Honigmondes uns befanden und uns Einsamkeit gebühre . Und wir waren auch am liebsten allein . Nicht etwa , um , wie die anderen vermutlich glaubten , in Honigmondesart zu schäkern und zu kosen - dazu waren wir doch nicht » neuvermählt « genug ; aber weil wir im gegenseitigen Umgang die meiste Befriedigung fanden . Nach den kürzlich durchgemachten schweren Sorgen konnten wir die naive Munterkeit der Jugendpartei nicht teilen und noch weniger sympathisierten wir mit den Interessen und Unterhaltungen der Würdenspersonen , und so zogen wir es vor - unter dem uns stillschweigend zuerkannten Privilegium eines verliebten Paares - uns ein gutes Stück Abgeschiedenheit zu wahren . Wir unternahmen zusammen lange Spaziergänge , mitunter Ausflüge in die Umgebung , wobei wir den ganzen Tag abwesend blieben ; viele Stunden verbrachten wir zu zweien im Bibliothekzimmer , und abends , wenn die verschiedenen Spielpartien in Angriff genommen wurden , zogen wir uns in unsere Gemächer zurück , wo wir bei Thee und Cigarette unsere vertraulichen Plaudereien wieder aufnahmen . Wir fanden immer unendlich viel uns zu sagen . Am liebsten erzählten wir einander von den Trauer- und Schreckgefühlen , die wir während unserer Trennungszeit empfunden , dies weckte die Freude unseres Wiederfindens immer aufs neue . Wir kamen überein , daß Todesahnungen und dergleichen nichts als Aberglaube seien , denn beide waren wir seit der Stunde unseres Abschiedes von der Voraussicht erfüllt gewesen , daß eins oder das andere sterben müsse - und jetzt hatten wir uns wieder ! Friedrich mußte mir genau alle die Gefahren und Leiden erzählen , die er eben durchgemacht , und die Greuelbilder des Schlachtfeldes und des Lazareths beschreiben , welche er neuerdings in seine schaudernde Seele aufgenommen . Ich liebte den Ton des Unwillens und des Schmerzes , der bei solchen Berichten in seiner Stimme zitterte . Aus der Art , wie er von den Grausamkeiten sprach , deren Zeuge er im Kriegsgetümmel gewesen war , hörte ich die Verheißung der Edelmenschlichkeit heraus , welche berufen ist , erst bei Einzelnen , später bei Vielen , endlich bei - Allen die alte Barbarei zu überwinden . Auch mein Vater und Otto forderten Friedrich häufig auf , Episoden aus dem stattgehabten Feldzuge zum besten zu geben . Freilich geschah dies in ganz anderem Geiste , als wenn ich um eine solche Erzählung bat , und in anderem Geiste war dann auch Friedrichs Vortrag gehalten . Er begnügte sich damit , die taktischen Bewegungen der Truppen , die Ergebnisse der Gefechte , die Namen der genommenen und der verteidigten Ortschaften zu berichten , einzelne Lagerscenen zu beschreiben , Worte zu wiederholen , welche von den Heerführern gesprochen wurden , und was dergleichen Kriegsmiscellen mehr sind . Sein Auditorium war entzückt davon ; mein Vater lauschte mit Genugthuung , Otto mit Bewunderung , die Generäle mit sachverständiger Wichtigkeit . Nur ich konnte an dieser trockenen Erzählungsweise keinen Geschmack finden ; ich wußte , daß dieselbe eine ganze Welt von Gefühlen und Gedanken verschwieg , welche die berichteten Dinge in des Erzählers Seelengrund geweckt hatten . Als ich ihm einst unter vier Augen darüber einen Vorwurf machte , entgegnete er : » Falschheit ? Unaufrichtigkeit ? Mangel an Meinungsmut ? Nein , liebes Kind , Du irrst - bloße Anständigkeit ist es . Erinnerst Du Dich unserer Hochzeitsreise , - unserer Abfahrt von Wien , das erste Alleinsein im Waggon - die Nacht im prager Hotel ? Hast Du die Einzelheiten jener Stunden jemals hier erzählt - und jemals Deinen Freunden und Verwandten die Gefühle und Regungen dieser Rosenzeit geschildert ? « » Nein , gewiß nicht ... von solchen Dingen schweigt wohl jede Frau ... « » Nun siehst Du , es gibt auch Dinge , von welchen jeder Mann zu schweigen pflegt . Ihr dürft von Euren Liebesfreuden nichts berichten ; wir nichts von unseren Kriegsleiden . Ersteres könnte Eure Haupttugend - die Keuschheit - bloßstellen ; letzteres die unsere - den Mut . Die Wonnen der Flitterwochen und die Schrecken des Schlachtfeldes : davon kann doch in gesitteter Gesellschaft kein weibliches Weib , kein männlicher Mann etwas erzählen . Wie ? Du hättest in der Verzückung der Liebe süße Thränen vergossen - wie ? - ich hätte unter dem Hieb der Todessense aufgeschrieen - wie könntest Du Dich zu solcher Sinnlichkeit , wie dürfte ich zu solcher Feigheit mich bekennen ? « » Und hast Du geschrieen - hast Du gezittert , Friedrich ? Mir kannst Du es sagen . Ich verschweige Dir auch die Geheimnisse meiner Liebesfreuden nicht , so magst Du - « » Dir das Todesbangen eingestehen , das uns Soldaten auf der Wahlstatt erfaßt ? Wie wäre es denn anders möglich ? Die Phrase und die Dichtung lügt darüber hinweg - die durch Phrase und Dichtung künstlich angefachte Begeisterung vermag sogar den Naturtrieb der Selbsterhaltung momentan zu überwinden - aber nur momentan ... Bei den Rohen kann auch mitunter Mord- und Zerstörungslust die Angst um das eigene Leben verscheuchen ; bei den Ehrenfesten wird der Stolz vermögen , die äußere Kundgebung dieser Angst zu unterdrücken ... Aber wie viele habe ich stöhnen und wimmern gehört , von den armen jungen Burschen - welche verzweifelnde Blicke , welch todesfurcht-verzerrte Gesichter hab ' ich gesehen - welche wilde Klagen und Flüche und flehendes Bitten vernommen ! « » Und das hat Dir weh gethan , Du mein Guter , Milder ? « » Oft zum Aufschreien weh , Martha . Und doch weniger , als es meiner Mitleidsfähigkeit eigentlich entspräche ... ... Man sollte glauben , wenn man beim Anblick eines vereinzelten Leidens von Mitgefühl ergriffen ist , daß vertausendfachtes Leid auch tausendmal stärkeres Mitgefühl wecken müßte . Aber das Gegenteil tritt ein : die Massenhaftigkeit stumpft ab . Man kann den einen nicht so heftig bedauern , wenn man um ihn herum 999 ebenso Unglückliche sieht . Aber wenn man auch die Fähigkeit nicht hat , über einen gewissen Grad von Mitschmerz hinaus zu fühlen - zu denken und zu berechnen vermag man es doch , daß die unfaßbare Jammerquantität vorhanden ist - « » Das vermagst Du und ein paar andere - doch die meisten denken und berechnen nicht . « » Denken nicht . « wiederholte er . » Gott sei ' s geklagt , das ist an allen Übeln schuld : die meisten denken nicht . « - - Es war mir gelungen , Friedrich zu dem Entschlusse zu bewegen , den Dienst zu verlassen . Der Umstand , daß er - nach seiner Verheiratung - noch über ein Jahr gedient und mit Auszeichnung einen Feldzug mitgemacht , schützte ihn vor dem , meinem Vater in der Brautzeit aufgestiegenen Verdacht , daß die ganze Heirat nur den Zweck hatte , seine Laufbahn aufgeben zu können . Jetzt , wenn der Friede , dessen Präliminarien im Gange waren , geschlossen sein würde , und da voraussichtlich lange Jahre des Friedens bevorstanden - - jetzt hatte ein Austritt aus dem Militärverband nichts Ehrverletzendes an sich . Zwar widerstrebte es noch einigermaßen Friedrichs Stolz , auf Stellung und Einkommen zu verzichten , um , wie er sagte , » nichts zu thun , nichts zu sein und nichts zu haben « ; aber seine Liebe zu mir war doch ein mächtigeres Gefühl , als sein Stolz , und er konnte meinen Bitten nicht widerstehen . Ich erklärte , ein zweites Mal könne ich die Seelenangst nicht durchmachen , die mir die letzte Trennung verursacht - und er mochte wohl selber solchen Schmerz nicht wieder auf uns Beide herabbeschwören . Das Zartgefühl , welches vor seiner Verheiratung mit mir ihn vor der Idee zurückschrecken ließ , von dem Vermögen der reichen Frau zu leben , das war jetzt nicht mehr im Spiele , denn wir waren so sehr eins geworden , daß zwischen » mein « und » dein « kein fühlbarer Unterschied mehr waltete , und verstanden einander so gut , daß er eine Mißbeurteilung seines Charakters von meiner Seite nicht mehr befürchten durfte . Der letzte Feldzug hatte zudem seine Abneigung gegen die Mordpflichten des Krieges noch so sehr vergrößert und das rückhaltlose Aussprechen dieser Abneigung hatte dieselbe so gefestigt , daß ihm das Quittieren nicht nur als eine unserem häuslichen Glücke gemachte Konzession , sondern zugleich als eine Bethätigung seiner Gesinnung , als einen Überzeugungstribut erscheinen ließ , und so versprach er mir , im kommenden Herbste - bis dahin mußten die Friedensverhandlungen doch beendet sein - seinen Abschied zu nehmen . Wir planten , mit meinem , gegenwärtig im Bankhause Schmitt & amp ; Söhne liegenden Vermögen ein Gut zu kaufen , an dessen Bewirtschaftung Friedrich Beschäftigung finden würde . Damit sollte der erste Teil seiner Sorge » nichts zu thun , nichts zu sein und nichts zu haben « , schon beseitigt werden . Für das Sein und Haben würde auch Abhilfe geschaffen : » Sein : k. k. Oberst a. D. und ein glücklicher Mensch - ist das nicht genug ? « fragte ich Und haben : Du hast uns - mich und Rudi und - - die Kommenden ... ist das nicht auch genug ? « Er schloß mich lachend in die Arme . Meinem Vater und den Anderen wollten wir von unseren Plänen vorläufig noch nichts mitteilen . Jedenfalls würden jene Einwände erheben , Ratschläge erteilen , Rügen aussprechen - und das war jetzt noch überflüssig . Später würden wir uns über derlei hinauszusetzen wissen ; denn wenn sich zwei alles in allem sind , prallt jede fremde Meinung wirkungslos von ihnen ab . Diese gewonnene Sicherheit für die Zukunft erhöhte noch den Genuß der Gegenwart , welche sich ohnehin von der Folie der durchgemachten schweren Vergangenheit so vorteilhaft abhob ... ich kann es nur wiederholen : es war eine schöne Zeit . Mein Sohn Rudolf , nunmehr ein siebenjähriger kleiner Mann , fing jetzt an lesen und schreiben zu lernen , und seine Lehrerin - war ich . Ich hätte keiner » Bonne « die Freude gegönnt - was ihr übrigens vermutlich gar keine gewesen wäre - diese kleine Seele langsam sich entfalten zu sehen und derselben die ersten Überraschungen des Wissens beizubringen . Oftmals war der Kleine unser Begleiter auf unseren Spaziergängen und wir wurden nicht müde , die Fragen , welche seine erwachende Wißbegier an uns stellte , zu beantworten . Zu beantworten so gut und so weit wir konnten . Auf Lügen ließen wir uns nicht ein . Wir scheuten uns nicht , solche Fragen , auf die wir keinen Bescheid wußten - auf die kein Mensch Bescheid weiß - mit einem aufrichtigen » das weiß man nicht , Rudi « zu beantworten . Anfänglich geschah es , daß Rudolf , mit solcher Antwort nicht zufrieden , seine Frage nochmals bei Tante Marie , bei seinem Großvater oder bei - der Kinderfrau vorbrachte , und da wurden ihm stets unzweifelhafte Aufschlüsse zu teil . Triumphierend kam er dann zu uns : » Ihr wißt nicht , wie alt der Mond ist ? Ich weiß es jetzt : sechs tausend Jahre - merkt euch das . « Friedrich und ich wechselten einen stummen Blick . Ein ganzes Buch voll pädagogischer Klagen und Bedenken lag in diesem Blick und diesem Schweigen . Besonders unliebsam war mir die Soldatenspielerei , welche sowohl mein Vater wie mein Bruder mit dem Kleinen trieben . Die Begriffe von » Feind « und von » Dreinhauen « wurden ihm beigebracht , ich weiß gar nicht wie . Eines Tages kamen wir dazu , Friedrich und ich , wie Rudolf mit einer Reitgerte unbarmherzig auf zwei wimmernde junge Hunde einhieb . » Das ist ein falscher Italiener , « sagte er , auf das eine der armen Tierchen ausholend , » und das « - auf das andere - » ein frecher Däne « . Friedrich riß dem Nationenzüchter die Gerte aus der Hand : » Und das ist ein herzloser Österreicher , « sagte er , indem er ein paar tüchtige Schläge auf Rudolfs Schultern fallen ließ . Italiener und Däne liefen vergnügt davon , und das Wimmern wurde jetzt von unserem kleinen Landsmann besorgt . » Bist Du mir böse , Martha , daß ich Deinen Sohn geschlagen ? Ich bin sonst wahrlich nicht für die Prügelstrafe eingenommen , aber Grausamkeit gegen Tiere kann mich entrüsten - « » Du hast recht gethan , « unterbrach ich . » Also nur gegen Menschen ... darf man ... grausam sein ? « fragte der Kleine mitten in seinem Schluchzen . » Auch nicht - noch weniger - « » Du hast doch selber auf Italiener und Dänen gehaut ? « » Das waren Feinde - « » Die also darf man hassen ? « » Und heute oder morgen « - wandte sich Friedrich leise an mich - » wird ihm der Pfarrer sagen , daß man seine Feinde lieben solle - o Logik ! « Dann laut zu Rudolf : » Nicht , weil wir sie hassen , dürfen wir unsere Feinde schlagen , sondern weil sie uns schlagen wollen . « » Und warum wollen sie uns schlagen ? « » Weil wir sie - nein , nein , « unterbrach er sich , » aus diesem Cirkel find ' ich keinen Ausweg . Geh spielen , Rudi - wir verzeihen Dir - aber thu ' s nicht wieder . « Vetter Konrad machte , wie mir schien , einige Fortschritte in Lillis Gnade . Es geht doch nichts über Ausdauer . Ich hätte diese Verbindung sehr gern gesehen , und beobachtete mit Vergnügen , wie die Blicke meiner Schwester froh aufleuchteten , wenn von weitem der Hufschlag von Konrads Pferde sich vernehmen ließ , und wie sie seufzte , wenn er wieder davonritt . Er machte ihr nicht mehr den Hof , das heißt er sprach nichts von seiner Liebe , brachte seine Werbung nicht von neuem vor - dennoch war sein Benehmen eine regelrechte Belagerung . » Wie es verschiedene Arten gibt , eine Festung zu nehmen , « so erklärte er mir eines Tages , » durch Sturm , - durch Hunger - so gibt es auch mehrfache Mittel , ein Frauenherz zur Kapitulation zu bringen . Darunter eins der wirksamsten : die Gewohnheit - die Rührung ... Es muß sie doch rühren , daß ich so beharrlich liebe , dabei so beharrlich schweige und immer wiederkomme . Wenn ich ausbliebe , risse das eine gewaltige Lücke in ihre Existenz ; und wenn ich noch eine Zeit lang so fortfahre , so wird sie ohne mich es gar nicht mehr aushalten . « » Und wieviel mal sieben Jahre gedenkst Du so um Deine Erkorene zu dienen ? « » Das habe ich nicht berechnet ... so lange , bis sie mich nimmt . « » Ich bewundere Dich . Gibt es denn gar keine anderen Mädchen auf der Welt ? « » Für mich nicht . Ich habe mir die Lilli in den Kopf gesetzt . Sie hat ein gewisses Etwas um die Mundwinkel , im Gang , in der Art zu sprechen , das mir keine Andere ersetzen kann ... Du , Martha , bist zum Beispiel zehnmal hübscher und hundertmal gescheiter - « » Danke - « » Aber ich wollte Dich nicht zur Frau . « » Danke . « » Eben weil Du zu gescheit bist - Du würdest mich so gewiß von oben herab ansehen . Mein Kreuzchen am Kragen , mein Säbel , die Sporen imponieren Dir nicht . Lilli hat doch Respekt vor einem streitbaren Mann - ich weiß , sie betet das Militär an , während Du - « » Ich habe doch zweimal Militärs geheiratet , « erwiderte ich lächelnd . Während der Mahlzeiten , an dem oberen Ende der Tafel , wo mein Vater und seine alten Freunde den Ton angaben und wo auch ich und Friedrich saßen - die Jugend war am anderen Ende und unterhielt sich untereinander - wurde zumeist » politisiert « ; das war so der alten Herren Lieblingsgesprächsstoff . Die schwebenden Friedensverhandlungen boten genügenden Anlaß zu dieser Weisheitsentfaltung ; denn daß politische Erörterungen die gediegenste und ernster Männer würdigste Unterhaltung sei , das steht bei den meisten Leuten fest . Aus Galanterie und in freundlicher Rücksicht auf meine weibliche Verstandesschwäche , sagte wohl mitunter einer der Generäle : » Diese Dinge können unsere junge Baronin Martha kaum interessieren - wir sollten darüber nur sprechen , wenn wir unter uns sind , nicht wahr , schönes Frauchen ? « Aber dagegen verwahrte ich mich und bat ernstlich , das Gespräch fortzusetzen . Ich nahm an den Vorgängen in der militärischen und diplomatischen Welt wirklichen und gespannten Anteil . Nicht vom selben Standpunkt , wie diese Herren ; doch war mir daran gelegen , die » dänische Frage « , deren Ursprung und Verlauf ich anläßlich des Krieges so aufmerksam studiert hatte , bis zu ihrem endgültigen Abschluß zu verfolgen . Jetzt , nach diesen Kämpfen und Siegen , hätte es wohl entschieden sein sollen , was mit den fraglichen Herzogtümern zu geschehen habe - aber immer noch schwebten die Fragen und die Zweifel . Der Augustenburger - der famose Augustenburger , wegen dessen altbegründeten Rechten der ganze Streit entbrannt war - war er denn jetzt eingesetzt ? Durchaus nicht . Sogar ein ganz neuer Prätendent erschien auf dem Plan . Mit Glücksburg und Gottorp und wie alle die Linien und Nebenlinien hießen , deren Namen ich mir mühsam angeeignet hatte , war ' s noch nicht genug . Jetzt trat Rußland auf und schob dem Augustenburger einen - Oldenburger vor . Das Resultat des Krieges aber war bisher , daß weder einem Glücks- , noch Augusten- , noch Olden- , noch sonst einem-burger die Herzogtümer gehören sollten , sondern den verbündeten Siegern . Folgendes , so erfuhr ich , waren die Artikel der eben im Gang befindlichen Friedensunterhandlungen : 1 ) » Dänemark tritt die Herzogtümer an Österreich und Preußen ab . « Damit war ich zufrieden . Die Verbündeten würden sich nun natürlich beeilen , das nicht für sich , sondern für einen anderen eroberte Land diesem anderen zu übergeben . 2 ) » Die Grenze wird genau reguliert . « Das wäre auch ganz hübsch ; wenn nur diese Regulierungen ein bischen mehr Verharrungskraft hätten ; aber es ist ja erbärmlich , welche ewige Verschiebungen solche blaue und grüne Striche auf den Landkarten unaufhörlich zu erleiden haben . 3 ) » Die Staatsschulden werden nach dem Maß der Bevölkerung verteilt . « Das verstand ich nicht . Bis zu volkswirtschaftlichen und finanziellen Fragen hatte ich mich in meinen Studien nicht aufgeschwungen ; ich nahm an der Politik nur sofern Anteil , als sie auf Krieg und Frieden Bezug hatte , denn dies war mir - als Mensch und Gattin - Herzensfrage . 4 ) » Die Kriegskosten tragen die Herzogtümer . « Das was mir wieder einigermaßen klar . Das Land war verwüstet worden , die Saaten zertreten , dessen Söhne getötet : einiger Ersatz gebührte ihm doch - nun denn : es durfte die Kriegskosten tragen . » Und was gibt es heute Neues mit Schleswig-Holstein ? « fragte ich selber , wenn das Gespräch noch nicht auf das politische Gebiet gelenkt worden war . » Das neueste ist , « berichtete am 13. August mein Vater , » daß Herr von Beust an den Bundestag die Frage gestellt hat , mit welchem Rechte die Verbündeten sich die Herzogtümer von einem Könige abtreten ließen , den der Bund gar nicht als rechtmäßigen Besitzer anerkannt hatte . « » Das ist eigentlich ein ganz vernünftiger Einwand , « bemerkte ich ; » denn es hieß ja doch , der Protokoll-Prinz sei nicht der legitime Herr der deutschen Lande , und nun laßt Ihr Euch feierlich von Christian IX. - « » Das verstehst Du nicht , Kind « - unterbrach mein Vater . » Eine Frechheit , eine Chicane ist es von diesem Herrn von Beust , weiter nichts . Die Herzogtümer gehören ohnehin schon uns , da wir sie erobert haben . « » Aber doch nicht für Euch erobert ? - es hieß : für den Augustenburger . « » Das verstehst Du wieder nicht . Die Gründe , welche vor Ausbruch eines Krieges von den Kabinetten als Veranlassung desselben angegeben werden , die treten in den Hintergrund , sobald die Schlachten einmal geschlagen worden . Da bringen die Siege und Niederlagen ganz neue Kombinationen hervor ; dann vermindern und vermehren und bilden sich die Reiche in vorher ungeahnten Verhältnissen . « » Also sind die Gründe eigentlich keine Gründe , sondern Vorwände gewesen ? « fragte ich . » Vorwände ? nein « - kam einer der Generäle meinem Vater zu Hilfe . - » Anlässe vielmehr , Anstöße zu den Ereignissen , welche sich dann selbständig nach Maßstab der Erfolge gestalten . « » Hätte ich zu sprechen , « sagte mein Vater , » so würde ich nach Düppel und Alsen wahrlich zu keinen Friedensverhandlungen mich hergegeben haben - ganz Dänemark hätte man erobern können . « » Und was damit ? « » Dem deutschen Bunde einverleiben . « » Du bist doch sonst nur spezifisch österreichischer Patriot , lieber Vater - was liegt Dir an der Vergrößerung Deutschlands ? « » Hast Du vergessen , daß die Habsburger deutsche Kaiser waren und es wieder werden könnten ? « » Das würde Dich freuen ? « » Welchen Österreicher sollte dies nicht mit Freude und Stolz erfüllen ? « » Wie aber , « meinte Friedrich , » wenn die andere deutsche Großmacht gleiche Träume nährte ? « Mein Vater lachte laut auf : » Die Krone des heiligen römisch-deutschen Reiches auf dem Haupte eines protestantischen Königleins ? Bist Du bei Trost ? « » Wenn jetzt nur nicht , « bemerkte Doktor Bresser , » zwischen den beiden Mächten über das Objekt , für welches sie vereint gefochten haben , ein Streit entsteht . Die Elbprovinzen erobern - das war eine Kleinigkeit - aber was nun damit anfangen ? Das kann noch zu allerlei Verwickelungen Anlaß geben . Jeder Krieg - was immer dessen Ausgang sei - enthält unweigerlich den Keim eines folgenden Krieges in sich . Ganz natürlich : ein Gewaltakt verletzt immer irgend ein Recht . Dieses erhebt über kurz oder lang seine Ansprüche und der neue Konflikt bricht aus - wird dann von neuem durch unrechtsschwangere Gewalt zum Austrag gebracht - und so ins Unendliche . « Einige Tage später gab es wieder eine Neuigkeit . König Wilhelm von Preußen stattete unserem Kaiser in Schönbrunn einen Besuch ab . Äußerst herzlicher Empfang , Umarmung . Aufgehißte preußische Adler . Von allen Militärkapellen vorgetragene preußische Volkshymne . Jubelnde Hochrufe . Mir waren diese Berichte wohlthuend , denn durch sie wurde die schlimme Prophezeiung Doktor Bressers zu Schanden gemacht , daß die beiden Mächte über das gemeinschaftlich befreite Ländchen miteinander in Streit geraten würden . Dieser beruhigten Zuversicht gaben auch allenthalben die Zeitungen Ausdruck . Mein Vater freute sich gleichfalls über die freundschaftlichen Kundgebungen in Schönbrunn . Aber nicht vom friedlichen , sondern vom kriegerischen Standpunkte aus . » Ich bin froh , « sagte er , » daß wir nun einen neuen Alliierten haben . Mit Preußen im Bunde , werden wir - ebenso leicht , wie wir die Elbherzogtümer erobert haben - uns die Lombardei zurückholen können . « » Das wird Napoleon III. nicht zugeben , und mit dem wird sich der Preuße auch nicht brouillieren wollen , « meinte einer der Generäle . » Es ist ohnehin ein schlechtes Zeichen , daß Benedetti , Österreichs ärgster Feind , jetzt Gesandter in Berlin ist . « » Aber sagt mir doch , Ihr Herren , rief ich , die Hände faltend , warum schließen denn nicht die sämtlichen gesitteten Mächte Europas einen Bund ? das wäre doch das einfachste . « ... Die Herren zuckten die Achseln , lächelten überlegen und gaben mir keine Antwort . Ich hatte offenbar wieder eine jener Dummheiten ausgesprochen , wie sie » die Damen « zu sagen pflegen , wenn sie sich in das ihnen unzugängliche Gebiet der höheren Politik wagen . Der Herbst war gekommen . Am 30. Oktober wurde zu Wien der Friede unterzeichnet und somit war der Zeitpunkt da , wo mein Lieblingswunsch - Friedrichs Quittierung - erfüllt werden sollte . Aber der Mensch denkt und die Umstände lenken . Es traf ein Ereignis ein - ein schwerer Schlag für mich - das unsere so froh gehegten Pläne scheitern machte . Einfach dies : das Haus Schmitt & amp ; Söhne brach zusammen und mein gesamtes Privatvermögen war hin . Auch eine Folge des Krieges , dieses Fallissement . Nicht nur die Mauern , auf welche sie gezielt sind , schießen die Kartätschen und Bomben zusammen - : durch diese Erschütterung fallen auch in weitem Umkreis Bankhäuser und Kreditgebäude in Trümmer ... Ich war darum nicht - wie so manche andere - an den Bettelstab gebracht ; denn mein Vater würde es mir an nichts fehlen lassen . Aber mit dem Quittierungsplane war es jetzt vorbei . Wir waren keine unabhängigen Leute mehr ; jetzt war Friedrichs Gehalt unsere einzige selbständige Hilfsquelle . Wenn mir mein Vater auch eine genügende Zulage gewähren würde - unter solchen Umständen war es ausgeschlossen , daß Friedrich den Dienst verlasse . Ich selber konnte es ihm nicht zumuten : welche Rolle hätte er da meinem Vater gegenüber gespielt ? Es war nichts zu machen - wir mußten uns fügen . » Bestimmung « hätte Tante Marie gesagt . Von der Kränkung , die ich über diesen bedeutenden pekuniären Verlust empfand - es handelte sich um mehrere Hunderttausend - weiß ich nicht viel zu berichten . Es finden sich nämlich in meinem Tagebuch keine weitläufigen Eintragungen darüber , und auch mein Gedächtnis - das seither so viel tiefer schmerzende Eindrücke aufgenommen hat - weist von diesen Vorfällen keine sehr lebhaften Spuren mehr auf . Ich weiß nur , daß mir hauptsächlich um das schöne Luftschloß leid war , welches wir uns da gebaut hatten : Quittierung , Gutsankauf , unabhängige , von der sogenannten » Welt « abgeschiedene Existenz ; im übrigen traf mich der Verlust nicht gar so schwer . Denn , wie gesagt : mein Vater würde mir bei seinen Lebzeiten nichts abgehen lassen und hernach mir ein genügendes Erbe hinterlassen ; auch meinem Sohn Rudolf stand in Zukunft sicherer Reichtum bevor . Eins tröstete mich : es war ja nicht der mindeste Krieg in Sicht ; man konnte gut auf zehn bis zwanzig Friedensjahre hoffen . - Bis dahin ! ... Schleswig-Holstein und Lauenburg waren im Vertrag vom 30. Oktober endgültig an Preußen und Österreich zu freier Verfügung abgetreten . Diese beiden , nunmehr die besten Freunde , würden sich dieses Erfolges freuen , die hieraus erwachsenden Vorteile brüderlich teilen und keinen Grund finden , zu streiten . Nirgends - am ganzen politischen Horizont - der berüchtigte » schwarze Punkt « . Die Scharte der in Italien erlittenen Niederlage war durch den in Schleswig-Holstein geholten Waffenruhm genügend ausgewetzt , es lag also auch für den militärischen Ehrgeiz keine Veranlassung mehr vor , neue Feldzüge heraufzubeschwören . In dieser Hinsicht also war ich beruhigt . Daß der Krieg vor so kurzer Zeit gewesen , faßte ich als Bürgschaft auf , daß derselbe sich nicht so bald wiederholen würde . Auf Regen folgt Sonnenschein und im Sonnenschein vergißt man den Regen . Auch nach Erdbeben und Vulkanausbrüchen bauen die Menschen auf der Schuttstätte wieder neue Wohnungen auf und denken nicht an die Gefahr , daß die überstandene Katastrophe sich wiederhole . Ein Hauptbestandteil unserer Lebensenergie scheint in der Vergeßlichkeit zu liegen . Wir nahmen Winterquartier in Wien . Friedrich hatte nunmehr Beschäftigung im Kriegsministerium , eine Thätigkeit , die er dem Kasernendienst jedenfalls vorzog . Dieses Jahr waren meine Schwestern mit Tante Marie den Fasching über nach Prag gezogen . Daß Konrads Regiment gegenwärtig in der böhmischen Hauptstadt lag , war doch nur eine Zufälligkeit ? Oder sollte dieser Umstand einigermaßen auf die Wahl des Winteraufenthaltes Einfluß gehabt haben ? Als ich letztere Vermutung meiner Schwester Lilli gegenüber fallen ließ , errötete sie tief und antwortete achselzuckend : » Du weißt doch , daß ich ihn nicht mag . « Mein Vater bezog seine alte Wohnung in der Herrengasse . Er trug uns an , wir möchten uns bei ihm niederlassen , da er genügend Raum dazu hätte ; wir zogen es aber vor , allein zu leben , und mieteten am Franz-Joseph-Quai ein kleines Mezzanin . Meines Mannes Gehalt und das mir von meinem Vater ausgestellte Monatsgeld genügten für unseren bescheidenen Haushalt reichlich . Auf abonnierte Logen , Hofbälle - überhaupt auf » in die Welt gehen « mußte freilich verzichtet werden . Aber wie leicht verzichteten wir da ! Es war uns sogar angenehm , daß meine pekuniären Verluste dieses Zurückziehen rechtfertigten - denn wir liebten die Zurückgezogenheit . Einem kleinen Kreise von Verwandten und Freunden blieb unser Haus immerhin offen . Besonders meine Jugendfreundin Lori Griesbach besuchte uns oft , öfter beinahe , als mir lieb war . Ihre Gespräche , die mir schon früher stark oberflächlich erschienen waren , fand ich jetzt gar ermüdend schal , und ihr Interessenhorizont , dessen Enge ich immer erkannt hatte , machte mir den Eindruck , jetzt noch zusammengeschrumpfter zu sein . Aber hübsch war sie und lebhaft und kokett . Ich begriff , daß sie in der Gesellschaft so manchen den Kopf verdrehte - und es hieß , daß sie sich nicht ungern den Hof machen ließ . Was mir nicht ganz angenehm war , war die Wahrnehmung , daß ihr Friedrich sehr wohl gefiel und daß sie manche Blickpfeile auf ihn abschoß , welche offenbar die Bestimmung hatten , in seinem Herzen sitzen zu bleiben . Loris Mann , eine Zierde des Jockeyclubs , des Rennplatzes und der Theatercoulissen , war bekanntermaßen so wenig treu , daß