dem Glase , welches Martin pünktlich füllte , mit unbewußtem Fleiße zu und wurde darüber fast aufgeweckt und zutraulich . Dies gewahrend , ging jener selbst in den Keller , ein paar bessere Flaschen auszusuchen ; es kam ihn die Laune an , den Tag seines Einzuges ins Rathaus zu Münsterburg durch solche Mildtätigkeit an dem verarmten Manne zu feiern . Die Frau holte indessen gern neue Gläser herbei , den Gast freundlich unterhaltend ; denn auch sie empfand ein seltsames Mitleid mit ihm , und sie glaubte vielleicht , sein Schicksal oder anderes Unheil von ihrem Martin abzuwenden , indem sie sich gegen das Unglück menschlich erwies . Salander sprach einiges von den Ratsangelegenheiten zu dem redseliger werdenden Herrn Kleinpeter und glaubte ihn nach diesem oder jenem Verhältnis und dem Standpunkt , den er dazu eingenommen , befragen zu sollen ; allein obschon der Vorgänger nicht viel länger als ein halbes Jahr keiner Sitzung mehr beigewohnt , so war es doch , als ob alles wie ein Traum hinter ihm läge . Er besann sich kaum auf die Dinge und beantwortete die Fragen gleichgültig und ungenau , während das Gesicht sich wieder zu trüben begann . Salander entkorkte sogleich eine der Flaschen , die Frau nahm sie und füllte zwei Gläser , deren lieblicher Duft sich verbreitete und das Herbstsönnchen auf das blasse Gesicht zurückrief . Das ruhig teilnehmende Wesen dieser Eheleute , der tiefe Frieden , der zwischen ihnen zu walten schien , und der die Nerven belebende Wein ließen ihn jeden Unstern vergessen und machten sein Herz fröhlich , so daß er mit schwimmenden Augen und geröteten Backen dasaß und freiwillig begann , alte Drolligkeiten und Geschichten aus dem ländlichen Amtsleben zu erzählen , bis die erste der feinen Flaschen zu Ende ging . Während Salander die zweite zurechtmachte und der Gast mit froher Aufmerksamkeit zuschaute , benutzte Frau Marie die Pause , ihn zu fragen , welchen Familienbestand er zu Hause besitze und ob alles gesund sei . Da sah sie der Mann wie aus süßem Schlafe geweckt groß an , die glückselige Weinröte verzog sich gegen die Augen hinauf , die so schon glühten , er ließ den Kopf sinken , stützte ihn auf die Hände und weinte gleich darauf wie ein kleines Kind . Erstaunt und erschrocken betrachteten Martin und Marie Salander den Vorgang und den gewaltsam schütternden , angegrauten Kopf vor ihnen . Doch standen sie von ihren Stühlen auf , sich um den schluchzenden Gast zu bemühen und ihn aufzurichten . Es gelang zuletzt ; doch stand er beschämt vor ihnen , entschuldigte sich wegen des krankhaften Anfalles , wie er sich ausdrückte , und wollte sich entfernen . Salander sah aber wohl , daß es nicht eigentlich das » trunkene Elend « war , das ihn befallen , wie man landesüblich das Weinen der Betrunkenen nennt , sondern die plötzliche Erinnerung an ein unglückliches Dasein , welche den widerstandsarmen Altrat übermannt hatte . Er redete ihm daher freundlich zu , sich zu setzen und zu erholen . » Bereite uns jetzt einen guten schwarzen Kaffee , « sagte er zur Gattin , » nachher wird uns die andere Flasche um so besser munden ; denn die muß Herr Kleinpeter noch trinken helfen ! « Frau Salander besorgte den Kaffee auf das beste und ließ es nicht an einem Gläschen alten Kirschgeistes fehlen . So dauerte es nicht lange , bis die Gedrücktheit des neuen Gastfreundes abermals wich und das Feld der froheren Laune überließ , welche das unverhoffte Wohlergehen nicht durch ihre Abwesenheit verabsäumen wollte . Kleinpeter wurde wieder so gesprächig und offenherzig , daß er mit beruhigten Sinnen selbst auf den Ursprung des krampfhaften Tränenvergießens zurückkam ; ein Wort gab das andere , und da er vielleicht zum ersten Mal einer teilnehmenden Aufmerksamkeit begegnete , erzählte er unbefangen und aufrichtig , wie es sich mit ihm verhalte . In Zeit einer Stunde wußten Martin und Marie Salander so ziemlich seine Geschichte , nach Maßgabe ihres Verständnisses . Der Alt-Großrat Kleinpeter war ein geringer Fabrikant von Baumwolltüchern gewesen , mit einigem Vermögen das vom Vater überkommene Geschäft vorsichtig und gemächlich fortbetreibend , ohne stark vorwärts , aber auch ohne zurückzugehen . Als ein umgänglicher und beliebter Mann setzte er mehr Wert auf die Anforderungen des gesellschaftlichen und bürgerlichen Verkehres als auf den Erwerb von Reichtümern . Ein eitles , leichtsinniges Weib , das er geheiratet , trieb ihn noch dazu an ; denn sie setzte das unschuldige Ansehen , dessen er sich erfreute , auf ihre alleinige Rechnung und spreizte sich in demselben wie ein Pfau . Alles , was er tat , war ihre Tugend , was an ihm gefiel , ihr persönlicher Vorzug , was ihm widerfuhr , ihr Verdienst . Es war ihr Mann , von dem man sprach und mit dem sie großtat , und weiter nichts , und überall wollte sie dabei sein , wo er hinging ; auch fuhr sie allein im Lande herum , sooft sie konnte , sich sehen zu lassen und zu prahlen . Zu Haus aber machte sie ihm das Leben sauer durch die verächtliche Art , mit der sie sein Tun und Lassen und ihn selbst zu behandeln sich förmlich die Mühe gab , damit er ja nicht gegen sie aufzukommen sich unterstehe . Auch sonst lebte er schlecht in seinem Hause , weil ihr alles zu viel war , was einer Sorgfalt gleichsah . Zwei heranwachsende Söhne schlugen in ihre Art. Als Kleinpeter , dem just kein Besserer im Lichte stand , zum Mitgliede des Großen Rats und bald zum Amtsstatthalter gewählt wurde , stieg der Hochmut der Frau auf den höchsten Gipfel . Die Titel schienen nur für sie da zu sein , und es war niemandem zu raten , sie nicht mit dem einen oder anderen anzureden . Und während sie dem ärmsten Mann es mißgönnte und ihn beinahe haßte , weil er doch der Inhaber der Titel war , benutzte sie dieselben wiederum , das damit verbundene Ansehen zum Schuldenmachen und anderen Mißbräuchen auszubeuten . Hierin fand sie bald genügende Aushilfe , als die Söhne die Verwaltung der bescheidenen Fabrik übernahmen , die der Vater ihnen überließ , um sich ausschließlich seinem Amte zu widmen und Frieden zu haben . Darin täuschte er sich arg . Die Söhne waren seit dem Verlassen der Schulen nicht vom Fleck zu bringen gewesen , um etwas von der Welt zu sehen und zu lernen , woran auch der Vater schuld war , der sie nicht dazu gezwungen und sie zu Hause herumlungern ließ , wo sie sich nur die Gemütsroheit und ungeschliffenen Sitten der Mutter und einer Anzahl von Gesellen gleichen Schlages zum Vorbild nahmen . Anstatt das Geschäft ordnungsgemäß zu führen , vernachlässigten sie dasselbe und gerieten in die ärgste Wechselreiterei , ohne daß etwas verdient wurde . Da zogen sie dann stets den Vater Statthalter mit hinein , der sich verbürgen oder geradezu seinen Namen auf die Papiere setzen mußte ; und auch die Frau Statthalter und Großrätin entblödete sich nicht , ihm mit Schuldpapieren zum Unterschreiben zu kommen . Die von ihm mitunterzeichneten Wechsel und Obligi waren lange Zeit immer unterzubringen , kehrten nach weitläufigen Wanderschaften zu ihm allein zurück und mußten mit saurer Mühe und tausend Sorgen von ihm eingelöst werden . Das alles ging unter stetem Zank und Streit vor sich , da Mutter und Söhne sich immer gröber und unverschämter gegen ihn betrugen , als ob er ein schlechter Hausvater wäre . Dies Elend zu vertuschen und den Lärm , der täglich auszubrechen drohte , zum Schweigen zu bringen , mußte er um seiner Ämter willen immer nachgeben . Er hatte seine Amtsstube mit einem Schlafzimmerchen in ein kleines Nebengebäude verlegt , um Ruhe zu finden . Allein das Weib ließ sich das nicht anfechten . Sie kam während der Audienzen , die er hielt , oder der Verhöre , die er leitete , durch die Amtsstube gelaufen mit brutalem Auf-und Zuschlagen der Türen , wenn sie nicht zu Wort kommen konnte . Sogar den Schreiber , den Polizeisoldaten und den Amtsboten des Statthalters suchte sie mit einer ganz einfältigen Falschheit und Untreue zu geheimen Gegnern des Mannes zu machen , der doch in all seiner Schwäche die Stütze des Hauses blieb bis zum Zusammenbruche . Und niemanden gab es , der ihn klagen gehört . Ach , er wußte gut , warum er schwieg ; denn niemand würde geglaubt haben , daß ein Mensch , welcher im eigenen Hause so elend dastand , das Wohl des Landes beraten und fremde Leute zu regieren sich unterstehen könnte . Wie aber alles Menschliche ein Ende nimmt , ging es auch hier dem Feierabend so vielen Unrechtes und Leidens entgegen . Die Arbeiter waren wegen rückständiger Löhne schon aus der Fabrik weggeblieben und anderwärts angestellt worden . Trotzdem hatten die Söhne noch bedeutende Ankäufe von Garn gemacht , dieses aber sofort versetzt , und als der Zahlungstermin nahte , besaßen sie weder Garn noch Tuch noch Geld und liefen Gefahr , des betrügerischen Bankrotts verdächtig zu werden . Mit dieser schönen Enthüllung überfielen sie den Vater , als die fälligen Wechsel vorgewiesen wurden , in der Morgenfrühe , natürlich wieder im Tone des Vorwurfes , daß er sie in ein so erbärmliches Fabriklein hineingesetzt habe . Und als er hilflos dastand und fragte , wo er um Gottes willen auch Geld hernehmen sollte , da ja alles verpfändet und überschuldet sei , verwiesen sie ihn frech auf die von ihm bezogenen Steuergelder , die bequem bereitlägen und für den Augenblick ohne Gefahr in Anspruch genommen werden dürften . Der Vater wurde blaß . » Es ist mir genau vorgeschrieben , « sagte er , » wieviel Gelder ich im Hause behalten darf und wann ich sie an die Staatskasse abführen muß , abgesehen davon , daß ich meine Hand nicht auf irgend andere Art unter den Deckel stecke ! « » So haben wir morgen die Insolvenzerklärung ! « sagten sie ; » Kleinpeter und Söhne heißt ja die Firma ! « Sie schauten in der Stube umher , nach der alten Geldkiste , wo die denn hingekommen sei . Der Vater hatte sie kürzlich in eine andere Ecke geschleppt und an den Boden festgeschraubt , unter welchem sich dort ein starker Balken hinzog . Eben stand die Kiste offen ; der eiserne Deckel war zurückgeschlagen , in einer Abteilung lag in Rollen abgezähltes Geld nebst einem Pakete Banknoten und obenauf ein mit den betreffenden Zahlenangaben beschriebener Zettel . Der ältere Sohn schritt unverweilt nach der offenen Kasse und ergriff den Zettel , indem er rief : » Hier ist mehr als genug für den Augenblick ! Der vierte Teil sogar genügt , und später wird sich Rat schaffen lassen ! « Gleichzeitig wollte er nach den Banknoten greifen . Doch der Ratsherr stürzte sich dazwischen und hielt ihm den Arm fest ; der zweite Sohn sprang herzu , dem Bruder zu helfen , und es rang nun der alternde Mann in Todesängsten mit den Söhnen , die sich nicht scheuten , den Vater unsanft hin und her zu stoßen . Endlich gelang es ihm doch , den schweren Deckel zu packen und zuzuschlagen , worauf die räuberischen Söhne ein wenig zurückwichen , aber nicht aussahen , als wollten sie von ihrem Vorhaben abstehen . Diesen Augenblick benutzte er , einen der Schlüssel abzuziehen . » Wenn ihr nicht auf der Stelle hinausgeht und euch heute nochmals hier blicken laßt , « sagte er zu ihnen mit bebender , doch gedämpfter Stimme , » so soll euch mein eigener Landjäger festnehmen und in Daumschrauben nach Münsterburg bringen ! Er kann jede Minute dasein ! « Die unerwartete Kraft des schwachen Mannes , der um seinen letzten Besitz , den ehrlichen Namen , kämpfte , schreckte die ungeratenen Söhne zurück , und sie entfernten sich ebenso bleich , wie der Vater geworden war . Zitternd und keuchend saß der Statthalter auf der eisernen Kiste und wischte sich den Schweiß von der Stirne . Mit wirren Gedanken betrachtete er seitwärts die verjährte Schlosserarbeit an dem alten Erbstück , ohne sie zu sehen . Als er sich endlich etwas gesammelt , stand er mit müden Gliedern auf , öffnete die Kasse wieder und nahm die Steuergelder , sie zu verpacken . Er suchte das nötige Papier , Schnüre und Siegellack zusammen , wickelte und schnürte alles mit großer Hast und Eile doppelt und dreifach ein , fest aber ungefüg , denn es war sonst die Arbeit des Amtsdieners , und zuletzt zündete er Licht an und versiegelte das Paket an drei oder vier Orten , jedesmal mit einem Stöhnen das Siegel betrachtend , eh er es aufdrückte . Dann schrieb er den zur Ablieferung gehörigen kurzen Bericht , den er mit besonderem Umschlag versah und adressierte , und schickte den eintretenden Weibel mit beiden Stücken zur Post , ihm einschärfend , sich nirgends aufzuhalten und dafür zu sorgen , daß Geld und Brief mit der ersten Gelegenheit abgingen . Auch sollte er nicht vergessen , einen Postschein zurückzubringen . Er blickte dem Mann durch das Fenster nach und sah richtig , wie die Frau ihn auf dem Hof anhalten und sehen wollte , was er da forttrage ; wie sie aber vom Weibel kurz stehengelassen wurde . Hierauf legte er in zwei weiteren Schreiben an den Präsidenten des Großen Rates und an die Regierung seine Stellen als Ratsmitglied und als Statthalter nieder . Denn er wußte , daß es jetzt aus war , wenn auch nicht , was aus ihm werden sollte . Die leere Eisenkiste ließ er offenstehen . Die Frau kam geschlurft und guckte sogleich hinein ; aber es dünkte sie , es blase ein so kalter Wind ans dem leeren Hohlraum , daß sie die Nase stracks zurückzog und den Statthalter fragen wollte , was denn das sei . Dieser gab ihr jedoch keinen Bescheid , sondern wandte sich an den Landjäger , der erschienen war . Der Statthalter hatte ihm am Abend vorher angekündigt , er müsse in Polizeisachen mit Aufträgen nach der Hauptstadt gehen , und die bezüglichen Akten bereitgemacht . Die stellte er ihm jetzt zu und zugleich die beiden Entlassungsschreiben , welche pünktlich zu besorgen er ihm anbefahl . So hatte er nun sein Haus bestellt und besaß nichts mehr als die hinterlegte Amtsbürgschaft , in ein paar Werttiteln bestehend , welche mit seinem Rücktritt frei wurden und seither wohl auch verschwunden waren . Als die Herzausschüttung Kleinpeters nach und nach versiegte , herrschte mehrere Minuten lang eine Stille , in welcher Martin und Marie Salander die erschütternden Eindrücke nachwirken ließen , indessen jener , sein Vertrauen nicht bereuend , die fühlbare Teilnahme samt einigen nachgeholten Schlücken des duftreichen Weines ebenso schweigend genoß . Martin bedachte mit Grauen , welch dunkle Zustände im Leben öffentlicher Vertrauenspersonen verborgen liegen oder auch als öffentliches Geheimnis bestehen können . Er wußte zwar , daß einzelne Erscheinungen dieser Art zu allen Zeiten hervorgetreten sind ; sie waren dann auch als große Unglücksfälle empfunden worden . Jetzt wollte ihn aber eine Ahnung beschleichen , als ob es sich um Symptome handle , die ihm glücklicherweise eine Gegenbetrachtung tröstlich aufwog . Die rasche Entschlossenheit , mit welcher der Statthalter sich nicht mehr für amtsfähig hielt und seine Stelle niederlegte , nur weil die Söhne das Vergehen der Untreue ihm zugemutet und es selbst hatten verüben wollen , erfüllte ihn mit wahrer Achtung , und diese verminderte sich keineswegs , als ihm der Gedanke aufstieg , der scheinbar so schwache Mann habe nicht allein für die Gesunkenheit der Söhne büßen , sondern sich selbst verhindern wollen , doch noch in die Schlingen der wachsenden Not zu fallen . Nein , sagte sich Salander , gerade wenn der Haltlose noch am wahren Bürgersinne sich aufrichten und die Achtung vor sich selbst retten kann , ist das Gemeinwesen nicht im Niedergange . Die Frau Marie bedachte anderes ; sie hatte es mit dem wunderlichen Weibe zu tun , das der Mann mit bitterem Groll und ohne einen Rest von Neigung geschildert ; sie zweifelte keinen Augenblick , daß dasselbe die Quelle seines Unglücks sei , verstand aber den Charakter der Unholdin nicht recht . » Ich begreife nicht , Herr Kleinpeter , « nahm sie das Gespräch wieder auf , » wie eine Frau auf das Ansehen ihres Mannes so eitel sein und es auf jede Weise benutzen kann , während sie es ihm doch mißgönnt und ihn darum haßt , so daß sie sich förmlich abmüht , ihm die schuldige Achtung vorzuenthalten ! « » Ja , Frau Salander , « erwiderte der gewesene Statthalter , » das hab ich nicht so studiert ! Wer die Dinge an sich erlebt , der versteht sie , sozusagen , ohne sie deutlich erklären zu können . Nach allem übrigen zu schließen , denke ich , es werde dabei nebst der Eitelkeit eine mit geistiger Beschränktheit verbundene hochgradige Selbstsucht im Spiele sein und überdies das Herkommen sich geltend machen . Meine Frau Gemahlin stammt aus einer Gegend , wo , mit Respekt zu sagen , die Frauen besonders hochfahrig , aufgeblasen und als große Lästermäuler bekannt sind . Nachbarneid und Klatschsucht suchen ganze Dorfschaften heim , und zerklüften weitläufige Familien so gut wie das geringste Hüttenvölklein . Jede , die sich verheiratet , setzt sich vor , zu zeigen , wo sie her sei , und die Oberhand zu behaupten . Die Männer sind tätig , aber grob und fluchen in den unteren Schichten wie Seeräuber , in und außer dem Hause . Da üben denn die Weiber von Jugend an ihre Zungen , und wenn eine dazu nicht recht gescheit ist , so kann man sich denken , was da herauskommt ! « » Wie sind Sie denn in dies gelobte Land geraten ? « fragte Frau Marie . » Ein guter Freund sagte zu mir , er wisse für mich eine zum Heiraten . Wo steht sie ? fragte ich in dem damals üblichen schnöden Sprachstil junger Landlöwen . Jener nannte Ort und Namen und strich alle Vorzüge heraus . Ich fand eine hübsch aussehende , schöngekleidete Tochter , welche sich so freundlich und sanft anzulassen verstand , daß ich unverzögert anbiß , obgleich mir von unbekannter Hand zugesteckt wurde , sie habe den Anschicksmann selber abgesandt . Anstatt hiedurch mich schrecken zu lassen , fühlte ich mich vielmehr geschmeichelt und war völlig gerührt . Sie entpuppte sich ziemlich rasch und schrecklich . Indessen ist sie auch unter den Weibern ihrer Heimat noch eine Ausnahme und ärger als die anderen , gewissermaßen ein Extrakt ! « Mitten in der Rede mußte er lachen , da ihm ihr neuster Streich einfiel . Sie habe ein langes Gezänk über seine Verarmung mit der Androhung der gerichtlichen Scheidung geschlossen , worauf er lediglich bemerkt , sie werde dann jedenfalls Gelegenheit finden , die Titel einer Frau Statthalterin und Großrätin endlich abzulegen , die jetzt schon nicht mehr am Platze seien . Da habe sie ganz feuerrot und furibund einen Satz gegen ihn getan und geschrien , es falle ihr nicht ein , zu verzichten ; sie besitze das göttliche Recht , sich lebenslang so nennen zu lassen , und werde nicht davon weichen ! Auf die Frage , was sie denn mit all dem Geld angefangen , wofür sie Schuldscheine ausgestellt , erwiderte er : » Für Kleider und Putz hat sie es ausgegeben ! Weil ich das erste Amt im Bezirk versah , hielt sie es für ihre Pflicht , sich am schönsten zu kleiden , und das war in der Tat nicht wohlfeil , indem es einige große Industrielle gibt , deren Damen ordentlich Staat machen . Noch vor einem Jahre mußte ich ein Wechselchen von hundertundzwanzig Franken bezahlen , das sie auf mich gezogen , und für was ? Für ein kleines Sonnenschirmchen mit elfenbeinernem Stock und mit kostbaren Stoffen behängt . Sie hatte es hier im Schaufenster eines Ladens gesehen , in welchem sie bekannt war , und es sogleich auf besagte Art gekauft . Mit diesem Schirmchen spazierte sie im ganzen Flecken und weiter herum , wo sie die reicheren Frauen und Fräuleins zu ärgern glaubte . Dann ging sie extra des Parasölchens wegen einige Wochen ins Bad und stellte auch dort wieder eine Anweisung auf mich aus . Überdies bezog sie von ihren bemittelten Eltern , die jetzt noch leben , mehrmals Geld mit der Angabe , ich brauche es . Als sich dann endlich herausstellte , daß sie gelogen hatte , erhielt sie nichts mehr auf diesem Wege . « Der gute Mann würde noch lange geplaudert haben , wenn nicht die Stunde der Heimreise gekommen wäre ; denn die bedrängten Umstände erlaubten ihm nicht , das Retourbillett für die Eisenbahn preiszugeben . Außerdem freue er sich , noch eine kurze Zeit ruhig in seinem alten Heim schlafen zu können ; die Frau Statthalterin sei gestern mit ihrer ganzen Garderobe und dem Sonnenschirmchen zu ihren Eltern gezogen , die Söhne aber seien vor zwei Wochen nach Amerika gereist , um dort Anstellungen als Fabrikaufseher zu finden , die man ja gern aus der Schweiz beziehe . Jawohl , aber nicht solche ! Wären sie früher gegangen ! Seine Fabrik samt dem alten Grundbesitz dagegen stehe unter Konkursverwaltung ; er gewärtige jeden Tag die Gant . Glücklicherweise gehe ihn die Sache weiter nichts mehr an . » Könnten Sie « , fragte Salander , » das Anwesen jetzt nicht selbst wieder an sich ziehen , wenn sich eine Beihilfe fände , und es neu in Gang bringen ? « » Ich werde mich wohl hüten , Herr Großrat ! « versetzte Kleinpeter ohne Besinnen . » Wenn es wirklich gelänge , so wären sie eines Tages alle drei wieder da , die Milch abzurahmen ! Lieber will ich eine stillbescheidene Tätigkeit irgendwo übernehmen , sei es , was es wolle ; wenn Ihnen etwas vorkommen sollte , das für mich geeignet wäre , so geben Sie mir vielleicht einen Wink , wenn Sie so gut sein wollten ! « » Ich will gewiß daran denken , seien Sie dessen versichert ! « versprach ihm Martin Salander und gab ihm die Hand . » Sie sind ja noch wacker und kein alter Mann , wenn Sie sich ein bißchen aufrappeln ! Leben Sie wohl , kommen Sie gut nach Hause ! « » Danke tausendmal , und Ihnen auch für alles Genossene , Frau Salander , und für alle erwiesene Freundlichkeit ! « » Es ist nicht wichtig und gern geschehen ! « sagte Frau Marie und schüttelte ihm die Hand , » ich wünsche glückliche Reise und daß es Ihnen wieder besser gehe ! « Mit unerwartet raschen Schritten eilte der aufgerichtete Mann von dannen . Nachdenklich schauten ihm die Eheleute nach , wie er die Straße entlangging . » Er schwankt ja nicht im geringsten ! « bemerkte Marie , » ich besorgte , er würde ein Fähnchen bekommen . Es sollte ihm doch noch zu helfen sein , wenn er das saubere Weibsstück los wäre ! « » Und wenn er ein ruhiges Plätzchen hinter dem Winde hat , glaub ich auch , daß er sich noch erholen kann . Aber regieren muß er nicht mehr wollen ! « Der neue Großrat bedachte auf dem Wege zum Kontor , das er noch aufsuchte , das sonderbare Erlebnis dieses ersten Tages seines späten amtlichen Daseins , wie er dazukomme , den verunglückten Vorfahren zu bewirten und zu trösten ; und er pries sich glücklich , daß in seinem gutartigen Haushalt solche Gefahren nicht vorhanden seien . Dennoch behielt er einen melancholischen Eindruck von der so unmittelbar wahrgenommenen Unsicherheit der menschlichen Dinge in den obersten Anstalten selbst . XIII Mit der Zeit ward Martin Salander ein vielbeschäftigter Mann im Rat und außerhalb desselben und kam im Schwanken des Parteilebens , im Sichkreuzen der Anforderungen wie in einen Wirbelwind zu stehen , da ihn alle an sich ziehen wollten . Der Kampf drehte sich nun vorzüglich um die Frage , ob die neueste schweizerische Volksherrschaft dem Andrange der sozialen Umwälzung ihren Grund und Boden zur Verfügung stellen solle , d.h. ob man dem Volke vorgeben könne , es sei das sein Zweck und sein Wille gewesen . Durch diese Frage entstand ein gelindes Schieben und Verändern der Parteibestände , während das Volk im ganzen , als ein fremder , dunkelartiger Körper betrachtet , schwieg . Salander verfolgte den Mittelweg , die Fühlung mit dem gesellschaftlichen Umsturz abzulehnen , dagegen die Zustände durch das Verstaatlichen aller möglichen Dinge in den bisherigen Formen zu erleichtern und zu verbessern , so daß er einen Standpunkt einnahm , den er vor kurzen Jahren noch bestritten hatte , die damaligen Inhaber jedoch als einen überwundenen schon preiszugeben bereit waren . Indessen nahmen auch diese alles Gebotene vorläufig auf Abschlag und zur heilsamen Übung entgegen ; in den Gemeinden und draußen im Bunde wehte der nämliche Wind , überall wurden Ausgaben beschlossen zu Hilfs- oder Kulturzwecken ; Martin Salander aber war unermüdlich , mitzuwirken und neue Erfindungen in Umlauf zu bringen . Seine Schwiegersöhne leisteten ihm zuweilen Adjutantendienste , indem sie überall , wo sie hinkamen , seine Ideen oder solche , für die er einstand , in den Gemeinden unter das Volk warfen , auch wo niemand an eine neue Unentgeltlichkeit oder öffentliche Wohltat gedacht hatte , die nun sofort unentbehrlich schien . Marie erbaute sich ordentlich an dem guten Herzen Martins , mit welchem er sich dieser Tätigkeit freute . Eines Tages fand sie in einem seiner abgelegten Röcke das Taschenbuch mit den Budget- und Staatsrechnungsauszügen . » Hast du das Buch nicht vermißt ? « fragte sie , ihm dasselbe zeigend ; » es steckte in dem alten schwarzen Rock , den du seit einem Jahre nicht mehr anzogst . « Salander besah das Buch . » Hm ! wahrhaftig , ich hab es nicht vermißt ! Ich brauche es auch nicht mehr so notwendig ; denn erstens sind mir diese Dinge jetzt geläufiger und sodann wird unlang eine Verschiebung derselben eintreten müssen . Verschiebung , das ist eigentlich ein schlechtes Wort , welches die heimlichen Sozialisten in den Mund nehmen , wenn sie friedlich verschämt andeuten wollen , wohin sie zielen . Daß eine etwelche Verschiebung stattfinden werde , heißt es dann , sei nicht zu bezweifeln und nur eine Frage der Zeit ! « » Aber was meinst du denn damit ? « » Ich ? Siehst du , ich meine es ungefähr so : durch den gebieterischen Fortschritt der Zeit wachsen die Ausgaben auf allen Punkten so sehr , daß die Einnahmen sie nicht mehr decken ; wenn zum Beispiel die Gemeinden die ihnen gestellten Aufgaben gehörig lösen wollen , so werden sie zu stark belastet , und der Staat , will sagen der Kanton , muß ihnen beispringen und einen Teil seiner Einkünfte abtreten . Da aber die Kantone selbst ihre erhöhten Ausgaben zu bewältigen haben , die Steuern aber nicht ins unendliche vermehren können , so müssen sie den Bund in Anspruch nehmen , der sich zu erklecklichen Beiträgen wird verstehen müssen , wenn er seine höheren Pflichten erfüllen will . Wiederum sind die Einnahmen des Bundes nicht unerschöpflich , und es mehren sich gleichzeitig seine eigenen gewohnten Ausgaben . Also müssen wir suchen , ihm neue Quellen zu eröffnen und die Mittel zu beschaffen , die er für alle das braucht . « » Das ist ja der reine Ringelreihen ! « lachte Marie ; » sehr lustig und listig zugleich , wie ich verstehe ! Oder wir machen es wie der Mann , der seinen Geldbeutel den ganzen Tag von einer Tasche in die andere steckt ; so kann er sich einbilden , er habe hundert Geldbeutel , und kauft sich alles , was er will . Ist es nicht so ? « » Nicht ganz so , meine Liebe ! Ich kann es dir jetzt nicht näher auseinandersetzen , es sind eben nationalökonomische Dinge ! Man nennt es Volkswirtschaft ! « Sein Lieblingsfeld war aber die Volkserziehung ; sie galt ihm als die wahre Heimat , in welcher er seinen frühen Abfall von der Schule gutmachen müsse . In seinem heiligen Eifer ahmte er unbewußt die jüdischen Krämer nach , die das feilschende Publikum so stark überfordern , daß sie eines mäßigen Preises sicher sind . Aber das Ideal , an welchem er arbeitete , stand ihm so fest , daß er doch ernstlich an die Erreichbarkeit seiner Höhe glaubte . Jeder der rastlos auftauchenden Schrullen widmete er seine Aufmerksamkeit , half sie abrunden , zu einem annehmbaren Gebilde ausgestalten und vertrat sie dann mit allem ihm zu Gebote stehenden Einfluß in den Aufsichtsbehörden , in denen er saß , in Vereinen und bei jeder Gelegenheit im Großen Rate . » Ich hoffe es doch noch zu erleben , « sagte er eines Tages zur Frau , » daß keiner unserer Jünglinge zu Stadt und Land vor dem Antritt des zwanzigsten Jahres aus der staatlichen Lehre entlassen wird ! « » Was sollen sie denn so lange treiben ? « » Lernen und immer lernen ! Üben und wieder üben ! Bedenke doch nur , wie sehr sich der Stoff häuft ! Haben wir erst durchgesetzt , daß der tägliche Schulbesuch bis zum fünfzehnten Jahre dauert und ein allgemeiner Sekundarunterricht eingeführt ist , so fängt die Fortbildung an in den mathematischen Fächern , im schriftlichen Ausdrucke , in der Kenntnis des tierischen Körpers und Gesundheitspflege , vermehrten Landeskunde und Geschichte . Die stete Ausbildung im Turnen und militärischen Exerzitium ist schon vorgeschrieben , muß aber besser betrieben werden , besonders die Schießübungen müssen früher und zahlreicher stattfinden . Selbstverständlich geht neben allem her die fortgesetzte Pflege des Gesanges und der Musik , letztere , insofern sich in einer Gemeinde genug Knaben finden , die zum Spielen von Blasinstrumenten , den Trägern der heutigen Volksmusik , veranlagt sind - « » Gottlob , dies