, der Tonheros ? « » Nicht so viel . Das ist ein überspannter Tropf . « » Gabriel ! « » O , Sie werden ja sehen - und kurzen Prozeß mit ihm machen . « » Schnell , meinen dunkelbauen Promenadenanzug , Gabriel . « » Mit dem Sonnenblumen-Orden ? « » Laß Deine Zirkuswitze von damals . « » Ach , Herr , damals war der dumme Aujust auch immer mit den schönsten Orden bemalt , von oben bis unten , vorn und hinten . Der Zirkus ist die vornehmste Welt , das Publikum abgerechnet , und die gelehrteste Welt ; so gelehrte Hunde und Schweine - bitte , hier in den linken Ärmel - immer diesen gebildeten Umgang - hier die Manschetten . Ein frisches Taschentuch gefällig ? München will eine Kunststadt sein und hat nicht einmal einen Zirkus . Die Kravatte sitzt schief , erlauben Sie . Der hochnäsige Musikant da drinn ' möcht ' sich wohl auch für einen Künstler ausgeben . Die Hose müssen wir wieder einmal glatt bügeln . Der Hochmut dieser Parterremusiker ! Die sollen sich erst einmal aufs Trapez schwingen oder auf die schwankende japanesische Leiter , ehe sie von Kunst reden wollen . Wir hatten einmal einen Musikklown - sonst ein ganz gemeiner Mensch , aber wie der in den höchsten Regionen geigte und eine glatte Serie von Saltomortales dazu machte ... « » Gabriel , hinkender Teufel , Du bist ein unverbesserlicher Schwätzer und Taugenichts . « » Wie Gott will , das heißt nach Schopenhauer wie der Wille will . « » Du hast wieder getrunken ? « » - ? - ! « » Marsch , pack ' Dich mit Deinem Willen auf Deinen Posten ! « » Immer der alte Schnee : der Wille mit der Marschroute . Der Wille will , was er muß . Also ist der Wille nicht das Ding an sich ... Das Ding an sich ist das Müssen . O Schopenhauer , dem dummen Aujust steht der Verstand still . « » Besser , es stünde ihm das Maul still . « Der Doktor lächelte dem forthumpelnden Diener nach . Der Musiker stand mit verschränkten Armen und zusammengekniffenen Lippen vor dem Bilde Schopenhauers . Er trug einen hellbraunen Überrock mit dunklem Samtkragen , etwas zu kurze Beinkleider , absatzlose Schnabelschuhe , gelbe waschlederne Handschuhe und um den Hals ein weißseidenes Tuch lose über dem modischen Stehkragen geknotet . Die Haare waren von der Stirn zurückgekämmt , bauschten sich an den Ohren auf und fielen als wirre Büschel auf die Schultern . Es war ein Gemisch von altfränkischer Künstlerziererei und modischer Sauberkeit in der ganzen Erscheinung . Aus den Zügen des nicht unangenehmen Gesichtes sprach fanatisches Selbstbewußtsein . Nachdem er die Begrüßung und Entschuldigung des eintretenden Doktors mit feierlicher Miene angehört und mit stummer Verbeugung erwidert , nahm er auf dem ihm angewiesenen Lehnstuhl Platz . Doktor Trostberg liebte es , sich der besseren Beobachtung wegen zu neuen Besuchen so zu setzen , daß sein Gesicht im Schatten blieb , während auf das des Gastes volles Licht fiel . » Womit kann ich Ihnen dienen ? « Indem Friedberg langsam die gelben Handschuhe abzog : » Ich komme aus Italien , wo ich mit meinem verehrten Meister Franz Liszt den Winter zu verleben pflege . In Neapel habe ich die Bekanntschaft des genialen Architekten und vielseitigen Reisenden Joseph Zwerger gemacht . Aus seinen Andeutungen schöpfte ich das Vertrauen , daß Sie meine Annäherung nicht abweisen würden . Ich glaube , unsere Wege bewegen sich nach dem nämlichen hohen Ziele : der überlegenen deutschen Kunst die Weltherrschaft zu sichern , zunächst durch eigene Produktion , dann durch Förderung des besseren Bekanntwerdens der Meisterwerke anderer , hauptsächlich Franz Liszts . « » Sie gestatten eine Unterbrechung : Sie sind Raucher ? Lassen Sie uns auch auf diesem Wege das nämliche hohe Ziel anstreben : hier Zigarretten aus Genidezetabak , russische Papyros , Feuer , bitte , bedienen Sie sich . Es hört und spricht sich besser beim Rauchen . « » Ich bin Tondichter - danke , es brennt schon ; Sie sind Wortdichter - vorzüglicher Tabak . Ich schlage Ihnen eine gemeinsame Arbeit vor . « » Ah , Sie wünschen ein Libretto für eine , große Oper . « » Nein . Wenigstens vorderhand nicht . Ich habe im Stile und unter den Augen und Ohren meines verehrten Meisters Franz Liszt umfangreiche , den Konzertabend füllende symphonische Tondichtungen geschaffen . Dazu bedarf ich eines fein ausgeführten , poetischen Programmes . Es handelt sich um Programm-Musik , verstehen Sie , für großes Orchester . « » Ich verstehe , Herr Friedberg . Darstellung bestimmter poetischer Stoffe durch Instrumentalmusik , wie die poetisierenden Symphonieen von Liszt , Berlioz , Raff , Romantik mit Pauken und Trompeten und so weiter ... « » Sie kommen mir wunderbar entgegen , Herr Doktor . Ich gehe aber weiter , als die Genannten , ich erweitere den Gedanken- und Gefühlsinhalt der Programm-Musik in neuen , eigenartigen Formen . « » Bitte , gehen Sie lieber nicht weiter ! Ich ahne alles , was kommt - und verwerfe alles . « Friedberg , die Zigarrette aus dem Munde nehmend , mit überlegenem Lächeln : » Wie vermögen Sie das ? « » Rund heraus : ich betrachte die ganze moderne Instrumentalmusik als einen kolossalen künstlerischen Irrtum ; ich negiere alle von Sebastian Bach bis auf Wagner und Brahms komponierte programmatische Musik grundsätzlich . Für mich ist Bach nicht weniger auf dem Holzweg , als Wagner ; Mozart und Beethoven nicht weniger , als Liszt und Brahms . Nur durch die im Verlaufe der Zeit und der Gewöhnung geschaffene Verderbnis des Gehörs sind wir überhaupt im stande , moderne Instrumentalmusik zu ertragen . All ' unsere Begriffe von Wohlklang und Übelklang , von melodisch und unmelodisch , von harmonisch und disharmonisch sind das Ergebnis einer grundfalschen musikalischen Erziehung . Späteren , natürlicheren Zeiten und Bildungszuständen wird es ganz unerklärlich bleiben , wie unsere so viel gepriesene Zivilisation diese unsinnige Instrumentalmusik so hoch und wichtig nehmen konnte . Ich finde sie widernatürlich , scheußlich . Was gibt uns denn diese Instrumentalmusik , die von einem siebzig bis hundert Mann starken Orchester in unsere armen Ohren geschmettert , gepfiffen , gestrichen , getrommelt und gepaukt wird , an gegenständlichen Klangfiguren und Klangzeichnungen ? Nicht so viel als uns zum Beispiel in der Malerei Tapeten- und Kleidermuster geben . Erwecken denn diese Striche , Linien , Punkte , Tupfen in allen erdenklichen kaleidoskopischen Durcheinanderschüttelungen , die alles malerischen Sinnes und Verstandes entbehren , erhabene Gefühle und Stimmungen in uns ? Das wird niemand zu behaupten wagen . Aber in unserer musiktollen Welt gibt es sogar geistreiche Leute , die sich nicht genieren , die musikalischen Striche , Linien , Punkte und Tupfen , die vom Orchester rhythmisch und harmonisch durcheinander gemischt werden , erhaben und entzückend zu finden . Wenn ich aber durch musikalisches Geräusch mich erheben und entzücken lassen will auf dem Wege sinnlich-sinnloser Klangeinwirkungen , so bedarf ich dazu gar keines Kunstapparates , keines kostspieligen Orchesters ; dazu reicht das musikalische Geräusch der Natur aus . Ja , ich finde , die einfache Natur wirkt noch viel tiefer und mächtiger . Oder welche Instrumentalmusik reicht denn an die rührenden , beseligenden , erschreckenden Wirkungen heran , welche auf unser Gemüt das Rauschen des Waldes , das Brausen des Sturmes , das Heulen des Windes , das Pfeifen des Hagelschlages , das Rollen des Donners , das Säuseln und Schauern der Luft , der Gesang der Vögel , das Plätschern des Baches , das Murmeln des Quells und so weiter hervorrufen ? Für den denkenden und phantasievollen Menschen ist hier auch eine ganz andere Fülle innerer Gesichte und Gedankenverkündungen , als in der wort-und gedankenlosen Instrumentalmusik für großes und kleines Orchester . Sublim , rufen unsere Musiklärmschwärmer ! Dann ist die Münchener Bockmusik auch sublim , und die Tanzmusik nicht weniger erhaben , als die prätentiösen Konzert-Ouvertüren Mendelssohns und Schumanns ... « Der Musiker hatte den Kopf zurückgeworfen , die Zigarrette mit den Zähnen zerbissen und drückte und kneipte jetzt mit den langen , knochigen Fingern an seinem Halse herum , als würge ihn etwas zum Ersticken . Endlich brachte er zerhackt die Frage heraus : » Aber die Verbindung von Wort und Ton , die Verschmelzung von Poesie und Musik zu völliger Einheit , wie in Wagners Musikdramen , lassen Sie gelten ? « » Bedingungsweise , Poesie und Musik vereinigt , aber unter Vorherrschaft der Poesie . « » So , so . Da werden wir uns hart thun . Übrigens grau ist alle Theorie . Das fertige Kunstwerk entscheidet . Wenn Sie erst einmal eine meiner Hauptschöpfungen gehört , empfunden , sozusagen erlebt haben , denken Sie - ich wage das zu hoffen - über gewisse fundamentale Punkte vielleicht weniger schroff . Aber lassen wir das heute auf sich beruhen . Noch etwas Anderes ließ mich auf des Herrn Zwerger Andeutungen hin die Ehre Ihrer Bekanntschaft suchen ... « » Herr Zwerger , ja , ja , der ist immer stark in Andeutungen . Er hat merkwürdige Schrullen . Wie geht ' s ihm denn ? Ich habe so lange nichts mehr von ihm gehört . Nach Epochen absoluter Ruhe pflegt er loszubrechen wie ein scheintoter Krater und seine Briefe und Mitteilungen kommen dann glühend dahergerast wie verheerende Lavaströme . Gegenwärtig scheint seine vulkanische Natur in der Ruheperiode zu sein . « » Ich kenne ihn nur so weit , daß ich ihn als einen ungewöhnlichen Menschen schätzen lernte . Es scheint ihm gut zu gehen . Meine Beobachtung stimmt mit der Ihrigen . Er ist ein wunderbares Gemisch von Sanftmut und Wildheit , von Ruhe und zehrender Ungeduld . Ein scheintoter Krater , wie Sie sehr richtig sagen . Also : er machte mir Andeutungen von Ihren einflußreichen Beziehungen zu Bayerns erhabenem Kunstfürsten in Ihrer Eigenschaft als geheimer Hof-Theaterdichter . « » Erlauben Sie , da ist er in einem Wahn befangen wie so viele , die wenigstens besser unterrichtet sein könnten . Was für Klatschereien über die Umgebung des Königs und seine intimsten Verhältnisse machen heute die Runde um die Welt ! « » Je nun , Hochachtung vor Ihrer Bescheidenheit , Herr Doktor ; mir dürfen Sie in aller Aufrichtigkeit einräumen , daß Sie gute Beziehungen haben . Die haben Sie , nicht wahr ? Nun hören Sie . Wie König Ludwig für den Meister von Bayreuth mit seiner königlichen Kasse und seiner königlichen Protektion eingetreten , so wünschen wir - meine Wenigkeit und ein anderer Tonkünstler meiner Schule - daß seine Majestät für unsere Richtung , für die neueste programmatische Zukunftsmusik , uns seine huldvolle Protektion zu leihen geruhe . Nichts weiter als seine ideale Protektion . Kein anderer Fürst in der Welt hat diesen macht- und glanzvollen Namen als Schirmherr der Kunst wie Ludwig von Bayern . Und nur um die Gunst des Namens ist es uns zu thun , um die Weihe unserer Bestrebungen durch sein erhabenes Protektorat . Wie die Fürstin Wittgenstein so treffend zu Wagner sagte : Notre art est un art de millionaire , so können wir Jüngsten auch von unserer Kunst sagen : sie ist eine Kunst für Millionäre . Wir verschwistern die älteste Weltmacht Kunst und die neueste Weltmacht Kapitalismus zu ideal-praktischem Bunde , das Genie der Millionen mit dem Genie der Muse ... « » Ihre Zigarrette ist ausgegangen . « » Die Millionen sind auf unserer Seite ... « Doktor Trostberg hielt dem Sprecher ein brennendes Streichholz hin und fixierte ihn mit kaltem Blicke . » Mein Mitstrebender ist ein naher Verwandter Rothschilds ... « » So . Sie wollen nicht mehr anzünden ? « Friedberg achtete keiner Unterbrechung . Er schüttelte nur seine schwarze Mähne , daß ihm das Haargewirr über die Ohren ins Gesicht flog . » Auf der einen Seite der König der Finanz , auf der andern Seite - - verstehen Sie ? Die Kombinationen sind unabsehbar . Wir gründen zunächst eine internationale Programm-Musikgesellschaft mit dem Sitz in München ; wir werben ein internationales Riesenorchester an ; wir nehmen der Reihe nach sämtliche erste Konzertinstitute und Musiksäle der größten Kunstzentren in Pacht , mit München beginnend , zur ausschließlichen Aufführung unserer Werke ... « » Verzeihen Sie , es hat geklingelt . Ich kann nicht länger über mich verfügen . « » Ich werde Ihnen unseren Plan schriftlich mitteilen . Ich kann auf Ihre Fürsprache bei dem Könige rechnen , sobald Sie etwas Positives schriftlich von uns in Händen haben , Herr Doktor ? Ich bin ja nur auf der Durchreise hier , zur Sondierung ... « » Gestatten Sie , daß ich Ihnen auch etwas Positives schriftlich mitgebe , eine Empfehlung an einen einflußreichen , kunstverständigen Freund ... Sie können davon Gebrauch machen , sobald Sie wiederkehren . « Friedberg stand hoch aufgerichtet da . Trotz seiner Erregung war während des Redens die fahle Farbe seines Gesichtes nur blässer geworden . Doktor Trostberg überreichte ihm ein Kuvert mit seiner Karte , darauf er mit Bleistift bloß die Worte geschrieben : » Herrn Direktor Dr. von Gudden . « Den internationalen Tonheros-Millionär zur Thür geleitend , verabschiedete er ihn mit einer Verbeugung : » Die Adresse können Sie im Gebrauchsfalle sehr leicht erfragen . Auf Wiedersehen . « » Ich habe die Ehre , Herr Doktor . « » Wer hat geklingelt , Gabriel ? Es ist ja niemand da ? « » Verzeihung , ich habe selbst geklingelt , gnädiger Herr , um das Zeichen zum Aufbruch zu geben . « » Großartig . Du nimmst Dir Freiheiten heraus - « » Ich habe vergessen , Herr Doktor : der Maler ist auch schon dagewesen und hat das Bild wieder gebracht . Der Herr Süßmann - - « » Hat ' s also nicht loszuschlagen vermocht ? Das hat man von den Kunstvereinsgewinnsten . Siebenhundert Mark Wert schreiben sie darauf , aber kein Mensch mag ' s um diesen Preis , nicht einmal um die Hälfte , nicht um ein Drittes . O Kunststadt ! « » Amen . Gerade jetzt hätten wir Baargeld so notwendig . Man kann zwar sehr gut von Schulden leben , wenn man sich ' s ordentlich einteilt . Aber das ist der Pessimismus : man kann sich ' s auf die Länge nicht ordentlich einteilen ... « » Hansnarr ! Wo ist das Bild ? Lass ' mal sehen . « Gabriel schleppte den Kunstvereinsgewinn aus der Küche herbei : » Wären die Viecher doch nur lebendig , das gäb ' ein Schlachtfest ... Was thut man nicht aus Verzweiflung . Man hängt doch lieber Schinken in den Schlot , als ein ungenießbares Oelgemälde ... « » Geh , Barbar . Stell ' es weiter nach links , da ist das Licht besser . Gut . Prächtiger Rahmen . Ein Schweinestall im Freien heißt das sinnige Gemälde . Von irgend einem berühmten Polaken , Schubiakowski , oder so ähnlich , mir ganz unbekannt . Moderne Hellmalerei , hm . Das ist ein schlechter Verkaufsartikel . Ein klassisch geschundener Heiliger oder Raubritter oder sonst etwas Ewigdummes aus der Mythologie würde eher einen begeisterten Käufer finden . « » In der Ecke hockt die Sau . « » Mutterschwein , sagt man . « » Diese Frau Mutter von einem Schwein ist die schönste Sau , die ich in meiner Künstlerlaufbahn gesehen ; für den Zirkus schon zu fett . Da kommt man mit der Dressur nimmer durch . Ach , wenn ich an sie denke , die Genossin meines Ruhms und meiner Leiden ... « » Im Vordergrunde tummeln sich drei , sechs , acht , zehn Ferkeln , weiß und zart , ein Bild des Frohsinns und Lebens . Ein ideales Familien-Idyll . « » Darüber hängt an einer Borste das Schwert des Damokles in Gestalt des unsichtbaren Schlächtermessers . Wollen wir den armen Opfern eine Thräne weihen , Herr Doktor ? « Gabriel trat einen Schritt zurück , betrachtete von der Seite seinen Herrn mit einer spöttischen Fratze . Seine Augen gingen vom Bild zum Doktor und vom Doktor wieder zum Bild und machten unterwegs Abstecher nach unten und oben ; die alte Klownsnatur bekam so mächtiges Oberwasser , daß alle philosophischen Anwandlungen in grotesker Verzerrung zur gemeinen Spaßhaftigkeit mit fortgerissen wurden . » Wie viel Schweine haben Sie gezählt , Herr Doktor ? Zehn junge und ein altes ? Ich bringe mehr heraus ... « » Ich auch , wenn ich Dich mitrechne . « » Ich bin nicht so anspruchsvoll , daß ich bei jeder Volkszählung dabei sein muß . Ich zähle nur die sogenannten Menschen auf dem Bilde mit ... « » Ja , über die Bretterwand hinweg sieht ein Bursche mit einem Kinde im Arm und eine Frau mit einem Kübel , aus dem sie den Trog füllte . Der Maler hat aber offenbar seine ganze Hochachtung und Kunst nur den Schweinen gewidmet . Die Menschen sind den Tieren gegenüber sehr schlecht weggekommen . « » Eigentlich sind die Menschen die wahren Schweine . « » Esel , das ist das neue Kunstprinzip der Hellmaler , die Menschen wie die Schweine und die Schweine wie die Menschen darzustellen . Das ist der sogenannte Naturalismus . « » Das leuchtet mir ein , gnädiger Herr , ohne daß Sie sich in Avancements-Unkosten zu stürzen brauchen meinetwegen . Den Esel hebe ich mir auf , wenn ich wieder Schopenhauer studiere . « » Sei nur nicht gleich empfindlich , mein kluger Engel Gabriel . « » Erzengel , Herr Doktor . « » Erzschuft . « Und der Doktor streichelte dem Exklown die verrunzelte Wange . » Siehst Du , die Menschen sind so ausdruckslos und stumpfsinnig auf dem Bilde und die Schweine so nett und aufgeweckt ; auf den Gesichtern der Menschen liegt der Schmutz faustdick und die Schweine sind so frisch gewaschen in ihren weißen , rosigen Borstenhemdchen , so wunderschön glatt und gepflegt , und wie sie sich lustig grunzend zum Troge drängen und sich drücken und die Rüssel sich wie liebkosend an einander reiben . Geh ' , es ist ein reizendes Bild . « Gabriel streichelte die gemalte Muttersau , ging mit dem Zeigefinger den Ringeln ihres Schwänzchens nach , tippte an ihrem milchgeschwollenen Bauche herum - und leckte sich dann die Finger , ab . » Suk , suk , suk ... « » Pfui , Gabrielchen . « » Schade , daß nichts dahinter ist . Alles nur Vorstellung , wie bei Schopenhauer . « » Du bist mir der rechte Spiritualist und Metaphysikus ; Deine Vorstellungen gehen immer nach der Speckseite , nach dem schweinernen Grund der Dinge . « Es klopfte an der Thür . Durch das Vorflurfenster spottete das blonde , löwenmähnig umwallte Gesicht des Doktors Erwin Hammer von den » Ungespundeten « herein . Er trommelte stürmisch an die Scheibe . » Fort mit dem Bilde in die Küche ! « befahl Trostberg . » Na , der würde uns schön auslachen . Dem ist nichts heilig , nicht einmal der Kunstschweinsgenuß . Verschließ ' es gut . Wir versilbern ' s doch noch . « » Ich bringe angenehmen Würzburger Besuch Trostberg . Öffne Dein Zauberschloß ! « » Gleich , gleich . Ein Gedanke , Gabriel ! Vergiß nicht , den Schweinstall im Freien dem Herrn Kommerzienrat Raßler anbieten zu lassen . Vielleicht heimelt ihn das Sujet an . Aber nicht sagen , wo das Bild herkommt ! Preis dreitausend Mark ! Der Maler mit dem unaussprechlichen polnischen Namen sei der größte Schweinekünstler des Jahrhunderts , ein Spezialist von Weltruf , sei mehrfach geadelt und Inhaber von neunundneunzig Orden , male nur zu seinem Vergnügen , daher der billige Preis . Das wird dem Kunstfreund imponieren ... Verstanden Gabriel ? Heute noch besorgen ! « Während Gabriel den Auftrag seines Herrn beifällig begrunzend , mit dem Bilde in der Küche verschwand , öffnete Doktor Trostberg gravitätisch die Hausthür . » Ah , was sehe ich , welche Überraschung , ist es denn möglich , sind Sie ' s - bist Du ' s wirklich , Oberamtsrichter , Regierungsrat , Finanzdirektor oder wie Du dich sonst betitelst . Du avancierst ja immer . Deine Karriere ist der reine Blitzzug ... Es ist eine Ewigkeit her - ! « » Hab ' ich ' s nicht gesagt , ich bringe angenehmen Besuch ? « tenorte der Ungespundete und schob den etwas verdutzten Herrn mit der gestrengen , selbstbewußten , typischen Beamtenphysiognomie und der goldenen Brille und dem provinzlerhaft sorgfältigen Anzug über die Schwelle . » So , jetzt habt Ihr Euch . Empfehle mich . Heute Abend bei den Ungespundeten sehen wir uns wieder . Addio , Regierungsrat . « » Komm ' doch auf einen Sprung mit herein , Doktor Hammer ! « » Bedaure , hab ' keine Zeit . Bin auf der Suche nach Drillinger . Weißt Du was von ihm ? « Trostberg schüttelte den Kopf , während er die beiden Hände des Regierungsrats aus Würzburg faßte . » Entschuldige nur ... « » Also nochmals Addio . « » Das ist kein Haus , das ist ein Taubenschlag , « brummelte Gabriel , indem er das Bild gegen die rußige Wand lehnte ; er setzte sich auf den Küchentisch und nahm behaglich eine Zigarrette aus dem Päckchen . » Für den Schnabel . Ei , das schmeckt gut , wie ein Kraut aus dem Paradies . Besser noch , wie ein Kuß , ein frisch gebackener , im Frühling . « Und er blies kunstvolle Ringe und schmatzte den luftigen Gebilden nach und streckte die Arme aus und reckte sich . » Jetzt wär ' ich aufgelegt ... « Nach kurzem Besinnen holte er sich aus einer alten Kohlenkiste eine » aufgesparte « Kognakflasche hervor , that einen kräftigen Zug : » Hurrah , es lebe der Zirkus Trostberg ! « und noch einen : » Der Zirkus Schopenhauer ! « und noch einen : » Was wir lieben ! « Nachdem er die Flasche wieder versteckt , warf er den Kopf in den Nacken , klatschte leise in die Hände und rief im Zirkusjargon : » Mjusik , Mjusik ! « Dann setzte er sich auf den Tisch und jonglierte mit Korkstöpseln .... Die Thür weit aufstoßend , war Trostberg inzwischen mit seinem Freund Regierungsrat Arm in Arm in den » Tempel der Weltlitteratur « geschritten ... Der Regierungsrat kniff die dünnen Lippen zusammen , rückte an seiner goldnen Brille auf der scharfkantigen Nase herum , strich sich die glatt gescheitelten , fest an dem birnförmigen , knochigen Kopf klebenden graumelierten Haare und sagte kühl und scharf : » Erlaube zunächst eine Vorbemerkung , verehrter Freund : dieser Erwin Hammer mit seinem geräuschvollen Wesen will mir gar nicht mehr gefallen . Er spricht so laut und frei , daß die Leute auf der Straße stehen bleiben . Unsereiner kommt ordentlich in Verlegenheit . Das geht nicht . Man kann von Kollegen , von Vorgesetzten beobachtet werden . Verstehst Du ? Und diese gefährliche Aufspielerei : ungespundet ! Was ist denn für ein Geist in die Leute gefahren ? Sie sollten doch mehr Rücksicht auf unsere Situation nehmen . Man muß sich wahrlich scheuen , mit ihnen umzugehen . Zumal jetzt , - wir sind doch unbelauscht ? - ! - wo so bedeutsame Veränderungen in der Luft liegen . Wir Diener des Staates - ich komme soeben vom Minister - - Du verstehst mich doch ? Die Zeiten ändern sich . Tempora ... « » Mutantur , nos et mutamur in illis . Aber das wird sich gleich aufklären . Bitte , mach Dir ' s nur erst bequem . « Trostberg eilte in die Küche : » Gabriel , ich bin nicht zu Hause , bis der Lateiner da d ' rin fort ist . Ich bin für niemand zu sprechen - hüte die Thür ! Nur für den Fall , daß ein Kurier - « Damit war der Sprecher schon davon . Der Diener vollendete mimisch den Satz , indem er den Kopf ehrfürchtig neigte und die Arme auf der Brust kreuzte . » Seiner Majestät allerunterthänigster Diener . « Gabriel humpelte an die Hausthür und wollte den Riegel vorschieben . Zuvor steckte er den Kopf lauernd hinaus . » Ah , ah , ah , ' s Wäschermädel ... Pst , pst ! ... Leise herein ; so , weiße Unschuld , das hast Du schlau erwischt , Anna . « » Die Wäsche für den gnädigen Herrn ! « wollte die Prinzeß vom Waschkessel heraustrompeten und ihren Korb auf die Schwelle stellen , um die betreffenden Wäschestücke herauszunehmen . Schnell hielt ihr Gabriel den Mund zu und zog sie hinter die Thür , schob den Riegel vor und geleitete das erstaunte Wäschermädchen in das Schlafzimmer , immer auf den Zehenspitzen und mit dem Finger an den Lippen Schweigen gebietend . Er schob Anna , die sich leise sträubte , in die Fensternische , hinter den Vorhang ; mit großen verwunderten Augen blickte das Mädchen bald auf den drolligen Diener , bald durch die Scheiben in den kleinen heimlichen Garten . » Ja , was ist ' s denn ? « fragte sie schüchtern . » Jetzt dürfen wir schon lauter schwatzen , hübscher Schneck . Da hört uns niemand . Der gnädige Herr hat hohen Besuch . Ein Lateiner ! Da geht ' s auf Leben und Tod ! « » O Gott , « machte das Mädchen . » Lassen Sie mich gleich wieder fort , ich fürcht ' mich . Dort im Korb - « » Pressiert nicht , « grinste der Exklown , nahm seine süßeste , verführerischste Maske vor , tätschelte Annas Wangen , strich wie zufällig über ihre Hüften hinab und schwatzte dabei in einem Zuge , ein Gesicht dem ihrigen nähernd : » Das ist die merkwürdige Geschichte von dem Ding an sich , Wie der Philosoph Schopenhauer gesungen hat : Es fühlt wohl jeder Mann einmal ' neu Hang zum Wäscherpersonal . Hast gut gewaschen ? Ordentlich gebügelt ? Recht steif gemacht ? Der gnädige Herr mag ' s recht steif . O , weißt Du , der will ' s extra ; die Hemden , die Kragen , das heißt , besonders die Manschetten recht steif , wie Blech . Du bist ein süßer Schneck . « Das Mädchen machte sich von dem Zudringlichen los , schlüpfte unter den Vorhang weg , packte eilig die Wäsche aus und legte sie aufs Bett . » Und da ist die Rechnung , die zwei letzten sind auch noch dabei . Ich soll das Geld ja mitbringen , sagte die Frau Huber . « » O das pressiert nicht , und dann schau , Schneckerl , Du könntest ' s verlieren . Wir schicken Dir ' s mit der Post , mit der Eisenbahn , mit dem Telegraphen , mit dem Telephon , oder mit einem noch neueren Instrument , das g ' rad erfunden wird . Heut nicht und morgen auch nicht , schau , Schneckerl , aber im nächsten Schaltjahr , da haben wir einen Tag mehr , den heben wir uns extra auf fürs Schuldenzahlen . Also einen recht schönen Gruß an die Frau Huber . « Dabei bemühte er sich wieder , das Mädchen in seine Arme zu bekommen . Der frische Geruch ihrer Kleider , der warme Duft , den ihr junger , gesunder Leib atmete , dazu ihre Angst , in dem fremden Schlafgemach mit dem dämmerig verhüllten Fenster durch ein zu lautes Wort Skandal herbeizuführen , und zugleich ihr Bemühen , den verliebten Possenreißer abzuwehren , wodurch ihre Aufregung nur vermehrt wurde : das alles berauschte den sinnlichen Menschen und machte ihn kühner und frecher . » Schau , « flüsterte er heiß und seine Augen zwinkerten lüstern , » wir sind abgebrannt , wir brennen immer ab , das Lehel ist überhaupt feuergefährlich , gestern hat ' s auch in der Schneiderei gebrannt - « Jetzt umschlang er sie mit beiden Armen und zog sie zu sich nieder auf das alte Ledersopha , das dem Bette gegenüber an der Wand stand - » Erzähl ' mir von dem Feuer in der Schneiderei , komm ' Schneckerl , das interessiert mich . Der Schneider ist ein guter Freund von mir und die Schneiderin ist auch eine gute Freundin von mir ... « » O Sie Schwindler , es ist ja gar keine Schneiderin da . Die Frau ist längst gestorben . « » Das macht nichts . « » Hören Sie auf ! Sie thun mir weh ... « Sie preßte die Beine zusammen , machte sich ganz steif und versuchte mit dem Ellbogen zu stoßen . » Warum wehrst Du Dich denn so ? « » Oh , aber nein ... Pfui . Lassen Sie mich los ! « » Wie ist denn ' s Feuer angegangen ? « » Ich erstick ' ja ... « stöhnte Anna und mühte sich verzweifelt , aus der leidenschaftlichen Umklammerung des Gewaltthätigen sich loszuringen . » Das Feuer ... « » Ich mag nicht . Sie halten mich auch für so eine ... « Schon glaubte der Exklown mit der Ermattenden gewonnenes Spiel zu haben , als Anna durch eine geschickte Bewegung ihren rechten Arm freimachen und dem Zudringlichen eine so saftige Ohrfeige und einen Schlag auf sein Kunstgebiß versetzen konnte , daß er die Engel im Himmel in allen Tonarten singen hörte . Am liebsten hätte sie ihn erdrosselt . » Mit mir geht ' s nicht so leicht , wie mit der Monika , « schrie zornig das Mädchen , schüttelte ihre Kleider und steckte sich flink die Haare zurecht . » Wir wissen schon , was Sie mit der gemacht haben , Sie ... « » Pst , pst ! « jammerte Gabriel und hielt sich vor