Marut ! Jetzt ! « Und mit fürchterlicher Kraft rennt er mit dem Kopf gegen die Lehmwand , daß sein Haus erzittert und daß sein Schädel - birst . Mit gellendem Schrei bricht der Dichter zusammen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Hyänen kommen langsam näher . Wunderbar duften die weißen Rosen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Vierundzwanzigstes Kapitel Die Sterne verblassen . Der Wind weht sanft über den Tigris . Es wird wieder Morgen . Die Christen feiern in Bagdad - Neujahr und schreiben das Jahr 897 . Die christlichen Weinwirte sind sehr freigebig gewesen - gaben in der letzten Nacht so manchen dicken Weinschlauch zum Besten . Man darf sich also nicht wundern , daß sich Bagdad an diesem christlichen Neujahrsmorgen in recht gehobener Stimmung befindet . Abu Hischam , der mit Kodama fast die ganze Nacht Schach gespielt hat , kehrt noch auf der Tigristerrasse ein - da lärmen die Tofailys . Abu Hanifa und Hamadany sind auch da . Die Tofailys zanken natürlich . Sie hassen sich , sie beneiden sich , sie verleumden sich - wie gewöhnlich . Es ist bekanntgeworden , daß der verstorbene Safur das Wort » Tarub « zuletzt als Schimpfwort gebrauchte , daß er das ganze ungebildete Volk » Tarub « nannte . Das hat sich sehr schnell herumgesprochen . Und nun gehört die Tarub wieder zu den » berühmtesten « Persönlichkeiten der arabischen Literatur . Hamadany ist Tarubs Geliebter . Buchtury und Abu Hanifa machen sich ein Vergnügen daraus , Tarubs Vorzüge in den Schatten zu stellen . - Abu Hanifa , der jetzt schon einen Ruf als Spötter genießt , weist zunächst mit höhnischem Gesicht auf die Tugenden der Tarub hin , preist ihre Gesundheit , ihren echten Zopf , ihre starken Zähne , ihre Kenntnis der Gemüsearten , ihre Sauberkeit , ihre Arbeitsamkeit , ihre Klatschsucht , ihre Grobheit , ihre einfachen Sitten - und - und Abu Hanifa will sich totlachen . Schon möchte der Hamadany ärgerlich werden , da kommt jedoch der Abu Hischam und nimmt die Tarub in Schutz : » Kinder « , erklärt er lachend mit dem Becher edlen Weins in der Hand , » Kinder , was wär die Welt , wenn wir keine Tarubs hätten ? Ihr seid ja sehr feine Köpfe - sehr feine Köpfe - können aber Köpfe ohne Leiber leben ? - seht Ihr ? Da habt Ihrs ! die Tarubs sind die Leiber ; die sind auch nötig - grade für Euch ! Die Tarub , die ich bekanntlich ebenfalls sehr liebe , ist für die Entwicklung der arabischen Literatur garnicht so unwichtig gewesen . Wie oft hat uns Bagdads berühmteste Köchin was Gutes gekocht ! Kinder ! ich glaube , es gäbe unter uns keine Verfeinerung , wenns keine Tarub gäbe . Tarub lebt unter uns wien erzenes Standbild . Ja - Tarub ist das einfache Volk - aber das bleibt und trotzt allen Stürmen - ist das garnichts ? Die feinen Köpfe gehen gewöhnlich entzwei , die Tarubs gehen nicht so leicht entzwei - ist das nicht wahr ? « » Ja ! « schreien Alle und lachen - andre Tofailys stehen herum und hören zu . Abu Hischam schwankt - fällt bald nach hinten , bald nach vorn , redet aber ruhig weiter , wie ihn zwei Tofailys festhalten . » Unsinn ! « ruft er laut , » Unsinn ist die dumme Feinheit ! Beim Barte des Propheten - die Gesundheit ist doch auch was ! Ich trinke auf Tarubs Gesundheit ! « Mit Gejohle klirren die Becher zusammen . Abu Hanifa schreit heftig : » Nur die Kranken preisen die Gesundheit ! Den Gesunden fällt das nicht ein ! « Doch diese Bemerkung stört den lustigen Philosophen nicht im mindesten , er spricht weiter : » Meine Freunde ! Safur mußte stets einem Idole nachjagen , das garnicht lebt - also erzählte mir gestern der Prophet Abu Maschar - ich laufe einem Idole nach , das wirklich auf der Erde da ist , dem wir alle nachlaufen sollten . Die Tarub ist mein Idol - das bet ich an . Die Tarub ist das eherne Götzenbild , das wir alle umtanzen sollen - sie ist was Festes - sie steht in unsrer Mitte . Da nun aber Bagdads berühmte Köchin nicht hier ist - so laßt uns ihren Geliebten , den Hamadany , umtanzen ! « Der Philosoph konnte kaum ausreden . Eh er sichs versah , war Hamadany umringt , und - man tanzte um ihn rum . Das sah sehr drollig aus . Der Lärm schallte über den Tigris der aufgehenden Morgensonne entgegen . Wie sich die Aufregung ein bißchen gelegt hat , geht Hamadany fort - zu seiner Tarub . » Heut Abend also bei Dschemil ! « ruft er noch lachend den Andern zu . Der Schneider Dschemil ist jetzt auch berühmt - und wie ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Tarub weinte viel - das zog den Hamadany an - er wollte sie trösten - und so kamen sie zusammen . Hamadany betrinkt sich garnicht mehr - um seine berühmte Köchin nicht an den Safur zu erinnern . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Über den Karawanenplatz , der im Frühlicht so farbenfrisch aufleuchtet wie ein Haufen bunter Edelsteine , reitet der Prinz Ali - mit großem Gefolge - er will auf den Sklavenmarkt . Die jungen Araber , die betrunken nach Hause wanken , begrüßen den Prinzen in sehr eigenartiger Weise - sie stehen , während er vorbeireitet , auf einem Beine , was ihnen natürlich nicht leichtfällt . Diese Begrüßungsart entspricht einem besonderen Wunsche des Prinzen . Den Fremden ist es jedoch verboten , den Prinzen auf einem Beine zu begrüßen . Der Ali hat noch immer die merkwürdigsten Einfälle . Es liegt in der Zeit eine gewisse Sucht nach auffälligen Geschichten . Jeder will bemerkt und » berühmt « werden . Dabei belacht zu werden - gilt nicht als Schande - im Gegenteil ! Der Prinz ärgert sich drum auch garnicht , als er auf dem Sklavenmarkte mit einem Spottliede empfangen wird , das ihm hauptsächlich die Frauen gern zu hören geben , da er seiner ungewöhnlichen Neigungen wegen ebenfalls » berühmt « ist . Das sehr harmlos klingende Spottlied geht also : » Prinz Ali ist ein Mann ! Prinz Ali ist ein Mann , Der wunderschön regieren kann , Man seh ihn sich nur länger an ! Prinz Ali ist ein Mann ! « Diese nicht grade geistreichen Verse haben zum Ruhme des Prinzen sehr viel beigetragen - er hört sie deshalb zuweilen mit größtem Wohlgefallen . Sein Bruder , der Prinz Abdallah , der durch seine eigenen Gedichte berühmt werden will , ist ordentlich neidisch auf dieses Spottlied - auf ihn hat man noch keins gemacht . Die Zeit leidet an Ruhmsucht . Abu Hanifa sagt Jedem , dem was fehlt : » Mensch sei vergnügt ! Wenn man nur berühmt ist - dann ist Alles gut ! « Unzählige Araber murmeln ihm nach : » Wenn man nur berühmt ist ! « Drollige Zeit ! Von dem Chalifen hört man nicht mehr viel . Man weiß garnicht mehr , » wer « eigentlich an der Regierung ist - fragt auch nicht danach . Sehr viele religiöse Sekten werden gegründet . Der nichtswürdige Dichter Al Rumy , ein Anführer der Tofailys , hat auch eine neue Religion gegründet - deren Kultus sich um Wettlaufen , Faustkämpfe und Ringkämpfe dreht . Al Rumy hält die Leibesübungen für die besten Erlösungsmittel und preist die in sehr marktschreierischer Weise an - bei den Tofailys erzielt er einen ungeheuren Erfolg . Die Tofailys verbesserten durch Al Rumys Religion die Aufnahmefähigkeit ihres Magens . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Osman beschäftigt an die hundert Schreiber . Die lauteren Brüder schreiben ja nicht allzu viel - dafür schreiben aber die Tofailys um so mehr - besonders Dschinnengedichte werden von den letzteren geschrieben . Buchtury hat auch ein langes Gedicht geschrieben - in dem kommt eine Dschinne vor , die so viel ißt und danach so dick und schwer wird , daß sie schließlich ihrem Hengst das Rückgrat zerbricht - - - Abu Hanifa schreibt über die Omijaden . Kodama schreibt Vorreden zu den Werken der älteren arabischen Literatur . Der alte Suleiman ist so gut wie verschollen - er soll in Kufa leben . Er verschwand , als sich die Sailóndula in den Tigris stürzte und - ertrank . Jakuby klettert in den Ruinen von Persepolis umher und gedenkt , nach Nordchina zu pilgern - unermüdlich ist der alte Herr . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Sareppa hats Genick gebrochen . Die Abla ist krank . Said ist auch gestorben . Die arabische Literatur versammelt sich jetzt beim Schneider Dschemil . Es geht dort allerdings ein bißchen gemischt zu . Battany und Osman besuchen den Schneider nicht , die haben sich zurückgezogen . Osman gibt zuweilen einem ganz erlesenen Kreise von Gelehrten ein fürstliches Abendessen - mag jedoch die meisten lauteren Brüder nicht zu oft bei sich sehen . Aus der » Gesellschaft der lauteren Brüder « ist jetzt wirklich ein abgeschlossener Geheimbund geworden . Und zu diesem Geheimbunde gehören diejenigen , die einst den Bund gründeten , zum großen Teile nicht mehr . Die Inder und die Ägypter , die bei Al Battany ständig zu Gaste sind , haben sich ganz und gar des Bundes bemächtigt . Die Bundesangelegenheiten werden sämtlich in den Gärten des reichen Al Battany erörtert - Osman wird immer seltener zu Rate gezogen - an die andern Araber denkt man garnicht . Bei den Indern hat sich beinahe eine Feindschaft gegen das Arabertum ausgebildet , und öfters zog man in gehässigen Ausdrücken gegen den armen Safur los , in dem man das Urbild des Arabers sehen wollte , der an seiner Genußgier zu Grunde gehen mußte . Als Osman den Toten mal in Schutz nahm , ihn besonders als Dichter sehr herausstrich und schließlich sagte : » Seine Tollheit war eine ganz ernste Tollheit - er hatte Vieles in sich , was ihn sehr berühmt gemacht haben würde « - da ward der kühne Schreiber fast garnicht mehr von Battany eingeladen . Daß Safur ein echter Araber vom Scheitel bis zur Zeh war - daran zweifelte natürlich im Volk und unter den Tofailys kein Mensch - bei Battany wurde ihm das aber zum Vorwurf gemacht - - - was glücklicherweise nicht allgemein bekannt geworden ist - - - sonst wärs dem Battany noch schlecht ergangen - - - Safurs Einfluß auf die Tofailys war recht groß - die waren im Jahre 897 sämtlich große Feinschmecker geworden - und viele von ihnen schrieben Dschinnengedichte ... Nicht immer das Beste kommt an die Oberfläche . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Sternwarte ist fast verödet . Abu Maschar steht zwar noch immer auf dem Mittelturm und rechnet - sonst ist es aber ganz still - die Mongolen reiten unten nicht mehr herum - Battany hat sich eine neue Sternwarte in seinem Garten erbaut . Der Prophet steht auf seinem Mittelturm wie ein Gespenst - auch an dem christlichen Neujahrsmorgen . Wie das Spottlied auf den Ali vom nahen Sklavenmarkt herüberhallt , murmelt der Prophet lächelnd : » Aha , Ali kommt ! « Und der Prophet rechnet weiter . Später sagt er seufzend : » Ach ! Ali kommt immer ! Auch die Lächerlichkeit ist unsterblich . Und da behaupten die Menschen noch , daß sich die Welt entwickle . Nein - die entwickelt sich nicht . Die Welt wird nach tausend Jahren genauso klug und genauso dumm sein - wie sies heute ist . « Und der Prophet achtet nicht drauf , daß die Sonne allmählich höher und höher steigt und heißer wird - Der Prophet rechnet wieder - rechnet .