Helen sagt : ' Alle Leut sterben , nur die Alte nit ! ' « » Mutter ! « schrie Muckerl auf . » Das is von ihr nur ein unbsinnts Reden , sie meint ' s nit so . Sei gwiß ! « » Laß gut sein « , sagte die Alte , » wie sie ' s auch meint , ich weiß , davon stirb ich nit . Ihr Meinen bricht mir kein Stund ab und legt mir keine zu . Nur rechtschaffen schmerzen könnt ' s mich , wann ich s ' lieb hätt ; aber so wie ich sie jetzt kenn , hat ' s kein Gfahr . « » Tu ihr ' s halt verzeihen , Mutter « , sagte Muckerl mit gepreßter Stimme , » und mußt nimmer dran denken ; weißt ja , wie ich dich liebhab . « Er stand ganz nahe dem Bette , und als die alte Frau die schwachen Arme zu ihm erhob , da beugte er sich hernieder , und sie tätschelte ihm mit zitternder Hand die Wange . » Ich weiß , freilich weiß ich ' s. « Es gibt Liebkosungen , die wehe tun , es sind die unserer scheidenden Lieben , wo jeder Kuß , jede Umarmung , jeder matte Händedruck uns sagt : Es ist nicht lange mehr , daß wir uns haben . » Bhüt Gott , Mutter , ich muß jetzt - - « , stammelte der Holzschnitzer , und als ihn die Arme der Kranken freigaben , schlich er aus der Kammer , sachte schloß er die Türe hinter sich , dann aber stürzte er hastig hinaus in den Garten , sank dort in der schattigen Laube auf die Bank , preßte beide Hände vor das Gesicht , und zwei schwere Tropfen rollten zwischen den Fingern über die Knöchel herab . Und doch hatte die Kleebinder gelogen , sie gab sich für stärker , als sie war ; ihr hatten die Worte Helenens » rechtschaffen wehe getan « ! Mag sich ein Kranker auch selber für aufgegeben betrachten , die Mahnung daran von fremder Lippe schmerzt und schreckt ihn , denn sie rückt gleichmütig so nahe , gar so nahe , um was er mit fürchtendem Zagen und bangen Schauern sich quält in den stillen Stunden des Tages und in wachen Nächten . Hier war es eine ungeduldige Mahnung , und die sie verlauten ließ , des einzigen Sohnes Weib ! Während der junge Mann mit dem Schmerze rang , der ihm die Brust zusammenschnürte , wenn er der ihm ganz unverständlichen Herzlosigkeit seines Weibes gedachte , das ja allein ihm zuliebe der Mutter gut sein mußte , lag die alte Frau in ihrem Kämmerlein mit gefalteten Händen und starrte mit tränenverschleierten Augen vor sich hin . Eines sich nah , zunächst wissen , dem man nicht früh genug sterbe ! Das war wieder ein quälender Gedanke mehr , die viele Zeit über , wo sie mit sich allein war wie eben jetzt . Was mag in einsamen Stunden in der Seele eines Todkranken vorgehen ? Was sann die alte Frau , allein gelassen mit dem Gedanken an den Tod ? Was dachte sie beim Kommen und Gehen des Sohnes ? Wenn er kam : seh ich ihn doch wieder ; wenn er ging : vielleicht nimmer ! Seh es nicht mehr , mein Kind , höre nicht mehr seine Stimme , empfind nicht mehr sein treuherzig Liebbezeigen ! Es ist doch ein Eigenes um das Sterben ! - Eine schwere Träne rollte über die eingefallene Wange . Da hört sie Tritte , trocknet die Augen und blickt nach der Türe , außen wird es wieder stille , wieder spinnt sich der Gedanke fort : Es ist doch ein Eigenes ... wieder feuchten sich die Wimpern . Was sie all für Scheidensweh dachte , wer weiß es ? Ach , warum nimmt der Mensch tausendfach Abschied , um einmal zu gehen ? Als der Monat um war , sagte sie : » Ich hätt nimmer gedacht , daß ich den Ersten noch erleb . « Dann aber kam ein Tag , wo es das Leiden über die geduldige Frau gewann und sie nur den einen Wunsch herausstieß : » Ein End will ich , ein End « , und da war es , wo auch der Sohn darunter zusammenbrach und laut aus tiefster Brust aufschluchzte . Sie aber sagte : » Laß gut sein , ich kann mir wohl denken , wie dir is . « Und nun kamen jene qualvollen letzten Tage und Nächte , deren Erinnerung nach Jahren noch jeden durchschauert , den je Liebe oder Pflicht an das Sterbelager eines Schwerkranken bannte . Diese schwere Zeit über war Helenen kein Vorwurf zu machen , sie wich nicht von der Seite der Kranken , sie war ihr Tag und Nacht zu Dienst , unverdrossen eilte sie an den Herd , kochte und briet zu ganz ungewöhnlicher Stunde , wenn gerade ein sogenanntes falsches Gelüste bei der Leidenden sich einstellte . Sie rief Muckerl aus der Arbeitsstube herbei , als die alte Frau in Zügen lag , damit diese , welche sicher nur noch der Wunsch nach der Gegenwart des Sohnes festhielt , leichter sterbe . Helene drückte der Toten auch die Augen zu und schloß ihr den Mund , da Muckerl sich scheute , Hand an die Leiche zu legen . Als die Blätter eben zu vergilben und zu welken begannen , senkte man den nun zur Ruhe gekommenen armen , gemarterten Leib in die Erde . Vom Grabe weg eilte Helene flinken Schrittes voraus , um daheim die Fenster zu öffnen und das Haus zu lüften . An Muckerl , der mit gesenktem Kopfe und hängenden Armen , wie träumend , einherschlich , hatte sich die Matzner Sepherl angeschlossen , sie bezeigte ihm ihre Anteilnahme nicht mit Worten , sondern durch Seufzer und » erbärmliches Getue « . Plötzlich blieb der Holzschnitzer stehen , es preßte ihn etwas auf dem Herzen , und es würgte ihn im Halse , er mußte es aussprechen . » Es ist arg « , brachte er mühsam heraus . Die Dirne faßte ihn begütigend mit beiden Händen über dem Ellbogen seines linken Armes . » Meinst du , die lüftet nit gern ? « fragte er flüsternd . » Sie muß ja wohl , Muckerl , der Totngruch is übel und verzieht sich so schwer . « » Sie tut ' s gern , weil sie froh is , daß mein Mutter ausm Haus . « » Jesus , Maria ! « Sepherl faltete die Hände und starrte ihn erschreckt an . Er nickte ihr mit tränenden Augen zu , dann winkte er nach ihrer Hütte , bei der sie eben angelangt waren , und ging von dem Mädchen hinweg . Etwa zwei Monate darnach ward in der Hütte des Holzschnitzers eines geboren , das dort niemand rechte Freude machte ; es war ein Knabe , man taufte ihn , nach dem Namen des Mannes seiner Mutter , Johann Nepomuk . Helene betreute das Kind sorgfältig , aber sie zärtelte und spielte mit ihm nur , wenn sie in überaus guter Laune sich selber gleichsam vergaß , und das kam äußerst selten vor ; da mochte denn wohl zu Anfang dem Manne das Kleine dauern , und er versuchte es , mit ihm zu schäkern , aber er kam damit nicht recht zustande , weil ihn dabei stets das Weib gar eigentümlich großäugig und mit spöttischem Lächeln beobachtete ; bald ließ er es jedoch ganz sein , nachdem ihm Helene einmal murrig den Knaben von der Seite gerissen und gesagt hatte : » Zu was das ? Das kommt ihm nit zu . Wenn du dein Wort haltst , es z ' füttern , mehr zu verlangen hat es kein Recht . « So aber hatte es der redliche Mann nicht gemeint , als er sein Versprechen gab , auch rechtschaffen für das » andere « zu sorgen , und daß dieses nun , wie fremd im Hause , heranwachsen sollte , verleidete ihm die Sorge für dasselbe . Nicht lange hauste er mit Helenen allein unter einem Dache , so mußte er sich im stillen eingestehen , wie doch alles gar anders gekommen war , als er sich ' s gedacht . Wohl sah er bewundernd zu dem jugendschönen , stattlichen Weibe auf und anerkannte dessen überlegenen praktischen Sinn für Wirtschaft und Leben , aber in diesem selben Sinne , dem nur das Gegebene zu Recht bestand , der genau abwog , was jedem » zukam « , und selbst die dargebotene fremde Hand zurückwies , um die eigene frei zu behalten , handelte sie auch , wenn sie die Zärtlichkeiten des Mannes über sich ergehen ließ und dessen schmeichelnde Hand von dem Kinde abwehrte , dem übrigens auch sie nur eine gestrenge Pflegerin war und blieb , da es in ihren Augen nicht viel mehr Anspruch als den auf Gastrecht hatte . Tag für Tag vergällten solche erkältende Wahrnehmungen dem Manne die Freude über ihren Anblick und das Behagen über ihr umsichtiges , häusliches Walten ; mit Gewalt jagte es dann immer in seiner Seele den trüben Gedanken auf , daß sie es gewesen , welche die letzten Lebenstage seiner Mutter verbittert , und so , in raschem Wechsel bald angezogen von ihr , bald abgestoßen , fühlte er sich bald müde , herzensmüde . Sie war nun allerdings unbestrittene Herrin im Hause , aber in welchem ? Wer war sie ? ' s Zwischenbüheler Herrgottlmachers Weib ! - Wenn sie abends mit dem kleinen Hans auf dem Arme unter die Türe trat und hinauf sah zu dem Sternsteinhofe , der mit vom Sonnenuntergange erglühenden Fenstern vor ihr lag , wie sie als Kind oft ihn gesehen , dann hätte sie gerne Steine von der Straße raffen und all die blinkenden Scheiben zu Scherben werfen mögen ; aber wie weit , wie weit lag der prangende Hof , für sie wohl gar wie aus der Welt ! Einmal streckte das Kind nach dem Gefunkel auf der Höhe die Ärmchen aus , sie sah es überrascht an . » Weißt du auch , wo d ' hinghörst ? Wo wir allzwei sollten sitzen , wenn auf Wort und Schrift untern Menschen ein Verlaß wär ? ! « Die Röte schoß ihr plötzlich in das Gesicht , sie sah scheu um sich , ob jemand in der Nähe , der sie gehört haben könnte . » Närrisch ! Der Fratz meint ihn nah wie zun Greifen ! Ob das was vorbedeut ? Mein Jesus , den Gedanken nit loszuwerden , was das für ein Unsinn is ! « Sie stand und starrte hinauf , bis der Glanz erloschen war . In der Arbeitsstube aber saß der Mann , am Werktische verkümmernd und verkrümmend , fleißig schnitzelnd und pinselnd , geleckte Figuren , angestrichene Puppen , aber seine Besteller waren es zufrieden , und dessen war er ' s auch . XV Es war eine gar eigentümliche Begrüßung , die zwischen Vater und Sohn stattfand , als nach dreijähriger Militärdienstzeit der Toni auf den Sternsteinhof zurückkehrte . Die beiden wußten die lange Zeit über nur wenig voneinander . Schreiben war eben nicht ihre Sache . Der Alte überließ es dem Schulmeister , mit einigen Worten das Geld zu begleiten , das dem Burschen regelmäßig zugeschickt wurde , damit sich derselbe auch im Soldatenstande als der reiche Bauerssohn » zeigen « konnte ; der Junge schrieb nur , wenn er mitten im Monate in die Klemme geriet , und er erhielt auch stets das Erbetene , dann aber mit ein paar eigenhändigen Zeilen des Sternsteinhofers , welche weder Kosenamen noch Segenswünsche enthielten . Als der Alte den Brief empfing , der die Ankunft des Sohnes für den folgenden Tag anzeigte , ließ er das Steirerwägelchen instand setzen , und ein Knecht mußte in der Nacht hinüberfahren nach der Kreisstadt , welche an der Bahn lag . Am andern Morgen rasselte das Gefährt in den Hof . Der Sternsteinhofbauer stand an der Schwelle des Hauses , die Hände über den Rücken gelegt , und betrachtete den Heimkehrenden aufmerksam . Wie jener stehen , so blieb dieser sitzen . » No , da wär ich wieder « , sagte er , und nach einer Weile : » Grüß Gott , Vader . « Der Alte nickte . » Grüß dich Gott . Siehst , jetzt bist wieder da , hast ' s überstanden . « » Reservist bin ich halt « , murrte der Bursche . Der Bauer warf gleichmütig den Kopf auf , als wollte er bedeuten : Weiß ' s ohnehin , und obwohl er merkte , das Gesicht des Burschen , fahl und welk , mit blauen Ringen um die Augen , sähe nicht nur übernächtig so aus , sagte er doch zu ihm : » Schaust gut aus , hat dir nit schlecht angschlagn . « » No , etwa nit ? Das ging ' einm noch ab ! « rief Toni . Er schwang sich vom Wagen , strampfte mit den Füßen auf und reckte sich . » Ah , war das a Radlerei und Herumwerfen . Froh , wann mer wieder afn Füßen isl Bis zun Essen is wohl noch a Weil hin ? « » Dös schon , aber willst vorher was - ? - « » Nein , dank schön . Hast wohl nix dagegen , wann ich mich derweil bissel unten im Ort umschau ? « » Gar nix . « Toni hob die Hand zum Hutrande , wie er als Soldat gewohnt war , sie zum Gruße an den Schirm der Kappe zu legen , schwenkte um und ging hinab nach Zwischenbühel . Er schlenderte längs des Baches hin . Hie und da ward er aus den Häusern grüßend angerufen , eines oder das andere lief ihm wohl auch in den Weg , aber er fertigte die Neugierigen mit kurzen Gegenreden ab und schritt weiter nach dem unteren Ende des Ortes . Nahe der vorletzten Hütte , inmitten der Straße , spielte ein Kind im Sande , er kam bis auf wenige Schritte an dasselbe heran und blieb , es beobachtend , stehen , und als es nun das kraushaarige Köpfchen hob und ihn mit den großen , braunen Augen anblickte , trat er rasch zu ihm , schon beugte er sich herab und hob die Hand , um den Scheitel des Kleinen zu streicheln , da stürzte Helene herbei und riß das Kind vom Boden an sich . » Du rühr mir ' s nit an « , keuchte sie . » Närrisch , warum grad ich nit ? « flüsterte er . » Du fragst ? « zischte sie zwischen den Zähnen hervor . Aus ihrem leichenblassen Gesichte starrten ihn ihre Augen so zornfunkelnd an , daß er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat , dann aber verzerrte er den Mund und stieß ein paar kurz abbrechende Lachlaute hervor , doch sie kehrte sich ab von ihm und schritt , das zappelnde Kind an der Hand nachzerrend , der Hütte zu . Als der Sternsteinhofbauer mittags den Teller von sich schob und sich behaglich in den Großvaterstuhl zurücklehnte , fragte er den gegenübersitzenden Toni : » No , Neuigkeiten im Ort ? « Der Bursche zuckte die Achseln . » Dös trau ich mir wohl z ' raten , daß ' s dich gwaltig neugiert hat nach der jungen Herrgottlmacherin . « » Nun ja . Begegnet habn mer sich . « Der Alte zog die Brauen in die Höhe und warf einen ausholenden Blick nach dem Burschen . » Bin ungnädig gnug aufgnommen wordn « , lachte der ärgerlich . » Gschieht dir ganz recht . Hätt ich dir vorausgsagt , einbilderischer Ding ! Du bist ihr niemal im Sinn glegn , der Hof is ' s gwest , und hitzt sähet dö lieber ein Hasen übern Weg laufen wie dich . Dö is nit dalket , dö tut keinm was zlieb ohne Absehn , und nun hätt ' s ja gar keins ! Drum mach dir keine unverlaubten Gedanken . « » Fallt mer eh nit ein . « » Zeit wär ' s , daß du döselbn und andere Dummheiten sein ließ ' st . « » Bist sicher ! « » - z ' Ostern kimm ich wieder , sagt ' s Beichtkind zun Pfarrer . « » Sorg nit , du hast mich gscheit gnug gmacht . « Der Alte lachte - und diesmal hätte er es besser unterlassen . Früh am andern Morgen sagte Toni : » Hast wohl nix dagegen , Vader , wann ich mich heut außerm Haus hrumtreib ? Will mer ein weng d ' Füß vertreten , vielleicht triff ich auch mit einm Kameraden zsamm . « » Tu , wie d ' willst « , murrte der Bauer , » daß d ' dich nit zur Arbeit antragen wirst , hab ich mir denkt . Soldaten verderbn ' n Bauern , ob mer s ' ihm ins Quartier legt oder ihn selber dazu nimmt . « » No ja , fürn Anfang muß mer sich freilich erst wieder eingwöhnen , aber das gibt sich . Man kann doch nit allweil hrumstromen . « » Wohin geht denn d ' Reis ? « forschte der Alte . Der Bursche zog ein gleichmütiges Maul und neigte den Kopf gegen eine Achsel . » Wohin mich d ' Füß tragen , halt ' m Weg nach . « Welchen er einzuschlagen gedachte , sagte er nicht . Einige Stunden später trat er zu Schwenkdorf in Käsbiermartels Stube . Er fand dort Sali , die über einer Näharbeit saß . » Grüß Gott « , sagte er . » Auch soviel . « Sie war aufgestanden und schob , was sie in Händen hatte , zur Seite , dann schritt sie nach der Türe . » Der Vader wird gleich kommen . « Toni verstellte ihr den Weg . » Du bist mir bös und hast ' s Recht dazu . Der Gedanken hat mer ' n Gang her schwer gnug gmacht . Drum is mir lieb , daß ich allein mit dir reden kann - wann d ' mich anhörn willst - , bevor dein Vader kommt ; denn einm Mon gegnüber meint mer sich doch was z ' vergeben , wann mer eingstehn soll , wie groß mer gfehlt hat . Was mer aber leichtfallt , das is , daß ich dich um Verzeihn bitt für mein Grobheit ; ja wohl war das eine und a ausgiebige dazu , schon am Kirtag mein wenig Aufschaun auf dich und nachher gar ' s Sitzenlassen am Faschingball . So tät ich dich denn recht schön bitten , daß d ' nimmer dran gedenken und mir ' s nit nachtragen möchtst . « » Weil d ' mir ' s so orntlich und wie ghörig is abbittst , so will ich dir ' s auch nimmer gedenken noch nachtragn . « » So gib mir d ' Hand drauf , daß d ' mir wieder gut bist . « Sie reichte ihm die Hand . » Ich bin dir wieder gut , aber anderscht nit , wie ' s früher zwischen uns gwesen is . « » Mein liebe Sali , wann ich meins Lebens froh werden soll , so muß ' s besser kommen . Hör mich an - aber zun Zeichen , daß d ' kein Groll mehr hast , sitz da nieder neben mir . « Er führte sie nach der Bank , welche die Vertiefung des einen Fensters ausfüllte , und zog sie an seine Seite , dann fuhr er fort : » Laß dir nur sagen , wie alls so kommen is , ich möcht nit , ich käm dir unverständlich vor , denn jeds Ding hat sein Grund . Ich weiß nit , ob auch dir , aber mir war ' s unbewußt , daß zwischen unsern zwei Alten schon lang bschlossene Sach war , wir sollten uns heiraten , und zur selben Zeit , wo ich ' s erstemal davon ghört hab - drei Jahr is ' s her , nit früher hat ' s mein Vader Wort ghabt - , da is ' s just so hrauskommen , als ob mer mir dich wollt hnaufnötigen , und Nötigen hat ' s doch nit not bei einer Dirn , wie du bist , und nötigen laßt sich auch kein Bub , wie ich bin ; überdem will ich dir ' s nur frei eingstehn , daß zur selbn nämlichen Zeit ich mit einer im Ort a Bandlerei ghabt hab . Du siehst , ich geh nit drauf aus , dir was vorzlügen , und schäm mich der Wahrheit nit . « » Das nähm ich dir auch groß übel . Mer weiß ja , daß ihr Mannleut oft mit mehr als einer geht , bevor ihr auf die trefft , mit der ihr dann hausen wollt . « » Du bist a grundgscheite Dirn und wirst wohl auch verstehn , daß mir damals die Sach allenthalben kein rechten Schick ghabt hat . « » Es wär auch gar nit recht gwest , wo du ' s mit einer ghalten hast , an die Hochzeit mit einer andern z ' denken . Ich hätt mich schön bedankt für d ' Ehr , mit dir zun Altar z ' gehn , wo dir die Dirn noch im Sinn liegt ; so was muß völlig vorbei sein , denn ' s Weib darf keiner nachstehen . « » Blitz hnein , in allm hast recht ! Hitzt is aber dö dumme Gschicht lang schon völlig vorbei - « Sali rückte näher und legte ihm die Hand auf die Schulter . » Döselbe hat gheirat , kurz drauf « , schmunzelte er , ihrer Frage zuvorkommend . » Denk ' s kaum , wie s ' ausgschaut hat . Hitzt bin ich kein heuriger Has mehr , und hitzt weiß ich , was mer taugt , und hitzt , Sali , wann nur du einverstanden wärst , nähm ich dich zun Weib , ob ' s unsern zwei Vadern glegen käm oder nit ! « » Das is a unkindlich Reden ! Da bin ich viel anderscht wie du . Wann ' s mein Vader will , der deine nix dagegen hat und du ' s zfrieden bist - « » ' s gilt schon , mein Dirndl ! O du mein Dirndl ! « rief der Bursche und schloß sie in seine Arme und preßte seine Lippen auf die ihren . Einige Augenblicke hielt sie sich , wie erschreckt und scheu , reglos ; dann wehrte sie den Burschen ab und erhob sich flink . » Du bist ein Schlimmer ! Jetzt is ' s Zeit , ich lauf nachm Vadern ! « Damit war sie aus der Stube . » Ei , du mein « , sagte Toni , » dö is wie ein Stück Holz . Na , wann auch , was tut ' s ? Holz im Haus und Jagd im Wald macht ' n Förster bezahlt . « Nach einer kleinen Weile kam der Käsbiermartel angetrabt . » Na , du Lotter « , schalt er im Eintreten , » bist wieder heim ? « » Wie d ' siehst . « » Du Sakra du , und hitzt kommst mer gar her , der Dirn ' n Kopf verdrehn ? Na , das sag ich dir nur frei gleich , Dummheiten leid ich nit , willst kein Gscheiten machen , so bleib mer weg ! « » Käsbiermartel , ich kann dir gar nit sagen , wie ehrlich ich ' s diesmal mein , aber du kennst mein Vadern , du weißt , der hat mehr Ausflüchten wie a Fuchs . Laß dich bedeuten , wie mer den jeden Schluf verlegen wollen ; deßtwegen bin ich da . « » Sali « , schrie der Käsbiermartel . Das Mädchen mußte Wein und Rauchfleisch auftragen , dann setzten sich die beiden Männer zusammen , und der Käsbiermartel ließ sich bedeuten . » No , Toni « , sagte am Sonntagmorgen der Sternsteinhofbauer , » fahrst mit hnüber nach Schwenkdorf ? Hast ja mehr kein Ursach , daß d ' dich grad in der Zwischenbüheler Kirchen als leuchtends Beispiel fürs Gsind hinstellst . « » Dös nit , aber drent is ' s mir zwider . « » Zwegn we denn ? « » ' m Käsbiermartel und seiner Dirn halber . « » Haha , bsinnst dich af dö ? « » Nein , vergessen werd ich döselbe , wegn der ich so einklemmt wordn bin . « » Is eigentlich a arms Hascherl , hat da wieder die drei Jahr af dich gwart . « » Af mich ? Da könnt s ' noch lang warten . Wär doch a heller Unsinn , wann ich hitzt ans Heiraten dächt , als Reservist . « » Wie lang hast noch ? « » Siebn Jahr Reserv und zwei Jahr Landwehr . « » Macht neune . Sakra hnein , is a Zeit ! « » Ja , und wann während derselben wo was auskäm , könnt ich von Weib und Kind und Haus und Hof davonrennen , und dös gebn s ' keinm schriftlich , daß er auch wieder zruckkommt . « » Jo und ich , wann ich mittlerweil in der Ausnahm säß , ich rühret nit an das Deine , ob ' s hitzt zruckging oder vorwärtskäm . « » Dös wär mir auch gar nit lieb , d ' Wirtschaft vertragt nur ein Herrn , ehnder nehmet ich mir noch ein orntlichen Pfleger . « Der Alte blickte ihn von der Seite an . » Hast ja recht und Zeit gnug zun Aussuchen . Aber schau mal , wann d ' vom Militär frei wirst , bist grad in schönsten Jahrn und die Dirn - « » Dö wird just draus sein . « » Paperla , was s ' an Schönheit verlorn hat , das hat s ' mittlerweil an Geld zugnommen . Ich sag dir , wann ich ' n alten Käsbiermartel hrumkrieg , daß der dir dö Dirn bis af d ' selbe Zeit aufbhalt , so heiratst du dö und kein andere , da hilft d ' r kein Widerred . « » Wegn derer werd ich mich unnötigerweis kein zweits Mal mit dir streiten . Wart mer ' s ab . « » Wart mer ' s ab ! No , so kimm mit , ' s wird lustig werdn . Heut frozzel ich den alten Geizkragn , daß er Blut schwitzen soll . « Mit diesem christlichen Vornehmen kletterte er auf den Kutschbock , Toni nahm an seiner Seite Platz , und sie fuhren nach Schwenkdorf zum Gottesdienste . Nach demselben saßen sie im Wirtshause , der Sternsteinhofbauer auf seinem gewohnten Platze , neben dem Käsbiermartel . » Schau « , sagte er diesem , » da wär der Bub wieder . « » Ich sieh ' n. « » Dünkt mich , er wär nit übler wordn . « » Mag sein . « » Und dein Dirn hat auch nicht abgnommen . « » Nein . « » No , was is ' s ? « » Was soll denn sein ? « » Gäb dös noch a Paarl ? « » Ihner zwei gebn allmal eins . « » Geh zu , laugn ' s nit , du hast die Schritt und die Wörter gar nit zählt , die d ' aufgwendt hast , um dö zwei zsammzbringen . « » Fallt mer nit ein , z ' laugnen . « » Froh gwesen wärst ! « » Dös wär ich auch , ich mag ' s ja hitzt ganz ungscheut eingstehn , wo mer nix mehr dran liegt . « » Es läg dir nix mehr dran ? « » Nein , ich will andersdwo hnaus mit der Dirn . Der reiche Produktenhandler von der Kreisstadt war schon paarmal bei uns und hat anghobn , so dergleichen z ' reden . No und Bäurin muß s ' ja just nit sein . « » Der Produktenhandler , sagst ? Das is ja a alter Schüppel . « » Jung is er nimmer , aber was is dabei ? Ich hab mein Kind anders zogn wie andere Leut ' s ihnere . Wann ich sag : Sali , du heiratst ' n Großsultl ! so heirat s ' ihn ! « » Meinetest ' s deinm Kind gut ! Wär a Partie , mit dö vieln Weiber ! « » Ei , du mein , weil wir ' s etwa christlich soviel genau nehmen mit der ein Einzigen ! ? « » Du taugest ja zu einm Türken . « » Beileib , ich bin z ' mager , dös sein lauter Ausgfressene ; du gäbest so ein rechten Hallawachel ab . « » Käsbiermartel ! « » Was denn , Sternsteinhofer ? « Es war allerdings an dem Tische recht lustig geworden , aber dem Käsbiermartel stand kein heller Tropfe an der Stirne , geschweige denn Blut . Der Sternsteinhofbauer leerte sein Glas auf einen Zug , dann blinzte er den am Tische Sitzenden mit zusammengekniffenen Augen zu : Paßt auf , wie ich ihm ' s heimgeb ! » Ich hör wohl schlecht ? « spöttelte er . » Oder hat er vorhin wirklich vom Kinderziehn gredt ? Was hat er denn zogn ? A Dirn . Wann mer so a Waiserl anschreit , fallt ' s eh gleich in d ' Fraiß . Dös is kein Kunst . Daß er sich da noch z ' reden traut gegn ein , der Bubnziehn versteht ! « » Wie sich gewiesen hat vor drei Jahrn . « » Dös