» und was wir jetzt gesprochen haben , muß weltbekannt werden - und zu der Erklärung , die hier abgegeben worden ist , muß das Gesetz seinen Segen geben - « Er hielt inne , ein erlösender Gedanke war in seinem Geiste aufgestiegen : » Das Gesetz gibt ihn nicht ! ... Vor dem Gesetz ist das in der Ehe geborene Kind rechtmäßig und sein Erbe unantastbar . « Gräfin Agathe fuhr auf : » Sein Erbe ? ... das Gesetz ? ... Es gibt ein Gesetz , welches das Kind der Sünde beschirmt , wenn es die Hand ausstreckt nach fremdem Gut ? « » Ohne Sorge ! « fiel Wolfsberg ein . Er war blaß geworden , Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn . » Das Kind wird Dor-nachisches Eigentum nie berühren , es wird erzogen werden , wie es ihm zukommt , und einst , mündig geworden , seine Verzichtleistung unterschreiben mit dem Bewußtsein , es vollziehe eine leere Förmlichkeit . Dafür steh ich . « » Und ich « , sprach Maria , und Wilhelm rief ganz außer sich : » Und du ! ... So gibst du deinen Namen der Lästerung preis . Hast du das auch bedacht ? « Sie hatte ein trostloses Lächeln : » Guter Wilhelm , du wirst doch mich nicht schonen wollen - eine Schuldige , die mehr als überwiesen , die geständig ist ... Ich habe jahrelang Liebe und Ehrfurcht erduldet mit dem Bewußtsein meines Unwerts - - das war schwerer ... « » Worte , leere Worte « , versetzte starr , unerbittlich die Gräfin . » Wenn es dem Ewigen gefallen hätte , meinen Sohn zu erhalten , würdest du weitergelebt haben in Lüge und Trug . « » Nicht mehr lange « , sprach Maria mit sanftem , eindringlichem Beteuern , » glaube mir . Der kleinste dem - - dem unrechtmäßigen Kinde gewährte Anspruch hätte mir die Zunge gelöst , und dann wäre ich vor Hermann gestanden , wie ich jetzt vor seiner Mutter stehe , und hätte gefragt - « ihre Stimme wurde fast unhörbar : » Darf ich dir Lebewohl sagen ? « Eine ablehnende Gebärde war die Antwort der Gräfin , Wilhelm aber ging auf Maria zu und sagte vorwurfsvoll : » Lebewohl ? Du willst uns verlassen ; was fällt dir ein ? - Wir lieben dich - meiner Helmi bist du wie eine Tochter - bleibe bei uns , zieh zu uns in unser schlichtes Haus - bleibe bei uns ! « Er klopfte auf seine Brust . » Du hast einen Freund , der dich verehrt und noch mit seinem letzten Hauche wiederholen wird : Wo die gesündigt hat , da wäre ein Engel gefallen . « Maria drückte dankbar seine Hand . » Wir sehen uns wieder « , brachte sie mühsam hervor , » in Wolfsberg , wo mein Vater mich und das Kind aufnehmen wird . Nicht wahr , Vater ? « » Ich komme nicht mehr nach Wolfsberg « , erwiderte er rauh . In dieser Stunde verleugnete sich seine Liebe zu ihr . » Maria ! « rief Wilhelm , » wir werden jeden Tag segnen , den du uns schenkst . Bleibe bei uns ! « » Es kann nicht sein - du wirst das einsehen « , sagte sie . Ihre Wangen hatten sich langsam gefärbt und glühten nun fieberhaft . Zum zweiten Male wandte sie sich an ihren Vater : » Nimm uns dennoch auf ! « Er zuckte mit den Achseln und antwortete : » Was bleibt mir anderes übrig ? « 20 Das Stammschloß Wolfsberg war ein schwerfälliges steinernes Bauwerk mit düsteren Bogenhallen , feuchten Gängen , klafterdicken Mauern . Der Graf hatte es einst mit großem Aufwand bewohnbar machen und einen Teil davon in altertümlichem Stile einrichten lassen , während der andere allen Anforderungen entsprechen sollte , die heutzutage an den Landaufenthalt reicher und gastfreier Leute gestellt werden . Später , nach dem Tode seiner Frau , bereute er die romantische Laune , die ihn verleitet hatte , seinen Wohnsitz in einer unwirtlichen Gegend zu nehmen , in der Nachbarschaft einer Dorfbevölkerung , der alle Laster der Armut anhafteten . Er ließ Dolph und Maria monatelang allein ; seine Besuche wurden immer kürzer , und nach der Verheiratung seiner Tochter kam er überhaupt nicht mehr nach Wolfsberg . Das Schloß erhob sich auf einem stumpfen Hügel , der noch zu Anfang des Jahrhunderts dicht bewaldet gewesen war . Ein geldbedürftiger Vorfahr hatte die Bäume fällen und den Grund nicht mehr aufforsten lassen . Wasserrisse bildeten sich , die fruchtbare Erde wurde von Regengüssen fortgeschwemmt und der tonige Sandstein , der nun zutage kam , allmählich von einer kümmerlichen Vegetation bedeckt . Hie und da ragte der schiefe und narbige Stamm einer Föhre mit graugrünen Nadelbüscheln an den dürren Zweigen aus dem Gestein hervor , und wo ein Quellchen rieselte , gab es üppig wuchernde Moose . Wurzeltriebe der uralten Steineichen , die oben vor dem Pförtnerhause standen , schmückten sich mit Blättern . Kampanellen und Eriken wuchsen aus dem Schutt . Daß die Wasseräderchen nicht ganz versiegten , dankte man dem Baumreichtum des Schloßgartens . Hinter seiner weitläufigen , vieleckigen Einfassungsmauer , die sich stellenweise bis zur halben Höhe des Hügels zog , breiteten sich herrliche Wiesen , und sogar von Blumen und von Gewächshäusern , in denen sie überwinterten , erzählte man im Dorfe . Ein Verkehr zwischen diesem und dem Schlosse bestand nicht . Unfrieden herrschte zwischen beiden , seitdem die Gemeinde die ersten Wohltaten , die der Graf ihr erwiesen , mit Undank gelohnt hatte . Was sich an Nörgeleien erdenken läßt , das tat man einander an . Dem Grafen , in dessen Sinne die Gutsverwaltung sich dem Volke gegenüber benahm , weihte es seinen vollsten Haß , während das Andenken der verstorbenen Herrin in Ehren gehalten wurde . Ein Gemisch von Wahrheit und von böswilliger Erfindung hatte sich als Tradition in der Gegend erhalten . Niemand bezweifelte , daß die Gräfin den Mißhandlungen erlegen war , die sie von ihrem Gatten erdulden mußte , und jetzt wandelte sie als Gespenst durch die Gänge , schlich an seine Tür und lauschte . Eines Nachts hatte er ihr geisterhaftes Auge gesehen , wie es durchs Schlüsselloch spähte . Nun verfolgte ihn dieses Auge und starrte ihm entgegen aus jedem Winkel des Hauses . Kein Wunder , daß er es nicht aushielt in Wolfsberg ; kein Wunder , daß seine frechen Diener sich nach und nach gebärdeten als Herren im fremden Eigentum . Das Telegramm des Grafen , welches das Eintreffen Marias zu längerem Aufenthalte ankündigte , entthronte mit einem Schlage ein halbes Dutzend Usurpatoren und entfesselte einen Sturm von unwilligen Fragen : » Was hat sie hier zu suchen ? Warum bleibt sie nicht dort , wohin sie gehört ? « Keinem willkommen , kehrte Maria mit Erich und ihrem kleinen Gefolge in die Heimat zurück . Die windbrüchige Akazienallee , die zum Schlosse führte ; das Muttergottes-Kapellchen daneben am Fuße der Anhöhe , von vier Winterlinden umgeben ; den weiten Ausblick , den man im Steigen über die Felder und Hutweiden gewann , bis zu dem Steinbruche , und tief im Hintergrunde den dunkeln Nadelwald - das alles hatte sie geliebt . - Und wie kahl , welch ein Ausbund von Traurigkeit erschien es ihr jetzt ! » Wo sind denn die Wiesen , wo sind denn die Berge ? « rief Erich , als er am Morgen nach der Ankunft aus dem Fenster blickte . Er ging mit Lisette in das Dorf und kehrte ganz entrüstet zurück . » Sie sind hier sehr unartig « , erzählte er , » sie geben keine Antwort , wenn man sagt : Guten Morgen , und ein Bub hat mir « , er senkte die Stimme und flüsterte seiner Mutter ins Ohr : » die Zunge herausgestreckt . « » Sie kennen dich noch nicht « , erwiderte sie ihm ; » warte nur , bald werden sie so freundlich mit dir sein wie die Kinder in Dornach . « Aber diese Prophezeiung erfüllte sich nicht . Im Gegenteil ; als der Grund der Entfernung Marias aus Dornach bekannt wurde , ließen es auch die Erwachsenen , besonders die Weiber , an Gehässigkeiten gegen das Kind nicht fehlen . Ein Schimpfwort wurde ihm zugerufen , sooft er sich zeigte , nach dessen Bedeutung er zu Hause vergeblich fragte , und als er mit seiner Mutter davon sprach , traten Tränen in ihre Augen . Sie hatte gemeint , nach dem Scheiden von Dornach könne ihr nichts mehr weh tun , und nun gab es doch noch Stacheln , die vermochten , ihr ins Herz zu dringen . Als sie nach Geringschätzung gedürstet , hatte sie nicht bedacht , daß ihr schuldloses Kind sich mit ihr darein werde teilen müssen . Sie begann zu werben um die Gunst der Elenden und Mitleidlosen . Sie brachte Hilfe und ließ sich nicht abschrecken durch das Mißtrauen und durch den kaum verhehlten Hohn , mit dem ihre Gaben aufgenommen wurden . Wenn Erich über die Bauernkinder klagte , wies sie ihn ab : » Sie können nicht dafür , bedauere sie ; niemand sagt ihnen : seid gut . « » Wär auch schad drum , mit denen müßt man eine andere Sprache reden ! « fiel Lisette zornschnaubend ein . - Sie hätte so gern jede Beleidigung , die Maria oder das Kind erfuhren , mit Feuer und Schwert gerächt . - Ihres Respekts vor dem Grafen Wolfsberg entledigte sie sich nach und nach vollständig und äußerte ungescheut , wie es sie empöre , daß er nicht kommt , sich seiner Tochter anzunehmen und » dem schlechten Beamten- und übrigen Volk den Standpunkt klarzumachen - mit der Hundspeitsche ! « schrie sie und schlug auf den Tisch . Es war ihr unfaßbar , daß die flehentlichen Bitten Wilhelms und seiner Frau , Maria besuchen zu dürfen , von ihr unerhört blieben , und sie wurde nicht müde , ihren Unwillen darüber kundzutun . » Glaube mir « , erhielt sie endlich zur Antwort , » es würde mich verwöhnen , mich weich machen . « Maria preßte die flachen Hände an ihr Gesicht , dann hob sie den Kopf in ihrer alten stolzen Weise . » Ich aber muß standhaft bleiben . « Sie bewahrte einen unerschütterlichen Gleichmut ; sie schien blind und taub , wenn sie herausfordernden Mienen begegnete , wenn sich bei ihrem Anblick ein beleidigendes Zischeln erhob . Eines Tages im Spätherbste führte ihr Weg sie zu einer einzeln stehenden Hütte , deren uralte Bewohnerin von aller Not befreit war seit der Anwesenheit der Gräfin in Wolfsberg . Gekrümmt wie ein Bogen saß sie auf der Bank an ihrer Tür und lud Maria ein , neben ihr Platz zu nehmen . Sie begann damit , sich zu beklagen , daß die Kleidungsstücke , die sie aus dem Schloß erhalten hatte , nicht ganz nach ihrem Geschmack ausgefallen waren , sagte aber zuletzt doch einige Worte des Dankes . Auf ihren Stock gestützt , blickte sie zu Maria hinauf , die , von Abscheu ergriffen vor der affenartigen Häßlichkeit der Alten , unwillkürlich die Augen schloß . » Ja , was Sie jetzt anders geworden sind , daß Sie sich um uns kümmern « , sprach die Greisin ; » wie Sie noch zu Haus waren , ist Ihnen so was nicht eingfallen ... « Sie lächelte schadenfroh . » Na , wir werden Ihnen schon losbeten , meine Tochter und ich ; den anderen können Sie schenken , soviel Sie wollen , die beten doch nicht für Sie ... die schimpfen nur ... Was die aber selber tun , das sollen Sie von mir hören , hochgräfliche Gnaden , damit , wenn sich einer getraut , Ihnen etwas ins Gesicht zu sagen , Sie ihm ' s tüchtig zurückgeben können . « Sie erzählte . Sie lieferte die Geheimnisse der Bewohner ihres Dorfes aus . Es war eine haarsträubende Sittengeschichte , und die alte Sibylle erfand nicht . Ihre Enthüllungen trugen das Gepräge der Wahrheit , einer Wahrheit freilich , die Schritt hielt mit den dunkelsten und ausschweifendsten Phantasiegebilden . Maria unterbrach das Weib im schönsten Fluß ihrer Rede und erhob sich . - Welche Greuel , dachte sie ; nein , so hättet ihr nicht werden müssen , ihr Bejammernswerten ! Ihr hättet nicht in diesen Sumpf zu geraten brauchen , in dem ihr jetzt versinkt . Nur wenige Einsichtige und Barmherzige unter denen , die durch Jahrhunderte unumschränkt über euch geherrscht , und sie würden euch zur Erkenntnis des Guten geführt haben . Sie besaßen die Macht , warum nicht auch die Gerechtigkeit , die Uneigennützigkeit , das liebreiche Herz ? Als ein Kind ihres Stammes fühlte Maria sich mitschuldig an dem himmelschreienden Versäumnis und war doch die letzte , die Ersatz dafür zu leisten vermochte . Sie konnte schenken - raten , belehren , bessernd einwirken konnte sie , die Bemakelte , nicht . Um die Menschen zu ihrem wahren Heile zu führen , bedarf es einer reinen Hand . Sie eilte hinweg wie gejagt und durchwachte die Nacht ruhelos und fiebernd . In dem großen , kapellenartig gewölbten Schlafgemach , das sie mit Erich bewohnte , hingen zwei Meisterwerke Benczurs , die Bilder Hermanns und seines Sohnes . Gräfin Agathe hatte sie für ihre Schwiegertochter malen lassen , und sie waren das erste gewesen , das Wilhelm seiner verehrten Base nachzuschicken befahl aus Dornach . Die geliebten Gestalten schienen lebendig aus ihren Rahmen zu treten ; ihre treuen , freundlichen Augen die Augen Marias zu suchen und ihr zu folgen , wohin sie sich wandte . Sie sank an ihrem Bette zusammen ; ihre ganze Seele flammte auf in der verzehrenden , ewig empfundenen , ewig vergeblichen Sehnsucht all der Unglücklichen , die ihr Liebstes überleben : Einmal nur noch deine Stimme hören , einen Kuß auf deine Lippen drücken , nur einmal noch . Oh , dieses immer geforderte , nie erlangte , nie verschmerzte eine letzte Mal ! Alles still im Haus und auch draußen alles still . Ausnahmsweise hatte der Sturm seine Flügel gefaltet und sein wildes Lied verstummen lassen . An dem Geiste Marias zogen die stillen Tage ihres ersten , noch unbewußten Glückes vorbei . Sie versenkte sich in die Erinnerung an jede im Verkehr mit ihrem Gatten , ihrem Freunde , verlebte Stunde . Er hatte sein bei der Verlobung gegebenes Wort treulich gehalten , was sie für ihn tat , immer als Gnade angesehen , was er für sie tun durfte , als sein bestes Glück . Und seine Art und Weise gegen sie war nur der höchste Grad dessen , was er allen Menschen zuteil werden ließ . Sie erhob ihre Augen und ihre Hände zu seinem Bilde und tat einen stummen Schwur : Die Welt soll dich nicht ganz verloren haben , deine Güte , deine Langmut sollen fortleben ; ich will dienen um das Recht , sie auszuüben in deinem Sinn ; ich will mir das Vertrauen der Leidenden und Irrenden verdienen . In diesem Jahre kam der Winter besonders früh und streng mit seinen kurzen Tagen , seinem dämmerigen Lichte , mit Eis und Schnee . Wochenlang von dem Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten , suchte Maria , wenn ein Postpaket endlich ins Schloß befördert werden konnte , immer zuerst nach Briefen von ihrem Vater - und nicht selten umsonst . Fürstin Alma , Carla und Betty schrieben voll Zärtlichkeit ; Wilhelms wiederolten immer inniger ihre stehende Bitte , sprachen immer wärmer ihre Sehnsucht nach einem Wiedersehen aus . Tante Dolph sandte unpassend schneidige Berichte über das Treiben in der Gesellschaft , während Wolfsbergs Briefe so unpersönlich als möglich nur Fernliegendes berührten . Am Abend , wenn Sturm und Frost Maria im Hause ge-fangenhielten , setzte sie sich ans Klavier und spielte , und sehr oft kam Erich , rückte einen Sessel herbei , stieg hinauf und hörte unendlich aufmerksam zu . Das Kind schien eine Ahnung zu haben von der Schönheit der Phantasien , die unter den Fingern seiner Mutter hervorquollen . Sein dunkler , leuchtender Blick ruhte mit ehrfurchtsvollem Staunen auf ihr und senkte sich fast scheu , wenn sie zu ihm hinsah . Einmal plötzlich hielt sie inne , nahm ihn auf ihren Schoß und drückte ihn an sich . Er streichelte und küßte ihre Wangen , wollte sprechen , würgte aber die Frage , die ihm schon auf den Lippen schwebte , wieder hinunter . » Was hast du ? Was willst du ? « sprach Maria . » Ich möcht so gern ... so gern möcht ich ... « er stockte wieder und fuhr nach einer Weile zögernd fort : » Ich weiß , Mutter , wie man nach Dornach geht . Vom Schlafzimmer sieht man den Weg , Lisette hat mir ihn gezeigt ... Sie hat gesagt , das arme Dornach ist ganz verlassen und wird noch lang verlassen bleiben . Ist es weit nach Dornach , liebe Mutter ? « Sie nickte schweigend : » Ja . « » Ich möcht aber doch nach Dornach « , begann er wieder , entschlossener werdend . » Hermann wird mir von den Löwen erzählen . Dornach ist nicht so weit wie die Löwen . « » Doch ! « rief sie mit schneidendem Schmerzensklang . » Dornach ist weiter als alles , ist unerreichbar ! « Am folgenden Morgen , da Lisette beim Eintreten in das Zimmer der Gebieterin ausrief : » Wie blaß du bist , wie übel du aussiehst ! « mußte Maria eingestehen , daß sie sich müde und unwohl fühlte . Lisette bemerkte nur : » Es muß arg sein , wenn du ' s selber sagst « , aber sie setzte etwas ins Werk , was sie schon seit längerer Zeit geplant hatte , und vertraute im Laufe des Tages dem Stubenmädchen , daß sie heute » einen Coup « ausgeführt , einen ausgezeichneten » Coup « . Die Kränkung Marias über das Wegbleiben des Grafen , die wenigstens sollte ein Ende nehmen . Lisette wußte recht gut , was sie zu tun hatte , um ihn ins Bockshorn zu jagen . In der Stunde , in der Maria ihr schweres Geständnis abgelegt , hatte ihrem Vater ein schreckliches Bild von dessen möglichen Folgen vorgeschwebt . Der Name seiner Tochter der Schmach preisgegeben , nie wieder genannt , ohne die Erinnerung an einen Skandal zu wecken ... Und er mit hineingerissen in die Schande , seine glänzende Stellung vernichtet . Aber siehe ! als er sich anschickte , die große Welt als ein Ausgestoßener zu fliehen , kam sie ihm entgegen , huldvoller denn je . Seltsamerweise hatte Maria die öffentliche Meinung gewonnen durch die heroische Geringschätzung , die sie ihr bewies . Die große Welt verzieh , statt zu verdammen , sie tat ein übriges - sie bewunderte . Tonangebende Damen erklärten , Gräfin Dornach werde stets in ihrem Hause willkommen sein . » Was der Teufel , willkommen ! « rief Betty Wonsheim aus , » kniend würde ich sie auf meiner Schwelle empfangen . « Und wie stimmte Carla ihr bei ! und welches unaussprechliche Mitleid erfüllte die Seele Fürstin Almas und wagte nicht , sich laut zu äußern , aus Furcht vor dem Schein einer begreiflichen Sympathie mit der Schuldigen und mit der Schuld . Fee , die sich einen famosen Reisewagen hatte bauen lassen - Gott weiß , wo , Gott weiß , wann man ihn brauchen wird ! - , konnte es nicht erwarten , ihn zu probieren . Eine Fahrt über Land , mit eigenen Pferden , mit vielmaligem Einkehren und wunderbarem Schlußeffekt : plötzlichem Sturz in die Arme ihrer überraschten , ihrer liebsten , ihrer angebetenen Freundin - das wäre etwas gewesen , recht nach dem Herzen der kleinen Fee . Die strengsten Richter fand Maria in ihrer Familie . » Bei mir hat sie abgewirtschaftet « , sagte Gräfin Dolph geradeheraus zu Fräulein Nullinger . Die Gesellschafterin erwiderte nicht ohne geistlichen Hochmut : » Darüber wird sie sich trösten - im Himmel , der die große Büßerin erwartet . « » Was Sie sagen - der Himmel ? ... Kann sein übrigens . Es gibt ja einen für die Einfältigen . Sie hat eine Dummheit gemacht , um einen Fehler zu reparieren ; das mag dort Anerkennung finden . « Das Fräulein spielte alle Farben von Dunkelrot bis zu Violett : » Mein ganzes Innere ist empört ... « » Gegen mich ? « fragte Gräfin Dolph mit souveränem Lächeln . » Oh , wie grausam ! - nein , ich bitte Sie , kein Wort mehr , haben Sie Erbarmen , ich weiß ja , daß meine Empfindungen nur Hunde sind gegen die Ihrigen . « So scharf ihr eigenes Urteil über Maria war , die Härte ihres Bruders suchte sie zu mildern , weil er darunter litt . » Was nimmst du ihr im Grunde übel ? « sagte sie einmal - » daß dein Blut und das Blut ihrer Mutter in ihren Adern rinnt . Nun , Verehrtester , ich kann den Gebrauch , den sie davon gemacht , nicht unbescheiden finden . Sie hat geheiratet , überlege nur , mit der Neigung zu Tessin im Herzen , sie hat - ich kenne sie - jeden Gedanken an ihn von sich gewiesen . Aber die abgewiesenen Erinnerungen und Gefühle , das ist bei Leuten eueres Schlages wie zurückgeschobener Sand oder Schnee ; es häuft , es häuft sich , es wird ein Berg und stürzt euch bei der ersten Gelegenheit über dem Kopf zusammen . « » Diese Frau « , murmelte Wolfsberg , » und - dieser Mann ! « Gräfin Dolph verzog den Mund mit unbeschreiblichem Spotte : » Soll ich alte Jungfer dir sagen , daß die Krone der Liebe nicht wie die von Mazedonien dem Würdigsten bestimmt ist ? - Das wäre eine langweilige Welt , in der nur Tugendhelden Eroberungen machen würden . Ich bitte dich , hör auf dich zu quälen . Ewig zürnen kannst du nicht , und einen Groll , den man endlich doch fahren lassen muß , soll man je eher je lieber aufgeben . « Die Zeit verfloß , die ersten Frühlingstage kamen , der Verkehr zwischen Vater und Tochter beschränkte sich immer noch auf einen spärlichen Briefwechsel . Da erschien eines Vormittags Gräfin Dolph im Arbeitszimmer ihres Bruders . Ihr linkes Auge war zusammengezogen und zwinkerte trüb und matt . Sie hatte ihre März-Rheumatismen , die ganz besonders bösen , in der Stadt herumkutschiert und kam von einem Abschiedsbesuch bei Wonsheims . Es ging nicht gut in dem Hause . Auf den dringenden Rat ihrer Ärzte verreisten die zwei Ehepaare für längere Zeit . Clemens brauchte Zerstreuung um jeden Preis . Der Arme war seit dem entsetzlichen Unglück , das er verschuldet , als er sinn- und gedankenlos den Ehrgeiz eines Kindes zum unseligsten Wagnis aufgestachelt , in ernster Gefahr , gemütskrank zu werden . » Er denkt natürlich nicht daran , Maria vor Augen zu treten , die beiden Frauen aber möchten unbeschreiblich gern Abschied von ihr nehmen . Geht das , was meinst du ? « fragte die Gräfin . » Ich weiß nicht « , gab er zur Antwort . » Sie ist etwas unwohl . « » Wer ? « » Nun , Maria . « » Hat sie geschrieben ? « » Nicht sie . Lisette , der alte Angstwurm , hat hinter ihrem Rücken einen Brief an Doktor Hofer ergehen lassen , und der ist sofort nach Wolfsberg abgereist . « Der Graf saß an seinem Schreibtisch , hielt eine Feder in der Hand und tippte heftig mit der Spitze auf ein bereits ausgefertigtes Schriftstück : » Was das für Übertreibungen sind ! « » Er hat sich nicht lange aufgehalten , war heute schon bei mir und voll Ingrimm über die schlechten Verkehrsmittel bei uns zulande . « Sie rückte näher an den Kamin , in dem ein Holzfeuer brannte . » Drei Patienten haben mit dem Sterben auf ihn gewartet ; sobald sie expediert sind , kommt er zu dir . « » Er hätte gleich kommen sollen « , versetzte Wolfsberg ungeduldig . » Warum bin ich der letzte , der von alledem etwas erfährt ? « » Damit du dir nicht unnötige Sorge machst ... ganz unnötige ! Es ist nichts von Bedeutung . « Die Hälfte von dem , was der Arzt ihr gesagt , hatte sie vergessen , vergessen wollen , und von der anderen Hälfte verschwieg sie ihrem Bruder das meiste . Ihre Schmerzen waren fast unleidlich geworden . » Leb jetzt wohl « , sprach sie , » ich muß anticipando ausruhen , habe Gesellschaft heute abend , die ganze Menagerie , wie Madame de - de , wie hieß sie nur ? sage , nun , die im 18. Jahrhundert , als Paris noch an der Spitze der Kultur stand und das Kaffeehaus Europas war - die ... ich hab vergessen , wie sie hieß , mein Gedächtnis geht flöten . Auch eines der vielen Anzeichen des hereinbrechenden Greisentums . - Ja , mein Lieber , halte dich an die Nachkommen , die Zeitgenossen sterben einem weg . Du kannst über Nacht ein Bruder ohne Schwester sein . « Sie fand für gut , das zu sagen , wäre jedoch sehr erstaunt gewesen , wenn man ihr geglaubt hätte . Als sie fort war , fuhr Wolfsberg ins Ministerium , präsidierte einer Sitzung , empfing Besuche - alles wie immer . Und dabei hatte er unaufhörlich die Empfindung eines Zusammenpressens der Kehle . Gegen Abend kam er heim , begann rastlos auf und ab zu wandern in seinem Zimmer und horchte jedem Glockenzeichen . Eine schwere , alt machende Stunde verschlich . Da endlich wurde die Tür vor dem Herrn Professor aufgerissen . Er war ein Mann in den Fünfzigen , kräftig und untersetzt , mit ansehnlicher Glatze , aber noch dunklen Haaren . Der treuherzige Ausdruck seines schönen , glattrasierten Gesichtes , sein gerades Wesen gewannen ihm auf den ersten Blick ein Vertrauen , das er durchs Leben hindurch zu rechtfertigen wußte . Der Graf ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hände : » Lieber Herr Professor , Sie Getreuer - Sie waren dort - ich danke Ihnen . « » Nix z ' danken « , erwiderte Hofer trocken - er bediente sich manchmal durchaus ernsthaft des Wiener Dialekts - und seine kleinen braunen Augen fest auf Wolfsberg richtend , fuhr er fort : » War meine verdammte Schuldigkeit , mich nach ihr umzusehen , wäre - mit Verlaub - auch die Ihre , Herr Graf . Sie und ich , wir kennen sie gleich lang , und wir könnten es wissen , daß die Frau einige Aufmerksamkeit verdient . « Wolfsberg wischte sich die Stirn . » Es hat sich viel verändert , Freund . - Zur Sache ! Wie geht es ihr ? « Er lehnte mit dem Rücken am Fenster , der Arzt stand vor ihm . » Merkwürdige Frage « , sagte er . » Nein , daß auch für Sie die alte Regel paßt : Willst du Genaues erfahren über deine Allernächsten , so frage nur bei fremden Leuten an . Hm , hm ! - Hat zuviel ausgestanden , die Frau . Wissen Sie was , Herr Graf ? Hören Sie jetzt auf zu schmollen , es könnte Sie sonst reuen « , er klopfte ihm auf den Arm . » Doktor , Herr Professor ... mich reuen ... Sie sehen zu schwarz ... Ihr einziger Fehler . « » Ich sehe , was Sie sehen werden . Reisen Sie morgen , machen S ' a bisserl an Ordnung auf Ihrem Rittergschloß , bleiben Sie aber nicht lang und kommen Sie dann nicht zu bald wieder hin . Auch Ihre Besuche würden die Kranke ... « » Die Kranke ? « » ... aufregen , und jede , selbst die geringste Gemütsbewegung kann von den schlimmsten Folgen für sie sein . Es ist ja ganz gut , sie so hinduseln zu lassen und zu beschränken auf den Umgang mit ihrem Kind . Wenn sie recht haushält mit ihren Kräften , wird es vielleicht möglich werden , sie im Herbst nach dem Süden zu bringen . Aber « , er erhob drohend den Zeigefinger , » das Bewußtsein muß sie haben , daß ihr niemand etwas nachträgt . Ihr gebührt Bewunderung . Wer die Frau kränkt , begeht eine Todsünde . Das sage ich Ihnen . « Eine halbe Stunde später kündigte der Graf seiner Schwester an , daß er mit dem Nachtzuge nach Wolfsberg abreise , und ließ packen . Das Essen , das ihm in seinem Zimmer serviert wurde , blieb unberührt . Er schickte einige Zeilen an seine Behörde und warf die Antwort ungelesen auf den Tisch . In seinem Sessel zurückgelehnt , starrte er vor sich hin . Da , auf dieser Stelle hatte sie gekniet , den Kopf an seinem Herzen ... Plötzlich , unwillkürlich falteten sich seine Hände . Der Mann , dem der Glaube nur als ein Kappzaum galt für die Menge und als unentbehrlicher Trost für die Enterbten dieser Erde , betete zu dem Gott der Liebe und des Erbarmens , dessen er in Jahren nicht gedacht . Erhalte sie mir , schrie er zu ihm empor . Das war alles , was er zu sagen wußte in seiner Pein - Anfang und Ende seiner Beredsamkeit : Allmächtiger , erhalte sie mir ! Am nächsten Tage traf er in Wolfsberg vor dem Telegramm ein , das ihn ankündigen sollte . Die Überraschung der Dienerschaft , das Geschrei Lisettens , die eben in den Hof trat , als er hereinfuhr , belehrten ihn darüber . » Der Herr Graf