ohne sie als Dschamikun anzuhalten , hielt ich für höchst sonderbar . Daß sie nun verschwunden sind , ohne daß du es für nötig gehalten hast , uns ein Wort darüber zu sagen , das kommt mir sogar bedenklich vor . Darum will ich dir deine Frage nach unserm Vertrauen jetzt noch nicht beantworten . Du wirst schon ganz von selbst bemerken , ob es wiederkehrt oder verschwunden bleibt . Jetzt wollen wir den unterbrochenen Weg fortsetzen . « Er sagte nichts , lenkte um und ritt mit seinen Begleitern wieder aus der Schlucht hinaus . Erst nach einiger Zeit blickte er sich einmal um , damit er sehe , ob wir ihm folgten . Natürlich thaten wir das . Draußen stießen wir zu dem Trupp , der auf uns gewartet hatte , und ritten dann mit diesem weiter , indem wir die beiden Letzten des Zuges waren . » Sonderbar , das mit den Gefangenen ! « sagte Halef nach einiger Zeit , während welcher er still an sich niedergesonnen hatte . » Glaubst du , Sihdi , daß ich seit unserm Aufbruche gar nicht an diese Leute gedacht habe ? « » Ich bemerkte das . « » Und aber du ? « » Ich sah erst heut früh , daß sie fehlten . « » Und hast gegen mich geschwiegen ! « » Du warst so heiter wie in den letzten Tagen selten . Ich wollte dich nicht ohne Not bedenklich stimmen . « » Weil du mich wegen meiner Krankheit schonen willst ; ich weiß es ! Glaubst du noch an sie ? « » Ja . « » So gieb mir jetzt wieder die Arznei ! « » Halef ! « rief ich . » Fühlst du dich wieder unwohl ? « » Nein . Aber die Alte ist wieder da . Sie hat sich heimlich herangeschlichen . Sie sitzt hinter mir auf dem Pferde und streicht mir mit eiskalter Hand am Rücken auf und ab . Sie muß wieder fort . Gieb mir das Mittel ! « Ich hatte während der letzten Stunden in Beziehung auf das Fieber nicht auf ihn geachtet . Jetzt sah ich seine Augen glänzen . Sie hatten einen unstäten , ängstlichen Blick . Ich nahm das Chinin aus der Satteltasche und gab ihm davon . Er nahm es ein , und dann wurde es für längere Zeit still zwischen uns . Dieses Schweigen hatte seinen Grund zunächst in der Besorgnis , welche ich in Beziehung auf Halef von neuem hegte . Sodann aber war mir auch in Betreff meiner selbst ein Gedanke gekommen , welcher sehr geeignet war , mich zu beunruhigen . Wir hatten in jüngster Zeit ganz bedeutende Fehler begangen , Fehler , welche eigentlich für uns hätten unmöglich sein sollen . Hierzu kamen , wenn ich nachdachte , eine ganze Menge kleinere Sonderbarkeiten , die uns eigentlich gar nicht geläufig waren . Vor allen Dingen fragte ich mich , wie es möglich gewesen war , daß wir hatten von dem Lager der Dinarun aufbrechen können , ohne vorher über unsere Gefangenen zu bestimmen . Hierauf fiel mir ein , daß es doch eigentlich geraten gewesen wäre , uns die Leichen oder die Gräber der beim Ueberfalle der Herden ermordeten Wächter zeigen zu lassen . Auch das hatten wir nicht gethan . Wie war es für uns alte , erfahrene , doch sonst so scharfsinnige Leute möglich gewesen , uns solcher Unterlassungssünden schuldig zu machen ? Bei Halef war die Krankheit schuld . Was aber bei mir ? War ich plötzlich vergeßlich geworden ? Hatte ich die Schärfe meiner Denkkraft eingebüßt ? Woher kam auch bei mir die sonderbare Müdigkeit , die ich gar nicht beachtet hatte , obgleich sie von Halef schon einige Male erwähnt worden war ? Ich befinde mich in dem Besitze einer Konstitution , wie nur selten ein Mensch sie hat . Meine Gesundheit macht für mich den Gedanken , krank zu sein , fast zur Unmöglichkeit . Und wenn ich ja vielleicht einmal unwohl sein sollte , so glaube ich es nicht . Ein Zustand , über welchen andere klagen und sehr besorgt sein würden , ist für mich eine kleine , gar nicht beachtenswerte Unpäßlichkeit , über die ich kein Wort verliere . Nun aber jetzt , da mir der erwähnte Gedanke gekommen war , that ich das , was ich bisher versäumt hatte : Ich nahm nicht Halef , sondern einmal auch mich selbst her , um mich auf mein Wohlbefinden hin zu untersuchen , und da - man lache nicht ! - geschah das Unerwartete , daß das » alte , zahnlose Weib « mir in die Ohren raunte , daß sie auch bei mir zu Gaste sei . Der Gedanke an die Möglichkeit brachte die Erkenntnis der Wirklichkeit . Was ich bisher nicht beachtet , ja fast kaum empfunden hatte , das trat mir jetzt im Handumwenden deutlich ins Gefühl : Mein Kopf war eingenommen , meine Stimmung unlustig , mein Geist ermüdet und mein Körper nicht mehr von der gewohnten Beweglichkeit . Diese Entdeckung machte ich , und kaum hatte ich sie gemacht , so - - so - - - war es mir , als ob in diesem Augenblicke mein Stirnbein doppelt dick geworden sei und mir das Gehirn zusammendränge . Unsinn ! Ich , und Kopfschmerzen haben ! Geradezu lächerlich ! Die reine Einbildung ! Aber ich fühle ihn ja ! Ist es erlaubt , an Autosuggestion zu glauben ? Ich nahm mich zusammen und gab meinem Pferde ganz absichtslos die Sporen , daß es einen weiten Satz nach vorwärts that . » Was ist ' s ? « fragte der Hadschi , indem er mir in das Gesicht sah . » Was haben deine Wangen für eine Farbe ? Warum sind sie plötzlich eingefallen ? Bist du krank ? « » Fällt mir nicht ein ! « lachte ich , ohne aber dabei wirklich heiter zu sein . » Du , verbirg mir nichts ! Meine alte Frau hat dich gegrüßt ! Das wäre grad das , was uns noch fehlt ! Mir ist so heiß , so heiß und so innerlich angst . Ich habe Sehnsucht nach der allergrößten Kälte , die es giebt . Vor meinen Augen drehen sich feurige Räder . Sihdi , wir müssen den Scheik fragen , ob es nicht vielleicht hier in der Nähe Wasser giebt . « Er trieb sein Pferd an und ritt nach vorn . Ich folgte ihm . Noch ehe wir den Scheik erreicht hatten , rief er ihm zu : » Nafar Ben Schuri , sag , ob es in dieser Gegend irgendwo Wasser giebt ! « » Zum Trinken ? « » Ja , auch ! Aber noch viel mehr ! So viel , daß man hineinspringen und sich baden kann . « Da zeigte ich mit dem ausgestrecktem Arm rechter Hand nach vorn und sagte : » Dort ragt ein Berg , ganz dunkel blaugrün . Da giebt es Wald , wahrscheinlich sogar Laub- , nicht Nadelwald . Kennst du ihn ? « » Ja « antwortete der Scheik . » Seine Kuppe trägt Nadelbäume . Weiter unten aber folgen Mürwaran und Dischbudakan57 . Wir kommen an seinem Fuße vorbei . « » Wo Mürwaran stehen , giebt es unbedingt fließendes Wasser ! « » Das giebt es allerdings dort . Es fließt in einen stehenden Weiher . Ich kenne ihn . Wir haben dort gefischt . In etwas über zwei Stunden werden wir ihn erreichen . « » So spät ? « fragte Halef . » Ja . Die Richtung durch die Luft ist nicht halb so weit ; aber wir müssen zweimal tief in Thäler hinab und jenseits wieder hinauf . Der Teich liegt an der westlichen Seite des Berges . « » Zwei Stunden warte ich nicht . Kommt uns nach ! Wir reiten voraus . Du machst doch mit , Sihdi ? « Er berührte , ohne meine Antwort abzuwarten , die Flanken seines Rappen mit den Sporen . Da schoß das edle Tier mit ihm davon , als ob es von einem Bogen abgeschnellt worden sei . Mein Assil Ben Rih folgte augenblicklich , ohne einen Antrieb von mir abzuwarten . Er wußte , daß er mit Barkh zusammengehöre . Es ging zunächst über ebenes Terrain , und da war es eine Wonne , so über dasselbe hinzufliegen , als ob die Hufe den Boden gar nicht berührten . Halef jauchzte auf . Ich ließ ihn voran . Das sollte seinen Ehrgeiz anspornen und seine Energie beleben . Vielleicht hielt er dann aus ! Mit abgespanntem Geiste einen Weg von über zwei Stunden zurückzulegen , das hätte ihn vielleicht bis zur Niederlage ermattet . Darum rief ich ihm zu : » Zähle nach , Hadschi , in wieviel Minuten ich dich einhole ! « Da warf er den Arm in die Luft und rief lachend : » Nie , nie ! Ich zähle nicht . Es wäre eine Ewigkeit ! « Er legte sich nach vorn . Der Luftzug riß ihm auf der Brust den Burnus auf und schwellte ihn zum Ballon . Da zog er den Saum unter dem Sitz hervor , um ihn fliegen zu lassen . Es sah aus , als ob Roß und Reiter beschwingt seien . Der Boden der Erde schwand förmlich hinter uns . Ich schaute mich um . Die Dinarun hatten ihre Pferde angehalten , um uns erstaunt nachzublicken . Einen solchen Ritt hatten sie wohl noch nicht gesehen . Schon nach kurzer Zeit war die Ebene zu Ende . Nun ging es im Galopp einen sanft ansteigenden Hang hinunter , quer über die Tiefe des Thales und drüben wieder hinauf . Es war eine wahre Wonne , Halef in dieser Weise so leicht , wie von aller Schwere befreit , dahinfliegen zu sehen . Bei so einem echten Beduinenritt haben beide , der Reiter und das Pferd , nur einen einzigen Willen und eine einzige Ehre ! Der jenseitige Abfall der Höhe war steiler . Es lagen da Felsenbrocken wie ausgesät , und zwischen ihnen standen vereinzelte Koniferen . Halef mußte da den Rappen zügeln ; ich den meinen auch . Mein Assil war ein besserer Kletterer als Barkh . Das edle Tier wollte nicht zurückbleiben , sondern das andere unbedingt einholen ; aber so oft wir fast herangekommen waren , ging Halef mir wieder davon . Unten angekommen , griffen die Pferde ganz von selbst wieder in der früheren Weise aus . Mein Assil ließ jenen tiefen , gutturalen Ton hören , welcher ein Zeichen der Ungeduld war . Er ärgerte sich , daß ich ihn zurückhielt . Da gab ich ihm die Zügel frei , richtete mich in den Bügeln auf , um mein Gewicht zu erleichtern , und rief das Wörtchen jallah aus , welches so viel wie » vorwärts « bedeutet . Das herrliche Geschöpf warf , vor Freude laut wiehernd , den Kopf in die Höhe , ließ ihn wieder sinken , und nun , aber nun war zu sehen , was so ein echtes Vollblut zu leisten vermag , aus freiem Willen , ohne von dem Reiter angetrieben zu werden , und nur aus reinem Ehrgefühl . Es mag Leute geben , für welche dieses Wort zu hoch gegriffen ist . Sie mögen sich ein anderes suchen . Der wahre Tierfreund aber weiß , woran er ist ! Die Folge dieses plötzlichen Anlaufes war , daß ich Halef überholte . Da ließ er jenen lauten , scharfen Ton erschallen , welcher sich aus dem » a « und dem » ch « zusammensetzt . Der Reiter treibt mit ihm sein Tier zur Eile an , und nur eine arabische Kehle ist im stande , ihn richtig hervorzubringen . Da legte sich Barkh nun wieder in das Zeug , um Assil einzuholen . Ich hatte gar nicht die Absicht , voranzubleiben , sondern ich wollte , daß Halef den Weiher vor mir erreichen sollte . Aber damit war mein Pferd nicht einverstanden . Als ich die Zügel straffer nahm , begann es , zornig zu schnauben . Ich konnte mich durch eine falsche Behandlung um sein Vertrauen , um seine Hingebung bringen ; darum hielt ich es für besser , ihm seinen Willen zu lassen . Als wir auf der zweiten Höhe ankamen , hatte der Hadschi mich wieder eingeholt . Sein Gesicht strahlte . Körper , Geist und Seele waren bei ihm in gleicher Spannung . Das war es ja , was ich gewollt hatte ! » Sihdi , gieb jetzt zu , daß ich dich besiege ! « rief er mir zu . » Nein ! « antwortete ich . » So paß auf ! « » Du willst doch nicht etwa das Geheimnis anwenden ? « » Nein . Das thun wir ja nur in größter Not . Aber paß auf , ich siege doch ! « Er bog sich so weit wie möglich nach vorn nieder , um in aneiferndem Tone auf das Pferd einzusprechen : » Rascher , rascher , mein Freund ! Zeige nun deine Eilfertigkeit , du Edler ! Erweise mir die Liebe , schneller zu sein , du liebster aller Lieblinge ! Ich bin stolz auf dich ! Dein Wert ist unvergleichlich , du größter meiner Schätze ! Willst du zugeben , daß ich mich vor dem Sihdi da neben uns zu schämen habe ? Du weißt , daß mein Ruhm auch dein Ruhm und deine Schande auch meine Schande ist . Erhöre mich ! Meine Liebe wird dir deinen Eifer lohnen . Lauf , o , lauf ! Flieg , o , flieg , du meine Freude , meine Wonne , meine Lust ! Ich gebe dir eine ganze Handvoll Datteln ; die besten , die aller- , allerbesten , die ich habe , die suche ich dir aus ! Denke doch , denke doch : Datteln , Datteln , Datteln ! « Das Pferd verstand natürlich nicht den Sinn der Worte , aber die Bedeutung derselben . Das Wort Tamr , Datteln , aber war ihm wohlbekannt . Es senkte den Kopf tiefer und griff noch schärfer aus als bisher . Die Folge war , daß wir genau nebeneinander blieben . Unser Ritt war ein so schneller , daß der Berg , der unser Ziel war , in hoch emporstrebender Bewegung zu sein schien . Auch seine Breite gewann mit jedem Augenblick . Bald trennte uns nur noch eine muldenähnliche , grasige Bodensenkung von ihm . Es ging ventre-à-terre über dieses Gras . Da , rechts , floß Wasser von der Höhe . Saftiges Gebüsch bezeichnete seinen Lauf , bis , zwischen den Stämmen hoher Erlen und Eschen hervor , der Spiegel des Weihers uns entgegenglänzte . » Wasser , Wasser , Wasser ! Endlich , endlich ! « rief Halef aus . Er gab seinem Rappen heimlich den Sporn der von mir abgelegenen Seite . Ich merkte das gar wohl an der Bewegung seines Pferdes , sagte aber nichts . Dieser kleine , etwas unehrliche Kniff mochte ihm immerhin gelingen . Barkh schoß infolge desselben mit einemmal vor , und ohne daß mein Assil diesen schnell entstandenen Vorsprung einzuholen vermochte , waren wir am Ziele angelangt . Halef natürlich zuerst . Er wendete sein Pferd herum und fragte : » Nun , Sihdi , wer ist Sieger ? « » Du ! « antwortete ich . » Aber du lächelst ja ! « » Ist die Schande , von dir besiegt worden zu sein , so groß , daß ich weinen soll ? « » Du , Sihdi , verbirg dich nicht ! Ich verstehe dieses Lächeln . Ich habe Barkh angetrieben ; du aber hast Assil zurückgehalten . Gestehe es ! Sei aufrichtig ! Thatest du es ? « » Ja , « antwortete ich . Ich konnte es ehrlich sagen , weil ich meinen Zweck , Halef in Spannung zu halten , doch erreicht hatte . » Also , ich wäre unterlegen , wenn du gewollt hättest ? « » Ja . Ich sage dir das so offen , weil es eine Ehre , ein großes Lob für dich ist . « » Wieso ? « » Barkh stammt nicht von einem eurer Pferde . Assil ist ihm über , weil er bei euch geboren und von dir erzogen worden ist . Er ist unvergleichlich , weil Rih , sein Vater , unvergleichlich war . « » Das ist richtig . Deine Worte machen mich stolz , Sihdi . Ich war nicht ehrlich gegen dich . Du sprachst kein Wort zu deinem Hengste ; ich aber habe dem meinen zuletzt den Sporn gegeben . Verzeihe mir ! « Wir waren , während wir diese Worte wechselten , abgestiegen . Wie standen unsere Pferde da ! Still , als hätten sie sich schon stundenlang hier befunden . Ihr Atem ging ruhig . Es gab keine einzige Flocke Schaum und keine einzige schweißesnasse Stelle ihrer Haut . Wir liebkosten sie . Da faßte Barkh mit den Zähnen Halefs Aermel und ließ ihn nicht wieder los . » Weißt du , was er will ? « lachte der Hadschi . » Die versprochenen Datteln . « » Ja . Der Mensch hat auch seinen Tieren Wort zu halten . « Er öffnete den Futtersack und that genau das , was er versprochen hatte : Er suchte eine Handvoll der besten Datteln aus und gab sie dem gedächtnisstarken Mahner . Hierauf sattelten wir die Pferde ab , worauf sie ohne unser Zuthun augenblicklich in das Wasser gingen , bei in der Wüste geborenen Pferden eine Seltenheit ! Die An- oder Aufregung war mit dem Ritte vorüber . Die Spannkraft ließ bei Halef schnell und sichtlich nach . Als er nach dem Einflusse des Baches ging , um von dem dort noch klaren und lebendigen Wasser zu trinken , sah ich , daß seine Schritte unsicher waren . Mich selbst überkam ein eigentümliches Gefühl . Es war mir , als ob ich von ebenso unsichtbaren wie unfühlbaren Händen langsam emporgehoben und dann in das Gras gelegt würde . Ich mußte mich setzen . Da begannen die Erlen um mich herum zu tanzen . Mein Kopf kam mir wie eine hohle Kugel vor , die immer größer und leerer wurde . Ich schloß die Augen . Sonderbar : Ich hörte mit den von ihm doch so entfernten beiden Ohren ganz deutlich das Klopfen meines Herzens . Jemand ergriff meine Hand . » Sihdi , Sihdi , was ist mit dir ? Die Haut deines Gesichtes sieht wie Erde aus ! Warum hast du die Augen zu ? « Es kostete Mühe , sie zu öffnen . Halef stand gebückt vor mir . Aus seinem Blicke sprach die Angst , die auch in seiner Stimme klang . Das half . Ich sprang auf und antwortete : » Es war ein Tanz der Bäume um mich her , den ich vorüberlassen wollte . « » Ganz wie jetzt oft bei mir ! Die Gegend , durch welche wir kamen , drehte sich im Kreise ; der Kopf schmerzte , und alle Eingeweide meines Innern wollten sich empören . Es hat mich alle meine Kraft gekostet , dir das zu verbergen und mich aufrecht zu halten . Allah verderbe dieses alte Weib ! Kann sie sich nicht mit mir zufrieden geben ? Bin ich ihr nicht genug , ich , der berühmte Scheik der Haddedihn , dem Tausende von tapferen Kriegern gehorchen ? Muß sie ihre unbeschnittenen Fingernägel auch nach dir ausstrecken ? Sie allein ist schuld , daß alles um uns tanzt ! Wenn ich sie doch sehen und fassen könnte ! Es sollte ihr vergehen , mit solchen Männern sich derartige Scherze zu erlauben . Komm und trink Wasser ! Das kühlt das Blut und ärgert dieses Weib ! « Er behielt meine Hand zärtlich in der seinen und führte mich dorthin , wo er getrunken hatte . Er , der Kranke , leitete mich ! Was sollte daraus werden ! Es galt , mich zusammenzunehmen ! Ich trank , trank und trank in langen Zügen . Ich fühlte förmlich die kühle Woge , die dabei langsam und kräftigend durch meinen Körper und meine Glieder ging . Als ich mich dann aufrichtete , war mein Auge wieder klar . » Und nun komm , wir müssen baden , « forderte mich Halef auf . » Aber ja nicht entfernt voneinander . Wir haben beisammen zu bleiben , damit wir einander helfen können , falls auch das Wasser um uns tanzen sollte . « Eine hierzu geeignete Stelle war bald gefunden . Ich stieg zuerst in die für uns jedenfalls außerordentlich wohlthätige Flut . Sie war am Rande seicht , wurde aber bald sehr tief . Ich schwamm hinaus . Das war nach dem kaum vorübergegangenen Schwindelanfalle vielleicht eine Unvorsichtigkeit , aber ich nahm an , daß diese Bewegung mir nützlich sein werde . Jedoch nicht lange , so kehrte ich um . Ein Luftzug kräuselte die Oberfläche des Wassers , und dieses Kribbeln und Krabbeln und Flimmern und Funkeln ging mir durch das Auge ins Gehirn . Ich fühlte mich unsicher . Als ich wieder Grund gewann , mußte ich nach Halef suchen . War er denn noch nicht im Wasser ? Da wurde ich durch eine Bewegung aufmerksam gemacht . Ich näherte mich der betreffenden Stelle . Da lag er , lang ausgestreckt , den Kopf hintenüber gebeugt , so daß nur Mund und Nase außerhalb des Wassers waren . Diese Situation war eine spaßhafte ; aber das Lachen verging mir , als ich vollends herankam und den Körper sah . Der ganze Leib war voller Flecken , die eine livid-dunkle Färbung hatten . Typhus ! Wirklich und wahrhaftig Typhus ! War es denn eine Menschenmöglichkeit , daß sich jemand bis zu diesem vorgeschrittenen Stadium der Krankheit aufrecht halten und zuletzt sogar noch einen solchen Parforceritt mitmachen konnte ? ! Ein Kind der sogenannten » Zivilisation « hätte das gewiß nicht fertig gebracht ! Nur der durch und durch kerngesunde , abgehärtete Körper des enthaltsamen Nomaden , der die Laster und entnervenden Genüsse der » höher stehenden « Intelligenz nicht kennt , kann eine solche Gegenkraft und Widerstandsfähigkeit zeigen . Neben diesen körperlichen Eigenschaften hatten auch die seelischen des kleinen Hadschi das Ihrige dazu beigetragen , daß er nicht schon längst zusammengebrochen war . Vielleicht hatten auch rein geographische Faktoren mitgewirkt . Aber mochte das sein , wie es wollte , die Thatsache war jetzt da . Sie lag vor meinen Augen da im Wasser , bedeckt mit Petechien , deren vorher scharfe Ränder schon begannen , in einander überzugehen . Als ich das sah , that mein Kopf mir plötzlich weh , und es ging , mich schüttelnd , ein Frost durch meine Glieder . Da kam Halefs Kopf schnell ganz nach oben . » Du frierst , Sihdi ? Ich sehe es ! « sagte er . » Geh du ans Land ! Ich werde noch liegen bleiben . « » Das ist schon vorüber , « antwortete ich . » Aber , Freund , wie siehst du aus ? « » Gefleckt wie ein Leopard ! Nicht wahr ? Aber , aber - - was sehe ich da ? « Er erhob sich ganz , zeigte auf meine Brust und fuhr fort : » Da ist es auch bei dir ! Genau so hat es bei mir angefangen ! « Ich schaute an mir hernieder . Was ich vorher noch nicht bemerkt hatte , das sah ich jetzt : auch ich hatte Flecken , allerdings noch klein . Sie lagen unterhalb der Schlüsselbeine . » Bist du erschrocken ? « fragte der Hadschi . » Warum schweigst du ? Warum sagst du nichts ? Ist es eine Krankheit ? Eine schwere oder eine leichte ? Kennst du sie ? « » Ich kenne sie , Halef , « antwortete ich . » Und damit du keine Fehler machst , muß ich aufrichtig mit dir sein . Sie ist fast ebenso gefährlich und langwierig wie die Pest , welche uns damals dem Tode nahe brachte . Von zehn Kranken sterben zwei - - « » Aber warum sollen grad wir diese beiden sein ? « unterbrach er mich . » Es mögen nur erst noch die acht anderen kommen ! Eher mitzurechnen , fällt mir gar nicht ein ! « » Auch ich hoffe , daß wir dem Schlimmsten entgehen . Wir sind beide in Beziehung auf unsere Gesundheit keine Durchschnittsmenschen ; also können die von mir erwähnten Ziffern nicht für uns gelten . Glücklicherweise bin ich im Besitze der besten Gegenmittel , Kampher und Chinin . Kalte Bäder müssen wir haben . Wenn es mir in den Sinn kommt , bleiben wir gleich hier . Unser Leben muß uns ebenso teuer sein , wie die Pflicht der Gastlichkeit . Aber wo nehmen wir die Pflege her , die uns so nötig ist ? « » Daher , von wo sie uns damals gekommen ist , vom Himmel Allahs , der uns nie vergessen hat und nie vergessen wird . Mein guter , mein lieber Sihdi , denke doch daran , daß wir auch damals keinen Menschen hatten , der sich unser annehmen konnte . Wir lagen in der größten Einsamkeit , unter uns die pesthauchende Erde , doch über uns das große , lichte Zelt , von welchem alle Engel auf uns niederschauten . Sie kamen mir im Traume , und auch im Wachen dachte ich an sie . Sind wir nicht gesund geworden ohne alle andere als allein nur ihre Hilfe ? « » Ja , du Wackerer , du Treuer ! Sie haben uns gepflegt , erst dich durch meine und dann mich durch deine Hand , obgleich diese unsere Hände so schwach , so hager , so elend waren . « » So werden sie es jetzt auch wieder thun ! Oder glaubst du das nicht ? « » Ich glaube es . Aber damals wurde ich erst dann von der Pest ergriffen , als du bereits wieder am Gesunden warst . Jetzt jedoch werden wir wahrscheinlich zu gleicher Zeit - - « » Zu gleicher Zeit ? « unterbrach er mich . » Fällt uns gar nicht ein ! Wenn dieses alte Weib etwa denkt , daß alles genau so zu gehen hat , wie sie es will , da irrt sie sich ! Wir haben doch auch unsern Willen ! Und den setzen wir durch ! Es kommt mir gar nicht in den Sinn , daß wir miteinander krank werden ! Wenn wir es nicht nacheinander werden können , so werden wir es lieber gar nicht ! So lange der eine krank ist und der Pflege bedarf , hat der andere gesund zu bleiben ! Der Anfang hierzu ist ja schon ganz richtig eingetreten ! Diese Flecken haben sich bei mir eher eingestellt als bei dir . Die Höhe der Krankheit wird also nicht zu gleicher Zeit eintreten . Vor dieser Höhe aber lege ich mich nicht nieder ! Ehe es mich nicht mit tausend Armen packt , habe ich den Dinarun Wort zu halten . « » Halef - - - ! « » Sihdi - - - ! Ich weiß , was du sagen willst . Morgen aber werden wir im Thale des Sackes sein , und wir sind nicht derart krank , daß wir hier liegen bleiben müssen . Uebermorgen ist der Kampf vorbei , und dann werde ich ohne Widerstreben thun , was du bestimmst . Bleiben wir hier zurück , so ziehen die Dinarun nicht als unsere Freunde , sondern als unsere Feinde weiter und kommen , sobald wir hilflos sind , zurück , um sich zu rächen . Hilflos ! Das war ja das Wort des Scheiks ! Lassen wir es nicht zur Wahrheit werden , Sihdi ! « Dieser Beweis hatte Hand und Fuß . Wie freute ich mich darüber , daß seine Denkkraft sich noch so scharf erwies ! War das dem Einflusse des kalten Bades zuzuschreiben ? Ich legte mich zu ihm , denn auch ich emfand , daß das Wasser wohlthätig auf mich wirkte . Unsere Pferde weideten draußen im saftigen Grase , ein lange entbehrter Genuß für sie . Die Schatten der hohen Eschen deckten uns so , daß uns der heiße Strahl der Sonne nicht belästigen konnte . Wir fragten nicht danach , ob ein zu langes Verweilen im Wasser uns schaden könne , und verließen es erst dann , als wir anzunehmen hatten , daß die Dinarun nun bald eintreffen würden . Als sie sich hierauf einstellten , standen wir schon zur Fortsetzung des Weges bereit . Natürlich aber hielten nun auch sie erst Rast , auf welche jedoch nur eine halbe Stunde verwendet wurde . Dann ging es weiter , wobei wir uns , wie vorher , am Ende des Zuges hielten . Es war während dieses Aufenthaltes der Dinarun am Deiche zwischen uns und dem Scheik kein Wort gesprochen worden . Für seine Leute hatten wir freundliche Augen und höfliches Benehmen , aber auch keine Reden gehabt . Das höchst fatale Wort » Mißtrauen « verschloß ihm und uns den Mund . Wir bemerkten mit Genugthuung , daß wir uns jetzt in einer wasser- und darum wald- und weidereicheren Höhenzone befanden . Das war ein Umstand , der uns Beruhigung gewährte . Uebrigens schien die Wirkung des Bades auf uns eine ganz verschiedene zu sein . Ich fühlte mich gekräftigt , während Halef mir mitteilte , daß er sehr ermüdet sei . Er war kalte Bäder nicht gewohnt , und das heutige hatte wohl eine zu lange Dauer für ihn gehabt . Später sah ich , daß er sich schüttelte . Die Sonne schien noch warm auf uns nieder , und darum nahm ich an , daß diese seine Bewegung eine rein zufällige sei . Als sie sich aber wiederholte , gestand er