werden morgen kommen , « sagte sich Paul beim Schlafengehen , » sie haben heute die Courage nicht gehabt . « Aber auch der folgende Tag verging , ohne daß jemand sich gemeldet hätte , und so verging die ganze Woche . Paul rannte wie verstört im Haus umher . Alle zehn Minuten sah man ihn am Hoftor stehen und auf die Heide hinausschauen , so daß die Knechte einander heimlich in die Hüften stießen und Allotria begannen ... » Es ist schade , « sagte er sich , » daß ich noch so unschuldig bin und in Liebessachen nicht die mindeste Erfahrung habe , sonst würde ich schon wissen , was mir obliegt . « Eine qualvolle Angst begann seiner Herr zu werden , und schlaflos wälzte er sich auf seinem Lager . » Ich muß ihnen die Sache erleichtern , « sagte er eines Morgens , ließ das gelbe Korbwägelchen anspannen , das er unlängst auf einer Auktion erstanden , und fuhr nach Lotkeim , dem Gut der Erdmanns , hinüber , das sie seit dem Tode ihrer Eltern gemeinsam bewirtschafteten . Das Herz krampfte sich ihm zusammen in Scham und Ingrimm , als er nun gleich wie ein Bittender das Heimwesen derer betrat , die ihm im Leben schon so viel Böses bereitet hatten . Viel fehlte nicht , so wäre er hinter dem Tor noch einmal umgedreht , aber seine Faust griff fester in die Zügel , und seine Lippen murmelten : » Auf dich kommt es nicht an . « Er fuhr über den grünbewachsenen Hof , auf dem stellenweise hohes Dornengesträuch wucherte und der von weitläufigen , aber stark verwilderten Wirtschaftsgebäuden umgeben war , und hielt vor dem Wohnhaus , dessen Fensterläden schwarzweiße Ringe trugen , wahrscheinlich , weil sie zeitweise als Schießscheiben benutzt wurden . » Eine Ehre ist es nicht , seine Schwestern hierher zu verheiraten , aber viel Ehre können sie auch nicht mehr verlangen , « dachte er , indem er das Pferd an das Treppengeländer band , denn keine Menschenseele war zu sehen , die ihm den Zügel hätte abnehmen können , nur aus einer fernen Scheune klang der Viertakt der Dreschflegel . In demselben Augenblick , da er den Hausflur betrat , war es ihm , als hörte er ein leises Stimmengewirr und das Auf- und Zuschlagen der Hintertüren . Dann ward es plötzlich still . Er betrat ein Wohnzimmer , in dem die Reste eines Frühstücks auf dem Tische standen und das noch von Zigarrenqualm erfüllt war . Eine Weile stand er wartend . Dann schob sich eine alte , dürre Frauensperson mit verlegenem Grinsen durch die Tür des Nebenzimmers . » Die Herrens sind nicht zu Hause , « sagte sie , ohne seine Frage abzuwarten , » sie sind frühmorgens weggefahren und werden so bald nicht wiederkommen . « » Tut nichts , ich werde warten ! « Die Alte erhob ein großes Geschwätz , das Warten sei vollkommen unnütz , ihre Heimkunft ließe sich nie im voraus bestimmen , sie blieben oft die ganze Nacht auswärts und dergleichen mehr . Währenddessen glaubte er zu vernehmen , daß ein Wagen im raschesten Tempo vom Hof herunterrasselte . Erschrocken sprang er auf und trat ans Fenster , denn er glaubte , sein Pferd sei durchgegangen ; als er es aber ruhig an der Stelle fand , an der er es gelassen , stieg ein Verdacht in ihm auf , ein Verdacht , den er noch eine Minute vorher entrüstet zurückgewiesen hätte . Die alte Haushälterin wagte nicht , ihm die Tür zu weisen , und unbehelligt , freilich auch ohne Speis ' und Trank , saß er wartend auf seinem Platz bis zum Abend . - Als es finster geworden war , trat er mutlos und gedemütigt den Rückweg an . Am andern Morgen kam er wieder - auch jetzt vergebens . Am dritten Tage fand er das Hoftor fest verriegelt . Ein nagelneues Schloß hing in den Haspen . Es schien eigens für ihn angeschafft . Da konnte er keinen Zweifel mehr hegen , daß die Brüder ihm absichtlich aus dem Wege gingen . » Sie scheuen sich , mir ins Auge zu sehen , « sagte er sich , » ich will ihnen schreiben . « Aber als er die Feder ansetzte , um ihr freundliche , versöhnliche Worte abzupressen , da überkam ihn ein solcher Ekel über sein würdeloses Tun , daß er sie auf der Tischplatte zerstampfte und stöhnend im Zimmer umherlief . » Ich muß erst Kraft schöpfen gehen , « sagte er und schlich lautlos zu der Kammer der Mädchen . Die saßen am Fenster , sprachen kein Wort und starrten mit blassen Gesichtern in die Weite - dann ließ die eine das Köpfchen gegen die Schulter der anderen sinken und sagte leise und traurig : » Sie werden nicht mehr kommen ! « » Sie haben Angst vor ihm , « seufzte die Schwester . Und darauf sanken sie wieder in ihr Brüten zurück . » So , « sagte er , tiefaufatmend , dieweil er in sein Zimmer zurückschlich , » ich wußte ja , daß dies helfen würde . « Darauf nahm er einen neuen Bogen und schrieb einen schönen Brief , worin er den Brüdern auseinandersetzte , daß er ihnen nicht mehr zürne , daß er ihnen alles verzeihen wolle , wenn sie den Schwestern die verlorene Ehre wiedergäben . » Morgen werden sie da sein , « sagte er mit einem Seufzer der Erleichterung , als er das Schreiben in den Briefkasten warf . - Den Rest des Tages irrte er auf der Heide umher , denn er wagte keinem Menschen ins Angesicht zu sehen , so schämte er sich . - Aber die Erdmänner kamen nicht . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Es war am Weihnachtsabend kurz vor dem Dunkelwerden . Tief eingeschneit lag die Heide , und von dem grauen Himmel rieselten neue Flockenmassen , da sah Paul , wie die Schwestern heimlich Hut und Mantel nahmen und zur Hintertür entwischen wollten . Er eilte ihnen nach und fragte : » Wohin ? « Da fingen sie zu weinen an , und Käthe sagte : » Bitte , bitte , frag uns nicht . « Er aber fühlte eine unheimliche Angst in sich erwachen , und sie an den Armen ergreifend , sagte er : » Ich bleibe hinter euch , wenn ihr mir nicht gesteht . « Da preßte Grete schluchzend hervor : » Wir gehen zu Mutters Grab . « Ein Grauen überlief ihn , daß sie - so die heilige Stätte betreten sollten , aber er hütete sich wohl , es ihnen zu zeigen . » Nein , Kinder , « sagte er , ihre Wangen streichelnd , » das duld ' ich nicht , es würde euch zu sehr erregen , auch liegt der Schnee sehr tief auf der Heide , und es wird gleich dunkel werden . « » Aber einer muß doch draußen gewesen sein , « sagte Käthe schüchtern , » heute zum Weihnachtsabend . « » Du hast Recht , Schwester , « erwiderte er , » ich werde selber gehen . Bleibt ihr beim Vater und zündet ihm ein paar Lichter an . So Gott will , bring ' ich euch Trost mit heim . « Sie ließen sich zureden und gingen ins Haus zurück . - Er aber zog sich einen warmen Rock an , setzte sich die Mütze auf und schritt in die Dämmerung hinaus . » Schließt ihr heute die Tore zu , « sagte er , bevor er den Hof verließ , denn er hatte eine dumpfe Ahnung , daß er erst spät in der Nacht heimkehren würde . Und wenn er sich im Schneegestöber umhertriebe - - Lautlos lag die weiße Heide ... Tief im Schoße des Schnees ruhten die welken Blumen , und wo sonst ein Wacholderbusch gestanden , erhob sich nun ein weißes Häuflein , anzuschauen wie ein Maulwurfshügel . Selbst die Stämme der Krüppelweiden trugen eine weiße Decke , doch nur an der Seite , von welcher her der Wind sie angeweht hatte . Mühsam schritt er auf der eingeschneiten Heide dahin , bei jedem Tritte bis über die Knöchel versinkend . In den Lüften zog hie und da mit dumpfem Flügelschlage eine Krähe , schwer gegen das Schneegestöber ankämpfend . Kein Weg , kein Steg war zu sehen ... Die einsamen drei Fichten , die in der Ferne wie schwarze Phantome gen Himmel ragten , waren das einzige Zeichen , nach dem sein Fuß sich richten konnte . Der goldgelbe Streif , der für wenige Momente am Rande des Horizonts aufgeflammt war , erlosch ; tiefer sanken die Schatten , und als Paul den Wall des Kirchhofs erreicht hatte , der wie eine gespenstische Mauer sich vor ihm auftürmte , war es vollends dunkel geworden , doch verbreitete der frisch gefallene Schnee einen ungewissen Dämmerschein , so daß er das Grab der Mutter alsbald zu finden hoffte . - Die Pforte war verschneit , verweht ; nirgends ein Eingang zu entdecken . So tastete er denn mühsam an der Hecke entlang , von der hie und da ein schwärzliches Ästlein seine dornigen Spitzen aus der weißen Hülle hervorstreckte , bis sein Arm tiefer in den Schnee hineinsank , ohne Widerstand zu finden . Dort wühlte er sich einen Weg in das Innere hinein . Mit dumpfem Rauschen grüßten die Fichten zu ihm hernieder , und ein Rabe , der im Schnee gehockt hatte , flog schwirrend auf und umkreiste ruhelos die Kronen , wie eine arme Seele , die keinen Frieden findet . Als er die eingeschneite Fläche in ihrem bleichen Einerlei vor seinen Blicken liegen sah , durchfuhr ihn ein Schreck , denn er sah kein Zeichen , an dem er das Grab der Mutter entdecken konnte . Ein Kreuz stand nicht an dem Hügel , denn er hatte noch kein Geld gehabt , eines anzuschaffen , der Hügel selbst aber lag tief in dem alles ebnenden Schneegefilde . Eine quälende Angst erfaßte ihn . Ihm war zumute , als hätte er nun auch das letzte verloren , was er auf der Welt besaß . Und mit zitternden Händen begann er den Schnee aufzuwühlen , von einem Hügel zum andern - ein langer Pfad , aus dem hie und da die Ecke eines Grabes , ein Kranz oder ein Lebensbäumchen in der Dämmerung zum Vorschein kam . » Hier schläft , « dieser , » hier schläft « jener - er wußte fast von jedem Grab , wer darunter die Ruhestatt gefunden hatte . Und endlich ritzte sich seine wühlende Hand an einem Glasscherben , der aus der Tiefe emportauchte ... Er hielt inne und tastete vorsichtig in der Runde ... Der Scherben war wohl der , den Grete im Frühherbst hinausgetragen hatte , um Astern darein zu setzen ; ein grüner Flaschenscherben mit scharfen , spitzen Kanten - ja , er war ' s. Noch staken die welken Stengel darin . Und daneben der Kranz , der Erikakranz , der steifgefroren wie ein steinerner Ring zum Vorschein kam , den hatte er selbst hierher gelegt , als er zum letztenmal draußen gewesen war . Wie er nun das Häuflein Schnee , das sein Teuerstes barg , so weiß und ruhig daliegen sah , fiel er auf die Knie und drückte sein glühendes Gesicht in den kühlen , weichen Flockenschaum . » Ich bin an allem schuld , Mutter , « klagte er , » ich hab ' nicht auf sie acht gegeben , ich hab ' sie verwildern lassen . Richte sie nicht , Mutter , sie wußten nicht , was sie taten ! ... Aber ich flehe zu dir , Mutter , laß du mich wissen , wie ich handeln soll ! ... Sende mir ein einziges Wort übers Grab zurück , ... sieh , ich knie hier und weiß nicht ein noch aus . « Und dann war ' s ihm plötzlich , als hätte auch er nicht das Recht , an dieser Stätte zu liegen , als wäre auf ihn die Schande abgewälzt , die die Schwestern betroffen hatte . Er schalt sich feige , selbstsüchtig und faul , daß er so lange untätig geblieben war , ohne ein Äußerstes zu wagen . » Ich will ' s tun , Mutter , noch diese Nacht , « rief er aufspringend . » Auf mich soll ' s nicht ankommen , mein letztes Restchen Stolz will ich daran geben , wenn nur die Schwestern gerettet werden . « - Er schwor es mit erhobenen Armen , und dann eilte er auf die Heide hinaus - - - - - - Wohl drei Stunden lang jagte er auf den eingeschneiten Wegen dahin . Acht Uhr mochte es sein , als er müde und atemlos vor dem Hoftor von Lotkeim halt machte . » Heute sollen sie nicht entwischen , « sagte er , und da er das Tor wiederum verschlossen fand , so kroch er auf dem Bauche unter den Staketen hindurch - wie er es sonst bei Hunden gesehen hatte . Die Fenster des Herrenhauses waren hell erleuchtet , aber hinter den herabgelassenen Vorhängen ließ sich von dem Innern nichts erkennen ; nur abgerissener Gesang und kurzes Gelächter drangen ins Freie . Die Haustür stand offen . In dem dunklen Flur hielt er für einen Augenblick inne , um sein Herzpochen zu beschwichtigen , dann klopfte er . Ulrichs Stimme rief : » Herein ! « Da lagen die beiden Brüder ausgestreckt auf dem langen Sofa , die Füße des einen neben dem Kopf des andern , ein Bild vollkommenster Gewissensruhe und Seelenheiterkeit . Jeder von ihnen balancierte ein großes Grogglas in der hohlen Hand , und vor ihnen auf dem Tisch stand eine dampfende Punschterrine . Bei seinem Anblick waren sie so erschrocken , daß sie das Aufstehen vergaßen . Ganz versteinert blieben sie liegen und starrten ihn an . » Nanu ! « rief Ulrich , der zuerst die Sprache wiederbekam , und Fritz ließ sein Glas klirrend zu Boden fallen . Darauf bückte er sich und sammelte mit großem Eifer die Scherben . » Ihr könnt euch wohl denken , warum ich komme , « sagte Paul , in seinen beschneiten Kleidern langsam vor den Tisch hintretend . » Nein , « sagte Ulrich , der sich langsam aufrichtete . » Keine Ahnung , « bestätigte Fritz , der sich wohlweislich hinter den Rücken des Bruders zurückzog . » Ihr habt meinen Brief doch wohl erhalten ? « fragte Paul . » Wir wissen von keinem Brief , « erwiderte der Ältere , ihm frech ins Auge schauend . » Er wird wohl auf der Post verlorengegangen sein , « fügte der Jüngere eilends hinzu . » Besinnt euch nur . Es war am 16. November , « sagte Paul . Da erinnerten sie sich dunkel , daß ein Brief an sie abgeliefert worden war . » Aber wir konnten aus ihm nicht klug werden und haben ihn ins Feuer geworfen , « sagte Ulrich . » Laßt die Winkelzüge , « erwiderte Paul . » Ihr wißt ganz gut , was ihr zu tun habt . « Sie zuckten die Achseln und sahen sich an , als ob er spanisch redete . » Ich bin nicht gekommen , mit euch Komödie zu spielen , « fuhr Paul fort , » ihr habt meinen Schwestern die Ehre genommen und müßt sie ihnen wiedergeben . « Ulrich kratzte sich den Kopf und sagte : » Lieber Meyhöfer , das ist ' ne böse Geschichte - und so mir nichts , dir nichts läßt sich die nicht behandeln . - Setz dich mal hin und trink ein Glas Punsch mit uns - dabei werden wir rascher zum Ziele kommen . « » Ja , rasch und gemütlich , « fügte Fritz hinzu , indem er aufstand , zwei neue Gläser herbeizuholen . » Ich danke , « sagte Paul , » ich habe keinen Durst . « In ihm bohrte ein dumpfes Gefühl , als ob die Brüder ihn , wie sein Leben lang , auch jetzt mit Hohn überschütteten . Um seine Glieder legte es sich wie eiserne Klammem . Ganz schlaff , ganz wehrlos erschien er sich nun . » Ja , wenn du uns so kommst , « erwiderte Ulrich , scheinbar gekränkt , » dann reden wir gar nicht mit dir . Ich habe keine Lust , mir den Weihnachtsabend zu verderben . « » Und den Punsch kalt werden zu lassen , « fügte Fritz hinzu . Paul maß mit starrem Blick bald den einen , bald den andern . Wie war es möglich , daß die , welche schwere Schuld auf sich geladen hatten , stolz und übermütig vor ihm standen , während er , der nur sein gutes Recht begehrte , zitterte und bebte wie ein Verbrecher ? » Und wenn du ohne Trost heimkehrst ? « schrie eine angstvolle Stimme in ihm . - » Erzürne sie nicht - denk daran , was du der Mutter geschworen hast ! Auf dich selbst darf es nicht ankommen . « » Na - trinkst du nun oder trinkst du nicht ? « rief Ulrich ärgerlich . » Auf dich selbst darf es nicht ankommen ! « rief die Stimme wieder , da senkte er den Kopf und sagte mit heiserer Stimme : » Also - bitt ' schön . « Die beiden Brüder warfen einander einen lächelnden Blick zu , und Fritz hob das Glas und sagte : » Prost Fest ! « » Prost Fest ! « stammelte er und würgte das heiße Getränk hinunter , wiewohl der Ekel ihm bis zur Kehle schwoll . Nun saß er wie ein guter Kumpan mit den beiden Brüdern an einem Tische , er , der als Rächer hätte kommen müssen . » Also , um die Geschichte zu beendigen , lieber Meyhöfer , « begann Ulrich aufs neue . » Was geschehen ist , ist geschehen und läßt sich nicht mehr ändern . Ich will hier nicht mehr untersuchen , wer den andern mehr nachgelaufen ist , wir deinen Schwestern oder deine Schwestern uns , jedenfalls haben sie ebensoviel Schuld wie wir ! Wir lieben sie von ganzem Herzen , sie sind die niedlichsten Mädchen in der ganzen Gegend , und es tut uns aufrichtig leid , wenn wir denken , daß wir sie verloren haben , aber - - daß wir sie nun heiraten sollen , das wirst du doch nicht verlangen . « Paul warf ihm einen scheuen Blick zu und sagte kleinlaut : » Das ist das mindeste , was ... , « weiter kam er nicht , ihm war , als stockte das Blut in seinen Adern . » Sei nicht komisch , « meinte Fritz , und Ulrich fuhr fort : » Sieh mal , wir würden es ja auch tun , wir halten große Stücke von ihnen , obwohl sie sich viel vergeben haben « - in Pauls Hirn zuckte es , aber er bezwang sich - , » wir würden dir auf der Stelle zu Willen sein , aber zuerst sag uns mal , was gibst du ihnen mit ? « » Ich habe - nichts , « stammelte Paul . » Siehst du wohl , « erwiderte Fritz . » Und wir brauchen Geld - viel Geld , « fuhr Ulrich fort . » Ich bin der Ältere , und wenn ich das Gut für mich allein übernehme , muß ich dem Fritz so viel auszahlen , daß er sich ein eigenes kaufen kann . « » Ich - will - arbeiten , « preßte Paul hervor und schaute in demütiger Bitte zu den Brüdern hinüber . » Du hast schon zehn Jahre gearbeitet und hast nichts hinter dich gebracht . « » Der Brand ist dazwischen gekommen , « stammelte Paul , als ob er um Entschuldigung bäte für das Unglück , das ihn betroffen hatte . » Und nächstes Jahr kommt was Andres dazwischen . Nein , lieber Freund , darauf können wir uns nicht einlassen . « Die Angst , daß er ohne Trost zu den Schwestern würde heimkehren müssen , schwoll höher und höher in seiner Seele . So sehr übermannte sie ihn , daß seine Zunge sich löste , und er rief : » Aber mein Gott , so nehmt doch Vernunft an ! ... Ich kann doch nicht mehr wie arbeiten ... Arbeiten will ich wie ein Stück Vieh ... arbeiten Tag und Nacht ... ich will sparen und will hungern , und alles , was ich erwerbe , soll euch gehören ... Seht mal ... ich habe wirklich schöne Aussichten ... die Lokomobile wird bald in Ordnung sein ... und das Moor ist sehr einträglich ... fünfzehn Fuß geht ' s in die Tiefe ... wirklich , ihr könnt messen ! ... Das Fuder Torf bringt zehn Mark ... und eure Mitgift soll euch jährlich in Teilzahlungen auf Heller und Pfennig zugeschickt werden . « Er sah ihnen mit aufgerissenen Augen ins Gesicht , denn er erwartete , daß sie jetzt sofort zugreifen würden . Und als sie schwiegen , strich er sich ganz fassungslos mit der Hand über die Stirn , von der der kalte Schweiß herniederlief , und murmelte : » Ja - was kann ich denn noch ? ... Richtig - noch mehr will ich tun : ... Ich will mir den Hof vom Vater übergeben lassen und ihn dann euch zuschreiben , so daß wenn der Vater - stirbt , einer von euch Herr darauf wird ... Ich will ausziehen und nicht mehr wie Schwarz unterm Nagel mit mir tragen . - Ist euch das nun genug ? « Aber sie schwiegen . Da ward ihm zumute , als ginge alles unter , woran sein Glaube sich sonst festgehalten , als wiche der Boden unter seinen Füßen , als würde er selbst ins Leere hinausgeschleudert . Er faltete die Hände - seine Zähen klapperten - und wie entgeistert starrte er sie an . - » Ist es denn möglich ? Ihr wollt nicht ? Wollt wirklich nicht ? - Faßt ihr denn gar nicht , daß es eure Pflicht und Schuldigkeit ist gutzumachen , was ihr gesündigt habt ? ... Sagt euch euer Ehrgefühl nicht , daß ihr andere nicht ehrlos machen dürft ? ... Läßt euch euer Gewissen denn schlafen ? ... « » Höre auf , « sagte Ulrich , dem ein Gefühl des Unbehagens fröstelnd über den Nacken lief . » Nein , ich höre nicht auf ! Ich kann nicht so nach Hause gehen ... Wirklich , ich kann nicht ! ... Habt ihr denn gar keine Ahnung , was ihr angerichtet habt ... , welch ein Elend bei mir zu Hause herrscht ? « Und er schauderte zusammen in der Erinnerung an das , was er zurückgelassen hatte . - » Wenn ihr das wüßtet , ihr würdet so hart nicht sein ! ... Seht , Fritz und Ulrich ... ich kenn ' euch nun schon lange Zeit ... wir haben schon zusammen auf der Schulbank gesessen ... und sind zusammen ... vor den Altar getreten ... Ihr habt mir schon immer übel gewollt , und ich hab ' viel von euch zu erdulden gehabt , aber ... ich will alles vergessen , wenn ihr nur das eine gut macht . Ihr seid leichtsinnig , aber schlecht seid ihr nicht ... ihr könnt es ja nicht sein ... ihr habt ja auch eine Mutter gehabt ... ich hab ' sie gesehen ... sie hat bei der Einsegnung am dritten Pfeiler links gestanden und hat ... geweint , wie meine Mutter weinte . - Und meine Mutter - pfui doch , « unterbrach er sich , denn ihn überwältigte die Scham , daß er den Namen der Verklärten vor diesen Verführern in den Mund genommen hatte , aber seine Angst , ohne Trost heimkehren zu müssen , steigerte sich bis zum Wahnwitz , er schluckte auch das hinunter , und von neuem fing er an , während seine Gedanken schon irr durcheinander schossen : » Denkt euch mal , ihr geht jetzt ' raus zum Kirchhof ... und habt Schwestern ... die sind verführt ... und ihr , habt nicht gut achtgegeben auf die Schwestern ... und ihr wagt nicht , den Schnee zu berühren , der auf dem Grabe liegt ... und ich bin der Verführer ... was ... was würdet ihr tun ? « » Totschlagen würden wir dich , « sagte Ulrich , ihm einen verächtlichen Blick zuwerfend . Er stieß einen gellenden Schrei aus , denn jetzt kam das Bewußtsein , wie tief er sich erniedrigt , wie er seinen Stolz , seine Ehre im Kot gewälzt hatte , mit ganzer Gewalt über ihn ... Mit geballten Fäusten stürzte er auf Ulrich los . Der aber verschanzte sich hinter dem Tisch , und Fritz lief nach dem Nebenzimmer , um das Gesinde herbeizurufen . Da taumelte er hinaus . Das Hoftor war geschlossen wie vorhin . - Er wagte nicht zurückzukehren , um es öffnen zu lassen , und auf dem Bauche kroch er hinaus - wie ein Hund . - - Wie ein Hund ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - 18 » Der junge Herr führt ja mit einem Male ein lustiges Leben , « sagten die Knechte , und da nun doch alles drunter und drüber ging , stahlen sie einen Scheffel Korn nach dem andern . Paul aber trieb sich auf allen Lustbarkeiten und Tanzfesten umher , die in der Gegend stattfanden . - Wer ihn mit seinen finsteren Stirnfalten und dem scheuen , spähenden Blick in dem fröhlichen Gewühl auftauchen sah , der fragte sich wohl : » Was will der hier ? « Und mancher ging im Bogen um ihn herum , als sei ein Schatten auf seine Freude gefallen . Paul war sich wohl im klaren über den Weg , den er wandelte . - Er hatte gehört , daß die Erdmänner kein Fest vorübergehen ließen , ohne mitzufeiern - so toll , wie ' s eben anging . - » Ich werde sie zu treffen wissen , « sagte er , » die Nacht ist dunkel und die Heide einsam . Unter Gottes freiem Himmel sollen sie mir und dem Tode ins Antlitz sehen . « Drei Tage nach seinem letzten Besuche auf Lotkeim war er in die Stadt gefahren und hatte sich einen Revolver gekauft , einen schönen sechsläufigen mit langem , schlankem Laufe . Wie ein wildes Tier lauerte er nun nachts in den Büschen und Hohlwegen der Heide , wenn er glaubte , daß sie vorüberkämen . Aber sie kamen nicht . Sie schienen mißtrauisch geworden und hielten sich deshalb im Haus , oder , was wahrscheinlicher , das Geld war ihnen ausgegangen . - » Ich kann warten , « sagte er und setzte sein Treiben fort . Und wenn er eines Abends zu Hause blieb und mit den Schwestern gemeinsam am Abendbrottisch saß - ein schweigendes , trauriges Mahl - dann erschrak er jedesmal , sobald er aufschaute und die Züge der Mutter in zwei bleichen , abgehärmten Gesichtchen wiederfand . - Dann jagte es ihn stets aufs neue hinaus . - - Am Fastnachtabend war ' s , da wurde in dem Saale des Bürgervereins von den Landwirten der Umgegend ein großer Ball gefeiert . » Dort werd ' ich sie fassen , « sagte er sich , denn er hatte gehört , daß die beiden Brüder zum Vorstand des Festes gehörten . Als die Dämmerung herannahte , ließ er den Schlitten anspannen , verbarg den Revolver im Gesäßkasten und machte sich auf den Weg zur Stadt . Tagüber hatte die Sonne geschienen , nun lohte der Himmel in den Flammen des Abendrots . In bläuliche Schleier eingehüllt lag die Heide , und durch die klare Winterluft sprühten leuchtende Eiskristalle . Als er an Helenental vorüberfuhr , sah er zwei Schlitten mit Tannenzweigen beladen , die in den Gutsweg einbogen . » Mir scheint , dort soll ein Fest gefeiert werden , « murmelte er , den Schlitten nachblickend , und mit einem düsteren Lächeln setzte er hinzu : » Ich brauch ' nicht neidisch zu sein , ich feiere ja auch mein Fest heute ! « Um sechs Uhr kam er in der Stadt an , verschaffte sich eine Eintrittskarte und hockte bis zur neunten Stunde in dem Winkel einer Schenke , finster vor sich hinbrütend . Als er den Festsaal betreten hatte , in dem ein sinnbetäubender Wirrwarr leuchtend durcheinanderrauschte , verbarg er sich scheu in dem Schatten einer Säule , denn ihm war zumute , als stände lesbar für jedermann auf seiner Stirn der Mordgedanke geschrieben , der ihm die Seele erfüllte . Und plötzlich fuhr es wie ein Messerstich durch seine Brust . - Er hatte die Brüder gefunden . - In der Mitte des Saales standen sie stolz und strahlend , seidene Schleifen auf den Achseln , Maiglöckchen im Knopfloch , und spähten mit siegesgewissem Lächeln die Reihe der weißgekleideten Mädchen entlang , die die Wände schmückten . » So , - jetzt sind sie mir verfallen , « murmelte er mit einem tiefen Aufseufzen . Er fühlte , daß es kein Zurück mehr für ihn gab . Und dann verkroch er sich in eine verschwiegene Ecke , von der aus er seine Opfer im Auge behalten konnte . Der Lichterglanz strahlte sonnenhaft auf ihn hernieder ,