so , daß ich kein Wort hervorbrachte , und doch war Hilfe nötig . Darum eilte ich in das Innere des Hauses und holte die Pistole des Pedehr , die stets geladen ist . Die schoß ich ab , alle beide Läufe , und dann verriegelte ich die Tür , damit es keinem Feinde gelingen möge , zu euch hinaufzukommen . Was dann geschah , das weißt du ja , Effendi . « Wie kam es doch , daß es meine Hand hinüber zu der ihrigen zog , um sie zu drücken ? Ich tat es und sprach dabei : » Wenn der Geist des Hauses von unnützen Dingen träumt oder gar im vollen Wachen sich unvorsichtig erweist , so hat dann freilich die Seele die Augen offen zu halten . Und die bist du für uns gewesen , o Schakara ! Ich vermute , der Pedehr steckt drüben im Gewölbe und ist Gefangener an Stelle derer , die er festzuhalten hatte . Schauen wir nach ihm ! « » Wird er nicht tot sein ? « fragte höchst besorgt sein Tifl . » Sie können ihn ermordet haben ! « » O nein ! Wer zum Wettrennen wiederkommen will wie dieser Multasim , der begeht zwar heimlichen , nicht aber offenbaren Mord . Der Pedehr wird ihm wie in einer Da ' wa ' l Jhana20 in die Hände gegangen sein und nicht den richtigen Vergleich zwischen sich und ihm getroffen haben . Da bleibt nun uns nichts Anderes übrig , als daß wir jetzt ganz ruhig sind und später anders als wie er verfahren . Nun kommt ! « Wir gingen mit zwei Fackeln über den Hof hinüber . Die Flüchtigen hatten infolge der Alarmschüsse gar nicht Zeit gefunden , die Tür fest zuzumachen ; sie war nur angelehnt . Im Innern herrschte tiefe Dunkelheit ! durch unsere Fackeln aber wurde es hell . Da sahen wir sie am Boden liegen , den Pedehr und auch die Wächter , mit den eigenen Stricken gebunden und durch Knebel sprachlos gemacht . Alle , die mit hereingekommen waren , stießen Rufe des Erstaunens , der Verwunderung , ja des Schreckens aus . Der Ustad schlug die Hände zusammen und wollte sich wahrscheinlich in geharnischten Fragen ergehen ; ich aber nahm ihm durch eine schnelle Handbewegung die Zeit dazu und sagte : » Keiner von euch spreche ! Es handelt sich hier um Anderes , als ihr denkt ! Der Pedehr hat gethan , was er nicht lassen konnte . Schmälern wir ihm also nicht seinen Ruhm ! Macht die Andern los ; sie mögen gehen ! « Während man dies tat , bückte ich mich zu dem Scheik nieder , um ihn zu befreien , von denselben Fesseln , welche für seine und unsere Feinde bestimmt gewesen waren . Auch zog ich ihm den Knebel aus dem Munde . Da stand er langsam auf . Er sah uns an und lächelte . Sonderbar ! Er wollte sprechen und brachte doch nichts hervor . Da sagte ich : » Gib dir keine Mühe , o Pedehr ! Wer sich von den Gegnern die Stimme rauben läßt , der braucht sich vor den Freunden auch nicht anzustrengen ! « Dann drehte ich mich um und ging hinaus . Die Andern folgten . Als wir wieder in den Hof kamen , wurde an dem großen Tore Einlaß begehrt . Es waren Dschamikun . Sie hatten einige der entflohenen Soldaten eingefangen und brachten sie wieder ; ein Offizier oder gar der Bluträcher war aber nicht dabei . Darum bedeutete ich sie , diese ganz gewöhnlichen Menschen einfach aus dem Dorf zu schaffen und dann laufen zu lassen , dafür aber um so mehr acht auf ihre Pferde und andern Tiere zu geben , auf welche man es sehr leicht abgesehen haben könne . Beim Anbruche des hellen Tages sei dann die Gegend nach den Flüchtlingen abzusuchen und jeder Zurückgebliebene mit der Peitsche zu belehren , daß er hier bei den Dschamikun nichts mehr zu suchen habe . Hierauf entfernten sie sich , und das Tor wurde nun wieder verriegelt . Darauf fragte mich der Ustad , was jetzt zunächst und vor allen Dingen noch zu tun sei . » Zunächst und vor allen Dingen ? « antwortete ich lächelnd . » Vor allen Dingen schlafen wir . « » Ich auch ? « » Jawohl ! Es wird uns kein Fremder wieder stören . « » Möglich ; aber wir haben noch so viel zu besprechen und noch so viel zu bestimmen ! « » Mein Freund , wir haben schon viel zu viel besprochen , weit mehr , als nötig war und nötig ist . Und zu bestimmen ? Dazu ist Zeit , wenn wir geschlafen haben , bevor du reisest . Laß mich dir offen sagen : Das Wort hat dann nur Wert , wenn es sich zur Tat gestaltet . Laß uns also von nun an mehr in Taten als in Worten sprechen ! Daß der heutige Abend und ein Teil der Nacht so reich an Worten war , ist zu begreifen . Der vorangehende Tag gab uns den Stoff dazu , und dann war es ja Nacht ; die Nebel wallten . Komm noch einmal mit mir herauf ! Wir wollen sehen , ob sie noch da , ob sie vorhanden sind . « Wir stiegen in meine Wohnung , wo die Lampe noch brannte ; ich löschte sie aber aus . Unten in der Halle und unter den Bäumen des Hofes war es noch ganz dunkel gewesen . Hier oben aber führte die offenstehende Tür hinaus ins Freie und Schattenlose . Als wir hinaustraten , standen die Bergeskuppen des Ostens bereits in wasseropales , bläuliches Hell getaucht . Hoch über uns lüfteten sich die Maschen des nächtlichen Schleiers , um vom Schein des Tages aufgelöst zu werden . In der Tiefe lag der See auch jetzt noch wie im Traume , aber dieser Traum war klar , von trüben Schatten rein . Und die Nebel , die wir vorhin noch gesehen hatten ? Verschwunden ! Wohin ? Wer kann es sagen ! » Nun ? « fragte ich , hinunternach dem Wasser deutend . » Fort ! « antwortete der Ustad . » Und hier ? « Ich zeigte hinein nach der Bibliothek . Da holte er tief Atem und sagte : » Ja , auch das waren Nebel , waren Dünste , und doch etwas ganz Anderes ! Wie soll ich es nur nennen ? « » Du hast es bereits genannt und trafst den rechten Namen , als du behauptetest , daß es auf deinem Grabe irrlichteriere . Die Dünste hatten Flackerschein zu geben , um von ihm vollends weggezehrt zu werden . Verstehst du nun , was ich meinte , als ich von allzuvielen Worten sprach ? Es ist geflackert worden . Wo ? Ueber alten Sümpfen ! Das schadet nichts ; es reinigt sich die Luft . Dann sinken die Schwärme der stechenden Insekten nieder , und freundliche Gedanken kommen , den hellen Tagesfaltern gleich , herbei , um Häßliches und Scharfes abzulösen . Du sprachst von deinem Grabe , deiner Gruft , die hier in diesen deinen Räumen liege . Glaubst du , daß dies richtig gewesen sei ? « Er sah einige Zeit nachdenklich vor sich nieder und antwortete dann : » Du weißt , daß man sich von alten , angewohnten Namen und Bildern nicht leicht zu trennen vermag . « » Jawohl . Aber was wäre dann dein Alabasterzelt ? Etwa das Mausoleum über der geliebten Gruft ? « Da fuhr er zusammen , schaute mich wie froh erschrocken an und rief aus : » Effendi , Effendi ! Was sagst du mir da für ein Wort ! Was du mit keiner Rede des gestrigen Tages und der ganzen Nacht erreichtest , das sagst und beweisest du mir durch dies einzige Wort ! Wer sein Zelt für so hoch oben baut , den kann vielleicht die Narrheit für gestorben halten , doch ist für diese Narrheit wohl jeder Kluge tot , und weil sie mich für tot hält , bin ich lebend ! Effendi , du hast recht : Wir haben lange , lange Stunden mit einander geflackert und irrlichteriert : es mag auch heilsam gewesen sein , der stechenden Insekten und des Nachtgewürmes wegen ; aber jetzt , jetzt erst , nachdem es Tag zu werden beginnt , hast du mir endlich das klare Wort und richtige Licht gegeben , in welchem ich erkenne , daß es nur an mir liegt , ob ich der Narrheit den Gefallen tun will , tot zu sein ! « » So schau hin gegen Osten ! Dort bildet sich der erste Purpursaum , und leise Strahlen küssen ihn von fern . Reich an Erkenntnis nähert sich der Morgen , und wenn du willst , so teilt er sie dir mit . « » Ja , ich heiße ihn willkommen , und er soll mein Lehrer sein , « rief er aus . » Du aber mußt ruhen und schlafen , den ganzen heutigen Tag . Ich verlangte zu viel von deinem noch nicht genesenen Körper . Darf ich dich für kurze Zeit wecken , ehe ich aufbreche , Effendi ? « » Ja , unbedingt ! Ich habe vorher mit Agha Sibil zu sprechen und dann den Brief nach Bagdad zu schreiben . « » So nimm jetzt meinen Dank , und schlaf am Herzen der Liebe ein , die dich und mich bewacht , indem sie uns wie eine einzige Seele umschließt ! « Er zog mich innig an sich , um mich auf Stirn und Mund zu küssen . Dann ging er hinab . Kaum war er fort , so trat die lange zurückgehaltene Schwäche ein . Es überkam mich eine so große Müdigkeit , daß ich schnell mein Lager aufsuchte und mich niederlegte , gleich so , wie ich war . Das Fenster stand offen . Ich richtete den letzten Blick hinaus . Am Himmel begannen die Strahlen in goldenen Funken zu blitzen . Dann war es wie ein Meer des Lichtes , welches mich plötzlich über und über umflutete . Nun schloß ich die Augen und schlief ein , doch ohne daß es um mich dunkel wurde . Wie war das sonderbar ! - - - Zweites Kapitel Unter den Ruinen Wenn ein Maler alles das , was ich gestern mit dem Ustad gesprochen hatte , auf die Leinwand bringen könnte , so würde er es wohl am besten mit » Morgengrauen im Menscheninnern « zu unterzeichnen haben . Die vorangehende , lebensgefährliche Erkrankung , die Genesungsfreudigkeit , die fromme Feier am Tempeltage , das Erscheinen der Bluträcherschar , der vereitelte Mord in der Halle , das alles hatte trotz meiner innern Ruhe und Stetigkeit doch Nebel in mir aufgerührt , welche das fast überlang geführte Gespräch nur schwer zu Ende kommen ließen . Und noch viel schwerer war es in dem Ustad aufgewallt . Seine Lebensanschauung hatte im Haine Mamre gewurzelt , wohin die Engel einst zu Abraham kamen , und ihren höchsten Punkt in dem Worte Christi gefunden » Liebet eure Feinde ; segnet , die euch fluchen ! « Dieses Gebet war seine Richtschnur gewesen allezeit , in jeder Lebenslage . Da hatten sich die Andern , die sich ebenso Christen nennen , mit ihrem Haß auf ihn gestürzt , um ihn und seine Nächstenliebe zu vernichten . Er hatte nur einige kurze Versuche gemacht , sich gegen sie zu wehren ; aber als er erkannte , mit welchen Waffen man gegen ihn kämpfte , da zog er sich in das stille , ruhige Land des Schweigens zurück , der christlichen Mahnung gedenkend : » So dir jemand deinen Rock nehmen will , dem laß auch den Mantel ! « Aber in seinem Innern wallte es auf in wichtig schweren Fragen : Wer hat recht ? Auf wessen Seite steht die göttliche Wahrheit , der göttliche Wille ? Bei Christo , welcher sprach : » Wer von euch ohne Sünde ist , der werfe den ersten Stein auf ihn ? « Oder bei diesen hochangesehenen christlichen Priestern und Laien , die mit den Gottesleugnern im engsten Operationsbunde den begeisterten Bekenner der Lehre von der Nächstenliebe aus der » Gemeinschaft der Gläubigen « hinauszuwerfen trachteten ? Es kann ja doch gewiß nur eines von beiden wahr und richtig sein ! Entweder hat der Heiland sich geirrt , indem er etwas forderte , was ganz unmöglich war , oder diese Herren treten mit Widerwillen vor dem allerchristlichsten seiner Gebote zurück , weil ihnen die Selbstüberwindung fehlt , es zu erfüllen ! Wenn solche Fragen im Ustad nach klarer Antwort und nach Lösung trieben , so mußte alles , was in ihm festgestaltet gewesen war , ins Wanken kommen , tief erschüttert werden . Daher sein Bestreben , mich zu sich heran in das Gespräch zu ziehen und so lange festzuhalten , bis er deutlich sehe , wo eigentlich das wahre Christentum zu finden sei , bei ihm oder bei diesen Anderen . Wo es zu suchen sei , das wußte ich genau , durfte es ihm aber nicht in deutlichen Worten sagen , weil die Klarheit in seinem eigenen Innern aufzutauchen hatte . Daher mein dilatorisches Verhalten , die Dehnung unsres Stoffes und dann aber auch unsere gemeinschaftliche Freude , als die Antwort endlich , endlich aus dem Alabasterzelte herabgestiegen kam . Nun war es hell und licht geworden , sogar während meines Schlafes . Ich weiß , ich träumte nicht , und dennoch war es mir , als ob ich träume . Wer war ich wohl , und wo befand ich mich ? Ich atmete nicht , und doch war alles Odem ! Ich bewegte mich nicht , und doch wallten tausend und abertausend Wogen unendlichen Glückes in mir . Meine Augen waren geschlossen , und dennoch sah ich Herrlichkeiten rings um mich her , die unbegreiflich sind . Und plötzlich hatte ich Flügel . Ich flog . Wohin ? Durch Ewigkeiten ! Bis ich müde wurde und nach einem Punkte suchte , an dem ich ruhen könne . Und ich fand ihn , fand ihn wieder , diesen meinen irdischen Ruhepunkt im Reiche der Ewigkeiten . Und wo lag er ? Im Schlafe , im tiefen , tiefen Schlafe . Ich neigte mich trotzdem zu ihm nieder und - - schlug die Augen auf . Da stand die Sonne schon in des Vormittags Mitte , und um mich her war alles licht und warm . Das Geräusch des Tages drang zu mir herauf . Ich fühlte mich gekräftigt und so frisch , wie schon seit langer Zeit nicht mehr . Ich stand also auf und ging auf das freie Dach hinaus . Im Hofe unten wurden die Kamele des Ustad gesattelt . Ihn selbst sah ich nicht . Links drüben grasten unsere Pferde auf der bergigen Weide , welche an den Komplex der Ruinen grenzte . Der See glänzte azurblau zu mir herauf . Die Bewohner des Duar waren in lebhafter Bewegung , natürlich der Reise ihres Ustad wegen . Von meinem Vorplatze führten Stufen hinüber nach dem Glockenwege , welcher , von oben herabkommend , sich bis zur Gartenhöhe niedersenkte , wo die Quelle sprudelte , neben welcher sich der Herr des hohen Hauses eine rundum eingefaßte Badestelle abgeschlossen hatte . Ein solches Bad erschien mir sehr von Nutzen . Darum stieg ich da außen langsam am Berg hinab und fand die Tür zum Wasser geöffnet . Wie das erfrischte , dem Körper doppelte Kraft zu geben schien ! Als ich fertig war , spazierte ich auf dem weichen Grase zu unsern Pferden hin . Welche Freude , als sie mich erkannten ! Als ich mich dann wieder entfernte , wollten sie partout mitgehen , und ich hatte sie sehr eindringlich zu bedeuten , daß ich dies für jetzt nicht wünsche . Nun durch den Garten nach dem Hofe gehend , kam ich an der Küche vorüber . Diese stand offen . Die » Festjungfrau « sah mich , kam heraus , schlug vor Verwunderung die Hände zusammen , daß es nur so klatschte , und rief : » Maschallah , du schläfst nicht mehr , Effendi ! Das ganze Haus durfte sich nicht laut bewegen , um dich ja nicht zu wecken . Wie hat unser Ustad dich doch gar so lieb ! « » Wo befindet er sich jetzt ? « erkundete ich mich . » In seiner Stube . « » Und Agha Sibil ? « » Der sitzt mit seinem Sohne in der Halle . Ich habe die halbe Nacht hindurch gebacken und gebraten , um Proviant für die Reise nach Isphahan zu machen . Für dich aber habe ich trotzdem immer Zeit . Weißt du , Effendi , um was ich den Ustad gebeten habe , was er mir aus der Hauptstadt mitbringen soll ? « » Nun ? « » Eine Kasawaika ! « 21 Bei diesem Worte strahlte ihr Gesicht in einer auffälligen , mir krankhaft scheinenden Wonne . » Eine Kasawaika ? « fragte ich , » woher kennst du das ? So etwas wird doch hier gar nicht getragen ! « » Ich habe es gesehen , als ich noch beim Schah-in-Schah mit kochte . Die russischen Madama hatten es . Ich muß so eine haben ! Rot und blau , grün und gelb . Das sieht so schön im Fackellicht . « » Fackellicht ? Hm ! Ich denke , du gehst stets weiß ? « Da kam sie die Stufen vollends herab , trat nahe zu mir heran , legte das fette Händchen auf meinen Arm und sagte in ehrfurchtsvoller Duzbrüderlichkeit : » Ja , immer weiß ! Zuweilen aber auch bunt , ganz bunt ! Das steht mir besser , viel , viel besser ! Der Aschyk22 sagt das auch ! « » Du hast einen Geliebten , Pekala ? « Da errötete sie bis zur Farbe der persischen Mohnblume , nahm einen geheimnisvollen Ton an und raunte mir zu : » Ich vertraue es nur dir , Effendi , allein nur dir ! Es ist ein tiefes Geheimnis . Ich habe es schon vielen sagen wollen ! aber ich fürchte , daß sie es verraten . Du aber hast ein solches Herz voll Freundlichkeit und Güte , daß du es gewiß nicht weiterplaudern wirst . Ein edles Frauenherz muß unbedingt ein edles Männerherz haben , von dem es ganz und gar verstanden wird . Und Tifl ist zwar ein liebes , folgsames Kind , jedoch ein edles Frauenherz , das kann er nicht begreifen ! « Sie schaute so ganz zerflossen und » edel « zu mir auf , daß sie mir gewiß sehr spaßig vorgekommen wäre , wenn ich nicht das zwar noch unbestimmte aber doch sehr deutliche Gefühl gehabt hätte , hier vor einer vielleicht sehr wichtigen Entdeckung zu stehen Psychologisch zweifelhafte Personen sind stets mit Vorsicht zu behandeln . Darum antwortete ich nicht anders als in meiner gewöhnlichen , freundlich ernsten Weise : » So sage mir , Pekala , was ein edles Männerherz von dir zu begreifen hat ! « » Dreierlei . Erstens daß man Vertrauen haben will . Zweitens daß man verschwiegen sein will . Drittens daß man nicht ewig Köchin bleiben will ! Leuchtet dir das ein , Effendi ? « » Sehr ! « » Das wußte ich . Du bist vernünftiger als tausend andere Männer , die kein edles Frauenherz verstehen . Darum habe ich gewußt , daß ich dir alles , alles mitteilen kann , was ich den meisten Menschen verschweige . « » Also den meisten ! Das ist sehr vorsichtig von dir ! Nun sage mir vor allen Dingen , von wem hast du denn eigentlich das von dem edlen Frauenherzen erfahren ? « » Von meinem Aschyk . Ich habe gar nicht gewußt , daß ich auch so etwas Edles besitze ; er aber hat es sofort erkannt und mir gesagt . « » Und woher hat er von solchen Herzen erfahren ? « » Von einer Engländerin , die er mit ihrem Engländer in Buschehr getroffen hat . Die hat alle Tage einen neuen Papierfächer verlangt und dabei gesagt , sie habe ein edles Frauenherz und dürfe sich also ihre Gesichtsfarbe nicht verderben . Darum bringt mir mein Aschyk stets auch zwei oder drei Papierfächer mit , so oft er kommt . « » Wo kauft er diese ? Ist er ein Dschamiki ? « » Was du denkst , Effendi . Es ist noch keinem Dschamiki eingefallen , mein Herz edel zu nennen ! O nein ; mein Aschyk ist kein hiesiger und auch kein gewöhnlicher Mann , sondern ein vornehmer Schahsadeh23 aus Isphahan . « » Du Glückliche ! Kennst du ihn schon lange ? « » Schon seit einigen Jahren . « » Besucht er dich oft ? « » Fast immer , wenn vier Wochen vorüber sind . « » Hat er da einen bestimmten Tag ? « » Ja , denn so ein hoher Schahsadeh ist immer pünktlich . Er kommt stets , wenn es Pazar günü24 ist . Dann ziehe ich abends meine weißen Sachen aus und lege die schönen bunten an , die er mir immer schenkt . Hierauf gehe ich zu ihm hinüber in die Ruinen , wo ich mit ihm beim Mondenscheine hin und her spaziere , wie eine Tochter des Beherrschers . Ist es aber dunkel , so steigen wir in das Innere und brennen eine Fackel an . « » Warum da drüben und nicht hier ? « » Weil er nur heimlich kommen darf . Edlen Herzen wird es nämlich ungeheuer schwer gemacht , sich öffentlich zu verbinden . Wir können erst dann miteinander in Isphahan einziehen , wenn der jetzige Schah gestorben ist . Ich habe darum geschworen , das tiefste Geheimnis zu bewahren . Aber weil es bei dir ebenso verschwiegen aufgehoben ist wie bei mir , so halte ich meinen Schwur ja doppelt , indem ich es dir erzähle . « » Aber welchen Grund hast du wohl , es grad mir mitzuteilen ? « » Einen sehr großen , wichtigen Grund . Du bist doch , wenn unser Ustad abgereist ist , der Herr des hohen Hauses ? « » Ja . « » Ich wußte es . Der Ustad hat uns gesagt , daß wir dir in allen Dingen sofort und willig zu gehorchen haben . Und weil du über alles zu befehlen hast , muß ich dich um etwas bitten , womit ich das Leben meines Aschyk retten kann . Ich bin also gezwungen gewesen , dir mein Geheimnis zu verraten . Wäre das nicht , so hätte ich mich nicht an dich getraut , obgleich ich fühle , daß du ebenso edel bist wie ich ! Aber dort kommt der Pedehr . Verrate mich nicht , Effendi ! Kein Mensch darf es wissen , kein einziger ! Nur du und ich allein ! Ich sage dir vielleicht schon heut noch mehr . Jetzt aber muß ich in die Küche ! « Sie machte mir einen so tiefen Knix , wie bei ihrer Taille möglich war , und verschwand dann in ihrem Reiche . Der Pedehr hatte allerdings im Begriff gestanden , nach der Küche zu kommen , sich aber schon wieder umgedreht , um nicht zu stören . Das war mir lieb . Es war nur diese Pekala , diese Köchin gewesen , mit der ich gesprochen hatte , aber ich muß gestehen , daß ich mich trotzdem nicht in der Stimmung befand , sofort mit einer andern Person über andere Dinge zu reden . Was für Gedanken hatten mich bisher bewegt ! Bis fast zu diesem Augenblick ! Und nun hier plötzlich diese geistige Nichtigkeit , zehnfach , hundertfach nichtig grad durch ihre strahlend freundliche Gestalt ! Diese Null war hohl ; hierüber gab es keinen Zweifel . Aber hinter ihr stand eine ganze Finsternis bereit , sie mit dem Verderben für uns vollständig anzufüllen ! Und es war so viel , so ganz unerwartet viel , was ich erfahren hatte ! Ich zog mich unter die Bäume des Gartens zurück , um nachzudenken . Zunächst hielt ich es für begründet , dem Ustad diese Neuigkeit einstweilen zu verschweigen . Ich durfte ihm seine Reise nicht durch Sorgen erschweren , die ihm sehr leicht den klaren Blick beeinträchtigen konnten . Sodann war diese Pekala für mich jetzt in ein ganz neues , in ein drittes Stadium getreten . Von der Krankheit geschwächt , hatte ich sie für ein herzliebes , wenn auch recht unbedeutendes Wesen gehalten . Dann war ein gewisses Mißtrauen gegen sie erwacht , von welchem ich auch dem Ustad gegenüber kein Geheimnis gemacht hatte . Jetzt aber wurde es ernst , sehr ernst ! Ein Mensch , welcher Charakter und Inhalt besitzt , kann berechnet werden , eine Pekala aber nicht . Sie ist trotz aller ihrer Liebenswürdigkeit gefährlicher als mancher Bösewicht . Solche Menschen gleichen freundlichen Schmetterlingen , die um ihrer Raupen willen unschädlich gemacht werden müssen . Es tut einem leid , doch hat man sich zu wehren . Wer war dieser Aschyk , dessen Spionin sie in so unglaublich lächerlicher Weise geworden war ? Jedenfalls ein Sill , ein Untergebener von Ahriman Mirza . Er kam monatlich einmal zu ihr , und stets Sonntags . Am Montag aber war der » Tag des Soldes « , also der Versammlungstag . Jedenfalls fragte er sie da nach allem aus , was hier bei den Dschamikun inzwischen geschehen war , und berichtete es dann weiter . So waren die Sillan stets vorzüglich unterrichtet . Das ganze Lebenswerk des Ustad hing also von der Schwatzhaftigkeit einer Person ab , die weiter nichts , als eine Törin , eine Närrin war ! Wer weiß , wieviel sie bisher schon geschadet hatte ! Stand sie allein mit ihrem Verrate , oder besaß sie noch andere Vertraute ? Ich war sehr geneigt , anzunehmen , daß wenigstens Tifl , ihr » Kind « , auch mit beeinflußt worden sei . Konnte man es überhaupt für möglich halten , daß die geheimen Zusammenkünfte der » Schatten « hier in den Ruinen so ganz ohne Verrat und Unterstützung von seiten der Dschamikun abgehalten wurden ? Mir erschien dies beinahe undenkbar . Mochte das aber sein , wie es wollte , ich hatte mir schon gestern vorgenommen gehabt , nach den hiesigen Geheimnissen der Sillan zu forschen , und nach dem jetzigen Gespräch mit der Köchin verstand es sich ganz von selbst , daß bei ihr der Anfang zu machen sei , und zwar so bald wie möglich . Nun ging ich nach dem Hofe . Dort stand Agha Sibil mit seinem Enkel jetzt bei den fertiggeschirrten Kamelen . Ich erkannte den Ersteren sogleich an dem fast beispiellos starken Schnurrbarte , der so riesig war , wie ich noch keinen gesehen hatte . Man mochte auch mich ihm schon beschrieben haben , denn sobald er mich sah , kam er auf mich zu , nannte seinen und meinen Namen , stellte mir seinen Enkel vor und bat mich , bei ihnen im Baumesschatten Platz zu nehmen , damit sie von mir ausführlicher erfahren könnten , was ihnen von Andern nur andeutungsweise mitgeteilt worden sei . Es verstand sich ganz von selbst , daß ich diese Bitte mehr als gern erfüllte . Noch während ich erzählte , kam der Ustad mit dem Pedehr aus der Halle . Sie gesellten sich zu uns . Der Erstere hatte gar nicht geschlafen und mich soeben wecken wollen , aber von dem Letzteren erfahren , daß ich schon aufgestanden sei . Der Pedehr verhielt sich so zu mir , als ob gar nichts vorgefallen sei , was man ihm vorzuwerfen habe , und darum zeigte auch ich mich unbefangen . Der Ustad aber schien sehr ernst mit ihm gesprochen zu haben und vermied es sogar jetzt noch , seinem Blicke zu begegnen . Der Kaufmann war ein hochehrwürdiger , braver Herr , der unendlich glücklich und dankbar war für das , was ich ihm erzählte . Er hätte mir noch gern stundenlang zugehört , mußte sich aber bescheiden , weil nun aufgebrochen werden mußte , weil es in der Absicht des Ustad lag , die verwandten Kalhuran noch heut zu erreichen , um ihnen Nachricht über das zufriedenstellende Befinden ihres Scheikes zu bringen . Doch blieb uns Zeit , das Nötigste zu besprechen . Der Ustad übergab mir seine Wohnung mit dem sämtlichen Verschluß , und ich machte ihn noch einmal besonders auf den Brief aus Basra aufmerksam , den er in Isphahan an den » Henker « zu besorgen hatte . Als ich eine Bemerkung über die Gefahr aussprach , welche ihm seitens der entflohenen Soldaten drohen könne , teilte er mir mit , daß unten im Dorfe eine Schar bewaffneter Dschamikun auf ihn warteten , welche ihn begleiten würden , bis alle Gefahr vorüber sei . Hierauf wurden alle Bewohner des » hohen Hauses « herbeigerufen , damit er sich von ihnen verabschieden könne , grad als Kara Ben Halef von einer Tour heimkehrte , die er unternommen hatte , um sein Pferd wegen des Wettrennens geschmeidig zu erhalten . Er wendete sofort wieder um , weil er es für eine Ehrenpflicht hielt , den Ustad bis an die Grenze seines Gebietes zu begleiten . Mir war es leider nicht möglich , mich ebenso höflich zu erweisen . Ich mußte bleiben , wo ich war , und konnte nur hinauf auf meine Plattform steigen , um erst mit dem Auge und dann mit dem Herzen dem zu folgen , von dem ich mich trotz aller äußerlichen Entfernung innerlich unzertrennlich fühlte . Ich war nun Herr seines Hauses und nahm mir vor , es im allerbesten Sinne zu sein , der menschenmöglich ist ! Eigentlich hatte ich mich jetzt wieder niederlegen wollen und auch sollen