, daß er die Weiber nur sexuell nahm , und auch das nicht eben mit Leidenschaft , wurde ärgerlich . Er warf drei Flaschen um und rief : - Kattarattazambu ! Plokjo tratuzupina ! Pschattu ! Pschattu ! Pschattu ! Dazu machte er ein sehr zorniges Gesicht . - Mein Gott , was hat denn der Herr ? fragte lachend die Sängerin . - Ich spreche , wie gesagt , die Affensprache , mein Fräulein , selbstverständlich platt , wie gesagt . - Gott , ist der aber komisch ! Was hat denn das geheißen ? - Wie gesagt , selbstverständlich gar nichts , das heißt , natürlich : Sehr viel , wie gesagt , nämlich : Was verstehen denn die Weiber von der Wortkochkunst , wie gesagt . - Aber ich verliebe mich doch fortwährend in Dichter , wie gesagt , da gehöre ich doch mit dazu . Nicht ? Jetzt drehte sich der Peripathetiker um und schritt langsam auf die Sängerin zu : - Guten Abend , Mathilde ! Er sagte das sehr zärtlich . Die Sängerin sah ihn groß mit lachenden Augen an : - Ich heiße aber Martha ! - Nein : Mathilde . Ihre Stimme klingt wie Mathilde . Ganz seraphimflügelblau mit einem Kern von willefrohem Ultraviolett . Auch Ihre Hände flüstern Mathilde . So lilienblattschmal und immer betend mit leis durchbluteten Adern . Er nahm ihre rechte Hand und hielt sie vor das Lampenlicht : - Kinderpatscheken ! Sie sind ein guter Mensch , Mathilde ! Die Sängerin schüttelte ganz ernsthaft den Kopf : - Nein , so was ! Sind Sie der liebe Gott , Sie freundlicher Herr ? Dann lachte sie belustigt : - Nein , was hast Du denn da wieder für eine Menagerie ? Jetzt weiß ich schon gar nicht mehr , in wen ich mich verlieben muß . - Bitte , in mich ! sagte der Zungenschnalzer in einem zärtlich dringenden ernsten Tone . - Sehen Sie : Ich könnte auf Ihnen spielen ! Seien Sie meine Liebesgambe ! Sehen Sie in meine Augen ! Was sehen Sie ! - Sie haben sehr schöne Augen , wirklich . - Blos schön ? Nicht auch tief ? Sehen Sie noch einmal hinein ! Es sah aus , als wollte er die Sängerin wie eine Auster mit den Augen verschlucken . - Aber Sie müssen meine Kniee in Ruhe lassen . Wirklich : Sehr schöne Augen ! Sind Ihre Gedichte auch so schön ? - Ach , lassen Sie meine Gedichte ! Meine Gedichte sind nichts , aber meine Liebe ist wie eine tigerbunte Orchidee . Kennen Sie die Orchideen mit den gekrümmten Pistillen , die wie gelbgepuderte Schlangen sind ? Die Sängerin schob ein zweites Mal die Hände des Zungenschnalzers von ihren Knieen , dann lachte sie : - Jetzt thut mirs blos leid , daß der da unten schläft . Das is gewiß auch ein Netter ! Stilpe bemühte sich sogleich , Kasimir zu wecken aber der war endgiltig fertig und konnte blos noch : Seelenkrebs ! schluchzen . Die andern aber setzten sich um die Sängerin herum und vereinigten sich , den Bärenführer nicht ausgeschlossen , in wohlausgesuchten Reden zu ihrem Preise . Die Sängerin amüsierte sich sehr und that auch jedem in Toddy Bescheid . Das rührte den Bärenführer , der nun immer betrunkener wurde , ungemein , und er flüsterte : - Wie gesagt , Martha , selbstverständlich : Sie sind schön , schön wie mein Bär , wie gesagt . Ich umarme Sie mit meiner Seele . Ich liebe Sie fabelhaft ! Wie gesagt : Sie sind wie ein Bündel rosengelber Schlangen ! Sie müssen die gesprenkelte Nachtigall abonnieren ! - Und das Prisma ! flüsterte der Peripathetiker . - Und den Phallus ! stöhnte der Zungenschnalzer . - Und den Phalluswald ! rief Stilpe . - Machen wir ! sagte die Sängerin . Da schrie Stilpe laut auf : - Eine Idee ! Gründen wir vier , nein fünf Zeitschriften ! Auch Kasimir muß seine haben . Und jeder schreibt immer seine allein ! Wie ? Ist das nicht die Lösung ? Jeder sein eigener Redakteur ! Ist das nicht , ja , ist das nicht ... Wie ? - Selbstverständlich , wie gesagt : Fünf Zeitschriften in Plakatformat ! Die Sängerin schüttelte den Kopf : - Aber , Kinder , seid ihr denn wirklich verrückt ? Vorhin wart ihr doch blos duhn . Wenn ihr durchaus was gründen wollt , so gründet doch ein anständiges Tingeltangel ! - Hu hu hu ! lachte der Bärenführer ; aber die andern saßen da , als hätte sie jemand von oben fallen lassen . - Ernsthaft ! Ein literarisches Tingeltangel . Wirklich ! So was fehlt ! Wo gute Sachen gesungen werden . Sie können ja auch verrückt sein . Aber Sachen von Dichtern . Und dann überhaupt Alles geschmackvoll , so , wie die englischen Ballets ; überhaupt : Was Schönes ! Stilpe und der Zungenschnalzer erhoben sich gleichzeitig wie zwei Ergriffene und riefen durcheinander : - Herrgott ! Donnerwetter ! Natürlich ! Das ist es ! Das müssen wir thun ! - Selbstverständlich , wie gesagt : Ein ästhetisches Tingeltangel ! Ach , Martha , Sie sind das Sternbild des großen Bären ! Wie gesagt , natürlich , selbstverständlich ein Tingeltangel , wie gesagt ! Auch der Peripathetiker war , in seiner patriarchenhaften Weise , von dem Gedanken ergriffen : - Eine Renaissance der Kunst , aller Künste ! Leise Singetänze in blauem Lichte . Die verruchte Holdheit der Bajadere . Der Rhythmus griechenmeerplätschernder Oden im Schmiegeschwunge nackter Brüste . Sehen Sie , wie recht ich hatte , daß Sie Mathilde heißen ? Am lebhaftesten aber waren Stilpe und der Zungenschnalzer ; Stilpe war durch die Idee nüchtern geworden , der Zungenschnalzer berauscht . Der Abend endete mit dem festen Beschlusse , keine Zeitschrift , sondern das Literatur-Variété-Theater MOMUS zu gründen . Drittes Kapitel Stilpe saß an seinem Schreibtisch und arbeitete . Er machte dazu ein Gesicht wie der lachende Zola , unendlich zufrieden und mit einem Blick , der auch noch im Lachen ein Ziel im Auge hat . Die Pfeife saß im rechten Mundwinkel , von den Zähnen nach oben gestemmt , so daß es gar verwegen aussah . Die Dampfwolken fuhren mit Kraft aus dem vollen Munde mit den aufgeworfenen Lippen . Rechts und links türmten sich neben verschiedenen Liqueurflaschen Papiere , Briefe , Druckproben zu Programmen , Zeitungen , Zeichnungen , Manuskripte , Notenstöße . Große offene Körbe standen im Zimmer , aus denen blumig bedruckte Musselinstoffe , dünne indische Seidengewebe in hellen schönen Farben , schwere dunkle Samte , Spitzen , Goldfranzen hervorquollen . An den Mänden hingen große bunte Kostümbilder im Geschmacke der englischen Ästheten , aber heiterer , frecher . Mit dem Geruch des Old Judge mischten sich Parfüms von der resoluten Art , wie man sie in den Garderoben von Variétédivas einatmet . Stilpe war von Grund der Seele aus vergnügt . Wenn er einmal die Feder weglegte , rieb er sich die Hände und pfiff vor sich hin . Ja , er murmelte sogar zuweilen Worte erregter Befriedigung : Hop ! So ! Tja , tja , tja , tja ! Höh ! Das reißt ! Und doch war der erste Momus-Rausch , der Rausch der Pläne und Phantasieen vorüber , der Rausch der Tage und Nächte , als sie in täglichen Zusammenkünften die Idee der Sängerin im Verein mit ihr genauer durchgesprochen hatten . Wie hatten sie da über die Zeitschrift gelacht , wie hatten sie die Sängerin gefeiert als Retterin aus dem schlimmsten aller Tintensümpfe ; wie war da Stilpe von Tag zu Tag lebhafter , lustiger geworden . - Ha : Die Renaissance aller Künste und des ganzen Lebens vom Tingeltangel her ! Oh , das ingeniöse Mädchen aus Holstein ! Man wird sie preisen wie eine neue und größere Neuberin , als die moderne Muse in Person . Unter ihrem Zeichen werden wir das neue , echte , ganze , das lachende Heidentum heraufführen mit Bocksprüngen und höchst edlen Faltenwürfen zärtlicher Gewänder . In unserm Schlepptau wird Alles hängen : Malerei , Poeterei , Musikerei und Alles überhaupt , was Schönheit und genießendes Leben will . Was ist die Kunst jetzt ? Eine bunte , ein bischen glitzernde Spinnwebe im Winkel des Lebens . Wir wollen sie wie ein goldenes Netz über das ganze Volk , das ganze Leben werfen . Denn zu uns , ins Tingeltangel , werden Alle kommen , die Theater und Museen ebenso ängstlich fliehen , wie die Kirche . Und bei uns werden sie , die blos ein bischen bunte Unterhaltung suchen , das finden , was ihnen Allen fehlt : Den heiteren Geist , das Leben zu verklären , die Kunst des Tanzes in Worten , Tönen , Farben , Linien , Bewegungen . Die nackte Lust am Schönen , der Humor , der die Welt am Ohre nimmt , die Phantasie , die mit den Sternen jongliert und auf des Weltgeists Schnurrbartenden Seil tanzt , die Philosophie des harmonischen Lachens , das Jauchzen schmerzlicher Seelenbrunst , - ah , werft mir ein paar Feigenkränze voll Worten zu , blast mir Assoziationen ein , laßt mich in Inkohärenzen lallen , laßt mich farbige Wortflutsäulen ausnüstern , groß wie die Wasserwürfe aus den Nasen verzückter Walfische ! Wir werden ins Leben wirken wie die Troubadours ! Wir werden eine neue Cultur herbeitanzen ! Wir werden den Übermenschen auf dem Brettl gebären ! Wir werden diese alberne Welt umschmeißen ! Das Unanständige werden wir zum einzig Anständigen krönen ! Das Nackte werden wir in seiner ganzen Schönheit neu aufrichten vor allem Volke ! Lustig und lüstig werden wir diese infame , moralklapprige Welt wieder machen , lustig und himmlisch frech ! Leichtsinnig soll die Bande wieder werden und soll bauchtanzen lernen ! Ah , wir ahnen vielleicht gar nicht , was für raffinierte Sachen die Biedermänner Germaniens leisten werden , wenn unser Geist über sie gekommen ist ! ... Kinder , küßt unsern blonden Engel hier und umarmt mich , denn wir haben die Welt im Sacke ! In diesem Stile und toller noch geberdete sich die Wollust Stilpes , endlich einmal ein Ziel gefunden zu haben , das seinem Wesen gemäß war . Und die andern , der Zungenschnalzer voran , waren nicht weniger außer sich . Dabei entwickelte Stilpe aber auch eine wirkliche Thätigkeit , und , kaum , daß ein Monat vergangen war seit dem ersten Auftauchen der Momus-Idee , da hatte er auch schon » Kapital am Bändel « , und die Aktiengesellschaft Momus war gegründet , ein verkrachtes kleines Theater gemietet und er » artistischer Direktor « des Ganzen . Seine Gabe , sich auch klug zu benehmen , wenn es not that , kam ihm dabei sehr zu statten . Es war ein Schauspiel , ihn zu sehen , wie er in seinem Staatsrock und mit seinen lässigen Gesten des sicheren Geschäftsmannes bei » Leuten von Gelde « am Merke war , die aussichtsreiche neue Idee mit einem großen Aufwande von Zahlen aus dem Geschäftsberichte der Londoner Empire-Gesellschaft zu entwickeln , und wer ihn anzuhörte , wie er in gesetzter Rede , aber mit einem Grundton tiefer künstlerischer Überzeugung und dabei gestützt auf entwickelungsgeschichtliche Ideen origineller Art nachwies , daß das Unternehmen eines » künstlerisch-literarisch bedeutsamen Kunstinstitutes mit Variété-Prinzip « geradezu eine Forderung des Zeitgeistes sei , der zweifelte nicht , daß hier eine » Sache « im Entstehen war . - Sehen Sie die Theater an ! Sie sind leer ! Gehen Sie in den Wintergarten ! Er ist voll ! Dort Ableben , hier Aufleben ! Wer die Kunst liebt , muß von Schmerz ergriffen werden bei diesem Anblicke , und Sie wissen , wie sehr sich kunstfreundliche Kreise bemühen , durch Gründung billiger Theater etc. das Publikum , zumal der breiteren Volksschichten , dem Variété zu entziehen . Ein lobenswerter Plan , aber eine falsche Methode , ein verhängnisvoller Irrtum , entsprungen einem Mangel an Zeitpsychologie und an Verständnis für entwickelungsgeschichtliche Resultate ! Die Zeit des Theaters ist im Ganzen vorbei ! In diesen alten Schlauch füllt nur der Unverstand neuen Wein ! Nein , wie das Theater , ehedem ein Appendix der Kirche , sich von dieser losmachte und sich selber eine neue , damals zeitgemäße Form gab , so muß sich die Kunst heute vom Theater emanzipieren und entschlossen die Form annehmen , für die sich der Zeitgeschmack entschieden hat : Die Form des Variétés ! Beides ist reif zum Untergange : Das Theater , weil seine ganze Struktur zu klotzig , schwer und unbeweglich ist für die Genäschigkeit des modernen Kunsttriebs , und das jetzige Variété , weil es seine überaus günstige , allen Wünschen einer nervösen Zeit gemäße Form nicht mit wahrhaft künstlerischem Inhalt zu erfüllen versteht . Lassen Sie uns ein Variété gründen als ästhetische Anstalt im weitesten Sinne , als Trägerin und Verkörperung all der heute so üppig sich entfaltenden Richtungen in den Künsten , als Schaubühne des Schönen für Auge , Ohr und Gemüt , und Sie werden sehen , daß Sie sich an einer wahrhaft kulturellen und zugleich eminent praktischen That beteiligt haben ! Mit dieser Anrichtung seiner Ideen für den Geschmack von Leuten , die in Kunst spekulieren wollten , hatte er umsomehr Erfolg , als er sich gleichzeitig den Anschein des vorsichtig bedachten Geschäftsmannes zu geben wußte , der es fürs Erste ablehnte , ein Rieseninstitut ins Leben zu rufen . Ganz von selbst werde sich aus bescheidenen Anfängen das große Etablissement der Zukunftsbühne entwickeln . Sein bekannter Name , mit dem sich die Empfindung von » geistreicher Schriftsteller « verband , that das Übrige dazu , auch wirkte es besonders überzeugend , daß er selbst als Erster fünftausend Mark allein zeichnete . So erfolgte die Gründung der Gesellschaft schnell , und er erhielt einen Kontrakt als artistischer Direktor mit vollkommener Selbständigkeit . Da er so klug war , bei den ersten Ankündigungen des entstehenden Unternehmens seinen Namen , obwohl ihm das sehr schwer fiel , beiseite zu lassen , so nahm sich auch die Presse , wenn auch mit den üblichen Vorbehalten , der Sache an , und der Name Momus tauchte in kurzen Zwischenräumen halb geheimnisvoll immer wieder in den Blättern auf . Es konnte kein Zweifel mehr sein , daß das Berliner Publikum , in ersten Linie die literarisch und künstlerisch interessierten Kreise , der neuen Sache mit Spannung entgegensahen . Der Umstand , daß die Witzblätter das Schlagwort vom poetischen Tingeltangel aufbrachten , allerlei literarische Chansons vorschlugen , Ernst von Wildenbruch als Hausdichter des Momus , Menzel als Kostümzeichner und Karl Frenzel als Tanzmeister namhaft machten , trug dazu bei , das Interesse wachzuhalten . Indessen arbeitete Stilpe mit heiterer Ausdauer unausgesetzt an der Ausgestaltung des Unternehmens bis ins Einzelne . Der Bärenführer und der Peripathetiker schleppten täglich die unerhörtesten Chansons herbei , der Zungenschnalzer entwarf erotische Szenen von trikotloser Kühnheit , Kasimir röchelte im Psalmenstile schauerlich schöne Seelenmonologe voll krebsgeschwürigen Abendröten und satanischen Absynthismen , gestimmt und berechnet auf die Maultrommelbegleitung aztekischer Urmelodien , die gesammte junge Lyrik aller Schattierungen sandte nach Berlin NW . 32 , » postlagernd Momus « , Lieder jeder erdenklichen Art , die Componisten waren auch nicht faul , und die jungen Maler und Zeichner ebensowenig . Dazu wimmelten Chansonetten und Komiker , Reckturner und Jongleure , Tierbändiger und Zauberkünstler , Knockabouts , Clowns , Gedankenleser , Schlangenmenschen , plastische Poseusen , Schnellmaler , Schnelldichter , Schnellmodelleure , Schnellrechner , Mimiker , Negertänzer , Skandalfürstinnen , Antispiritisten , Bauchredner , Zwerg- und Riesenmenschen , kurz alles herbei , was nur auf den Namen Variété hörte und das Literarisch-Künstlerische für Nebensache erachtete . Sogar Herr Ahlwardt kam . All das bereitete Stilpen ein herzliches Vergnügen , und er bedauerte fast , daß das Programm des Momus so enge Grenzen hatte . Dabei war er in Auslegung des Begriffes Ästhetisch keineswegs engherzig und legte es im Grunde mit » irgendwie angenehm « aus . Nur mit Aufgebot von außerordentlicher Energie ließ er zumal weibliche Artisten ziehen , wenn sie irgendwie angenehm auf ihn wirkten , und gewaltig groß war die » Liste der für später notierten Mädchen « , die er zwar nicht sogleich brauchen konnte , denen er aber mit väterlichem Wohlwollen erklärte : Später peutêtre ! Seine Haupthelfer waren der Zungenschnalzer und Martha die Muse . Diese beiden besaßen die eingehende Fachkenntnis , die ihm , dem Organisator und Neuschöpfer , doch abging . Der Zungenschnalzer wurde als » Choreograph « , Martha als » Direktrice für Chanson und verwandte Gebiete « engagiert . Der Bärenführer , der Peripathetiker und Kasimir konnten in festen Stellungen nicht verwandt werden , doch übten sie das Amt lyrischer Lektoren aus . Kasimir stöhnte am lautesten unter dieser Bürde : - Lauter Joethes , Bacillenschwärme von Joethes ; es ist sehr scheußlich . Und fortwährend zitierte er die ihm verfallenen Lyriker mit dem Tone ironischer Ergriffenheit . Der Peripathetiker mißbrauchte die ihm anvertrauten Gedichtblätter zu Manuskripten , und der Bärenführer erklärte , daß er nur über solche Lyrik objektiv urteilen könnte , der deutsche Briefmarken als Rückporto beigelegt seien . Im Übrigen interessierte der ganze Momus diese Drei nur insofern , als sie durchaus wünschten , auf dem Programm der Première zu stehen . Stilpe war auch ganz damit einverstanden , nur waren die bis jetzt von ihnen vorgelegten poetischen Erzeugnisse nach seiner Meinung noch nicht momusreif . - Druckreif und momusreif ist ein Unterschied , meine Süßen ! Ihr seid noch nicht auf der Höhe des Brettls , ihr seid noch zu papieren ! rief er ihnen immer wieder zu . Übrigens entschied er nicht allein darüber ; Martha die Muse hatte das Hauptwort dabei . Wie er mitten im vergnügtesten Correspondieren war , trat sie ein : - Na , haben wir endlich ein paar Dichter ? - Nee , ich glaube nicht . Wir müssen den Stil erst erfinden . Entweder fehlt ihnen der Mut oder der Geschmack zum Gassenhauer . Blos der Zungenschnalzer hat ein paar gute Sachen produziert , und das Schönste ist , daß er sie auch selber singen kann . Er ist überhaupt unbezahlbar , und ich werde ihn zum Conrektor des Momus ernennen . Er kann direkt Alles , nur muß man ihn eigentlich erst ein bischen kastrieren . Himmelschreiend diese Erotik ! Die vier Tanzmädchen hat er schon vollständig verdorben , und sie wollen nun schon gar nichts mehr anziehn . Er übt jetzt ein Literaturballet mit ihnen ein und ist schon bei den Romantikern : Pas de Tieck . Dann hat er mit den drei Poseusen eine herrliche Nummer ausgeheckt : Das Heinedenkmal . Die Idee ist von mir , aber ich muß sagen : Er hat sie direkt mit Diamanten übersät . Er wird Heine selber darstellen , im Bett liegend , von anmutigen weiblichen Visionen ergötzt . Auch einen dressierten Bären hat er als Atta Troll aufgetrieben . Na , Du wirst ja sehen ! Es ist eine unbeschreibliche Nummer ! Damit die Antisemiten nicht Spektakel machen , lassen wir darauf das » Journalistische Trio « folgen mit den drei jüdischen Komikern . Sie sind zwar ein bischen ruppig , aber ohne Ruppigkeiten gehts nicht . Übrigens ist mein Text dazu um so seiner . Die Bande solls spüren ! Jetzt , wo sie wissen , daß ich die Sache mache , druckt kein Mensch unsre Waschzettel mehr . Na , dafür haben wir die Litfaßsäulen ! Totschweigen giebts nicht ! - Nur : Diese verfluchten Lyriker ! Schließlich muß ich alle Couplets alleine machen . Wenn ich nur mehr Zeit hätte ! Und dieser Bärenführer , auf den ich so viel Hoffnung gesetzt hatte ! Der Mensch weigert sich , regelmäßige Strophen zu bauen und steift sich fortwährend auf das , was er » Finesse « nennt . Der Peripathetiker thut auch nicht , was man will , und Kasimir kennt seit zwei Wochen blos noch ein Thema : Die Blutschande . Was soll man mit solchen Leuten machen ? Die Literatur sitzt ihnen im Schädel wie eine Riesentrichine . Keiner begreift , daß wir die Bühne der Zukunft gründen wollen ! Sie werden heute wieder anrücken und Vorschuß verlangen . Ich zahle jetzt aber nicht mehr in baar , sondern in Viktualien . Dabei hat sich Kasimir in die zweite Poseuse verliebt und will für sie einen Seelenrhythmus dichten , natürlich ohne Worte , blos » Geberden einer profunden Idiotie des Geschlechtszentrums « . Das geht noch über den Zungenschnalzer ! Dafür verlangt der Bärenführer - den antierotischen Bauchtanz ! Nächstens schmeiße ich alle Drei die Treppe hinunter . Sie haben keinen Ernst , weil sie keine Verantwortung haben ! - Gott , vorhin hast Du so ' n fideles Gesicht gemacht , und jetzt bist Du der richtige Direktor ! - Ach , ja freilich ! Weißt Du : Die ganze Geschichte wäre herrlich , wenn blos nicht diese verdammte Literatur dabei wäre . Natürlich bin ich fidel ! Ich habe ja was zu thun ! Aber , wie gesagt : Die Literatur ! Wenn wir blos keine Literatur brauchten ! In diesem Augenblicke schoben sich die Drei zur Thüre herein , und der Bärenführer rief , indem er Miene machte , sich in einen Dufthaufen hellblauen Musselins zu setzten : - Verzeihe mir , Stilpe , verzeihe mir , wie gesagt , ich bin betrunken , und Du mußt mein Couplet nehmen ! Es ist ja so schön ! Der Droschkenkutscher Nr. 8715 hat mich dafür gratis fahren wollen ! Wirklich , wie gesagt , Du mußt es als Prolog von mir deklamieren lassen ! Und er schrie ganz wild , fast schäumend : Rum will ich ! Uranusbraunen Rum will ich ! Keinen Thee ! Denn ich will betrunken sein ! Gleich den tiefen Unken sein ! Fröhlich wie ein Schnee- König will ich sein ! Der Peripathetiker sang kindlichen Tones im Refrain : Fröhlich wie ein Schnee- König will ich sein . Der Bärenführer fuhr mit rollenden Augen fort : Arak will ich ! Sehnsuchtblonden Arak will ich ! Keinen Thee ! Denn ich will besessen sein ! Gleich den rauchenden Essen sein . Fröhlich wie ein Schnee- König will ich sein . Der Peripathetiker säuselte den Refrain dreimal nach . Der Bärenführer aber , mit plötzlich veränderter , sanft flehender Stimme sprach . - Ach , Stilpe , sieh doch nur : Wie regelmäßig diese Strophe ist ! Siehst du , ich folge dir , ich thue was du willst ! Ich mache , wie gesagt , regelmäßige Strophen . Und nun wieder mit dem knurrenden Zorn eines Ebers : Gin will ich ! Gletscherweißen Gin will ich ! Keinen Thee ! Denn ich will betümpelt sein ! Lilagrün bewimpelt sein ! Fröhlich wie ein Schnee- König will ich sein . - Wie gesagt , selbstverständlich führe ich die Strophe regelmäßig durch alle Schnäpse fort : Absynth will ich ! Qualwolkigen Absynth will ich Keinen ... - Genug ! schrie Stilpe . Bist Du verrückt ! ? Denkst Du , ich will mir mein Publikum mit hoher Literatur verjagen ? Du bist ganz unbrauchbar ! Du kannst beim Momus die Lichter putzen ! Der Bärenführer war tief betrübt und setzte sich in die Sophaecke . Der Peripathetiker aber schüttelte den Kopf : - Ja , aber , was willst Du denn haben ? Dieses Schneeköniglied ist doch essenzhaft tief und dabei heiter wie eine weiße , segelnde Wolke über Fabrikschlöten . Es hat etwas modern-goliardisches . Nicht wahr , Mathilde : Es ist ein schönes Lied ! ? Die Muse lächelte : - Ach ja , es ist ganz nett , und man könnte es später schon mal singen lassen , als Alkoholistenintermezzo , aber für den Anfang ... ? nein : Ihr müßt euch mehr an den Brettlstil anlehnen vorderhand . Habt ihr denn gar nichts Verliebtes ? Der Peripathetiker machte ein mild-ernstes Gesicht und ließ seine rechte Hand in der linken Brusttasche des Smokings verschwinden , der jetzt schon ein bischen speckig geworden war . Dann entfaltete er eine Nummer der Kreuz-Zeitung und las aus dieser , aber nicht aus ihrem gedruckten Texte , dies : Gieb mir Deine Hände , Kind , Deine kleinen weichen Hände , Die wie Blütenblätter sind , Kühl und feucht . Gieb mir Deine Hände leis , Deine kühlen , feuchten Hände , Denn die meinen sind so heiß Wie mein Herz . Gieb mir Deine Hände , gieb Still sie mir in meine Hände , Kleines Mädchen , hab mich lieb , Hab mich lieb ! Er las das mit einem seltsamen Flüstertone , flehend . Stilpe schüttelte den Kopf : - Aber wer soll denn das singen ! Das ist ja Lyrik ! Himmlische Mächte : Was soll ich mit Lyrik anfangen ? Das geht ja nicht ! Das ist ja viel zu zart ! Ein Tingeltangel ist doch kein Lesekränzchen ! Der Peripathetiker steckte die Kreuzzeitung ruhig in die Hosentasche und sagte blos : - Ich dachte , es paßte . Ich fände das Gedicht sehr passend , wenn es ein junger müder Mann an ein kleines Mädchen hinsänge , und er nähme ihre Hand und küßte ihr dann die Füße . Aber ich habe auch komische Gesänge . Ein Lied vom geschorenen Pintscher habe ich einmal gemacht . Ich werde es suchen . Er setzte sich neben den Bärenführer und strich mit seinen schönen schmalen Händen den langen Apostelbart . Kasimir grinste : - Hehe , Du hast wohl genug , Direktor . Weißt Du , meine polnische Rhapsodie werde ich Dir auch hier lassen . Auf diesem sehr umfangreichen Schreibtisch da . Hehe , sie wird auch nicht passen . Du willst natürlich , hehe , Humor ! Und so mußt Du Herrn Stinde engagieren oder diesen , äh , wie heißt doch der Herr , diesen dicken deutschen Biertrinker , hehe , richtig : Hartleben , hehe ; dieser Pilsener-Bier-Joethe paßt für Dich sehr gut . Das ist ein hervorragender Dichter , hehe , geradezu der Onkel der deutschen Poesie . Ich liebe ihn , hehe ! Er hat gerade so einen schönen Hornkneifer wie Du . Stilpe lächelte . Gegen diese Manier fühlte er sich gewappnet . Aber wütend war er doch . Sie fingen also schon an , ihn zu verachten . Blos , weil er klug war . Weil er langsam vorgehen wollte . Nicht mit dieser tolpatschigen Hast junger Jagdhunde , sondern mit der Ruhe bewußter Verantwortlichkeit . Unter seiner Freude an der bewegten Arbeit eines Sprechstunde abhaltenden Theaterdirektors hob sich mehr und mehr ein Ingrimm gegen die Leute , mit denen zusammen er eigentlich gedacht hatte , das Momus-Theater zu machen . Ihre Unfähigkeit , für die Zwecke dieses Theaters zu arbeiten , empfand er nicht als einen Mangel ihrer Begabung , sondern er ärgerte sich darüber , daß sie auch in diesem Falle keinerlei Konzessionen an den Begriff des Zweckes in der Kunst machten , und er beneidete sie im Grunde darum . Zwar sagte er sich manchmal , daß sich darin auch Schwäche und Zügellosigkeit offenbarte , aber seine eigene Fähigkeit , gerade für das Momus-Theater zu arbeiten , erschien ihm als ein Anzeichen seiner künstlerischen Inferiorität . Er fing mit einemmale an , die » Dichterei « zu hassen , und es war ganz ehrlich , wenn er der Muse gegenüber es verwünschte , daß die » Literatur « ein Hauptprogrammpunkt ihrer Gründung war . Und dabei hätte er doch auch um Alles nicht ein bloßer Tingeltangeldirektor sein wollen . Der Gedanke , auf so paradoxe Weise der Kunst zu dienen , kitzelte ihn angenehm . Aber gerade für das Eigentliche des Unternehmens , gerade für die Verbindung des wertvoll künstlerischen mit dem Tingeltangelhaften , that er am wenigsten . Dafür mußten der Zungenschnalzer und die Muse die Hauptarbeit leisten . Er warf nur zuweilen » Ideen hinter die Kulissen « , schrieb ein paar Couplets von geistreicher Frechheit und entfaltete im Übrigen eine mehr fahrige als zielbewußte Thätigkeit . Besonders groß war er in der Anschaffung schön bedruckter Stoffe aus England und Belgien . Auch ließ er ausgezeichnete Plakate lithographieren und drucken . In Paris und London engagierte er brillante Tänzerinnen und Sängerinnen zu sehr hohen Gagen ; das Beste , was das Ausland an Variété-Theaterkunst hervorbrachte , verpflichtete er dem Momus-Theater . In gewissen Äußerlichkeiten war er sehr erfinderisch und originell . So stellte er anstelle von Logenschließern hübsche junge Mädchen in allerliebst dekolettierten Kleidern an , sorgte für schöne Blumenverkäuferinnen und benutzte seine vorzüglichen Verbindungen in der besseren Berliner Halbwelt zu einer auf das Prinzip der Auswahl des Besten hin systematisierten Verteilung der Freibillets . Der Pole karakterisierte das Ganze in seiner Weise so : - O Herr Direktor , Du bist geradezu dschenial ! Du eröffnest Ausblicke in geradezu orientalische Kulturen ! Du solltest direkt ein literarisches Bordell gründen ! Weißt Du , hehe , wo die Mädchen auch gleich dichten oder Joethe deklamieren . Hehe , was Du da für reizende Divänchen in die Logen gestellt hast ! Und diese köstlichen Rosa-Ampeln ! Hehe , und daß man die Logenthüren von innen verriegeln und an der Brüstung die Vorhänge zuziehen kann , - daran erkenn ich den Meister ! Und so sollst Du überhaupt gar keine Vorstellungen geben lassen , sondern blos , hehe , Eintrittspreise verlangen ; hehe : » Damen zahlen die Hälfte . « - Na , und wenn es so wäre ! entgegnete Stilpe unerschrocken , wäre das nicht auch schon Verdienst genug ? So ein bischen angewandte Erotik ist genau so wichtig , wie eure ganze Schreiberei . Und deshalb ärgert ihr euch eben : Weil Ihr seht , daß ich ins Leben wirken will mit dem Momus und nicht blos in die Literatur . Ihr seid die großen Geister ; gut , schön , eminent : Ich laß euch eure