und ein Ziel ... Und ... nun ja ! - aber wirklich , meine Liebe - laß das jetzt - ja ? Wir sehen und sprechen ... und ... küssen uns ja nun alle Tage ... und da werden wir wohl gelegentlich schon ' mal eine Stunde finden , wo wir so einfältig und nüchtern und ... und so kalt und trocken sind , daß wir auch einige unvermeidliche praktische Fragen erledigen können . Komm , mein Lieb - gieb mir jetzt lieber noch einen recht herzigen Kuß - ! « Hedwig trat einen Schritt zurück und wehrte sanft ab . » Das ist es nicht , Adam , was ich meine - das nicht . Wir müssen tiefer gehen . Ich weiß : Du fühlst den Zwiespalt ebenso gut , wie ich ... und willst ihn Dir wohl jetzt nur nicht eingestehen . Du weißt ebenso gut , wie ich , was uns trennt ... was uns immer trennen wird . Deine jähe Leidenschaftlichkeit hat mich besiegt - ich habe Dir nachgegeben . Es war ja auch nicht so schwer , mich zu besiegen . Denn ich habe Dich nicht minder liebgewonnen , Adam . Zuerst - ja ! - da hast Du mich abgestoßen ... Du hast doch öfter mein Feingefühl sehr beleidigt . Trotzdem habe ich mich seit jenem Abend bei Quöck stärker und tiefer für Dich interessiren müssen . Ich ahnte zuerst ... und nachher wurde es mir immer klarer , daß wir manches Gemeinsame besäßen . Eine unglückliche Natur bist Du ... wie ich es bin . Ich kann Dir in Vielem sehr gut und sehr fein nachfühlen , Adam . Ich verstehe Dich vielleicht besser , als Du Dich selbst verstehst - jedenfalls ebenso gut . Nur hätte ich tapferer Dir gegenüber sein sollen . Ich hätte Dich um jeden Preis abweisen müssen , Dein Werben und Betheuern nur für das nehmen sollen , was es in Wirklichkeit allein ist : ein Produkt Deiner Stimmung , die morgen wieder eine ganz andere sein kann - ja ! - sicher eine ganz andere ist , als sie es heute gewesen . Nein ! Bitte , lieber Adam ! unterbrich mich jetzt nicht - laß mich einmal ausreden . Aber ich habe doch nicht widerstehen können . Das Jahrelang verleugnete . Weib in mir konnte sich nicht länger verleugnen . Ich fühlte noch zu heftige Jugendbedürfnisse in mir ... und fühle sie noch . Du kannst jetzt mit mir machen , was Du willst , Adam . Ich sage Dir das ganz offen . Und nicht etwa , um Dich um Schonung zu bitten . Mein Schicksal liegt in Deiner Hand . Ach ! Das unnatürlich Niedergezwungene sprengt ja mit einem Rucke seine Ketten , wenn man sie ihm nur ein Wenig lockert . Alle philosophischen Erziehungsversuche meines Vaters sind vergeblich gewesen . Das Blut meiner Mutter - das sagt Alles . Ich bin nicht zu dem Frieden gekommen , den mir mein Vater gegeben zu haben glaubt . Ich verbarg und versteckte die letzten Funken meiner Jugend vor ihm - die letzten Funken , die Du angefacht hast , Adam . Es war ja nicht schwer , sie vor dem alten Manne zu verheimlichen . Er lebt ja nur in seiner Welt - und unsere engen , kargen , farblosen Verhältnisse brachten es mit sich , daß ich äußerlich ruhig und ernst und zufrieden erscheinen konnte . Und doch - und doch - Adam - trotz alledem habe ich das Gefühl , daß ich zu welk und zu alt bin für Dich . Laß die letzten Flammen erstorben sein - und ich falle ganz zusammen . Das traurige , eintönige Leben , das ich seit Jahren habe führen müssen und das ... wenigstens anfangs ... dem innersten Grundzuge meiner Natur ganz entgegengesetzt war - mit der Zeit paßt man sich eben mehr und mehr an - dieses Leben konnte nicht ohne abtödtende Einflüsse auf mich bleiben . Ich bin nur ein Schatten noch von dem , was ich einst war . Ich gehe durch die Welt ... durch die reale Welt der Sinne wie im Traume ... Wie eine Nachtwandlerin ... ich habe kaum Fühlung mit dem , was die Zeit bewegt . Nur ein dunkles Ahnen ... ein gewisser Instinkt sagt mir noch Manches . Ich bin vielleicht keine verlorene Seele , aber sicher eine verlegene ... eine verwelkende und verkümmernde . Das ist Alles , Alles so traurig - so unsäglich traurig . Nun ich mich an Dir messen kann , fühle ich meine Kraftlosigkeit doppelt . Aber auch Du , Adam - auch Du bist nicht gesund - ich meine : bist nicht so , wie die Anderen - wie die Mehrzahl - die Masse . Robustes und Dickhäutiges - nein ! das hast Du gar nicht . Du bist viel zu sein und zart organisirt , um Dich in dieser rauhen Zeit so behaupten zu können , wie Du es wohl verdientest . Wenn Du wirken ... noch wirken willst - wenn Du noch mit Deinen Kräften für jene Ideale eintreten willst , die Du vorhin erwähntest , muß Dir die Sonne scheinen ... mußt Du in die volle , warme Mittagssonne gehen . Bei mir findest Du nur Schatten . Wir beide zusammen - wir empfänden die Schwere und Reizbarkeit unserer Naturen nur doppelt scharf - wir wären nur doppelt unglücklich . An einer endlosen Kette unerträglichen Elends würden wir zu schleppen haben . Mit mir kannst Du Deine Kräfte nicht flüssig machen . Ich stehe dem Leben zu skeptisch gegenüber , obwohl ich es fast gar nicht kenne . Meine Zweifel würden auf Dich fallen ... würden Dich hemmen , wenn Du einmal Deine eigenen glücklich vergessen hättest . Um für Deine Ideale eintreten zu können , mußt Du mit neuen Illusionen rechnen dürfen . Das ist mir sehr klar . Und um Dir diese Illusionen zu schaffen , bedarfst Du der Fülle , des Glanzes , des Reichthums , der Dich aller kleinlichen Alltagssorgen überhebt und Dir die gröbsten Reibungen des Lebens beseitigt . Wenn Du nicht in den Besitz von Gold , von Mitteln kommst , gehst Du unter . Ohne diese stärkste Waffe im Leben verblutest Du vor der Zeit . Nun sieh : wir beide - Du und ich - und ich mittellos , wie Du - wir beide mit unseren müden Herzen und müden Sinnen ... mit unseren feineren , aristokratischen , differenzirten Naturen - wir sollten uns nun ordinär wie zwei gewöhnliche Arbeiter ums tägliche Brot abplagen , damit wir überhaupt nur leben könnten ? Es ist zu viel Schatten um mich , Adam - zu viel . Gar keine Sonne - gar keine . Der Kampf würde uns aufreiben ... würde uns mit seinen Faustschlägen und Nadelstichen zu Tode martern . Und dann : ich kann meinen armen , hülflosen Vater auch nicht verlassen . Ich bin gebunden . Verkehren - ja ! vielleicht können wir in Zukunft öfter ... und intimer mit einander verkehren - und es ergiebt sich vielleicht auch manches Gute aus diesem zeitweiligen Verkehr . Und das Letzte , Adam - der letzte und schwerste und triftigste - wenigstens vor der Welt triftigste Grund , warum ich Dir nicht angehören kann : ich bin nicht die mehr , für die Du mich wohl bisher gehalten hast - ich habe - o Gott ! - ich habe auch schon eine - Vergangenheit ... « Adam hatte die Auseinandersetzung Hedwigs schweigend angehört . Er hatte sie einige Male unterbrechen wollen , auf ihre Bitten aber immer wieder an sich gehalten . Ja ! Gewiß ! Sie hatte in Vielem ... wohl schließlich in Allem Recht - er mußte ihr beistimmen , wenn er ehrlich gegen sie und gegen sich selber sein wollte . Nur - nur mit der Erwähnung ihrer » Vergangenheit « - was hatte sie denn damit sagen wollen ? Ihre Schlußworte hatten ihn doch frappirt . Eh bien - eine » Vergangenheit « - eine » Vergangenheit « hat schließlich Jeder ... und es ist immerhin besser , eine hinter sich , als eine vor sich zu haben ... Aber ... aber es ist doch ... doch immerhin mißlich für einen Mann , wenn eine Frau , mit welcher er verkehrt - und die er ... die er also liebt - wenn eine solche Frau eine » Vergangenheit « hat . Das kann unter Umständen sehr weh thun . Aber es ist eigentlich zu dumm ... zu dumm ... Sitzen denn diese verfluchten Vorurtheile so fest - sind sie so eingewurzelt - so die ganze Natur durchtränkend und überklettend vererbt ? Entsetzlich ist dieser Zwang des Gewesenen - und lächerlich - über alle Begriffe lächerlich dazu ! Und doch - - und doch - - ach ! Wer hat schon gegen das » ewig Gestrige , « das allem Geborenen eingeimpft wird , mit Erfolg gekämpft - ? Adam athmete schwer . Er wollte einen leichten , lustigen , burschikosen Ton anschlagen , aber es gelang ihm nicht . » Eine Vergangenheit - ? « fragte er ebenso leise , wie Hedwig ihre letzten Worte geflüstert hatte . » Ja ! - « » Aber zum Teufel - « nun brach der Grimm über seine altehrwürdige Auffassung bei Adam doch durch - » aber zum Teufel , mein Lieb , - was geht mich denn Deine sogenannte Vergangenheit an ? Oder glaubst Du etwa , ich hätte keine Vergangenheit ? Da irrtest Du Dich doch gewaltig- « » Du bist auch ein Mann , Adam - aber ich - « » Ach so ? Na ! das ist wieder einmal die bewußte alte , aber Gott sei ' s geklagt ! ewig neue Geschichte ! Dir ist verwehrt , was mir erlaubt ist ? - Hm ! das kann vielleicht eine Formel aus dem Guten Tone - oder ein lobesamer Passus in dem Moralexercitium eines philosophasternden Theologen sein - aber vernünftig ist dieser ekelhafte Gemeinplatz - diese abgedroschene Trivialität beileibe nicht - und zwei Menschen wie Du und ich sollten sich am Allerwenigsten von dieser capitalen Dummheit irre machen lassen . Habe ich nicht Recht - ? « » Vielleicht , Adam - aber - - « » Aber ? Ihr Weiber seid doch Alle über einen Leisten ! Und meine Hedwig ist um kein Haar klüger ... denkt um kein Haar freier , als die ganze andere Gesellschaft ! Nur so weiter , mein Lieb ! Da wirst Du schon ganz vernünftig werden mit der Zeit - paß ' mal auf - « » Adam ! - « » Nun ja ! . Oder hätte ich Unrecht ? Ich wüßte nicht ... Wenn das am grünen Holz geschieht - - « » Adam ! ... « » Pardon ! Grünes Holz - - ich werde unangenehm - ich werde boshaft - verzeih , mein Lieb ! Aber im Unrecht bist Du doch . Ich hätte ... wahrhaftig ! ich hätte Lust , Dir ' mal einige pikante Geständnisse zu machen - weißt Du : pikant hinsichtlich - - - « » Nein ! - Nein , Adam ! - « » Nicht ? Aber warum denn nicht ? Nun erst recht ! ... Ich sehe : man muß auch Dich noch erziehen , Hedwig - Dein Vater - - « » Ich ertrage es nicht , Adam - sei still ! . bitte ! ... Ja ? ... « » Nun - wenn Du absolut willst - - aber sage mir nur - - « » Ich habe Dich so unendlich lieb , Adam - und - und - - « » Nun - und ? Und , Hedwig - ? « » Wenn - wenn - - ach , Adam - laß mich doch ! ... laß mich ! - « » Ich verstehe Dich nicht - « » Nun denn : Wenn Deine Vergangenheit in die - Gegenwart eingriffe - - Adam ! - ich ertrüge es nicht ! . Nein ! ich ertrüge es nicht . Ich bin nur ein Weib - nur ein Weib , was Dich - - « » Aha ! . Daher weht der Wind ? Verzeih ' , daß ich brutal bin , mein Kind ! . Da scheint doch eine Radicalcur sehr nothwendig zu sein - also - « » Adam ! - « » Nun ? . « » Du liebst mich nicht ! - « » Sei ohne Sorge , Hedwig ! Ich habe immer schöne Formen ... und ... und eigenartige Charaktere ... und ... und seltsame Schicksale geliebt - immer , Hedwig ! - « » Du bist furchtbar , Adam ! - « » Furchtbar ? Warum ? - « » Du bist jetzt so ganz anders , als vorher - « » Oder Du ... aber - « Adam unterbrach sich und wandte sich ab . Er legte sich weit über die Fensterbrüstung , sah auf die stille Straße hinab - nur ein welliges Wipfelrauschen summte von den Linden , die da unten standen , herauf - und blickte empor zum Himmel . Im Nordosten hatten sich die Wolken zu schwarzen , gewaltigen Polstern zusammengeknäuelt . Die Luft war fast noch heißer und schwüler geworden . Adam athmete tief auf . Ein Reichthum verhalten brennender Gefühle stand in seiner Seele . Er hätte so gern , an harmloseren Fäden seiner Vergangenheit angeknüpft . Die Gegenwart zerschnürte ihn fast mit ihren Unklarheiten , mit ihren verschwommen , zerrissen aufgurgelnden Geräuschen . Nein ! Nein ! Das drängte sich Alles zu dicht an ihn heran ! Er sah sich um . Er sah diesen engen , frugalen Raum , der eng und frugal blieb , ob ihn auch das gedämpfte Licht der Lampe anheimelnder stimmte - - er sah dieses Weib an seiner Seite - dieses schluchzende Weib , das ihn mit seiner thörichten Liebe quälte - - es war unerträglich ! Ein Gedanke befiel ihn . » Hedwig ! - « Und nun noch einmal , aber in leiserem , ernsterem , bittendem Tone : » Hedwig ! - « Die Angerufene richtete langsam den Kopf in die Höhe . » Ich will Dir einen Vorschlag machen . Es ist so heiß und so eng hier . Komm ! Laß uns noch ein Wenig hinausgehen ! Draußen ... draußen wird uns freier werden - ich ersticke hier fast ... und wir haben wohl noch so Manches miteinander zu reden , mein Lieb ! ... Komm ! Ja - ? « » Aber , Adam - ! « Hedwig wischte sich mit ihrem Taschentuche die Thränen aus den Augen und trocknete sich die Stirn . Nun nestelte sie mit den Händen an ihrem Haar herum und sah Adam erschrocken an . » Nun ja ! ... Erscheint Dir mein Vorschlag so ungeheuerlich ? Mein Gott ! Es ist doch weiter nichts dabei ! Wir gehen nachher noch in ' n Café - ich muß noch andere Menschen sehen ... muß auf andere Gedanken kommen - ' n bissel fremdes Leben um mich spüren - ' n Glas Absynth trinken - ' ne gute Cigarre rauchen - - und ich dächte : auch Dir thäte eine Abwechslung wohl ... Also komm ! Ja - ? « » Um diese Stunde , Adam - ! « » Es ist eben erst Zwölf . Und dann - - ich weiß nicht - Du bist doch in meiner Gesellschaft ! Da kann Dir doch weiter Nichts passiren ... In ein Nachtcafé zu gehen - nun ja ! es mag für eine Dame , wie für Dich , liebe Hedwig , vielleicht nicht gerade , wie man sagt : anständig sein - aber ich sollte doch meinen : diese dummen Philisterflausen hätten für Dich weiter keine Geltung ! Ich würde es wenigstens sehr bedauern , wenn Du noch in All ' und Jedem mit den verbohrten Anschauungen der alten Generation rechnetest . Also bitte - ! « » Ich kann doch meinen Vater nicht allein lassen - - « » Der wird jedenfalls schlafen - und wenn er irgend welcher Hülfe bedarf - er kann ja das Mädchen rufen - « » Aber was würde Papa sagen - « » Immer neue Bedenken ! Ihr Weiber habt das Talent , am allererbärmlichsten Sandkorn festzurennen , wenn es Euch gerade ' mal in den Kram paßt ! Bist Du denn um gar nichts anders , als die Andern , Hedwig - ? « » Nein , Adam - « » Nicht ? Das ist allerdings sehr schlimm - ! « » Ich meine - Du mißverstehst mich - « » Na ! Wohl kaum - « » Und wie lange - wie lange würden wir bleiben - ? « » Gott ! Das läßt sich doch wahrhaftig auf die Secunde nicht bestimmen vorher - « Hedwig war unschlüssig . Adams Vorschlag reizte sie immerhin . Diese schwüle Atmosphäre lag auch auf ihr schwer und drückend genug . Die starke seelische Aufregung ... der brennende , stechende Sinnlichkeitsaffekt , welcher sie vorhin durchkrampft , hatte sie müde , abgespannt gemacht , wie zerschlagen , zerfasert , zerrupft . Zu Bett gehen konnte sie in dieser fiebernden Stimmung kaum . Sie athmete langgezogen auf . Aber ihr Vater - und weiter : wenn es zufällig Jemand von den Hausgenossen bemerkte , daß sie so spät noch wegginge - mit einem fremden Herrn - und dann womöglich erst mitten in der Nacht nach Hause käme - nein ! nein ! - es war doch nicht möglich - » Nun ? Also - ? « » Adam ! Bitte - laß mich hier ! Thue es mir zur Liebe - ja ? Ich wollte ja gern - aber es geht wirklich nicht ! Ich riskire zu viel - « » So ? Du riskirst zu viel ? Hm ! Und das sagt ein Weib , das eine ... das eine - Ver - na ! ich hätte beinah ' was gesagt - verzeih ' meine Derbheit , Hedwig ! Aber mir liegt eben viel daran - sehr viel sogar , daß ich noch eine kleine Weile mit Dir zusammen sein darf , mein Lieb ! Wir haben uns eben erst gefunden - und sollen nun schon wieder auseinandergehen ! Das ist doch hart - nicht wahr - ? sehr hart ! Laß Dich doch endlich erweichen , Kind ! Soll ich Dich fußfällig bitten ? Mein Stolz verböte es mir eigentlich - doch - wenn Du es durchaus willst - - « » Laß die Komödie , Adam ! ... Aber sage mir noch Eins : wenn ich nicht mitginge - was thätest Du dann - ? « » Aha ! ... die Frage ist nicht übel ... Schon der conditionale Conjunctiv Imperfecti ! ... Wenn ich nicht mitginge - Na ! das ist ja quasi gewonnen Spiel ! ... Uebrigens - wenn Du nicht mitgingst , Kind - ja ! ... dann müßte ich wohl allein gehen . Eins plus Null bleibt Eins , nach Adam Riese . Aber Du könntest Dich doch wirklich ' mal dazu bequemen , Hedwig , mehr als eine - Null zu sein ... Willst Du - ? « Hedwig lächelte doch ein Wenig . » Du bist drollig , Adam - « antwortete sie . » Das ist eine ganz neue Eigenschaft bei mir , mein Lieb ! Du scheinst Talent dafür zu haben , Entdeckungen zu machen . Vielleicht tüftelst Du auch noch alles mögliche Andere bei mir aus . Vielleicht manches ganz Löbliche und Brauchbare . Das wäre ja sehr nett . Ich bliebe sonst auch ein verzweifelt einseitiger Bursche ! Wahrhaftig ! ich wäre Dir sehr dankbar , wenn ich mich unter Deinem ... Regimente noch ein Bissel vervollkommnete . Das könnte mir gar nichts schaden . Kleine , weiße Frauenhände besitzen eine entzückende Fertigkeit darin , selbst aus den reservirtesten , versteinertsten Felsenwänden noch neue Quellen zu schlagen ... « » Spotte doch nicht so , Adam - « » Ich spotte gar nicht - « » Also ... Du würdest auch ohne mich noch in ein Café gehen - nach dem heutigen Abend noch Abwechslung ... Unterhaltung suchen - ? « » Was bliebe mir denn weiter übrig , Kind ? Abwechslung - meinetwegen ! ... Unterhaltung - hm ! - warum wählst Du nicht lieber gleich das wunderschöne Wort Vergnügen ? Ich liebe dieses Wort nämlich leidenschaftlich ... Man hört es nur so selten heute ... die Leute nehmen es so ungern in den Mund ... Also - Du kommst mit - ? « » Adam - ! « » Dann leb ' wohl , mein Lieb ! Und nun gehören wir zusammen , Hedwig - nicht wahr ? Und die Dame meines Herzens ist in Zukunft nicht mehr so spröde , wie sie es einmal gewesen ! ... Aber - in Diesem und Jenem - in Diesem und Jenem - exempla sind wieder einmal odiosa - : da lernst Du noch ein Wenig freier und selbstständiger denken - gelt , Kind ? Du thust mir den Gefallen - ja ? Grüß Deinen Vater herzlich von mir ! Und laß mich nur machen ! Ich werde schon einen einigermaßen annehmbaren modus vivendi für uns finden . Es geht Alles , wenn man nur ernstlich will . Sind wir erst einmal ... einmal ver - - « » Ach ! belüge Dich doch nicht so absichtlich , Adam - das kann ja nicht sein - « » Belügen - der Ausdruck ist etwas ... etwas stark , Hedwig - « » Verzeih ' , Adam ! Aber ich habe Dich ja so unsäglich lieb ! Du bist ja in all ' diesem Elend - in all ' dieser entsetzlichen Noth mein einziger Halt - meine einzige Hoffnung ! Ich ertrage es nicht , Dich zu verlieren - ich ertrage es nicht ! Wenn Du mich verließest , Adam - mich verließest - - ich - ich - - o Gott ! - und doch ganz klar voraussehen müssen , daß Du es thun wirst - - daß Du es thun wirst , Adam - daß es doch so kommen wird - das ist zu viel - das geht über meine Kraft ! Adam ! Adam ! oh ! wie das in mir wühlt und zerrt und sticht ! - - Ich - ich ersticke - Adam ! - Und wenn es mein Unglück ist - - : ich kann dieses Leben nicht mehr ertragen - ich will dieses Leben nicht mehr ertragen - ich - ich - - hier hast Du mich - ich kann Dich jetzt noch nicht lassen - noch nicht - Alles empört sich in mir gegen diesen Zwang - die Jahre der Entsagung , der Erstarrung - : eine einzige Viertelstunde des Glücke soll sie vergessen machen - eine einzige , winz ' ge Viertelstunde - - ich bin von Sinnen , Adam - - komm ! - komm ! - oder - - nein ! - nein ! - das nicht - das doch nicht - doch nicht - - aber - aber - warte ! ich gehe mit Dir - ich komme mit - ich muß - ich muß - mag werden was will - - « Adam war von diesem elementaren Leidenschaftsausbruche der » Dame seines Herzens « ... von diesem Ausbruche , in dem sich eine tolle Hingebungswuth , trunkenes Entzücken und eine fanatische Verzweiflung zugleich durchrangen ... mehr betroffen , als erfreut . Er hatte sich mit dem Gedanken , allein zu gehen , schon halb und halb vertraut gemacht . Ja ! Er hatte sich seiner Freiheit eigentlich schon gefreut ... und allerhand Erwartungen daran geknüpft . Gewiß ! Der Abend war ja noch ganz interessant geworden . Aber die letzten Scenen , die er soeben durchlebt , legten Adam doch allerlei Verpflichtungen für die Zukunft auf - Verpflichtungen , die anzuerkennen , er sich im Grunde schon sträubte - und die erfüllen zu wollen , es ihn doch merkwürdig reizte . Hedwig war nach dem Flurraume gestürzt . Nun stand sie im Rahmen der offenen Thür , knöpfte ihr Jaquet zu und setzte ihren Hut auf . Adam trat auf seine Braut zu . » So gefällst Du mir , Kind ! Das ist doch Leidenschaft , Verve , Temperament ! Das ist doch Muth - ! « » Wo habe ich nur meine Handschuh ' - ? « » Ach was - Handschuhe ! Heute Abend , Hedwig - ich bitte Dich ! « » Willst Du die Lampe ausdrehen - ? « » Wenn Du fertig bist - « » Und recht leise , Adam - ja - ? Tritt recht leise auf , damit Papa Nichts hört ! Es wäre entsetzlich , wenn er - - « Hedwigs Stimme ging doch wieder etwas heiser und stockend , stolpernd , sie fieberte gleichsam . Adam ließ einen halbfertigen Seufzer fahren . Es war ihm gar nicht behaglich zu Sinn . Seine arme , unvorsichtig hingeopferte Freiheit ! Das kleine Wesen that ihm sehr leid . - Die Treppenstufen knarrten und knackten recht impertinent . Adam tappte und tastete sich unbeholfen vorwärts . Er wurde ärgerlich . Nun blieb er stehen , suchte nach seinem Feuerzeuge und ließ ein Streichholz aufflammen . » Um Gotteswillen ! - lösch aus - schnell ! « fiel Hedwig ... wie zum Tode erschrocken ... ein . » Na aber - das ist doch - « knurrte der gemaßregelte Herr Doctor . Und neues Dunkel war um die Beiden zusammengeronnen . Sie standen auf einem Treppenabsatze . » Nimm Dich in Acht , Adam - falle nicht ! - es ist hier etwas steil - « Der siegreiche Entführer hatte indessen ganz andere Gedanken . Er suchte recht intime Fühlung mit seiner Herzallerliebsten zu gewinnen . Er legte seinen Arm um ihre schlanke , vielleicht ein Wenig zu schlanke Taille und preßte das Weiblein in wüthender Glut an sich . » Laß mich - ! nicht hier- « sträubte sich Hedwig . » Adam - ! « Endlich standen sie auf der Straße . Es war so still . Der Hausschlüssel ging schwer und kreischte mit belegter Stimme . Schlaftrunken blätterte der Nachtwind im schwarzgrünen Laube der Linden . - » Gieb mir den Arm , mein Lieb ! « » Wo gehen wir hin , Adam - ? « » Nun - ich denke : wir athmen uns erst ' mal recht tüchtig aus - die Luft ist zwar schauderhaft dick und heiß , aber doch nicht ganz so drückend , wie bei Euch oben . Und nachher - nachher können wir ja in ein Café spazieren - vielleicht ist auch noch ' ne Weinstube auf - - « » Du bist überall bekannt - ? « » Hier und da - « » Du verkehrst wohl viel in den Cafés - ? « » Das macht sich so ... mein Gott ! Dann und wann ... Man geht ' mal mit Ander ' n hin , ' mal allein - es ist ja überall nicht viel zu holen ... Man langweilt sich ... spielt eine Partie Billard - liest ' ne Zeitung - am Angenehmsten ist es noch , wenn man eine oder ... oder auch ... mehrere Damen bei sich hat - die gehören nun einmal zum Besuchsinventar derartiger Lokäler ... « Nach einer kleinen Pause ließ sich Hedwig leise vernehmen , und ihre Stimme hatte den Tonfall des Vorwurfes , der Anklage : » Und da willst Du jetzt mich hinführen , Adam , wo Du wohl schon öfter mit - mancher anderen Dame gewesen bist - ? « » Aber Hedwig ! Du bekommst Rückfälle ! Die Sache ist doch einfach die - wir geben doch weiß Gott ! kein ganz gewöhnliches , kein ganz communes Verhältniß zusammen ab ! Du weißt ja : ich habe die ehrlichsten Absichten von der Welt Dir gegenüber ! Ob da nun aber so ' n paar Menschen angetanzt kommen und uns mit demselben niedrigen Maß messen , das sie bei sich selber anzulegen gewohnt sind - mein Gott , das kann uns doch furchtbar gleichgültig sein ! Daß Du an innerem Werth verlörest , wenn Du Dich an einen Tisch mit Menschen setz ' st , welche so etwas wie - meinetwegen ! wie : stigmatisirt , gebrandmarkt , die ausgestoßen sind von der Gesellschaft - das glaubst Du doch selber nicht , Hedwig ! Ich hätte übrigens nicht gedacht , daß in der Praxis das Nachwirken von Anschauungen , die Du intellektuell , theoretisch , längst zum alten Eisen geworfen hast - nicht wahr das hast Du doch gethan ? - daß dieses Nachwirken noch so intensiv bei Dir wäre ! Es geht ja mir zum Theil auch noch so - gewiß ! Aber darum gerade ärgert mich diese Inconsequenz , ärgert mich dieser Zwiespalt doppelt - bei mir - und leider auch bei Anderen ... « » Leider ? - « » Nun ja ! Man hätte genug mit sich selber zu thun , wenn man ' s ernst und gewissenhaft nähme ! Aber da bindet man sich auch noch Peter und Paul , Hinz und Kunz vor - drechselt sie hübsch unter ' s Mikroskop - « » Du ging ' st doch jetzt von mir aus - und ich - - « » Verzeih ! Hedwig ! Was über meine engste persönliche Sphäre hinausgeht , wird mir immer ' gleich zum prinzipiellen Motiv - « » Das verstehe ich nicht recht - « » Das verstehst Du nicht ? Du - meine kleine Philosophin - ? Und es ist doch so dämonisch einfach ! Allein jetzt - nein ! - die Geschichte würde zu gelehrt . Lassen wir den Unsinn ! Wir wollen lieber ein Wenig plaudern ... une petite causerie anspinnen ... uns ein Wenig amüsiren