Ich wollte es nicht früher sagen , als bis die Annahme sicher war . « » Und welches Ihrer Stücke ? « » Mein letztes , noch nirgends aufgeführtes - von dem Sie den ersten Akt uns vorgelesen haben - « » Ah - Der tote Stern - ? Den haben Sie zu Ende geführt - und mir in Ihren Briefen kein Wort ? ... « » Meine Ambition war , daß Sie die folgenden Akte nicht im Manuskript , sondern von der Bühne aus beurteilen sollen . « » Ich werde furchtbar zittern bei der Première . « » Zittern ? Für mich ? « » Für Sie , für das Stück , für mich - ich könnte es nicht vertragen , wenn das Publikum keinen Beifall zeigte - « » Wenn das Stück durchfiele , meinen Sie ? ... Wer weiß , ob es vor Ihnen Gnade findet ? Vielleicht müßte Ihnen dessen Fiasko gerechtfertigt erscheinen . « » Werde ich denn überhaupt urteilen können , wenn ich zittere ? Nur wenn Sie mir das Ganze zu lesen gäben , könnte ich mir klar werden , ob ich ' s schön finde oder nicht . Erzählen Sie mir doch wenigstens , wie Sie die Handlung weitergeführt haben - « » Nichts erzähle ich , Gräfin Sylvia . Ich habe mich zu lange darauf gefreut , Ihnen meine Dichtung in fertiger Gestalt und lebendig und neu vor die Augen zu führen . Ihnen ganz allein wird es vorgespielt werden - das übrige Publikum wird für mich gar nicht anwesend sein . « Sie sprachen dann von dem großen Ereignis in Sylvias Familie , Rudolfs Verzicht auf das Majorat . Es tat Sylvia wohl , zu hören , wie groß Hugo die Sache auffaßte , mit welchem weiten Blick er die von ihrem Bruder gewählten Wege und Ziele umspann . » Mich nennen Sie Dichter , Gräfin ? « sagte er . » Nun ja , mit geschriebenen Bildern und Worten dichte ich , aber Rudolf tut es mit Handlungen , mit kühnen begeisterungsglühenden Taten ... was er unternommen hat , kann zum hinreißendsten Poem werden . « So sprachen sie lange über allerlei Dinge . Aber etwas Unausgesprochenes lag zwischen ihnen ; etwas , woran beide dachten , und wovon jedes wußte , daß es in den Gedanken des anderen obenauf war . Es zitterte in ihren Stimmen , es blitzte in ihren Augen auf , es tönte in ihrem Schweigen nach , wenn manchmal die Unterhaltung stockte . In einer solchen Pause geschah es , daß ihre Blicke sich begegneten und wie liebkosend aneinander hängen blieben . Er war glücklich , sie so schön zu sehen - und auch sie empfand es wie eine Freude , daß seine Erscheinung so harmonisch zu seiner Künstlerseele paßte : edle Züge , leuchtendes Auge und dabei in Art und Ton , in Kleidung und Bewegung - tadelloser Weltmann . Diesen Menschen zu lieben , war man wahrlich entschuldbar ... sie war stolz auf ihn - und fast stolz auf sich , daß ihr Herz sich einem so Würdigen geschenkt . Nach einer kleinen Stunde , die ihnen verflogen war , wie fünf Minuten , mußte er gehen - der Direktor erwartete ihn . » Wann darf ich wiederkommen ? « » Morgen um dieselbe Stunde . « Der Abschiedsgruß war ein langer , fester . Stumm sagten sie einander durch diese warmen , bebenden Hände : Herrliche , auf Wiedersehen ! - Auf Wiedersehen , Lieber ! XXI Rudolfs Schrift war erschienen ; - eine Anklageschrift ; der Titel lautete » das Verbrechen der Kulturmenschheit « . Zugleich gab er eine zweite - eine Verheißungsschrift heraus : » Das Glücksfüllhorn der menschlichen Kultur « . In der ersten war die ganze Schale seines Zornes auf die Heuchelei , den Blödsinn und die Grausamkeiten ausgegossen , die den herrschenden , sogenannten Kulturzuständen zugrunde liegen . In der zweiten ließ er seiner Begeisterung und seiner Einbildungskraft freien Lauf , um zu schildern , wie das Erdenleben sich gestalten müßte , wenn neben den märchenhaften Errungenschaften der technischen Kultur auch die ethische zur Geltung käme , das heißt : wenn Wahrhaftigkeit , Vernunft und Güte alle gesellschaftlichen Verhältnisse regelten . Absichtlich hatte er diese beiden Aspekte wie er die Welt sah - und wie er sie sehen wollte , nicht in eine Arbeit verschmolzen , sondern getrennt , um Zorn und Verheißung mit gleichem Feuer vertragen zu können - nicht das eine durch das andere gedämpft . Das nächste Ergebnis dieser Veröffentlichung war - daß die Broschüren so gut wie gar nicht gelesen wurden . Sowohl die Anklage blieb ungehört , als auch die frohe Botschaft . Zwar brachten einige Blätter Notizen ; aus Bekanntenkreisen erhielt er einige anerkennende - auch zwei oder drei tadelnde , von anonymen Schreibern sogar einige grobe Briefe - aber eine Revolution machten die Schriften nicht , nicht einmal Lärm . Es war da wieder einmal ein Fingerhut voll Pulver zum Sprengen einer Gebirgskette angewendet worden . Aber gleichviel . Eine kleine Schrift von unberühmter Feder kann die Welt nicht aufstören . Ihr Zweck war auch ein anderer . Rudolf hatte sich sozusagen das Programm vom Herzen geschrieben , das er seinem Apostolat zugrunde legen wollte . Er wußte ja , daß das , was er unternahm , eine langjährige Kampagne werden mußte , um irgendwie durchzudringen - und vorläufig war in den beiden Schriften zu dieser Kampagne der Plan abgesteckt . Er hatte hineingelegt , was ihm in manchen Nachtstunden überkam , wenn er zwischen Wachen und Träumen lag und an sein Lebenswerk dachte - nämlich , tiefgeekelte Entrüstung über obwaltende Schildbürgereien , Bosheiten und Gemeinheiten und dann wieder frohlockendes Erfassen der Glücksmöglichkeiten einer schöneren Zukunft und der schon vorhandenen Ansätze dazu . Er mußte sich aber selber sagen , daß seine Ausführungen , wie sie da auf dem Papiere standen , nur ein ganz matter Abklatsch jener nächtlich heftigen Gefühlsanwandlungen und grellen Gedankenblitze war , das kam daher - sagte er sich : zum Schreiben hat man nur Worte , - festgeprägte , an alte Erkenntnisse geknüpfte Worte , die Gedanken hingegen , vom Gefühle sekundiert , operieren mit Ahnen und Sehnen , mit inbrünstiger Neuerkenntnis von Dingen , für die im bestehenden Wortschatz der Ausdruck noch nicht geprägt ist . » Wenn ich denke , « so erklärte er einmal im Gespräch mit Kolnos diesen Kontrast : » so bewegt sich mein Geist mit Schwingen und wenn ich schreibe - in Galoschen . « Unter den Briefen , die ihm infolge seiner Publikation zugekommen waren , fiel ihm einer auf in verstellter Frauenhand und ohne Unterschrift . Es waren nur wenige Zeilen : » Die Lektüre Ihrer beiden Schriften - die Titel sind mir zu lang , ich nenne sie die Hölle und das Paradies - haben mich tief ergriffen und ich muß es Ihnen sagen . Wenn Sie auch nicht wissen , wer es sagt - ich glaube , es wird Ihnen immerhin lieb sein , zu erfahren , daß Ihre Worte eine Schwesterseele - die empfängliche Seele eines jungen Weibes - in gehobenste Mitschwingung versetzt haben . Übrigens nicht um Ihnen angenehm zu sein , schreibe ich dieses , sondern um meine eigene Sehnsucht zu befriedigen , die Sehnsucht , Ihnen zu sagen , daß mein Herz in hingebender Bewunderung für Sie schlägt . Das niedergeschrieben zu haben und mir vorzustellen , daß Sie es lesen werden , das tut diesem Herzen wohl . « Rudolf war nicht unempfänglich für den warmen Ton , der aus dem anonymen Briefchen sprach . Aber nachdem er es beiseite geschoben , und die anderen mit gleicher Post angelangten Zuschriften las , dachte er nicht mehr daran . Was ihm mehr zu denken gab , war ein amtliches Schreiben aus dem Kriegsministerium , das ihn für den nächsten Vormittag , zehn Uhr , in die Kanzlei des Ministers beschied . Er ahnte wohl , was da kommen würde . Der Gang war ihm ein unangenehmer , aber er mußte getan werden . Am folgenden Tag fand er sich pünktlich zur bestimmten Stunde am bestimmten Orte ein . Der Kriegsminister war ein Vetter vierten Grades seines verstorbenen Vaters und oft war er mit ihm in befreundeten Häusern zusammengekommen , hatte ihm auch einmal als Jagdgast in Brunnhof empfangen . Aber diesmal sollte er dem Gestrengen nicht in verwandtschaftlichem , noch in gesellschaftlichem , sondern in dienstlichem Verhältnis gegenüber treten , in seiner Eigenschaft als Oberleutnant der Reserve . Der Minister war allein in seinem Kabinett , als Rudolf , von einem Ordonnanzoffizier gemeldet , dasselbe betrat . Der alte Herr , dessen Physiognomie immer eine martialische war , nahm einen ganz besonders strengen Ausdruck an und mit schnarrender Stimme sagte er : » Ah - Herr Oberleutnant Dotzky - kommen Sie nur her . « Rudolf , der in einiger Entfernung salutierend stehen geblieben war , trat näher . Die Ansprache bedeutete nichts gutes . Außerdienstlich waren die beiden Männer auf dem Duzfuße . Das unfreundliche » Sie « kehrte den Vorgesetzten heraus . » Sagen Sie « - er nahm von seinem Arbeitstisch zwei gelbe - Rudolf gar wohlbekannte Hefte und hielt sie , eins in jeder zitternden Hand - in die Höhe - » haben Sie diese beiden Wische geschrieben ? « » Ja , Exzellenz . Ich habe die Schriften ja auch gezeichnet . « » Aber Sie Unglücksmensch - wissen Sie , was nun geschehen muß ? « » Ich kann es mir ungefähr vorstellen . Ich werde aus dem Armeeverband scheiden müssen . « » Und eine solche Schand ' - die wollens so gleichmütig hinnehmen ? « » Ich habe mir das Recht , zu sagen was ich will , schon sehr hoch bezahlt , indem ich auf das Majorat verzichtet - da kommt es auf einen Verzicht mehr oder weniger nicht an . Als Schande empfinde ich die Freiheit nicht . Ich werde eines Ranges für verlustig erklärt , der mich zwingen soll , Dinge mit anzusehen , die ich verurteile . Diese Verlusterklärung ist berechtigt , aber sie beschämt mich nicht . Wäre es möglich , einfach seinen Austritt aus der Reserve anzumelden , so hätte ich es getan , da das aber nicht angeht , so - « » Aber Dotzky - bist Du denn ganz verrückt , « unterbrach der Minister , in das verwandtschaftliche Du zurückfallend - » ist die Geschichte mit dem Majorat wirklich wahr ? Ich hab ' s nicht glauben wollen . « » Ja , ich will ungebunden sein . « » Das ist ja niemand auf der Welt . - Jeden binden Pflichten - von unserem allerhöchsten Kriegsherrn angefangen , an dessen Pflichttreue jeder sich ein Beispiel nehmen kann . « » Gewiß . Aber auch ich habe nur aus Pflichtbewußtsein gehandelt . « » Und was in aller Welt willst Du denn mit solchen revolutionären Schriften erreichen ? Ich habe meinen Augen nicht getraut wie ich ' s durchgeblättert hab ' . « » Ich bin nicht revolutionär . Ich sage was schlecht ist in unserer Gegenwart und was gut werden könnte in der Zukunft . Ich sage aber nicht , daß der Weg vom schlechten Alten zum guten Neuen über die Revolution führt . Von Gewalt will ich nichts wissen weder von oben , noch von unten . Nicht eine Zeile wird in diesen Schriften zu finden sein , die zu irgend einer Gewalttätigkeit aufreizen will . « » Und ich sage Dir , es ist nicht eine Zeile darin , vom Titel angefangen , die nicht Auflehnung bedeutet . Verbrechen der Kulturmenschheit . Mein Amt ist auch ein Stück unserer Kultureinrichtungen ... Bin ich ein Verbrecher ? ... Kurz , Sie haben sich unmöglich gemacht . - Ich hätte Sie für gescheiter gehalten . Wissen Sie denn nicht , daß ein Soldat nicht offene Kritik üben darf an Dingen wie die Gesellschaftsordnung oder gar am Militär selber ? « » Wer darf also Kritik üben - da bei der allgemeinen Wehrpflicht jeder Mann Soldat sein muß - nur Frauen , Kinder , Greise und Krüppel ? Und da faselt man von Freiheit - « » Du hast furchtbar vertrakte Ideen . Aber schließlich - ich will die Sache zu applanieren trachten . Es hängt ja in letzter Instanz doch von mir ab . Wenn Du wirklich nachweisen kannst , daß Du nichts direkt Beleidigendes und nichts zur Auflehnung Ermunterndes gesagt und gemeint hast , und auch in Zukunft - « » Auch in Zukunft werde ich nie zur Gewalt aufmuntern oder zum Hasse aufhetzen . Diese beiden Dinge sind ja eben das , was ich bekämpfe . « » Halte Dich in Zukunft lieber ganz still - « » Wenn das die Bedingung Ihrer Nachsicht sein soll , Exzellenz , dann möchte ich schon bitten , es bei der Strenge bewenden zu lassen - denn zum Schweigen kann ich mich nicht verpflichten . « » Na , wir werden ja sehen , wie Du Dich weiter aufführst . Einstweilen betrachten Sie sich als gewarnt , Herr Oberleutnant Graf Dotzky . « Und damit war Rudolf entlassen . Er verließ das Kabinett des Ministers in trüber Stimmung ... Es war ihm , als fühlte er Kugeln an den Füßen und Handschellen an den Händen . Das ganze Kriegsgebäude , das er nun durchschritt , mit seinen schmucklosen Sälen , seinen weiten Gängen , seinen Treppen , über die uniformierte Menschen auf und nieder eilten , machte ihm den Eindruck eines Gefängnisses . Und vor dem Tor die schwarzgelbe Barriere , die Schilderhäuschen , der Trupp von Soldaten , die neben dem Tor auf der Bank saßen - das alles , was er doch so oft gesehen , erschien ihm heut in ganz neuem Licht ... wie eine Mahnung , daß das Bestehende feststeht , daß es voll organischen Lebens ist und daß die Versuche , es umzustoßen , daran zerstieben müssen , wie der Schaum einer kleinen Welle am Meeresfelsen . Und als er nun ganz herausgegangen und den Platz » am Hof « vor sich sah , erschien ihm auch diese altbekannte Szenerie in einem ganz besonderen Licht . Es hatte die ganze Nacht geregnet , das Pflaster glänzte im schwarzen Naß und es regnete noch immer ; zugleich brach aber ein Sonnenstrahl aus den Wolken und spielte um das Haupt des Radetzky-Denkmals . Der alte Feldmarschall sitzt zu Pferde , dem Kriegsgebäude kehrt er den Rücken und mit der ausgestreckten Hand scheint er die zahlreichen Hökerinnen zu segnen , die auf diesem Platze allmorgendlich Gemüse verkaufen . Auf der andern Seite des Platzes , dem Kriegsgebäude gegenüber , steht das Palais der Nunziatur - auch so ein ragender Fels , an dem so manche Wellchen zerschellen ... Es war ein lärmendes Gewimmel , vor allen Ständen die feilschenden Köchinnen mit ihren Einkaufskörben , auf dem Straßenpflaster das Gerassel der Fiaker , Einspänner , Omnibusse , Frachtenwagen und auch - von allen Gefährten das jammervollste - ein Kälberwagen ; hin- und hereilende geschäftige Leute , die mit ihren Regenschirmen aneinander stießen - das Ganze ging Rudolf furchtbar an die ohnehin gespannten Nerven . Es überkam ihn jenes müde und traurige Gefühl , das sich in dem Stoßseufzer Luft machte : Ach , tot sein ! ... Und da fielen ihm seine Toten ein . Die liebliche Beatrix , mitten aus der Jugendfülle und von des Lebens Höhen in die finstere Gruft geschleudert - und sein armer kleiner Fritz ! Was gäbe er darum , wenn er die beiden noch besäße ... unvergossene Tränen schnürten ihm die Kehle zu . Als er aber wieder in seine Wohnung gekommen und an den Schreibtisch trat , auf dem die unterdessen eingelaufenen Briefe und Blätter und seine angefangenen Arbeiten lagen , da ward diese Anwandlung mutlosen Trübsinns bald verscheucht . Die Sorgen , die sein eigenes Los betrafen , mußten verschwinden angesichts der großen Sache , der sein Leben nun ganz geweiht war . Die Briefe , die mit der letzten Post gekommen waren , trugen viel dazu bei , die niedergeschlagenen Gefühle zu bannen , die ihn beim Verlassen des Kriegsministeriums übermannt hatten . Dort war er in der so starr und unumstößlich scheinenden alten Welt gewesen , wo alles wie in enge Eisenreifen eingeklemmt ist ; und die Briefe hier brachten Kunde der verheißungsreichen , sich dehnenden , werdenden Welt . Signale von Mitkämpfenden , Mithoffenden , Mitwissenden . Es war ihm , als riefen alle diese ihm zu : Nur Mut , nur Ausdauer - wir sehen schon die gelobte Stadt , wir rütteln an ihren Toren - hilf mit ! XXII Am nächsten Tag - wie es ihm gestattet worden - und an den nächstnächsten kam Bresser wieder . Fast niemals traf er Sylvia allein ; aber wenn auch ein Dutzend Menschen trennend zwischen ihnen war , die beiden Liebenden wußten sich zu finden , durch beziehungsvolle Worte , durch stumme Blicke oder auch durch den Kontakt gleichgestimmter Gedanken und gleichschwingender Wünsche . Im Tete-a-tete waren sie einander eher ferner , denn da überkam sie beide eine eigene Schüchternheit und Angst . Und diese Angst zu vertreiben , sprachen sie mit erzwungener Kälte von gleichgültigen Dingen - so wie gespensterfürchtende Kinder im Finstern laut zu singen beginnen . Hugo wußte sich geliebt . Dieses Bewußtsein erfüllte ihn mit so überwältigendem Glück , daß er nicht wagen wollte , die angebetete Frau durch ungestümes Werben zu erschrecken . Die Leidenschaft für Sylvia füllte ihm auch nicht - eben jetzt - die ganze Seele aus . Die Proben seines Stückes nahmen ihren Fortgang ; dadurch war er in fieberhafte Aufregung versetzt . Vom Schicksal gerade dieser Dichtung , in die er sein Bestes gelegt , hing so furchtbar viel für ihn ab . Neben der Frage des Erfolges oder Mißerfolges an einer so entscheidenden Stätte , wie das Wiener Burgtheater , stand noch mehr auf dem Spiele : sein ganzes Selbstvertrauen ; denn würde diese Arbeit durchfallen , so mußte er an seinem Talent verzweifeln ; und umgekehrt , gefiel sie , so wäre ihm in seiner Kunst der weitere Siegesaufstieg sicher . Und die aufregendste Alternative von allen : vor ihr , vor Sylvia , als gefeierter Dichter oder als durchgefallener Autor dazustehen - sie zu glühender Bewunderung hinzureißen oder zu mitleidiger Enttäuschung stimmen ... Er wohnte sämtlichen Proben bei und übte strengste Selbstkritik . Vieles erschien ihm matt und farblos und im Lauf der Proben nahm er verschiedene Striche und Änderungen vor . Bei Tag und Nacht feilte er noch in Gedanken an dem Werk . Sylvia indessen , die keine solche Ablenkung hatte , war mit ihrer Seele im Banne ihrer neuen , täglich wachsenden Leidenschaft . Sie wehrte sich umso weniger gegen deren berauschende Macht , als Hugos ehrfurchtsvolle Zurückhaltung sie in Sicherheit wiegte . » In Reinheit durchs Leben gehen « - diesem Vorsatz durfte sie nicht untreu werden , aber da war keine Gefahr ; ihr Dichter selber , das war ja ersichtlich , mischte kein profanes Begehren in seine Herzenshuldigung - auch er liebte » in Reinheit « . » Sylvia , ich möchte ein ernstes Wort mit Dir reden « - damit trat eines schönen Tages Delnitzky in das Zimmer seiner Frau , die eben beschäftigt war , in einem Bande Bresserscher Gedichte zu lesen . Sie blickte überrascht auf . Der Umgang der beiden Gatten war seit letzter Zeit ein ganz förmlicher geworden ; nur in Anwesenheit anderer sprachen sie mit einander , unter vier Augen hatten sie sich nichts zu sagen , am allerwenigsten » ernste Worte « . Sie legte das Buch aus der Hand : » Was gibt ' s ? « Anton setzte sich neben den Tisch an der Seite ihrer Chaiselongue und schaute das weggelegte Buch an . » Aha , das stimmt , « brummte er . » Was stimmt ? « » Diese Lektüre - mit den Dummheiten , die Du machst . « » Ich verstehe nicht . « » Du läßt Dir von diesem Skribifax die Cour machen - die ganze Stadt spricht schon davon , und wie steh ' ich da ? « » Wie Du dastehst ? - verzeih , das weiß längst die ganze Stadt , vor der ist es kein Geheimnis , daß Du - « Er ließ sie nicht ausreden : » Das ist was anderes ... wenn über mich getratscht wird , so hat das weiter keine Bedeutung - ich bin ein Mann . Aber ich kann nicht dulden , daß meine Frau Anlaß zu übler Nachrede gibt , und ich verbiete einfach - « Jetzt sprang Sylvia auf . » Du , mir ? Dazu hast Du das Recht verwirkt . Ich habe mir nichts vorzuwerfen und ich lasse mir nichts verbieten . « » Na , na , echauffier ' Dich nicht so . Daß Du Dir nichts vorzuwerfen hast , glaube ich ja - ich kenn ' Dich als viel zu wohlerzogen , als daß Du - und besonders mit so jemand - Dir was vergeben würdest . Aber Du kompromittierst Dich - und damit auch mich ... Ein guter Freund hat mir ' s gesteckt - und ich denke , es genügt , wenn ich Dich aufmerksam mache , daß die Leute reden ... da wirst Du von selber der Sach ' ein End ' machen und mir dankbar sein , daß ich Dich rechtzeitig gewarnt hab ' ... denn was kann einer Frau teurer sein als ihr guter Name ? Schon Skandal genug in der Familie , daß der Rudi solche Narrheiten macht und ganz vergißt , was er seinem Rang schuldig ist . « » Kein Wort mehr über meinen Bruder ! « rief Sylvia zornig . » Wenn ich auch nichts reden würde , die übrige Welt nimmt sich kein Blatt vor den Mund . Man bedauert die arme Baronin Tilling , daß ihr Sohn ihr so wenig Ehre macht - so soll doch wenigstens die Tochter ... Kurz « - er stand nun auch auf - » Du verstehst mich schon - das Ganze ist ohnehin peinlich , reden wir nicht mehr davon ... Verbiete dem preußischen Zigeuner das Haus - das ist ja ganz einfach . « Bleich und zitternd stand Sylvia da . Sie rang nach Worten , fand aber keine . Er nahm einen gemütlichen Ton an : » Brauchst Dich nicht weiter zu alterieren - die ganze G ' schicht ' kann dann vergessen sein « - und er schritt der Tür zu . Sie blickte ihm nach , noch immer stumm . Die Klinke in der Hand , drehte er den Kopf zurück : » Also ausgemacht ? - Keine Antwort ? Mir auch recht . « » So , da kommt ohnehin die Mama - küß die Hand , Mama , kommst gerade recht ... Die Sylvia ist ein bissel aufgeregt , weil ich ihr einen guten Rat gegeben hab ' ... sie soll ' s Dir erzählen ... Wie ich Dich kenne , wirst Du mir recht geben - ich laß Euch allein . Adieu . « Martha erschrak über den Gesichtsausdruck ihrer Tochter . Es lag etwas darin , was sie vorher niemals an ihr gesehen ; die Augen sprühten unheimlich und die Lippen bebten wie in verhaltenem Zorn . Sie blieb regungslos . Martha ging auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Achsel . » Was ist denn geschehen ? Habt Ihr einen Auftritt gehabt ? Wegen Fräulein Irma ? « » Nein , wegen Hugo Bresser . « » Ah so « - sagte Martha gedehnt . Sie ging hin und setzte sich . » Und Toni sagte , ich würde ihm recht geben ... ich gestehe , Sylvia , daß ich heute auch die Absicht hatte , mit Dir über denselben Gegenstand zu reden . « Sylvias Atem ging noch immer kurz . Das Zittern ihrer Lippen hatte nicht aufgehört . Jetzt ließ auch sie sich in einen Fauteuil sinken , der Mutter gegenüber . » Laß hören , « sagte sie . » Ich möchte vorher wissen , was zwischen Dir und Deinem Mann vorgefallen - und aus welchem Anlaß ... Du hast Dir doch nichts zu schulden kommen lassen ... Warum bist Du so verstört ? « » Weil ich empört bin , empört ! Dieser Mensch , der mich seit Jahr und Tag betrügt - nein nicht einmal betrügt , sondern mir ins Gesicht die Treue bricht - der wagt es , mir Befehle zu erteilen , auf daß ich mich und ihn nicht kompromittiere - seine Ehre hängt also nicht von ihm ab , sondern von dem , was ich tue oder lasse ... « » Das ist schon einmal so , liebes Kind - die Untugend eines Gatten gibt der Frau kein Recht , ihren eigenen Ruf aufs Spiel zu setzen ... Wenn es in der Welt hieße , daß dieser junge Bresser - « » In der Welt , in der Welt ! ... das ist doch nicht das höchste , diese Welt , in der es heißt - diese blöde , widerspruchsvolle , ungerechte Welt , in deren Vorurteilsnetzen auch meine sonst so gedankenkühne Mutter gefangen ist - - « » Aber Sylvia ! « » Ja , ja - den Militarismus , so das , worauf unsere ganzen Staaten ruhen , das , was unserer Fürsten Lieblingsbesitz und unserer Adelsfamilien Existenzgrundlage ist , das möchtest Du nur so wegblasen . - Die himmelschreiende Ungerechtigkeit aber in der Gesellschaft , mit Bezug auf die Pflichten von Mann und Frau , die siehst Du nicht - da soll man sich fügen , da sagst Du , es ist schon einmal so ... Der Mann mag Liebschaften haben , soviel er will - ohne auch nur den Schein zu wahren , die Frau aber soll alles dulden , muß ihr Herz und ihre Sinne ersticken , ihrem Glück entsagen - nur damit die famose Welt nicht tuschelt ... eine Welt noch dazu , die ihre Gesetze nicht einmal einhält , sondern täglich im Geheimen übertritt - geheim muß es nur sein ... Nein , Mutter , siehst Du nicht ein , daß da ein Unrecht , eine Knechtschaft herrscht , die mit den andern Formen von Sklaverei und Unglück sich messen kann , gegen die Du Dich auflehnst , wie es mein Vater getan und wie Rudolf es tut ! « Martha war betroffen . In dieser Richtung hatte sie in der Tat niemals einem auflehnenden Gedanken Raum gegeben . Sie antwortete nichts . Da sie ihrer Entrüstung Luft gemacht , fühlte sich Sylvia wieder ruhiger . Sie stand auf und ging zu ihrer Mutter hin : » Im übrigen , Mama , « sagte sie , indem sie den Arm um Marthas Schulter legte , » sei mir nicht böse , und sei nicht besorgt . Ich habe mir wirklich nichts vorzuwerfen - aber von Anton lasse ich mir nichts befehlen . « » Und von mir nichts predigen ? « » Auch das nicht , liebste Mutter . Ich kann und will allein fertig werden mit meinem Herzen und meinen Pflichten . « » So gibst Du zu , daß Du Pflichten hast ? « » Die hat jeder - es kommt nur darauf an , gegen wen - « » Du meinst , gegen sich selber ? « » Reden wir jetzt von anderen Dingen , bitte . Was hörst Du von Rudolf ? « Martha blieb nicht lange . Die Erregung und die Worte ihrer Tochter hatten sie erschüttert . Über die Sache weiter zu reden , nachdem Sylvia erklärt hatte , sie wolle allein mit sich fertig werden , ging nicht gut an und von anderen Dingen zu sprechen , war sie nicht aufgelegt . Also brach sie ihren Besuch vorzeitig ab . Kaum war sie einige Minuten fort , als der Diener meldete : » Herr Bresser . « Sylvia mußte einen Aufschrei unterdrücken . Eine warme Woge schwellte ihr das Herz . Nach dem Vorgefallenen hätte ihr keine Nähe zugleich verwirrender und teurer sein können , als die Nähe des jungen Dichters . - Nach drei Seiten Bretterwände mit Nägeln und Mauern mit Glasscherben und nur eine Seite frei , wo ein lichtübergossener Pfad hinausführte aus all dem Dunkel und auf diesem Pfad - bereit , ihr das Geleit zu geben : Hugo Bresser . So empfand sie in dieser Minute . Hätte er seine Arme geöffnet - sie wäre hineingesunken und hätte dabei nicht den geringsten Skrupel gehegt , daß dies etwa nicht in Reinheit geschehen . Er aber , förmlich wie immer , verbeugte sich , und die kleine zitternde Hand führte er respektvoll an seine Lippen . Er bemerkte ihre Blässe und ihren ungewohnten Ausdruck . » Sind Sie nicht ganz wohl , Gräfin ? « » O ja , ganz wohl . Setzen Sie sich , bitte . « Er gehorchte . » Ich täusche mich nicht , Gräfin Sylvia , Sie sind in einer außergewöhnlichen Gemütsverfassung ... doch , ich habe keinen Anspruch auf Ihr Vertrauen . « Sie antwortete nichts . Nach einer Weile sagte er leise : » Sie sind nicht glücklich ... « Und sie noch leiser : » Nein , nein , nein - glücklich bin ich nicht . « » Sylvia ! « Zum ersten Male nannte er sie so . Sie schauerte , doch sie rügte es nicht . Sie hob nur die Augen und schaute ihn tief und rätselhaft an . Unter diesem Blicke erschauerte nun er , und das lang zurückgehaltene Geständnis drängte sich hervor : » Sie wissen doch , nicht wahr , Sie wissen es , daß - « Sylvia erriet an seinem Gesichtsausdruck , an dem Ton seiner Stimme , was jetzt kommen sollte und sie unterbrach ihn mit einer heftig abwehrenden Handbewegung : » Ich weiß ,