habe . Ich will mich bemühen , möglichst kurz zu sein . Ihre Frau kam heute morgen um zehn zu meiner Frau , ich darf wohl sagen : zu meiner Frau und mir , denn meine Gegenwart hinderte sie in nichts an der Offenherzigkeit und Vollständigkeit ihrer Beichte . Einer tief traurigen Beichte . Sie bereut aufs tiefste , sich von einem Gefühl haben hinreißen zu lassen , welches sie selbst jetzt als ein schiefes , oberflächliches , ihr durchaus unwürdiges anerkennen muß . Sie räumt willig ein , sich an Ihnen , an Ihren Kindern in einer Weise vergangen zu haben , die es schwer , sehr schwer macht , ihr zu verzeihen . Ich wiederhole : sehr schwer . Und doch wohl nicht unmöglich : sie hat uns geschworen : es sei nichts geschehen , was zu verzeihen den Menschen allerdings selten gelingt , wenngleich des Menschen Sohn uns mit seinem erhabenen Beispiel vorangegangen ist . Warum der Mann nur nicht Pastor geworden ist , dachte Viktor , der diese ganze Auseinandersetzung im Grunde beleidigend fand , und laut sagte er : Nehmen wir an , meine Frau ist in ihrer Beichte , um mich Ihres Ausdrucks zu bedienen , streng bei der Wahrheit geblieben , obgleich das in solchen Fällen sehr schwer sein soll . Hat sie Ihnen zum Beispiel auch ihre saubere Aventüren von gestern abend gebeichtet ? Wo nicht , würde Ihnen dieser Brief - Den sie verloren hat , sagte Elimar . Bemühen Sie sich nicht ! Ich weiß durch sie , was der Brief enthält und was gestern abend geschehen ist , vielleicht besser und ausführlicher , als Sie es aus dem Bericht Ihres Beauftragten erfahren haben . Viktor richtete sich in den Hüften auf . Ich erwarte jetzt nur noch , sagte er mit schneidender Ironie , daß Sie mir Vorwürfe machen über die Maßregeln , die ich treffen zu müssen glaubte , um hinter die Schliche der Dame zu kommen . Er hatte unwillkürlich das Wort gebraucht , welches ihm aus den Berichten Herrn Krügers so geläufig war . Um Gottes willen , rief Elimar , ihm die Hand auf das Knie legend , erhitzen wir uns nicht in einem Augenblick , wo ich den Himmel anflehe , uns seinen Frieden zu geben ! Ich bin völlig kaltblütig , entgegnete Viktor . Und so , ganz kaltblütig , frage ich Sie : würden Sie , der Hauptmann von Meerheim , wenn Ihnen begegnet wäre , was mir begegnet ist ; Sie beleidigt wären , wie ich beleidigt worden bin ; in Ihrer Ehre gekränkt , vor der Gesellschaft , in der Sie leben , bloßgestellt wären , wie ich es bin : würden Sie - ja , könnten Sie anders handeln , als ich zu handeln gedenke ? Würden Sie und könnten Sie unterlassen , den Buben , der gewagt hat , mit seinen schmutzigen Fingern an Ihr blankes Wappenschild , an Ihren reinen Namen zu tasten , vor die Mündung Ihrer Pistole zu stellen ? Die Worte hatten Elimar schwer getroffen . Da klaffte wieder einmal der tiefe Spalt zwischen dem , was sein Herz und sein Verstand ihm gesagt und geboten hatten , lange bevor es ihm seine geliebten Denker und Dichter bestätigten , und jenem andern , in dessen engem Bann er nun schon so viele Jahre gelebt hatte in schmerzlicher Resignation einer besseren Ordnung der menschlichen Dinge , die herbeizuführen dem einzelnen Menschen nicht gegeben war . Hatte er nie die Kraft in sich gefunden , Fesseln zu sprengen , die ihm ins Fleisch schnitten , wie durfte er es erwarten und verlangen von einem , den sie nicht einmal drückten , der sie im Gegenteil als einen höchsten Schmuck trug ? Er fühlte peinlich , daß er eine Position verteidigte , die er nicht würde behaupten können ; aber ohne einen letzten Versuch wollte er sie nicht aufgeben . Es giebt zweierlei Ehre , sagte er , die gesellschaftliche und die individuelle . Die erstere trägt ihre Gesetze nicht sowohl in sich , als sie ihr vielmehr von dem Milieu diktiert werden , in welchem wir leben . Die Vernunft dieses Milieu braucht nicht die unsre zu sein ; ich kann mir sogar denken , daß wir in ihr die bare Unvernunft sehen . Aber freilich , solange das Milieu das unsre ist ; ich meine : solange wir aus diesem oder jenem Grunde den Schwerpunkt unserer äußerlichen Existenz darein verlegt haben , müssen wir in Rom wie die Römer thun . Quaeritur : ist in unserm Falle diese Milieu-Ehre beleidigt ? Sind Sie es der Gesellschaft schuldig , ihre in Ihnen beleidigte Ehre zu rächen ? Ich glaube : nein . Die ganze unglückselige Angelegenheit ist für den Ihnen befreundeten und bekannten Kreis tiefes Geheimnis ; ich nehme meine Frau und mich aus , von denen wir hier wohl absehen dürfen . Pardon ! erwiderte Viktor ; ich urteile darin anders und , ich glaube , richtiger als Sie . Es ist mir nicht gleichgültig , wie Herr von Fernau , der in die ganze Sache eingeweiht werden mußte , über mich denkt : ob er mich für einen Mann von Principien hält , oder für einen , der seine Principien , ich weiß nicht welcher sentimentalen Wallung wegen , aufgiebt . Herr von Fernau spielt in meinem speciellen Kreise eine große , und , ich darf sagen , verdiente Rolle . Es handelt sich aber keineswegs um ihn allein . Herr von Luckow und Fräulein Stephanie Sudenburg hegen den schlimmsten Verdacht : davon habe ich mich überzeugen müssen , als ich vorgestern eine sehr vorsichtige Rekognoscierung nach dieser Seite anstellte . Niemand steht mir dafür , daß die Genannten ihre Wissenschaft für sich behalten ; bei der großen Solidarität der Gedanken und Interessen , die in der Sudenburg ' schen Familie herrscht , ist es sogar mehr als unwahrscheinlich . Ich kann also Fritz und Franz Sudenburg nicht mehr in die Augen sehen . Und wem noch sonst nicht ? Ich habe in dieser Gesellschaft Blicke aufgefangen , Anspielungen hören müssen , auf welche die einzig richtige Antwort eine Forderung gewesen wäre . Das alles ist schon mehr als genug . Soll ich noch von meinen Dienstboten sprechen , die seit zehn Tagen Zeugen des schlimmsten ehelichen Zerwürfnisses sind ? und die nun hingehen und meine Schande durch die ganze Stadt tragen werden ? Viktor war aufgesprungen und maß mit heftigen Schritten das Zimmer auf und ab . Das wäre die gesellschaftliche Ehre , die mit Füßen getreten ist . Nun die individuelle - so nannten Sie sie ja wohl ? Ja , mein Bester , jeder ist seines Glückes Schmied , und die Ehre , die jeder in sich trägt , kann niemand in ihrem Wert taxieren , als er selbst . Mir nun gilt meine Ehre so hoch , daß , wenn ich sie angegriffen sehe , mein Leben mir nicht einen Strohhalm wert ist . Sie können nicht verlangen , daß ich das des Angreifers für heilig halte . Elimars Stirn war auf die Hände gebeugt , die er über den Knauf des Säbels zwischen seinen Knieen gestaltet hatte . Ein leises Stöhnen kam aus seiner Brust . Nun richtete es das bleiche Gesicht in die Höhe und sagte schmerzlich : Mein Gott , in welcher Welt der schauderhaften Widersprüche leben wir ! Da ist eine Gesellschaft , vor der wir innerlich keinen Respekt haben , und die ihn auch , konfus , zerfahren , unlogisch , oberflächlich , nur nach dem äußeren Schein urteilend , wie sie ist , wahrlich nicht verdient ! Da sind wir Männer , die wir uns nicht sündlos fühlen und bei dem Leben , das wir , und wären wir die besten , geführt haben , fühlen können ; und wir heben den Stein auf gegen ein Weib , das aus der Erziehung , die es gehabt , aus dem Leben , in das es unvorbereitet trat , keine Kraft des Widerstandes schöpfen konnte gegen die Versuchung , von der es doch nicht verschont bleiben sollte ! Ein Weib , das der Mann , der trotzdem den Stein aufhebt , geliebt hat ! Und das so liebenswert ist ! Die letzten Worte fand Viktor empörend . Wie durfte ihn der Mann daran erinnern , daß auch er zu den Liebhabern Klotildens gehört und , wie die Rede ging , es nur an ihm und nicht an Klotilde gelegen hatte , wenn sie nicht seine Frau geworden war ! Gewiß ! sagte er , mit kaum noch verhehlter Wut : sehr liebenswert ! zu liebenswert ! Es mag das der Geschmack anderer Leute sein - meiner ist es nicht . Elimar erhob sich aus dem Sessel und ergriff seinen Helm , der neben ihm auf einem Tischchen stand . Ich bin umsonst hier gewesen , sagte er traurig , aber ohne Bitterkeit ; ich hätte es voraussehen können . Verzeihen Sie einem alten Idealisten seine unbefugte Einmischung in den Lauf dieser realen Welt ! Er hatte die Hand ausgestreckt , die Viktor an den Fingerspitzen ergriff , um dann den unwillkommenen Gast mit der größten Höflichkeit zur Thür hinaus zu begleiten . Dann schellte er Friedrich und hieß ihn , seine Uniform in das Ankleidezimmer zu bringen ; auch die Schärpe nicht zu vergessen . Er mußte zu dem Commandeur seines Regiments , der ihm besonders gewogen war , und dem er zu seinem Geburtstag heute gratulieren wollte . Der Commandeur war ein schneidiger Herr , der in Ehrensachen keinen Spaß verstand . Dem sollte Elimar mit seinem sentimentalen Wischiwaschi gekommen sein ! Wie die struppigen Augenbrauen in die Höhe gefahren wären ! Nach der Friedensapostel-Physiognomie Elimars schon der Anblick des alten Haudegens , bei Gott ! eine willkommene Erquickung ! Er hatte eine Stunde Zeit . Früher konnte Fernau nicht zurück sein . Und vorher konnte er die Anzeige an den Präses des Ehrenrats mit der Angabe von Zeit und Ort des Rencontre und dem Namen des Unparteiischen nicht machen . Und dann : vielleicht kniff der Schulmeister . Und es mußte bei der Reitpeitsche sein Bewenden haben . Er war wieder in seinem Zimmer , sich die Handschuhe aus dem Kasten zu nehmen . Die Bonne kam , anzufragen , ob sie die Kinder heute herausbringen dürfe ? Es sei nur , weil die gnädige Frau nicht gesagt habe , wann sie wiederkommen würde . Viktor hatte auf der Zunge : sie wird niemals wiederkommen ; statt dessen sagte er heftig : Wozu sind Sie Bonne , wenn Sie nicht wissen , was man mit Kindern zu thun hat ! Die Bonne , ein braves , nicht ungebildetes Mädchen , ging traurig davon : die armen Kinder ! Seit acht Tagen hatte sich die gnädige Frau kaum einmal flüchtig nach ihnen umgesehen ; und dem Herrn waren sie ja offenbar auch nur eine Last ! Viktor warf die ergriffenen Handschuhe wütend auf den Tisch . Das hat man davon ! Und das soll nun so weiter gehen ! - Liebenswert ! Die liebenswert , diese - wie heißt es doch ? - irgendwo in Maria Stuart - Meinetwegen ! Aber diesen Mortimer will ich zeichnen , daß alle andern daran denken sollen ! Er setzte vor dem Spiegel den Helm auf , zupfte die Schärpe zurecht , strich mit der Taschenbürste den Schnurrbart rechts und links aufwärts und stieg , die Handschuhe anziehend , die Treppe hinab . Siebenundzwanzigstes Kapitel Es war später Abend geworden , für Albrecht nach dem fürchterlichsten der Tage . Als er gestern nach Hause kam , ein in seinem stolzen Selbstgefühl für immer gebrochener Mann , war geschehen , was er erwartet : der Direktor hatte geschickt : er müsse unbedingt in der Konferenz erscheinen . Die ratlose Klara hatte bei allen Bekannten herumfragen lassen : niemand hatte ihr Auskunft geben können ; es gab keine andre Erklärung , als die entsetzliche , daß ihm ein Unglück zugestoßen sei . Es war ihm eines zugestoßen ; sie sah es dann aus der tiefen Verstörung seiner bleichen Miene , nur daß er trotz ihres flehentlichen Bittens nicht sagen wollte , welches . Er werde ihr später alles erklären ; für jetzt möge sie ihm nur die eine Liebe thun und ihn in Ruhe lassen . Gehorsam , wortlos , thränenlos war sie zu den Kindern gegangen , in der Thür noch einmal die schreckenstarren Augen mit stummer Frage und Klage auf ihn wendend . Und heute morgen hatte er sie wieder auf später vertrösten müssen . Dann hatte sie nicht mehr gefragt , nicht mehr geklagt . Setzte sie doch ein unbedingtes Vertrauen in seine Redlichkeit , seine Ehrenhaftigkeit ! Auch nicht der leiseste Schatten des Verdachtes , daß hier eine Frau im Spiel sein müsse , stieg in ihrer reinen Seele auf . Zweifellos hatte Albrecht mit dem Direktor , der ihm auch sonst wenig gewogen war , einen bösen Streit gehabt ; und seine Stellung an der Schule war in Gefahr , vielleicht verloren , wenn auch zweifellos das Recht auf seiner Seite stand . Er würde seine gute Sache mannhaft durchfechten , dessen war sie gewiß ; und wenn für den Augenblick das Amtsgeheimnis ihm die Zunge band , so mußte sie sich in Geduld fassen , durfte ihm die Ruhe und Sammlung , die er sicher jetzt hochnötig brauchte , nicht nach Weiberart durch Ein- und Dreinreden stören und rauben . Ihre Vermutung wurde zur Gewißheit , als im Laufe des Vormittags der Schuldiener » ein amtliches Schreiben von dem Herrn Direktor « brachte , und kurz darauf ein sehr eleganter Herr , wie Auguste sagte , seine Karte hereinschickte - ein Herr Rat , sagte Auguste , mit einem » von « vor dem Namen - jedenfalls ein Beamter aus dem Kultusministerium , der mit Albrecht die Sache besprechen sollte , in dem für Albrecht günstigsten Sinne natürlich . Der Herr Direktor mochte sich vorsehen ! Albrecht hatte da oben hohe Gönner , die mit einem Herrn Gymnasialdirektor nicht viel Federlesens machten ! Das waren gewiß keine leeren Worte gewesen , die der Herr Minister neulich abends zu Albrecht gesprochen hatte : er hoffe bald Gelegenheit zu haben , ihm seine Dankbarkeit für den gehabten Genuß durch die That zu beweisen ! Hier war nun die Gelegenheit ! Der Herr Direktor würde sich wundern ! Der Herr aus dem Kultusministerium war nur kurze Zeit geblieben ; aber die Unterredung mußte von der größten Wichtigkeit gewesen sein : er und Albrecht hatten so leise gesprochen ; kaum ein Laut , geschweige denn ein verständliches Wort war durch die Thür , die doch schlecht genug schloß , aus seinem Arbeitszimmer in das Berliner Zimmer gedrungen ! Dann war Albrecht ausgegangen , um nach einer Stunde wiederzukommen . Abermals nach einer Stunde hatte sich sein Freund , Doktor Rodeck von der Universität , melden lassen zu einer Besprechung , die sehr lange währte , und bei der er ebenso geheimnisvoll zuging , wie bei der mit dem Herrn vom Kultus . Diesmal handelte es sich fraglos um die Berufung Albrechts zum Universitätslehrer . Es war nur noch nicht entschieden , ob außerordentlicher , oder ordentlicher . Wenn Albrecht sich nur nicht zu billig verkaufte ! Er war in solchen Fällen so lächerlich bescheiden ! hatte gar keine Ahnung davon , wie weit er die andern Leute überragte ! Hätte sie doch nur bei den Verhandlungen zugegen sein dürfen ! Galt es für Albrecht zu sprechen , hatte es ihr im Leben noch nicht an den rechten Worten gefehlt ! Aber das ging doch nun nicht . Und Albrecht würde , wenn nicht an sich , doch an Frau und Kinder denken und seine Bedingungen nicht zu niedrig stellen . So ein kluger , klarer Kopf , sobald er sich einmal die Mühe gab , etwas ordentlich zu überlegen ! Dann traf er ja immer das Richtige ! Das alles stimmte Klara so heiter , wie sie sich seit langer Zeit , sie meinte , nie gefühlt . Sie mußte beinahe lachen , wenn sie an ihre Angst gestern abend dachte und an die gewiß ganz verrückte Miene , mit der sie ihren armen geplagten Albrecht empfangen hatte . Natürlich kam Doktor Rodeck noch einmal : irgend ein wichtiger Punkt war vergessen worden . Ja , verehrter Herr Doktor , unter dem Ordentlichen thun wir es nicht ! Und da beißt kein Mäuslein ein Fädlein ab ! Auguste traute ihren Ohren nicht , als sie Frau Professor in der Kinderstube lachen und tollen und zuletzt gar singen hörte . Sie war nun schon fünf Jahre bei Professors . Das war ihr noch nicht passiert . Über all dem Kommen und Gehen war es drei Stunden später als sonst mit dem Mittagstisch geworden . Das hätte unter normalen Umständen Klaras Geduld auf eine harte Probe gestellt . Heute fand sie es ganz in der Ordnung . Helenchen , die jetzt wieder ganz munter auf den kleinen Füßen durch alle Zimmer lief , und Fritzchen hatten vorher essen müssen ; aber der Papa verlangte nach ihnen , und so durften sie mit bei Tisch sitzen und bekamen jedes eine halbe Birne und einen Schluck aus Papas Glase . Der arme Papa hatte es sich gestern und heute so sauer werden lassen ; da mußte eine von den sechs Flaschen , die sie für die nächste Gesellschaft in der Speiseklammer verwahrt hielt , » springen « . Und die Kinder waren glücklich , und sie war glückselig ; und Albrecht , obgleich er von all den Anstrengungen und Aufregungen noch ein wenig bleich aussah , war so freundlich , so liebevoll zu ihr und den Kindern , erzählte nach Tisch den Kleinen so reizende Geschichtchen , die er sich immer selbst ausdachte ; sprach mit ihr so herzlich - obgleich von der großen Angelegenheit natürlich nicht die Rede war . Und als es spät geworden und er sagte , er sei zwar rechtschaffen müde , aber das helfe nun nicht : er müsse noch drei oder vier wichtige Briefe schreiben und morgen zu einer nochmaligen Besprechung mit Doktor Rodeck sehr früh ausgehen - da sagte sie nichts , als : dann gute Nacht , Du liebster , bester Mann ! Und sie hatte ihn geküßt und er sie , wie sie sich seit den Tagen ihres Brautstandes nicht wieder geküßt . Nun war er in seinem Zimmer allein . Allein mit dem grauenhaften Bewußtsein seiner Schuld , die er morgen früh mit dem Leben bezahlen sollte . Nicht einen Moment hatte er daran gezweifelt , daß er auf dem Platze bleiben würde . Von Doktor Rodeck wußte er , daß seinem Gegner schon von der Universität der Ruf eines unfehlbar sichern Schützen gefolgt war ; er hatte seinem Sekundanten nicht eingestehen mögen , daß er kaum je eine Pistole in der Hand gehabt und ganz gewiß keine abgeschossen hatte . War er doch sogar auf Grund eines Herzfehlers , den die Ärzte herausgefunden haben wollten , vom Militärdienst befreit gewesen ! Und heute vormittag , als die Herausforderung kam , hatte er bei sich gesagt : Gott sei Dank ! so kommst du doch auf eine honette Art aus einem Leben , in dem du nur in Scham und Schande so weiter vegetieren könntest ; jetzt - Aber jetzt hatte er erst seine Briefe zu schreiben . Die Augen brannten und der Kopf schmerzte und das Herz hing ihm in der Brust wie ein schwerer Stein - geschrieben mußten die Briefe werden . Zuerst an den Direktor , den er um Verzeihung bat für das Ärgernis , das er ihm gestern gegeben , und dem er morgen ein noch viel schlimmeres folgen lassen müsse . An seine Thür klopfte nun der Tod , den er in seines Sinnes Thorheit selbst heraufbeschworen ; und hinter dem Tod würde sich die Schattengestalt der Not hereinschleichen , sein Weib und seine Kinder mit ihrem grauen Gespinst umstrickend . Ihm gewähre es in diesen seinen letzten trüben Stunden einen Trost , zu wissen , daß der Direktor , in welchem er stets den ausgezeichneten Philologen verehrt habe , ein eben solcher Christ sei , eingedenk der Christenpflicht gegen Witwen und Waisen . Sollte , wie er fürchten müsse , die Art seines Scheidens aus dem Leben die Pensionsberechtigung seiner Frau kompromittieren , der Freund der Verlassenen werde es an einer warmen Befürwortung bei den höheren Instanzen nicht fehlen lassen . Nun ein Brief an den Kultusminister , ihn an sein neuliches Wort bescheiden erinnernd und auf die Gelegenheit , die ihm jetzt geboten werde , sein Wort einzulösen , mit schwermutvollen , tiefernsten Worten deutend . Nun an den General-Intendanten : dem Lebenden sei das Schicksal seines Trauerspiels , das schon so lange in den Händen der Intendanz ruhe , vorenthalten geblieben . Möchte es ein freundliches sein für sie , denen er nach seinem Tode nichts hinterlasse als etwa den Anspruch auf den bescheidenen Nachruhm , den er sich durch nimmermüdes Mühen um die Gunst der dramatischen Muse erworben zu haben glaube . An seinen Verleger jetzt , ihm nochmals dankend für das letzthin übersandte reichliche Honorar und unter Bedingungen , die jener selbst stellen möge , den Verlag übertragend der mehrere Bände füllenden Arbeiten in Versen und Prosa , die sich in seinem Nachlasse vorfinden würden . Auch an den Ministerial-Direktor mußte geschrieben werden , der sich heute brieflich über die nun ausgesprochene Relegation seines Otto bitter beklagt , aber daran den Wunsch geknüpft hatte , daß die leidige Sache , an deren Ausgang Albrecht sicher keine Schuld trage , in den für ihn und seine Familie so erfreulichen angenehmen Beziehungen zu dem geistreichen Hausdichter keinerlei Störung veranlassen werde . Der gute Mann , von dem er stets nur Liebes erfahren , hatte das Recht , zu verlangen , daß er nicht aus dem Leben ging , ohne Abschied von ihm genommen zu haben . Es war zwei Uhr , als Albrecht diese Briefe beendet hatte . Sie waren ihm nicht leicht geworden ; aber vor dem , der ihm noch zu schreiben blieb , dem letzten , krampfte sich sein Herz in Jammer und Schmerz zusammen , und er betete , ob dieser bitterste Kelch nicht an ihm vorübergehen könne , wissend , daß er ihn werde leeren müssen bis auf die Neige . Ein langer , langer Brief . Während er ihn , jetzt zögernd , jetzt mit fliegender Feder schrieb , verdunkelten sich wiederholt seine Augen von den hervorbrechenden Thränen und mehr als eine fiel auf das Papier . Seit seinen frühesten Knabenjahren hatte kein körperlicher oder seelischer Schmerz ihm Thränen erpressen können . Dieser schämte er sich nicht . Er hätte sich totweinen mögen , mußte er sich den unendlichen Jammer , das furchtbare Herzeleid ausmalen , das er nun der Guten , Lieben , Braven bereiten sollte für die abgöttische Liebe , mit der sie ihn geliebt hatte . Zu seiner eigenen Verwunderung bedrückte ihn dabei , was andern wohl als das Schrecklichste erschienen wäre : das Bekenntnis seiner Schuld am wenigsten . War er doch überzeugt , sie würde ihm aufs Wort glauben , wenn er ihr schrieb : es war eine von den Thorheiten meiner Phantasie , die Du ja kennst und für die Du immer ein Verständnis gehabt hast , wenn Du Dir auch oft den Anschein des Gegenteils gabst . Du Gute mochtest ahnen , welche Gefahr auf diesem Wege liegt , und es da einen Punkt giebt , über den hinaus die Thorheit zum Verbrechen wird . Aber bei dem , was uns das Teuerste auf Erden ist : bei dem Leben und den Häuptern unsrer Kinder schwöre ich Dir : verbrecherisch , wie das ist , dessen ich mich zeihe , es war doch nur ein Rausch der Phantasie , der meine Sinne kaum gestreift hat . Ich glaubte die Schönheit , nach der meine Seele lechzt , verkörpert zu sehen , bis der Wahn zerstob und ich inne wurde , daß alles , was das scheinbare Götterwerk über alles Irdische hinauszurücken schien , nichts war als der Glanz , mit dem ich selbst es ausgestattet hatte , und wieder einmal ein thörichter Pygmalion vor seiner Galathea kniete . Hunderte von Poeten vor mir sind in denselben Wahn verfallen ; hunderte werden es nach mir thun . Die Buße blieb keinem aus , wird keinem ausbleiben . Daß die meine so schwer sein soll - ich habe noch stets die Folgen meiner Schwächen und Irrtümer willig auf mich genommen . Ich würde es mit diesen , so grausam sie sind , und in welchem schreienden Mißverhältnis sie mit meiner Verschuldung stehen , nicht anders halten , wäre es nicht um Dich , mein teures Weib . Ich spreche nicht von den Kindern . Sie werden mich leicht vergessen , unschwer entbehren ; und Kinder , die eine Mutter haben , wie sie , können selbst in dieser mitleidslosen Welt nicht untergehen . Aber Du ! Du ! die Du mich nie vergessen , nie mich entbehren lernen wirst ! Und nun den Kampf mit der Welt so weiter kämpfen mußt ohne ihn , um dessen willen Du Dein Kreuz willig auf Dich nahmst ; ohne Freude , als die , welche Dir - es ist mein letztes , innigstes Gebet - aus unsern Kindern erblühen möge ! Lebe wohl , Du Einzige ! Beste ! Und zum letztenmal : lebe wohl ! Er hatte den Brief gesiegelt und zu den andern in den Umschlag gethan , der , ebenfalls versiegelt , den Vermerk trug : Nach meinem Tode zu eröffnen . Nun stand er am Fenster , gegen dessen kalte Scheiben er die fiebernde Stirn drückte . Vier Uhr war schon vorüber ; um sieben pünktlich wollte Doktor Rodeck ihn abholen . Der Freund hatte ihn dringend gebeten , sich während der Nacht Ruhe zu gönnen : es komme alles darauf an , daß er sich morgen frisch fühle , ein klares Auge und eine sichere Hand habe . Und er war müde , so müde ! Er wollte sich auf das Sofa legen und stand doch immerfort am Fenster , in die Finsternis hineinstarrend , während allerhand Bilder , die er nicht rief und nicht bannen konnte , durch seine Seele zogen . Keine aus den letzten Tagen , die ausgelöscht schienen , als wären sie nie gewesen ; alle aus der ferneren , aus der fernsten Vergangenheit . Er war wieder der kleine Knabe , der mit einer langen Weidenrute seine Gänse vor sich her durch die magern Stoppeln trieb , nach Hause , nach dem Dorf da unten , aus dessen Schornsteinen die abendlichen Rauchwolken kerzengrade in die bläuliche Nebelluft stiegen . Oder er saß auf einem Felsblock , der aber ein Thron war , von dem aus er , der Prinz , seine Getreuen musterte , die wie Schafe aussahen , aber tapfere Ritter waren , mit denen er in den Krieg gegen Heiden und Mohren ziehen wollte , welche die schöne Prinzessin in dem stählernen Turm gefangen hielten . - Dann sagte ein Stimmchen : das ist ja alles dummes Zeug . Ich bin keine Prinzessin , und gefangen bin ich auch nicht . Komm herunter ! Du wolltest mir schon gestern das Finkennest aus der Buche holen . Die kleinen Vögel sind alle ausgeflogen , und ich habe das Nest so nötig für meine Puppe , die kein Kopfkissen hat . - Wozu braucht sie das ? sagte er ; sie hat ja keinen Kopf . - Den siehst Du nur nicht , weil Du ein Junge bist , sagte sie ; wenn Du ein Mädchen wärst , könntest Du ihn ganz gut sehen . Nun mach ' , das Du herab kommst , oder ich gehe nach Haus und dann kannst Du lange suchen , ehe Du eine findest , die Deine dummen Geschichten mit anhören will . - Dann lag er im dürren Laube auf dem Rücken und sein Kopf auf ihrem Schoß . Der Kopf that ihm weh , und sie hatte ein blasses , verheultes Gesichtchen und sagte : er sei , als er schon dicht an dem Nest war , auf einen morschen Ast getreten und so hoch heruntergestürzt , und sie habe gemeint , er sei tot . Sie habe eine so gräßliche Angst gehabt ; das Blut aus dem großen Loch in der Stirn habe gar nicht stehen wollen , trotzdem sie ihre Schürze in zwei Stücke gerissen und ihm immer eines auf die Wunde gedrückt habe , während das andre da im Bach liege und auskühle . Er fuhr jäh aus seinen halbwachen Träumen auf . Ganz deutlich hatte er diesmal nicht einen Knaben , sondern einen Mann gesehen , der war er gewesen ; und sein Kopf , aus dessen Stirn das Blut in schwarzen Tropfen rann , hatte auf dem Schoße einer Frau gelegen - ihrem Schoße . Und plötzlich hatte sie die Hände über ihm zusammengekrampft und vor sich hinstierend ganz leise und doch mit fürchterliches Deutlichkeit gesagt : er ist tot ! In wilder Verstörung blickte er um sich . Sie war nicht da . Er selbst mußte es gesagt haben . Stand er auf dem Punkte , verrückt zu werden ? Um Gottes Barmherzigkeit nur das nicht ! nicht das ! Sie würden sagen : er ist es aus Furcht geworden ! Die Schmach sollen sie mir nicht anthun dürfen , die hochmütigen Junker . Ich habe mich aus dem Heer der Armen und Elenden in ihre Reihen gedrängt , Gott sei ' s geklagt ! und trage die Strafe für meine Felonie . Damit sei es genug ! Ein wilder Trotz war über ihn gekommen . Er hatte sich auf das Sofa geworfen , die Arme über die Brust verschränkt , eine schwere Falte zwischen den zusammengezogenen Brauen über den geschlossenen Augen . Abgerissene , wirre Worte kamen gemurmelt über seine Lippen :