, vielleicht geht ' s doch ! « » Ja , wenn das vierte Rädchen nicht war ' « , rief Jossele . » Und das vierte ist grad ' das größte ! Du bist ein schlechter Bursch ' und treibst wüste Sachen ! « » Ich ? ! « rief Sender . » Du ! Du bist schlecht , sag ' ich . Daß du nicht heiraten willst , wundert mich nicht - ein Pojaz will nicht gebunden sein , wenn er seine Späße heut ' hier und morgen dort auskramen will . Aber warum sagst du denn nicht deiner Mutter Nein ! , warum läßt du , wenn du zu feig dazu bist , Schuldlose für diese Feigheit büßen ? ! Du hast es auf dem Gewissen , wenn Reb Mortche Diamant vielleicht erst in Jahren , vielleicht niemals einen Mann für seine Chaje findet - die dummen Leut ' lachen , wenn man ihren Namen nennt , so hast du sie durch deine Possen bloßgestellt ! Ich weiß , du bist gar noch stolz darauf ! ... « » Bei Gott , nein ! « beteuerte der Gescholtene . Der Meister richtete sich auf ; wieder überflammte der Zorn sein Antlitz . » Wer hat ' s unter die Leut ' gebracht ? ! « rief er . » Etwa Reb Mortche , weil er so viel Freud ' davon hat ? Du warst es ! « Sender mußte den Blick senken . In der Tat hatte er einigen davon erzählt . Aber noch schlimmer ward ihm zu Mut , als Jossele fortfuhr : » Das ist aber noch nicht das Ärgste ! Das Ärgste ist , was du jetzt treibst . Wo bist du immer während der Mittagszeit ? Ich hab ' geglaubt , bei deiner Mutter . Aber du kommst nur nach Haus , das Essen in dich hineinzuschlingen , dann rennst du wieder davon . Hierher aber kommst du immer zu spät , und wie schaust du dann aus ? Halb erfroren bist du und Augen hast du , als hätt ' st du zu viel getrunken . Ich hab ' s deiner Mutter bisher verschwiegen , aus Mitleid , sie härmt sich deinetwegen ohnehin genug ab . Aber jetzt muß es sein , denn jetzt weiß ich endlich , was dahinter steckt ! « Sender wurde totenbleich . Hatte der Meister seine Besuche im Kloster wirklich erkundet , so mußte er sofort fliehen , gleichviel wohin , auf die Gefahr , am Wege zu erfrieren oder Hungers zu sterben . Denn in Barnow quälten ihn die Fanatiker unter den Chassidim langsam zu Tode . » Du zitterst ! Du kannst mir nicht ins Gesicht sehn ! Hättst du dich doch lieber geschämt , eh ' du diese Schande und Sünde auf dich und ganz Israel geladen hast ! So was war ja noch nicht da , seit Barnow steht ... « Kein Zweifel , der Mann wußte alles ! Aber hatte er trotzdem bisher geschwiegen , so tat er es vielleicht auch ferner , sofern man ihn nur recht darum anflehte . » Meister ! « stammelte Sender , » denkt an meine Mutter ... « » Hast du an sie gedacht , als du dich so an Gottes heiligem Namen versündigt hast ? ! « Sender beugte das Haupt noch tiefer . » Ich sehe ja ein « , flehte er , » es ist eine Sünde . Aber seht , anderswo , in Czernowitz zum Beispiel , ist ja jeder Jud ' ein Deutsch ... « » Eine schöne Ausred ' ! Übrigens hab ' ich das sogar von den Czernowitzern , die doch gewiß Abtrünnige sind , nie gehört , daß dort jeder eine Liebschaft mit einer Christin hat wie du ! ... « » Was ? ! « Sender traute seinen Ohren nicht . » Willst du dich aufs Lügen verlegen ? ! Du hast es ja eben gestanden ! Du treibst dich täglich irgendwo mit ihr herum ! Neulich bist du sogar mit einem ganz beschmutzten Kaftan hergekommen ! Und mager und grün wirst du davon ! Pfui ! pfui ! « » Ich bin unschuldig ! « rief Sender und beteuerte es mit feierlichen Eiden . Es nützt ihm aber nichts , bis er auf Josseles Drängen auch bei dem Leben seiner Mutter schwor , daß er keine Christin liebe . Da erst gab sich der Meister zufrieden ; eines solchen Meineids wäre auch der gewissenloseste Jude nicht fähig . Während aber Sender schwor , dachte er angstvoll nach , welcher Sünde er sich statt dessen beschuldigen sollte . Endlich fiel ihm etwas bei , was nicht allzu unwahrscheinlich klang . Jedes Judenstädtchen ist von einem an Häusern , Bäumen oder Pflöcken befestigten Draht , dem » Eiruw « umzogen . Bei den » Mismagdim « in Galizien , den frommen Gemeinden in Posen und Westpreußen hat der » Eiruw « nur für den Sabbat Bedeutung . Da der Jude an diesem Tage keine Last aus seinem Hause hinaustragen darf , also niemand mit einem Gebetsmantel oder einem Taschentuch auf die Gasse treten dürfte , so wird durch den » Eiruw « , der den Ort umschließt , die Fiktion hergestellt , als wäre das ganze Weichbild ein Haus . Der Sekte der » Chassidim « aber , die ja in Barnow die herrschende war , genügt diese Bedeutung des Drahtes nicht . Bei ihnen ist es überhaupt verboten , zu anderen Zwecken als in Geschäften oder um das Gotteshaus aufzusuchen , die Stube zu verlassen , denn der Fromme soll daheim sitzen und über Talmud und Thora grübeln . Da aber auch sie dies nicht immer tun können , so bedeutet der » Eiruw « die Grenze , innerhalb deren man spazieren gehen darf , denn da verläßt man gleichsam das Haus nicht . » Den Eiruw hab ' ich überschritten « , gestand also Sender zu . » Aber seht , Meister , als Kutscher hab ' ich mich an frische Luft gewöhnt . Ich muß täglich gehörig laufen ! « Jossele schüttelte den Kopf . » Du lügst mich an « , sagte er . Aber sein erster Verdacht war ungerecht gewesen , und eine andere Erklärung für die steifen Hände und die glänzenden Augen seines Lehrlings hatte er nicht - so mußte er denn diesen Anwurf wohl oder übel fallen lassen . Das aber wurmte ihn , und darum wurde er doppelt heftig . » Deshalb bist du doch schlecht ! « rief er so laut , wie man es kaum je von ihm gehört . » Und von mir kriegst du nie einen Heller ! Geh in die Welt , werd ' ein Schnorrer ! Da bekommst du für deine Späße Essen und noch ein paar Kreuzer dazu ... « » Schweigt ! « brauste Sender auf und ballte die Fäuste . » Ein Schnorrer ! « ... Nicht umsonst hatte ihn Rosel in der Anschauung erzogen , daß dies das erbärmlichste , jammervollste Gewerbe unter der Sonne sei . » Warum ? ! « sagte der kleine Mann höhnisch ; der Zorn , der lang zurückgehaltene Haß übermannte ihn . » War nicht dein Vater Mendele ein Schnorrer ? Und deine Mutter ... « » Meine Mutter ? ! « fiel ihm Sender heiser vor Wut ins Wort und trat dicht an ihn heran . » Wer was gegen meine Mutter sagt , den schlag ' ich nieder ! Und mein Vater ? Was geht ' s mich an , was aus Froim dem Schreiber geworden ist ? ... Denn Froim hat er geheißen und nicht Mendele . Er hat mich in die Welt gesetzt - ja ! aber wer so schlecht gegen meine arme Mutter war , den brauch ' ich nicht als Vater zu achten . Und vorgeworfen hat mir bisher noch niemand das Unglück , für das doch ich nichts kann . Ihr seid der erste - schämt Euch ! « ... Aber es bedurfte dieser Rüge nicht . Jossele Alpenroth schämte sich in diesem Augenblick ohnehin so sehr , daß er in die Erde hätte versinken mögen , freilich aus einem anderen Grunde , der aber noch viel triftiger war . Er war eben im Begriffe gewesen , eine Roheit zu begehen , die ihm niemand in Barnow verziehen hätte , geschweige denn Frau Rosel , die er so aufrichtig verehrte . Jedem einzelnen in der Gemeinde , auch ihm , hatte ja der Rabbi das Gelübde abgenommen , Sender niemals das Geheimnis seiner Geburt zu entdecken . » Es wär ' so schlecht und roh von euch « , hatte der Priester gesagt , » wie wenig anderes auf der Welt . « Und dieser Roheit , dieser Schlechtigkeit hatte er , Jossele Alpenroth , ein » feiner Mensch « , ein frommer Mann , ein Uhrmacher , sich eben schuldig machen wollen ! Freilich nur , weil ihm der Zorn die Besinnung geraubt - aber war dies eine Entschuldigung ? ! Er war fahl geworden und zusammengeknickt wie ein Taschenmesser . » Verzeih « , stammelte er , » ich ... « In derselben Haltung war vor fünf Minuten Sender vor ihm gestanden , als der Meister gesagt , er wisse um seine Schliche . Die beiden hatten ihre Rollen getauscht . Sender war noch zu erregt , um dessen inne zu werden . Schweratmend stand er da . » Schämt Euch ! « wiederholte er noch einmal . » Ich schäm ' mich ja ! « sagte der kleine Mann weinerlich , » und du darfst deiner Mutter nichts davon sagen ... « Da erst kam Sender der jähe Wechsel der Situation zum Bewußtsein . Jählings schlug nun auch seine Stimmung um , er fühlte einen Lachreiz in der Kehle . Aber er unterdrückte ihn und sagte finster : » Ihr aber werdet Ihr natürlich vom Eiruw erzählen und daß ich überhaupt nichts tauge ... « » Nein ! « beteuerte Jossele . » Hab ' ich ihr denn bisher was gesagt ? Also - es bleibt unter uns ? « Er streckte dem Lehrling die Hand hin . Aber dieser tat , als sähe er es nicht . Es überraschte ihn , wie zerknirscht der Meister nun war , er wußte es sich nicht recht zu erklären , aber das war Josseles Sache , und die seine war , aus dieser Wendung der Dinge Nutzen zu ziehen . » Ihr habt mich schwer gekränkt « , sagte er . » Ob ich als Uhrmacher was tauge oder nicht - gleichviel - ich bin ein ehrlicher Mensch wie Ihr ... Der Mutter will ich nichts davon sagen , es würde sie auch zu sehr kränken , aber einen Dritten wollen wir fragen , ob das recht war , mir vorzuwerfen , daß ich eines Schnorrers Sohn bin . Den Rabbi zum Beispiel , wenn es Euch recht ist ... « » Um Gottes willen ! « wehrte der Uhrmacher so entsetzt ab , daß ihn Sender ganz verblüfft anstarrte . » Nein « , fuhr der Meister fast atemlos fort . » Wir brauchen keinen Schiedsrichter ! Wir werden uns auch so vertragen . Du verzeihst mir und ich dir ! « Er ergriff Senders Hand und drückte sie . » Und was ich noch sagen wollt ' « , fuhr er fort , » du hast mich um einen kleinen Lohn gebeten ! Du verdienst ihn zwar eigentlich nicht - das heißt - hm ! Also - da du den ganzen Tag da sitzest - in Gottes Namen ... Womit wärest du denn zufrieden ? « Sender riß die Augen weit auf , ihm war ' s , als ob er träume ! Das hatte er nicht zu hoffen gewagt ! Wenn er sich vorhin gekränkter gestellt , als er war , so geschah es nur , um dem Meister in Zukunft nicht gar so hilflos gegenüberzustehen wie heute . Und nun bot ihm dieser das Geld an ! » Ihr seid doch ein guter Mensch « , sagte er gerührt , und er meinte es ehrlich . Ein Gulden Monatslohn war das geringste , was er fordern konnte , und um diesen Betrag bat er auch . » Ein Gulden ? ! « rief Jossele erleichtert ; er war auf das Doppelte gefaßt gewesen . » Nun - weil ich dich gekränkt hab ' und weil ich hoff ' , es wird ein Sporn sein - du sollst ihn haben ! Vom nächsten Monat ab ! « » Nein-gleich ! « bat Sender , und Jossele gab nach . » Aber nun an die Arbeit ! « schloß er . So saßen Meister und Lehrling wieder friedlich in der Werkstätte nebeneinander , jeder über seine Arbeit gebückt , aber viel brachten beide an diesem Vormittag nicht vor sich . Der Meister war zu ärgerlich , der Lehrling zu freudig gestimmt . » Ich hab ' doch in allem recht gehabt « , dachte Jossele , » und es war dem Pojaz zu gönnen , daß er ' s einmal gründlich zu hören bekommt . Da bringt mir ein böser Geist den Mendele auf die Zunge ! Das hätt ' eine schöne Geschichte werden können ; in der ganzen Gemeinde wär ' ich in Verruf gekommen ! Aber das mit dem Gulden war doch eine Übereilung . Was hab ' ich nun davon ? Der Pojaz bleibt mir auf dem Hals , nur daß ich ihn noch bezahlen muß ! « Hingegen hegte Sender nun keinen Groll mehr . » Ein guter Mensch ist dieser Klein-Jossele « , dachte er , » freilich nur eben so ein Uhrmacher ! Merkwürdig , er haßt mich , weil ich ein anderer Mensch bin als er - warum fällt mir nicht ein , deshalb ihn zu hassen ? ! Er ist mir gleichgültig , eigentlich schau ' ich ihm sogar nicht ungern zu , wenn er so dasitzt und seine Ührchen anlächelt - wenn ich einmal in einem Spiel einen braven Handwerker zu machen hab ' , der auch so viel Verstand hat , wie einem solchen Menschen nötig ist , aber nicht mehr , dann soll er sich benehmen wie Jossele ... Hassen ? ! O wie lieb wollt ' ich dich haben , wenn ich nicht den ganzen Tag mehr dasitzen müßt ' und die verdammten Rädchen reinigen ! ... Nur in einem hat er recht gehabt , ich hätt ' die Mielnicer Geschichte nicht erzählen sollen , aber wenn ich geschwiegen hätt ' , so hätten die Leut ' am End ' geglaubt , daß Reb Mortche mich nicht gewollt hat ... Nein « , rügte er sich dann selbst , » lüg ' nicht , Sender , deshalb hast du ' s nicht getan - was wär ' dir auch daran gelegen ? - sondern weil ' s dir Freud ' macht , wenn die Leut ' über deine Geschichten lachen ! Es kitzelt dir im Hals , wenn du so was weißt , du würdest dran ersticken , wenn du ' s verschweigen müßtest ! ... Die dicke Chaje bekommt schon noch einen Mann , Gott sorgt für uns alle « - er griff nach der Westentasche , wo er den Papiergulden geborgen - » er hat auch für mich und meinen Fedko gesorgt ! « Nicht minder fromm nahm der alte Klosterdiener die Flasche Slibowitz entgegen , die ihm Sender diesmal mitbrachte . » Das hat Gott nicht gewollt « , sagte er , » daß ich in meinem Schmerz ohne Trost bleibe . Denn unsere Schweinchen , lieber Senderko , wollen noch immer nicht fetter werden ! « Woche um Woche verging , und Neujahr war längst vorüber , aber Fedko beantwortete die tägliche Frage , ob der Brief aus Czernowitz gekommen , immer wieder mit einem energischen Kopfschütteln und fügte zuweilen sogar ein spöttisches Wort hinzu . Aber Sender ließ sich nicht irre machen . » Dann kommt er morgen « , sagte er . Diese Zuversicht sollte sich glänzend erfüllen . Als er eines Tages - es war im Februar und bald ein Jahr herum , seit er in Czernowitz gewesen - wieder an der Tartarenpforte erschien , stand Fedko harrend da , ein mächtiges Paket unter dem Arm . » Das hat mir heute der Briefträger gebracht « , sagte er . » Er hat mich sehr ausgelacht , denn es fühlt sich an wie Bücher , und ich kann ja nicht lesen ! « Mit zitternder Hand ergriff Sender das Paket und drückte es an sich . Im Bibliotheksaal löste er die Siegel . Es waren wirklich Bücher , eine deutsche Sprachlehre zum Selbstunterricht , eine kleine Weltgeschichte , ein Lehrbuch der Geographie , ein Rechenbuch , ein Briefsteller , ein Lesebuch für Gymnasien und ein » Katechismus der Schauspielkunst « . Ein Brief lag bei . Der Direktor entschuldigte sich zunächst , daß er erst jetzt antworte ; er sei erst vor einigen Wochen mit seiner Truppe nach Czernowitz gekommen , weil sich in der Stadt kein genügendes Publikum für die ganze Wintersaison finde , und habe sich dann auch die Sache gründlich überlegen wollen . Er halte es nach reiflicher Erwägung auch nun noch für das beste , daß Sender in Barnow bleibe , bis er sich die nötigste Bildung angeeignet ; sei er erst einmal bei der Truppe , so werde er dafür keine Zeit , keine Ruhe , vielleicht auch keine Lust mehr haben . Mit Hilfe der beiliegenden Bücher werde er sich auch hoffentlich ohne Lehrer forthelfen . » Du nimmst « , heißt es weiter , » zuerst die Sprachlehre durch , dann die anderen Bücher . Der Briefsteller soll Dir nur als Muster dienen , den Katechismus liest Du zuletzt . Geht es trotz der Bücher gar nicht oder wollen sie Dich um jeden Preis verheiraten und kannst Du Dich unmöglich anders dagegen schützen , so komm in Gottes Namen sofort zu mir - ich bleibe bis Ende April in Czernowitz . Aber es scheint mir , wie gesagt , für Dich vorteilhafter , wenn Du erst im Januar , also nach einem Jahr , zu mir kommst . Noch eins ! Bis Du meine Bücher ganz genau durchgelesen hast und verstehst , mußt Du das Lesen in der Bibliothek bleiben lassen - dann magst Du Schiller oder Lessing lesen , aber nicht Goethe oder Shakespeare . Leb ' wohl , bleib ' fröhlich , Gott schütze Dich , und ich werde Dich nie verlassen . Brauchst Du Geld , sei es zur Reise oder weil es Dir zu schlecht geht , so schreib ' mir ; ich hab ' selbst nicht viel , aber es wird schon für uns beide reichen . « Sender las den Brief wohl an die zehn Male , seine Augen feuchteten sich , so oft er an den Schluß kam . » Der gute Mensch « , murmelte er , » der gute Mensch ! ... Natürlich will ich ihm in allem gehorchen , es ist ja bitter , daß ich noch hier bleiben muß , aber er weiß , warum ! « Als Fedko erschien , nahm Sender Abschied von ihm . » Vielleicht komme ich in den nächsten Monaten wieder « , versprach er . Aber der freundliche Greis schüttelte traurig den Kopf . » Es ist aus « , sagte er , » für immer aus . Ich habe ja gewußt , es wird so kommen . Daß du täglich so bitter frierst und ich dafür Slibowitz trinke - es war mir immer wie ein schöner Traum , und ein Traum kann nicht ewig dauern . Nun kommt wieder der gemeine Schnaps , wo ich drei Fläschchen trinken muß , bis mein Herz heiter wird - und den muß ich mir obendrein selbst bezahlen . Aber das ist der Welt Lauf ! Leb ' wohl , Senderko ! « Vierzehntes Kapitel » Euer Hochwohlgeboren ! In umgehender Erwiderung Ihres Werten vom 30. Januar beehre ich mich ganz ergebenst mitzuteilen , daß Ihnen Gott soll Glück geben und Segen und langes Leben , und soll Ihnen vergelten , was Sie an mir armem Menschen tun ! Es war mir sehr angenehm , aus Hochdero Zuschrift zu ersehen , daß sich Euer Hochwohlgeboren in erwünschtem Wohlsein befinden , und ich möcht wissen , ob Sie gesund sind und ob die Czernowitzer wenigstens die paar Wochen viel ins Theater gehen , denn der Herr Wohltäter hat ja leider kein Wort über sich geschrieben und über die Frau und die Geschäfte . Auch war ich sehr erfreut , daraus zu entnehmen , daß Hochdero Unternehmungen guten Fortgang nehmen , und der Herr Nadler braucht sich nichts daraus zu machen , denn für die Czernowitzer ist es eine Schand ' , daß er dort nicht den ganzen Winter sein kann , aber nicht für ihn . Euer Hochwohlgeboren gefällige Sendung habe gleichzeitig erhalten und beehre mich für die prompte Ausführung meiner Aufträge meinen Dank zu sagen ; aufgegebenen Gegenwert habe Ihnen bestens gebucht . Lieber Herr Wohltäter , ich hab ja lang auf den Brief warten müssen , aber ich hab gewußt , der gute Mensch verläßt mich nicht , und wie ich alles gelesen hab und die Bücher durchgeschaut , hab ich geweint vor Freude . Gott muß es lohnen ; wie soll ich es je vergelten , außer daß ich als Schauspieler bei Ihnen bleiben werd , so lang Sie wollen und für jeden Lohn spielen , auch für zehn Kreuzer täglich - auf Ehre ! An geschäftlichen Nachrichten vom hiesigen Platze , die Euer Hochwohlgeboren interessieren dürften , beeile ich mich zunächst zu Hochdero Kenntnis zu bringen , daß ich gottlob Reb Mortches Chaje nicht zu heiraten brauch , und eine andere , scheint es , hat Reb Itzig noch nicht gefunden , aber wenn ja , so werd ich schon machen , daß sie mich auch nicht nimmt . Im Kloster hab ich viel gelesen , zuerst von Lessing , dann von A bis Albigenser , aber der Herr Wohltäter hat recht , wenig hab ich verstanden , und ich weiß gar nicht , was Philotas will . Übrigens ist das Lexikon nicht so schlecht , wie ich geglaubt hab , denn jetzt seh ich aus Hochdero Zuschrift den Namen von dem englischen Dichter und bisher hab ich geglaubt , daß er Scheckspier geheißen hat , denn so hat es mir der arme Wild gesagt , er hat es - der Arme - selbst nicht richtig gewußt . Alles soll geschehen , wie der Herr Wohltäter mir schreibt , denn Sie sind mein Moses , aber ich werd Ihnen gehorsamer sein , als unsere Väter in der Wüste ihm waren , und erst im nächsten Winter komm ich zu Ihnen und jede Zeile in jedem Buch werd ich dann auswendig wissen - Sie können mich prüfen ! Was Euer Hochwohlgeboren gefällige Offerte betrifft , so hat es Ihr Engel im Buch Ihres Lebens eingeschrieben , was Sie , trotz Ihrer eigenen Sorgen für einen fremden Menschen , den Sie einmal im Leben gesehen haben , tun wollen . Aber es ist nicht nötig , lieber Herr Wohltäter , weil mir Klein-Jossele , was mein Meister ist , jetzt monatlich einen Gulden Lohn gibt , und was die Reise betrifft , das ist meine letzte Sorge - wenn ich erst so weit wär ! Denn es fährt kein Fuhrmann zwischen hier und Czernowitz , und es sitzt kein Schänker am Weg , der nicht den Pojaz kennt . Nur in Czernowitz kennt mich niemand , aber das wird schon anders werden , und Sie werden Ehre mit mir einlegen - Sie werden schon sehen ! Ich weiß nicht , was ich besser machen werd , ob lustige Leut , ob traurige Leut , aber beide werd ich sehr gut machen , da können sich der Herr Wohltäter darauf verlassen . Nur ob auch Verliebte , weiß ich nicht , aber so den Nathan oder den Schajelock - mir wässert schon der Mund , und Sie können mir glauben , mein Schajelock wird gut sein , ausgezeichnet wird er sein - natürlich nach Ihnen ! Indem ich mich Euer Hochwohlgeboren fernerer Geneigtheit empfehle , zeichne ich in ausgezeichneter Hochachtung Hochdero ganz ergebenster Sender Kurländer , künftiger Schauspieler . Barnow , 8. Februar 1853 . N.S. Die Frau Wohltäterin laß ich schön grüßen und alle Ihre Mitglieder . P.S. Wenn Sie mir schreiben wollen , immer an Fedko Hayduk im Kloster in Barnow , denn es darf ja niemand wissen , daß ich lesen kann . Nachschrift . Was ich da geschrieben habe vom Schajelock und Nathan , natürlich mein ich das nicht für den Anfang . Im Anfang spiel ich Bediente , und wenn Sie wollen , kehr ich ein ganzes Jahr nur das Theater aus und werd doch glücklich sein , daß ich dabei bin . « Diesen Brief schrieb Sender in der dritten Nacht nach Empfang der Bücher , und schon brach der fahle Schein des Wintermorgens durch das Fenster seines Kämmerchens , als er ihn beendete . Denn das war ein schwer Stück Arbeit für ihn gewesen , weil er ja nicht nach eigenem Gutdünken schreiben , sondern , wie Nadler gewünscht , den » Briefsteller « als Muster benutzen mußte . So nahm er denn in den beiden ersten Nächten dies Buch durch , aber so eifrig er las , ein Entwurf , der auch nur entfernt für seine Lage gepaßt hätte , fand sich nicht , und er mußte endlich ihrer zwei kombinieren , um halbwegs zustande zu kommen , einen » Dankbrief an einen Gönner « und einen » Geschäftsbrief an eine große Firma « . Er arbeitete eifrig ; auch wenn unten das Glöckchen erklang , zum Zeichen , daß ein Wagen den Schlagbaum passieren wollte , blickte er kaum auf . Das war Frau Rosels Sache , bei Tag und bei Nacht , so heut ' wie vor zwanzig Jahren . Die wenigen Haare , die ihr unter dem » Scheitel « ( der enganliegenden Kopfkappe der östlichen Jüdinnen ) hervorquollen , waren nun weiß , das hagere , knochige Antlitz wies tiefe Furchen , aber die Gestalt war noch so ungebrochen , das Auge so scharf wie einst . Auch nun noch verrichtete sie den Dienst selbst . Und doch war die Heerstraße auch vom Abend bis zum Morgen viel befahren ; wohl zehnmal mußte sich die Mautnerin des Nachts vom Lager erheben . Aber die tatkräftige Frau wollte von keiner Hilfe wissen , duldete auch nie , daß Sender für sie eintrat . Er war es so gewohnt und dachte nicht darüber nach , ob es so recht sei - auch in jenen Nächten nicht . Nur eines ging ihm zuweilen durch den Sinn , wenn er das Glöckchen vernahm : wie , wenn die Mutter den Lichtschein bemerkte , die Leiter emporklomm und an seine Tür pochte ? Aber seine Kammer lag ja im Dachgiebel des ebenerdigen Häuschens , und nach hinten hinaus ; Frau Rosel konnte den Schein nicht gewahren . Und so las und schrieb er eifrig drauf los , obwohl er sehr müde war - aber er mußte nun fertig werden , der Dank für solche Wohltat ließ sich nicht länger verzögern . Als der Brief endlich vorlag , gefiel er ihm wohl . » Nadler hat recht , wie immer « , dachte er , » mit dem Briefsteller ist es schwerer , aber dann kommt alles auch viel feiner heraus . « Er streckte sich auf sein Lager hin , noch etwas vom versäumten Schlaf nachzuholen , bis er den Gang zur Werkstätte antreten mußte . Sonst schlief er ein , kaum daß der Kopf den Polster berührte ; diesmal ging es nicht . In seinen Schläfen pochte es schmerzhaft , die Augen brannten , und so oft er in Halbschlummer verfiel , riß ihn ein angstvoller Traum wieder empor . Da stand sein Meister Jossele vor ihm und holte höhnisch den eben geschriebenen Brief hervor , den Sender unter dem Kopfpolster geborgen , oder die Mutter hatte die Lade aufgemacht , wo er die Bücher versteckt , und warf sie unter Verwünschungen zum Fenster hinaus ... Dazu der Husten , der nicht enden wollte . » Wenn ich nur nicht krank werde « , dachte er angstvoll , als er sich erhob , mühsam ankleidete und wankenden Schritts in die Wohnstube trat , die Frühstückssuppe einzunehmen , » um Gottes willen , jetzt gesund bleiben , gesund ! « Frau Rosel saß bereits auf ihrem gewohnten Platz am Fenster , wo sie jeden Wagen , der sich nahte , gewahren konnte . Sie blickte nicht auf , erwiderte auch seinen Gruß nicht . Er setzte sich an den Tisch , griff nach dem Löffel , schob aber bald das Töpfchen von sich . Auch mit dem Essen war es heute nichts . Als er sich erhob , begegnete er dem Blick der Mutter ; sie sah ihn so recht sorgenvoll an . » Bist du krank ? « fragte sie ; es klang ungewohnt weich . Er verneinte . » Es ist doch so ! « sagte sie und trat auf ihn zu . » Dein Husten wird immer schlimmer , er läßt dich jetzt auch nicht mehr schlafen ... « » O doch , Mutter ... Warum glaubst du ? ... « » Weil du immer Licht brennst - gestern - heute - « Er fühlte sich erröten . » Ja ... aber es hat nichts zu sagen . « Er griff nach der Mütze . » Du kannst wirklich ruhig sein , Mutter ! « Sie faßte ihn scharf ins Auge . » Du fühlst keine Schmerzen ? « fragte sie . » Spuckst kein Blut ? « » Nein ! « beteuerte er . » Sonst müßte man den Doktor fragen «