. Das muß uns nicht neidisch machen . « Diese gutmütige Zwischenbemerkung ward von Lanzenau nicht vernommen . Er sah in Fannys Gesicht ; das war ganz bleich und ihm mit starren Augen zugewandt . Und jetzt sagte sie , scharf , herbe , mit dem Ausdruck jäh erwachter Feindseligkeit gegen Lanzenau : » Sie vergessen , hinzuzufügen , daß Herr von Herebrecht der pflichtgetreueste und thätigste Arbeiter in seinem Beruf , daß er der zärtlichste und dankbarste Bruder ist und daß er es bis heute verstanden hat , sich von allen Verschwendungen fern zu halten , zu denen junge Leute unseres Standes sonst tausendfach verführt werden . « Ihre Blicke wurzelten ineinander , drohend , fest . Lanzenau begriff , daß Fanny ihrer Liebe zu Joachim sich bewußt geworden und daß auch Joachim darum wisse , daß sie ihn verteidigte , weil sie zu ihm gehörte . Er erhob sich . Dunkle Röte stieg langsam in sein Gesicht . Ihm schwindelte - er mußte sich wieder setzen , aber nur einige Sekunden ; dann stand er auf und ging hinaus . » Was war das ? « fragte die Gräfin betroffen . » Ich weiß es nicht , « antwortete Fanny mit blassen Lippen , » jedenfalls eine Thorheit . « Die Gesellschaft , obgleich oder vielleicht weil sie ohne Ausnahme die Sache durchschaute , ging rasch zu einem andern Gespräch über . Beim Abendtisch , zu dem Lanzenau sich entschuldigen ließ , setzte die Gräfin Joachim neben Fanny . Als Joachim nach Lanzenau fragte , sagte Fanny leise , daß sie sich seinetwegen mit dem Baron scharf gestreift . Eine erneute Angst überfiel Joachim . Gott - wenn Lanzenau ihn verriete ! Fanny müßte ihn verachten , und doch ... er konnte nicht anders , ihm war ' s , als habe er einer Macht gehorcht , die stärker war als sein Gegenwille . Die tiefe Sorge , die ihn befallen , kam in tausendfach verstärkter Gewalt wieder , als er zur Nacht allein in seinem Zimmer war . Und er , der in seinem ganzen Leben nur Briefe geschrieben , wenn eine Zwangslage ihn nötigte , er setzte sich hin und schrieb an Severina . Alles war still im weiten Schloß . Die Lampe brannte vor Joachim auf dem Tisch , die behagliche Wärme , die aus den heißen Luftröhren durch das Kamingitter strömte , hielt jedes Nachtfrösteln fern . Von nebenan klang ein tiefer , sägender Ton - Vetter Heini schlief da den Schlaf des Gerechten , an der andern Seite war Totenstille . Dort wachte vielleicht Lanzenau auf ruhelosem Lager . Dieser Gedanke übermannte Joachim plötzlich ; er legte sein Gesicht in seine Hände und seufzte tief . Seinetwegen hatte Fanny mit dem treuesten aller Freunde scharfe Worte gewechselt . Seinetwegen ... o , es war nicht auszudenken . Das Gefühl seiner Unwürdigkeit durchschütterte ihn ; und doch fand er keinen Ausweg . Endlich faßte er sich und schrieb : » Schreiben Sie an Adrienne oder an Severina , daß wir nicht , wie es seit Wochen geplant war , am Tage nach meinem Geburtstag nach Mittelbach zurückkehren . Der starke Schnee verhindert die beabsichtigte Jagd ; da aber heute abend alle Anzeichen von Tauwetter vorhanden sind , schlägt Taiß vor , daß wir dasselbe abwarten . Somit bitte ich , daß alle Vorbereitungen zur Aufnahme der Gäste wie zum Jagddiner um einige Tage hinausgeschoben werden . - Das war die Bestellung , welche Fanny mir beim Abendtisch gab nach den gemeinsam gepflogenen Beratungen . Ich richte sie Dir aus , Severina , weil ich noch mehreres hinzuzufügen habe . « Joachim hielt inne und lächelte in bitterer Selbstverspottung über den Ausdruck : » weil ich noch mehreres hinzuzufügen habe . « Als wenn es sich etwa um das Menü handelte , welches es beim Jagdessen geben sollte . » Wenn Du diese Zeilen zu Ende gelesen haben wirst , bist Du vielleicht nicht mehr im stande , mich zu lieben . Aber mein Herz ist so beunruhigt , daß ich wenigstens versuchen will , es Dir gegenüber zu erleichtern . Liebe Severina , ich sagte Dir immer , daß ich Deine heftige Neigung nicht verdiene . Ich kann nicht treu sein , so gern ich möchte . Ich liebe Dich , bei Gott , es ist keine Lüge ; aber sage mir , kann man zwei Frauen zugleich lieben ? Gewiß , wirst Du sagen , aber auf verschiedene Art. Aber das ist es eben , ich kann keinen Unterschied entdecken . Wenn ich an Dich denke , zerreißt es mein Herz wie Vorwurf und Sehnsucht , und wenn ich an sie denke ... ach , ich wage kaum auszudenken . Severina , hilf mir ; was soll ich thun ? Ich werde noch an diesem Dualismus zu Grunde gehen . Wie konnte das nur alles so kommen , und wie konnte ich , der ich bisher allezeit dem strengen Auge meines Arnold frei zu begegnen vermochte , wie konnte ich etwas thun , das er heftig verdammen würde ? Und doch , es mag Dir wie Verblendung klingen , doch ist es nur namenloser Zweifel , der mich erfüllt , aber kein Schuldbewußtsein . Schreibe mir umgehend wieder . Vielleicht kannst Du mir den Schlüssel zu alle dem geben . Dein unselig-seliger Joachim . « Etwas erleichtert legte er sich schlafen . Wer kann in die letzten Falten einer Menschenseele blicken . Regte sich da bei Joachim vielleicht die Hoffnung , daß Severina ihn frei gäbe ? Seine Gedanken suchten nach Beispielen , die ihn entlasten und seine Herzensgeteiltheit als nicht so etwas Unerhörtes darstellen sollten . Ihm fiel Schiller ein , der ebenfalls in Doppelliebe für zwei Schwestern entbrannte . Während er sich zu vergegenwärtigen suchte , was er darüber schon alles gelesen und daß Schiller die unbedeutendere Schwester geheiratet , beruhigte er sich vollends . Und die Gegenwärtigen haben immer recht . Fanny erstand vor ihm und die Stunde , die er heute mit ihr verlebt , bis Lucy kam . Fanny hatte jetzt Rechte - alle Rechte an ihn ; das Schicksal und Fanny hatten entschieden . Selig erschauernd stammelte er ihren Namen . Zwölftes Kapitel Das war ein Leben am andern Tag ! Fanny und die Gräfin standen im Mittelpunkt desselben . Liebe und Verehrung kam von allen Seiten , in hundertfältigen Beweisen auf beide eingestürmt . Es war natürlich , daß die Gräfin als Gutsherrin und Schloßfrau auch mannigfachen Pflichten zu genügen hatte , Deputationen aus dem Dorfe , die Schulkinder , die Dienstboten und dergleichen zu empfangen verpflichtet war , während Fanny auch einige stillere Stunden hatte , wo sie sich in ihrem Zimmer der eingehenden Betrachtung ihrer Geschenke widmen konnte . Ihr Gemach glich einem Blumengarten . Die Gäste des Schlosses hatten zum Teil aus Berlin ungeheure Blumengebäude kommen lassen . Von Mittelbach war ein Schlitten angelangt , der dort schon in der Nacht weggefahren sein mußte ; er brachte Briefe , Grüße und Blumen von daheim . Lucy von Grävenitz hatte Fanny ein Gedicht gemacht ; die Gräfin gab Fanny jedes Jahr eine größere Geldsumme zu dem » Feierabendhaus « , das Fanny auf Mittelbach für alte Tagelöhner bauen wollte ; Fanny erwiderte dies Geschenk stets mit einem Gemälde irgend eines modernen Meisters für die Galerie des gräflichen Schlosses . Lanzenau brachte Fanny immer ein förmliches Magazin von kleinen Luxusgegenständen für ihre Person und ihre Zimmer dar . Auch diesmal war er vorher in Berlin gewesen , dergleichen zu besorgen . Er reichte Fanny zum Glückwunsch still bewegt die Hand , und sie , ergriffen von seinem gealterten Gesicht , sagte mit thränenden Augen : » Unter allen Umständen - in allen Lebenslagen - ich bin und bleibe Ihre schwesterliche Freundin ! « Lanzenau schwieg . Aber sein heftiger Händedruck war Antwort genug . Nein , heute nicht - heute nicht ihr den Dolch in das freudige , glückvertrauende Herz stoßen . Er konnte es nicht , obgleich er sich in der langen , bangen Nacht vorgenommen , ihr zu sagen , daß der , den sie liebe , nicht mehr frei sei . Vielleicht gab es sogar noch einen Weg , ihr jeden heftigen Stoß zu ersparen . Wenn er mit Joachim spräche , wenn es noch gar nicht zu Erklärungen gekommen wäre ? Würde sie den Verlust eines Mannes nicht leichter ertragen , den sie nur erst in ihren Hoffnungen , nicht in Wirklichkeit besessen ? Gewiß - Lanzenau wollte mit Joachim reden . Da begegnete er ihm im Korridor , er wollte ohne Zweifel auch Fanny gratuliren gehen , denselben Weg , den Lanzenau eben gemacht . » Auf ein Wort , Herebrecht ! « » Ich bitte , « sagte Joachim , » nachher . Erst will ich Fanny zum Geburtstag Glück wünschen . « Joachim hatte eben dem Mittelbacher Schlitten den Brief an Severina zur Besorgung gegeben und war ganz froh . Er sagte » Fanny « ; das fiel Lanzenau schmerzlich auf . Aber dann besann er sich ; das war schon lange geschehen ; sie waren ja sozusagen verwandt durch Adrienne . » Gut , « antwortete Lanzenau , » ich bin in der Bibliothek und erwarte Sie . « So legte er Joachim den Zwang auf , nicht zu lange bei Fanny zu bleiben . Das fühlte dieser wohl und von neuem wollte Unruhe durch seine Adern schleichen . Aber die entfloh wie Nebel vor dem Sturm , als er Fanny sah , wie sie dastand , umgeben von der Blumenpracht , und ihm entgegenlächelte , befangen fast wie ein Mädchen und doch mit dem Glutblitz des Weibes in den Augen . » Fanny , « sagte er tief bewegt , » ich bringe Dir nichts als meinen heißen Wunsch , daß ... « Er stockte . Er ihr Glück wünschen , er , um den sie weinen und leiden würde , wenn sie wüßte ... Fanny ergriff seine Hände . » Du hast Dich mir gegeben , Deinen ganzen Menschen , « sprach sie feierlich , ihn mit leuchtenden Augen ansehend , » das ist das Gnadengeschenk , welches das Schicksal mir noch schuldete . « » Geliebte ! « sagte er mit zitternder Stimme und küßte ihren Scheitel . » Ja , « fuhr sie mit dem Pathos höchster Leidenschaft fort , » ja , es war mir das schuldig . Die Welt glaubte , ich sei glücklich , weil alle meine Kräfte froh und mit Segen sich bethätigen konnten . Die Welt glaubte , nur mein Verstand , nicht mein Herz brauche Beschäftigung . Aber ich fühlte tief innen immer , daß mir die Krone des Weibes fehlte . Ich hatte noch niemals geliebt . In meiner Ehe mit Förster hat die erschöpfende , die alles duldende Liebe gefehlt , was sonst wie ein Traum an Sehnsucht durch mein Herz zog und sich äußerte , war Selbstbetrug . Du bist meine Wahrheit , mein Leben , mein Glück . « » Fanny , « sagte Joachim - seine Augen waren naß und er drückte ihre Hand dagegen - » Fanny , und doch war Deine Wahl eine Verirrung . « » Nein , « rief sie flammend , » tausendmal nein ! Ich habe nicht gewählt , Du bist mir gegeben . Es gibt keine Wahl , wo ein gewaltiges Naturereignis alles in uns und um uns erschüttert . Ich mußte Dich lieben ! Da gibt es keine Fragen nach Alter , nach Stand , nach Gaben , nach Vermögen - selbst nicht nach Güte , nach Herz . Man liebt - und wenn es sein muß , erhebt die Liebe den Geliebten aus dem Staub und lehrt ihn , würdig und groß zu sein . Dafür ist sie die Gottheit , welche die Welt beherrscht . « Joachim war außer sich . Er sank vor ihr nieder und barg sein Gesicht in den Falten ihres Kleides , während seine Arme ihre Hüften umschlangen . Heiße Dankbarkeit hatte ihn überwältigt , und die Erkenntnis , daß dieses große Herz ihn auch geliebt haben würde , wenn es alles gewußt hätte , ihn noch lieben würde , wenn es die Wahrheit erführe . » Ich aber , « fuhr Fanny fort , während ihre triumphirende Sprache sich zu liebevollem Flüstern senkte , » ich aber brauche Dich nicht zu mir zu erheben . Du bist jung und rein und gut . « Sie legte ihre Hände zärtlich auf sein blondes Haar . So blieben sie lange , und so klang die hohe Erregung in sanften Schwingungen aus . Ein frommes , schönes Gefühl im Herzen , ging Joachim dann in die Bibliothek hinab . Was auch immer der Baron ihm sagen wollte , nach dieser Stunde hatte er den Mut , alles zu verteidigen , was er gethan . Lanzenau saß in einem der tiefen grünen Polsterstühle am Zeitungstisch und schien in der » Revue des deux mondes « zu lesen . Sonst war niemand in dem viereckigen , ganz von Bücherregalen umschrankten Raum anwesend . Durch das einzige gardinenlose Fenster sahen die kahlen Aeste der Parkbäume herein . Lanzenau deutete schweigend auf den Stuhl ihm gegenüber . Joachim setzte sich und faltete die Hände auf den Zeitungen vor ihm . Lanzenau suchte erst mit einiger Umständlichkeit aus seiner Brusttasche ein Papier heraus . Als er es hatte , legte er es sorgsam vor sich auf die Revue , klemmte sein Augenglas wieder ein , das ihm bei Joachims Eintritt entfallen , und begann hüstelnd : » Sie werden sich erinnern , lieber Herebrecht , daß ich Ihnen versprach , für Sie nach einer auskömmlichen Stellung Umschau zu halten , damit Sie Ihr kleines Bräutchen baldigst vor der Welt als solches verkündigen und heimführen könnten . « » Allerdings , « sagte Joachim sehr ruhig und mit sehr festem Blick , » allein ich weiß nicht , ob Fräulein Severina zur Stunde noch gestatten würde , daß Sie sie meine Braut nennen . « Lanzenau wußte nicht recht , was er aus der Antwort machen sollte . » Hm , « sprach er mit erkünstelter Scherzhaftigkeit , » kleine Zwistigkeiten zwischen Liebenden , das kommt vor . Das gleicht sich aus . Jedenfalls wollte ich Ihnen sagen , daß meine Bemühungen nicht erfolglos waren ; ich bekam heute die Nachricht , daß Ihnen hier , « dabei überreichte er Joachim das Papier , » hier die Administration der Itzelburgischen Güter angetragen wird . Sie ersehen aus der Zuschrift , daß die pekuniären Vorteile für Sie außerordentlich sind und die Thätigkeit Ihren Ehrgeiz befriedigen muß . Man erwartet in vierzehn Tagen Ihren Entschluß und dann so bald als möglich Ihren Antritt . Ich gehe wohl nicht fehl , wenn ich annehme , daß es für Sie hier kein Besinnen gibt und daß Sie nicht zögern werden , der Gesellschaft , sowie insbesondere Frau Förster Ihre neue Stellung und Ihre Verlobung zu verkündigen . « Da war Fannys Name heraus und der Zweck der langen Rede verraten . Joachim verneigte sich artig gegen Lanzenau . » Nehmen Sie meinen Dank , Herr Baron . Dieses Resultat Ihrer Bemühungen für mich ist wahrhaft überraschend . Aber in einem Punkt irren Sie sich . Ich bin keineswegs in der Lage , sogleich meine Entscheidung zu treffen , und also auch nicht im stande , mich schon der Gesellschaft als Administrator des Itzelburgischen Güterkomplexes vorzustellen . « Lanzenau tupfte sich mit seinem weißseidenen Taschentuch die Stirn . » Nun denn , wenn auch nicht der Gesellschaft , so doch Frau Förster , « sagte er mit beginnender Ungeduld . » Gerade Frau Förster braucht am wenigsten von einer Sache zu erfahren , die ihr Veränderungen in der eigenen Oekonomie in Aussicht stellen . Hier soll sie ihre Gedanken von Wirtschaftssorgen frei halten , « sprach Joachim mit einer Unbefangenheit , über die er sich selbst wunderte . » Nun denn , « sagte Lanzenau und erhob sich steif , » wenn Sie mich durchaus nicht verstehen wollen , sei es gerade herausgesagt : Ich finde , daß es Ihre Pflicht ist , Frau Förster von Severina zu sprechen . « Auch Joachim stand auf . Eine Minute lang sah er nachdenklich vor sich nieder . Es ging ihm durch den Kopf , daß der Mann da Fanny liebte und ein Recht zu haben glaubte , über ihr Glück zu wachen , daß er ihr viele Jahre mehr wie ein Vater oder ein Bruder gewesen . Und wieder dachte er , daß es für sie alle vielleicht am besten sein würde , wenn er jetzt sein Herz vor Lanzenau ausschütte . Zur Selbstlosigkeit des alternden Mannes hatte der junge Sieger alles Vertrauen . Aber diese Erwägungen , die aus seinem kindlich-ehrlichen Herzen kamen , wichen einem verderblich aufwallenden Trotz . Er that das Verkehrteste und sagte mit erhobenem Haupt : » Bei allem Dank , welchen ich Ihnen schulde , Herr Baron , kann ich nicht umhin , zu finden , daß Ihre Teilnahme an meinem Geschick den Charakter der Zudringlichkeit annimmt . « Lanzenau schrak zurück , als habe er eine Ohrfeige bekommen . Das ihm ! Das seinem Herzen voll banger Sorge ! Während er nach einem Worte rang , das Joachim treffen sollte , ohne dies Gespräch in einen peinlichen Streit ausarten zu lassen - denn Lanzenau verlor auch in diesem Augenblick seine Besonnenheit nicht - fuhr Joachim fort : » Sie haben mir damals Ihr Wort gegeben , Herr Baron , nicht eher über die Sache zu sprechen , als bis ich selbst es Ihnen gestatte . Ich erwarte , daß Sie Ihr Wort halten , das Wort eines Edelmannes . « » Sie scheinen dem Prinzip zu huldigen , daß das Worthalten immer für andere bindend ist und nicht für Sie selbst . Denn Sie , so scheint es mir , sind auf dem Weg oder des Willens , Fräulein Severina Ihr Wort zu brechen , « sprach Lanzenau mit bitterem Lächeln . Einer unglücklichen Eingebung folgend , die ihre Rettung in einer erbärmlichen Wortklauberei vorspiegelte , sagte Joachim schnell : » Sie irren , Severina hat mein Wort nicht ; ich habe ihr im Gegenteil einmal ausdrücklich gesagt , daß ich noch nicht um sie werben könne . « Lanzenau sah ihn stumm , geradezu entsetzt an . » Ah , « begann er dann , tief aufatmend , » ich sehe , Herr von Herebrecht , Sie sind aus einer andern Generation wie ich . Zu meinen Zeiten bedurfte es in solchen Dingen nicht solcher Hinterthüren . Nicht allein das Wort , auch das Thun und Lassen band uns . Wenn Sie nur einen feierlichen Ringwechsel und ein Eheversprechen vor Zeugen als bindend für Ihre Ehre und Ihr Herz betrachten , dann allerdings haben Sie einen so weiten Spielraum für Ihre Tändeleien , daß ich darauf verzichten muß , mich für den Verlauf derselben zu interessiren . Eins aber , eins hören Sie : Wenn Sie es sich sollten beikommen lassen , eine Frau in das Bereich dieser Ihrer Tändeleien zu ziehen , eine Frau , welche ich verehre - nicht wie eine Heilige , nein höher , wie den Inbegriff von aller menschlichen Frauengüte und Frauengröße , dann , mein Herr , würde ich Sie aus dem Weg dieser Frau zu entfernen wissen , und sollte ich Sie niederschießen wie ein fremdes Wild , das meinen Garten verwüstet . « Mit einer Würde , die fern von jeder äußerlichen Leidenschaft war , aber dennoch in ihrer eisernen Festigkeit verriet , daß der Mann im stande sei , zu vollführen , was er drohte , kamen diese Worte von Lanzenaus Lippen . Und als er sie gesprochen , ging er hinaus , langsam , etwas steifbeinig , wie er immer ging . Wie vom Donner gerührt blieb Joachim zurück . Sekundenlang stand er starr . Dann warf er sich in einen Lehnsessel und legte den Kopf auf seine Arme vor sich auf den Tisch . Welcher Dämon hatte ihm denn all die abweisenden und frivolen Worte auf die Zunge gebracht ? Was mußte Lanzenau von ihm denken , für welchen Schurken ihn halten ? Tausend Pläne durchjagten sein Gehirn . Wenn er Lanzenau forderte ? Welch ein theatralischer Zug ! Nein , vor seine unfehlbare Pistole durfte er Fannys Freund nicht stellen . Wenn er Lanzenau nacheilte und ihn zum Vertrauten machte ? Jetzt , nach dieser Scene konnte der nur solches Vertrauen kalt zurückweisen und würde denken , die Angst habe es Joachim abgerungen . O Fanny , Fanny ! Seine Liebe stieg in all dieser Not ! Wenn Lanzenau doch trotz des gegebenen Wortes mit ihr spräche ? Dann blieb Joachim nur eins übrig : eine Kugel in die Schläfen . Schauer durchrannen ihn . Sein Arnold stand vor ihm . Der würde um ihn weinen . O , das schöne , das junge Leben lassen ? Warum ? Weil sein Herz , sein unverständliches , geteiltes Herz Fannys Liebe erwidern mußte wie vorher Severinas ? Welche Rätsel ein Menschenleben ! Wenn einem Mann sein Weib wegstarb und er wählte sich die zweite Frau , die er vielleicht schon gesehen oder gekannt , da die erste noch lebte , dann war das ganz in der Ordnung . Und auch der hatte doch beide geliebt , wenn er ehrlich war , ein Gatte nach dem Gesetz und der Moral . Entschuldigte , ja billigte denn bloß der zeitliche Zwischenraum die zwiefache Liebe ? War das nicht im Grunde doch dasselbe ? Sein junger Kopf und sein gärendes Gemüt konnten nichts begreifen , nichts beurteilen . Dumpf fühlte er nur , daß aus den für ihn hergebrachten Ehrbegriffen heraus ihm nichts blieb als freiwilliger Tod . Er stöhnte laut und vergrub sein Gesicht tiefer . Eine leichte Hand berührte seine Schulter . Er erschrak wie ein nervöses Frauenzimmer und wandte sein bleiches , hohläugiges Gesicht . Die kleine Meerheim stand hinter ihm , das magere , graziöse Figürchen vorgebeugt , wie jemand , der heimlich und wichtig etwas mitteilen will . Aber auch sie erschrak vor seinem Aussehen . » Um Gottes willen , wie sehen Sie aus ! Na , ich kann mir schon denken - gestern abend noch auf Heinis Stube spät getrunken - heute morgen gräßlichen Drehwurm . Ja , Heini muß heiraten . Ich werde mich noch aus reiner Nächstenliebe bequemen müssen . « Joachim bemühte sich , zu lächeln , und fragte , was sie hergeführt . » Lächeln Sie nicht , « sagte das zartgewachsene , aber sehr starksinnige Soldatenkind , » ein Lächeln auf einem so seekranken Gesicht erweckt in mir eine furchtbare Ideenverbindung mit der Milchpflaumensuppe in meiner Pension . Also , ich habe Sie gesucht , um Ihnen zu sagen , daß ich mich heute morgen mit Heini gestritten habe , was Sie wohl schon wissen . « Nein , er wußte nichts . » Das ganze Schloß spricht ja davon ; ich bin mit Papa und ihm ausgeritten und allein wiedergekommen , weil Papa ihm beistand . Sie müssen mir heute furchtbar die Cour machen - ja , wollen Sie ? Heini fordert Sie dann vielleicht , aber das schadet nichts , das ist sehr interessant , und ihr könnt an einander vorbeischießen . « Nun mußte Joachim doch lachen . Aber es hatte einen eigenen , spöttischen Klang . Was für eine Narrheit ! Also der kleinen , schwarzhaarigen Person sollte er zum Schein die Cour machen , während in seinem Herzen Tod und Leben rangen ? Und diese und ein Dutzend anderer thörichter Anforderungen konnten die nächsten Tage noch an ihn stellen . Mit Heini trinken , mit dem Rittmeister Skat spielen , der Tochter hofiren , der Gräfin höflich ergeben sein , Lucys vertrauliche Andeutungen ertragen , mit dem Grafen über Obstkulturen sprechen und bei alledem Lanzenaus Augen auf sich fühlen - zu viel , zu viel ! Unmenschlich ! Fort von hier - in die Welt hinaus ! Er versprach mit heißem Gesicht dem übermütigen Fräulein , ihr so zu huldigen , daß Heini ihn noch vor Mitternacht mit allen möglichen Todesarten bedrohe . Dann lief er davon und pochte an Fannys Thür . Er wollte ihr gleich sagen , daß er fort müsse . Die Jungfer kam und bedauerte , ihre Gnädige mache eben zum Diner Toilette . Dadurch ward Joachim erst wieder daran erinnert , daß ja heute Fannys Geburtstag und ein großes Fest im Schlosse sei . Heute konnte er nicht fort , das war gewiß . Nun galt es , sich sammeln und fassen . Vielleicht konnte er Fanny im Gewühl des Balles doch ein Wort sagen , daß er gern einige Tage nach Berlin wolle . Das Schloß füllte sich mit Gästen . Wagen von den Nachbargütern und aus der nächsten Garnison kamen angefahren . Beim Diner , wo die Bestimmung der Gräfin ihm eine Comtesse Sieburg gesellt , sah er eine der glänzendsten und vornehmsten Gesellschaften , in die er je getreten war . Und , o Erstaunen , auch die » kleine Elly « , die Tochter seines vormaligen Chefs , war mit ihrem neuvermählten Gatten , dem » Krautjunker « , zugegen . Das Ehepaar war , wie er später erfuhr , auf einem Nachbargut bei Verwandten zum Besuch . Das hatte gerade noch gefehlt ! Damals , als er bei ihrem Vater als Volontär lebte , hatten sie sehr für einander geschwärmt . Das konnte er vor sich nicht ableugnen . Heute , als sie ihn von weitem erkannte , erglühte ihr Gesicht , aber er streifte sie mit kühlem Blick und bemerkte zum erstenmal , daß sie recht unbedeutend gewachsen sei . Wie anspruchslos , wie jung mußte er doch damals gewesen sein ! Oben am Tisch saß seine - seine Fanny ! Die erste in dieser glänzenden Versammlung ! Die am meisten Gefeierte ! Ein Freund des Grafen hielt eine Rede auf die Gräfin ; es war das landläufige Maß von Lob darin und mit dem landläufigen Maß von Begeisterung ward sie aufgenommen . Und dann hielt ein anderer eine Rede auf Fanny Förster , voll Entthusiasmus und voll Heiterkeit . Es ward von ihrem humanen Wirken gesprochen , von all den Gaben , die die Natur über sie ausgeschüttet , und von der weisen Klugheit , mit der sie selbst sich ihre Grenzen ziehe . Die » Wahlrede « , die sie damals gehalten , ward in ihrem offenen Eingeständnis von Frauenbescheidenheit als Muster für manchen klugredenden Parlamentarier aufgestellt . Frohes Lachen ging dazu um den Tisch , und nun stimmte alles jubelnd in Fannys Wohl ein . Joachims Herz schwoll an . Und sie liebte ihn allein ! Nachher beim Tanze gelang es ihm , sie an seinen Arm zu bekommen . Er ließ sie nicht los , als der Tanz zu Ende war - ein Walzer , den sie weltvergessen getanzt . Er ging mit ihr durch den Saal und durchwandelte alle Räume . Einmal gab ein großer Spiegel ihnen ihre Gestalten zurück . Joachim sah die schöne Frauengestalt im Glase , wie sie , von silberschimmernder weißer Seide umflossen , das Haupt schmucklos , aber um den herrlichen Nacken eine Schnur funkelnder Steine , sich leicht an seinen Arm schmiegte . » Wie Du schön bist ! « flüsterte er ; » und das alles ist ganz und schrankenlos mein . « » Ich habe mich beinahe geschämt , « sagte sie , ihm in die Augen sehend , » all dies Gewoge von Spitzen und Atlas , zugestutzt nach den neuesten Modekünsten , um mich zu hängen . Aber ich war so kindisch - ich wollte sehr schön sein . Das ist nun die Frau , die sie vorhin so großartig anredeten . « Es gibt Schwächen , welche einem Weibe besser stehen als starre Tugend . Von der eben eingestandenen fühlte Joachim sich fast zu Thränen gerührt . » Fanny , « sagte er , » o Fanny , wie hab ' ich Dich lieb ! « Es war der Laut eines unaussprechlichen , wahren Gefühls . Fanny sah ihn an ; sie schwiegen . In diesem Augenblick ging Lanzenau mit dem Rittmeister an ihnen vorüber und sah sie an . Joachim lief ein Frösteln über den Rücken . » Liebe , « sagte er , Fanny weiter führend , » ich muß fort von hier . Laß mich , ich bitte Dich . « » Fort ? Wohin ? Weshalb ? « Auf die hastig hervorgestoßenen Fragen erwiderte er : » Ich ertrage es nicht , jetzt , wo mir das Herz von dem unaussprechlichsten Glück erfüllt ist , mit so vielen gleichgiltigen Menschen zusammen zu sein , vor ihnen meine Liebe zu verbergen . « » So wollen wir sie verkünden . « » O nein , « sagte er erschrocken , » nur das nicht ! Laß uns in der Stille Deines Hauses sehen , wie wir Lanzenau vorbereiten . Und dort auch , Geliebte , habe ich Dir eine Beichte abzulegen , die vielleicht meinen Wert in Deinen Augen sehr herabmindert . « Sie sah forschend , doch keineswegs beunruhigt in sein Gesicht , auf dem sich deutlich eine große , innere Unruhe widerspiegelte . Es war der kluge , überlegene und im voraus verzeihende Blick , mit dem eine Mutter das Schuldbekenntnis ihres Sohnes erwartet . » Du Kind , « sprach sie , » als ob ich mir nicht denken könnte , welcher Art Deine Beichte sein wird . Ein junger Mann wird selten fünfundzwanzig Jahre alt , ohne einige Herzenstäuschungen durchgemacht zu haben . Wenn Du willst , so beichte , aber meinetwegen kannst Du auch schweigen . Ich habe erst Rechte an Dein Leben , seit Du mich geküßt . Aber sprich , wo willst Du denn hin ? « Sie waren bei ihrem Rundgang durch die Zimmer gekommen , wo die Kartenspieler saßen ,