auch einmal wollen , unglücklicher zu sein , wie alle andern . « Sie sah ihn lange an , dann warf sie sich in seine Arme und atmete förmlich auf - es war ja noch Zeit , noch mußte es nicht sein . » Ach , jetzt wollen wir nicht mehr von solchen Sachen reden , Reinhard . « Noch eine letzte große Fußtour wollten sie machen und dann , ehe Reinhards Urlaub zu Ende ging , auf ein paar Tage zu seiner Mutter , die auch im Gebirge war . Ellen fing an die Stunden und Tage zu zählen - noch siebenmal Morgen und Abend - bei jedem Schritt ging es jetzt neben ihr her - noch einen Tag , noch einen - noch war er jeden Morgen da , wenn sie aufwachte , und dann wanderten sie zusammen in die sonnenglühende Bergwelt hinein , übernachteten wieder in einem andern stillen Dorf . Noch vier Tage - - . Eines Nachmittags stiegen sie über einen Paß . Ellen machte einen ungeschickten Tritt und glitt ein paar Stufen hinunter - die Berge schwammen um sie her , drehten sich , sie fühlte einen heftigen , inneren Schmerz , dann sank sie in die Knie , und ihr wurde schwarz vor den Augen . Reinhard war gleich neben ihr und half ihr auf : » Was hast du denn , Ellen ? « » Ich weiß nicht « , sagte sie , » aber ich glaube , ich kann nicht weiter gehen . « Dann versuchte sie ein paar Schritte . » Nein , es geht schon wieder . « Sie ruhten eine Weile aus und gingen dann weiter , durch Täler im Sonnenuntergang , auf Höhen hinauf und wieder hinunter . Ellen ging hinter Reinhard her , um ihn nicht sehen zu lassen , wie schwer es ihr wurde . Der Schmerz von vorhin kam immer wieder , nur im Kopf war ihr so seltsam leicht und klar - das andere war nur noch wie eine fremde , brennende Masse , die ihr folgen mußte , weil sie es wollte . Es lag eine Art Wollust darin , sich so Herr über seinen Körper zu fühlen . Sie wollte jetzt nicht krank werden , nicht zusammenbrechen - nur jetzt nicht - , dazu war später noch Zeit . Spät abends , als es lange dunkel war , fanden sie endlich ein Nachtquartier in einem entlegenen Dorf . Ellen lag die ganze Nacht wach und hörte auf seine Atemzüge . Ihr schien , als ob bei dem langen Stilliegen alle Kraft sie verließe . Wenn sie nun nicht wieder aufstehen konnte ? Wenn sie hier liegen bleiben mußte in dem niedrigen , moderigen Zimmer , - es nahm ihr den Atem , daran zu denken . » Können wir nicht fahren ? « fragte sie am Morgen . » Es geht von hier aus keine Post , aber wir könnten ein paar Tage bleiben und uns ausruhen . Du sollst dich nicht überanstrengen , fühlst du dich krank ? Vier Stunden müßten wir noch gehen bis zur Bahn und dann nach Bozen fahren . « Er ging hinunter , um den Kaffee zu bestellen , und als er wiederkam , war Ellen schon bereit . » Nein , wir wollen doch lieber gehen . « Abends waren sie in Bozen und standen zusammen auf dem Balkon , der nach dem Hotelgarten hinausging . Unten lag ein großes Beet mit Monatsrosen . Reinhard und Ellen sahen hinaus in die Dämmerung und sprachen , plötzlich fuhren sie beide unwillkürlich zusammen . Von der Seite , aus dem Gebüsch her , kam ein hinkender , verwachsener Mensch mit seltsam spitzigem Kopf - wie ein Gnom sah er aus - der sich scheu nach allen Seiten umblickte , dann rasch den Beeten zuschlüpfte und ein paar Blumen abriß . Dann war er wieder im Gebüsch verschwunden . Reinhard und Ellen sahen sich an . » Bist du erschrocken ? « » Was war das ? « sagte sie . » Das war kein wirklicher Mensch , und was wollte er ? - Er hat uns so angesehen . « Reinhard lachte , um sie zu beruhigen , aber er hatte ebenso wie sie einen unerklärlichen Schauder gefühlt . » Kannst du wieder nicht schlafen , Ellen ? « » Nein - wenn du nicht müde bist , komm noch etwas her und sprich mit mir . « Er kam und setzte sich auf ihr Bett : » Wenn sich doch etwas gegen diese Schlaflosigkeit tun ließe - was ist nur mit dir , Ellen ? « » Ja , es ist schon manchmal arg - , aber ich möchte doch nicht wieder mit den Schlafmitteln anfangen wie letzten Winter . - Und man denkt so viel dumme Sachen , wenn man immer so daliegt . « » Woran dachtest du denn jetzt ? « » Ach , daß ich doch vielleicht krank bin , daran denke ich oft . - Und dann geht mir gerade heute eine Geschichte im Kopf herum , die mir die Dalwendt erzählte , als wir zusammen auf dem Land waren - wir haben viel darüber gesprochen und ich möchte eigentlich wissen , wie du darüber denken würdest . « » Was für eine Geschichte ? - Dann erzähl ' sie mir doch . « Ellen lag im Dunkeln , er konnte ihr Gesicht nicht sehen , und sie erzählte ihm ihre Geschichte . Ihr ganzes Fühlen war in einer übermenschlichen Spannung - bei jedem Wort fürchtete sie laut aufzuschreien , aber ihre Stimme klang ganz ruhig und monoton . Reinhard hörte nachdenklich zu : » Liebte er sie denn nicht ? - Ich meine der , von dem sie das Kind hatte ? « » Gott - er war wohl ein Mensch , der überhaupt nicht lieben konnte , viel zu zerspalten und zu zerfahren . Und sie sah einen großen Künstler in ihm , einen Menschen , wie er ihr nie wieder begegnen würde , der ihr unendlich viel gab . Vor allem dachte sie daran , daß er frei bleiben müßte , und dann wohl auch an das Kind - - aber das ist noch nicht alles . Den Mann , den sie heiratete , kannte sie eigentlich kaum - das ist wohl meistens so . - Wir haben uns doch auch erst nachher kennengelernt . - Als sie seine Frau wurde , war er ihr beinah gleichgültig und fremd , aber dann fing sie an , ihn zu lieben - anders wie den anderen - , vielleicht nicht so leidenschaftlich , aber viel tiefer . Sie war glücklich mit ihm , und er war sehr glücklich . - Das Kind kam nicht zum Leben - , ihr Mann war in der Zeit gerade verreist , und niemand erfuhr davon . - Zuletzt vergaß sie es selbst beinah , und es kam ihr vor , als ob alles nicht wahr gewesen wäre . « Ellen meinte , er müßte ihr Herz klopfen hören , es schlug langsam und schwer . - Die Art wie sie erzählte , hatte für Reinhard etwas seltsam Erregendes . Ihm wurde immer beklommener zumut , vielleicht ging es wie eine ferne Ahnung durch seine Seele , von der er selbst nicht wußte . » Dann sah sie den anderen wieder - zufällig - und da hatte er ein Kind mit irgendeinem Mädel - und nun fiel mit einemmal alles in sich zusammen , ihr war , als ob selbst ihre Schuld entwertet sei , die ihr immer wie eine Art Heiligtum vorgekommen war . Und auch was sie sonst in ihm gesehen hatte , war fort , alles Illusion , die in nichts zerrann . Wenigstens in dem Augenblick kam es ihr so vor - vielleicht war es auch ungerecht - , aber es tat ihr so entsetzlich weh , daß er ihr Kind nicht gewollt und nun ein anderes hatte . Und dann fing sie ein neues Verhältnis an , das ihr gerade in den Weg kam . Und als sie das getan hatte , fühlte sie plötzlich , daß sie nun ihrem Mann alles sagen und sich von ihm trennen müßte . « Bis tief in die Nacht sprachen sie noch darüber , es schien Ellen , als ob sie nie in ihrem Leben so hätte reden können - bis in die kleinste Einzelheit hinein zwang sie ihn förmlich mitzufühlen , was jene Frau durchlebt hatte . Er sollte alles verstehen , begreifen , daß es unentrinnbare Gewalten gab , die einen Menschen treiben konnten , so zu handeln und dabei doch so viel zu lieben . Und sie dachte nicht daran , daß die Erkenntnis , sie selbst sei es gewesen , alles Verstehen wieder hinwegschwemmen würde wie einen Strohhalm . Eine törichte Hoffnung dämmerte in ihr auf , daß vielleicht ein Wunder geschehen möchte , das unerhörte Wunder , daß einer , der liebt , dem anderen folgen könnte bis in seine dunkelsten weggewendeten Tiefen , und daß er ihr bleiben könnte , welche Wege sie auch ging . Dann brach der letzte Tag an - die Sommerwärme lag glühend zwischen den Bergen - , Reinhard und Ellen gingen vormittags einen flimmernden , staubigen Weg , an dem roter Mohn blühte und kleine , wie aus Stein geschnittene grüne Eidechsen spielten . - Sie konnte ihn jetzt nicht länger darüber täuschen , daß sie leidend war , jeder Schritt wurde ihr schwer , und ihre Hände brannten . » Es braucht ja nichts Schlimmes zu sein « , sagte sie , » aber es ist doch vielleicht besser , wenn du jetzt allein zu deiner Mutter gehst , für die zwei Tage , und ich nach München fahre , um einen Arzt zu fragen . « So wußten sie nun beide , daß es für lange Zeit das letzte Alleinsein war . Lange saßen sie auf den weißen Steinen , die in der Sonne schimmerten . » Aber war es nicht schön ? « sagte Ellen . » Alle die Wochen jetzt - wie ein ganzes langes Leben voll Sommer . Sag mir , daß du noch nie so glücklich gewesen bist , Reinhard . « » Noch nie « , sagte er , so von innen heraus , daß es ihr ins Herz schnitt . Namenlos traurig sah sie ihn an , und er fühlte plötzlich , daß ihr bange war zum Vergehen . Und dieser Blick kam noch ein paarmal wieder , während die Sommerstunden verrannen und Ellen wie im Fieber von Glück und Leben sprach . Und jedesmal fragte Reinhard wieder : » Was ist dir ? - Sag mir doch , was dir ist . « Als sie abends wieder auf dem Balkon standen , war es beklemmend schwül , und schwere Gewitterwolken hingen am Himmel . » Da ist er wieder ! « , und Ellen faßte unwillkürlich nach seiner Hand . Derselbe unheimliche Bucklige kam aus dem Gebüsch , sah sich nach allen Seiten um und zu ihnen hinauf , riß Blumen ab und verschwand . Dann waren sie ins Zimmer zurückgegangen und saßen auf dem Sofa , die Tür stand offen und in der Ferne donnerte es . Ihre Zeit war um . » Reinhard , nun ist unser Sommer zu Ende - morgen geh ' ich fort von dir . « » Ja « , sagte er traurig , » aber vielleicht bleibt uns noch ein Tag , wenn du in München gewesen bist . Eigentlich wäre es mir lieber , selbst mitzufahren . « » Nein , es bleibt uns kein Tag - ich gehe fort für immer . « Ellen fühlte plötzlich , daß sie sich verwirrte , und wiederholte es noch ein paarmal , bis sie sein Gesicht dicht vor sich sah und seine Stimme hörte , die fast wie ein Schrei klang : » Was heißt das ? Bist du wahnsinnig geworden ? « » Nein - , Reinhard - , aber es war meine eigene Geschichte , die ich dir gestern erzählte . « Am nächsten Morgen war Ellen allein in der Bahn , bei glühender Sommerhitze und überfüllten Kupees . Wie sie dahin gekommen war , wußte sie selber kaum , nur daß sie einen endlosen Tag immer weiterfuhr und fremde Menschen wie in weiter Traumferne sprechen hörte . Sie fühlte nichts wie einen schweren Druck im Kopf und folternde Schmerzen , die bis zum Hals hinaufstiegen , wie glühende Nadelstiche . Dann und wann hielt der Zug , und sie schrak aus dem Halbbewußtsein empor , sah ein Stück Tageswirklichkeit vorübergleiten , und verwirrte Gedanken wollten durch die Betäubung brechen . Dunkle Bilder der vergangenen Nacht zogen an ihr vorbei - schwere Donner rollten draußen im Finstern , durch die Glastür flammten Blitze und drinnen taumelten zwei Menschen durch Abgründe von Qual . - Reinhard stand vor ihr , schüttelte sie : » Besinn ' dich doch , sag ' mir , daß alles Wahnsinn ist . « Waren sie nicht beide wahnsinnig geworden ? Saßen sich mit irren Blicken gegenüber und redeten zerrüttete , unmenschliche Dinge ? Und eine spukhafte , verzerrte Wirklichkeit um sie her ? Sie hörte seine Stimme , die nur noch wie dumpfes Stöhnen klang , und ihre eigene in gebrochener Klanglosigkeit : » Nein , es ist wahr , Reinhard , es ist wahr , es ist alles wahr . « Dann wieder lag sie im Lehnstuhl , er drüben auf dem Bett in betäubtem Schlaf - die Nacht war vorbei , und der Morgen brach durch die Scheiben - : ein blutiger , zerstörter Morgen . Sie versuchte sich aufzurichten , zu atmen - ihr Körper war wie in glühendes Eisen eingeschnürt . Wieder hielt der Zug , Menschen kamen und gingen , für einen Augenblick zerrissen die tanzenden Gewebe vor ihren Augen - gegenüber war ein Platz frei geworden und Ellen versuchte , die Füße hinaufzulegen . » Es geht nicht « , sagte sie ganz laut , und immer wieder schlug ihr Kopf gegen etwas an . » Sind Sie krank ? « sagte eine fremde Stimme . Sie sah sich um , da saßen zwei junge Mädchen und ein Mann - große , weiße Strohhüte flatterten wie Vögel . Jemand schob ihr ein Kissen unter den Kopf . Ellen schlief und wachte auf , schlief wieder ein , das Kissen verschob sich und wurde zurechtgerückt . Einmal fiel es ganz hinunter , sie schlug die Augen auf und fragte : » Ist es schon Abend - gibt es denn kein Wasser ? « Dabei fühlte sie , wie ihre Zähne aufeinanderschlugen . Dann gab man ihr etwas zu trinken , aber es war nur Feuer , was sie hinunterschluckte . » Sie haben ja Fieber « , sagte wieder die Stimme , oder waren es viele Stimmen , und eine Hand legte sich um ihre . Ellen fühlte , wie ihre Adern gegen die fremden , kühlen Finger hämmerten . Endlich stand der Zug still - in München . Über dem Menschengewühl in der Halle strich kühle Nachtluft . Ellen wußte jetzt plötzlich wieder , wo sie war - , daß jede Bewegung ihr weh tat und der brennende Durst ihr die Sprache raubte . Ein fremder Herr sorgte für ihre Sachen und brachte sie die wenigen Schritte bis zum Hotel . » Ich danke Ihnen « , sagte sie und fühlte , daß ihr Tränen übers Gesicht liefen . Irgendwie kam sie dann die vielen Treppen hinauf in ein Zimmer und lag im Bett . Wieder war es Nacht , und sie wußte nicht , ob sie schlief oder wachte . Immer wieder kam derselbe Traum - , als ob sie von einer schwindelnden Höhe hinunterstürzte , ihre Glieder zerrissen und zerschellten , wollten sich wieder zusammenfügen und rieben sich gegeneinander wie mit lauter schmerzenden Stacheln . Dabei lag sie auf einer wogenden Masse , die sich hob und senkte - , im Kreise drehte . Das hörte nicht auf , begann immer wieder von neuem , bis alles in Fieberdelirien untersank . Der Sommer ging zu Ende , und Ellen lag immer noch im Krankenhaus . Schwer und langsam gingen die Nächte hin , unter quälenden Vorstellungen , die sich immer wiederholten - eine unabsehbare Leiter mit hohen , schmalen Sprossen , die sie hinaufsteigen mußte , und bei der leisesten Bewegung wachten die zerrenden Schmerzen wieder auf und verscheuchten den Schlaf . Dann lag sie und sah nach der Tür , fühlte etwas wie Erleichterung , wenn sich von draußen ein Lichtschimmer nahte und die Schwester kam in ihrem friedlichen , weißen Schleier , das Nachtlicht in der Hand , und ihr wieder frisches Eis brachte . - Und so von Stunde zu Stunde , bis es Morgen war , dann wandte sie mühsam den Kopf nach dem Fenster und sah , wie es über Dächern und Bäumen allmählich heller wurde , lauschte auf jedes Geräusch im Hause , wie die Türen gingen , die Schwestern von der Messe die Treppe heraufkamen , alles wieder erwachte aus der tiefen Stille . Am späteren Vormittag kam der Arzt , manchmal brachte er noch andere mit , sie standen am Bett , stellten Fragen und redeten untereinander . - Dann war Ellen wieder allein , während die wechselnden Tagesstimmungen vorüberzogen da draußen , die Herbstsonne leuchtete oder Regenwolken tropften , hier und da zog auch noch ein verspätetes Gewitter herauf . Nachdem die ersten , fieberheißen Tage vorüber waren , hatte sie immer wieder gefragt , wann sie wieder aufstehen könne , und wurde von Woche zu Woche vertröstet . Jetzt war schon lange nicht mehr die Rede davon