ich der zurückliegenden schönen Tage gedenken , an Quedlinburg und Altenbrak und das Denkmal auf der Klippe ... Träume nur und Visionen , aber man nimmt seinen Trost , wie und wo man ihn findet . Liebe , teure Freundin , Ihr innigst ergebener Leslie-Gordon « Gordon sah einer Antwort entgegen , aber sie kam nicht , was ihn anfangs halb beunruhigte , halb verstimmte . Die geschäftlichen Verhandlungen indes , die den Oktober über andauerten und ihn zu Vermessungen und sonstigen Feststellungen erst nach Schleswig und dann hoch hinauf bis an den Limfjord führten , ließen eine Kopfhängerei nicht aufkommen . Erinnerungen erfüllten sein Herz , aber jedes leidenschaftliche Gefühl schien begraben , und er freute sich der Wendung , die diese Lebensbegegnung , deren Gefahren er wohl einsah , schließlich genommen hatte . So war seine Stimmung , als er ganz unerwartet die Weisung erhielt , abermals nach Berlin zurückzukehren . Er erschrak fast , aber die Verhältnisse gestatteten ihm keine Wahl , und an einem grauen Novembernachmittage , dessen Nebel sich in dem Augenblicke , wo der Zug hielt , zu einem Landregen verdichtete , traf er in Berlin ein und stieg in dem » Hotel du Parc « ab , in demselben Hotel also , darin er während seines Septemberaufenthaltes täglich verkehrte und seinen Mittagstisch genommen hatte . Das Zimmer , das ihm angewiesen wurde , lag eine Treppe hoch , nach der Bellevuestraße hinaus , und hatte den Blick auf das von Bäumen umstellte Podium , auf dem er ehedem , wenn er vom Hafenplatze kam , manch glückliche Stunde verplaudert hatte . Das lag nun zurück , und auch die Szenerie war nicht mehr dieselbe . Die Kastanienbäume , die damals , wenn auch schon angegelbt , noch in vollem Laube gestanden hatten , zeigten jetzt ein kahles Gezweig , und vom Dach her , just an der Stelle , wo man den ganzen sommerlichen Tisch- und Stühlevorrat übereinandergetürmt hatte , fiel der Regen in ganzen Kaskaden auf das Podium nieder . Gordon überkam ein Frösteln . » Hoffentlich ist das nicht die Signatur meiner Berliner Tage . Das würde wenig versprechen . Aber am Ende , was kann man von einem Novembernachmittag erwarten ! Some days must be dark and dreary - ich weiß nicht , sagt es Tennyson oder Longfellow , jedenfalls einer von beiden , und wenn etliche Tage dunkel und traurig sein müssen , nun denn , warum nicht dieser ? Ein Feuer im Ofen und eine Tasse Kaffee werden übrigens die Situation um ein erhebliches verbessern . « Er zog die Klingel , gab seine Ordres und tat einige Fragen an den Kellner . » Was gibt es im Theater ? « » Störenfried . « » Etwas antik . Und im Opernhause ? « » Tannhäuser . « » Haben Sie Billets ? « » Ja , Parquet und ersten Rang . Niemann singt und die Voggenhuber . « » Gut . Erster Rang . Deponieren Sie ' s beim Portier . « Kurz vor sieben hielt die Droschke vor dem Opernhause , und der allezeit bereitstehende Wagenschlagöffner sagte mit der ihm eigenen und bei Glatteis und trockenem Wetter immer gleichklingenden Fürsorge : » Nehmen Sie sich in acht . « Gordon freute sich des voll und glänzend besetzten Hauses und ließ von seinem Umschauhalten erst ab , als der Taktstock sich erhob und die Ouvertüre begann . Er kannte jeden Ton und folgte mit Verständnis und Freudigkeit , bis er plötzlich , in einer ihm gegenüberliegenden Loge , Céciles gewahr wurde . Sie saß vorn an der Brüstung , neben ihr der Geheimrat , der ihr , während der Fächer sie halb verdeckte , kleine Bemerkungen zuflüsterte , wobei beider Köpfe sich berührten . So wenigstens schien es Gordon . Und nun ging der Vorhang auf . Aber er sah und hörte nichts mehr und starrte nur , während er Kinn und Mund in seine linke Hand vergrub , nach der Loge hinüber , ganz und gar seiner Eifersucht hingegeben und von einem prickelnden Verlangen erfüllt , lieber zuviel als zuwenig zu sehen . Es schien aber , daß beide dem Spiele nicht nur oberflächlich , sondern aufmerksam und mit einem gewissen Ernste folgten , und nur dann immer , wenn eine leere Stelle kam , beugte sich der eine zum andern und sprach abwechselnd ein kurzes Wort , das von seiten Céciles meistens mit einem Lächeln , von seiten des Geheimrates aber Mal auf Mal mit einem komisch gravitätischen Kopfnicken beantwortet wurde . Gordon litt Höllenqualen , und über seine Rache brütend , war er nur darüber in Zweifel , ob er sich im gegebenen Moment ( und der Moment mußte sich geben ) lieber als » böses Gewissen « oder als » Mephisto « gerieren solle . Natürlich entschied er sich für das letztere . Spott und superiore Witzelei waren der allein richtige Ton , und als ihm dies feststand , fiel zum ersten Male der Vorhang . Drüben aber leerte sich die Loge , darin nur Cécile mit ihrem Hausfreunde zurückblieb . Und nun stürmte Gordon hinüber , um sich der gnädigen Frau vorzustellen . Der Geheimrat hatte sein Glas genommen und musterte den Vorhang . Als er sich eben wieder wandte , vielleicht um seiner Freundin und Nachbarin eine kunstkritische Bemerkung über Arion und noch wahrscheinlicher über die badelustige Nereidengruppe zuzuflüstern , sah er den inzwischen eingetretenen Nebenbuhler , der , mit halbem Gruß ihn streifend , sich eben gegen Cécile verneigte . » Welches Glück für mich , meine gnädigste Frau « , begann Gordon in seinem spitzesten Tone , » Sie schon heut und an dieser Stelle begrüßen zu dürfen . Ich hatte vor , mich Ihnen morgen im Laufe des Tages zu präsentieren . Aber es trifft sich günstiger für mich . Darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen ? « Cécile zitterte vor Erregung und fand in dem Krampf , der ihr die Sprache zu rauben drohte , nichts als die mit höchster Anstrengung gesprochenen Worte : » Die Herren kennen einander ? Geheimrat Hedemeyer ... Herr von Gordon . « » Hatte bereits die Ehre « , sagte Gordon , während er sich auf einem der frei gewordenen Plätze niederließ . Gleich danach aber , sich leger auf eine Seitenlehne stützend , fuhr er im Tone forcierter guter Laune fort : » Ein volles Haus , meine Gnädigste , jedenfalls voller , als man bei einer Oper glauben sollte , die nun schon dreißig Jahre spielt und jeder auswendig kennt . Es muß der Stoff sein oder die glänzende Besetzung . Ich vermute , Niemann . Er ist doch der geborene Tannhäuser , und kein anderer reicht da heran . Wenigstens nicht auf der Bühne . Für mich sind es Auffrischungen aus Tagen her , in denen ich noch des Vorzugs genoß , mit der silbernen Gardelitze , deren sich , einigermaßen überraschlich , auch das Regiment Eisenbahn erfreut , hier sitzen zu dürfen , halb als Kunstenthusiast , halb als militärisches Hausornament . Übrigens empfang ich den Eindruck , als ob Kamerad Hülsen immer noch seine Gnadensonne über Gerechte und Ungerechte scheinen lasse . Sehen Sie da drüben , meine Gnädigste ! Die reine Levée en masse , wie gewöhnlich mit Regiment Alexander an der Tête . « Cécile hörte den spöttischen Ton nur halb heraus , desto deutlicher der Geheimrat , der denn auch , ersichtlich , um den draußen in der Welt von » Europens übertünchter Höflichkeit « frei gewordenen » Kanadier « zu markieren - mit der ihm eigenen Ironie replizierte : » Sie waren nur sieben Jahre fort , Herr von Gordon ? Ich dachte , länger . « Gordon , der den Wert einer gelungenen maliziösen Bemerkung auch dann noch zu schätzen wußte , wenn sich die Spitze derselben gegen ihn selber richtete , fand sich momentan in eine leichte , gute Stimmung zurück und antwortete : » Zu dienen , mein Herr Geheimrat ; leider nur sieben Jahre , weshalb ich vorhabe , die Zahl baldmöglichst zu verdoppeln , und zwar um meiner weiteren Ausbildung willen . Natürlich Charakter-Ausbildung . Glückt es , so hoff ich einen richtigen Naturmenschen zu erzielen , an dem nichts Falsches ist , auch nicht einmal äußerlich . Aber ich sehe , die Loge fängt an , ihre früheren Insassen wieder aufzunehmen und mich an Rückzug zu mahnen . Ich darf mich doch der gnädigen Frau recht bald in ihrer Wohnung vorstellen ? « » Zu jeder Zeit , Herr von Gordon « , sagte Cécile . » Lassen Sie mich nicht länger warten , als Ihre geschäftlichen Obliegenheiten es fordern . Ich bin so begierig , von Ihnen zu hören . « All das wurd in Hast und Verlegenheit gesprochen , und sie wußte kaum , was sie sagte . Gordon aber empfahl sich und ging in seine Loge zurück . In dieser angekommen , gab er sich das Ansehen , als ob er dem zweiten Akt mit ganz besonderem Interesse folge , und wirklich nahm ihn der Wartburgsaal und das Erscheinen der Sänger eine Weile gefangen . Aber nicht auf lang , und als er wieder hinübersah , sah er , daß Cécile die Loge verließ und der Geheimrat ihr folgte . Das war mehr , als er ertragen konnte ; tollste Bilder schossen in ihm auf und jagten sich , und ein Schwindel ergriff ihn . Als er es mühsam überwunden , sah er nach der Uhr : » Halb neun . Spät , aber nicht zu spät . Und sie sagte ja : zu jeder Zeit willkommen . « Und damit erhob er sich , um dem flüchtigen Paare zu folgen . Fand er sie , schlimm genug , fand er sie nicht ... Er mocht es nicht ausdenken . Sechsundzwanzigstes Kapitel » Ah , Herr von Gordon « , sagte die Jungfer , als der zu so später Stunde noch Vorsprechende mit aller Kraft ( vielleicht um sein schlechtes Gewissen zu betäuben ) die Klingel gezogen hatte . » Treff ich die gnädige Frau ? « » Ja . Sie war im Theater , ist aber eben zurück . Die Herrschaften werden sehr erfreut sein . « » Auch der Herr Oberst zugegen ? « » Nein , der Herr Geheimrat . « Gordon wurde gemeldet , und ehe noch die Antwort da war , daß er willkommen sei , trat er bereits ein . Cécile und der Geheimrat waren gleichmäßig frappiert , und das spöttische Lächeln des letztern schien ausdrücken zu wollen : » Etwas stark . « Gordon sah es sehr wohl , ging aber drüber hin und sagte , während er Cécile die Hand küßte : » Verzeihung , meine gnädige Frau , daß ich von Ihrer Erlaubnis einen so schnellen Gebrauch mache . Aber , offen gestanden , im selben Augenblicke , wo Sie die Loge verließen , war mein Interesse hin und nur noch der Wunsch lebendig , den Abend an Ihrer Seite verplaudern zu dürfen . Als Antrittsvisite keine ganz passende Zeit . Indessen Ihr freundliches Wort ... Und so verzeihen Sie denn die späte Stunde . « Cécile hatte sich inzwischen gesammelt und sagte mit einer Ruhe , die deutlich zeigte , daß ihr unter diesem unerhörten Benehmen ihr Selbstbewußtsein zurückzukehren beginne : » Lassen Sie mich Ihnen wiederholen . Herr von Gordon , daß Sie zu jeder Zeit willkommen sind . Und die späte Stunde , von der Sie sprechen ... Nun , ich entsinne mich eines Plauderabends mit dem Hofprediger , wo Sie später kamen . Auch aus dem Theater . Es war ein Don-Juan-Abend , und Sie hatten den Schluß abgewartet . « » Ganz recht , meine gnädigste Frau . Man will immer gern wissen , was aus dem Don Juan wird . « » Und aus dem Masetto « , setzte Hedemeyer hinzu , während er sich von dem Fauteuil , auf dem er eben erst Platz genommen hatte , wieder erhob . » Aber Sie wollen doch nicht schon aufbrechen , mein lieber Geheimrat « , unterbrach ihn Cécile , der in diesem Augenblick ihre ganze Verlegenheit zurückkehrte . » Schon jetzt , schon vor dem Tee . Nein , das dürfen Sie mir nicht antun und Herrn von Gordon nicht , der ein gutes Gespräch liebt . Und was hat er an dem , was ich ihm sage ? Nein , nein , Sie müssen bleiben . « Und sie zog die Glocke ... » Den Tee , Marie ... Hören Sie doch , lieber Freund , wie draußen der Regen fällt . Ich erwarte noch den Hofprediger ; er hat es mir zugesagt . Noch einmal also , Sie bleiben . « Aber der Geheimrat war unerbittlich und sagte : » Meine gnädigste Frau , der Club und die L ' hombre-Partie warten auf mich . Und wenn es auch anders läge , man soll nie vergessen , daß man nicht allein auf der Welt ist . Es wär ein Unrecht , Herrn von Gordon so benachteiligen zu wollen . Er hat viele Wochen hindurch Ihrer Unterhaltung entbehren müssen und Sie der seinigen ; nun bringt er Ihnen eine Welt von Neuigkeiten , und ich bin nicht indiskret genug , bei diesen Mitteilungen stören zu wollen . Wenn Sie gestatten , sprech ich morgen wieder vor . Vorläufig darf ich vielleicht dem Herrn Obersten einen herzlichen Empfehl bringen . Auch von Ihnen , Herr von Gordon ? « Gordon begnügte sich damit , sich kalt und förmlich gegen den Geheimrat zu verneigen , der , inzwischen an Cécile herangetreten , ihre Hand an seine Lippen führte . » Wie gerne wär ich geblieben . Aber es ist gegen meine Grundsätze . Nennen Sie mir nicht den Hofprediger ; Hofprediger stören nie . Wer berufsmäßig Beichte hört , steht über der Indiskretion . Übrigens ist er noch nicht da . Bis morgen also , bis morgen . « Und er ging . Im selben Augenblicke brachte Marie den Tee . Sie wollte den Tisch arrangieren , aber Cécile , die das , was in ihr vorging , nicht länger zurückdämmen konnte , sagte : » Lassen Sie , Marie « , und wandte sich dann rasch und mit vor Erregung und fast vor Zorn zitternder Stimme gegen Gordon . » Ich bin indigniert über Sie , Herr von Gordon . Was bezwecken Sie ? Was haben Sie vor ? « » Und Sie fragen ? « » Ja , noch einmal : was haben Sie vor ? was bezwecken Sie ? Sprechen Sie mir nicht von Ihrer Neigung . Eine Neigung äußert sich nicht in solchem Affront . Und in welchem Lichte müssen Sie dem Geheimrat erschienen sein . « » Jedenfalls in keinem zweifelhafteren als er mir . Lassen Sie das meine Sorge sein . « » Aber in welchem Lichte lassen Sie mich vor ihm erscheinen . Und Sie begreifen , mein Herr von Gordon , daß das meine Sorge ist . Ich habe Sie für einen Kavalier genommen oder , da Sie das Englische so lieben , für einen Gentleman und sehe nun , daß ich mich schwer und bitter in Ihnen getäuscht habe . Schon Ihr Besuch in der Loge war eine Beleidigung ; nicht Ihr Erscheinen an sich , aber der Ton , der Ihnen beliebte , die Blicke , die Sie für gut fanden . Ich habe Sie verwöhnt und mein Herz vor Ihnen ausgeschüttet , ich habe mich angeklagt und erniedrigt , aber anstatt mich hochherzig aufzurichten , scheinen Sie zu fordern , daß ich immer kleiner vor Ihrer Größe werde . Meiner Tugenden sind nicht viele , Gott sei ' s geklagt , aber eine darf ich mir unter Ihrer eigenen Zustimmung vielleicht zuschreiben , und nun zwingen Sie mich , dies einzige , was ich habe , mein bißchen Demut , in Hochmut und Prahlerei zu verkehren . Aber Sie lassen mir keine Wahl . Und so hören Sie denn , ich bin nicht schutzlos . Ich beschwöre Sie , zwingen Sie mich nicht , diesen Schutz anzurufen , es wäre Ihr und mein Verderben . Und nun sagen Sie , was soll werden ? Wo steckt Ihr Titel für all dies ? Was hab ich gefehlt , um dieses Äußerste zu verdienen ? Erklären Sie sich . « » Erklären , Cécile ! Das Rätsel ist leicht gelöst : ich bin eifersüchtig . « » Eifersüchtig . Und das sprechen Sie so hin , wie wenn Eifersucht Ihr gutes und verbrieftes Recht wäre , wie wenn es Ihnen zustünde , mein Tun zu bestimmen und meine Schritte zu kontrollieren . Haben Sie dies Recht ? Sie haben es nicht . Aber wenn Sie ' s hätten , eine vornehme Gesinnung verleugnet sich auch in der Eifersucht nicht , ich weiß das , ich habe davon erfahren . Sie konnten Schlimmeres tun , als Sie getan haben , aber nichts Kleineres und nichts Unwürdigeres . « » Nichts Unwürdigeres ! Und was ist es denn , was ich getan habe ? Was sich erklärt , ist auch verzeihlich . Cécile , Sie sind strenger gegen mich , als Sie sollten ; haben Sie Mitleid mit mir . Sie wissen , wie ' s mit mir steht , wie ' s mit mir stand vom ersten Augenblick an . Aber ich bezwang mich . Dann kam der Tag , an dem ich Ihnen alles bekannte . Sie wiesen mich zurück , beschworen mich , Ihren Frieden nicht zu stören . Ich gehorchte , mied Sie , ging . Und der erste Tag , der mich nach langen Wochen und , Gott ist mein Zeuge , durch einen baren Zufall wieder in Ihre Nähe führt , was zeigt er mir ? Sie wissen es . Sie wissen es , daß dieser spitze , hämische Herr von Anfang an mein Widerpart war , mein Gegner , der ein Recht zu haben glaubt , sich über mich und meine Neigung zu mokieren . Und eben er , er mir vis-à-vis in der Loge , sichrer und süffisanter denn je zuvor , und neben ihm meine vergötterte Cécile , lachend und heiter hinter ihrem Fächer und sich ihm zubeugend , als könne sie ' s nicht abwarten , immer mehr von seinen Frivolitäten einzusaugen , von all dem süßen Gift , darin er Meister ist . Ach , Cécile , meine Resignation war aufrichtig und ehrlich , ich schwör es Ihnen ; ich kam nicht wieder , um Ihre Ruhe zu stören , aber einen andern bevorzugt sehen und so , so , das war mehr , als ich ertragen konnte . Das war zuviel . « All das wurde gesprochen , während beide heftig erregt über den Teppich hinschritten ; das Flämmchen unter dem Wasserkessel brannte weiter , und der Dampf stieg in kleinen Säulen zwischen den beiden Bronzelampen in die Höh . Alles war Frieden um sie her , und Cécile nahm jetzt seine Hand und sagte : » Setzen wir uns , vielleicht daß wir dann ruhigere Worte finden ... Sie suchen es alles an der falschen Stelle . Nicht meine Haltung im Theater ist schuld und nicht mein Lachen oder mein Fächer , und am wenigsten der arme Geheimrat , der mich amüsiert , aber mir ungefährlich ist , ach , daß Sie wüßten , wie sehr . Nein , mein Freund , was schuld ist an Ihrer Eifersucht oder doch zum mindesten an der allem Herkömmlichen hohnsprechenden Form , in die Sie Ihre Eifersucht kleiden , das ist ein andres . Sie sind nicht eifersüchtig aus Eifersucht : Eifersucht ist etwas Verbindliches , Eifersucht schmeichelt uns , Sie aber sind eifersüchtig aus Überheblichkeit und Sittenrichterei . Da liegt es . Sie haben eines schönen Tages die Lebensgeschichte des armen Fräuleins von Zacha gehört , und diese Lebensgeschichte können Sie nicht mehr vergessen . Sie schweigen , und ich sehe daraus , daß ich ' s getroffen habe . Nun , diese Lebensgeschichte , so wenigstens glauben Sie , gibt Ihnen ein Anrecht auf einen freieren Ton , ein Anrecht auf Forderungen und Rücksichtslosigkeiten und hat Sie veranlaßt , an diesem Abend einen doppelten Einbruch zu versuchen : jetzt in meinen Salon und schon vorher in meine Loge ... Nein , unterbrechen Sie mich nicht ... ich will alles sagen , auch das Schlimmste . Nun denn , die Gesellschaft hat mich in den Bann getan , ich seh es und fühl es , und so leb ich denn von der Gnade derer , die meinem Hause die Ehre antun . Und jeden Tag kann diese Gnade zurückgezogen werden , selbst von Leuten wie Rossow und der Baronin . Ich habe nicht den Anspruch , den andre haben . Ich will ihn aber wieder haben , und als ich , auch ein unvergeßlicher Tag , heimlich und voll Entsetzen in das Haus schlich , wo der erschossene Dzialinski lag und mich mit seinen Totenaugen ansah , als ob er sagen wollte : Du bist schuld , da hab ich ' s mir in meine Seele hineingeschworen , nun , Sie wissen , was . Und ob ich in der Welt Eitelkeiten stecke , heut und immerdar , eines dank ich der neuen Lehre : das Gefühl der Pflicht . Und wo dies Gefühl ist , ist auch die Kraft . Und nun sprechen Sie ; jetzt will ich hören . Aber sagen Sie mir Freundliches , das mich tröstet und versöhnt und mich wieder an Ihr gutes Herz und Ihre gute Gesinnung glauben macht und mir Ihr Bild wiederherstellt . Sprechen Sie ... « Gordon sah vor sich hin , und um seinen Mund war ein Zucken und Zittern , als ob die Worte , die sie so warm und wahr gesprochen , doch eines Eindrucks auf ihn nicht verfehlt hätten . Aber im selben Augenblicke trat das Bild wieder vor seine Seele , davon er , vor wenig Stunden erst , Zeuge gewesen war , und verletzt in seiner Eitelkeit , gequält von dem Gedanken , ein bloßes Spielzeug in Weiberhänden , ein Opfer alleralltäglichster List und Laune zu sein , fiel er in sein kaum beschwichtigtes Mißtrauen und , schlimmer , in den Ton bittren Spottes zurück . » Sie sind so beredt , Cécile « , sprach er vor sich hin . » Ich wußte nicht , daß Sie so gut zu sprechen verstehen . « » Und doch ist es nicht lange , seit ich Ihnen Ähnliches und mit gleicher Eindringlichkeit sagen mußte . Schlimm genug , daß mir Ihr Wiedererscheinen eine Wiederholung nicht ersparte . Was Sie Beredsamkeit nennen , nenn ich einfach ein Herz . « » Und ich habe diesem Herzen geglaubt ! « » Sie haben ihm geglaubt . Also in diesem Augenblicke nicht mehr ! Und was glauben Sie jetzt ? Was glauben Sie noch ? « » Daß wir uns beide getäuscht haben ... Wir bleiben unsrer Natur treu , das ist unsre einzige Treue ... Sie gehören dem Augenblick an und wechseln mit ihm . Und wer den Augenblick hat ... « Er brach ab , verbeugte sich und verließ das Zimmer , ohne weiter ein Wort des Abschieds oder der Versöhnung gesprochen zu haben . Im Vorzimmer schoß er , mit allen Zeichen äußerster Erregung , an Dörffel vorüber , der einen Augenblick später in den Salon eintrat . Als Cécile seiner ansichtig wurde , stürzte sie dem väterlichen Freund entgegen und beschwor ihn unter Tränen um seinen Beistand und seine Hülfe . Siebenundzwanzigstes Kapitel Cécile kam spät zum Frühstück , und St. Arnaud , das Zeitungsblatt aus der Hand legend , sah auf den ersten Blick , daß sie wenig geschlafen und viel geweint hatte . Sie begrüßten sich und wechselten dann einige gleichgiltige Worte . Gleich danach nahm St. Arnaud die Zeitung wieder auf und schien lesen zu wollen . Aber er kam nicht weit , warf das Blatt fort und sagte , während er die Tasse beiseite schob : » Was ist das mit Gordon ? « » Nichts . « » Nichts ! Wenn es nichts wäre , so früg ich nicht , und du wärst nicht verwacht und verweint . Also heraus mit der Sprache . Was hat er gesagt ? Oder was hat er geschrieben ? Er schrieb in einem fort . Ewige Briefe . « » Willst du sie lesen ? « » Unsinn . Ich kenne Liebesbriefe : die besten kriegt man nie zu sehen , und was dann bleibt , ist gut für nichts . Übrigens sind mir seine Beteuerungen und vielleicht auch Bedauerungen absolut gleichgiltig ; aber nicht sein Auftreten vor Zeugen , nicht sein Benehmen in Gegenwart andrer . Er hat dich beleidigt . Der Hauptsache nach weiß ich , was geschehen ist ; Hedemeyer hat mir gestern im Club davon erzählt , und ich will nur die Bestätigung aus deinem Munde . Das in der Loge mochte gehen , aber dich bis hierher verfolgen , unerhört ! Als ob er den Rächer seiner Ehre zu spielen hätte . « » Sprich dich nicht in den Zorn hinein , Pierre . Du willst von mir hören , was geschehen ist , und ich sehe , du weißt alles . Ich habe nichts mehr hinzuzusetzen . « » Doch , doch . Die Hauptsache fehlt noch . All dergleichen hat eine Vorgeschichte und fällt nicht vom Himmel . Am wenigsten vom Himmel . Gordon ist ein Mann von Familie , von Welt und Urteil , und ein solcher Mann handelt nicht ins Unbestimmte hinein . Er befragt die Situation . Und diese Situation will ich wissen , will ich kennenlernen . Schildre sie mir ; ich denke , daß du sie mir schildern kannst , und zwar ohne sonderliche Verlegenheiten und Verschweigungen . Ein paar Ungenauigkeiten mögen mit drunterlaufen , meinetwegen , ich ereifere mich nicht um Bagatellen . Im übrigen , ich gestatte mir , das vorläufig anzunehmen , kann nichts vorgekommen sein , was das Licht des Tages oder meine Mitwissenschaft zu scheuen hätte . Denn man fordert mich nicht heraus , niemand , am wenigsten meine Frau , die , soviel ich weiß , eine Vorstellung davon hat , daß ich nicht der Mann der Unentschiedenheiten und Ängstlichkeiten bin . Aber du kannst das uralte Frau-Eva-Spiel , das Spiel der Hinhaltungen und In-Sicht-Stellungen über das rechte Maß hinaus gespielt haben , gerad unklug und unvorsichtig genug , um mißverstanden zu werden . Liegt es so , so werd ich meine schöne Cécile bitten , in Zukunft etwas vorsichtiger zu sein . Liegt es aber anders , bist du dir keines Entgegenkommens bewußt , keines Entgegenkommens , das ihm zu solchem Eklat und Hausfriedensbruch auch nur einen Schimmer von Recht gegeben hätte , so liegt eine Beleidigung vor , die nicht nur dich trifft , sondern vor allem auch mich . Und ich habe nicht gelernt , Effronterien geduldig hinzunehmen . Über diesen Punkt verlang ich Auskunft , offen und unumwunden . « Cécile schwieg . Aber wahrnehmend , daß es vergeblich sein würde , ihn durch halbe Worte von seinem Vorhaben abbringen zu wollen , sagte sie : » Was ich zu sagen habe , ist kurz . In Thale waren wir unter deinen Augen , und kein Wort ist gesprochen worden , das sich nicht gleichzeitig an alle Welt , an dich , an den Emeritus , an Rosa gerichtet hätte . « St. Arnaud wiegte den Kopf und lächelte , während Cécile , die des Heimrittes von Altenbrak gedenken mochte , nicht ohne Verlegenheit vor sich hin blickte . » Dann « , fuhr sie fort , » sahen wir uns hier . Es blieb , wie ' s gewesen . Er war voll Rücksicht und Aufmerksamkeiten , und nichts geschah , was den Respekt gegen mich auch nur einen Augenblick verleugnet hätte . Seine Konversation war leicht und gefällig , mitunter übermütig , aber trotz dieses Anfluges von Übermut hört ich aus jedem Wort eine große Zuneigung heraus , ein Gefühl , das mir wohltat und mich beglückte . So waren seine Worte ; so waren auch seine Briefe . « » Laß die Briefe . « » Du darfst mich nicht unterbrechen . Ich sage , so waren auch seine Briefe . Dann kam das kleine Diner , wo wir Rossow und die Baronin zu Tisch hatten , und von dem Augenblick an war er ein andrer . Die Hergänge jenes Tages können ihn nicht umgestimmt haben , aber unmittelbar danach müssen Dinge zu seiner Kenntnis gekommen sein , ich brauche dir nicht zu sagen , welche , die sein Auftreten und seinen Ton veränderten . « » Erbärmlich . Eine Infamie . « » Nein , Pierre . « » Gut . Weiter . « » Ich empfand auf der Stelle diese Veränderung und wies in einem Gespräche , darin ich mich ihm offen gab und zugleich Scherz und Ernst zu mischen suchte , darauf hin , daß er diesen veränderten Ton nicht anschlagen dürfe , weder als Mann von Ehre noch als Mann von Welt , und ich hatte den Eindruck , daß er mir selber zustimmte . Wenigstens entsprach dem sein unmittelbares Tun . Er verabschiedete sich in ein paar Zeilen und verließ Berlin . Erst gestern ist er zurückgekehrt . Das andre weißt du . Du mußt es als einen Anfall nehmen . « » Ich versteh , als einen Anfall von Eifersucht . In der Tat , er geriert sich , als ob er legitimste Rechte geltend zu machen hätte ; Prätension über Prätension . Aber , mein Herr von Gordon , Sie sind in der falschen Rolle . « Dabei schoß sein Auge heftige Blicke , denn er war an seiner empfindlichsten , wenn nicht an seiner einzig empfindlichen Stelle getroffen , in seinem Stolz . Nicht das Liebesabenteuer als solches weckte seinen Groll