Hut darüber . » Unmöglich , Fräulein , ist nichts auf der Welt - und in der Liebe nun schon gar nicht . « » Aber dies - nein - ganz schrecklich finde ich das - gar nicht zu sagen , wie ich das von meiner Schwester finde . Warum haben sie denn nicht geheiratet ? Gott im Himmel , wie kann man nur eine solche Dummheit machen ! « Frau Korn sah sich mit einem humoristisch-ironischen Ausdruck in ihren klugen kleinen Augen in dem geschmackvoll eingerichteten Raum , auf der Tafel , auf der noch ein Teil des eleganten Geschirrs und des kostbaren Krystalls mit schwerflüssigen Weinresten stand , um . » Es trifft ' s nicht jedes alleinstehende Mädchen so gut wie Sie , Fräulein . Es hat nicht jede das Talent wie Sie , sich in diesem gotteslästerlichen Berlin über Wasser zu halten , und mehr als das ! Mädchen wie Ihre Schwester , die immer an andere und nie an sich selber denken , fallen am ehesten ' rein . Ich hab ' s meiner Zeit auch nicht besser gemacht , bloss dass mein Karl mich geheiratet hat , was ich , ehrlich gestanden , von dem Schwarz - von dem Herrn Gerhart nicht glaube . « Lena machte ein entsetztes Gesicht ; Auguste aber schüttelte sehr energisch ihren runden , dicken Kopf . » Das ist noch lange das schlimmste nicht , Fräulein . Ihre Schwester muss sich natürlich von dem Kinde trennen - übrigens ein reizender Balg , wir haben es Luise genannt , nach der verstorbenen Frau Mutter - da beisst keine Maus den Faden ab . Ich hab ' mir das schon alles zurechtgelegt . Wir geben die Kleine bei meiner Freundin in Schmargendorf in Kost . Das ist eine ordentliche Person , die ihre Schuldigkeit an dem Kinde schon thun wird . Sie hat selber nur eins ; der Mann , der Tischler ist , hat sein anständiges Auskommen . Kommt nun noch das Kostgeld für das Kleine hinzu , wird ' s ihnen an nichts fehlen . Die Hauptsache , Fräulein , ist nun die : Was wollen Sie Ihrer Schwester monatlich geben ? Denn unterstützt muss das arme Ding werden , das steht fest . Mit dem bischen Putzmachen - unter uns gesagt , ist nicht viel damit los , die Haube für Muttern sah aus wie ' ne Fledermaus - kann sie sich und das kleine Ding nicht durchbringen . Na , und auf den Vater , Fräulein , ist doch in solchen Fällen am wenigsten zu rechnen . Entweder er heiratet die Mutter seines Kindes , na , dann sind wir beide ja überflüssig , oder aber er drückt sich und dann nicht zu knapp . Lieber Gott , das kennen wir doch alles . Das ist uns doch nichts neues ! « Lena war von alledem peinlich berührt . Lotte allmonatlich eine kleine Unterstützung zu geben , darauf kam es ihr nicht an . Wenn nur die Sache nicht ruchbar wurde ! Sie war gerade im Begriff , sich in ihrer gesellschaftlichen Stellung mächtig zu lancieren , Heringsdorf hatte das seine dazu gethan , mit Strehsens war sie wieder völlig ausgesöhnt , und nun kam so etwas ! Das war denn doch etwas anderes als die dummen Vorurteile , die sie selbst so gern verspottete . So etwas durfte einem anständigen Mädchen nicht passieren ! Auch Lena gehörte , bis zu einem gewissen Grade , ohne dass sie sich darüber auch nur im geringsten klar gewesen wäre , zu jener in den Grossstädten weit verbreiteten Kategorie von Frauen und Mädchen , die ohne Skrupel bis an eine sehr weit gezogene moralische Grenze gehen . Darüber aber keinen Schritt . Weniger aus sittlichen Bedenken als aus kluger Berechnung . Dass dieser Moralkodex bei weitem verwerflicher ist , als die sogenannte Unsittlichkeit eines Mädchens , das aus Liebe fällt , würden diese Mädchen und Frauen niemals zugeben . Niemals kann ihnen etwas Positives nachsagen . Ihr Vorleben wird dem Eingehen einer soliden Ehe , ihr nach aussen hin korrektes Eheleben der Aufrechterhaltung einer einmal geschlossenen Verbindung niemals hinderlich werden können und damit ist für sie alles gesagt . - Frau Korn hatte eine geraume Weile auf Lena Antwort warten müssen . Nach einer langen , nachdenklichen Pause erst sagte sie : » Ich will meine Schwester gern unterstützen . Würden zehn Mark im Monat genügen ? « Frau Korn bejahte . » Gut , ich erkläre mich dazu bereit . Ich bitte aber meine Schwester sehr nachdrücklich - wollen Sie ihr das sagen , bis ich es ihr selbst sagen kann - die ganze Angelegenheit so geheim als irgend möglich zu halten . Sorgen Sie , bitte , dafür , dass das Kind lieber heut als morgen fortkommt ! In Ihrem Hause weiss man natürlich alles ? « Frau Korn schüttelte wieder einmal sehr energisch den Kopf . » Man munkelt , aber man weiss nichts gewisses . Wir beide wohnen da oben ja gänzlich solo unterm Dach , und mein Karl , der hält reinen Mund . Ist das Kind aus dem Hause und Ihre Schwester wieder auf den Beinen , fragt kein Mensch mehr danach . Bei unser einem ist das nicht so was rares und lange hält sich keiner bei so was auf , selbst wenn er ' nen blauen Dunst davon hat , dazu haben wir alle zu viel Arbeit und Sorgen auf dem Buckel ! « Frau Korn stand auf . » Na , dann wäre ja wohl soweit alles in Ordnung , und ich kann nun gehen . Wenn ' s Ihnen recht ist , kassiere ich allemal am Letzten das Geld bei Ihnen ein . Na , und heute ? Wir haben freilich erst den fünfundzwanzigsten , aber es war schwere Zeit ! « Auguste streckte bittend die Hand gegen Lena aus . » Die Kleine ist zu nett . Sie werden sie schon lieb gewinnen , wenn Sie sie erst gesehen haben ! Tante muss doch was für das erste Nichtchen thun ! « Lena hatte längst ihr Portemonnaie aus der Tasche gezogen . Jetzt legte sie ein Zwanzigmarkstück in Frau Korns ausgestreckte Hand . » Die Hälfte für Lotte , die andere Hälfte für Luischen « , sagte sie mit einem halben Lächeln . Frau Korn strich das Geld lächelnd ein . » Das ist brav von Ihnen , Fräulein . Der liebe Gott wird ' s Ihnen lohnen . Sie werden ihn auch schon noch ' mal nötig haben im Leben . Na , und einen Gruss an die Schwester krieg ' ich doch auch noch mit ? Wenn eine , so ist sie unschuldig zu dem Malheur gekommen . « Lena lächelte jetzt über das ganze Gesicht , ohne dass sie es wollte . Die Frau gefiel ihr . » Sie sind ein Quälgeist « , sagte sie und klopfte Auguste auf den breiten Rücken . » Meinetwegen nehmen Sie meiner Schwester einen herzlichen Gruss mit und hier die Veilchen für das Krankenzimmer . « Sie hatte die Veilchen von dem Tisch genommen , dessen Mitte sie geschmückt hatten . Frau Korn steckte ihre kräftig gebaute Nase hinein . » Hm , wie das duftet ! Schönen Dank , Fräulein , das können wir brauchen nach all ' dem Karbol- und Krankenzimmergeruch . Na , adieu , Fräulein , und wenn Sie uns nicht vorher ' mal beehren , auf Wiedersehen am dreissigsten November . « Lena fuhr sich ein paarmal über das heisse Gesicht , ehe sie zu den Herren hinüberging . Die da drüben durften um nichts in der Welt ahnen , um was es sich gehandelt hatte . » Donnerwetter « , rief Bornstein , » das war ja eine endlose Sitzung . Was gab es denn ? « Lena zog eine möglichst gleichgültige Miene auf . » Sie haben ja gehört , dass die Frau im Auftrage meiner Schwester kam . Lotte ist nicht ganz wohl - « Kurt machte ein teilnehmendes Gesicht . Er hatte das stille blasse Mädchen trotz ihrer abweisenden Haltung in Dahlow wirklich ein bischen in sein geräumiges Herz geschlossen . » Doch nichts ernstes ? « fragte er . » Gar nicht . Ein bischen Bleichsucht . Das ist bei Lotte schon hundertmal vorgekommen . « » Sie sah schlecht aus in der letzten Zeit « , bemerkte Bornstein . Sollte er etwas anzügliches damit gemeint haben ? Bornstein sah nicht danach aus . Es schien in der That eine ganz harmlose Bemerkung gewesen zu sein . » Da ist es denn naturlich mit dem Geschäft nicht besonders gegangen , und wie das so kommt - - « » Lotte hat Dich anpumpen lassen , Lena - nicht wahr ? « » Stimmt auffallend , mein Herr « , sagte sie lachend , und sich umwendend , gab sie Bornstein , der in einer Anwandlung von Zartlichkeit hinter sie getreten war , einen Nasenstüber . Dann sprang sie lebhaft auf . » Und nun erkläre ich auch diese Sitzung für aufgehoben , meine Herren . Ich habe zu thun . « Aber Bornstein wollte davon nichts wissen . Er bestürmte Lena , die Arbeit für heute zu lassen und wie in früheren Zeiten einmal wieder ein Theater mit ihm zu besuchen und nachher soupieren zu gehen . Sie aber schüttelte energisch den Kopf . » Ich hab ' es wirklich besser gehabt , als Du noch Telephonistin warst « , brummte Bornstein verstimmt . Lena war heute wieder so verführerisch pikant , dass er innerlich wütend über ihre Ablehnung war , aber er hatte es längst aufgegeben , ihr eine Scene zu machen . Sobald er sie ernsthaft über ihre Launenhaftigkeit zur Rede stellte , oder gar , heftig werdend , seine Ansprüche an sie betonte , war gar nichts mehr mit ihr aufzustellen . Sie war im stande , ihn dann wochenlang antichambrieren zu lassen und inzwischen ungeniert andere Besucher zu empfangen . Bornstein aber fürchtete nichts so sehr als eine solche Blamage . » Na also , Kurt , kommen Sie , die Klügeren geben nach . « Sie erhoben sich beide , steckten sich jeder noch eine Cigarette an und küssten ihr die Hand zum Abschied . Bornstein machte Anstalten , ihr noch etwas zu sagen , aber sie sah so unnahbar aus , dass er es lieber unterliess . Lena atmete auf , als sie allein war . Es wollte heute mit dem Komödiespielen nicht recht gehen . Lottes Schicksal war ihr denn doch zu nahe gegangen . So wenig Lena auf Familienbande gab , gegen das Mitempfinden konnte sie sich in diesem Falle nicht wehren , so gern sie es gethan hätte . - Auguste sorgte , wie sie es Lena versprochen hatte , dafür , dass die Kleine noch vor Ablauf des Monats nach Schmargendorf zu ihrer Freundin kam . Die Tage waren wieder milder geworden , die kurze Fahrt mit der Dampfbahn konnte dem Kinde nichts schaden . Auch Lotte sah am Ende ein , dass es so am besten war . Das Kind war ihr noch nicht so innig ans Herz gewachsen , dass es ihr allzu viel gekostet hätte es fortzugeben . Sie wusste ja , es würde gut aufgehoben sein , sie würde , wenn sie danach verlangte , es täglich , stündlich sehen können . Ehe nicht das letzte Wort zwischen ihr und Gerhart gesprochen war , betrachtete sie die Kleine überhaupt nur als ein geliehenes Gut , über dessen endgültige Besitznahme die Entscheidung noch ausstand . Trotzdem küsste sie das Kind zärtlich , und die Thränen traten ihr in die Augen , als sie Auguste mit dem kleinen Bündel davongehen sah . Wenn es vielleicht auch ihr ganzes Leben vernichtet hatte , es blieb doch immer ein Stück von ihm und ihr . Lotte war erst wenige Tage ausser Bett und fühlte sich noch recht schwach , aber es ging doch rascher vorwärts als sie bei ihrer zarten Natur hatte erwarten dürfen . Auch Frau Korn war zufrieden mit den Fortschritten der Genesung , daran hielt Lotte sich . Was Auguste sagte , war jetzt ihr Evangelium . Sie konnte gar nicht daran denken , was aus ihr geworden wäre , was noch aus ihr werden würde , wenn sie die treffliche Frau Korn nicht gehabt hätte . Sie wollte die Gute damit überraschen , dass sie sich heut zum erstenmal wieder ein wenig hübsch machte . Schon ein paarmal hatte Auguste davon gesprochen , wie froh sie sein würde , wenn Lotte erst wieder nett und adrett einherginge . Sie hatte noch von Haus her ihr Sonntagskleid , ein hübsches dunkelblaues Wollkleid , das der Trauer wegen liegen geblieben war . Das suchte sie heraus , band den weissen Kragen und die Klappstulpen darüber , die Lena sich voriges Jahr für den Weihnachtsabend bei Strehsens gekauft und ihr hinterlassen hatte und freute sich auf die Ueberraschung , die sie Auguste damit bereiten würde . Blass und schmalwangig genug sah sie noch aus , aber das würde sich bald geben . Sie hoffte nun im Umsehen wieder auf den Beinen zu sein . Als sie eben die letzte Hand an ihre bescheidene Toilette gelegt hatte , wurde die Klingel an ihrer Stubenthür gezogen . Frau Korn konnte doch nicht schon wieder von Schmargendorf zurück sein ? Auch pflegte sie nicht zu klingeln , ebensowenig der Briefbote . Blieb noch Lena übrig , deren Besuch Lotte kaum schon erwarten durfte . An Gerhart wagte Lotte gar nicht zu denken , und vor einem Fremden scheute sie sich beinahe noch mehr als vor ihm . Mit zögernden Schritten ging sie zur Thür , die sie zaghaft nur zu einem Spalt öffnete . Sie war so ängstlich nervös geworden in dieser letzten Zeit . Ein merkwürdiger Laut rang sich von ihren Lippen , als sie Gerhart draussen auf dem dunklen Treppenflur vor sich stehen sah . Ein Laut halb der Freude , des Vorwurfs halb , halb der Angst . Dies fühlte sie , würde die Stunde der Entscheidung sein , zugleich aber auch empfand sie mit unbeirrbarer Sicherheit , dass sie der Wucht derselben nicht gewachsen war . Gerhart , der sich sonst ziemlich nachlässig zu tragen pflegte , war heut beinahe stutzerhaft gekleidet . Etwas seltsam Fremdes schien ihr von ihm auszugehen , noch ehe sie ein einziges Wort mit einander gewechselt hatten . Während sie so befangen war , als ob sie eine schwere Schuld vor ihm zu verbergen hätte , trat er sehr selbstbewusst bei ihr ein und warf sich , ohne zuvor recht nach ihr hingesehen zu haben , nachlassig auf den nächstbesten Stuhl . » Du wirst es mir hoffentlich hoch anrechnen , dass ich zu Dir komme , Lotte , nachdem Du es nicht einmal der Mühe wert gehalten hast , mir zu dem grossen Erfolg des Frühlingsdramas zu gratulieren . « Jetzt erst , wie um seinem Vorwurf besonderen Nachdruck zu verleihen , sah er ihr , die in gedrückter Haltung vor ihm stand , voll ins Gesicht . Dann sprang er auf und fasste sie bei den Schultern . » Ja , um Gotteswillen , was ist denn mit Dir geschehen ? Hast Du Unglück gehabt ? « Sie schüttelte sanft den Kopf und etwas wie ein Lächeln huschte über ihr blasses Gesicht . » Ich weiss nicht , ob Du es ein Unglück nennst . « Und während eine schwache Röte ihr in die Wangen und über die Stirn bis an das goldbraune Kraushaar aufstieg , fügte sie halblaut hinzu : » Am fünfzehnten Oktober ist uns ein kleines Mädchen geboren worden . « Er taumelte zurück als ob er einen Schlag bekommen hätte . Dann fasste er sich schnell . So roh durfte er nicht sein , ihr in diesem Augenblick weh zu thun . Wortlos beugte er sich zu ihr nieder und küsste sie auf die Stirn . Alles in ihr drängte dazu , ihn mit ihren Armen zu umfangen , sich an seine Brust zu schmiegen , aber sie hielt sich zurück . Sie empfand es nur zu deutlich , dass der Kuss , den er ihr gegeben , nur ein Kuss der Dankbarkeit , vielleicht des Mitleids gewesen war . Langsam liess sie sich auf den Stuhl niedersinken , den er ihr hingeschoben hatte , als er fühlte , dass sie zu wanken begann . Langsam liess er sich ihr gegenüber nieder . Was würde nun kommen ? Kleines , Enges , Niedriges , Erbärmliches , das ihn aus all seinen Himmeln , in denen er seit dem Erfolg seines Dramas geschwelgt hatte , wieder zur Erde riss ! Keines von ihnen sprach ein Wort . Jeder wartete auf das , was der andere sagen würde . So still war es zwischen ihnen , dass jedes den Atem zu hören meinte , der sich aus des andern Brust rang . Gerhart dünkte die Stille endlich unerträglich zu sein . » Hast Du schwer gelitten ? « fragte er stockend . » Ich glaube nein . Frau Korn meinte , es sei alles in Ordnung gewesen . « » Lebt das Kind ? « » Frau Korn hat es eben nach Schmargendorf in Kost gebracht . « Sie sagte das alles ganz mechanisch , während ihr das Herz gegen die Brust hämmerte , als ob es den ganzen zarten Körper zertrümmern wollte . » Das ist gut « , sagte er . Dann kramte er in seinen Taschen . » Brauchst Du - hast Du - Das heisst für den Augenblick - weiss der Himmel , wo das ganze Geld wieder geblieben ist ! « Dann sah er befriedigt an sich herab . » Ich konnte in meinem alten Zeug unmöglich länger umherlaufen bei all den festlichen Gelegenheiten , die es jetzt gab . Du glaubst nicht , Lotte , wie man mich gefeiert hat . Ich konnte gar nicht zu mir selbst kommen , sonst wäre ich schon früher bei Dir gewesen , obgleich ich eigentlich ein wenig verletzt war - jetzt freilich - « Als er stockte , erwartete sie atemlos , was nun kommen würde . Endlich musste er doch von ihrer Zusammengehörigkeit durch dies neue enge Band , von ihrer gemeinsamen Zukunft sprechen . Aber er sprach nicht weiter , sondern nahm seinen vorigen Gedankengang wieder auf . » Es war aber auch wirklich ein Bombenerfolg , ich darf das selbst ruhig behaupten , da alle Welt es thut . Ein Triumph nicht nur für mich allein sondern für die ganze Moderne . Unsere Partei ist überglücklich über diesen Sieg . Die alten Schönfärber , die greisen Romantiker schäumen . « Nur um auch einmal etwas zu sagen , fragte Lotte , kaum vernehmlich , ob die Aufführung ihn befriedigt habe . Ein Leuchten ging über sein Gesicht . Aber als er ihre Augen so forschend auf sich gerichtet sah , suchte Gerhart schnell sich in seinen vorherigen Ausdruck zurückzufinden . » Im Ganzen war alles recht gelungen « , meinte er gleichmütig . » Und die Helga ? « Während Lotte es sagte , dachte sie nur daran , dass er noch nicht einmal danach gefragt hatte , ob sie die Kleine Helga genannt habe . So entging es ihr , dass in seinem Gesicht wieder dies wundersame Leuchten aufstieg , und er sich jetzt weniger Mühe gab , es zu unterdrücken . » O , Helga ! Sie war eben Helga , das sagt alles . Ganz Liebe , ganz Hingebung , ein Frühlingsgedicht ohne gleichen . « Er sprach nicht weiter , wenigstens nicht mit den Lippen , nur seine Augen sprachen fort , dieselbe Sprache , die sie einst gesprochen , als er um ihre Liebe geworben , als er sie dann besessen hatte . Gerade so , mit diesem halbträumerischen , halb begehrlichen Ausdruck hatten sie geblickt , als ihre Liebe ihm das Frühlingsdrama schaffen half . Ihre Aufgabe war beendet . Was sie begonnen , eine andere setzte es fort , bis eine dritte und vierte kommen würde , und so weiter ohne Ende . Einer jeden würde er den Laufpass geben , sobald sie seinen Zwecken nicht mehr diente , gewissenlos , erbarmungslos wie ihr . Und niemals , niemals würde er zu dem Bewusstsein dessen kommen , was er eigentlich that . Niemals würde es ihm klar werden , dass er Opfer um Opfer niedermachte , dass er über Leichen schritt , um selbst in die Höhe zu steigen . Er würde stets die Rechtfertigung sich und andern gegenüber haben , dass er gerade diese Leidenschaft zur Erreichung dieser Staffel nötig gehabt habe . Er und sie alle , die sich an dem Blutgeruch ihrer Opfer zu neuen Thaten berauschten , weil sie ohne diesen Rausch armselige Stümper sein und bleiben mussten . Wie ein grauer , schwerer , vom Sturmwind gejagter Nebel zog diese Erkenntnis durch Lottes Seele . Nicht klar gegliedert und bewusst , mehr empfunden als gedacht , aber dennoch unabweisbar , nie wieder zu bezweifeln . Er war ihr verloren , ganz und für immer , auch für seine Pflicht an ihr und dem Kinde . Dies war das letzte . Sie wusste es , und sie ertrug es , so lange er bei ihr war . Mit eiskalten , verschränkten Händen , bleich bis in die Lippen , sass sie da . Nur wie durch einen Nebel sah und hörte sie ihn . Alles kam ihr weit , weit entrückt vor , und sie selbst sich wie eine Gestorbene , die aus irgend einer grauen Ferne verdammt ist , Irdisches zu hören und zu sehen . Gerhart sprach fortwährend mit einem fieberhaft glücklichen Ausdruck . Er sprach von seinem Erfolge und von Helga , immer nur von ihr . Auch für ihn schien Lotte schon entrückt zu sein in eine andere entferntere Welt , er wandte sich gar nicht mehr an sie , sondern immer dem leeren Raum zu , immer mit demselben leuchtenden , verzückten Blick . Keins von beiden wusste , wie lange die Zusammenkunft gewährt hatte . Endlich , Lotte dünkte es eine unermessliche Spanne Zeit , dass er hier gesessen , stand Gerhart auf . In dem Zwielicht , das in dem engen Raum schon herrschte , konnte er nicht sehen , wie weiss ihr Gesicht war und einen wie seltsamen Ausdruck ihre Augen hatten . Nur dass ihre Hände eisig waren , fühlte er , als er sie jetzt mit kaum merklichem Druck berührte . » Wie Du kalt bist , Du musst besser heizen lassen . Das ist keine Temperatur für eine Rekonvalescentin . Na , leb ' wohl und erhole Dich weiter so gut , und sobald ich etwas habe - « Sie unterbrach ihn mit einer seltsam harten Stimme . » Ich brauche nichts . Lena sorgt schon für mich . « » Wie Du willst . Wenn ich Zeit habe , komme ich wieder herauf . « Sie wollte auch jetzt etwas ablehnendes erwidern , aber sie brachte es nicht mehr über die Lippen . Auf der Schwelle wandte sich Gerhart noch einmal um . Es fiel ihm ein , dass es am Ende richtig sei , ein Wort für das Kind zu hinterlassen . » Wenn Du das Kleine besuchst , gib ihm einen Kuss von mir , Lotte . « Sie antwortete nicht , und er wartete auch eine Antwort gar nicht ab , sondern zog hastig die Thür hinter sich zu . Auf dem zweiten Treppenabsatz blieb er hoch aufatmend stehen . » Gott sei Dank , sie war verständiger , als ich gedacht . Sie hat kein Wort von Heiraten gesprochen . Da hat man sich wieder ' mal umsonst gesorgt . « Und leichtfüssig sprang er den letzten Teil der steilen Treppe hinunter . - - - - - - - - - - - - - In den ersten Tagen des neuen Jahres kehrte Frau Wohlgebrecht nach fast einjähriger Abwesenheit nach Berlin zurück . Wer der guten Frau vorhergesagt hätte , dass ihre freiwillig übernommene Liebessorge sie so lange von ihrem Berliner Pflichtenkreis fernhalten würde , wäre schlecht bei ihr angekommen . Niemals würde sie es für möglich gehalten haben , dass sie ihr Geschäft so lange im Stich lassen könne , insbesondere da der Schlingel von Gerhart gleichfalls fahnenflüchtig geworden war . Den freilich entschuldigte der grosse Erfolg seines Frühlingsdramas , auf den Frau Wohlgebrecht , trotz all ihrer unverändert bestehenden Antipathie gegen die moderne Richtung in der Literatur , doch unbändig stolz war . Für einen so berühmten Dichter schickte es sich freilich nicht mehr , hinter dem Ladentisch zu stehen und Bücher auszuleihen . In den Gedanken hatte Frau Wohlgebrecht sich in ihrer westpreussischen Verbannung schon gefunden . Aber dass er nicht einmal in Berlin war , als sie jetzt endlich zurückkam , das ging ihr doch gegen den Strich . Umständlich berichtete der neue Gehilfe , der seine Sache übrigens ganz ordentlich gemacht hatte und in seiner Geschäftspraxis genau so altmodisch war , wie Frau Wohlgebrecht es nur wünschen konnte , dass Herr Schmittlein schon seit Ende November fort sei . Zuerst in Leipzig , wo sein Frühlingsdrama auch ein grosser Erfolg gewesen sei . Jetzt sei er in München , um dort die Aufführung vorzubereiten . Das Fräulein , das hier die Hauptrolle gespielt habe , sei auch mit , weil sie in München ebenfalls auftreten sollte . Von München aus , so hätte Herr Schmittlein ihm aufgetragen zu sagen , würde er an die Frau Tante ausführlich schreiben . Er würde wohl bis zum Frühjahr dort bleiben . Herr Schmittlein solle , so viel er wisse , da ein neues Theater gründen helfen . Das Theater der Intimen oder so etwas ähnliches . Er wisse es nicht genau . Nur so viel wisse er , dass es noch freier sein sollte als die freie Bühne hier . Nun also , wenn es einmal so war , musste sie sich auch darein finden . Frau Wohlgebrecht war nicht die Frau dazu , sich über einmal feststehende Dinge noch den Kopf zu zerbrechen . Behaglich war es ja freilich nicht , jetzt , nachdem sie fast ein Jahr lang in der Familie ihrer Nichte gelebt hatte und an stete Gesellschaft gewöhnt war , hier mit Minna allein zu sitzen . Ordentlich ängstlich sah sie sich in ihrem kleinen Zimmerchen um . Das alte schwarze Rosshaarsofa kam ihr unheimlich gross vor , seit Gerhart nicht mehr in der anderen Ecke sass und mit blassem Gesicht und grossen brennenden Augen moderne Dichtungen verschlang . Lange würde sie es so nicht aushalten . Das fühlte sie schon am ersten Abend . Am besten wäre es schon , gleich ein Ende zu machen und sich Lotte herum holen zu lassen , nach der sie fast ebenso grosse Sehnsucht empfand wie nach dem treulosen Schlingel , dem Gerhart . Als Frau Wohlgebrecht Minna den Auftrag gab , zu Fräulein Weiss zu gehen , war sie äusserst betroffen , von dem Mädchen zu hören , dass die Schwestern , die eine seit dreiviertel , die andere seit einem halben Jahre , nicht mehr in der Zimmerstrasse wohnten . Weshalb hatte weder Gerhart noch Lotte ein Wort von diesen Veränderungen geschrieben ? Minna zuckte die Achseln . Sie wisse nichts genaues , aber man rede so allerhand in der Nachbarschaft . Dem Fräulein Lottchen solle es nicht zum besten gehen . Sie habe fast nichts mehr verdient , habe all ihre Sachen verkaufen müssen und sei in eine Dachwohnung weit raus nach Schöneberg gezogen . Jetzt hätte sie schon seit Monaten nichts mehr von ihr gehört . Dem anderen Fräulein ginge es aber dafür desto besser . Die hätte einen Blumenladen in der Potsdamerstrasse und solle ein feines Geschäft machen . Wie das so gekommen sei , könne sie auch nicht sagen . Die Köchin von den Wirtsleuten , bei denen die Fräuleins nebenan gewohnt hätten , würde die Adresse von dem Fräulein wohl kennen - Frau Wohlgebrecht wisse schon , die immer die Bücher austauschen käme - die Jette mit den dicken roten Armen . Minnas ziemlich teilnahmloser Bericht traf die gutmütige Frau bis ins Herz . So schlecht erging es dem armen Kinde und sie hatte nichts davon erfahren , hatte nicht raten , nicht helfen können ! Wie rasch mochte es da bergab gegangen sein ! Als sie vor nun einem Jahr , kurz vor ihrer unerwartet schnellen Abreise nach Westpreussen , mit Lottchen über den Stand ihrer Angelegenheiten gesprochen , hatte es zwar nicht zum besten gestanden , aber von wirklicher Not , von bitterem Elend war doch noch nicht die Rede gewesen . Armes , armes , kleines , verlassenes Ding ! Das würde sie dem Gerhart nie verzeihen , dass er sie darüber im unklaren gelassen hatte . Gleich morgen mit dem frühesten wollte sie hinaus und nach Lotte sehen , und wenn ' s notthat , sie gleich mit sich nehmen . Gerharts Zimmer und Bett war ja frei , und sie brauchte jemand , für den sie sorgen , den sie hegen und pflegen konnte . Sie schickte Minna sofort zu der Köchin mit den dicken roten Armen herum und liess Lottes Adresse holen . Das Fräulein soll Monate lang schwer krank gewesen sein , brachte das Mädchen mit dem Bescheid zurück . Auch das noch , Armut und schwere Krankheit ! Ganz früh machte Frau Wohlgebrecht sich auf , um die weite Reise nach dem Westen anzutreten . Erst aber kaufte sie noch allerhand gute Sachen ein , wie sie sich für eine Rekonvalescentin schicken . Sie wollte ihr Lottchen schon wieder gesund päppeln . Gott weiss , ob der Wurm nicht vor purem Hunger krank geworden war ! Nicht ohne Anstrengung keuchte Frau Wohlgebrecht die vier steilen Treppen , die eigentlich fünf waren , bis unter das Dach zu Lottes kleiner Wohnung hinauf . Auf den engen