fragte : » Sind wir heraus ? « Aber keiner antwortete . » Soll ich helfen ? « fuhr er fort . » Wenn ihr müde seid , ich versteh ' s. Und Andras versteht es auch . « Aber sie schwiegen weiter . » Hört doch . Ich seh , ihr habt noch zwei andere Ruder ; gebt sie nur her . Vier können mehr als zwei . Wir wollen mit anfassen . « Alles still . » Basseremtete ! « rief jetzt Egon im Zorn . » Sprecht . Ich will Antwort haben . Wir kommen nicht von der Stelle , drehen uns bloß und müssen doch am Ende heraus . « » Müssen ? « wiederholte der ältere nur , während er lächelnd seine Pfeife nahm und damit spielte . Franziska war bis dahin halb apathisch dem Gespräche gefolgt . Sie sah nun , wie ' s stand , und Egon die Hand reichend , sagte sie : » Verzeih ! Ich bin schuld . « » Woran ? « » An unserem Tod . « » Wir leben . « » Aber wie lange noch ? Und es ist auch das Beste so . Wenigstens das Beste für mich . Der Tod löst alles Wirrnis , das ich heraufbeschworen habe . Was sollt ich noch hier ? Ich sterbe gern , Egon , und gerade so , so . Das Glück bleibt mir treu bis zuletzt ... Aber du ? « » Nein , nein , Franziska . Es kann nicht sein ; nicht so . Wir leben noch , müssen leben . « Und er ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen . In diesem Augenblicke schwieg das Pfeifen und Singen oben in der Luft , und statt seiner gab es einen schweren , dumpfen Schlag , wie wenn ein Segel im Winde hin und her klappt . Und dabei legte sich das Boot auf die Seite , so weit und so tief , daß es kentern zu wollen schien ; aber als es wieder stand , griffen beide Bootsleute mit ihren Rudern ein , und alle fühlten jetzt , auch Franziska , daß sie dem Tod entronnen und aus dem Trichter heraus seien . Egon hatte das Steuer genommen . » Wohin ? « rief er . Aber der , der den Führer machte , wies nur auf ein Inselchen , das sie jetzt , keine hundert Schritte mehr entfernt , aus dem Wogenschwall aufragen sahen . Es war ein Schieferfelsen mit angespültem Schlick und Sand , an dessen Abhang die Möwen ihre Nester hatten . Aber keine war zu sehen , alle steckten in ihren Felsenlöchern , und nur ein Fischreiher , so schien es , stand auf der kahlen Höhe und hielt Umschau . » Wohin ? « wiederholte Egon seine Frage . Doch statt aller Antwort kam diesmal ein Wellenstoß und warf das Boot auf den Strand . Alles sprang in die Brandung , und durch Schaum und Gischt hin watete man auf das Vorland zu , das zwischen dem Felsen und dem See lag . Allen voran Franziska , der mit der Hoffnung auf Leben auch die Lust am Leben wiedergekommen war , und als sie jetzt aus Tod und Brandung heraus mit einem Male wieder den trockenen Sand unter ihren Füßen knirschen fühlte , warf sie sich nieder und griff in den Sand hinein , als ob sie das Leben selbst mit aller Kraft aufs neu erfassen wolle . Dabei sprach sie Dankesworte vor sich hin und weinte und schluchzte , bis ihr Weinen und Schluchzen endlich schwieg . » Komm ! « bat Egon . Aber sie hörte nicht mehr , und als er sie vom Boden emporhob , sah er , daß sie besinnungslos war und eine Ohnmacht ihr Leben in Banden hielt . » Ist eine Hütte da ? « » Ja . Da , wo der Rauch zieht . « Und sich untereinander ablösend , trugen sie sie die roh in den Felsen gehauenen Stufen hinauf , bis man oben vor der Fährhütte hielt . Neunundzwanzigstes Kapitel Die Insel , darauf das Boot angelaufen war , lag nur in geringer Entfernung vom Ostufer des Sees , so daß , als der Sturm eine Stunde später nachgelassen hatte , von seiten Egons beschlossen werden konnte , Botschaft an den alten Grafen zu senden . Ein zwölfjähriger Junge , der den See wie sein Vaterunser kannte , war auch zu der Botschaft bereit , setzte glücklich über und traf um zwei Uhr nachts auf dem Schloß oben ein . Er fand noch alles wach und übergab an Graf Adam einen Zettel , den Egon geschrieben hatte . Dieser lautete : » Gerettet . Franziska matt und erschöpft . Bei Tagesanbruch fahren wir mit der Fähre bis Szent-Görgey , wo wir einen Wagen erwarten . Egon . « Der Graf , als er gelesen , gab den Zettel an Judith . Diese war in äußerster Erregung , sah in allem nur Wunder und Gebetserhörung und versprach , eine Kirchenschenkung zu machen , während ihr Bruder das Rettungswunder auf die zwei Bootsleute schob und sich dahin entschied , es diesen zugute kommen zu lassen . » Im übrigen « , schloß er , » da wir nun Egon und Franziska geborgen wissen , wollen wir auch uns selber bergen . Etwas Schlaf ist immer gut , es fehlt uns sonst an Kraft , uns morgen unserer Geretteten zu freuen . Denn eine Freude mit müden Augen ist nur halbe Freude . Also gute Nacht . « Am andern Morgen regte sich bis zu verhältnismäßig später Stunde nichts im Schloß , und zehn Uhr war längst vorüber , als man sich endlich beim Frühstück traf und nach voraufgegangener herzlicher Begrüßung an ein Fragen und Erzählen ging . Franziska hatte das Wort und sprach lebhaft und anziehend , aber obschon sie hinter ihrem Erzählerrenommee nicht eigentlich zurückblieb , so blieb doch vieles in ihrem Vortrage dunkel und lückenhaft und gewann erst wieder Leben und Unbefangenheit , als sie mit gewohnter Vorliebe für die Kleinmalerei zur Schilderung des Fährhauses und seiner Insassen überging . Alle Geschichten ihrer Kindertage seien ihr in demselben Augenblick wieder lebendig geworden , wo sie sich beim Erwachen aus ihrer Ohnmacht in dem aus Feldstein und Rasenstücken auf gebauten Fährhause mitsamt der alten Fährhaushexe vorgefunden habe . Wirklich , alles sei halb Märchen , halb Walter Scott gewesen . Aber kein Kaffee der Welt hab ihr je so geschmeckt wie dieser Fährhaus- und Hexenkaffee , was schließlich auch wieder nicht zu verwundern und jedenfalls kein Mirakel sei . Denn die Lage , darin man sich gerade befinde , bestimme nicht nur unser Tun , sondern auch unseren Geschmack , und während ihr , um nur ein Beispiel zu gehen , bis dahin Blak und Torfqualm der Inbegriff alles Lästigen und Widerlichen gewesen sei , denke sie jetzt mit Dankbarkeit an die Blak- und Torfqualmwolke zurück , aus der ihr in eben dieser Fährhütte das Leben neu niedergestiegen sei . » Das Glück kommt immer in der Wolke « , lachte der alte Graf , » und wer es nicht aus der Mythologie weiß , nun , der weiß es aus den Bildergalerien . Und du darfst darüber nicht verlegen werden , Franziska , denn ich wage die Behauptung und erhebe sie hiermit zum Dogma : Alles , was noch gemalt werden kann , ist auch noch salonfähig . Und dabei bleibt es , auch wenn Schwester Judith mir Blicke zuwirft , als ob sie den großen Bann über mich verhängen wolle . Sie vergißt eben ganz und gar , daß wir dem frohen Ereignis , das sich zugetragen , auch ein Dankopfer zu bringen haben , und das meine besteht in etwas Übermut und guter Laune . Jeder nach seinen Kräften . Judith freilich wird auf der Rettungsinsel lieber eine Kapelle bauen und eine heilige Franziska darin aufstellen lassen , immer vorausgesetzt , daß es eine solche gibt . Vorläufig aber stell ich ernstlich zur Frage : wer fährt mit ? In einer Stunde nämlich muß ich auf drei Tage zur Gerichtssitzung nach Gruz , diesem verdammtesten aller verdammten Nester , das keinen Pflasterstein und auf tausend Mäuler in Bausch und Bogen dreitausend Rüssel hat . Eins zu drei . Aber was sag ich , eins zu drei ? Wer eine Gerichtssitzung mitmacht , der rechnet sich noch ganz andere Prozentsätze heraus . Doch das beiseite . Was meint ihr , Egon , Franziska ? Ihr könntet mich bis Mihalifalva begleiten und mir bei der Gelegenheit als erste Wallfahrer eure Rettungsinsel zeigen . « Egon und Franziska schwiegen unschlüssig , Judith aber war mit großer Entschiedenheit dagegen . Es sei besser , des Jüngstvergangenen in Andacht und Stille zu gedenken als spöttisch und persiflierend aus dem Inselchen eine Pilgerstätte zu machen . Der Graf lachte , war es aber zufrieden und brach allein auf , um an dem so wenig schmeichelhaft von ihm geschilderten Komitatsort einer dreitägigen Gerichtssitzung beizuwohnen . Dreißigstes Kapitel Eintönig waren die drei Tage vergangen ; Egon und Franziska mieden sich und trafen sich nur bei Tisch und beim Tee , und während der Stunden , wo sonst so lebhaft geplaudert zu werden pflegte , war es jetzt still , als ob man sich nichts zu sagen habe . Judith hatte dessen am ersten Tage nicht acht , am zweiten aber bemerkte sie ' s , und am dritten sprach sie ' s unumwunden aus . Nun besannen sich Egon und Franziska wieder und nahmen ein Gespräch auf , lebhaft , pointiert und überhaupt anscheinend wie früher . Aber es lachte niemand . Die Worte , die gewechselt wurden , entbehrten aller Unbefangenheit . Am vierten Tage früh kam ein Telegramm aus Gruz , worin der Graf meldete , daß er statt am Vormittage , wie gewollt , erst spät am Abend eintreffen werde . Das Blatt ging von Hand zu Hand , ohne daß eine Bemerkung gemacht worden wäre ; dann aber zog sich Franziska zurück und sah , oben in ihrem Zimmer angekommen , in das Kaminfeuer , das lustig flackerte . Hannah erschien aus dem Nebenzimmer , um ein Scheit aufzulegen , eigentlich aber , weil sie sah , daß ihre Herrin und Freundin bedrückt war und sprechen wollte . » Setze dich auf das Kissen hier « , sagte Franziska nach einer Weile . » So ; hier . Und nun bleib und erzähle mir etwas Hübsches , etwas Freundliches , etwas Trostreiches . Ich brauch es so sehr . Ich habe Sehsucht nach Wien , nach Welt und Menschen und wollte , wir wären erst fort von hier . « » Ich wollt es auch , aber glaubst du , daß es hilft ? « » Was ? « » Daß wir hier fortgehen . Ich meine , Fränzl , es muß hier anfangen . « Und dabei wies sie mit dem Finger auf Franziskas Herz . Diese schwieg und sah vor sich hin . » Ja , Fränzl , du mußt wieder einen Willen haben ; konntest dich doch sonst bezwingen . Aber die langen Regentage sind schuld , da fing es an . Und das zweite war , daß sie die Marischka wegstahlen , und das dritte , daß das Dampfschiff fort war . Ach , an derlei hängt es immer , und in so kleine Haken hakt der Teufel am liebsten ein . Ich sorge mich jetzt vor dem , was kommt . Denn sieh dich vor , Fränzl ich versteh mich auf Augen , und ein so gutes Herz er hat , so heißes Blut hat er . Er ist ein Feuertopf , und fällt erst mal ein Funke hinein , so haben wir ein Geprassel und einen Krach und Knall . Ich beschwöre dich , hast du mir nichts zu sagen , nicht ein kleines Wort , das mich beruhigen könnte ? « Franziska schüttelte den Kopf . » Fränzl , Gräfin « , fuhr Hannah fort , » ich begreife dich nicht . Du weißt , ich war damals dagegen , in Öslau schon und dann in Wien . Aber als du ' s durchaus wolltest , da begab ich mich und dachte bei mir : Nun , sie muß es am Ende wissen , was ihr Herz kann und nicht kann . Und du berühmtest dich auch . Und nun endet es so . Bezwinge dich und denke , du bist noch jung . Ich will dich nicht mit Tugendrederei quälen ; ach Gott , Tugend ! Aber sei klug und bedenke , was Phemi dir immer sagte : Bis dreißig ist es nichts . Und sieh , ehe du dreißig bist , bis dahin ist noch lang und ändert sich vielleicht viel . Du mußt nur warten können . « » Ich glaube wohl , daß du recht hast , Hannah , aber es ist nun einfach zu spät . Und dann , dann ... Aber ich will mich nicht bergen und flüchten dahinter : es wäre kleinlich und unedel gegen ihn und vielleicht Schlimmeres noch . Also lassen wir ' s. Ich fühle meine Schwäche , mein Unrecht , und ich bekenne mich dazu . « Als Hannah und Franziska so sprachen , war Egon erst in den Park und dann über die breite Dorfwiese fort in die Berge gegangen . Heute zu Fuß . Es war derselbe Weg , den er in den ersten Wochen seiner Anwesenheit fast alltäglich mit Franziska gemacht und auf dem ihm das Gespräch über den Entführungsroman in der Devavianyschen Familie zum ersten Mal einen bestimmten Blick in Franziskas leidenschaftliche Natur gegönnt hatte . Hoch oben , am Waldsaume hin , lag Tannen- und Birkenholz in Klaftern aufgeschichtet , und müde vom Steigen nahm er auf einer dieser Klaftern Platz . Er sah vor sich hin , zeichnete Figuren in den Sand und überdachte seine Lage . » Was tun ? Ich habe nur zwei Wege : weiter treiben oder Rückzug . Und der eine Weg ist um nichts besser als der andere . Weiter treiben und auf Geheimnis hoffen - eine Hoffnung , die jedesmal trügt . Denn alles dunkel Verschwiegene wächst sich ans Licht , heut oder morgen . Also Rückzug oder , was dasselbe sagen will : Rückfall in die Gewissenhaftigkeit , in eine Gewissenhaftigkeit , an die niemand glaubt und am wenigsten die , der man damit zu sagen scheint : Ich bin gewissenhafter als du . Die Weiber haben dies Rückzugsrecht , nicht wir . Unser Rückzug ist allemal Erkühlung oder Feigheit oder Überdruß . Oder wird doch so gedeutet . Also nur weiter ! Wer ehrlich sein will , muß mit Ehrlichkeit anfangen . « Der Weg , auf dem er aufgestiegen war und auf den er jetzt von der Höhe her zurücksah , lief wie ein Faden zwischen den Waldwiesen hin , und ein Wässerchen , das halb in Binsen stand , schlängelte sich nebenher . In den Binsen aber ging der Wind , denn seit dem Sturm auf dem See war wieder ein Wetterumschlag eingetreten , und grauschwarze Wolken , aus denen dann und wann ein Regenschauer niederfiel , zogen endlos vom Gebirg her über das Schloß hin . Auch in diesem Augenblicke wieder lag der Glockenturm in solchem Gewölk , und ein fahler Lichtschein , der von der entgegengesetzten Seite her auf die graue Wand fiel , steigerte nur das Unheimliche des Anblicks . Um ihn her die Stelle , wo das Holz aufgeklaftert lag , war windgeschützt , aber aus dem Walde kam dann und wann ein Luftstrom und schüttelte von dem überhängenden Gezweig einige Tropfen auf ihn nieder . Alles in Nähe und Ferne war wie in eine große Trübe gekleidet . Er erhob sich endlich , um seinen Rückweg anzutreten , wollte jedoch den Schlängelpfad , auf dem er gekommen war , nicht wieder einschlagen und zog es vor , weglos über eine den steilen Abhang bedeckende Wiese hinabzusteigen . Diese Wiese war aber glatter und abschüssiger , als er dachte , so daß er sich , um nicht auszugleiten , an allerlei Gebüsch , Weißdorn und Hagrosen , festhalten mußte , die den ganzen Abhang hinauf und hinab gepflanzt waren oder auch wohl sich selber gepflanzt hatten . An einem dieser Büsche blühte noch eine verspätete Rose ; die brach er und nahm sie mit sich , einen Augenblick von der Hoffnung und fast auch von dem Glauben erfüllt , ein Unterpfand künftigen Glückes in ihr empfangen zu haben . Aber welches war das Glück ? Und nun sprang er über den Binsenbach fort und hielt wieder die große Straße , bis er zuletzt an ein tieferes Wasser kam , das an seinem Uferrande von Werft und Weiden überwachsen war . Es hieß , daß erst ganz vor kurzem einer an dieser Stelle gefunden worden sei , halb verschlammt und begraben und nur die rechte Hand ausgestreckt nach dem niederhängenden Gezweig . Und keiner wußte , war es Untat oder ein Unglück . In weitem Bogen ging er um das verschlammte Wasser herum , aber als er ' s im Rücken hatte , war ihm doch , als folg ihm wer . Er blieb stehen , da stand der andere auch . Und es überlief ihn eiskalt . Erst nach einer Weile nahm er wahr , daß es der Widerhall seiner eigenen Schritte gewesen , was er unheimlich und gespenstisch neben und hinter sich gehabt hatte . Einunddreißigstes Kapitel Der Graf war spät abends , wie sein Telegramm gemeldet , wieder auf Schloß Arpa eingetroffen , aber erst am andern Morgen begrüßte man sich . Er war sehr heiter und aufgeräumt und erzählte von allerlei Zwischenfällen . Ein feiner Sinn für das Komische , der ihn auszeichnete , gab all seinen Schilderungen Kolorit und Leben . » Aber nun will ich wissen « , fuhr er fort , » was inzwischen hier vorgegangen ist , hier und draußen in der Welt . Denn ich habe seit vier Tagen kein Zeitungsblatt in der Hand gehabt und weiß nicht einmal , ob Gambetta mittlerweile seine Revanche genommen hat oder nicht . Ich vermute , nicht , aber es wäre mir lieb , die Bestätigung zu hören . Und zwar möcht ich sie , wenn es sein kann , von Schwester Judith hören . Ja , Judith soll lesen , hält sie doch ohnehin seit einer Viertelstunde das Zeitungsblatt in der Hand und wartet darauf , daß ich schweigen soll . Ich habe mich zwar in meinem Redestrom durch ihre stille Kritik nicht stören lassen , aber doch beständig gefühlt , daß sie mit ihrer Ungeduld und ihrer Trauermiene meinem ganzen Gruzer Komitatsvortrage das Mark ausgesogen hat . So denn zur Strafe , Judith , lies und fange mit Frankreich an . Es ist immer noch das Interessanteste . Selbst ihr Gezänk ist voller Leben . « Er sprach weiter und schien es mit seinem Verlangen , etwas aus der Welt hören zu wollen , nicht allzu dringlich gemeint zu haben . Endlich aber entsann er sich wieder und sagte : » Nun , was hast du gefunden ? Gib uns die Quintessenz . « » Ich habe nichts gefunden , Adam . All diese Zänkereien , die dich interessieren , interessieren mich nicht , und was mich wiederum interessiert , das sind Anekdoten und Notizen , über die du spöttisch hingehst . « » Es käme doch auf einen Versuch an . Ich bin schließlich auch durchaus der Mann der Anekdote . « » Nun denn , im Hospitale zu Charenton , so berichtet hier die Augsburgerin , ist hundertunddrei Jahre alt ein Mensch gestorben , den man allgemein den Glasmenschen nannte . « » Sonderbar . Ein l ' homme de fer ist mir auf meinen Weltfahrten irgendwo vorgestellt worden , ich glaub in Straßburg . Aber ein l ' homme de verre ist mir neu . Warum hieß er so ? « » Weil er sich selber einbildete , von Glas zu sein . « » Also durchsichtig ? « » Ja . « » Sagt die Notiz nichts weiter ? Du bist so einsilbig , Judith . Ich möchte mehr wissen . Wie verbracht er sein Leben ? « » Er lebte korrekt . « » Nur in der Ordnung . Wer von Glas ist , hat die Verpflichtung , korrekt zu leben ; er kann ja jeden Augenblick in seinem Triebwerk kontrolliert werden . Was meinst du , Franziska ? « Diese senkte den Blick , überwand sich aber und sagte : » Die Seele , mein ich , bleibt unsichtbar . « » Ja , die Seele . Aber es wäre schon immer was , das Herz arbeiten zu sehen . « » Es ist das so nötig nicht « , sagte Judith . » Alles hat seinen Widerschein , und auch das Herz spiegelt sich . Wir sind alle viel mehr Glasmenschen , als du glaubst , Bruder . Und es ist schließlich auch ein Glück , daß es so ist . « » Aber ein größeres noch , daß es als Regel nicht so ist . Nur der Irrtum ist das Leben . « » Oder die Wahrheit . « » Ach , die Wahrheit ? Glaube mir , Judith , die Welt bleibt ewig in der alten Pilatusfrage stecken . « Egon , als dies Gespräch schwieg , trat auf die Veranda . Dann kam er zurück und entschuldigte sich für den Tag , er habe eine Verabredung ; Fasanenjagd mit Szabô . Nach ihm erhob sich auch Franziska , der der Boden unter den Füßen brannte . War dies alles Zufall , oder war es mehr ? Sie ging auf ihr Zimmer , froh , aus dem Kreuzfeuer heraus zu sein . Nur Graf Adam und Gräfin Judith blieben , jeder anscheinend in seine Lektüre vertieft . Aber die Gräfin war es nicht , und als eine kleine Weile vergangen war , legte sie die Zeitung nieder und sagte : » Hast du noch nicht an Aufbruch gedacht , Adam ? Ich meine nach Wien . Die Tage werden kurz ... « » Und dir zu lang « , unterbrach der Graf . » Der kleine Mann unten ist freilich kein Pater Feßler ; aber Pardon , Judith , so steht nicht jeder zu dieser Sache . Was sollen wir jetzt in Wien ? Es ist noch um einen Monat zu früh , und verlängern wir die Saison um diese vier Herbsteswochen , so nehmen die Frühjahrswochen kein Ende . Zudem bin ich einigermaßen Gewohnheitsmensch und treffe nicht gern vor dem zweiten Dezember in Wien ein . Also , wenn du willst , auch ein Mann des zweiten Dezember . « » Ich würde mich nie so nennen , Adam , auch im Scherz nicht . Und nun gar du , der im Aberglauben steckt . Aber was ich dir sagen wollte : du verfällst zu sehr in deinen alten Fehler . « » Und der nennt sich ? « » Ein liebenswürdiger Egoist zu sein . Ehedem durftest du das . Aber du bist heute nicht mehr der , der du vor einem Jahre warst , und hast heute kein Recht mehr , so bon gré , mal gré von deinem gewohnheitsmäßigen zweiten Dezember zu sprechen . « » Ich verstehe dich nicht . « » Oh , du verstehst mich sehr gut ; ich seh es an dem Zucken um deinen Mund . Aber ich kann alles , was ich zu sagen habe , dir schließlich in einem einzigen Worte sagen , und dies eine Wort ist ein Name . « » Hat sie geklagt ? « » Mit keiner Miene ; solche Naturen klagen nicht . Aber ob sie nun geklagt hat oder nicht , das bleibt bestehen : du mutest ihr mehr zu , als sie tragen kann . Und wenn ich vorher von Wien sprach und von unserer Abreise dahin , so heißt das einfach : sie muß aus dieser Einsamkeit heraus . « » Einsamkeit . Was heißt Einsamkeit ? Ich hab es in ihre Wahl gestellt , ob sie Besuch haben wolle oder nicht , und hab ihr beispielsweise von Phemi gesprochen . Sie hat es aber abgelehnt . Das war , ehe ihr kamt , ja , ehe wir wußten , daß ihr kommen würdet . Nun seid ihr seit einem Monat hier , und jeder Tag ist so bunt wie das Laub im Park draußen und so plapperhaft wie ein Elsternest . Ist das Einsamkeit ? Du bist hier , Egon ist hier , und zum Überfluß et pour combler le bonheur sorgt auch noch der Himmel für entführte Kinder , für Schiffbruch und Abenteuer . « » Eben deshalb « , unterbrach hier die Gräfin und verließ langsam das Zimmer . Es war fast , als ob sie darauf gerechnet habe , von ihm zurückgerufen zu werden . Aber seine Verwirrung war zu groß , so groß , daß er in Schweigen verharrte . Sein Auge rötete sich , wie es stets geschah , wenn ihn ein Gegenstand erregte ; dann warf er die Zigarette durch die Balkontür , nahm ein Buch , das auf dem Nebentische lag , und blätterte mit dem Finger über den Rand hin , wie wenn man über ein Spiel Karten fährt . Er war bis ins Tiefste getroffen . Aber seine vertrauensselige Natur überwand es wieder , und indem er eine Spalte der Zeitung , aus der Judith vorgelesen hatte , mit dem Auge durchlief , ohne sich im geringsten um den Inhalt zu kümmern , sprach er vor sich hin : » Es ist Judith , wie sie leibt und lebt , und ich werde sie nicht ändern . Die hellste Seele von der Welt und dabei passionierte Schwarzseherin . Überall geheimnist sie was hinein . Das hat sie sich von den Pfaffen angenommen , die sich nichts vorstellen können ohne Dunkel , Komplott und Intrige . Welche Widersprüche leben doch in unserer Natur ; sie selbst hat nie den kleinsten Höllenfaden gesponnen , und wenn der Himmel der Hölle Preis wäre , sie würde diesen Faden nicht spinnen können . Aber weil sie von Jugend auf gehört hat , es gäbe dergleichen in der Welt , so sieht sie ' s nun überall . Übrigens ist es leicht , Rat zu schaffen . Egon hat sich eben verabschiedet , und so paßt es für heute nicht ; aber was heute nicht paßt , paßt morgen , und morgen mit dem frühesten werd ich ihn stellen und ihm rundheraus erzählen , was der Tante Judith auf der Seele brennt . « Er wiegte sich , als er so sann , in dem Schaukelstuhle hin und her und ging dabei das Gespräch , das er mit Judith gehabt hatte , noch einmal durch . » Wie verlief es doch ? Ich hatte von Egon gesprochen . Aber Egon war nicht das letzte Wort ... Schiffbruch und Abenteuer sagte ich , und dann antwortete sie : Eben deshalb . « Er sprang auf und schlug sich vor die Stirn . » Wenn ... « Aber er wurde seiner Erregung abermals Herr . » Unsinn ! Es ist Judith ; c ' est tout . Woher will sie ' s wissen . Als ob sie mit im Boot oder wohl gar mit in dem räucherigen Fährhaus gewesen wäre . Sie braucht Geschichten und macht sie sich , das ist alles , und am Ende , warum nicht ? Die Menschen machen sich ihre Götter , warum sollen sie sich nicht auch ihre Geschichten machen ? Bedürfnis und Angebot , das alte Lied . Übrigens freu ich mich auf das Gesicht , das Egon ... « In diesem Augenblicke trat Andras ein , um den Frühstückstisch abzuräumen . » Der weiß es « , schoß es dem Grafen durch den Kopf , und ehe er noch einen bestimmten Plan fassen oder zu reiferer Überlegung kommen konnte , fuhr es schon aus ihm heraus : » Andras , mein Junge , ich habe dich so gut wie noch nicht gesehen , seit du mit auf dem See warst . Hast dich tapfer und brav gehalten , hat mir die Gräfin erzählt , und Graf Egon ... « Der Junge lächelte . » Sieh , das hör ich gern , Andras , und du kannst dir auch etwas wünschen , jetzt gleich , oder wenn du mal groß bist und eine Braut hast , hier oder in Wien . Aber hübsch muß sie sein , hörst du ! Bist ja selber ein hübscher Jung . Und dann heiratest du sie ... « » Will nicht , Graf . « » Will nicht . Was heißt will nicht ? Du wirst schon wollen . Und dann kommen wir alle zu deiner Hochzeit , ich und die Gräfin und Graf Egon . Ja , die Gräfin und Graf Egon auch : die gehören ja jetzt zusammen , weil sie zusammen in dem Boot und in der Gefahr waren . Und Gefahr schließt die Menschen zusammen , das weiß ich ... Und du hast nichts auf dem Herzen ? Und hast mir nichts zu sagen , Andras ? « » Nein , Herr . « » Und weißt nichts ? « » Nein , Herr . « » Und willst auch nichts wissen ? « Andras hatte sein » Nein , Herr « schon ein drittes Mal auf der Zunge , besann sich aber rasch und sagte , während er sich vor dem Grafen aufrichtete : » Was , Herr ? « In dem Tone lag etwas , was den Grafen beschämte . » Nichts « , sagte dieser ruhiger . » Es ist gut so . Wir gehen in dieser Woche noch nach Wien . Und du mit . « Zweiunddreißigstes Kapitel Eine Woche später war man wieder in Wien . Der Graf hatte noch am