sehen wir dich am besten . Und nun sage mir , hat es seine Richtigkeit damit , daß du gestern abend im Grunewald , in dem ganzen Junkerübermut einer geborenen Schmidt , einen friedlich und unbewaffnet seines Weges ziehenden Bürgerssohn , namens Leopold Treibel , seiner besten Barschaft beraubt hast ? « Corinna lächelte . Dann trat sie vom Fenster her an den Tisch heran und sagte : » Nein , Papa , das ist grundfalsch . Es hat alles den landesüblichen Verlauf genommen , und wir sind so regelrecht verlobt , wie man nur verlobt sein kann . « » Ich bezweifle das nicht , Fräulein Corinna « , sagte Jenny . » Leopold selbst betrachtet sich als Ihren Verlobten . Ich sage nur das eine , daß Sie das Überlegenheitsgefühl , das Ihnen Ihre Jahre ... « » Nicht meine Jahre . Ich bin jünger ... « » ... Das Ihnen Ihre Klugheit und Ihr Charakter gegeben , daß Sie diese Überlegenheit dazu benutzt haben , den armen Jungen willenlos zu machen und ihn für sich zu gewinnen . « » Nein , meine gnädigste Frau , das ist ebenfalls nicht ganz richtig , wenigstens zunächst nicht . Daß es schließlich doch vielleicht richtig sein wird , darauf müssen Sie mir erlauben , weiterhin zurückzukommen . « » Gut , Corinna , gut « , sagte der Alte . » Fahre nur fort . Also zunächst ... « » Also zunächst unrichtig , meine gnädigste Frau . Denn wie kam es ? Ich sprach mit Leopold von seiner nächsten Zukunft und beschrieb ihm einen Hochzeitszug , absichtlich in unbestimmten Umrissen und ohne Namen zu nennen . Und als ich zuletzt Namen nennen mußte , da war es Blankenese , wo die Gäste zum Hochzeitsmahle sich sammelten , und war es die schöne Hildegard Munk , die , wie eine Königin gekleidet , als Braut neben ihrem Bräutigam saß . Und dieser Bräutigam war Ihr Leopold , meine gnädigste Frau . Selbiger Leopold aber wollte von dem allen nichts wissen und ergriff meine Hand und machte mir einen Antrag in aller Form . Und nachdem ich ihn an seine Mutter erinnert und mit dieser Erinnerung kein Glück gehabt hatte , da haben wir uns verlobt ... « » Ich glaube das , Fräulein Corinna « , sagte die Rätin . » Ich glaube das ganz aufrichtig . Aber schließlich ist das alles doch nur eine Komödie . Sie wußten ganz gut , daß er Ihnen vor Hildegard den Vorzug gab , und Sie wußten nur zu gut , daß Sie , je mehr Sie das arme Kind , die Hildegard , in den Vordergrund stellten , desto gewisser - um nicht zu sagen desto leidenschaftlicher , denn er ist nicht eigentlich der Mann der Leidenschaften - , desto gewisser , sag ich , würd er sich auf Ihre Seite stellen und sich zu Ihnen bekennen . « » Ja , gnädigste Frau , das wußt ich oder wußt es doch beinah . Es war noch kein Wort in diesem Sinne zwischen uns gesprochen worden , aber ich glaubte trotzdem , und seit längerer Zeit schon , daß er glücklich sein würde , mich seine Braut zu nennen . « » Und durch die klug und berechnend ausgesuchte Geschichte mit dem Hamburger Hochzeitszuge haben Sie eine Erklärung herbeizuführen gewußt ... « » Ja , meine gnädigste Frau , das hab ich , und ich meine , das alles war mein gutes Recht . Und wenn Sie nun dagegen , und wie mir ' s scheint ganz ernsthaft , Ihren Protest erheben wollen , erschrecken Sie da nicht vor ihrer eignen Forderung , vor der Zumutung , ich hätte mich jedes Einflusses auf Ihren Sohn enthalten sollen ? Ich bin keine Schönheit , habe nur eben das Durchschnittsmaß . Aber nehmen Sie , so schwer es Ihnen werden mag , für einen Augenblick einmal an , ich wäre wirklich so was wie eine Schönheit , eine Beauté , der Ihr Herr Sohn nicht hätte widerstehen können , würden Sie von mir verlangt haben , mir das Gesicht mit Ätzlauge zu zerstören , bloß damit Ihr Sohn , mein Verlobter , nicht in eine durch mich gestellte Schönheitsfalle fiele ? « » Corinna « , lächelte der Alte , » nicht zu scharf . Die Rätin ist unter unserm Dache . « » Sie würden das nicht von mir verlangt haben , so wenigstens nehme ich vorläufig an , vielleicht in Überschätzung Ihrer freundlichen Gefühle für mich , und doch verlangen Sie von mir , daß ich mich dessen begebe , was die Natur mir gegeben hat . Ich habe meinen guten Verstand und bin offen und frei und übe damit eine gewisse Wirkung auf die Männer aus , mitunter auch gerade auf solche , denen das fehlt , was ich habe - soll ich mich dessen entkleiden ? soll ich mein Pfund vergraben ? soll ich das bißchen Licht , das mir geworden , unter den Scheffel stellen ? Verlangen Sie , daß ich bei Begegnungen mit Ihrem Sohne wie eine Nonne dasitze , bloß damit das Haus Treibel vor einer Verlobung mit mir bewahrt bleibe ? Erlauben Sie mir , gnädigste Frau , und Sie müssen meine Worte meinem erregten Gefühle , das Sie herausgefordert , zugute halten , erlauben Sie mir , Ihnen zu sagen , daß ich das nicht bloß hochmütig und höchst verwerflich , daß ich es vor allem auch ridikül finde . Denn wer sind die Treibels ? Berliner-Blau-Fabrikanten mit einem Ratstitel , und ich , ich bin eine Schmidt . « » Eine Schmidt « , wiederholte der alte Wilibald freudig , gleich danach hinzufügend : » Und nun sagen Sie , liebe Freundin , wollen wir nicht lieber abbrechen und alles den Kindern und einer gewissen ruhigen historischen Entwicklung überlassen ? « » Nein , mein lieber Freund , das wollen wir nicht . Wir wollen nichts der historischen Entwicklung und noch weniger der Entscheidung der Kinder überlassen , was gleichbedeutend wäre mit Entscheidung durch Fräulein Corinna . Dies zu hindern , deshalb eben bin ich hier . Ich hoffte bei den Erinnerungen , die zwischen uns leben , Ihrer Zustimmung und Unterstützung sicher zu sein , sehe mich aber getäuscht und werde meinen Einfluß , der hier gescheitert , auf meinen Sohn Leopold beschränken müssen . « » Ich fürchte « , sagte Corinna , » daß er auch da versagt ... « » Was lediglich davon abhängen wird , ob er Sie sieht oder nicht . « » Er wird mich sehen ! « » Vielleicht . Vielleicht auch nicht . « Und darauf erhob sich die Kommerzienrätin und ging , ohne dem Professor die Hand gereicht zu haben , auf die Tür zu . Hier wandte sie sich noch einmal und sagte zu Corinna : » Corinna , lassen Sie uns vernünftig reden . Ich will alles vergessen . Lassen Sie den Jungen wieder los . Er paßt nicht einmal für Sie . Und was das Haus Treibel angeht , so haben Sie ' s eben in einer Weise charakterisiert , daß es Ihnen kein Opfer kosten kann , darauf zu verzichten ... « » Aber meine Gefühle , gnädigste Frau ... « » Bah « , lachte Jenny , » daß Sie so sprechen können , zeigt mir deutlich , daß Sie keine haben und daß alles bloßer Übermut oder vielleicht auch Eigensinn ist . Daß Sie sich dieses Eigensinns begeben mögen , wünsche ich Ihnen und uns . Denn es kann zu nichts führen . Eine Mutter hat auch Einfluß auf einen schwachen Menschen , und ob Leopold Lust hat , seine Flitterwochen in einem Ahlbecker Fischerhause zu verbringen , ist mir doch zweifelhaft . Und daß das Haus Treibel Ihnen keine Villa in Capri bewilligen wird , dessen dürfen Sie gewiß sein . « Und dabei verneigte sie sich und trat in das Entree hinaus . Corinna blieb zurück . Schmidt aber gab seiner Freundin das Geleit bis an die Treppe . » Adieu « , sagte hier die Rätin . » Ich bedaure , lieber Freund , daß dies zwischen uns treten und die herzlichen Beziehungen so vieler , vieler Jahre stören mußte . Meine Schuld ist es nicht . Sie haben Corinna verwöhnt , und das Töchterchen schlägt nun einen spöttischen und überheblichen Ton an und ignoriert , wenn nichts andres , so doch die Jahre , die mich von ihr trennen . Impietät ist der Charakter unsrer Zeit . « Schmidt , ein Schelm , gefiel sich darin , bei dem Wort » Impietät « ein betrübtes Gesicht aufzusetzen . » Ach , liebe Freundin « , sagte er , » Sie mögen wohl recht haben , aber nun ist es zu spät . Ich bedaure , daß es unserm Hause vorbehalten war , Ihnen einen Kummer wie diesen , um nicht zu sagen eine Kränkung , anzutun . Freilich , wie Sie schon sehr richtig bemerkt haben , die Zeit ... Alles will über sich hinaus und strebt höheren Staffeln zu , die die Vorsehung sichtbarlich nicht wollte . « Jenny nickte . » Gott beßre es . « » Lassen Sie uns das hoffen . « Und damit trennten sie sich . In das Zimmer zurückgekehrt , umarmte Schmidt seine Tochter , gab ihr einen Kuß auf die Stirn und sagte : » Corinna , wenn ich nicht Professor wäre , so würd ich am Ende Sozialdemokrat . « Im selben Augenblick erschien auch die Schmolke . Sie hatte nur das letzte Wort gehört , und erratend , um was es sich handle , sagte sie : » Ja , das hat Schmolke auch immer gesagt . « Vierzehntes Kapitel Der nächste Tag war ein Sonntag , und die Stimmung , in der sich das Treibelsche Haus befand , konnte nur noch dazu beitragen , dem Tage zu seiner herkömmlichen Ödheit ein Beträchtliches zuzulegen . Jeder mied den andern . Die Kommerzienrätin beschäftigte sich damit , Briefe , Karten und Photographien zu ordnen , Leopold saß auf seinem Zimmer und las Goethe ( was , ist nicht nötig zu verraten ) , und Treibel selbst ging im Garten um das Bassin herum und unterhielt sich , wie meist in solchen Fällen , mit der Honig . Er ging dabei so weit , sie ganz ernsthaft nach Krieg und Frieden zu fragen , allerdings mit der Vorsicht , sich eine Art Präliminarantwort gleich selbst zu geben . In erster Reihe stehe fest , daß es niemand wisse , » selbst der leitende Staatsmann nicht « ( er hatte sich diese Phrase bei seinen öffentlichen Reden angewöhnt ) , aber eben weil es niemand wisse , sei man auf Sentiments angewiesen , und darin sei niemand größer und zuverlässiger als die Frauen . Es sei nicht zu leugnen , das weibliche Geschlecht habe was Pythisches , ganz abgesehen von jenem Orakelhaften niederer Observanz , das noch so nebenherlaufe . Die Honig , als sie schließlich zu Worte kam , faßte ihre politische Diagnose dahin zusammen : sie sähe nach Westen hin einen klaren Himmel , während es im Osten finster braue , ganz entschieden , und zwar oben sowohl wie unten . » Oben wie unten « , wiederholte Treibel . » Oh , wie wahr . Und das Oben bestimmt das Unten und das Unten das Oben . Ja , Fräulein Honig , damit haben wir ' s getroffen . « Und Czicka , das Hündchen , das natürlich auch nicht fehlte , blaffte dazu . So ging das Gespräch zu gegenseitiger Zufriedenheit . Treibel aber schien doch abgeneigt , aus diesem Weisheitsquell andauernd zu schöpfen , und zog sich nach einiger Zeit auf sein Zimmer und seine Zigarre zurück , ganz Halensee verwünschend , das mit seiner Kaffeeklappe diese häusliche Mißstimmung und diese Sonntags-Extralangeweile heraufbeschworen habe . Gegen Mittag traf ein an ihn adressiertes Telegramm ein : » Dank für Brief . Ich komme morgen mit dem Nachmittagszug . Eure Hildegard . « Er schickte das Telegramm , aus dem er überhaupt erst von der erfolgten Einladung erfuhr , an seine Frau hinüber und war , trotzdem er das selbständige Vorgehen derselben etwas sonderbar fand , doch auch wieder aufrichtig froh , nunmehr einen Gegenstand zu haben , mit dem er sich in seiner Phantasie beschäftigen konnte . Hildegard war sehr hübsch , und die Vorstellung , innerhalb der nächsten Wochen ein anderes Gesicht als das der Honig auf seinen Gartenspaziergängen um sich zu haben , tat ihm wohl . Er hatte nun auch einen Gesprächsstoff , und während ohne diese Depesche die Mittagsunterhaltung wahrscheinlich sehr kümmerlich verlaufen oder vielleicht ganz ausgefallen wäre , war es jetzt wenigstens möglich , ein paar Fragen zu stellen . Er stellte diese Fragen auch wirklich , und alles machte sich ganz leidlich ; nur Leopold sprach kein Wort und war froh , als er sich vom Tisch erheben und zu seiner Lektüre zurückkehren konnte . Leopolds ganze Haltung gab überhaupt zu verstehen , daß er über sich bestimmen zu lassen fürder nicht mehr willens sei ; trotzdem war ihm klar , daß er sich den Repräsentationspflichten des Hauses nicht entziehen und also nicht unterlassen dürfe , Hildegard am anderen Nachmittag auf dem Bahnhofe zu empfangen . Er war pünktlich da , begrüßte die schöne Schwägerin und absolvierte die landesübliche Fragenreihe nach dem Befinden und den Sommerplänen der Familie , während einer der von ihm engagierten Gepäckträger erst die Droschke , dann das Gepäck besorgte . Dasselbe bestand nur aus einem einzigen Koffer mit Messingbeschlag , dieser aber war von solcher Größe , daß er , als er hinaufgewuchtet war , der dahinrollenden Droschke den Charakter eines Baus von zwei Etagen gab . Unterwegs wurde das Gespräch von seiten Leopolds wieder aufgenommen , erreichte seinen Zweck aber nur unvollkommen , weil seine stark hervortretende Befangenheit seiner Schwägerin nur Grund zur Heiterkeit gab . Und nun hielten sie vor der Villa . Die ganze Treibelei stand am Gitter , und als die herzlichsten Begrüßungen ausgetauscht und die nötigsten Toiletten-Arrangements in fliegender Eile , das heißt ziemlich mußevoll , gemacht worden waren , erschien Hildegard auf der Veranda , wo man inzwischen den Kaffee serviert hatte . Sie fand alles » himmlisch « , was auf Empfang strenger Instruktionen von seiten der Frau Konsul Thora Munk hindeutete , die sehr wahrscheinlich Unterdrückung alles Hamburgischen und Achtung vor Berliner Empfindlichkeiten als erste Regel empfohlen hatte . Keine Parallelen wurden gezogen und beispielsweise gleich das Kaffeeservice rundweg bewundert . » Eure Berliner Muster schlagen jetzt alles aus dem Felde , selbst Sèvres . Wie reizend diese Grecborte . « Leopold stand in einiger Entfernung und hörte zu , bis Hildegard plötzlich abbrach und allem , was sie gesagt , nur noch hinzusetzte : » Scheltet mich übrigens nicht , daß ich in einem fort von Dingen spreche , für die sich ja morgen auch noch die Zeit finden würde : Grecborte und Sèvres und Meißen und Zwiebelmuster . Aber Leopold ist schuld ; er hat unsere Konversation in der Droschke so streng wissenschaftlich geführt , daß ich beinahe in Verlegenheit kam ; ich wollte gern von Lizzi hören , und denkt euch , er sprach nur von Anschluß und Radialsystem , und ich genierte mich zu fragen , was es sei . « Der alte Treibel lachte ; die Kommerzienrätin aber verzog keine Miene , während über Leopolds blasses Gesicht eine leichte Röte flog . So verging der erste Tag , und Hildegards Unbefangenheit , die man sich zu stören wohl hütete , schien auch noch weiter leidliche Tage bringen zu sollen , alles um so mehr , als es die Kommerzienrätin an Aufmerksamkeiten jeder Art nicht fehlen ließ . Ja , sie verstieg sich zu höchst wertvollen Geschenken , was sonst ihre Sache nicht war . Ungeachtet all dieser Anstrengungen aber und trotzdem dieselben , wenn man nicht tiefer nachforschte , von wenigstens halben Erfolgen begleitet waren , wollte sich ein recht eigentliches Behagen nicht einstellen , selbst bei Treibel nicht , auf dessen rasch wiederkehrende gute Laune bei seinem glücklichen Naturell mit einer Art Sicherheit gerechnet war . Ja , diese gute Laune , sie blieb aus mancherlei Gründen aus , unter denen gerade jetzt auch der war , daß die Zossen-Teupitzer Wahlkampagne mit einer totalen Niederlage Vogelsangs geendigt hatte . Dabei mehrten sich die persönlichen Angriffe gegen Treibel . Anfangs hatte man diesen , wegen seiner großen Beliebtheit , rücksichtsvoll außer Spiel gelassen , bis die Taktlosigkeiten seines Agenten ein weiteres Schonen unmöglich machten . » Es ist zweifellos ein Unglück « , so hieß es in den Organen der Gegenpartei , » so beschränkt zu sein wie Lieutenant Vogelsang , aber eine solche Beschränktheit in seinen Dienst zu nehmen ist eine Mißachtung gegen den gesunden Menschenverstand unseres Kreises . Die Kandidatur Treibel scheitert einfach an diesem Affront . « Es sah nicht allzu heiter aus bei den alten Treibels , was Hildegard allmählich so sehr zu fühlen begann , daß sie halbe Tage bei den Geschwistern zubrachte . Der Holzhof war überhaupt hübscher als die Fabrik und Lizzi geradezu reizend mit ihren langen weißen Strümpfen . Einmal waren sie auch rot . Wenn sie so herankam und die Tante Hildegard mit einem Knicks begrüßte , flüsterte diese der Schwester zu : » Quite English , Helen « , und man lächelte sich dann glücklich an . Ja , es waren Lichtblicke . Wenn Lizzi dann aber wieder fort war , war auch zwischen den Schwestern von unbefangener Unterhaltung keine Rede mehr , weil das Gespräch die zwei wichtigsten Punkte nicht berühren durfte : die Verlobung Leopolds und den Wunsch , aus dieser Verlobung mit guter Manier herauszukommen . Ja , es sah nicht heiter aus bei den Treibels , aber bei den Schmidts auch nicht . Der alte Professor war eigentlich weder in Sorge noch in Verstimmung , lebte vielmehr umgekehrt der Überzeugung , daß sich nun alles bald zum Besseren wenden werde ; diesen Prozeß aber sich still vollziehen zu lassen schien ihm ganz unerläßlich , und so verurteilte er sich , was ihm nicht leicht wurde , zu unbedingtem Schweigen . Die Schmolke war natürlich ganz entgegengesetzter Ansicht und hielt , wie die meisten alten Berlinerinnen , außerordentlich viel von » sich aussprechen « , je mehr und je öfter , desto besser . Ihre nach dieser Seite hin abzielenden Versuche verliefen aber resultatlos , und Corinna war nicht zum Sprechen zu bewegen , wenn die Schmolke begann : » Ja , Corinna , was soll denn nun eigentlich werden ? Was denkst du dir denn eigentlich ? « Auf all das gab es keine rechte Antwort , vielmehr stand Corinna wie am Roulett und wartete mit verschränkten Armen , wohin die Kugel fallen würde . Sie war nicht unglücklich , aber äußerst unruhig und unmutig , vor allem , wenn sie der heftigen Streitszene gedachte , bei der sie doch vielleicht zuviel gesagt hatte . Sie fühlte ganz deutlich , daß alles anders gekommen wäre , wenn die Rätin etwas weniger Herbheit , sie selber aber etwas mehr Entgegenkommen gezeigt hätte . Ja , da hätte sich dann ohne sonderliche Mühe Frieden schließen und das Bekenntnis einer gewissen Schuld , weil alles bloß Berechnung gewesen , allenfalls ablegen lassen . Aber freilich im selben Augenblicke , wo sie , neben dem Bedauern über die hochmütige Haltung der Rätin , vor allem und in erster Reihe sich selber der Schuld zieh , in eben diesem Augenblicke mußte sie sich doch auch wieder sagen , daß ein Wegfall alles dessen , was ihr vor ihrem eigenen Gewissen in dieser Angelegenheit als fragwürdig erschien , in den Augen der Rätin nichts gebessert haben würde . Diese schreckliche Frau , trotzdem sie beständig so tat und sprach , war ja weitab davon , ihr wegen ihres Spiels mit Gefühlen einen ernsthaften Vorwurf zu machen . Das war ja Nebensache , da lag es nicht . Und wenn sie diesen lieben und guten Menschen , wie ' s ja doch möglich war , aufrichtig und von Herzen geliebt hätte , so wäre das Verbrechen genau dasselbe gewesen . » Diese Rätin , mit ihrem überheblichen Nein , hat mich nicht da getroffen , wo sie mich treffen konnte , sie weist diese Verlobung nicht zurück , weil mir ' s an Herz und Liebe gebricht , nein , sie weist sie nur zurück , weil ich arm oder wenigstens nicht dazu angetan bin , das Treibelsche Vermögen zu verdoppeln , um nichts , nichts weiter ; und wenn sie vor anderen versichert oder vielleicht auch sich selber einredet , ich sei ihr zu selbstbewußt und zu professorlich , so sagt sie das nur , weil ' s ihr gerade paßt . Unter andern Verhältnissen würde meine Professorlichkeit mir nicht nur nicht schaden , sondern ihr umgekehrt die Höhe der Bewunderung bedeuten . « So gingen Corinnas Reden und Gedanken , und um sich ihnen nach Möglichkeit zu entziehen , tat sie , was sie seit lange nicht mehr getan , und machte Besuche bei den alten und jungen Professorenfrauen . Am besten gefiel ihr wieder die gute , ganz von Wirtschaftlichkeit in Anspruch genommene Frau Rindfleisch , die jeden Tag , ihrer vielen Pensionäre halber , in die große Markthalle ging und immer die besten Quellen und die billigsten Preise wußte , Preise , die dann , später der Schmolke mitgeteilt , in erster Linie den Ärger derselben , zuletzt aber ihre Bewunderung vor einer höheren wirtschaftlichen Potenz weckten . Auch bei Frau Immanuel Schultze sprach Corinna vor und fand dieselbe , vielleicht weil Friedebergs nahe bevorstehende Ehescheidung ein sehr dankbares Thema bildete , auffallend nett und gesprächig , Immanuel selbst aber war wieder so großsprecherisch und zynisch , daß sie doch fühlte , den Besuch nicht wiederholen zu können . Und weil die Woche so viele Tage hatte , so mußte sie sich zuletzt zu Museum und Nationalgalerie bequemen . Aber sie hatte keine rechte Stimmung dafür . Im Cornelius-Saal interessierte sie , vor dem einen großen Wandbilde , nur die ganz kleine Predelle , wo Mann und Frau den Kopf aus der Bettdecke strecken , und im Ägyptischen Museum fand sie eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ramses und Vogelsang . Wenn sie dann nach Hause kam , fragte sie jedesmal , ob wer dagewesen sei , was heißen sollte : » War Leopold da ? « , worauf die Schmolke regelmäßig antwortete : » Nein , Corinna , keine Menschenseele . « Wirklich , Leopold hatte nicht den Mut zu kommen und beschränkte sich darauf , jeden Abend einen kleinen Brief zu schreiben , der dann am andern Morgen auf ihrem Frühstückstische lag . Schmidt sah lächelnd drüber hin , und Corinna stand dann wie von ungefähr auf , um das Briefchen in ihrem Zimmer zu lesen . » Liebe Corinna . Der heutige Tag verlief wie alle . Die Mama scheint in ihrer Gegnerschaft verharren zu wollen . Nun , wir wollen sehen , wer siegt . Hildegard ist viel bei Helene , weil niemand hier ist , der sich recht um sie kümmert . Sie kann mir leid tun , ein so junges und hübsches Mädchen . Alles das Resultat solcher Anzettelungen . Meine Seele verlangt , Dich zu sehen , und in der nächsten Woche werden Entschlüsse von mir gefaßt werden , die volle Klarheit schaffen . Mama wird sich wundern . Nur soviel , ich erschrecke vor nichts , auch vor dem Äußersten nicht . Das mit dem vierten Gebot ist recht gut , aber es hat seine Grenzen . Wir haben auch Pflichten gegen uns selbst und gegen die , die wir über alles lieben , die Leben und Tod in unseren Augen bedeuten . Ich schwanke noch , wohin , denke aber England ; da haben wir Liverpool und Mister Nelson , und in zwei Stunden sind wir an der schottischen Grenze . Schließlich ist es gleich , wer uns äußerlich vereinigt , sind wir es doch längst in uns . Wie mir das Herz dabei schlägt . Ewig der Deine . Leopold . « Corinna zerriß den Brief in kleine Streifen und warf sie draußen ins Kochloch . » Es ist am besten so ; dann vergeß ich wieder , was er heute geschrieben , und kann morgen nicht mehr vergleichen . Denn mir ist , als schriebe er jeden Tag dasselbe . Sonderbare Verlobung . Aber soll ich ihm einen Vorwurf machen , daß er kein Held ist ? Und mit meiner Einbildung , ihn zum Helden umschaffen zu können , ist es auch vorbei . Die Niederlagen und Demütigungen werden nun wohl ihren Anfang nehmen . Verdient ? Ich fürchte . « Anderthalb Wochen waren um , und noch hatte sich im Schmidtschen Hause nichts verändert ; der Alte schwieg nach wie vor , Marcell kam nicht und Leopold noch weniger , und nur seine Morgenbriefe stellten sich mit großer Pünktlichkeit ein ; Corinna las sie schon längst nicht mehr , überflog sie nur und schob sie dann lächelnd in ihre Morgenrocktasche , wo sie zersessen und zerknittert wurden . Sie hatte zum Troste nichts als die Schmolke , deren gesunde Gegenwart ihr wirklich wohltat , wenn sie ' s auch immer noch vermied , mit ihr zu sprechen . Aber auch das hatte seine Zeit . Der Professor war eben nach Hause gekommen , schon um elf , denn es war Mittwoch , wo die Klasse , für ihn wenigstens , um eine Stunde früher schloß . Corinna sowohl wie die Schmolke hatten ihn kommen und die Drückertür geräuschvoll ins Schloß fallen hören , nahmen aber beide keine Veranlassung , sich weiter um ihn zu kümmern , sondern blieben in der Küche , drin der helle Julisonnenschein lag und alle Fensterflügel geöffnet waren . An einem der Fenster stand auch der Küchentisch . Draußen , an zwei Haken , hing ein kastenartiges Blumenbrett , eine jener merkwürdigen Schöpfungen der Holzschneidekunst , wie sie Berlin eigentümlich sind : kleine Löcher zu Sternblumen zusammengestellt ; Anstrich dunkelgrün . In diesem Kasten standen mehrere Geranium- und Goldlacktöpfe , zwischen denen hindurch die Sperlinge huschten und sich in großstädtischer Dreistigkeit auf den am Fenster stehenden Küchentisch setzten . Hier pickten sie vergnügt an allem herum , und niemand dachte daran , sie zu stören . Corinna , den Mörser zwischen den Knien , war mit Zimmetstoßen beschäftigt , während die Schmolke grüne Kochbirnen der Länge nach durchschnitt und beide gleiche Hälften in eine große braune Schüssel , eine sogenannte Reibesatte , fallen ließ . Freilich zwei ganz gleiche Hälften waren es nicht , konnten es nicht sein , weil natürlich nur eine Hälfte den Stengel hatte , welcher Stengel denn auch Veranlassung zu Beginn einer Unterhaltung wurde , wonach sich die Schmolke schon seit lange sehnte . » Sieh , Corinna « , sagte die Schmolke , » dieser hier , dieser lange , das ist so recht ein Stengel nach dem Herzen deines Vaters ... « Corinna nickte . » ... Den kann er anfassen wie ' ne Makkaroni und hochhalten und alles von unten her aufessen ... Es ist doch ein merkwürdiger Mann ... « » Ja , das ist er ! « » Ein merkwürdiger Mann und voller Schrullen , und man muß ihn erst ausstudieren . Aber das Merkwürdigste , das ist doch das mit den langen Stengeln , un daß wir sie , wenn es Semmelpudding un Birnen gibt , nicht schälen dürfen un daß der ganze Kriepsch mit Kerne und alles drinbleiben muß . Er is doch ein Professor un ein sehr kluger Mann , aber das muß ich dir sagen , Corinna , wenn ich meinem guten Schmolke , der doch nur ein einfacher Mann war , mit so lange Stengel un ungeschält un den ganzen Kriepsch drin gekommen wär , ja , da hätt es was gegeben . Denn so gut er war , wenn er dachte , sie denkt woll , das is gut genug , dann wurd er falsch un machte sein Dienstgesicht un sah aus , als ob er mich arretieren wollte ... « » Ja , liebe Schmolke « , sagte Corinna , » das ist eben einfach die alte Geschichte vom Geschmack und daß sich über Geschmäcker nicht streiten läßt . Und dann ist es auch wohl die Gewohnheit und vielleicht auch von Gesundheits wegen . « » Von Gesundheits wegen « , lachte die Schmolke . » Na , höre , Kind , wenn einem so die Hacheln in die Kehle kommen un man sich verschluckert un man mitunter zu ' nem ganz fremden Menschen sagen muß : Bitte , kloppen Sie mir mal en bißchen , aber hier ordentlich ins Kreuz - nein , Corinna , da bin ich doch mehr für eine ausgekernte Malvasier , die runtergeht wie Butter . Gesundheit ... ! Stengel un Schale , was da von Gesundheit is , das weiß ich nich ... « » Doch , liebe Schmolke . Manche können Obst nicht vertragen und fühlen sich geniert , namentlich wenn sie , wie Papa , hinterher auch noch die Sauce löffeln . Und da gibt es nur ein Mittel dagegen : alles muß dran bleiben , der Stengel und die grüne Schale . Die beiden , die haben das Adstringens ... « » Was ? « » Das Adstringens , das heißt das , was zusammenzieht , erst bloß die Lippen und den Mund , aber dieser Prozeß des Zusammenziehens setzt sich dann durch den ganzen inneren Menschen hin fort , und das ist dann das , was alles wieder in Ordnung bringt und vor Schaden bewahrt . « Ein Sperling hatte zugehört , und wie durchdrungen von der Richtigkeit von Corinnas Auseinandersetzungen , nahm er einen Stengel , der zufällig abgebrochen war , in den Schnabel und flog damit auf das andere Dach hinüber . Die beiden Frauen