ich widerspenstig war gegen seinen wohlmeinenden Rat . Der Herr Pfarrer hat ja in allem Recht gehabt und ich war im Unrecht , aber ich will jetzt seinem Rate folgen und auf den Winter wieder ein Quartier im Dörfli beziehen , denn die harte Jahreszeit ist nichts für das Kind dort oben , es ist zu zart , und wenn auch dann die Leute hier unten mich von der Seite ansehen , so wie einen , dem nicht zu trauen ist , so habe ich es nicht besser verdient , und der Herr Pfarrer wird es ja nicht tun . « Die freundlichen Augen des Pfarrers glänzten vor Freude . Er nahm noch einmal des Alten Hand und drückte sie in der seinen und sagte mit Rührung : » Nachbar , Ihr seid in der rechten Kirche gewesen , noch eh ' Ihr in die meinige herunterkamt ; des freu ' ich mich , und daß Ihr wieder zu uns kommen und mit uns leben wollt , soll Euch nicht gereuen , bei mir sollt Ihr als ein lieber Freund und Nachbar alle Zeit willkommen sein , und ich gedenke manches Winterabendstündchen fröhlich mit Euch zu verbringen , denn Eure Gesellschaft ist mir lieb und wert , und für das Kleine wollen wir auch gute Freunde finden . « Und der Herr Pfarrer legte sehr freundlich seine Hand auf Heidis Krauskopf und nahm es bei der Hand und führte es hinaus , indem er den Großvater fortbegleitete , und erst draußen vor der Haustür nahm er Abschied , und nun konnten alle die herumstehenden Leute sehen , wie der Herr Pfarrer dem Alm-Öhi die Hand immer noch einmal schüttelte , gerade als wäre das sein bester Freund , von dem er sich fast nicht trennen könnte . Kaum hatte dann auch die Tür sich hinter dem Herrn Pfarrer geschlossen , so drängte die ganze Versammlung dem Alm-Öhi entgegen , und jeder wollte der erste sein , und so viele Hände wurden miteinander dem Herankommenden entgegengestreckt , daß er gar nicht wußte , welche zuerst ergreifen , und einer rief ihm zu : » Das freut mich ! das freut mich , Öhi , daß Ihr auch wieder einmal zu uns kommt ! « und ein anderer : » Ich hätte auch schon lang gern wieder einmal ein Wort mit Euch geredet , Öhi ! « Und so tönte und drängte es von allen Seiten , und wie nun der Öhi auf alle die freundlichen Begrüßungen erwiderte , er gedenke , sein altes Quartier im Dörfli wieder zu beziehen und den Winter mit den alten Bekannten zu verleben , da gab es erst einen rechten Lärm , und es war gerade so , wie wenn der Alm-Öhi die beliebteste Persönlichkeit im ganzen Dörfli wäre , die jeder mit Nachteil entbehrt hatte . Noch weit an die Alm hinauf wurden Großvater und Kind von den meisten begleitet , und beim Abschied wollte jeder die Versicherung haben , daß der Alm-Öhi bald einmal bei ihm vorspreche , wenn er wieder herunterkomme ; und wie nun die Leute den Berg hinab zurückkehrten , blieb der Alte stehen und schaute ihnen lange nach , und auf seinem Gesichte lag ein so warmes Licht , als schiene bei ihm die Sonne von innen heraus . Heidi schaute unverwandt zu ihm auf und sagte ganz erfreut : » Großvater , heut ' wirst du immer schöner , so warst du noch gar nie . « » Meinst du ? « lächelte der Großvater . » Ja , und siehst du , Heidi , mir geht ' s auch heut ' über Verstehen und Verdienen gut , und mit Gott und Menschen im Frieden stehen , das macht einem so wohl ! Der liebe Gott hat ' s gut mit mir gemeint , daß er dich auf die Alm schickte . « Bei der Geißenpeter-Hütte angekommen , machte der Großvater gleich die Tür auf und trat ein . » Grüß Gott , Großmutter « , rief er hinein ; » ich denke , wir müssen einmal wieder ans Flicken gehen , bevor der Herbstwind kommt . « » Du mein Gott , das ist der Öhi ! « rief die Großmutter voll freudiger Überraschung aus . » Daß ich das noch erlebe ! daß ich Euch noch einmal danken kann für alles , das Ihr für uns getan habt , Öhi ! Vergelt ' s Gott ! Vergelt ' s Gott ! « Und mit zitternder Freude streckte die alte Großmutter ihre Hand aus , und als der Angeredete sie herzlich schüttelte , fuhr sie fort , indem sie die seinige festhielt : » Und eine Bitte hab ' ich auch noch auf dem Herzen , Öhi : wenn ich Euch je etwas zuleid getan habe , so straft mich nicht damit , daß Ihr noch einmal das Heidi fortlaßt , bevor ich unten bei der Kirche liege . O Ihr wißt nicht , was mir das Kind ist ! « und sie hielt es fest an sich , denn Heidi hatte sich schon an sie geschmiegt . » Keine Sorge , Großmutter « , beruhigte der Öhi ; » damit will ich weder Euch noch mich strafen . Jetzt bleiben wir alle beieinander und , will ' s Gott , noch lange so . « Jetzt zog die Brigitte den Öhi ein wenig geheimnisvoll in eine Ecke hinein und zeigte ihm das schöne Federnhütchen , und erzählte ihm , wie es sich damit verhalte , und daß sie ja natürlich so etwas einem Kinde nicht abnehme . Aber der Großvater sah ganz wohlgefällig auf sein Heidi hin und sagte : » Der Hut ist sein , und wenn es ihn nicht mehr auf den Kopf tun will , so hat es recht , und hat es ihn dir gegeben , so nimm ihn nur . « Die Brigitte war höchlich erfreut über das unerwartete Urteil . » Er ist gewiß mehr als zehn Franken wert , seht nur ! « und in ihrer Freude streckte sie das Hütchen hoch auf . » Was aber auch dieses Heidi für einen Segen von Frankfurt mit heimgebracht hat ! Ich habe schon manchmal denken müssen , ob ich nicht den Peterli auch ein wenig nach Frankfurt schicken solle ; was meint Ihr , Öhi ? « Dem Öhi schoß es ganz lustig aus den Augen . Er meinte , es könnte dem Peterli nichts schaden ; aber er würde doch eine gute Gelegenheit dazu abwarten . Jetzt fuhr der Besprochene eben zur Tür herein , nachdem er zuerst mit dem Kopf so fest dagegen gerannt war , daß alles erklirrte davon ; er mußte pressiert sein . Atemlos und keuchend stand er nun mitten in der Stube still und streckte einen Brief aus . Das war auch ein Ereignis , das noch nie vorgekommen war , ein Brief mit einer Aufschrift an das Heidi , den man ihm auf der Post im Dörfli übergeben hatte . Jetzt setzten sich alle voller Erwartung um den Tisch herum , und Heidi machte seinen Brief auf und las ihn laut und ohne Anstoß vor . Der Brief war von der Klara Sesemann geschrieben . Sie erzählte Heidi , daß es seit seiner Abreise so langweilig geworden sei in ihrem Hause , daß sie es nicht lang hintereinander so aushalten könne und so lange den Vater gebeten habe , bis er die Reise ins Bad Ragaz schon auf den kommenden Herbst festgestellt habe , und die Großmama wolle auch mitkommen , denn sie wolle auch das Heidi und den Großvater besuchen auf der Alm . Und weiter ließ die Großmama noch dem Heidi sagen , es habe recht getan , daß es der alten Großmutter die Brötchen habe mitbringen wollen , und damit sie diese nicht trocken essen müsse , komme gleich der Kaffee noch dazu , er sei schon auf der Reise , und wenn sie selbst nach der Alm komme , so müsse das Heidi sie auch zur Großmutter führen . Da gab es nun eine solche Freude und Verwunderung über diese Nachrichten , und so viel zu reden und zu fragen , da die große Erwartung alle gleich betraf , daß selbst der Großvater nicht bemerkte , wie spät es schon war , und so vergnügt und fröhlich waren sie alle in der Aussicht auf die kommenden Tage und fast noch mehr in der Freude über das Zusammensein an dem heutigen , daß die Großmutter zuletzt sagte : » Das Schönste ist doch , wenn so ein alter Freund kommt und uns wieder die Hand gibt , so wie vor langer Zeit ; das gibt so ein tröstliches Gefühl ins Herz , daß wir einmal alles wiederfinden , was uns lieb ist . Ihr kommt doch bald wieder , Öhi , und das Kind morgen schon ? « Das wurde der Großmutter in die Hand hinein versprochen ; nun aber war es Zeit zum Aufbruch , und der Großvater wanderte mit Heidi die Alm hinan , und wie am Morgen die hellen Glocken von nah und fern sie heruntergerufen hatten , so begleitete nun aus dem Tale herauf das friedliche Geläut der Abendglocken sie bis hinauf zur sonnigen Almhütte , die ganz sonntäglich im Abendschimmer ihnen entgegenglänzte . Wenn aber die Großmama kommt im Herbst , dann gibt es gewiß noch manche neue Freude und Überraschung für das Heidi wie für die Großmutter , und sicher kommt auch gleich ein richtiges Bett auf den Heuboden hinauf , denn wo die Großmama hintritt , da kommen alle Dinge bald in die erwünschte Ordnung und Richtigkeit , nach außen wie nach innen .