und nicht gefunden . Er ist ratlos , niemand will ihm Arbeit geben . Aber er muß eine Stelle finden , die ihn leben läßt . Und ich hoffe , ihm eine solche verschaffen zu können . Verzeihe , Schatz , aber die Sache hat Eile . « Er nickte der Schwester zu und ging rasch davon . » Was hat er denn ? « fragte Willy . » Er muß einen Brief beantworten . Eine sehr ernste Angelegenheit . « Willy lachte . » Ernst , ernst , ernst ! Das ist ja dein zweites Wort ! Sag ' mir nur , du kleine Maus , was ist denn nur mit dir ? Wer dich ansieht , möchte dich für eine Dame nehmen , und wer dich hört , für eine Gouvernante . « » Scherze nicht ! Ich fangen endlich an , den Ernst des Lebens zu verstehen . Aber komm , jetzt wollen wir zu Robert . « Sie nahm Willys Arm und ließ ihn wieder fahren , um fliegenden Laufes ihren Bruder Tassilo einzuholen . Bei der Veranda erreichte sie ihn und schlang die Arme um seinen Hals . » Sie ist entzückend , Tas , ich liebe sie wahnsinnig ! « flüsterte sie , küßte ihn aufs Ohr und rannte lachend zu Willy zurück . » Erlaube mir , Maus , du benimmst dich mit ihm , das ist geradezu sonderbar ! « Es klang aus diesen Worten eine Regung brüderlicher Eifersucht . Kitty wurde rot . Das Geheimnis , das sie vor Willy verbergen mußte , machte sie glücklich , aber auch ein wenig schuldbewußt . » Er ist so herzensgut ! « » So ? Das bin ich wohl nicht ? « » Natürlich ! Du auch ! « Der leere Jagdwagen fuhr im Bogen um das Schloß herum , und aus dem Flur klang die Stimme der Kleesberg , die das Schicksal des Gepäckes überwachte . Der alte Moser , der seinen Anteil an dieser Arbeit bereits erledigt hatte , näherte sich den beiden Geschwistern mit dem Hut in der Hand . » Wo ist denn mein Bruder Robert ? « fragte Kitty . » Im Stall , Fräuln Konteß ! « Während Kitty davoneilte , blieb Willy vor dem Alten stehen und klopfte ihn auf die Schulter . » Na , Moserchen , wie haben wir überwintert ? « » Net schlecht , Herr Graf ! Wie an alter Has , der die warmen Platzerln kennt . Aber dös muß ich schon sagen , Herr Graf , völlig verdrossen hat ' s mich , daß der Herr Graf den alten Moser so lang mit keim Gruß beehrt haben . Ja , völlig verdrossen hat ' s mich . Und ich hab mich so viel auf den jungen Herrn Grafen gefreut ! « » Aber Moserchen , wer wird denn gekränkt sein ! Wir waren doch immer gute Freunde , und das bleiben wir auch ! « Der Alte lachte geschmeichelt und drehte den weißen Schnurrbart . » Herr Graf , für Ihnen geh ich noch allweil durchs Feuer ! Kein bessern Freund haben S ' fein net als mich ! « » Natürlich ! Und jetzt legen Sie mal los , Moserchen , was gibt ' s denn Neues in und um Hubertus ? « » A guts Jahr heuer , ja ! Der gnädig Herr Graf droben schießt ein Hirsch und ein Gamsbock um den andern . Es kracht nur allweil so . Und den ganz alten Bock , den mit der sakrischen Kruck , den hat er jetzt endlich auch beim Zipfl erwischt . Den Freudensprung möcht ich gsehen haben , den er gmacht hat ! Ja , a saubers Jahr heuer ! Die Gams sind gut im Wildbret , und die Hirsch haben teuflische Gweih auf ! « Ein lustiges Kichern unterbrach den bedächtigen Bericht . » Und d ' Leut haben sich auch net schlecht ausgwachsen heuer ! Gwisse Leut ! « Der Alte zwinkerte mit den Augen . Willy wußte den Sinn dieser Anspielung nicht zu ergründen . » Spitzen werden S ' , Herr Graf , grad spitzen , wenn Sie s ' Lieserl wiedersehen . « » Lieserl ? « Willy schüttelte den Kopf , seine Erinnerung ließ ihn im Stich . » Aber Herr Graf ! Vor mir brauchen S ' Ihnen net verstellen ! Sie wissen schon , wen ich mein ' . Unser Zaunlieserl können S ' doch net vergessen haben ! « » Das Lieserl ! Richtig , das Lieserl ! « Es dämmerte in Willys Gedächtnis , und lachend zupfte er an seinem Bärtchen . » Ja , Herr Graf , gleich anbeißen möcht man ! So lieb is der kleine Schniegel ! « » Da bin ich wirklich neugierig . Und sag ' mir , Moser - « Willy brach ab , da er Kitty und Robert um die Ecke des Schlosses kommen sah . Er klopfte den Alten auf die Schulter und sagte mit verwandelter Stimme : » Brav , Moserchen , das freut mich , daß Sie noch immer so rüstig sind . Morgen steigen wir miteinander hinauf zur Hütte . Das soll eine lustige Jagd werden ! « Lachend reichte er ihm die Hand zum Abschied und bummelte den Geschwistern entgegen . Robert schien übler Laune , und Kitty war erregt . Mit beiden Händen hielt sie seinen Arm umspannt und sah flehend zu ihm auf . » So tu es mir zuliebe , ich bitte dich , Robert ! Geh hinauf zu ihm und sag ' ihm einen Gruß . « » Das ist alles recht lieb und niedlich von dir ! Aber jeder nach seiner Art. Ich kann es in aller Gemütsruhe abwarten , bis ich Gelegenheit finde , Herrn Doktor Egge einen vergnügten Abend zu wünschen . « » Aber Robert ! « » Ich müßte mir auch einen Vorwurf daraus machen , wenn ich ihn bei seiner humanen Beschäftigung stören wollte . « Mit hoheitsvoller Entschiedenheit löste Robert den Arm , nahm eine frische Zigarette und trat ins Haus . Trauernd sah Kitty ihm nach . Willy legte den Arm um ihre Schulter . » Zwischen den beiden fängt wohl die alte Geschichte schon in der ersten Stunde wieder an ? Na , ich habe meine Schuldigkeit getan ! Und du sei klug , liebe Maus , und mische dich nicht in Dinge , die du nicht ändern kannst . Komm , wir beide wollen zusammenhalten und lustig sein ! Jetzt machen wir einen Hetzbummel durch den Park . Das trainiert den Hunger , bis es läutet . « Lachend zog er die Schwester mit sich fort . Kittys trübe Stimmung wollte sich nicht aufhellen , sosehr sich Willy auch alle Mühe gab , die Schwester fröhlich zu machen . Er ließ alle Schnurren los , die ihm einfielen , kopierte drollig den alten Moser , die Gundi Kleesberg und seinen Bruder Robert , stellte sich in der Haltung berühmter Statuen auf die Felsblöcke und Baumstümpfe , schwang sich als Windfahne um die Laternenpfähle und war so harmlos ausgelassen wie ein guter , lustiger , unverdorbener Junge , der aus dem Seminar in die Ferien kam und sich der ersten freien Stunde freut . Ein paarmal zwang er wohl die Schwester zum Lachen , doch es kam ihr nicht von Herzen . Und schließlich schien es ihr willkommen zu sein , daß sie mahnen konnte : » Es wird spät , wir wollen ins Haus zurück . « » Na meinetwegen ! « murrte Willy . » Du hast heute einen Humor - ein Igel ist dagegen der reine Seidenpinsch ! « Da klang durch das Torgitter eine freundliche Mädchenstimme . » Recht guten Abend , Fräuln Konteß ! Guten Abend auch , Herr Graf ! « Hurtig drehte Willy auf dem Hacken herum , sah ein hübsches Gesicht durch die Eisenstäbe schimmern und ein schmuckes , halb städtisch gekleidetes Figürchen hinter der Mauer verschwinden . » Wer war das ? « Kitty blieb stehen . » Wer ? « » Das Mädchen , das uns grüßte ? « » Ich weiß nicht , ich habe nichts gehört . « Willy stand unschlüssig . Zögernd folgte er der Schwester , und dann griff er mit beiden Händen an seine Taschen . » Verwünscht ! Jetzt hab ' ich meine Zigarettendose verloren . Geh nur ins Haus , ich komme gleich ! « Immer wieder an die Taschen greifend , folgte er einem seitwärts zwischen die Büsche führenden Pfad ; hinter einer Biegung blieb er stehen , und als er den Schritt der Schwester auf der Veranda hörte , rannte er zum Parktor . Lautlos öffnete er das Gitter und trat auf die Straße , über deren Staub sich schon der Tau des dämmernden Abends legte . Er konnte sie weit übersehen , fast hinunter bis zu Meister Zauners Haus . Aber die Straße war leer . » Natürlich ! « schmollte er wie ein Kind , dem der Wunsch nach einem Spielzeug versagt wurde . Schon wollte er mißlaunig den Rückweg antreten , als ihm einfiel , daß das Mädel nach der entgegengesetzten Richtung gegangen wäre . Wohin ? Da draußen lag ein vereinzeltes Bauernhaus , der Mooshof . Was konnte das junge Ding so spät am Abend da draußen zu schaffen haben ? Während er noch stand und grübelte , tauchte das Mädel an der Biegung der Parkmauer auf . Vergnügte Neugier sprang aus Willys Augen , und er stellte sich in erwartungsvolle Positur , die eine Hand in der Tasche , die andere am Bärtchen : Mars , der Siegende ! Das Mädel schien ihn bereits gewahrt zu haben und schlängelte sich , als wäre ihr vor dieser Begegnung ein bißchen bang , auf die andere Straßenseite . Lächelnd verfolgte Willy dieses vielsagende Manöver . Wohl spann schon die Dämmerung ihre grauen Schleier , doch immerhin vermochte er die Kommende noch einer erfolgreichen Musterung zu unterziehen . » Ei sieh mal an ! Moserchen hat nicht übertrieben ! Der kleine Käfer vom vergangenen Sommer hat sich ganz allerliebst ausgewachsen . « Nun ging sie an ihm vorüber , nickte zutraulich einen stummen Gruß und blickte auf die Seite , um ihr vergnügtes Lächeln zu verstecken . Willy machte ein paar flinke Sprünge , guckte in ihr kokettes Grübchengesicht und drohte mit dem Finger . » Lieserl ! Lieserl ! Ein so junges , hübsches Kind wie du sollte so spät am Abend nicht mehr allein auf der Straße sein ! « Sie blitzte ihn mit den dunklen Augen an und schmunzelte ; doch gleich wieder zeigte sie ein ernstes Gesicht und sagte hochdeutsch und selbstbewußt : » Ich fürchte mich nicht , Herr Graf ! Ich weiß mich nötigenfalls schon zu verteidigen . « » So ? « Er lachte . » Und wo kommst du denn so spät noch her ? « » Mein Herr Vater hat mich mit einer Botschaft zum Mooshof geschickt . Der Mooshofer ist mir begegnet und hat mir den halben Weg erspart . Aber ich bitte , Herr Graf , ich muß nach Hause . Wünsch guten Abend ! « Sie machte einen nicht übel gelungenen Knicks , versuchte das Lächeln zu unterdrücken und setzte sich langsam in Gang . Willy blieb an ihrer Seite . » Hör ' , Lieserl , das ist ein großes Unrecht von deinem Herrn Vater , daß er dich so spät noch fortschickt . Denk ' nur , was dir alles passieren kann ! Da ist es meine heilige Ritterpflicht , dich unter meinen Schutz und Schirm zu stellen ! « Er wollte ihren Arm nehmen , doch kichernd wich sie vor ihm zurück . » Aber Herr Graf ! Was denken Sie nur ! Sie und ich ! Wenn das die Leute sehen würden ! « » Geh , du Närrlein ! Erstens sieht es kein Mensch , und zweitens würde ich mich den Teufel darum kümmern . « Willy haschte ihren Arm und gab ihn nicht mehr frei - Lieserl sträubte sich auch nicht allzusehr . » Und vor mir wirst du doch keine Angst haben ? Wir sind doch schon im vergangenen Sommer gute Freunde geworden . Ja , Lieserl , ich habe viel und oft an dich gedacht . Und heute bei meiner Ankunft in Hubertus war die Frage nach dir das erste Wort , das ich mit Moser gesprochen habe . « Lieserl blinzelte ungläubig . » Ist das auch wahr , Herr Graf ? « » Natürlich ! « versicherte er und drückte ihren runden Arm an seine Brust . » Ich kann dir gar nicht sagen , wie sehr ich mich freue , daß ich dir begegnet bin , gleich am ersten Abend ! « » Ja , das ist wirklich merkwürdig , ein solcher Zufall ! « Kichernd versteckte sie das Gesicht . » Und du , Lieserl , ehrlich , hast du auch manchmal an mich gedacht ? « Die Antwort ließ auf sich warten . Endlich sagte Lieserl diplomatisch : » Das ist aber ein bißl viel gefragt , Herr Graf . Man muß nicht alles wissen ! « Willy wurde warm . » Wirst du gleich antworten , du Schnabel , du niedlicher ! « Mit flinkem Griff umschlang er ihre Hüfte . » Heraus mit der Sprache : Hast du an mich gedacht oder nicht ? « Er preßte das Mädel fest an sich . Nun war es mit Lieserls Hochdeutsch zu Ende . » Aber ich bitt , Herr Graf , sind S ' doch gscheit ! « » Heraus mit der Sprache ! « Da klang vom Zaunerhäuschen der Ruf einer Männerstimme : » Lieserl ! Lieserl ! « » Jesus Maria , der Vater ! « stotterte das Mädel und versuchte sich loszureißen . Willy hielt mit dem rechten Arm fest , fing mit der linken Hand das hübsche Köpfl ein und verschloß das Stottermäulchen mit einem Kuß , der nicht unerwidert blieb . » Aber Sie sind einer ! « schmollte Lieserl , als sie nach längerer Dauer ihre Freiheit gewann ; und hurtig surrte sie davon , während Willy lachend den Straßengraben übersprang und sich in die Buchenbüsche drückte . Von Hubertus klang mit bimmelndem Hall die Tischglocke . Dem Fußweg neben der Straße folgend , begann Willy zu laufen , immer schneller . Fast atemlos erreichte er das Parktor und rannte durch die dunkle Ulmenallee . Als er den freien Platz vor dem Schloß erreichte , befiel ihn plötzlich ein krampfhafter Hustenreiz . Taumelnd stützte er sich an einen Baum und drückte das Taschentuch auf den Mund . Als der Anfall vorüber war , trat er langsam auf den offenen Platz hinaus , über den die erleuchteten Fenster ihre Helle warfen . Vor der Veranda blieb er stehen , streifte mit dem Zeigefinger über die Lippen und untersuchte das Taschentuch . » Ach Unsinn ! « murmelte er und nahm mit einem Sprung die drei Stufen der Veranda . Im Speisezimmer fand er Kitty , Gundi Kleesberg und Robert bereits beim Souper . Tassilos Platz war noch leer . Als Willy eintrat , fragte die Schwester : » Hast du sie gefunden ? « Der Doppelsinn dieser Frage machte ihn lachen . » Natürlich ! Das hat keine große Mühe gekostet . « Er nahm seinen Platz ein und rieb vergnügt die Hände . Während des Soupers trug er die Kosten der Unterhaltung , kramte alle Neuigkeiten der Residenz aus und sprach mit bedenklichem Eifer dem Glase zu . Das bemerkte Robert und räumte schließlich dem Bruder unter einem mahnenden Blick die Weinflasche aus dem Bereich der Hände . Willy schien die Bedeutung dieses Blickes zu verstehen ; wohl zuckte er ärgerlich die Schultern , doch ließ er sich die Sache schweigend gefallen . Für ein paar Minuten war seine Laune gedämpft ; dann sprudelten seine Worte wieder wie ein munteres Brünnlein . Der Erfolg , den er damit hatte , war allerdings ein zweifelhafter . Robert aß nervös und schien nicht zu hören , Kitty blieb zerstreut , und Gundi Kleesberg hüllte sich in die schweigende Würde der Beleidigten . Bei der fliegenden Revue , die Willy über die Sensationen der letzten Wochen hielt , kam auch der Theaterklatsch an die Reihe . Trotz Tante Gundis räuspernder Unruhe erzählte er von einer Duellaffäre , in die der Name der ersten Solotänzerin verwickelt wäre . Und dann wandte er sich an die Schwester . » Weißt du auch schon das Allerneueste ? Das muß dich besonders interessieren . Du schwärmst ja für die Herwegh . « Erschrocken blickte Kitty auf und fühlte die brennende Röte , die in ihre Wangen stieg . » Denke dir , die Herwegh geht von der Bühne ab . Das ist ein großer Verlust . Sie hat doch eine ganz phänomenale Stimme und ist eine Künstlerin ersten Ranges . « » Ja , das ist sie ! « fiel Kitty streithaft ein . » Und ich verehre sie sosehr - ich dulde unter keinen Umständen , daß in meiner Gegenwart auch nur ein einziges unfreundliches Wort über Anna Herwegh gesprochen wird . « » Aber Mäuschen , was hast du denn ? « lachte Willy . » Ich sage doch nur das Beste von ihr . Eine wirkliche Künstlerin ! Dazu noch jung und schön . Dagegen hab ' ich doch wahrhaftig nichts einzuwenden . Ich wollte nur sagen , daß dieser plötzliche Abschied eine sehr rätselhafte Sache ist . Niemand weiß - « » Fräulein Herwegh wird ihre triftigen Gründe haben . « » Höre , Maus , da hast du eine kolossale Weisheit ausgesprochen ! Aber auf diese Gründe ist man eben neugierig ! Gestern brachten die Zeitungen ellenlange Artikel , begeisterte Würdigungen der scheidenden Künstlerin , Lamentationen über den unersetzlichen Verlust . Natürlich vermutet man , daß sie heiraten wird . Aber wen ? Eine Zeitung hat auf den Träger eines hocharistokratischen Namens angespielt . Ich möchte wissen , wer damit gemeint ist ? « » Zeitungsgewäsch ! « sagte Robert . » Wenn hinter dem Gerücht ein Funken Wahrheit steckt , haben wir nicht die geringste Ursache , neugierig zu sein . Es heißt , sie soll sich in ihrer zehnjährigen Bühnenkarriere ein hübsches Vermögen gemacht haben . Und es gibt leider Menschen , die mit solchen Dingen rechnen und dabei eine Krone im Schnupftuch tragen . Sie wird sich nach bekanntem Muster ein verkrachtes Halbblut gefischt haben , das sich rangieren will . « » Weißt du gewiß , ob sich die Sache so verhält ? « fragte Kitty mit vor Erregung erwürgter Stimme . » Aber kleine Maus ? « staunte Willy . » Antworte mir , Robert ! « Langsam hob Robert die kalten Augen . » Die Kleine ist komisch . Wie kommst du denn überhaupt dazu , in solchen Dingen mitzusprechen ? « In Kittys Augen blitzte der Zorn . » Ich verstehe wohl nicht viel von dem , was ihr beide als Anständigkeit und guten Ton betrachtet . Aber ich meine , man sollte von einer Dame nicht in solcher Weise sprechen . Am allerwenigsten , wenn man nichts anderes vorzubringen weiß als eine grundlose , beleidigende Vermutung ! « Die beiden Brüder machten verblüffte Gesichter , und Gundi Kleesberg schien wie auf Kohlen zu sitzen . Willy fand zuerst wieder die Sprache ; die Sache begann ihn zu belustigen . » Sieh mal einer den kleinen Naseweis ! Wahrhaftig , Maus , an dir ist ein Gymnasialprofessor verlorengegangen . « Robert schloß einen Moment die Augen , als hätte er ein Gähnen zu unterdrücken . » Du hast wohl heute zuviel Schiller gelesen ? Was ? Na , sei gut , kleiner Schäker ! Du wirst wohl noch in die vernünftigen Jahre kommen , in denen man dir nicht näher auseinanderzusetzen braucht , daß solchen - du sagtest : Dame ? nicht wahr ? - daß solchen Damen gegenüber die generelle Erfahrung jede Spezialgewißheit ersetzt . Also beruhige deinen echauffierten Idealismus ! Daß einer unserer guten Namen bei der Sache kompromittiert werden könnte , brauchst du nicht zu befürchten . Wer Vollblut ist , weiß solchen Damen gegenüber immer die Grenze des Zulässigen zu wahren . So was liebt man unter Umständen , aber das heiratet man nicht . « Kitty erblaßte . » Ich hoffe , Robert , du hast nicht deine eigene Meinung ausgesprochen ? Denn was du da gesagt hast , ist eine Niedrigkeit ! « » Aber Maus ? « stotterte Willy , und seine Augen hefteten sich in unbehaglicher Sorge auf den Bruder . Robert legte das Besteck auf den Tisch , daß es klirrte . Mit einem wahrhaft olympischen Blick seiner kalten Augen musterte er die Schwester . » Es scheint dir einigermaßen das Verständnis für das zu fehlen , was du sprichst . « Er wandte sich an die Kleesberg . » Ich meine , Sie sollten die Sprachübungen der Kleinen einer etwas schärferen Kontrolle unterziehen . « Da riß bei Tante Gundi der langgezogene Faden der Geduld . Langsam legte sie das Haupt zurück - ein Zeichen ihrer tiefsten Empörung . » Erstens bin ich nicht die Gouvernante , mit der Sie mich zu verwechseln belieben . Zweitens - wenn ich auch Kittys unbedachte Worte nicht begreife , so verstehe ich doch ihre begründete Mißbilligung eines Gespräches , das vor zarten Ohren nicht am Platz erscheint , am allerwenigsten vor dem Ohr einer jüngeren Schwester . « Robert strich die Serviette über den Schnurrbart , erhob sich , blickte aus unnahbarer Höhe auf die Kleesberg herab und steckte an der Lampe eine Zigarette in Brand . » Na , viel Vergnügen ! « Er zog sich ins Billardzimmer zurück . Willy setzte die Fäuste in die Hüften und schmollte : » Aber hört , Kinder , das ist doch mehr als ungemütlich ! « Gundi Kleesberg warf ihm einen strengen Blick zu , und Kitty saß schweigend , mit Tränen in den Augen . Als Fritz das Dessert servierte , erhob sich auch Willy . » Ich mache noch einen Bummel . « Im Speisezimmer blieb es still . Tante Gundi flüchtete sich mit ihrem Buch in einen Erker , und Kitty saß mit aufgestützten Armen einsam am Tisch , während im Zimmer nebenan die Billardbälle klapperten . Als Tassilo endlich erschien , flog ihm Kitty entgegen und schlang mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit die Arme um seinen Hals . » Komm nur , « stammelte sie , » ich leiste dir Gesellschaft . « Sie zog ihn zum Tisch und drückte auf die Glocke . Schon wollte Tassilo seinen Platz einnehmen , als er das Geklapper der Billardbälle hörte . Einen Augenblick zögerte er ; dann schritt er dem anstoßenden Zimmer zu ; er sah nicht , daß Kitty eine Bewegung machte , als wollte sie ihn zurückhalten . Robert salbte gerade den Stock , als Tassilo eintrat . » Verzeih ' , ich habe bis jetzt nicht Gelegenheit gefunden , dich zu begrüßen . Wie geht es dir ? « » Danke , gut ! « Robert legte die Kreide nieder und blies über die Fingerspitzen . » Und dir ? « » Ich bin zufrieden . « » Schön ! Das hör ' ich gern . « Robert musterte die Stellung der Bälle ; er legte den Stock und zielte lange . Es war ein schwieriger Stoß . Tassilo kehrte in das Speisezimmer zurück , und während des Soupers , das Fritz ihm nachservierte , bediente ihn Kitty wie ein Mütterchen den Lieblingssohn , der nach langer Trennung die erste Mahlzeit wieder am heimatlichen Tisch genießt . 14 Spät am Abend kam Franzl von der Jagdhütte herunter ins Dorf . Auf den Armen trug er den Hund , den er dem Tierarzt zur Pflege übergeben sollte . Hirschmanns Befinden hatte sich bedenklich verschlimmert . Als Franzl an Meister Zauners Haus vorüberschritt , hörte er leises Kichern aus dem Garten und sah das » feine Lieserl « mit einem jungen Manne beisammenstehen , der sich in die dunklen Büsche drückte , als möchte er nicht erkannt werden . Dem Jäger war es , als sähe er die Knöpfe einer Uniform blinken . » Schau , jetzt hat sie sich wieder an Urlauber aufzwickt ! « Er hätte sein Haus auf kürzerem Weg erreichen können . Eine sehnsüchtige Hoffnung veranlaßte ihn zu weitem Umweg . Aber als er am Bruckneranwesen vorbeiging , sah er den Hofraum leer und alle ebenerdigen Fenster dunkel ; nur aus dem großen Fenster der Giebelstube fiel der strahlende Schein einer Lampe , und manchmal glitt über die erleuchteten Scheiben ein schlanker Schatten , als schritte jemand unermüdlich in dem Stübchen auf und nieder . Seufzend wanderte Franzl davon . Vor der eigenen Haustür mußte er eine Weile warten . Seine Mutter war schon schlafen gegangen . Erschrocken kam sie auf sein Klopfen und öffnete - seit ihres Mannes Tod erschrak sie immer , wenn man zu ungewohnter Stunde an ihre Tür pochte . » Bub ? Du ? Jesus Maria , was is denn gschehen ? « » Nix ! Gar nix ! Grüß dich , Mutter ! « Franzl zeigte ihr den kranken Hirschmann als Ursache seiner späten Heimkehr . Das beruhigte die Horneggerin nicht . Die scharfen Augen ihrer Sorge entdeckten den strengen Zug im Gesicht ihres Buben . Aber Franzl wußte hundert beruhigende Ausreden . Schließlich flüchtete er sich in sein Stübchen und verließ am andern Morgen vor der Dämmerung das Haus mit dem Hund auf den Armen . Er weckte den Nachbar , ließ das Bernerwägelchen einspannen und kutschierte zur Bahnstation , wo der Tierarzt wohnte . Schweren Herzens trennte Franzl sich von dem Hund , der ein jämmerliches Gewinsel begann , als er in das » Spital « gesperrt wurde und den Jäger verschwinden sah . Um die neunte Vormittagsstunde war Franzl wieder im Dorf . Gegen elf Uhr sollte er mit den jungen Herren den Aufstieg zur Jagdhütte antreten . So blieben ihm zwei freie Stunden , die er gut benützen wollte . Diesmal schlug ihm seine Hoffnung nicht fehl . Warme Freude überglänzte seine abgehetzten Züge , als er das Bruckneranwesen erreichte und Mali mit dem Netterl auf der sonnigen Hausbank sitzen sah . Schon von der Straße rief er dem Mädel einen Gruß entgegen . Mali wurde rot und nickte dem Jäger schweigend zu , als hätte ihr die Freude über die unerwartete Begegnung die Rede verschlagen . Franzl kam und reichte ihr die Hand . Mali zog ihn auf die Bank , warf einen scheuen Blick über Hof und Straße und sagte flüsternd : » Red nur gleich ! Bist wieder in Ordnung mit ' m Herrn Grafen ? Hast ehrlich gredt ? « » Alles hab ich ihm gsagt . « » Da muß ja alles wieder gut sein ! « » Wie man ' s nimmt . Ins Gsicht hat er mir freilich gsagt : Ich glaub dir ' s. Aber die ganzen Tag her , bei der Jagd und in der Hütten , hab ich allweil merken müssen , daß er ' s richtige Zutrauen nimmer hat . « » So was von Ungerechtigkeit ! Dös gfallt mir net vom Herrn Grafen . Sonst mag er an ehrenwerter Herr sein ! Aber was er mit dir für a Stückl aufführt - « » Mußt net schelten ! Mein Herr is er allweil . Die Gschicht liegt mir freilich am Buckel wie aber Zentnerstein . Aber im Grund därf ich ' s ihm net verübeln . Er is schon über die vierzig Jahr bei der Jagerei . Da is ihm schon oft a schlechter Kerl unterkommen , der ihn hint und vorn betrogen hat . Was die andern verschuldt haben , muß ich büßen ! Und der Schipper hetzt halt . In Gotts Namen ! Muß ich mich halt in Geduld fassen , bis der Graf einsieht , daß er mir unrecht tut ! « Malis Zorn begann sich zu beschwichtigen . » Franzl , du bist a guter Kerl ! Aber ' s Gutsein hat oft sei ' Gfahr . Dös nützen die Haderlumpen aus , und der ehrliche Mensch hat ' s Nachschauen . « » Da kannst recht haben ! Aber man kann sich net wenden wie der Schneider die alte Joppen . Wie der Stein fallt , so liegt er , wie der Mensch is , so bleibt er . Lassen wir die Gschicht in Ruh ! Ich bin zfrieden , weil ich weiß , du meinst es gut mit mir . Dös hab ich lang schon gspürt . Und gwiß wahr , wenn ich bei dir bin - « Er verstummte mit glücklichem Lächeln und rückte näher . Mali wurde ein wenig verlegen , aber dem kleinen Netterl schien die Annäherung des Jägers Freude zu bereiten ; lange schon hatte das Kind die Händchen begehrlich nach den in Silber gefaßten Hirschgranen , Adlerklauen und Murmeltierzähnen gestreckt , die an Franzls Uhrkette in dicker Quaste klunkerten ; nun konnte Netterl den Gegenstand seiner Sehnsucht erhaschen und äußerte sein Vergnügen mit fröhlichem Gezappel . » Schau nur grad dös Kindl an ! « lächelte Mali . » Geh , laß ihm sei ' Freud a bißl ! « » Aber freilich ! « Um dem Kind das Spiel zu erleichtern , beugte Franzl sich vor ; dabei war ihm der linke Arm ein bißchen hinderlich , und er mußte ihn um Malis Schultern legen . » Ja , du , « sagte er , » völlig staunen tu ich , um wieviel dös Kindl heut besser ausschaut gegen ' s letztemal . « Die Freude glänzte in Malis Augen . Und um dem Netterl die Sache recht bequem zu machen , schmiegte sie sich eng an den Jäger . » Gelt , ja ? Die ganzen Nachbarsleut reden schon davon , wie dös gute Kindl völlig wieder