annehmen würde in dem peinlichen Ueber-Stolz solcher verschämten Armen ? - Andrerseits mußte er bitter lächeln , wenn er die Naivetät in den Fragen der Frau bedachte . Auf der einen Seite ahnte die Frau bei ihrem niedrigen socialen Bildungsgrad natürlich gar nicht die sonstige gesellschaftliche Stellung eines Mannes wie Rother ; auf der andern Seite nahm sie offenbar an , daß Rothers pekuniäre Verhältnisse ihm gestattet hätten - - konnte er sie denn wirklich einfach unterhalten , ohne irgend welchen Entgelt , aus purem Edelmuth ? Er hatte noch anderweitige Verpflichtungen , und ein Künstler - ! Mein Gott , heut im Ueberfluß , morgen von der Hand in den Mund lebend ! Für seine Gattin konnte er sich wohl opfern , für seine , Geliebte allenfalls auch - aber einfach aus purem Edelmuth , um betrogen zu werden - - wog denn er selbst , wog seine Kunst denn gar nichts , daß er Alles und Jedes hätte opfern müssen für dies eine Wesen , diese eine Leidenschaft ? » Sehen Sie , da lese ich eben die Geschichte von der schönen Näherin ! « sagte Frau Lämmers beim Abschied , indem sie ein Heft in gelbem Umschlag , natürlich einen Colportageroman , hochhielt . » Dabei muß man immer an Kathi und Sie denken ! « Rother lächelte bitter . - - Hat ein phantasiereicher und dabei bedeutender Mensch ( und Bedeutendheit ist fast immer mit starker Einbildungskraft und großer nervöser Erregbarkeit verbunden ) in irgend einer Beziehung » ein schlechtes Gewissen « , d.h. ist er sich einer Handlung bewußt , deren Bekanntwerden ihn lächerlich , verächtlich oder gar strafbar erscheinen ließe , - so ist er im Zustande besonderer nervöser Ueberreiztheit fähig , aus kleinsten unbedeutendsten Anlässen bestimmte Anspielungen und drohende Uebel herauszulesen . Völlige Niedergeschlagenheit und zitterige Befürchtung , indem die aus nichts Schreckgespenster bildende Phantasie ihm Gefahren vormalt , welche im allerschlimmsten Falle drohen könnten , macht aber dann , sobald er sich energisch zusammenrafft , einer ebenso siegessicheren Furchtlosigkeit Platz . Dem Schlimmsten stolz ins Auge sehend , schöpft er aus seinem inneren Machtbewußtsein die entschlossene Festigkeit , allem und jedem die Spitze zu bieten . Einem weinerlichen Schwanken in schwachen Stunden unterworfen , wie wenige , wird er nach Durchkämpfung solcher Schwäche , sofern sein Innerstes nur rein und markig blieb , stärker als zuvor . Das kostbare Gut der Ruhe wird nur so erworben . Die Wenigsten besitzen es und doch ist das Abwarten , an sich Herankommenlassen die größte aller Klugheiten ; die höchste Weisheit aber , im Krieg wie im gewöhnlichen Leben , zu wissen , wann man angreifen und wann sich angreifen lassen , wann man schweigend dulden und wann man zurückschlagen soll . Vielleicht wurde ein Skandal daraus ! Was konnte es nicht für Scenen geben ! Er rannte umher wie ein Rasender . Der Gedanke an die Möglichkeit , daß seine Briefe in den Händen jenes Menschen gemißbraucht werden könnten , daß man hinter seinem Rücken , ohne daß er es ahnte , auf diese Weise gegen ihn vorgehen mochte , - peinigte ihn mit tausend Nadelstichen des Argwohns . Wer weiß , ob nicht jede Waffe gegen ihn gewandt wurde , und der Bursche nun aus Rache kein Mittel scheute ! Warum hatte er nur die letzten Briefe geschrieben ! Alles sprach gegen ihn - allerdings nur mit Umschreibungen und indirekt ! Er konnte ja freilich sagen , er habe so geschrieben , weil er annahm , Kohlrausch werde die Briefe auffangen . Konnte er dies Letztere feststellen , so hatte er immer noch die Trumpf-Karte , jenen wegen Brieferbrechens schwer zu belangen . Er schritt vor dem Spiegel auf und ab , und dachte des Augenblicks , wo er ihr entgegentreten würde . Würde sie ohnmächtig werden ? Würde sie still warten oder den Kohlrausch rufen , so daß eine Zwiesprache unmöglich wäre ? Der Wille zum Leben , der Liebestrieb , tobte wieder übermächtig in ihm . - Er besuchte , Annesley und fand einen Kranken im Bette , der ihm gestand , daß er wieder in unerhörter Weise an einem selbstzerstörenden Laster leide . Der Adonis war sichtlich abgemagert ; sein Auge glanzlos gläsern , gelb seine Wangen . Aus unglücklicher Liebe habe er sich , wie ein Andrer dem Trunk , dieser Ausschweifung ergeben . » Seien Sie glücklich ! « sagte Eduard . » Ich im Gegentheil werde immer straffer und eherner und ersticke beinah an unbefriedigter Sehnsucht nach einem bestimmten Geschöpf . Links ein Abgrund , rechts ein Abgrund - und ich in der Mitte ! « Sie unterhielten sich noch eine Weile über das Weltweh und jammerten sich etwas vor . Jedoch verabsäumte Annesley nicht , nebenbei naiv seine Ruhm-Geschäfte zu besorgen . Er beschäftigte sich nämlich gerade damit , pseudonym ( er hatte es bis auf zwanzig Pseudonyme gebracht , von denen er die Hälfte als Componist , die andre Hälfte als Selbst-Kritiker in Musikzeitungen verbrauchte ) seine neusten » Lieder ohne Worte von Ralf dem Schönen « nach allen Richtungen der Windrose auszuposaunen . Es war dies eine Bethätigung des Weltekels , wobei er regelmäßig seinen väterlichen Freund Rother zu Rathe zog . Dieser , schwach und schwächlich auch in seiner aufsprudelnden Gutherzigkeit , die ihn zu lächerlichem Uebereifer für etwaige Genossen und Schützlinge verleitete , lief nämlich seit lange umher und pries den neuen Mozart . Er schmuggelte sogar die Partituren Annesleyscher Lieder auf Salon-Bechsteins ein und verführte Sängerinnen dazu , das berühmte Lied » Leise blüht mir im Gemüth Blümlein wunderblau « , wozu der Componist selbst den Text geliefert ( » Gewidmet dem von ihm hochverehrten Voll-Künstler und einzigen anständigen Gentleman Europas , E.R. « ) , in Gesellschaften vorzutragen . Um Abwechslung in ihr heutiges Jammerduett zu bringen , erzählte ihm Annesley grauenhafte Dinge aus seiner frühsten Vergangenheit . Der reine Lord Byron , der von schrecklichen Geheimnissen fabelt . Manchmal empfand Rother , trotz seines liebevollen Wohlwollens , den leisen Wunsch , seinen Hut zu ergreifen und sich aus dem Staube zu machen , - da der Wunderknabe allzu sonderbare Selbstanklagen auftischte . Doch wirkte das Alles zuguterletzt nur komisch , da man es unmöglich für wirklich erlebt halten konnte . Um den Unglücklichen aus seiner Selbstmordstimmung zu reißen , forderte ihn Rother auf , mit ihm einen Nachtkneipen-Bummel zu machen . Mit genialischen Kraftmensch-Schritten wandelte alsbald der neue Mozart neben ihm her , wobei er oft eine drollige Anhänglichkeit an den Tag legte und sich mit begeisterter Handbewegung als » Rothers Schatten , Rothers Hündchen « bezeichnete . - - Als Rother sich am anderen Morgen in seinem Bett schläfrig dehnte , beschlich ihn das Gefühl einer gewissen seelischen Behaglichkeit . Die Wollust wirkte bei ihm wie eine homöopathische Kur für die ermattende Liebes-Ausleerung idealer Sehnsucht . Sobald er sich also der gemeinen Begierde hingegeben , entwich die ganze Pein seinem Innern und die äußerste Gleichgültigkeit ergriff ihn . Verschwunden war der ganze entschlossene wilde Kampftrieb der unglücklichen Liebe , und völlige Vergessenheit , kaltes Lethe , floß über ihn hin . So völlig bleibt der Mensch von seinen psychischen Nervenzuständen abhängig . Die Abtödtung der Nerven führt die Abtödtung der Leidenschaft mit sich : Wille und Leidenschaft schwächen sich in genau entsprechender Weise . Wer starken Willen hat , hat auch starke Leidenschaft . So bestimmen sich Beide gegenseitig und behindern sich theils , theils beflügeln sie einander . Beide aber sind abhängig vom Nervensystem . Selten wird daher ein Kummer sofort durch Arbeit überwunden . Es muß eine Schwächung des ganzen Menschen durch Extravaganz vorhergegangen sein . Gift wird nur durch Gegengift paralysirt . Nachdem der Geist durch Aufregung der Nerven die Seßhaftigkeit echter Arbeitskraft eingebüßt , fühlt er dann plötzlich diesen Trieb zurückströmen . Die Arbeit geht mit maschinenhafter Leichtigkeit von Statten . Was vorher schwer schien , wird jetzt federleicht . Das Stoßen der aufgeregten Gedanken , das vielfältige Durcheinander , bei dem es fortwährend heißt : » Was zuerst beginnen ! « hat aufgehört und mit größter Ruhe wird die Arbeit durchgeführt . Er beschloß , ruhig sein Kreuz auf sich zu nehmen , das Kommende abwartend . Das Einbohren in bestimmte Schmerzen , krankhaft in Ursache und Wirkung , wird wesentlich durch die Umstände und die Verhältnisse von Nerven und Magen hervorgerufen . Nach Tische , nach einem tüchtigen Spaziergang dürfte es einem gesunden Organismus schwerfallen , sich weltschmerzlichen und galligen Träumereien hinzugeben . Es sieht sich Alles verschieden an , mit leerem , oder mit vollem Magen . Eduard war fest davon überzeugt , daß ihm aus alledem die furchtbarsten Folgen erwachsen würden . Er schwebte in einer gewissen unbestimmten Angst vor irgend etwas Peinlichem oder Verderblichem , das ihn treffen sollte . Unaufhörlich stürmte er mit großen Schritten im Zimmer auf und ab , bis ihm die Wadenadern schwollen und er sich müde aufs Sopha werfen mußte , indem er düstere Gedanken hin- und herwälzte . Er sollte Spießruthen der Lächerlichkeit laufen ; sein Name kam an die Oeffentlichkeit in komischem Sinne ; sein wahnsinniger Heirathsantrag wurde ruchbar : sein naturalistisches Mal-Prinzip wurde dem Spottepreis gegeben , seine vielen Feinde warteten ja nur darauf . So zermarterte er sein Hirn und schädigte seine Gesundheit , statt kalt und gelassen dem Kommenden ins Auge zu blicken . Allerdings kam ihm stets der Schlußgedanke zu statten , mit dem er seine Befürchtungen besänftigte . Mit unerschütterlichem Stolze wollte er der Welt Trotz bieten . Und auch ihr , wenn sie ihn verrieth . Der ganze Hochmuth des Künstlers brach sich wieder Bahn in ihm . Was konnte ihn treffen , welcher boshafte oder zürnende Blick ihm seine Ruhe rauben , welche Beschämung ihm das Blut in die Wangen treiben , - ihm , der als Künstler eine exceptionelle , Lebensauffassung besaß , welche alle kleinlichen Rücksichten der gewöhnlichen Gesellschaftsmoral und Respektabilität weit unter sich sah ! Den Kopf konnte es ja nicht kosten ! So wogt es in der Seele auf und ab . Was noch eben furchtbar drohend erschien , so lange draußen der Wind pfiff und Nervenermattung im Hirne Grillen erzeugte , erscheint im nächsten gefahrlos und gleichgültig . Ein gewisser unverzagter Trotz allen Gefahren und Unannehmlichkeiten gegenüber , verbunden mit vorhergehender doppelter Aufregung durch Phantasie-Vergrößerung des Drohenden , ist ein Merkmal bedeutender Geister . So sah der General Bonaparte seine Lage oft verzweifelter an , als seine Unterfeldherrn - aber trat die Gefahr nun wirklich nahe , so war er der Einzige , der sie abzuwenden wußte . Seine Unvorsichtigkeit peinigte ihn scharf genug , indem sein Argwohn sich überall von Spähern umzingelt wähnte , die seine schwachen Seiten belauerten . Es scheint ein trauriges Erbtheil ungewöhnlicher Menschen , daß sie ohne direkt eitel zu sein , doch stets wähnen , die Welt interessire sich selbst aus Bosheit für ihre Person und erspähe daher ihre Schwächen . Aber die Welt kennt ihre eigenen kleinen Lächerlichkeiten und faßt den bedeutenden Menschen gar nicht als so exceptionell auf , wie er sich selber . Sie lacht daher über seine Thorheiten , wie sie über die eines beliebigen Andern lachen würde , so daß der Hauptstachel fortfällt : Sie mißt seine Thorheit gar nicht nach dem Maßstab seiner geistigen Bedeutung . Und wie leicht vergißt die Welt das Gute wie das Böse ! Ein eigentümlicher Spleen ergriff ihn . Alles Wissen , Lernen und Können schien ihm nutzlos . Er verfluchte jede Minute , die er an ein Buch vergeudet , jede Arbeit , die nicht aus direkten Erwerb und Erfolg in der Welt hinauslief . Eine lächerliche Sucht machte sich in ihm geltend , die Gedanken rastlos auf nächstliegende Ziele zu concentriren und jedes Umherschweifen derselben abzuweisen . Er vergaß nur darüber , daß jede Meditation ein Ausruhen und Entlasten des Gehirns bedeutet und daher der Gedankenthätigkeit nutzt , und daß überhaupt jede noch so fernliegende Gedankenreihe irgend eine Vorstellung heraufbeschwört , die sich an ein näherliegendes Ziel werthvoll anknüpfen läßt . Jetzt aber , als die alte römische Lampe seines Ateliers ihr freundliches Licht um ihn her verbreitete und er , die schweren arabischen Vorhänge vor Fenster und Thüren niederlassend , fern allem Lärm in stiller Beschaulichkeit vor seiner Staffelei saß , durchdrang eine eigenthümliche wohlige Wärme sein Seelenleben . Wie ein instinktiver Blitzstrahl der Erkenntniß , fühlte er die große Wahrheit , daß all die hunderttausend Ueberflüssigkeiten , Nichtigkeiten , Unannehmlichkeiten , Täuschungen , Kränkungen , Irrwege , Zeitvergeudungen und Albernheiten des Lebens von Kindesbeinen an , deren Erinnerung auf einen hamletisch grübelnden Geist von krankhafter Sensitivität als unerträglicher Wust und Ballast drückt , nöthig und in sich nützlich erscheinen , um eben die spezifische Individualität aufzubauen . Die Individualität aber ist aller Dinge einzig Wesenhaftes und stellt sich siegreich der überwältigenden Fülle der sogenannten Wirklichkeit , dieses großen Scheinlebens , gegenüber . Es ließ ihm doch keine Ruhe . Etwas mußte ja doch geschehn . Schon Weihnachten vorüber ! Vor Neujahr trafen die Hamburger Feinde ja doch sicher ein . Sollte er zu Frau Lämmers eilen , bei welcher sie jedenfalls Wohnung nahm ? - Da riß ihn ein Brief aus aller Ungewißheit . » Nach erfolgter Ankunft in Berlin theile Ihnen mit , daß Fräulein Kreutzner während ihres vorübergehenden Aufenthaltes in Berlin unter meinem persöhnlichen Schutze steht und ich etwaige Anfechtungen Ihrerseits mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln bekämpfen werde - ebenso auch zudringliche Besuche und Briefe von Ihnen ohne jede Rücksicht beseitigt werden . Sobald ich mich in meiner Wohnung eingerichtet bin , werde Sie bitten , mir in Gegenwart von Fräulein K. persöhnliche Genugthuung für Ihre mir gewidmete Insulte zu zu geben - nach diesem werde ich nicht verfelen Ihnen meine Referenzen bekannt zu machen , damit Sie wissen , daß ich bin Maximilian Kohlrausch , Inhaber echter Bier-Restaurants . « Das erste Gefühl Rothers nach Lectüre dieses originellen Opus trieb ihn zu einer starken Zwerchfellerschütterung . Das ist ja der reine Größenwahn ! O Maximilian , der letzte Ritter ! Das zweite Gefühl hingegen trieb ihn instinktiv , seinen starken Stock zu ergreifen , als wolle er sofort eine körperliche Züchtigung vollstrecken . Den dritten Antrieb endlich vollzog er sofort , indem er gelbe Handschuhe anzog , seinen Cylinder aufstülpte , den Pelzkragen in den Nacken schob und in voller Gala nach der Gerichtsstraße hinausfuhr . - Frau Lämmers empfing ihn mit langem Gesicht . » Ja ... sie ist hier . « Sie habe sich aber in ihrem Zimmer eingeschlossen . Wiederholtes Ersuchen um eine Unterredung hatte keinen Erfolg . Sie ließ ihm sagen , sie sei ihm nicht böse , aber sprechen könne sie ihn nicht . Rother überwand sich und ging . - Er machte die üblichen Neujahrsvisiten er versuchte auch wieder zu arbeiten . Aber das gelang nicht . Ihm war zu Muth wie Einem , der zu starke Cigarren geraucht . Stundenlang lag er müßig auf dem Sopha , und wie Blei lag es in seinen Gliedern . Eine Art seelischer Impotenz entkräftete ihn . Statt zu arbeiten , brütete er wieder über seinen alten Arbeiten , fand diese bald ganz elend , bald erwog er , wie wenig seine Bedeutung gewürdigt sei . Dann kam es wieder über ihn , wie ein Jähzorn des Größenwahns , daß er alle Papiere und Zeichnungen um sich her zerriß und wie ein Raubthier im Käfig umhertollte . Stundenlang um Mitternacht trottete er auf dem naßkalten Trottoir in schneidendem Strichwinde die Friedrichstraße entlang und ließ die Nachtwandlerinnen vor sich Revue passieren , als ob der schnöde Sumpfgeruch dieser Asphaltblumen seine Nerven stärken könne . Das bläulich-weiße Licht der Laternen , das Grau in Grau der Häusermassen schien ihm ein Abbild seines öden grauen Innern , in dem es von grellen verlöschenden Straßenlichtern zuckte . Mit einem kräftigen Entschluß ermannte er sich nochmals sein Glück zu versuchen , indem er sie überraschte . Er fuhr hinaus . Die Sonne ging grade unter . Durch den eigenthümlichen Reflex des Schnees und der schneeathmenden Winterluft erschienen rothe Backsteinmauern wie zu zartem Rosa abgetönt . Wo hingegen die Sonne darauf funkelte , blitzten braun oder gelb angestrichene Erkerfronten und Thüren in grellstem Gelb , durch den Gegensatz der ringsumher gehäuften glitzernden Schneemassen . Am Himmel hing eine dicke röthliche Wolke wie ein Thurm , der vornübergeneigt herabzustürzen droht . Das Rothe löste sich in eine halb zinnoberrothe halb schwefelfarbene Mischung . Es war , als gähre die Wolke gleichsam von innerem Brand . Wie ein Riesengeier strich eine andre Wolke schwarz und breit am Horizonte hin . Auch sie spreitete ihre Schwingen , als wolle sie senkrecht herniederstürzen - wie , der Condor der Cordilleren , der als Punkt überm Haupte des Wanderers schwebt , immer größer und größer hinabschießt . So sah er die Dinge in einem seltsam deutungsvollen Licht , ähnlich der Luftmalerei der Impressionisten oder Turner ' s englischen Landschaften . Das nervöse Auge , mit unnatürlich zarter Netzhaut die Naturvorstellungen in sich auf . Ja , da war das alte Haus ! Da war die alte Treppe , aus deren moderig staubigen Winkeln ihm ein Stück Vergangenheit entgegenkreischte . Rieselte nicht sein Herzblut verstohlen aus jeder Stufenritze ? Er klingelte . Richtig , nicht die Thüre von rechts , wo Frau Lämmers wohnte , sondern die links nach Kathis Zimmer öffnete sich . Ein Frösteln lief ihm unwillkürlich den Rücken entlang . Ja , das war Schicksal ! » Wer ist da ? « fragte die altvertraute Stimme . Ihm stand das Herz einen Augenblick still , dann strömte das Blut mit rasender Gewalt zurück . » Ich , Rother ! « sagte er mit fester Stimme . » O ! « Es schien , als ob sie mit einem unartikulirten Laut zurückflüchte . » Ich will und muß Sie sprechen . « Sie verhielt sich still . Er erhob die Stimme : » Hören Sie nicht ? « » Ja doch , « flüsterte sie . Er glaubte durch die Wand hindurch zu sehn , wie sie athemlos an der Thür lehnte . » Wissen Sie , was der Kerl da , der Kohlrausch , mir gestern geschrieben hat ? « Keine Antwort . » Ich frage , ob Sie das wissen ? « » Nein , « sagt sie , » der ist ja in Hamburg . « » Nein , der ist hier . « » Davon weiß ich nichts . « » Gut , also öffnen Sie . Wir wollen ein letztes Wort miteinander reden . « » Das können wir ja auch so . « » Dummes Zeug ! Wollen Sie aufmachen oder nicht ? « » Machen ' s nur keinen solchen Lärm ! Die Leute werden noch kommen . Was soll ich überhaupt reden ! Ich habe Ihnen ja doch immer gesagt .. « ein ironischer Klang lag in den Worten . » Ach Sie ! Halten Sie den dummen Mund ! « fuhr es ihm heraus . » Nun , dann kann ich ja gehn ! « rief sie heftig und ging - er hörte die Thür des Zimmers hinter ihr zuschlagen . Er wartete noch einen Augenblick und pochte . Dann ging er geräuschvoll die Treppe hinab . Aber als er bis zur nächsten Straßenecke gelangt war , fiel es ihm schwer aufs Herz , daß er den Weg umsonst gemacht und ein Gespräch ja doch nothwendig sei . Kurz resolvirt kehrte er um . Wieder klingelte er . Sie kam . » Verzeihen Sie meine Grobheit , « sagte er mit gemessenem Ton » Ich will ja ganz ruhig mit Ihnen reden . Es ist das Beste für uns Beide . Sprechen wir uns nicht vorher aus , so kann allerlei Unglück kommen . - Hören Sie mich ? « fragte er nach einer schweren Pause , da sie nicht antwortete . » Ja . Aber ich kann nicht aufmachen und meine Wirthin ist ausgegangen und hat mich abgeschlossen . « » Larifari , so werde ich nachher wiederkommen . Wann ? « » In einer Stunde . Aber geben Sie mir Ihr Wort , daß Sie mich nicht beschimpfen wollen . Ich könnte es nicht ertragen . « » Gut , ich gebe es . Adieu . « - - Es war ein frostiger windiger Abend . In einer Kneipe der Müllerstraße trank er sich Wärme zu und poussirte die Kellnerin , ein Mädchen von besserer Sorte , die ihn anschmachtete . Er erinnerte sich noch später daran , wie ihm das in einem solchen Moment möglich blieb . So begegnet sich ewig der bitterste Ernst mit dem Leichtsinn , wie mit der ritterlichsten Romantik die nackte Prosa . Hatte er doch , ehe er zu seiner Göttin emporstieg , stets erst dafür gesorgt , daß er sich eines gewissen menschlichen Bedürfnisses vorher entledigt hatte , damit es ihn bei dem langen Gespräch da oben nicht störe . Das ist der Mensch mit seiner Doppelnatur , das ist das menschliche Leben ... Sie öffnete wortlos , er trat wortlos ein . Erst als er Stock und Cylinder ablegte , seinen Paleot anbehaltend - es war bitterkalt in der Stube - , brummte er mürrisch : » Guten Abend ! « » Dito , « murmelte sie finster . Sie trug einen Schlafrock , hatte sich aber dick mit einem Plaid umwickelt und litt an starkem Schnupfen . Im Uebrigen sah sie blaß aus , mit rothen Flecken auf der Backe . Die hin- und herwogenden Anklagen und Mittheilungen stellten alsbald die Affaire Wursteler in einem ganz anderen Lichte dar . Grade dieser hatte vielmehr auf die Frage Kathis , was Rother treibe , geantwortet : » Ach , der ist ja total verrückt ! « und ihn andauernd den » albernen Anstreicher « genannt . Auch war die Mittheilung Kathis » der will mich heirathen « nur im tiefsten Vertrauen erfolgt . Was nun Kohlrausch anbelangt , so sei das ein sehr anständiger Mensch u.s.w. » Hm , das ist ja möglich « meinte Rother . » Er hat aber auf mich einen sehr ungünstigen Eindruck gemacht . « » So ? Nun , auf mich grade umgekehrt , « sagte sie mit ruhigem Lächeln und zeigte ihm , auf dem Tische stehend , seine Photographie . Rother schüttelte den Kopf . Diese Physiognomie , ohnehin unangenehm konnte wahrlich mit ihrem Schwerenöther-Ausdruck kein sonderliches Vertrauen erwecken . » Ja , Sie sind auch immer so hochfahrend ! Und er ist doch ein sehr gebildeter Mann . « » Ach was und schreibt unorthographisch ! Nun , das mag ja sein wie es will . - Ich will mit der ganzen Geschichte nichts mehr zu thun haben . Zwischen uns ist ja natürlich Alles aus . « » Das ist es , « sagte sie ernst . » Ich müßte Sie verachten , wenn Sie jetzt noch ... « » Ueberhaupt « .. er trat nahe an sie heran und betrachtete sie : jeder Funken von Leidenschaft schien bei ihm verkohlt . Er fühlte sofort , daß die Entfernung sie ihm allzusehr verschönert hatte , um nicht beim Wiedersehn Enttäuschung zu finden , und daß die sinnliche Begierde bei ihm erloschen war . Doch schien in der That eine auffallende Veränderung zum Schlechten mit ihr vorgegangen . Selbst ihre Stimme bekam einen gewissen butterigen fettklebrigen Ton , den er früher nie bemerken konnte . » Sie haben sich sehr zu Ihrem Nachtheil verändert . « Sie lachte etwas bitter . » Aber gar nicht ! Das sind so Einbildungen . « » Nein doch ! Ich begreife absolut nicht , wie ich so weit gehen konnte .. Mir ist , als wäre ich verrückt gewesen und gesund geworden . Was habe ich denn an Ihnen gefunden ! « In demselben Moment ging ihm der seltsame Contrast durch den Kopf , wie er früher in seiner Verliebtheit sie gewissermaßen als Naturwunder von Schönheit über sich gestellt hatte . Und nun stand er da , elegant und geschniegelt , mit glänzendem Cylinder und gelben Handschuhen , in vornehmer sicherer Haltung , und sie in ihrem alten Schlafrock mit ihrem Schnupfen sah verstaubt , abgebraucht und gewöhnlich aus . » Ja , das ist Ihre Sache , « meinte sie trocken » Ich kann nichts dafür . Von Ihren Phrasen verstehe ich nichts . Ich bin nur ein einfaches Mädchen . « » Ach ! Früher sprachen Sie anders . - Das liegt so in der Zeit . Das sogenannte Retten der Gefallenen ! Ich habe Sie retten wollen - voilà tout ! « » Danke schön . Ich bin noch nicht gefallen . Ob das so in der Zeit liegt , weiß ich nicht . Sie jedenfalls - nun , Sie haben sich doch damit lächerlich gemacht . « Und ein häßliches Lächeln krümmte ihre Lippe . » Meinen Sie ? « sagte er ruhig . » Was denken Sie wohl , wenn nun Alles herauskäme , wenn ich Ihre Wirthin als Zeugin vorriefe ? « » O , Frau Lämmers , « sagte sie , indem sie gesenkten Kopfes auf- und abging ; sie hatte bis dahin , hinter der Lehne eines Sessels aufgestützt , gestanden . » Wie die auf Ihrer Seite ist , das glauben ' s gar nicht . Was die mir Vorwürfe macht ! « » Nun also ! Die Welt würde , wenn sie von meiner Verrücktheit hörte , anfangs lachen und sagen : So sind mal die Künstler - siehe Prozeß Gräf . Aber sobald sie alle Umstände erführe , dann würde das Urtheil ganz anders lauten . Man würde sagen : Der Mann hat zwar sehr edel gehandelt , aber er war auch ohnehin durch das Benehmen des Weibes dazu völlig berechtigt ; man kann ihm durchaus nicht Thorheit zum Vorwurf machen . Allein Ihre Briefe .. man würde nur sagen : Was für ein abscheuliches Geschöpf ! « Sie schwieg und sah vor sich hin . Convulsivische Zuckungen durchfurchten ihr Gesicht . » Ja , was soll denn daraus werden ! Wenn Herr Kohlrausch nun kommt .. « Sie betonte den » Herrn Kohlrausch « immer mit einem gewissen feierlichen Ton , in dem nicht nur zärtliches Interesse , sondern auch eine Art Ehrfurcht vibrirte : Offenbar war der große Windikus in ihren Augen ein bedeutendes Geschäftsgenie - jedenfalls der Mann ihrer Wünsche . » Der steckt ja schon in Berlin . Auch der Poststempel war von hier . « » O nein , der ist noch in Hamburg . Kommt erst in acht Tagen . - Wenn Sie schlau sind , kann Der doch auch schlau sein . Der kann doch auch durch einen Freund das Billet an Sie gesandt haben . « » Sieh einmal ! Also ein juristischer Dolus . Und vorhin sagen Sie mir , er habe Ihnen gewaltsam meinen Brief mit den Injurien weggenommen.- Na , der Mann liegt mir ja aus Messer geliefert und ich rufe Sie selbst als Zeugin auf . « » Oho ! « sagte sie trotzig . » Ich sag ' doch nichts aus oder widerrufe . « » Na , « fiel er schneidig ein , indem er den Cylinder aufsetzte . » So will ich also beschwören , daß Sie selbst mir dies angekündigt haben , also als Zeugin meineidig werden wollen . Das giebt auch eine schöne Handhabe . « Er wußte sehr wohl , daß alles Das nicht so viel bedeutete , wie er draus machte ; aber er wollte ihr heilsame Angst einjagen . Das gelang auch vollständig . Sie brach beinahe in Thränen aus . Als nun vollends die Wirthin erschien , welche von Wurstelers kam und erzählte , daß die schwarze Emmy nun wegen ihrer bevorstehenden Niederkunft durch Bammer dort aus dem Hause geworfen werde , entwickelte sich ein ganz gemüthlicher wechselseitiger Klatsch und Rother drückte Kathi zum Abschied die Hand : » Wenn wir uns wiedersehn , als gute Freunde und Kameraden - und weiter nichts ! « Er ging leichten Herzens von dannen , kneipte den Abend mit etlichen Collegen , die einen » Verein für naturalistische Malerei . Ehrenpräsident : Max Liebermann in Paris « gründen wollten , und spürte einen wahren Juchzertrieb , als er sich leichten Herzens schlafen legte - nach der abspannenden erschöpfenden Nervenqual der letzten Zeit . Er blickte hinaus in die Mondnacht . Marmornes Schweigen lastete über dem monderhellten Schnee . Doch er hatte sich getäuscht . Plötzlich erhielt er von ihr einen langen Brief , worin sie ihn bat , ihr Bild zurückzusenden . » Da es nun doch einmal sein muß , « fing sie an » erlaube ich mir noch einige Zeilen zu schreiben , um einigermaßen eine Erklärung herbeizuführen . Daß ich mich neulich damals nicht sprechen ließ dürfen Sie nicht so schwer auf die Waagschale legen namentlich wenn Sie an die letzten Ereignisse denken . Daß Sie mich schwer und fast unverzeihlich beleidigt haben dürften Sie wohl einsehen . Da Sie aber ein bedeutender Mann sind und ich Sie als solchen respektire und Sie , gewissermaßen ehrenhaft gegen mich gewesen sind , will ich Sie nach Möglichkeit Ihrer Ungewißheit entreißen . Wie Sie sich wohl erinnern werden , habe ich Ihnen stets gesagt stets gesagt wir passen nicht zusammen , weil unser Stand zu verschieden ist . Früher oder später hätten Sie Ihren Mißgriff eingesehen und wer hätte darunter am meisten gelitten natürlich ich und Sie wären natürlich auch unglücklich da ich Ihnen nicht diejenige Neigung entgegenbringen könnte , welche zum Glück erforderlich ist . Ich suchte stets Sie von dieser meiner Meinung zu überzeugen . Nun was blieb mir Anders übrig als der Zeit zu vertrauen welche Sie von Ihrem Irrthum abbringen sollte , weil meine schon erwähnte Meinung über die Zukunft mich keinen Augenblick verließ und ich immer mein und Ihr Unglück vor Augen hatte . Wenn Sie glauben , daß nur Sie mich vor meinem Untergang retten können , dürften Sie wohl