. Aber wie dem auch sein möge , zunächst bin ich neugierig , in Erfahrung zu bringen , wie Pastor Schleppegrell sein Balladenbruchstück getauft hat . « Und dabei nahm Holk das rosafarbene Blatt wieder in die Hand und überflog den Titel . Der lautete : » Wie Herr Herluf Trolle begraben wurde . « » Das ist gut , da weiß man doch , was kommt . « Und nun schob er den Schaukelstuhl bis dicht ans Fenster und las : » Ein Bote mit Meldung ritt ihnen voraus . Und als in den Schloßhof sie schritten , Brigitte stand vor dem Trauerhaus In ihrer Frauen Mitten . Ah , das ist Brigitte Goje , sein fromm Gemahl , von der wir gestern schon gehört haben ; fromm und schön und eine Klippe für den Roeskilder Bischof . Aber sehen wir , was Schleppegrell und sein Balladenbruchstück weiter von ihr zu berichten haben . Am Eingange stand sie , grüßte den Zug , Aufrecht und ungebrochen , Und der erste ( der das Bahrtuch trug ) Trat vor und hat gesprochen : Was geschehen , wir sandten die Meldung dir , Eh den Weg wir selber gingen , Seine Seel ist frei , seine Hüll ist hier , Du weißt , wen wir dir bringen . An der pommerschen Küste vor Pudagla-Golm , Um den schwankenden Sieg uns zu retten , So fiel er . Nun , Herrin von Herlufsholm , Sage , wohin wir ihn betten . Betten wir ihn in die Kryptkapelln Von Thorslund oder Olafskirke ? Betten wir ihn in Gjeddesdal Unter der Trauerbirke ? Betten wir ihn in die Kryptkapelln In Roeskilde , Leire , Ringstede ? Sage , Herrin , wohin wir ihn stelln , Eine Ruhstätt für ihn hat jede . Jeder Kirche gab er , um was sie bat , Altäre , Türme , Glocken , Und jede , wenn sie hört , er naht , Wird in Leide frohlocken . Eine jede ladet ihn zu sich ein In ihrer Pfeiler Schatten ... Da sprach Brigitte : Hier soll es sein , Hier wollen wir ihn bestatten . Wohl hat er hier keine Kirche gebaut - Die stand schon viel hundert Jahre - , Hier aber , als Herluf Trolles Braut , Stand ich mit ihm am Altare . Vor demselben Altar , auf selbem Stein , Steh er wieder in aller Stille , Nichts soll dabei gesprochen sein Als , Herr , es geschehe dein Wille . Morgen aber , eh noch der Tag erstand , In seinen Kirchen allen , Weit über die See , weit über das Land , Solln alle Glocken erschallen . Und zittert himmelan die Luft , Als ob Schlachtendonner rolle , Dann in die Herlufsholmer Gruft Senken wir Herluf Trolle . « Holk schob das Blatt wieder in den Brief und den Brief wieder in das Couvert und wiederholte dabei leise vor sich hin : » Und in die Herlufsholmer Gruft senken wir Herluf Trolle ... Hm , gefällt mir , gefällt mir gut . Es hat eigentlich keinen rechten Inhalt und ist bloß eine Situation und kein Gedicht , aber das tut nichts . Es hat den Ton , und wie das Kolorit das Bild macht , so wenigstens hat mir Schwager Arne mehr als einmal versichert , so macht der Ton das Gedicht . Und Alfred wird wohl recht haben , wie gewöhnlich . Ich will ' s heute noch abschreiben und an Christine schicken . Oder noch besser , ich schick ihr gleich das rote Blatt . Daß es aus einem Pastorhause kommt , wird ihr das Gedicht noch besonders empfehlen . Aber freilich , ich werde die kleine Frau vorher doch noch bitten müssen , ihren Namen und vor allem auch ihren Stand mit darunter zu schreiben , sonst mißglückt am Ende das Ganze . Das Rosapapier ist ohnehin suspekt genug , und die steife Waschzettelhandschrift , ja wer will sagen , wo sie herstammt ; Hofdamen haben auch merkwürdige Handschriften . « Er unterbrach sich in diesen Betrachtungen , weil er nach der Uhr sah und wahrnahm , daß es bereits auf elf ging . Er hatte sich also zu beeilen , wenn er bis zum Eintreffen des Schleppegrellschen Ehepaares angekleidet und marschfähig sein wollte . Wie mochten übrigens draußen die Wege sein ? Kurz vor Mitternacht war Regen gefallen , und wenn der Südost ein gut Teil davon auch wieder aufgetrocknet hatte , so wußte er doch von Holkenäs her , daß Parkwege nach Regenwetter meist schwer passierbar sind . Er wählte denn auch die Kleidung danach , und kaum , daß er mit seiner Toilette fertig war , so kamen beide Schleppegrells auch schon über den Schloßhof . Er rief hinunter , daß sie sich nicht hinaufbemühen sollten , er werde das Fräulein abholen und gleich bei ihnen sein . Und so geschah es denn auch , und ehe fünf Minuten um waren , durchschritt man , vom großen Frontportal her , die ganze Tiefe des Schlosses und trat , an dessen Rückseite , durch ein gleich großes Portal in den Park ein . Hier traf man auch Erichsen , der eben von einem anderthalbstündigen Gesundheitsspaziergange zurückkehrte , sofort aber Bereitwilligkeit zeigte , sich an dem neuen Spaziergange zu beteiligen . Das wurde begrüßt und bewundert . Erichsen bot Ebba seinen Arm , und Holk folgte mit der kleinen Pastorsfrau , während Schleppegrell die Führung nahm . Er trug , wie bei der ersten Begrüßung auf dem Hilleröder Marktplatze , einen mantelartigen Rock , der , ohne Taille , von den Schultern bis auf die Füße ging , dazu Schlapphut und Eichenstock , mit welch letztrem er allerhand große Schwingbewegungen machte , wenn er es nicht vorzog , ihn in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen . Holk , soviel lieber er an Ebbas Seite gewesen wäre , war doch sehr verbindlich gegen die Pastorin und bat sie , für den Fall , daß er persönlich nicht dazu kommen sollte , ihrem Manne sagen zu wollen , wie sehr er sich über die Zusendung gefreut habe ; kaum minder freilich hab er ihr selber zu danken , denn daß die Abschrift von ihrer Hand sei , das sei doch wohl sicher . » Ja « , sagte sie . » Man muß sich untereinander helfen , das ist eigentlich das Beste von der Ehe . Sich helfen und unterstützen und vor allem nachsichtig sein und sich in das Recht des andern einleben . Denn was ist Recht ? Es schwankt eigentlich immer . Aber Nachgiebigkeit , einem guten Menschen gegenüber , ist immer recht . « Holk schwieg . Die kleine Frau sprach noch so weiter , ohne jede Ahnung davon , welche Bilder sie heraufbeschwor und welche Betrachtungen sie in ihm angeregt hatte . Die Sonne , die frühmorgens so hell geschienen , war wieder fort , der Wind hatte sich abermals gedreht , und ein feines Grau bedeckte den Himmel ; aber gerade diese Beleuchtung ließ die Baumgruppen , die sich über die große Parkwiese hin verteilten , in um so wundervollerer Klarheit erscheinen . Die Luft war weich und erfrischend zugleich , und am Abhang einer windgeschützten Terrasse gewahrte man allerlei Beete mit Spätastern ; überall aber , wo die Parkwiese tiefere Stellen hatte , zeigten sich große und kleine Teiche , mit Kiosks und Pavillons am Ufer , von deren phantastischen Dächern allerlei blattloses Gezweige herniederhing . Überhaupt alles kahl . Nur die Platanen hielten ihr Laub noch fest , aber jeder stärkere Windstoß , der kam , löste etliche von den großen gelben Blättern und streute sie weit über Weg und Wiese hin . In nicht allzu großer Entfernung vom Schloß lief ein breiter Graben , über den verschiedene Birkenbrücken führten ; gerade an dem Punkt aber , wo Schleppegrell , an der Spitze der andern , den Grabenrand erreichte , fehlte jeder Brückensteg , und statt dessen war eine Fähre da , mit einem zwischen hüben und drüben ausgespannten Seil , an dem entlang man das Flachboot mühelos hinüberzog . Als man drüben war , war es nur noch eine kleine Strecke bis an einen aufgeschütteten Hügel , von dem aus man , nach Schleppegrells Versicherung , einen gleich freien Blick nach Norden hin auf Schloß Fredensborg und nach Süden hin auf Schloß Frederiksborg habe . Und diesen Punkt wollte man erreichen . Aber mit Rücksicht auf die knapp zugemessene Zeit mußte dieses Ziel sehr bald aufgegeben und sogar ein näherer Rückweg eingeschlagen werden . Holk war bis dahin keinen Augenblick von der Seite der Frau Pastorin gewichen , als man aber die Fähre zum zweiten Mal passiert und das andre Ufer wiedergewonnen hatte , wechselte man mit den Damen , und während Erichsen der Pastorin den Arm bot , folgten Holk und Ebba , die bis dahin kaum noch Gelegenheit zu einem Begrüßungsworte gefunden hatten , in immer größer werdender Entfernung . » Ich glaubte schon ganz ein Opfer Ihrer neuesten Neigung zu sein « , sagte Ebba . » Ein gefährliches Paar , diese Schleppegrells ; gestern er , heute sie . « » Ach , meine Gnädigste , nichts Schmeichelhafteres für mich , als mir eine derartige Don-Juan-Rolle zugewiesen zu sehen . « » Und um welcher Zerline willen ! Eigentlich Zerlinens Großtante . Wovon hat sie mit Ihnen gesprochen ? Es ging ja , soviel ich sehen konnte , wie eine Mühle ... « » Nun , von allerlei ; von Hilleröd und seinem winterlichen Leben , und daß sich die Stadt in eine Ressourcen- und eine Kasino-Hälfte teile . Man konnte beinah glauben , in Deutschland zu sein . Übrigens eine charmante kleine Frau , voller bon sens , aber doch auch wieder von einer großen Einfachheit und Enge , so daß ich nicht recht weiß , wie der Pastor mit ihr auskommt , und noch weniger , wie die Prinzessin ihre Stunden so mit ihr hinplaudert . « Ebba lachte . » Wie wenig Sie doch Bescheid wissen . Man merkt an allem , daß Sie nur alle Jubeljahr einmal eine Fühlung mit Prinzessinnen haben . Glauben Sie mir , es ist nichts so nichtig , daß es nicht eine Prinzessin interessieren könnte . Je mehr Klatsch , desto besser . Tom Jensen war in Indien und hat eine Schwarze geheiratet , und die Töchter sind alle schwarz , und die Söhne sind alle weiß ; oder Apotheker Brodersen hat seine Frau vergiftet , es heißt mit Nikotin ; oder Forstgehülfe Holmsen , als er gestern abend aus Liebchens Fenster stieg , ist in eine Kalkgrube gefallen - ich kann Ihnen versichern , dergleichen interessiert unsre Prinzessin mehr als die ganze schleswig-holsteinsche Frage , trotzdem einige behaupten , sie sei die Seele davon . « » Ach , Ebba , Sie sagen das so hin , weil Sie moquant sind und sich darin gefallen , alles auf die Spitze zu treiben . « » Ich will das hinnehmen , weil es mir lieber ist , ich bin so , als das Gegenteil davon . Gut also , ich bin moquant und medisant und was Sie sonst noch wollen ; aber von dem , was ich da eben über die Prinzessinnen gesagt habe , davon geht kein Tüttelchen ab . Und je klüger und witziger die Hochgestellten sind und je mehr Sinn und Auge sie für das Lächerliche haben , desto sichrer und rascher kommen sie dazu , die langweiligen Menschen geradeso nett und unterhaltlich zu finden wie die interessanten . « » Und das sagen Sie ! Sind Sie nicht selbst die Widerlegung davon ? Was hat Ihnen denn Ihren Platz im Herzen der Prinzessin erobert ? Doch nur das , daß Sie klug und gescheit sind , Einfälle haben und zu sprechen verstehen und mit einem Wort interessanter sind als die Schimmelmann . « » Nein , einfach weil ich anders bin als die Schimmelmann , die der Prinzessin geradeso nötig ist wie ich oder wie Erichsen oder wie Pentz oder vielleicht auch ... « » ... wie Holk . « » Ich will es nicht gesagt haben . Aber brechen wir ab und rasten wir , trotzdem wir ohnehin schon zurückgeblieben sind , einen kleinen Augenblick an dieser entzückenden Stelle , von der aus wir einen guten Blick auf die Rückseite des Schlosses haben . Sehen Sie nur , alles hebt sich so wundervoll voneinander ab , das Hauptdach und die spitzen Turmdächer links und rechts , trotzdem alles dieselbe graue Farbe hat . « » Ja « , sagte Holk . » Es hebt sich alles trefflich voneinander ab . Aber das tut die Beleuchtung , und auf solche besondre Beleuchtung hin dürfen Schlösser nicht gebaut werden . Ich meine , die zwei Backsteintürme , drin wir wohnen , die hätten mit ihrem prächtigen Rot etwas höher hinaufgeführt werden müssen , und dann erst die Schiefer- oder Schindelspitze . Jetzt sieht es aus , als solle man aus der untersten Turmluke gleich auf das große Schrägdach hinaustreten , um draußen , an der Dachrinne hin , eine Promenade zu machen . « Ebba nickte , vielleicht weil ihr das Endergebnis dieser Bau- und Beleuchtungsfrage gleichgültig war , und gleich danach eilten beide rasch weiter , weil sie wahrzunehmen glaubten , daß der Pastor anhielt , um auf sie zu warten . Im Herankommen aber sahen sie , daß es etwas anderes war und daß Schleppegrell , sosehr die Zeit drängte , doch noch auf eine besondere Sehenswürdigkeit aufmerksam machen wollte . Diese Sehenswürdigkeit war nicht mehr und nicht weniger als ein am Wege liegender , etwas ausgehöhlter Riesenstein , in dessen flache Mulde die Worte gemeißelt waren : » Christian IV. 1628 . « Holk sprach im Herantreten die Meinung aus , » daß es mutmaßlich ein bevorzugter Sitz- und Ruheplatz des Königs gewesen sei « , wozu Schleppegrell bemerkte : » Ja , so war es ; es war ein Ruheplatz . Aber nicht ein regelmäßiger , sondern nur ein einmaliger . Und es knüpft sich auch eine kleine Geschichte daran ... « » Erzählen ! « riefen alle dem Pastor zu . Dieser aber zog seine silberne Gehäuseuhr , daran , an einer etwas abgetragenen grünen Schnur , ein großer Uhrschlüssel hing , und wies auf das Zifferblatt , das bereits auf zehn Minuten vor zwölf zeigte . » Wir müssen uns eilen , oder wir kommen zu spät . Ich will es beim Lunch erzählen , vorausgesetzt , daß es sich erzählen läßt , worüber ich in Zweifel bin . « » Ein Pastor kann alles erzählen « , sagte Ebba , » zumal in Gegenwart einer Prinzessin . Denn Prinzessinnen sind sich selber Gesetz , und was sie gutheißen , das geht und das gilt . Und nun gar die unsre ! Daß sie nicht nein sagen wird , dafür will ich mich verbürgen . « Und in gesteigert raschem Tempo schritt man auf das Schloß zu . Zweiundzwanzigstes Kapitel Kurz vor zwölf war man im Schlosse zurück , gerade noch früh genug , um rechtzeitig bei der Prinzessin erscheinen zu können . Pentz und die Schimmelmann , die den Dienst hatten , empfingen die Geladenen , und nachdem die bald danach eintretende Prinzessin an jeden einzelnen ein Wort der Begrüßung gerichtet hatte , verließ man die Wohn- und Empfangszimmer , um sich über einen mit Karyatiden reich geschmückten und augenscheinlich einer späteren Zeit angehörigen Korridor hin in die große Herluf-Trolle-Halle zu begeben , dieselbe Halle , darin man , am Abend vorher , bei Kaminfeuer und Kienfackeln erst die großen Bilder , so gut es ging , betrachtet und dann dem erklärenden Schleppegrellschen Vortrage zugehört hatte . Ja , die Halle war dieselbe ; trotzdem zeigte sich seit gestern insoweit eine Veränderung , als jetzt helles Tageslicht einfiel ( die Mittagsstunde hatte wieder Sonnenschein gebracht ) und allem etwas Heitres lieh , ein Eindruck , der durch eine mit Blumen und altnordischen Trinkgefäßen beinah phantastisch geschmückte Prunktafel noch gesteigert wurde . Schmuck überall , geschmückt auch die Wände . Da , wo sich die hohen Paneele mit den breiten Barockrahmen der Wandbilder berührten , hingen Mistel- und Ebereschenbündel an Girlanden von Eichenlaub , während eine quer durch die Halle gezogene Wand von Zypressen und jungen Tannenbäumen den dunklen Hinterraum von dem festlich hergerichteten Vorderraum abtrennte . Das Ganze , soviel war augenscheinlich , sollte den Weihnachtscharakter tragen oder , wie die Prinzessin sich ausgedrückt hatte , wenigstens ein Vorspiel zum Julfeste sein . Orangen , in fast überreicher Zahl , waren überall in das Tannengezweige gehängt , und kleine wächserne Christengel schwenkten ihre Fahne , während über das blitzende weiße Tischtuch hin Stechpalmenzweige lagen mit roten Beeren daran . Und nun forderte die Prinzessin die Geladenen durch eine gnädige Handbewegung auf , ihre Plätze zu nehmen . Minutenlang verblieben alle schweigend oder kamen über ein Flüstern nicht hinaus ; als aber das erste Glas Cyper geleert war , war auch die fröhliche Laune wieder da , die diesen kleinen Kreis auszeichnete . Jeder , nach voraufgegangener Aufforderung der Prinzessin , ließ sich ' s zunächst angelegen sein , über seine Schicksale während der letzten Sturmnacht zu berichten , und alle waren einig darin , daß das schöne Schloß , darin nur leider alle Fenster klapperten und in dem man in jedem Augenblicke fürchten müsse , von einem Nordwester gepackt und weggeweht zu werden , doch mehr ein Sommer- als ein Winterschloß sei . » Ja « , sagte die Prinzessin , » das ist leider so , davon kann ich mein liebes Frederiksborg nicht freisprechen ; und was fast noch schlimmer ist , ich kann auch nichts dagegen tun und muß eben alles lassen , wie ' s ist . « Und nun erzählte sie mit der ihr eigenen Jovialität , wie sie , vor Jahr und Tag schon , einen feierlichen Antrag auf » schließende Türen und Fenster « gestellt habe , was ihr aber von der betreffenden Verwaltungs-oder Baukommission rund abgeschlagen worden sei , weil die Bewohnbarkeit des Schlosses oder doch wenigstens die Brauchbarkeit der Kamine mit dem Fortbestand undichter Fenster im nächsten Zusammenhange stehe ; schließende Fenster würden gleichbedeutend sein mit Kaminen , die nicht brennen . » Und seitdem ich das weiß , hab ich mich in mein Schicksal ergeben ; ja nach allem , was ich bei der Gelegenheit gehört habe , will ich noch froh sein , wenn wir durch einen fortgesetzten guten Tür- und Fensterzug vor verstopften Feueressen und allen sich daraus ergebenden Fährlichkeiten bewahrt bleiben . Offen gestanden , mitunter steh ich unter der Furcht , es könne mal so was kommen . In den Schornsteinen hierherum wird es schlimm genug aussehen , und speziell in dem unsrigen vermut ich eine Rußkruste womöglich noch aus König Christians Zeiten her . « Es war nach Nennung des Namens » König Christian « so gut wie selbstverständlich , daß sich das Gespräch den Frederiksborger Tagen dieses dänischen Lieblingskönigs zuwenden mußte , von dem Schleppegrell , fast noch selbstverständlicher , eine Fülle von Lokalanekdoten sofort zur Stelle hatte . Nach einiger Zeit aber unterbrach Holk und sagte : » Da stecken wir nun schon eine Viertelstunde lang in König-Christian-Anekdoten und haben immer noch nicht die Geschichte von dem Stein draußen gehört mit seiner Namensinschrift und seiner Jahreszahl 1628 . Was ist es damit ? Sie haben uns draußen im Park versprochen ... « Schleppegrell wiegte den Kopf zweifelnd hin und her . » Allerdings « , nahm er das Wort , » hab ich davon erzählen wollen . Aber es ist nicht viel damit und wird Sie mutmaßlich enttäuschen . Man erzählt sich nämlich , es sei der Stein , wo Christian IV. , als er , nach seinem Regierungsantritt , den großen Umbau des Schlosses zu leiten begann , gleich am ersten Samstage die Arbeiter um sich versammelt und ihnen allerpersönlichst den Wochenlohn ausgezahlt habe . « » Das ist alles ? « » Ja « , sagte Schleppegrell . Ebba aber wollte davon nichts wissen . » Nein , Pastor Schleppegrell , so leichten Kaufs kommen Sie nicht los ; was Sie da sagen , das kann einfach nicht sein . Sie vergessen , daß jeder , der sich herauswinden oder andere hinters Licht führen will , vor allem ein gutes Gedächtnis haben muß . Es ist noch keine zwei Stunden , daß wir aus Ihrem Munde gehört , Sie würden von dem Stein erzählen , wenn die Prinzessin ihre Zustimmung dazu gäbe . Nun , Sie werden doch nicht geglaubt haben , die Prinzessin könne vorhaben , Ihren Bericht über eine samstägliche Lohnauszahlung verbieten zu wollen . « Die Prinzessin weidete sich an Schleppegrells Verlegenheit , und Ebba , nicht willens , ihren Vorteil aus der Hand zu geben , fuhr fort : » Sie sehen , Sie können aus Ihrer schrecklichen Lage nur heraus , wenn Sie sich rundweg entschließen , Farbe zu bekennen , und uns die Geschichte so gehen , wie sie wirklich gewesen . « Schleppegrell , der sich altmodischerweise die Serviette quer über die Brust gebunden hatte , löste mechanisch den Knoten , legte die Serviette neben sich und sagte : » Nun gut , wenn Sie befehlen ; es gibt noch eine zweite Lesart , von der es allerdings heißt , daß sie die richtigere sei . Der König ging mit Christine Munk , die seine Gemahlin war und auch wieder nicht war , etwas , das in unsrer Geschichte leider mehrfach vorkommt , im Schloßgarten spazieren , und mit den beiden war Prinz Ulrich und Prinzessin Fritz-Anna , und als sie bis an diesen Stein gekommen waren , setzten sie sich , um eine Plauderei zu haben . Und der König war so gnädig und liebenswürdig wie nie zuvor . Aber Christine Munk , aus Gründen , die bis diesen Augenblick niemand weiß oder auch nur ahnen kann ( oder vielleicht auch hatte sie keine ) , schwieg in einem fort und sah so sauertöpfisch und griesgrämig drein , daß es eine große Verlegenheit gab . Und was das Schlimmste von der Sache war , diese Verstimmung Christinens hatte Dauer und war noch nicht vorüber , als der Abend herankam und der König in das Schlafgemach wollte . Da fand er die Tür verriegelt und verschlossen und mußte seine Ruh an einer andern Stelle nehmen . Und da solches dem Könige vordem nie widerfahren war , weil Christine nicht nur zu den bestgelaunten , sondern auch zu den allerzärtlichsten Frauen gehörte , so beschloß der König diesen merkwürdigen Ausnahmetag zu verewigen und ließ Namen und Jahreszahl in den Stein einmeißeln , wo der rätselvolle eheliche Zwist seinen Anfang genommen hatte . « » Nun « , sagte die Prinzessin , » das ist freilich um einen Grad intrikater , aber doch auch noch lange nicht dazu angetan , mich als Schreckgespenst der Prüderie heraufzubeschwören , wie mein lieber Schleppegrell heute vormittag getan zu haben scheint . Übrigens apropos Prüderie ! Da habe ich gestern in einem französischen Buche gefunden , Prüderie , wenn man nicht mehr jung und schön sei , sei nichts als eine bis nach der Ernte noch stehengebliebene Vogelscheuche . Nicht übel ; die Franzosen verstehen sich auf dergleichen . Was aber , um unser Thema nicht zu vergessen , die Geschichte vom König Christian und seinem Ausgeschlossensein angeht , so wünschte ich wohl , all unsere Königs- und Prinzengeschichten , die jetzt nur das Gegenteil davon kennen , wiesen eine ähnliche Harmlosigkeit auf , ein Wunsch , in dem mir Graf Holk sicherlich zustimmen wird . Sagen Sie , Graf , wie finden Sie die Geschichte ? « » Die Wahrheit zu gestehen , gnädigste Prinzessin , ich finde die Geschichte zu kleinen Stils und überhaupt etwas zu wenig . « » Zu wenig « , wiederholte Ebba . » Da möcht ich doch widersprechen dürfen . Das mit der samstäglichen Lohnauszahlung , das war zu wenig , aber nicht dies . Eine Frau , die griesgrämig und sauertöpfisch dreinsieht , ist nie wenig , und wenn ihre schlechte Laune so weit geht , ihren Eheherrn von ihrer Kammer auszuschließen ( ich bedaure , diesen Punkt berühren zu müssen , aber die Historie verlangt Wahrheit und nicht Verschleierungen ) , so ist das vollends nicht wenig . Ich rufe meine gnädigste Prinzessin zum Zeugen auf und flüchte mich unter ihren Schutz . Aber so sind die Herren von heutzutage ; König Christian läßt das Ereignis in Stein eingraben , als eine merkwürdige Sache , die zu den fernsten Zeiten sprechen soll , und Graf Holk findet es wenig und zu kleinen Stils . « Holk sah sich in die Enge getrieben , und zugleich wahrnehmend , daß die Prinzessin augenscheinlich in der Laune war , auf Ebbas Seite zu treten , fuhr er unsicher hin und her und versicherte , während er abwechselnd einen ernsthaften und dann wieder ironischen Ton anzuschlagen versuchte , daß man in solcher Angelegenheit einen privaten und einen historischen Standpunkt durchaus unterscheiden müsse ; vom privaten Standpunkt aus sei solch » Ausgeschlossensein « etwas tief Betrübliches und beinah Tragisches , ein ausgeschlossener König aber sei ganz unstatthaft , ja dürfe gar nicht vorkommen , und wenn die Geschichte dennoch dergleichen berichte , so begäbe sie sich eben ihrer Hoheit und Würde und gerate in das hinein , was er wohl oder übel » kleinen Stil « genannt habe . » Er zieht sich gut heraus « , sagte die Prinzessin . » Nun , Ebba , führe deine Sache weiter . « » Ja , gnädigste Prinzessin , das will ich auch , und wenn ich es als ein deutsches Fräulein vielleicht nicht könnte , so kann ich es doch als eine reine Skandinavin . « Alles erheiterte sich . » Als eine reine Skandinavin « , wiederholte Ebba , » natürlich mütterlicherseits , was immer das Entscheidende ist ; der Vater bedeutet nie viel . Und nun also unsere These . Ja , was Graf Holk da sagt ... nun ja , von seinem schleswig-holsteinschen Standpunkt aus mag er recht haben mit seiner Vorliebe für das Große . Denn sein Protest gegen den kleinen Stil bedeutet doch natürlich , daß er den großen will . Aber was heißt großer Stil ? Großer Stil heißt soviel wie vorbeigehen an allem , was die Menschen eigentlich interessiert . Christine Munk interessiert uns , und ihre Verstimmung interessiert uns , und was dieser Verstimmung an jenem denkwürdigen Abend folgte , das interessiert uns noch viel mehr ... « » Und am meisten interessiert uns Fräulein Ebba in ihrer übermütigen Laune ... « » Von der ich in diesem Augenblicke vielleicht weniger habe als sonst . Soweit ich ernsthaft sein kann , soweit bin ich es . Jedenfalls aber behaupte ich mit jedem erdenklichen Grade von Ernst und Aufrichtigkeit und will in jeder Mädchenpension darüber abstimmen lassen , daß König Heinrich VIII. mit seinen sechs Frauen alle Konkurrenz großen Stils aus dem Felde schlägt , und nicht wegen der paar Enthauptungen , die finden sich auch anderswo , sondern wegen der intrikaten Kleinigkeiten , die diesen Enthauptungen vorausgingen . Und nach Heinrich VIII. kommt Maria Stuart , und nach ihr kommt Frankreich mit seiner Fülle der Gesichte , von Agnes Sorel an bis auf die Pompadour und Dubarry , und dann kommt Deutschland noch lange nicht . Und als allerletztes kommt Preußen , Preußen mit seinem großen Manko auf diesem Gebiet , mit dem es auch zusammenhängt , daß einige Schriftstellerinnen von Genie dem großen Friedrich ein halbes Dutzend Liebesabenteuer angedichtet haben , alles nur , weil sie ganz richtig fühlten , daß es ohne dergleichen eigentlich nicht geht . « Pentz nickte zustimmend , während Holk den Kopf hin und her wiegte . » Sie drücken Zweifel aus , Graf , vor allem vielleicht einen Zweifel an meiner Überzeugung . Aber es ist , wie ich sage . Großer Stil ! Bah , ich weiß wohl , die Menschen sollen tugendhaft sein , aber sie sind es nicht , und da , wo man sich drin ergibt , sieht es im ganzen genommen besser aus als da , wo man die Moral bloß zur Schau stellt . Leichtes Leben verdirbt die Sitten , aber die Tugendkomödie verdirbt den ganzen Menschen . « Und als sie so sprach , fiel aus einem der die Tafel umstehenden Tannenbäumchen ein Wachsengel nieder , just da , wo Pentz saß . Der nahm ihn auf und sagte : » Ein gefallener Engel ; es geschehen Zeichen und Wunder . Wer es wohl sein mag ? « » Ich nicht « , lachte Ebba . » Nein « , bestätigte Pentz , und der Ton , in dem es geschah , machte , daß sich Ebba verfärbte . Aber ehe sie den Übeltäter dafür abstrafen konnte , ward es hinter der Tannen- und Zypressenwand wie von trippelnden Füßen lebendig . Zugleich wurden Anordnungen laut , wenn auch nur mit leiser Stimme gegeben , und alsbald intonierten Kinderstimmen ein Lied , und ein paar von Schleppegrell zu dieser Weihnachtsvorfeier gedichtete Strophen klangen durch die Halle . » Noch ist Herbst nicht ganz entflohn , Aber als Knecht Ruprecht schon Kommt der Winter hergeschritten , Und alsbald aus Schnees Mitten Klingt des Schlittenglöckleins Ton . Und was jüngst noch , fern und nah , Bunt auf uns herniedersah , Weiß sind Türme , Dächer , Zweige , Und das Jahr geht auf die Neige , Und das schönste Fest ist da . Tag du der Geburt des Herrn , Heute bist du uns noch fern , Aber Tannen , Engel , Fahnen Lassen uns den Tag schon ahnen , Und wir sehen schon den Stern . « Dreiundzwanzigstes Kapitel Die kleine Weihnachtsvorfeier , die mit einem Geplauder am Kamin ( Grundtvig war das Hauptthema gewesen ) abgeschlossen hatte , hatte sich bis Dunkelwerden hingezogen , und die sechste Stunde war schon vorüber ,