, - einmal schrie sie laut nach Onkel Hovannessian um Hilfe . Es war das einzige Mal , wo ihre Aufregung von Josefine geteilt wurde ... Im übrigen war Josefine nie , seit Jahren nicht , so hoffnungslos ruhig gewesen , wie sie jetzt war . Mein Schicksal ist besiegelt , dachte sie , ich bin nicht geboren , um glücklich zu sein . Aber unter die Füße will ich nicht fallen , oben will ich bleiben , solange ich atme . Der Schrei ihres Kindes nach dem Einzigen , Verschollenen erschütterte sie für einen Tag . Dann zog die ebnende Welle auch über diese Erinnerung hinweg . Ich habe Unmenschliches gelitten , als ich ihn verlor , nun bin ich schwertfest , - alles , was kommt , ist im Grunde gleichgültig , dachte sie achselzuckend . Dann fühlte sie aber doch eine Neigung in sich , ihr Leben zu gestalten , zu bilden wie mit Künstlerhand , ihr Leben und das ihrer Umgebung . Man muß versuchen , alles gut einzurichten , dachte sie , für Georges eine Beschäftigung suchen , das ist das Wichtigste . Die Arbeit wird ihn heilen , wie sie mich geheilt hat . Wer von den Hausgenossen Vernunft annimmt , soll bleiben ; wer den hohen Aussichtsturm der Moral besteigt , der kann abziehen . Ich werde offen mit ihnen sprechen . Und sie ging zuerst zu Helene Begas . Helene schwankte zwischen Kopfschütteln und Bewunderung . » Du bist verrückt , liebe Josy , « sagte sie mit feuchten Augen , » du rennst dir den Schädel ein Soviel ich sehe , gibt es hier nur eins : Scheidung . Wegziehen kann ich nicht , denn du dauerst mich in deiner Verranntheit , und du wirst bald einen Menschen nötig haben . « » Noch eine Frage : Wie wirst du mit Georges verkehren , Helene ? Man muß da etwas zartfühlend sein , Leni , « sagte Josefine trocken . Helene kam ein wenig aus der Fassung . Sie errötete , halb voll Zorn , halb , weil sie sich ihrer Vernünftigkeit schämte , auf die Josefine so wenig hielt . » An Bernstein hast du beinah einen Verbündeten , « sagte die Mathematikerin , » wir haben uns schon gezankt über ihn und dich . « » Zankt euch ja immer , « lächelte Josefine ; » also Bernsteins bin ich sicher . « Bernstein verzog das Gesicht , als Josefine ihn bat , möglichst viel seiner Muße dem unglücklichen Georges zu widmen . » Ech ! meine Muße ! Wo habe ich eine Muße ? Wäre es sehr interessant für mich , mit diesem Mann zu sprechen ! Aber ich habe keine Zeit ! Man muß ein wenig mit ihm weinen , glaube ich , aber ich habe keine Zeit ! Es ist eine traurige Tatsache , nicht wahr ? Niemand hat Zeit für die Kranken und Unglücklichen ! Lassen Sie mich in Ruh , bitte sehr , bitte ergebenst , bitte hochachtungsvoll ! ech ! « Ein paarmal , in der Folge , fand Josefine , wenn sie nach Hause kam , ihren Freund Bernstein neben Georges ' Bett . Aber schnell , mit verlegenem Gesicht , zog er sich zurück , sobald sie eintrat . » Glaube ich , daß dieser Mann ist sehr krank , « sagte er düster zu Helene Begas , » nervenkrank , schrecklich , oder so etwas . Er hört nicht , was man spricht , ihn interessiert nichts . Ich frage , womit wollen Sie sich beschäftigen ? wollen Sie vielleicht die russische Sprache lernen ? Er schreit auf seine Frau , daß sie ist schlecht , daß sie geht in Klinik , daß sie liebt ihn gar nicht , daß er will lieber in Loch sitzen - schrecklich ! Und wenn seine Frau kommt , er sagt alle dumme Sachen , ich weiß nicht , wie sie kann anhören solche dumme Sachen , wie er spricht . Man hat ihn vergiftet , mit den Stecknadeln absichtlich gestochen . - Laure Anaise will ihn mit Tee verbrennen , die Kinder draußen heulen wie Hunde , das bedeutet , daß er stirbt , - seine Frau will auch , daß er stirbt , und er will nicht , und solche Dummheiten . Er haßt sehr Loginowitsch , ich weiß nicht , warum ; ich sage : Loginowitsch ist ein ganz ordentlicher Mensch . Er schreit : Nein , er ist schlecht . Und immer von dieser Tugend spricht er , schrecklich ! Ich sage : Wo haben Sie diese Tugend gelernt ? Er sagt : Wo ich alles gelernt habe ! Man muß die Tugend lieben , sagt er , und seine Augen sind weiß vor Wut . Ich sage : Ich glaube , man muß etwas Positives machen , man muß sich mit etwas beschäftigen ! vielleicht haben Sie Lust , die russische Sprache zu erlernen ? Er faltet die Hände , so , und sagt : Du liebst mich nicht ? gut , du wirst sehen , wirst sehen , sehen ! Manchmal es ist interessant , manchmal ganz langweilig . Und ich habe keine Zeit , Sie wissen . « Dann ging Bernstein nicht mehr zu Georges , und Georges schien ihn nicht zu vermissen ... Loginowitsch zog aus , schon um Platz zu machen , weil doch nun einer mehr in der Familie war . Mit Befremden fühlte er , daß Josefine ihn kühl entließ : die Abneigung des Kranken gegen ihn war auf dessen Frau übergegangen , so schien es . Sie entfernte sich von jedem , der , wissentlich oder unwissentlich , Georges beleidigte . Und inzwischen gab es unter allen Menschen , mit denen der Unglückliche in Berührung kam , nur einen einzigen , der ihn unaufhörlich quälte , reizte , erbitterte , zur Verzweiflung brachte , und dieser eine war Josefine selbst . Sie wußte halb darum , wollte es aber nicht wissen . Sie vermied alles Nachdenken über diesen Punkt als etwas Widriges , Niederziehendes , Entwürdigendes . Mit derselben kühlen Ruhe , mit der sie an jenem ersten Wiedersehensabend die sehnsüchtigen Arme des Heimgekehrten von ihren Schultern entfernt hatte , scheuchte sie alle Gedanken über Georges ' auf sie gerichteten Gefühle oder Wünsche . Und etwas Unpersönliches , Abstraktes wuchs in ihrem Verhalten gegen alle , gegen den Vater selbst . Plattner hatte bald nach des Schwiegersohns Rückkehr einen Brief gesandt , einen angstvollen Brief , in dem die bewegte Vaterliebe wie zartes grünes Feinlaub zwischen den eckigen Steinbrocken der nüchternen Worte hervorbrach . Josefine antwortete so : Es geht über Erwarten gut , mein lieber Vater . Georges hat seit seinem Hiersein drei Pfund zugenommen , die Herztätigkeit ist intensiver und gleichmäßiger geworden , der Husten quält weniger . Die Lunge ist gesund , da ist keine Sorge . Daß die Stimmung des Patienten noch daniederliegt , ist erklärlich . Aber diese Depression zu entfernen , muß jetzt das Hauptbestreben sein . Georges sollte eine leichte körperliche Beschäftigung haben , die ihm etwas Frische gibt . Bücher liest er nicht ; es ist , als ob er das Lesen verlernt hätte ; er grübelt nur , und das ist in seinem Zustande schädlich . Bitte , schicke deine Drehbank , die kleinere , die du nicht benutzest . Meine wackeren Hausgenossen , wie du sie nennst - und mit Recht nennst ! - sind leider sehr zusammengeschmolzen . Zwicky ist fort nach Wien , die Kinder entbehren ihn sehr . Es ist möglich , daß ich auch Helene verliere ; wenn sie ausstudiert hat , kehrt sie jedenfalls nach Deutschland zurück . Meine Schlußprüfungen schiebe ich nicht hinaus , fürchte nichts , lieber Vater . Die Ereignisse dieser letzten Wochen drängen mich zu möglichst schnellem Studienabschluß . Ich werde nicht als Assistentin dienen , wie du vermutest , sondern sofort mein Wartezimmer für Patientinnen öffnen . Die Arbeit ist mir alles . Deine dankbare Tochter Josy . Nachschrift . Deine Nachricht über Ulis treffliche Entwickelung sei herzlich verdankt . Mein Kleinod ist am sichersten bei dir ; ich kann ihn jetzt nicht sehen ; es ist zu viel , was auf mir liegt . In seinen Kinderzügen trägt er dein Gesicht , mein Vater , das ist meine Freude . D. O. Plattner las diesen Brief mit zusammengezogener Stirn und langem Kopfschütteln . Er kopfschüttelte über das , was zwischen den Zeilen stand . Fragen tauchten auf , die nicht beantwortet wurden , - auch nicht durch das , was zwischen den Zeilen stand . Zartgefühl verbot diese Fragen . Der alte Plattner errötete bis in seinen grauen Bart ... Einen Augenblick dachte er daran , die Drehbank selbst nach Zürich zu bringen , Josefine zu sehen . Er gab den Plan sofort wieder auf . Zwischen ihr und mir steht die Fratze , dachte er bitter , keinen Fuß setz ich wieder über die Schwelle . Dann begab er sich an die verstaubt im Winkel stehende Drehbank und putzte einen halben Tag lang daran . Zornig rieb er jeden Rostflecken , jedes Stäubchen weg . Sein Ärger wuchs mit dem Schweiß , den er bei der Arbeit vergoß . » Für wen ? heiliger Gott , für wen , « murrte er . » So ein Starrkopf von einem Weib ! drillt mich , drillt ihren alten Vater wie einen Zwirn ! Und man gehorcht , wahrlich , man gehorcht . « Die Drehbank wurde eingepackt . Der Transport war sehr teuer und umständlich . Der alte Plattner wetterte noch auf dem Rückwege . Der Heimgekehrte saß den größten Teil des Tages und starrte die Decke an . Auf seinem Kopfe wuchs junges Haar , weißes und rötliches durcheinander , in seinem Kopfe wuchsen neue Vorstellungen vom Weibe im allgemeinen und von der Frau , der er wieder habhaft werden wollte , und die sich ihm ohne Mühe und Aufsehen , aber still und beharrlich entzog . Die ganze Welt war auf den Kopf gestellt , seit man ihn eingekerkert hatte . Nicht in sein Haus war er zurückgekehrt , sondern in das seiner Frau ; » der graue Ackerstein « war seiner Frau untertan , und allein ihr Wille war es , der darin regierte . Die Dienstboten , zu denen er Laure Anaise mit Unrecht hinzuzählte , waren von Josefine angestellt , hielten eng zu ihr , waren nur ihr Rechenschaft schuldig . Die Hausgenossen hatte sie hereingezogen und zu ihren Freunden gemacht . Die Kinder waren ihre Kinder , ihr folgten sie , ihr gehorchten sie , vor ihr hatten sie Respekt , ihr suchten sie zu gefallen , ihr vertrauten sie . Besucher kamen , aber sie kamen nur zu ihr , an der Tür ward nur nach ihrem Namen gefragt , an ihre Tür klopften sie ; nur für sie brachte der Postbote Briefe , Drucksachen , ganze Stöße oft , - ihn suchte weder Mensch noch Briefe . Seine Bücher , deckenhohe Regale voll wissenschaftlicher , meist spezialwissenschaftlicher Bücher , waren in ihren Besitz übergegangen ; sie studierte sie , exzerpierte sie , schlug darin nach , hatte Haufen davon auf ihrem Schreibtisch , der sein Schreibtisch in der Studentenzeit gewesen war . Er brauchte keine Bücher jetzt , er brauchte keinen Schreibtisch . Die Bücher waren ihm stumm , sagten ihm ihre Geheimnisse nicht mehr , blickten ihn hochmütig und verächtlich an mit ihren Goldtiteln und stolzen Namen . Aber ihr waren sie beredt , zu ihr sprachen sie verständnishoffend , - Verständnis findend . In seinem ehemaligen Wartezimmer saß Josy an seinem kleinen Studentenschreibtisch , und den großen Schreibtisch , den er besessen , benutzte nun Bernstein . Er begann Bernstein zu hassen wegen des Schreibtisches . Er konnte seine Stimme nicht mehr hören . Wenn Josy mit dem Russen etwas Sachliches , Wissenschaftliches sprach , so zitterte er vor Neid und Mißgunst . Mit ihm sprach sie nur Alltägliches , absichtlich , um ihn zu demütigen , so schien es ihm . Alles geschah hier , um ihn zu demütigen . Das Messingschild an der Tür mit seinem Namen darauf hing dort , um ihn zu verspotten ; » die Etikette ist geblieben , das seltene Präparat aber ist fort . « Sein altes Wartezimmer hieß nur deshalb noch Wartezimmer , weil Josy bald approbierter Arzt sein würde . Josy würde Arzt sein , in seinem ehemaligen Warteraum würden Josys Patientinnen sitzen und auf sie warten , während er in irgend einem Hinterzimmer an der Drehbank bastelte . Verwünschtes Leben ! Als ein Lebendigtoter saß der Unglückliche da , als ein nackter Beerbter , der , aus dem Grabe zurückgekehrt , seinen Platz ausgefüllt , seine Kisten und Kasten ausgeleert findet . Der Mann , der von der Natur dazu bestimmte Platzergreifer , Inbesitznehmer war verdrängt und ohnmächtig gemacht durch das Weib , durch die von der Natur dazu bestimmte Untergebene , Untergeordnete , durch den Menschen zweiter Sorte , und aus den Händen dieses auf den Thron gelangten Sklaven sollte der rechtmäßige , entthronte Herrscher sogar das Leben , das Brot , das ihn ernährte , empfangen ! Dumpfe Verwunderung , verbissene Wut mischte sich in die qualvolle Ohnmacht des Verschmähten . Er entwarf Pläne zur Überlistung der gefährlich starken und unangreifbar gut stehenden Gegnerin ; er meinte , sie sei nur deshalb so stark und selbständig geworden , weil sie sich der Unterjochung durch die Liebe entzogen habe . Er nahm den Begriff der Liebe so niedrig wie möglich und redete sich ein , wenn er sie unter diese Liebe zwänge , dann würde sie so schwach werden wie er selbst . Er lechzte danach , sie schwach zu sehen . Das natürliche Gleichgewicht der Geschlechter schien ihm gestört durch diese starke Frau , die er als zartes , nachgiebiges , liebevolles Mädchen kennen gelernt , die er zu heftiger , aber kurzer Leidenschaft entflammt , die er demütig und ergeben das Frauenlos an seiner Seite tragen gesehen , die er durch sein Verbrechen mit bürgerlicher Schande bedeckt , die er bei seiner Verurteilung als weinendes , zerbrochenes , unglückliches Weib zurückgelassen , und die sich während dieser Jahre langsamen Absterbens für ihn so unerwartet verwandelt , so neu und eigenartig entwickelt hatte . In den ersten Zeiten , als er sie für gefühllos hielt , tröstete er sich damit , daß auch sie in gewissem Sinne abgestorben sei , aber dann kamen bald Augenblicke , wo ihre Augen glänzten im Feuer des innigsten Anteils , wo es wie prophetische Begeisterung in ihrer Rede klang . Mit Haß und Verwunderung bemerkte er diese neue und ihm ganz fremde Jugendfarbe in ihren Zügen , in ihrem ganzen Wesen , sobald die großen Fragen der Menschheit gestreift wurden . Sie hatte also Gefühl zu geben , ihr Herz schlug stark und heiß , stärker und heißer als in jener Zeit , da sie sein gewesen , - aber ihm , dem Verdrängten , Beerbten , Verhöhnten , Verratenen , Kleingemachten galt kein Schlag mehr dieses starken heißen Herzens . Ohne einen Schatten des Vorwurfs für ihn , aber auch ohne Erbarmen , ohne Bedauern , mit männlicher Rücksichtslosigkeit hatte sie ihn in das Nichts hinabgestoßen , und ihre Güte und Nachsicht war Beleidigung , war Verdammung . Schrie er ihr wilde Vorwürfe entgegen , so behandelte sie ihn als Kranken , bat ihn , sich nicht aufzuregen , eine beruhigende Arznei zu nehmen , seine Gedanken auf andere Dinge zu lenken . Weinte er vor Ohnmacht und Hilflosigkeit , so sprach sie von Hysterie , brachte Schlafmittel , verwies ihn auf seine Drehbank , bestellte ein interessantes Reisewerk in der Buchhandlung , da er medizinische Bücher nicht anrühren mochte , seit ihm die Ausübung der Medizinkunst verboten war . Einmal fand er einen angefangenen Brief : » Lieber Vater , es geht uns sehr gut ; Georges beginnt mit Eifer an der Drehbank zu schaffen . Er hat schon ein paar Serviettenringe gemacht . « Nach Lesung dieser Zeilen bekam Georges einen Wutanfall , in dem er die Drehbank zu zertrümmern versuchte . Sie war von Eisen und widerstand ihm . Die paar Schräubchen , die er mühsam zerbrochen , ließ Josefine am nächsten Tage wieder ergänzen ; er hatte ihr erzählt , daß ein Knorren im Holz die Beschädigung angerichtet habe . Helene Begas war eine heimliche Raucherin , wie es heimliche Trinkerinnen gibt . Da sie das Rauchen für ein Laster hielt , zugleich aber sich einbildete , daß die ganze Welt oder wenigstens ganz Zürich auf die Studentinnen sähe , um ihre schlechten Gewohnheiten in der Zeitung bekannt zu machen , so pflegte sie allerlei Vorkehrungen zu treffen , ehe sie sich das leidenschaftlich geliebte Kraut anzündete . Die Fenster wurden geöffnet , die grünen Jalousien fest geschlossen , die Vorhänge zugezogen , das Schlüsselloch verstopft . Dann ließ sie ihre vollen Haare herunter , warf den Rock ab und legte sich in Pumphöschen aufs Sofa , die Zigarette im Munde , das Schächtelchen neben sich . In solchen Stunden kam sie sich welterobernd , revolutionär , gefährlich vor und dachte mit Entzücken an die entsetzten Mienen ihrer gut bürgerlichen Familie , falls diese sie jetzt erblicken würde . In ihrer Naivetät glaubte sie , daß niemand , auch Josefine nicht , von ihrer Leidenschaft wisse , obgleich der scharfe Duft in ihren Kleidern hing und ihr Zimmer ganz imprägniert hatte . Es war etwa vier Wochen nach Georges ' Heimkehr , tief in der Nacht . Josy war vor einigen Minuten aus der Frauenklinik gekommen , hatte die Flurlampe gelöscht und sich sofort in das große Eckzimmer begeben , in dem sie mit Rösli und Laure Anaise schlief . Sehr still war es . Die rauchende Studentin hatte Laure Anaises Atemzüge durch die dünne Wand gehört , dann Josefines Schritte dort nebenan , sie hörte sie die Uhr aufziehen , ihre Hände waschen . Unermüdlich , diese Josefine , dachte Helene und drückte sich tiefer in die Sofakissen . Es war so schön warm , sie hatte zum erstenmal Feuer heute abend , und ihre Zehen dehnten sich so wohlig in den kleinen braunen Lackschuhen auf der Sofalehne . Plötzlich fuhr sie zusammen : irgend ein ungewohnter Ton , etwas wie ein erstickter Schrei war erklungen . Schrie Rösli im Schlaf ? Nein , es wurde ja gar nicht geschrien , es war ja wie ein Scharren auf dem Boden , ein lautes Seufzen , ein schwerer Gegenstand erbebte , fiel , dann eine flüsternde Stimme : » Nun ? was ? was war das ? « Dann Laufen auf bloßen Füßen , etwas wie ein Rütteln , Stampfen ohne Schuhe , wieder Seufzer , Gemurmel , endlich nahende Schritte , ein Griff an Helenes Tür ... Schläge ... Helene Begas warf ihre Zigarette von sich , suchte den Türschlüssel auf der Tischdecke , steckte ihn ins Schloß , blies die Lampe aus und fragte mit beklommener Stimme : » Wer ? « » Leni ! « flüsterte es draußen . Die Studentin öffnete , und Josefine fiel ihr in die Arme , drängte sie ins Zimmer zurück und drehte selbst den Schlüssel um . Sie war außer Atem , ergriff Lenis Hand und hielt sie wie mit Zangen fest . Die Studentin sah angstvoll an ihr hin . Josy hatte das Kleid abgelegt , mit der Linken drückte sie einen kleinen dunklen Gegenstand an die entblößte Brust . Helene fuhr ihr mit der Hand übers Gesicht , es war wie mit kaltem Schweiß bedeckt , die Haare klebten an der Stirn . » Behalt mich hier , « sagte sie , » ich kann nicht dorthin . « Ihre rauhe Stimme brach einen Augenblick , ein unwillkürliches Schluchzen bewegte ihre Brust . » Nein , aber das - - « begann Helene . » Zünde an , Leni . Ach , so ein Weib zu sein ! Nun , wo sind deine Hölzli ? « Josefine zündete selber die Lampe an , ihr Gesicht war bleich und feucht , aber voll Entschlossenheit . Sie wandte sich zum Ofen : » Du hast noch Feuer ? Ist gescheit . « Sie nahm den kleinen Gegenstand von der Brust , lächelte sonderbar , ingrimmig und entschieden , hob das Säckchen empor und blickte es an , indes sie zum Ofen niederkauerte . Im Feuerschein glühte das rote Seidensäckchen mit den krausen Zeichen darauf . Josefine zog das rote Schnürchen auf und griff in das Säckchen ; eine handvoll brauner knitteriger Blätter kam zum Vorschein . Sie drückte ihren Mund hinein , sog den Atem der verdorrten Rosenblätter in sich und warf dann eins nach dem andern in das ersterbende Feuer ... Zuletzt zog sie zwei dünne Briefbogen hervor mit einer feinen , zarten Schrift . Sie warf sie in die Flammen , ohne zu zögern . Dann küßte sie das Säckchen , als sei dies das kostbarste von allem , sie biß hinein , und ihr starres Gesicht war plötzlich tränenüberströmt , die Stirn tief gerunzelt . » Was liegt daran ? « sagte sie dann und warf auch das rote Säckchen in den Ofen . Es verkohlte langsam , schwelte so hin , die goldenen Buchstaben , lauter Glücksverheißungen , wurden schwarz und rußig . Als es verbrannt war , war auch das Feuer schwarz und leblos , nur ein paar rötliche Funken irrten noch in dem Zunder . Josy drückte sie mit der Kohlenschaufel zusammen . Dann stand sie auf und setzte sich auf einen Stuhl . Sie hatte Helene Begas ganz vergessen . Helene aber saß in der Sofaecke und beobachtete sie , sprachlos vor Trauer und Mitleid . Leise legte sie der Freundin ein Tuch um die nackten , bebenden Schultern . Josefine schien es nicht zu fühlen . Wie aus tiefen Überlegungen heraus sagte sie emporgewendet : » Kannst du den Répin nehmen ? Es wäre schade - - « Sie vollendete nicht , sondern stand auf . » Dann bring ich das Bild sogleich . « » Nein , morgen ! ich fürchte - - « Helene wollte die Tür zuhalten . » Was fürchtest du ? « Josy lächelte spöttisch . » Meinst , ich fürcht ihn ? « Ihr Blick war so , daß die Mathematikerin einen Furchtschauer empfand . » Ich dachte , er schlüge dich , Josy , « sagte sie stockend . Josefine lachte drohend : » Er - mich ? O weh ! « Sie besah ihre Hände . Helene sprang zurück : » Josy ! « Als Josefine düster schwieg , näherte sie sich ihr und faßte schwesterlich ihren Arm . » Ich denke übrigens , « sagte die Studentin flüsternd , » vielleicht - wenn du ihn doch wieder auf-und angenommen hast - aber ich verstehe wohl nichts von Gefühlen - « » Nein , du hast recht ! verstehst nichts davon- - « Josefine musterte sie . » Ich meine aber doch , so , theoretisch gesprochen , was für einen Wert oder was für eine Wichtigkeit legst du hier einer Sache bei , die schließlich doch weit untergeordnetere Bedeutung hat als eure bürgerliche Gemeinschaft ? « » Glaubst du ? « fragte Josefine mit eindringlicher Betonung und mit dem erschreckenden Lachen . » Untergeordnete Bedeutung ? glaubst du ? « » Ja , ich meine , Josefine , bist du nicht grausam ? « Die Frau zuckte die Achseln . » Weiß nicht . Interessiert mich nicht . « » Ja , aber , sieh , du bist doch sonst so gut , so verständig auch , so klar - « Josefine senkte den Kopf , als ob eine Sturzwelle von Vorwürfen sich über sie ergösse . Der geneigte Nacken mit dem schweren Haar gab ihr einen rührenden , demütigen Reiz in Helenes Augen . » Du kannst ihm schließlich nicht verdenken , daß er dich liebt , « sagte sie an Josefines Ohr , » wir lieben dich ja alle ! Wie hat Hovannessian dich geliebt ! « Über Josefines Nacken rann ein Schauer . Seufzend richtete sie sich auf . » Was sprichst du ? schäm dich auch . « Dann schob sie Helene zurück . » Meinst , ich könnte - aus irgend einem Grunde in der Welt - einem zu eigen sein , den ich nicht will ? « fragte sie , rot vor Scham , » meinst du das ? Und wenn der Himmel einfällt - wenn ich ihn damit aufhalten soll - - « Sie schleuderte etwas von sich mit der linken Hand , wiederholte dann diese Bewegung noch heftiger und wie im äußersten Abscheu mit beiden Händen . » Das ist das einzige , was unmöglich ist , « stammelte sie , » und wenn es die Hölle hier wird - ist mir gleich ! Ich fürchte nichts ! Er wird schon lernen . Wir müssen unter Menschen gehen , Leni , er muß wieder Selbstgefühl kriegen ... « » Und du glaubst , das sei ein Ersatz für - « » Was verlangst du von mir ? « rief die Frau gereizt , » bin ich ein Mollusk , ein Tier ? Lieben , wen ich mag , gehören , wem ich mag - das ist mein Menschenrecht . « » Als verheiratete Frau hast du kein Recht - - « » So ? so ? das denkst du ? so feig denkst du , Mädle , so gering von dir und uns ? « schrie Josefine . Helene war etwas beleidigt . Sie zog sich hinter den Tisch zurück . » Wenn ich mich einmal versagt habe , wenn ich gebunden bin - dann bin ich eben gebunden , « sagte sie verwundert . » Zugleich gebunden und frei - das versteh ich nicht . « » Ja , wer alles verstünde ! « » Bist eben doch inkonsequent , Josefine . « » Mag sein . « » Aber das ist nicht gut . « » Wer ist immer gut ? Man tut , wie man muß . « » Und wenn er wieder - Exzesse - macht ? « » Ja ! « » Und wenn er wieder Exzesse macht , sag ich ? « » Und ich sage ja ! « » Was dann ? « » Weiß nicht . « » Josy ! « » Ja ? « » Du bist hart . « » Das Leben ist mit mir hart . « » Vielleicht , wenn er sich wieder zurückfände , zu dir - « » Nie ! niemals . « » Niemals ? das ist ein unhaltbares Wort zwischen Menschen , Josy , das sollte man nie aussprechen . « » Und ich sag ' s noch einmal ! « » Nun - dann - gib ihn frei , Josy , laß ihn eine andere finden ! Als Medizinerin - - « Josefine hielt sich die Ohren zu , Helene war unerbittlich . » Siehst du nun , wie schwer das ist ? Siehst du nun , was du auf dich genommen hast ? Viel zu unbedacht hast du gehandelt , hast dir Übermenschliches zugetraut ! Aber jetzt , nicht wahr , jetzt fürchtest du dich doch , daß du dich beschmutzen könntest ? jetzt wärst du selber froh , wenn du getan hättest , wie alle Leute dir rieten ? Josy , wirklich , ich habe dies kommen sehen ! Sobald ich deine Geschichte erfuhr , und dann , als ich ihn mit Augen sah- « Josefines hartnäckiges Schweigen ermunterte die Mathematikerin immer mehr . Mit einer Art Triumph sprach und sprach sie - ihre Genugtuung , recht zu behalten , war so groß , daß sie ihr Mitgefühl für die Freundin erstickte . » Du willst mit Menschen verfahren wie mit Schachfiguren , Josy , so einfach verfügen : stehe hier , aber keinen Schritt darfst du selbständig tun ! Das lassen die Menschen sich aber nicht gefallen ! Die haben auch ihren Willen , ihre Individualität , ihr Ich . Paßt es ihnen zufällig , so werden sie wohl stehen bleiben ; paßt es ihnen nicht , so kümmern sie sich wenig um deinen Willen . Solche künstliche Schranken aufrichten - das ist sehr leicht , aber die anderen zwingen , diese Schranken zu achten , das ist ganz was anderes ! « Hilflos , müde , mit verfallenem Gesicht hockte Josefine im Sessel . Nicht nur die Worte , auch die Gedanken versagten ihr . » Ich brauche etwas Schlaf - früh aufgewesen - « murmelte sie , die Augen schließend ; ihr Kopf mit der eckigen Wangenlinie und den abwärts gezogenen Mundwinkeln sank zurück . Sie schlief nach wenigen Minuten . Fräulein Begas schob ihr ein Kissen hinter den Kopf - mit einem kindlichen Lächeln , das sie ganz verjüngte , dankte Josefine , ohne die Lider zu öffnen . In dem stummen , unterirdischen Kampfe , der da im » Grauen Ackerstein « zwischen niederzwingenden und emporreißenden Gewalten geführt ward , gab es Waffenstillstand . Wie der Tiger , der den Sprung verfehlt hat , so war Georges in seine Stube zurückgeschlichen , gedemütigt , unterjocht , mit lahmen Gliedern . Er arbeitete an der Drehbank die nächsten Tage . Kam jemand zu ihm , so erhielt er von dem Emsigen kaum einen blöden , leeren Blick , ein mattes Gemurre ; er aß sehr stark , schlief viel , führte eine Art Pflanzenleben . Seine Frau war ganz durch Vorbereitungen zum Staatsexamen in Anspruch genommen . Dazwischen kamen Sorgen wegen der Dissertation . Josefine hatte eine große Anzahl Mikrophotogramme für ihre Abhandlung bereit , deren Wiedergabe im Druck unerwartete Schwierigkeiten verursachte . Sie kam mit einem mißlungenen Cliché zu Georges , um seine Meinung zu hören . Ganz unbefangen kam sie , frisch und eifrig ; wie Mann zum Manne sprach sie zu ihm . Es war das erste Mal