wir nicht Solaib , sondern diejenigen sind , welche du erkundschaften und dann am Bir Hilu angreifen willst ? Nun zwinge uns doch , mit dir zu reiten , du Wurm der Ohnmacht und des Unvermögens ! Hast du dich wirklich vor hundert Leuten unserer Sorte nicht zu fürchten ? Sind die Haddedihn wirklich die Wasserfrösche , als welche du sie bezeichnet hast ? Da liegst du nun , bedeckt von den Hieben meiner Peitsche ! Deine Gestalt ist fast doppelt so lang wie die meinige ; aber wenn Allah sie noch hunderttausendmal länger gezogen hätte , wäre sie doch ein Zwerg gegen die endlose Riesenhaftigkeit der Dummheit , welche das einzige , dir hinterlassene Erbe aller deiner ohne Verstand geborenen und ohne Vernunft gestorbenen Ahnen ist . Wer nur einen einzigen Blick auf dich wirft , der muß sich sofort abwenden , sonst löst er sich so in Thränen der Trostlosigkeit auf , daß nichts , aber auch gar nichts von ihm übrig bleibt ! « Um diese seine Worte zu verdeutlichen , wendete er sich ab und zufällig seinem Sohne zu , der hinter ihm stand . Er nahm ihn bei der Hand , zog ihn vor , deutete auf Tawil und fuhr fort : » Da siehst du ihn liegen , der deine Mutter , in welcher alle weiblichen und mütterlichen Vorzüglichkeiten in größter Vollkommenheit vereinigt sind , eine triefäugige Büjüdscheh genannt hat ! Nun sag du mir , was ihm dafür geschehen soll ! « Kara Ben Halef , welcher seinen Namen Kara bekanntlich von mir bekommen hatte , machte eine abwehrende Handbewegung und sagte nur das eine Wort : » Nichts ! « » Nichts ? « fragte sein Vater ebenso erstaunt wie unbefriedigt . » Nichts soll ihm geschehen ? « » Nichts ! Auf eine solche Frechheit kann nur die Peitsche antworten ; das ist geschehen . Jede weitere Beachtung würde nur eine Ehre für ihn sein , und die darf ihm nicht werden ! « Der brave Jüngling wendete sich ab und ging zu seiner Mutter . Halef sah ihm nach , blickte einige Zeit sinnend vor sich nieder , hob dann sein Gesicht und rief mir in entzücktem Tone und strahlenden Auges zu : » Sihdi , hast du gehört , was Kara Ben Halef , der Sohn meines Herzens , soeben sagte ? Was sagst du dazu ? « » Er hat recht , « antwortete ich . » Ja , er hat recht . Der Beleidigung der besten aller Frauen ist Genüge geschehen , und so soll in Beziehung auf sie dieses Hundes nicht wieder gedacht werden . Aber ich habe wegen anderer Dinge weiter mit ihm zu sprechen und hoffe , daß ich auch da das Richtige treffen werde . Bindet ihm seine Flinte lang an die Seite und den Arm so fest daran , daß er ihn und die Hand nicht bewegen kann ! « Während Omar Ben Sadek mit zwei Haddedihn diesem Befehle nachkam , trat Halef zu mir , hielt mir seine Hand hin und bat : » Effendi , zeige mir , wo die Fingerschlagadern liegen ; ich muß das wissen ! « Ich ahnte , was er wollte , und stimmte ihm vollständig bei , ohne ihm dies aber zu sagen . Ich hätte das , was er jetzt vorhatte , wahrscheinlich auch gethan , weil es das beste , einfachste und für uns ungefährlichste Mittel war , den Perser zu retten . Darum zeigte und erklärte ich ihm in kurzen Worten die Lage und die Thätigkeit der betreffenden Adern . Als dies geschehen war , ging er nach dem Tachtirwan , um sich Hannehs kleines , scharfes Näh- oder vielmehr Trennmesser zu holen . Dann kehrte er zu dem Scheik der Beni Khalid zurück , welchen , obgleich er gebunden war , drei oder vier Haddedihn halten wußten . Ich stand entfernt davon und sah nur , daß Halef sich über ihn niederbeugte . Dann erscholl ein Schrei , und ich hörte Tawil brüllen : » Was thatest du mit meiner Hand ? Du hast mich gestochen . Da spritzt das Blut empor ! « » Ja , ich habe dich gestochen , « antwortete Halef . » Es geschieht dir nach dem Gesetze der Wüste : Blut um Blut , Leben um Leben . Du lässest den Perser am Aderlasse sterben und teilst nun mit ihm dasselbe Geschick . Morgen früh wirst du mit ihm aus dem Lande der Lebenden gehen und mit ihm zu gleicher Zeit es Ssiret , die Brücke des Todes , erreichen . Allah weiß , wer glücklich hinüberkommt , er oder du ! « » So hast du mir die Faßada gegeben ? « » Ich habe dir nur zwei Fingerschlagadern geöffnet , ganz genau das , was du mit ihm gethan hast . « » Allah verdamme dich ! Wie kannst du es wagen , mein Blut zu vergießen ? ! « » So , wie du es gewagt hast , das seinige zu vergießen . « » Das war der Beschluß des Gerichtes ! « » Hier auch , denn ich bin der oberste Richter des Stammes der Haddedihn . « » Dieser Schiit soll an der Faßada sterben , weil er die Mekkaner , unsere Gastfreunde , beleidigt hat ! « » Und du sollst ebenso an der Faßada sterben , weil du ihn , der unser Gastfreund ist , beleidigt und sein Blut vergossen hast und auch noch weiter vergießen und ihn dadurch töten willst . Du siehst , ich thue ganz genau dieselbe That aus ganz genau demselben Grund , wie du . « » Es ist doch nicht dasselbe , denn dieser Schiit hat nicht bloß die Mekkaner , sondern auch mich und meinen ganzen Stamm beleidigt ! « » Und du hast dich nicht nur an ihm vergriffen , sondern auch mich und den ganzen Stamm der Haddedihn mit dem Schmutze deines Mundes besudelt . Du darfst dir also nicht einbilden , etwas vor ihm voraus zu haben ! « » Aber woher nimmst du das Recht , Richter über mich zu sein ? « » Daher , woher du dir die Befugnis genommen hast , über ihn abzuurteilen . Du siehst , es giebt für dich keine Thür , durch welche du mir entschlüpfen kannst . Stirbt er , so stirbst auch du ; willst du leben bleiben , so muß auch er gerettet werden . Deine Lage ist genau dieselbe , wie die seinige , und ich sorge dafür , daß sie sich in jeder Beziehung auch weiter nach ihr richtet . « » So ist es dein Ernst , daß ich mich hier verbluten soll ? « » Ja , natürlich ! Wenn du geglaubt hast , daß ich scherze , so befindet sich in deinem Kopfe noch weniger Denkkraft , als ich dachte . Menschenblut ist eine sehr teure und ernste Sache , mit welcher man keinen Scherz treiben darf , zumal hier in der Wüste , wo strenger als sonstwo Blut mit Blut zu bezahlen ist . Ueberlege dir das . Du hast Zeit dazu . Jetzt bin ich einstweilen mit dir fertig . « Er wendete sich von ihm ab und kam zu mir . » Sihdi , habe ich einen Fehler gemacht ? « fragte er mich . » Nein , « antwortete ich . » So bist du also mit mir zufrieden ? « » Ja , sogar sehr . « » Wie mich das freut , lieber Effendi ! Du weißt , wie ich dich liebe und daß dein Wohlgefallen das Endziel meines ganzen Strebens ist . Du bist so schwer zu befriedigen ; um so größer ist mein Entzücken darüber , daß es mir hier gelungen ist , mich der ganzen Fülle deines Beifalles zu erfreuen . Nun wollte ich dich fragen , ob ich diesem Menschen jetzt die Bedingungen mitteilen soll , unter welchen er sich sein Leben erhalten kann . « » Jetzt noch nicht . « » Warum nicht ? « » Weil er noch nicht überzeugt ist , daß du es mit dem Aderlasse ernst meinst . Er muß erst Angst , wirkliche Angst bekommen . Sorge also dafür , daß die Blutung nicht aufhört ! « » Kann das der Fall sein ? « » Ja , weil es sich nur um schwache Nebenadern handelt . Welche Bedingungen willst du stellen ? « » Ich gebe ihn nur gegen den Perser und die Soldaten frei . Bist du damit einverstanden ? « » Ja . « » Ich dachte auch an die Mekkaner und wollte verlangen , daß er sie dem Perser ausliefere . Aber er hat sie als seine Gastfreunde bezeichnet , und da verlangt die Wüstenregel von ihm , daß er lieber stirbt , anstatt auf diese meine Forderung einzugehen . « » Das ist richtig , und bei seinem Charakter bin ich überzeugt , daß er auch gar nicht anders handeln würde . Laß ihm also diese Leute ; wir bekommen sie doch ! « » Wann ? « » Heute am Abend oder in der Nacht . « » Wieso ? « » Denke an das , was nun kommen wird , nachdem er in unsere Hände gefallen ist ! Du willst doch seine Beni Khalid benachrichtigen lassen , wo er sich befindet ? « » Natürlich ! « » Und daß er sterben muß , wenn sie den Perser sich verbluten lassen ? « » Ja . Ich schicke einen seiner Begleiter fort , der ihnen zu sagen hat , daß ihr Häuptling so lange bluten wird , bis der Perser sich bei uns einfindet . Wie meinst du , werden sie ihn schicken ? « » Jedenfalls . « » Auch die Soldaten ? « » Auch diese . Es wird ihnen zwar schwer ankommen , aber um ihren Häuptling , ihren Scheik zu retten , bleibt ihnen ja nichts anderes übrig . Nun frage dich einmal , was die Mekkaner thun werden , sobald sie sehen , daß ihre Verfolger wieder freigelassen werden ! « » Sie werden sich schleunigst aus dem Staube machen . « » In welcher Richtung ? « » Nach Mekka zu ; das ist doch selbstverständlich . « » Ja ; aber ebenso selbstverständlich ist es , daß wir sie dort erwarten und abfangen , um sie dem Perser auszuliefern . Freilich müssen wir auch die Möglichkeit in Betracht ziehen , daß sie sich bei den Beni Khalid sicherer fühlen als anderswo und also bei ihnen bleiben wollen , bis wir und der Perser fort sind . Dies müssen wir zu verhüten suchen , denn diese mekkanischen Diebe haben sich so zu uns verhalten , daß es uns gar nicht einfallen kann , ihnen das Entkommen zu erleichtern . Es liegt vielmehr so eine Ahnung in mir , daß wir auch für uns ein kluges Werk vollbringen , wenn wir dafür sorgen , daß sie den Diebstahl eingestehen müssen . Wir haben dann eine Waffe gegen El Ghani in der Hand , falls es ihm einfallen sollte , sich in der heiligen Stadt feindlich gegen uns zu verhalten . « » Das begreife ich gar wohl , Sihdi ; aber du befindest dich da mit dir selbst im Widerspruch ! « » Wieso ? « » Erst sagst du , daß wir ihre Auslieferung von Tawil nicht verlangen dürfen , weil sie seine Gäste sind und er also lieber sterben als auf unsere Forderung eingehen wird , und nun bestimmst du , daß wir sie dennoch haben müssen , selbst wenn sie nicht fortgehen , sondern bei ihm bleiben , um unsere Entfernung abzuwarten . Wie sind diese verschiedenen Dinge zu vereinigen ? « » Durch ein allerdings sehr kriegerisches Mittel , bei welchem man das Leben auf das Spiel zu setzen hat . « » Allah w ' Allah ! Du meinst den Zweikampf ? « » Ja . Den Perser und die Soldaten giebt er gegen seine eigene Freiheit heraus ; das schändet ihn nicht ; die Auslieferung der Gäste aber können wir nach dem Gesetze der Wüste nur durch die Entscheidung der Waffen , durch einen Zweikampf erzwingen . Es kann ihm dann niemand einen Vorwurf machen . Sage ihm also , daß ich bereit bin , mit jedem Gegner , den er mir stellt , und in jeder Waffe und Weise , die ihm beliebt , die Entscheidung herbeizuführen ! « » Du also , Sihdi , du ? « » Ja . « » Du selbst ? « wiederholte er . » Ich selbst ! « » Maschallah ! Nach der strengen Regel müßte da El Ghani mit dir kämpfen , weil es sich ja um ihn handelt . Der wird sich aber wohl hüten , sein teures Leben auf das Spiel zu setzen . Man wird also gezwungen sein , ihm aus der Schar der Beni Khalid einen Stellvertreter zu wählen . « » Das setze ich voraus ! « » Aber , Sihdi , bedenke , daß man da nicht etwa einen Schwächling auslesen wird ! « » Eine solche Schande würde ich zurückweisen ! Zur Besprechung dieser Angelegenheit ist noch Zeit . Es gilt mir zunächst , zu wissen , wo die Beni Khalid lagern , und da ihr Scheik uns das nicht sagen wird , so werde ich jetzt fortreiten , um es zu erkunden . « » Ich reite mit ! « » Nein ! Die Lage hier ist eine kritische ; es kann sich von Augenblick zu Augenblick etwas Wichtiges ereignen , und da darfst du als Scheik und Anführer dich nicht entfernen ; aber ich werde Kara Ben Halef mitnehmen . « » Meinen Sohn ? Ich danke dir , Effendi ! Ich hätte mich nicht zurückweisen lassen ; aber da es Kara Ben Halef und kein anderer ist , den du wählst , so stimme ich freudig bei und bleibe sehr gern hier , denn er findet da Gelegenheit , dir zu beweisen , daß er von mir gelernt hat , sich sogar am Tage unbemerkt anzuschleichen . Was reitet ihr ? Kamele oder Pferde ? « » Unsere Pferde natürlich . Wer setzt sich , wenn er die Wahl hat , bei einem unter Umständen gefährlichen Späherritte auf unzuverlässige Kamele ! « » Gut ! Ich werde sofort satteln lassen . « » Ist nicht notwendig ; wir reiten nur mit Zügel . Es dauert ja nicht lange . In einer kleinen Stunde ist es Nacht ; da müssen wir wieder hier sein . « Wenige Minuten später bestieg ich meinen Assil Ben Rih und Kara Ben Halef den Rappen seines Vaters , den er an Stelle seiner Schimmelstute nahm , weil die weiße Farbe derselben uns verraten hätte . Aus eben demselben Grunde hatten wir unsere hellen Haiks abgelegt und trugen also nur die Anzüge , deren Farbe nicht von der Umgebung abstach . Eine kurze , unauffällige Erkundigung bei dem Führer klärte mich über die genaue Lage des Brunnens und über seine Umgebung auf , so daß wir uns nicht irren konnten ; dann ritten wir fort , erst langsam , dann aber schnell , um die uns gegebene Zeit recht auszunützen . Wir hielten uns natürlich nicht auf der geraden Linie nach dem Brunnen , sondern etwas südlicher und kamen an mehreren der erwähnten Felseninseln vorüber . Wir ritten hinter keiner derselben hervor , ohne uns vorher überzeugt zu haben , daß die offene Strecke bis zur nächsten unbeobachtet sei . So ging es weiter und weiter , bis wir von weitem auf einem jener freien Zwischenräume helle Punkte bemerkten , welche sich bewegten . Das waren Beni Khalid-Beduinen , die ihren Pferden Bewegung machten . Sie ritten eine sogenannte Phantasia , ein wohlgeordnetes Figurenstück , woraus wir schließen konnten , daß sie es nicht für nötig hielten , da , wo sie sich befanden , vorsichtig zu sein und sich nicht sehen zu lassen . Sie waren ja weit genug vom Bir Hilu entfernt , um von dort aus nicht bemerkt zu werden , und verließen sich überhaupt ganz auf ihren Scheik , von welchem sie wußten , daß er auf Kundschaft geritten sei und sie von der Annäherung der Haddedihn rechtzeitig benachrichtigen werde . Sie waren ihrer Sache so sicher , daß sie die Möglichkeit , ihm könne etwas zustoßen , für ganz ausgeschlossen hielten . Wir hatten uns eigentlich vorgenommen , sobald wir sie erblicken würden , von den Pferden zu steigen , um uns möglichst nahe an sie zu schleichen ; das war nun aber , da sie nicht lagerten , sondern sich in solcher Bewegung befanden , unmöglich auszuführen . Wir mußten also wohl oder übel darauf verzichten , über die Soldaten und die Mekkaner vielleicht etwas für uns Nützliches zu erfahren . Das Einzige , was wir thun konnten , war , den Brunnen aufzusuchen , wo sie alle bis vor kurzem gewesen waren . Günstigen Falles gab es dort eine Entdeckung , welche geeignet war , uns die späteren Verhandlungen mit diesen Leuten zu erleichtern . Wir bogen also im rechten Winkel nach Norden ab und erreichten , da wir galoppierten , schon nach zehn Minuten die Gegend , in welcher der Beschreibung des Führers nach der Brunnen liegen mußte . Vier ziemlich hohe und steil aufsteigende Felsenmassen bildeten die Winkelpunkte eines unregelmäßigen Viereckes , dessen längste Seite vielleicht achthundert , die kürzeste fünfhundert Meter messen mochte . Da , wo diese beiden Seiten zusammenstießen , befanden wir uns , und in der uns gegenüber liegenden Ecke trat aus dem Felsen ein schutzdachähnliches Gemäuer hervor , welches jedenfalls den Bir bezeichnete . Der Boden des Vierecks bestand aus Sand , und wenn Tawil auch gesagt hatte , daß die Spuren alle ausgelöscht worden seien , so kam mir jetzt die Ueberzeugung , mit welcher uns diese Mitteilung von ihm gemacht worden war , im höchsten Grade lächerlich vor . Der Boden war nämlich so zerstampft , daß man hätte gradezu blind sein müssen , um nicht zu sehen , daß eine ungewöhnlich große Reiterschar sich hier befunden habe . Freilich , die einzelnen Fährten auseinander zu halten , das war selbst für meine geübten Augen eine absolute Unmöglichkeit . Der Fährtenleser sucht beim Vorhandensein so massenhafter Fuß- und Hufeindrücke ganz unwillkürlich nach einer Einzelspur , oft ohne eine andere Absicht dabei zu haben , als die , den eigenen Blick zu prüfen . So that ich auch hier . Es war aber keine einzige herauszubringen - - - und doch , grad da beim Vorderfuße meines Pferdes lag ein höchstens zwei Hände großes Steinstück , welches , sobald ich es erblickte , meine Aufmerksamkeit auf sich zog , weil die eine , glatte Seite desselben ein ganz sauberes , neues Aussehen hatte , während die andern Seiten schmutzig und verwittert waren . Ganz gewiß war dieses Stück erst vor kurzer Zeit von dem neben uns aufsteigenden Felsen abgebrochen worden und heruntergefallen . Höchst wahrscheinlich war das ein für uns ganz gleichgültiger Vorgang gewesen ; ich sah aber doch nach oben und gewahrte da auch die Stelle , an welche die Bruchfläche des Steines ganz genau paßte . Damit hätte ich mich wohl zufrieden gegeben , aber ich sah noch mehr . Nicht weit von der erwähnten Stelle gab es nämlich eine mit Sand gefüllte Ritze und in diesem Sande vier senkrechte , halb wieder zugekörnelte Striche . Da hatte jemand sich festhalten wollen , war aber ab- und mit den vier Handfingern durch den Sand geglitten . Was hatte der Betreffende da oben gewollt ? Das war eigentlich eine ganz nichtige Frage ; aber gewohnt , selbst auf Kleinigkeiten und scheinbar bedeutungslose Dinge stets auch zu achten , forderte ich Kara Ben Halef auf , einmal vom Pferde zu steigen und da hinaufzuklettern . Ich hätte das wohl selbst gethan , wollte aber meinem Schützlinge Gelegenheit geben , seinen Scharfsinn zu zeigen . Der Beduine klettert nicht gern ; wenn er es doch einmal thut , so muß immerhin eine nicht ganz gewöhnliche Ursache dazu vorhanden sein . Und grad hier an dieser Stelle war es gar nicht bequem gewesen , hinaufzukommen . Hatte etwa einer der Beni Khalid da oben etwas versteckt ? Ah , es waren sogar zwei gewesen , denn jetzt , da ich nun genauer hinschaute , sah ich ganz unten und hart am Felsen die tiefen Eindrücke zweier Fußspitzen , aus denen ich schloß , daß der eine hier gestanden und sich angestrengt hatte , den andern emporzuschieben . Dieser andere mußte entweder unbehilflich oder alt gewesen sein , sonst hätte er dieser Hilfe nicht bedurft . Ich weiß nicht , warum und wie es kam , aber ich mußte dabei an El Ghani denken , hielt dies jedoch für sehr erklärlich , weil ich mich in der letzten Zeit mit diesem Manne so viel in Gedanken und Worten beschäftigt hatte . Der gewandte und sehr kräftige Kara schwang sich , ohne einer Hilfe zu bedürfen , schnell hinauf , bis dahin , wo ich ihn nicht mehr sehen konnte , und es verging einige Zeit , ehe er wieder erschien und , den Kopf vorbeugend , mir zurief : » Sihdi , ich habe es gefunden . « » Was ist ' s ? « » Ein Paket , in einen Gebetsteppich gewickelt und mit einer Burnusschnur umwunden . « » Ist es groß ? « » Nein , aber schwer . Willst du es haben , Sihdi ? « » Nein , wenigstens jetzt noch nicht . Ich komme hinauf , um es selbst zu sehen . « Ich sprang vom Pferde und kletterte an dem hier vielleicht acht Meter hohen Gestein empor . Oben angekommen , stand ich nicht etwa schon auf der Höhe der Felseninsel , sondern erst auf einem beinahe rund herumlaufenden Absatze derselben , welcher den Fußrand mehrerer kahl und nackt aufstarrenden Spitzen bildete . Ich sah , daß es zwar keine einzige Stelle gab , an welcher man bequem hier heraufkommen konnte , aber diejenige , welche wir erklettert hatten , war grad die schwierigste von allen . Daraus war zu schließen , daß diejenigen , welche das Paket nach oben brachten , sehr große Eile und darum keine Zeit gehabt hatten , sich ein zugänglichere Stelle zu wählen . Die erwähnten Spitzen waren mehrfach von Spalten zerrissen , und in einem dieser Einschnitte steckte das Paket , welches , damit man es nicht sehen solle , mit Steinen zugedeckt gewesen war , welche Kara jetzt weggenommen hatte . » War der Pack gut versteckt ? « fragte ich ihn . » Nein , « antwortete er . » Der , welcher es hier verbarg , hatte sich fast gar keine Mühe gegeben , dies so zu thun , daß es nicht zu finden war . Die Stelle ist ja ganz gut ausgewählt , denn unter tausend Beduinen wird es wohl kaum einem einfallen , ohne besonderen Grund hier heraufzuklettern ; aber das Zudecken mit den Steinen hat man mit sehr wenig Sorgfalt ausgeführt . « » Weil die Zeit dazu gefehlt hat , lieber Kara . Nicht der Leichtsinn , sondern die Eile ist schuld daran . Ah , kennst du diesen Sidschdschadi97 ? « » Nein . « » So hast du nicht auf ihn geachtet . Mir fiel er wegen seines eigentümlichen Musters auf , welches aus einem Fe und einem verkehrt darüberliegenden Khaf besteht . Dieser Teppich ist El Ghanis Eigentum . « » So wäre es dieser Alte , der da heraufgeklettert ist ? « » Wahrscheinlich . « » Was mag in dem Pakete stecken ? « » Ich vermute , daß es die in Meschhed Ali gestohlenen Gegenstände sind . Wir werden nachsehen , müssen aber dafür sorgen , daß es ganz genau wieder so zugebunden wird und zu liegen kommt wie vorher . « Die Umschlingung des Teppichs bestand , wie Kara gesagt hatte , in einer Burnusschnur , weil nichts anderes , dazu passendes augenblicklich dagewesen war . Wir entfernten sie und öffneten das Paket . Es enthielt über zwanzig Beutel , aus Leder gefertigt und von verschiedener Größe , welche mit goldenen Quasten verziert und mit farbigen , seidenen Schnüren zugebunden waren . An jedem hing ein künstlerisch geschnittenes Elfenbeinblättchen , welches eine Buchstabennummer und die persische Bezeichnung des Inhaltes trug . Das machte den Eindruck des Wertes , des Reichtums . Ich las einige der Aufschriften ; sie lauteten : » Sih ängust = drei Finger , pänj tschasm = fünf Augen , du bini = zwei Nasen , tschähar dil = vier Herzen , nuh pah = neun Füße , sih zäbahn = drei Zungen , du kahm = zwei Gaumen . « Diese Inhaltserklärungen kamen mir keineswegs verwunderlich vor , denn ich kannte den Brauch , der ihm zu Grunde lag . Es kommt nämlich unter den Schiiten besonders bei langwierigen Krankheiten und schwer heilenden Verletzungen sehr häufig vor , daß der Patient an den heiligen Stätten die Hilfe sucht , die er bei den Aerzten nicht gefunden hat . Dies geschieht , wenn es ermöglicht werden kann , durch die persönliche Wanderung nach Meschhed Ali oder Kerbelah ; im andern Falle sendet man eine Ab- oder Nachbildung des betreffenden Gliedes oder Körperteiles nach einem dieser Orte und dazu ein Geldgeschenk , welches die » Heiligen der Stätte « veranlassen soll , sich des Absenders im Gebete anzunehmen . Dies ist das letzte und , wie man meint , zugleich sicherste Heilmittel , zu welchem man greift . Der Arme kann es nur zu einer Nachbildung aus Holz , aus Thon , aus Blei , Zinn oder sonst einem billigen Stoffe bringen und hat also nur wenig Hoffnung , von Allah geheilt zu werden . Der Reiche ist viel besser daran , weil er die Mittel besitzt , ein wertvolleres Material zu bezahlen . Er wählt Silber , Gold und sogar edle Steine . Auf diese Weise gelangen Kostbarkeiten nach den Pilgerstätten , mit denen man selbst den berühmtesten Arzt nicht honorieren würde . Es kommt vor , daß Fürsten oder sonstige Geldleute wahre Schätze schicken , die in den unterirdischen Kammern von Kerbelah und Meschhed Ali aufgehäuft werden und einen immer wachsenden Wert von vielen Millionen besitzen . Daß da Allah nicht der einzige Empfänger ist , versteht sich ganz von selbst . Auch ist es dagewesen , daß Eroberer sich dieser Schätze bemächtigt haben , ohne ihn um Erlaubnis zu fragen . Aber sie wachsen immer wieder und immer weiter an , so daß man eben jetzt , in gegenwärtiger Zeit , behauptet , daß man mit den an den beiden genannten Orten aufgehäuften Vermögen ganz Persien aufkaufen und bezahlen könne . Unser neuer Bekannter Khutab Agha war in Meschhed Ali als Basch Nazyr , als Oberaufseher der dortigen Schatzkammer angestellt , also einer der hervorragendsten Beamten dieser Stadt . Wenn so ein Mann die Verfolgung eines Diebes persönlich unternahm und sich dabei den Gefahren eines weiten Rittes durch die für ihn als Schiit doppelt gefährliche arabische Wüste aussetzte , so konnte es sich nicht um unbedeutende Objekte handeln . Ich öffnete den kleinen Beutel , welcher mit » Sih ängust = drei Finger « bezeichnet war . Er enthielt drei Finger , wie zu erwarten war , aus purem Golde und mit den erkrankten Stellen nachgebildet ; an jedem steckte ein Ring mit Edelsteinen . Wenn der Inhalt der andern Beutel ein gleich oder auch nur ähnlich kostbarer war , so verlohnte es sich für einen Dieb gar wohl des allerdings großen Wagnisses , nach Meschhed Ali zu gehen und dort in den Kanz el A ' da einzudringen . Kanz el A ' da , Schatz der Glieder , heißt nämlich dort diejenige Abteilung der tief unter der Erde liegenden Räume , in welcher die aus edlen Metallen und Steinen bestehenden Nachbildungen menschlicher Körperteile aufbewahrt werden . Wir banden den Beutel wieder zu und verzichteten darauf , noch andere zu öffnen , denn erstens fehlte uns die Zeit dazu , zweitens war eine Ueberraschung durch die Beni Khalid möglich , und drittens durften wir annehmen , daß wir den Inhalt der übrigen auch noch sehen würden . Wir wickelten den Teppich wieder zusammen und banden die Schnur genau wieder so um ihn , wie sie vorher um ihn geschlungen gewesen war . » Nehmen wir das Paket mit , Sihdi ? « fragte Kara , dem das , was er gesehen hatte , gewaltig imponierte , was bei seiner Jugend ja auch sehr begreiflich war . » Nein , « erwiderte ich . » Nicht ? Warum nicht , Effendi ? Dieses Gold und diese Diamanten sollen hier liegen bleiben ? ! « » Ja , und zwar weil sie uns überhaupt nicht gehören und wir sie doch nicht stehlen werden , und weil wir El Ghani nur dann des Raubes überführen können , wenn er glaubt , daß niemand das Paket gesehen hat . « Ich sah ihm an , daß er mich nicht begriff ; da er es aber nicht wagte , mich mit einer darauf bezüglichen Frage zu belästigen , so forderte ich ihn auf : » Komm jetzt wieder mit herab ! Ich werde es dir nachher erklären . Leg die Steine möglichst so darauf , wie sie erst gelegen haben ! Jetzt möchte ich vor allen Dingen erfahren , warum El Ghani beim Ersteigen des Felsens so große Eile gehabt hat . Es ist mir bis jetzt nicht möglich , dieses heimliche Heraufklettern und Verstecken der Sachen hier mit der Anwesenheit so vieler Beni Khalid in Einklang zu bringen . Sie müssen doch unbedingt gesehen haben , was er that ! « Als die Stelle ihre frühere Beschaffenheit wieder erhalten hatte , stiegen wir wieder hinab und auf die Pferde , welche , weil gut erzogen , ruhig stehen geblieben waren . Wir ritten