Haustür zu gelangen , die er aus den Angeln hatte heben lassen und mit welcher auf der Schulter ein alter Holzknecht weiland Nachbar Hartlebens durch das Gewühl das Freie zu erreichen suchte . Nun fand es sich aber , daß es doch im ganzen lauter gute alte Bekannte und Freunde waren , die er sich aus den » letzten Gassen « und von den Zäunen des Vogelsangs mit dem Wort : » Seht zu , Kinder , was ihr von dem Kram gebrauchen könnt ! « eingeladen hatte wie der König im Evangelium das Volk zu seinem Festmahl . Sie machten auch gern Platz , soviel es ihnen möglich war , und zogen die Mützen , und einigen , denen ich zu hoch gestiegen war , als daß sie mir die Hand hätten reichen können , mußte ich sie hinhalten : » Na , alter Freund , das geht hier lustig zu ! « » Ja , sagen Sie mal , Herr Assessor ! So was hat der Vogelsang gewiß noch nicht erlebt . Zu so was gehörte einzig und allein unsere selige Frau Doktern und unser Herr Velten , der Herr Sohn ! « ... Es ging freilich nicht bloß gierig , sondern auch lustig zu . Aus dem benachbarten Tivoligarten hatte das Getümmel nicht nur die Kellner und Kellnerinnen , sondern auch fast das gesamte Personal des eben dort vorhandenen » Théâtre-Variété « hergezogen , um sich » den Spaß anzusehen « . Miss Athleta , die stärkste Dame der Welt , und Signor Volcano , der Feuermensch , die » größte Sensationsnummer der Gegenwart « , John Arden , der Weltmeisterschaft-Springer , und die drei Schwestern Larsen , die internationalen Exzentrik-Sängerinnen , Fräulein Miranda , die Piston-Virtuosin , und Herr German Fell , von der Anthropologie genannt » das gefundene Mittelglied « , der unübertrefflichste Affendarsteller beider Hemisphären : sie waren alle wie von Velten Andres zu seinem Kehraus gerufen und traten mit den Geladenen aus dem alten Vogelsang die letzten Buchsbaumeinfassungen der » Rabatten « der Frau Doktern nieder und schienen von der neuzugezogenen , kopfschüttelnden Nachbarschaft und der verblüfften Polizei allein für die Sache das volle Verständnis mitgebracht zu haben . Und Velten schien das auch zu wissen und behandelte sie als hochwillkommene Ehrengäste . Im Sturm der Plünderung behielt er Zeit für einen Händedruck mit dem von der Wissenschaft so lange und schmerzlich vermißten und endlich gefundenen Anthropomorphen mit nicht hervorstehendem Eckzahn wie für einen Händedruck mit Miss Athleta , bei dem er aber schmerzzuckend das linke Bein hochzog und die Luft zischend zwischen seinen auf die Unterlippe gesetzten Zähnen durchblies . Nimmer war mein Honoratiorentöchterlein , mein Weib , Schlappes Schwester , in so ausbündig zweifelhafte Gesellschaft geraten wie jetzt und hier . Immer ängstlicher drängte sich die liebe kleine Hand mit dem Schneeglöckchenstrauß vom Osterberg mir an , je weiter wir gegen die jetzt türlose Hauspforte vordrangen . » O Gott , Mann ! « flüsterte sie , als aus der Mitte der ihn lachend vertraulich umdrängenden Sisters Larsen , der drei internationalen Exzentrik-Sängerinnen , der Freund auch ihr lächelnd die Hand entgegenstreckte : » Aber , gnädige Frau , wie freundlich von Ihnen ! Doch weshalb so spät ? « » Der greuliche Mensch ! Dachte er etwa auch , ich sollte ihm bei seinem letzten menschenfeindlichen Aufräumen helfen ? « sagte meine arme Kleine auf dem Heimwege und nachher , trotz allem , noch öfter , wenn die Rede auf ihn kam . Augenblicklich stammelte sie nur : » Wir kamen zufällig über den Osterberg , Herr Andres , und hier durch den Vogelsang . « » O und wie Sie mir recht kommen , Frau Assessorn , gnädige Frau « , ächzte hinter uns eine halb durch Tränen , halb durch Lachen erstickte Weiberstimme . Eine harte , abgearbeitete Weiberfaust beförderte die größte Sensationsnummer der Gegenwart den Feuermenschen Volcano aus dem Wege packte dann mich am Oberarm , schob uns , mein Weib und mich , gegen die Haustür der Frau Doktor Velten vor , und dann - auf den Sohn der besten Frau des Vogelsangs mit zitterndem Zeigefinger deutend , kreischte Riekchen Schellenbaum : » Ja , Karl - Herr Assessor , wollte ich sagen ; die ganze Stadt sollte man hierzu zusammenrufen ! Ja , die Herrschaften kommen zur richtigen Stunde , um ihm , dem Herrn da , zu sagen , daß dies eine Sünde und Schande ist ! Hier , der Frau Assessorin , Herr Velten , habe ich mein Elend ja wohl schon seit Monaten des Abends klagen dürfen ; aber heute reicht das nicht mehr aus . Hier vor allen Leuten muß ich es ausrufen und ausschreien , was ich ausstehe und ausgestanden habe . Bin ich schon im Irrenhause , oder soll ich erst herein ? O Gott , Herr Velten , wenn mich doch die selige Frau Mutter mit hinunter in ihr ruhiges Grab genommen hätte - zehntausendmal wäre mir das lieber gewesen , als wie daß ich diesen Winter durch das liebe Ihrige selber mit in meiner Schürze habe in den Ofen und auf den Küchenherd tragen müssen ! Lieber Herr Assessor , Herzenskarlchen , ich habe ja auch zu Ihnen gehört und Sie auf den Armen getragen , und auch bei Ihren lieben Eltern bin ich ein und aus gegangen in guten Tagen und habe zugegriffen in bösen - Sie können es mir bezeugen , daß ich mich habe zusammennehmen können und ihm nicht die guten , lieben Sachen vor die Füße geschmissen habe und nicht die Schürze über den Kopf geschlagen habe und ihm nicht wie eine Verrückte aus dem Hause gelaufen bin ! Nun gucke einer , wie mich das schwarze Mohrengesicht hier aus dem Tivoli angrinst ! Nicht wahr , Herr Assessor , da von Spukmeyers seligem Grasgarten her und hier , wo ich auf Ihres Herrn Vaters Grundstücke als junges Kindsmädchen auch ihm das Laufen gelehrt habe , ihm , der sich jetzt diese Gesellschaft hergebeten hat , um sich mit anzusehen , wie er sein Vater- und Mutterhaus zu einer Brandstatt und Räuberhöhle macht . Da holt sich die lahme Brandten ihr ungesegnet Teil am Eigentum mit dem Waschfaß , in dem ich ihm seiner seligen Mutter Hemden gewaschen habe ! Vor meinen Augen , als ob ich allein zu gar nichts gehörte und ich kein Herz im Leib hätte , was sich vor Wehmut und Gift umwenden könnte ! Als ob ich allein in diesem Juchhe an meinen Tränen versticken müßte ! Gehen Sie mal weg , Mamsell Luftspringersche - da schleppt sich , wahrhaftigen Gottes , die Bande aus dem Hungerwinkel mit meinem - mit der seligen Frau Doktern Küchenschrank , als wenn ich nicht jetzt noch den Schlüssel dazu in der Tasche hätte ! Nach dem soll mir aber wer kommen ! Die guten Sachen ! Und als ob man selber gar nicht vierzig Jahre lang damit hantiert hätte und sie kennte ! - Alles wie vor die Hunde . Wer die besten Zähne hat , zuerst damit dran ! - Oh , die Ruppsäcke ! Wie beim Jüngsten Gericht ! Jawohl , am Jüngsten-Gerichts-Tage , Herr Andres , da wird auch noch die Frau Mutter gegen Sie auferstehen und Ihnen sagen , daß dieses hier wirklich nicht in der Ordnung ist und nach Menschenordnung zugeht , nicht wahr , Herr Assessor , nicht wahr , Frau Assessern ? « Sie stand ihm jetzt dicht , Nase gegen Nase , gegenüber , dem Liebling des Vogelsangs , den sie voreinst auf den Armen getragen , dessen Mutter sie zu Tode gewartet hatte und der ihr nun solches antat . Giftig bohrten ihre Augen in seine ruhigen , freundlichen . Die Fäuste zitterten und zuckten ihr , wie vor dem Zuschlagen - » Das ist nun leider so , Riekchen « , lächelte der Unmensch , » den Küchenschrank hat die Familie Steinbeiß aus dem Hungerwinkel , aber den Schlüssel hast du . Die Haustür hat auch schon einen Liebhaber gefunden : aber den Schlüssel dazu habe ich noch - es ist mein letztes von meinem Besitztum im Vogelsang . Willst du ihn ? « Er hob ihn in die Höhe , wie wenn man einem Kinde oder einem Hunde etwas Begehrenswertes zeigt : meine Frau klammerte sich immer fester an mich an und flüsterte : » Es ist scheußlich ! « , aber die alte , treue Dienerin des Hauses Andres , erst mit beiden Armen weit um sich greifend , wie nach etwas im Leeren Vergangenem , reckte die dürre Faust auf und kreischte : » Jawohl , zum Zeugnis von der Welt Dank und Lohn ! Und zum Andenken an den Herrn Vater und die Frau Mutter , und mögen sie sich nicht in ihren Gräbern umwenden wegen Ihnen , Herr Velten , und das ist mein letzter Wunsch und Abschied , Herr Andres . « Er legte den Schlüssel zu seinem leeren oder ausgeleerten Vaterhaus nun dem vor Gift und Galle zitternden alten Mädchen in die Hand , die ihn bei seinen ersten Schritten auf der Erde mit gehalten und ihm geholfen hatte , seine Mutter auf dem Totenbett für den Sarg zurechtzulegen . Die Schellenbaumen aber griff ihn und fuhr mit ihm ab , und zwar mit einem Laut wie ein verwundetes Tier , und der Vogelsang lachte ihr nach und das Théâtre-Variété aus dem Tivoli gleichfalls , als ob dieser » spaßhafte und kuriose Herr « jetzt seinen besten Witz zu seiner » Generosität « als Zugabe gegeben habe . » Herrschaften , ein Schuft , wer mehr gibt , als er hat ! « rief jetzt aber er , sich auf seiner Haustürtreppe hoch aufrichtend und seinen Festgästen freundlich , aber fest die Tür in der Gartenhecke weisend . Und es ward leer um ihn , wie es in seinem Hause geworden war . Aus dem war freilich nicht das geringste mehr zu holen . Die letzten Nachzügler aus der alten Freundschaft des Vogelsangs waren schon belastet mit Sparren , Bohlen und Brettern , die auf den völligen Abbruch hindeuteten , an uns vorbeigeschlüpft ; aber auch von ihnen hatten einige doch scheu , verlegen und wie verdutzt ob der Sache noch eine freie Hand hingehalten und gesagt : » Wir bedanken uns auch recht schön , Herr Andres . « Auch das Théâtre-Variété hatte genug von dem Spaß und sich empfohlen . Alle sehr heiter bis auf den Affenmenschen . Der schien mit einem Male auf allen ihm von der Wissenschaft und den Herren Darwin , Haeckel , Virchow , Waldeyer und so weiter auferlegten Wert verzichten zu wollen . Dieser Künstler zögerte noch einen Augenblick , verlegen , schüchtern , als ob er noch etwas zu sagen habe , aber nicht recht damit aus sich heraus könne . Plötzlich jedoch fiel der » Tierheit dumpfe Schranke « unter Gesten und Mimik , die den homo sapiens als Publikum zu hellem Jauchzen hätten bringen können ; er stieg , sozusagen , aus dem Pavian oder Gorilla heraus , die geschmeidigen Muskeln steiften sich und - » Menschheit trat auf die entwölkte Stirn « : Herr German Fell aber trat auf Velten Andres mit einer Hölzernheit zu , die ihn in der Meinung verschiedener älterer Herren aus meiner Kanzleiverwandtschaft sehr gehoben haben würde , bot ihm die Hand und sagte : » Mein Herr , Sie haben mir während der letzten Monate dann und wann nebenan die Ehre gegeben ; Sie verzeihen also , wenn ich mir heute hier bei Ihnen das Vergnügen gemacht habe . Bei so kurzer und vager Bekanntschaft würde es - suchen Sie das bessere Wort - , würde es unangebracht sein , wenn ich um Ihre Freundschaft bitten wollte ; Sie werden mich jedoch auch nicht verachten , weil ich dann und wann etwas mehr als andere Affe bin . In gedrückten Mußestunden pflege ich mich jedenfalls immer noch wie andere von uns Primaten mit transzendentaler Menschenkunde zu beschäftigen ; ich habe ebenfalls einige Semester in Wittenberg studiert , ehe ich zu den Anthropoiden ging . Mein Herr , Ihr Ruf ist während der letzten Wochen auch zu uns und also auch zu mir gedrungen ; ich habe dann und wann mit Interesse ein Stündchen mit vor Ihrem Ofen gesessen . Siehe da , habe ich mir gesagt , auch einmal wieder einer , der aus seiner Haut steigt , während die übrigen nur daraus fahren möchten ! Mein Herr , ich wünsche einen recht guten Abend , und nicht bloß für den heutigen Tag . « » Mein Herr « , rief aber jetzt Velten Andres , der seinen unheimlichen Wandnachbar aus dem Théâtre-Variété mit immer steigendem Erstaunen hatte reden lassen , » mein Herr , nun bitte ich doch , mir genauer zu sagen , mit wem ich eigentlich die Ehre habe - « » Mit einem vom nächsten Ast , mein Herr . Vom nächsten Ast im Baum Yggdrasil . Man kann sich auf mehr als eine Art und Weise dran und drin verklettern , mein Herr . Mit unseren Personalbezüglichkeiten dürfen wir uns wohl gegenseitig verschonen . Auf bürgerlich festen Boden hilft wohl keiner dem anderen wieder hinunter ; aber reichen wir uns wenigstens die Hände von Zweig zu Zweig . Mein Herr , ich danke Ihnen . « Wofür er dankte , sagte er weiter nicht . Meine Frau hat es nie begriffen , ich aber habe mir auch nicht die vergebliche Mühe gegeben , es ihr begreiflich zu machen . Sonderbarerweise reichte auch unser Freund Velten seine Hand nur wie mechanisch und ohne eigentlich genaues Verständnis der Sache her . Herr German Fell drückte sie ihm , ließ sie fallen , sah dem verkletterten Nachbar in der Weltesche mit dem ganzen melancholischen Schimpanseernst in das verdutzte Gesicht , schurrte , sozusagen , ganz und gar wieder in seine Kunst , das Leben zu überwinden , hinab und folgte , runden Rückens , so sehr als möglich Vierhänder , den Théâtre-Variété-Genossen , die den halben Winter durch im Tivoli hinter meines Vaters Grundstücke auf Spukmeyers » seligem Grasgarten « meinem Jugendfreunde die verständnisvollsten Nachbarn in Stadt und Vorstadt gewesen waren . Nun hatten wir sie für uns allein , die verwüstete Kindheitsidylle . Leise zog meine Frau an mir , doch wagte sie nicht einmal flüsternd ihren Wunsch , die Leere und Öde auch so schnell als möglich hinter sich zu lassen und mich mitzunehmen , auszusprechen . Ich aber konnte so noch nicht scheiden , ich konnte den armen Freund , dem eben so grimmig recht und unrecht gegeben worden war , nicht in seiner türlosen Hauspforte allein stehenlassen . Ich mußte noch nach Herrn German Fell ein Wort für unsern letzten Abschied vom Vogelsang finden , und ob der Ton mehr oder weniger gezwungen herauskam , ich schlug den Freund lachend auf die Schulter : » Sich auf , alter närrischer Mensch ! Ein leichtbewegtes Herz ist ein elend Gut auf der wankenden Erde , und die vollgültigste Gegenzeichnung des Wortes hast du eben in wunderlichster Weise erhalten . Sie würden es rundum selbst nicht der Zeitung glauben , wenn man es ihnen durch die erzählte , daß es euresgleichen heute noch gibt und auch nicht bloß vor Zeiten mal in der thebaischen Wüste oder auf der Straße nach Olympia , Muster der sterbende Alte von Sinope , gegeben hat . Du hast deinen Willen gehabt und durchgeführt , nun tu aber auch uns den Gefallen und komm wenigstens für die letzten Tage und Nächte in der Heimat mit uns nach Hause . « Wir standen jetzt in dem Wohnzimmer seiner Eltern , in dem er so gründlich mit seinem besten Eigentum aufgeräumt hatte , der eigentumsmüde Mann , der freie Weltwanderer . Und er sah auf und um sich her , wie einer , der einen Schlag vor die Stirn erhalten hat und sein Selbstbewußtsein nur mühsam wieder zusammenfindet . Er tat mir in tiefster Seele leid , und zu helfen war ihm nicht : er hatte aus seinem verödeten Vaterhause den Nachbar im Gezweig des Baums Yggdrasil mit sich auf allen seinen ferneren Wegen durch das Dasein zu schleppen . Mich und mein zitterndes , ihre Angst und ihre Tränen hinunterschluckendes Weibchen mochte er schon loswerden aus der Erinnerung an seinen letzten Abend zu Hause ; aber Herrn German Fell nicht . Der blieb ihm drin ! - » Ich möchte doch heute abend noch einmal der Vorstellung da neben mir an beiwohnen . Wie man doch seinesgleichen , so was zu einem gehört , nur dadurch und dann kennenlernt , wenn es einem so im Gedränge den Ellbogen in die Seite setzt , nicht wahr , Karl ? Den Affenmenschen aus dem Tivoli dürfte ich Ihnen doch wohl nicht als Freund . Gast und Gastfreund mitbringen , gnädige Frau ? Also bitte , Kinder , laßt es dabei , daß wir einander sowenig als möglich durch unser Vorhandensein in dieser wimmelnden Welt genieren . In einer geschäftlichen Angelegenheit muß ich freilich auch vom Deutschen Hofe aus dich belästigen , lieber Karlos . « Ich fühlte den Arm meiner Frau immer mehr an meiner Brust erzittern . Sie hielt in der heißen Hand noch immer ihr armes Sträußchen erster Frühlingsblumen : jetzt aber entfiel es ihr und verstreute sich auf dem schmutzigen , zerstampften Fußboden unter Scherben von zerschlagenem Geschirr , Tapetenfetzen und wertlosesten Trümmern von Hausgerät . » Komm du mit nach Hause ! « flüsterte sie . » Ich halte dieses nicht länger aus ! Oh , mein armes kleines , liebes Kind zu Hause ! Bitte , komm , ich muß zu meinem Kinde . - Das laß ich mir nicht nehmen , wenn er auch dich verwirrt . Ich halte mein Eigentum an der Welt fest ! Bleib , wenn du willst - ich will nach Hause und zu meinem Kinde ! Ja , bleib , bleib und steige mit ihm und seinem andern Freunde , dem gräßlichen Affenmann , so hoch du willst aus unserm armen lieben Leben in die Höhe : ich will zu meinem Kinde und meinem Eigentum an der Welt ! « Sie ist uns fortgelaufen , mit dem Arm und Ellenbogen vor den Augen , selber wie ein Kind , das sich vor einem Schlage fürchtet . » Gute Nacht , Velten . « » Gute Nacht , Krumhardt ... « Ich holte meine Anna erst an der zweitnächsten Straßenecke ein . Als ich mein Eigentum wieder an mich nehmen wollte , weigerte es sich dessen durch mehrere Gassen . Mit fast bösem Blick wies die Kleine , statt meinen Arm zu nehmen , nach dem Vogelsang zurück : » Ich habe dem Herrn Generalsuperintendenten versprochen , dir für Gut und Böse zu gehören , und ich habe mir selber versprochen , nur da zu sein und zu bleiben , wo du bist und gehst und stehst , Karl ; aber - dahin bringst du mich nicht mit zehn Pferden wieder ! Dahin setze ich in meinem Leben meinen Fuß nicht wieder . O lieber Gott , was machen deine Menschen aus deiner schönen Welt ! « - Ich habe den Freund im Leben nicht wiedergesehen . Als er am nächsten Tage nicht zu mir kam und ich am Abend im Deutschen Hofe nach ihm fragte , wußte man nur , daß er seine Rechnung berichtigt habe , aber nicht , ob er sich noch in der Stadt aufhalte . Von London aus machte er es schriftlich mit mir ab es unserm Riekchen Schellenbaum amtlich und gerichtlich glaubhaft zu machen , daß zu dem Hausschlüssel , mit dem es als mit seinem » einzigen Andenken « abgefahren war , auch der » neue Bauplatz « , einer der besten im neuen Vogelsang , gehöre . Ich habe eine längere Pause in der Abfassung oder Niederschrift dieser Annalen und Historien des alten Vogelsangs machen müssen . Als ich das letzte Blatt zu den Akten brachte , schneite es noch ; nun läuft wieder ein grüner Schimmer über den Osterberg , und meine Kinder tragen Hände voll von den nämlichen Frühlingsblumen , die ihre Mutter in Velten Andres ' verwüstetem , ausgeleertem Heimwesen aus der Hand gleiten ließ , ins Haus . Wir hatten viel Sorge im Hause . Wir fürchteten , unsern ältesten Sohn , den seinerzeit Velten nicht aus der Taufe hatte heben wollen , am Typhus zu verlieren ; aber der Junge ist uns erhalten geblieben und munter wieder auf den Beinen , und ich habe die Feder zum Besten seines Hausarchivs von neuem aufgenommen . Wir sind im März eines neuen Lebensjahres , und ich halte wieder den Brief in der Hand , den mir Mrs. Mungo im November des vorigen Jahres aus Berlin schrieb . » Velten läßt Dich noch einmal grüßen . Er ist nun tot . Wir haben unsern Willen bekommen . Er ist allein geblieben bis zuletzt , mit sich selber allein , ohne Eigentum an der Welt ... « Könnte ich ihr doch - könnte ich von hier an Helenen Trotzendorff die Feder in die Hand geben und sagen : » Nun schreibe du weiter . Schließe das Aktenstück ab ! « ... Ich habe in den langen Jahren kaum etwas von dem Freunde gehört . Nach Hause , wenn man bei ihm nach seinem vernichteten Hause diesen Ausdruck noch gebrauchen könnte , ist er nicht wieder gekommen , und geschrieben hat er an mich auch nicht . Aber da mich meine Stellung in unserem kleinen Staatswesen dann und wann nach Berlin führte , so bin ich mit dem Hause des Beaux in einiger Verbindung geblieben . Kommerzienrat des Beaux - Leon des Beaux hält , trotzdem er längst zu den bedeutenderen Bankiers und Kapitalisten der Reichshauptstadt gehört , das alte gute Verhältnis aus » unserer Universitätszeit « noch aufrecht . Das väterliche Geschäft in der Dorotheenstraße besteht aber nicht mehr ( aus einem Schneiderladen gelangt man ja wohl nicht zu dem Titel Kommerzienrat ? ) , und Leon selber bringt die Rede nie darauf und sie gern auf etwas anderes , wenn sie darauf kommt . Da ich auch jetzt in seinen Geschäftsstuben nichts zu tun habe , kenne ich ihn nur in seinem Familien- und Gesellschaftskreise in seiner Villa einer vornehmen Vorstadt . Er ist auch verheiratet und hat eine gute , für ihn passende Frau bekommen . Er ist Vater von zwei Kindern , einem Sohn und einer Tochter . Der Junge wird Friedrich gerufen , das Mädchen Viktoria : die traditionellen altfranzösischen Familientaufnamen der des Beaux aus dem Languedoc figurieren nur noch in den Taufscheinen der Kinder . Die jetzige Madame des Beaux weiß nichts mehr von dem Familien-Wunderwinkel in der Dorotheenstraße , wo Leonie und Leon des Beaux ihr , ihres Vaters und ihrer Väter Eigentum in Angestammtem und Zuerworbenem festhielten und ihren Lebensstolz drauf gründeten . Sie , Frau Wera des Beaux , vordem zweite Liebhaberin am * * * theater , hat sich in den guten Leon trefflich , hineinzufinden verstanden ; sie ist eine tüchtige Berliner Hausfrau und zugleich eine vornehme Frau , die die Stellung ihres Gatten wohl zu wahren weiß ; aber von Albi , Simon von Montfort , Raimund von Toulouse , Peter von Castelnau weiß sie nichts , die Bartholomäusnacht kennt sie nur aus den Meyerbeerschen » Hugenotten « , und das Edikt von Nantes - » Für das muß ich eigentlich dem Himmel unbeschreiblich dankbar sein « , sagte sie mir einmal lachend an ihrem Teetisch . » Wie sollten ohne es Leon und ich uns wohl in der Welt zusammengefunden haben , Herr Oberregierungsrat ? « Fritz und Vicky , die beiden Kinder des lieben , harmlosen , freundlichen Paars , wissen nur von Sedan , Gravelotte , der dritten Einnahme von Paris und von Kaiser Wilhelm und seinen » Paladinen « , von den Paladinen der » Tante Leonie « aber wenig mehr . Sie sind eben eine geraume Zeit nach Sedan , Metz und der dritten Einnahme von Paris in die deutsche Welt hineingekommen , und das Eigentum ihrer Vorfahren väterlicher Seite hat kaum noch viel Bedeutung für sie . Was in der Dorotheenstraße noch pietätvoll zusammengetragen worden war , das dient in der jetzigen Villa des Beaux in den Gemächern nur noch hie und da zur Zier , und im Salon der Frau Kommerzienrätin schaut der erste brandenburgische Ahnherr , der Sieur Antoine des Beaux , dem der Große Kurfürst seinerzeit die Hand geschüttelt hat , von der Wand aus seinem Clair-obscur ernst , aber auch ruhig in das Plein-air des laufenden Tages hinein . Das Bild hat Kunstwert : von wieviel Wänden wird es wohl noch auf fremde Leute hinuntersehen ? Und Leonie ? Leonie des Beaux ? Von der wissen die Kinder ihres Bruders nur zu sagen , daß sie sehr gut , aber nur einmal auf längere Zeit zu ihnen und Papa und Mama vom Rheine her gekommen sei , ohne daß einer im Hause oder sonst jemand sehr krank gelegen habe . Leonie des Beaux hatte sich wie Velten Andres ihres Eigentums an der Welt entledigt , sie war Diakonissin zu Kaiserswerth geworden und diente dem Herrn jetzt auf einer » Arbeitsstation « in Deutsch-Lothringen . Da ich die Feder auch nicht in ihre Hand legen kann , hatte ich dieses zu den Akten zu bringen , ehe ich weiterschreibe in Sachen Velten Andres und - Helene Trotzendorff . - - - Ich bin wieder auf dem ersten Blatt der Chronik des Vogelsangs . » Du mußt und willst doch auch wohl als erster guter alter Freund Von allen nach Berlin ? « hatte meine Frau an jenem Novemberabend gefragt , und » Morgen , wenn es mir irgend möglicht ist « , hatte ich ihr geantwortet . Dann waren wir beide , Anna und ich , zu unserem jungen Volk gegangen , um uns zu vergewissern , daß wenigstens da noch alles in Ordnung auf Erden sei . Am andern Mittag war ich in Berlin . Meine Stellung in unserm Staatswesen erlaubte mir , den nötigen Urlaub , wenigstens für einige Tage , mir selber zu geben . » Erkälte dich nicht , Alter « , hatte meine Frau gesagt . » Bedenke deinen Rheumatismus und denke auch ein wenig an deine Jahre , und daß wir im November sind . « Ich bedachte freilich manches in meinem Blitzzuge ; auch nicht zum mindesten meine wohlgezählten achtundvierzig Lebensjahre . Würde ich aber noch einmal von meinen Türen , die ein Bedienter öffnete , von meiner behaglichen Luftheizung , meinen amtlichen Aussichten auf die Zukunft und darin den Titel Exzellenz , ja , würde ich auch nur noch einmal von Weib und Kindern reden , so liefe das nur auf eine Wiederholung von schon Gesagtem hinaus . Während einer unbehaglichen Wirtstafel hatte ich mir zu überlegen , ob ich am besten erst den Kommerzienrat des Beaux in seiner Villa oder Mistress Mungo im Kaiserhof von meiner Ankunft benachrichtige und ihnen die weitere Führung überlasse . Zwischen drei und vier Uhr nachmittags aber stand ich allein in der Dorotheenstraße vor dem Hause , in welchem die alte Hugenottenfamilie zum letztenmal ihre Lebensandenken zusammengehäuft und Velten Andres eigentumslos seinen Weg über die Erde beendet hatte . Seit meinen Studentenjahren war ich nicht wieder in diese Gegend der Stadt gekommen , und von dem Hause war nur die Nummer geblieben , was die Gassenseite anbetraf . Vater des Beaux nahm nicht mehr das Maß der oberen Zehntausend der Stadt , und der Hofhufschmied beschlug nicht mehr die Hufe ihrer Rosse in der Dorotheenstraße : nach der Gassenseite hin hatte sich die Dekoration vollständig verändert , soweit ich meiner Erinnerung trauen konnte . An der Architektur der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des Jahrhunderts emporblickend , konnte ich , mit dem Briefe Helene Trotzendorffs daheim auf meinem Schreibtische , in meinem und des Vogelsangs Aktenkonvolut , mich nur fragen : » Frau Fechtmeisterin Feucht ? Ein Irrtum ist doch wohl ausgeschlossen ? « Ich habe auf meinem Wege durch meinen Beruf und vorzüglich während der zwei Jahre , in welchen ich zu Hause der Oberstaatsanwaltschaft als Mitarbeiter zugeteilt war , in mancherlei Örtlichkeiten mich zurechtzufinden gelernt . Hier hatte ich nur den Neubau zu durchschreiten , um merkwürdigerweise in dem neuesten Berlin das wenn nicht älteste , so doch ältere noch vollständig an Ort und Stelle zu finden . Das weite , lärmvolle Gehöft des Hofhufschmieds war freilich überbaut worden und bis auf einen brunnenartigen , lichtlosen Lichthof verschwunden . Doch der Frau Fechtmeisterin Feucht und ihrem Reich hatte die Zeit nichts anhaben können . Ich fand sie beide noch , wie sie vor Jahren gewesen waren : das Hintergebäude der großen Firma des Beaux und die Frau Fechtmeisterin . Sie hatten sich beide gar nicht oder nur ganz unmerklich verändert , das eine , rauchgeschwärzt , mit jetzt seinen hundertundzwanzig , die andere , weiß , zierlich , das richtige Märchenweiblein , mit fast ihren neunzig Jahren auf dem Nacken ! - Baissez-vous , montagnes , Haussez-vous , vallons ! M ' empêchez de voir Ma mi ' Madelon - Wie kam es , daß auf den dunkeln , steilen Treppen , die zu der alten Frau hinaufführten , dieser Vers , daß die süße Stimme , die das Lied uns in dem vornehmen Salon des Vorderhauses so oft gesungen hatte , mir plötzlich wieder in den Sinn kam ? Es waren doch eigentlich nur wenige Jahre her , daß wir dort in dem Zauberwalde Brozeliand zusammensaßen und über der Berliner Schneiderwerkstatt , aller romantischen Wunder voll , provenzalische Minnesänger , altfranzösische Chroniken und hugenottische Streitschriften und Liederbücher durchblätterten , und nun schien mir nichts davon übrig zu sein als dieser Ton , dieser Vers ! Und schauerlich merkwürdig kam mir dazu eine spätere Winternacht in das Gedächtnis zurück und ein anderer Vers , aber nicht aus einem französischen Volksliede , sondern aus einem deutschen Klassiker .