einen hochmütigen Groll auf das Erlittene begründen , welcher Euch für das ganze Leben schädlich sein könnte ! Ihr müsset bedenken , daß Ihr doch das Unrecht und den Mutwillen der übrigen geteilt habt , und Euch hienach glücklich preisen , daß Ihr in so frühem Alter schon von Gott selbst eine ernste Strafe und Belehrung empfangen ; denn das , was Euch , widerfahren , ist nicht die Gerechtigkeit der Menschen , sondern ein unmittelbares Eingreifen des Herrn der Welt , womit er Euch frühzeitig gewürdigt und gezeigt hat , daß er mit Euch , nicht zu spaßen gedenkt , sondern Euch seine eigenen strengen Wege führen will . Nachdem Ihr also dieses scheinbare Unglück dankbar und reuevoll angenommen und das vermeintliche Unrecht vergeben und vergessen , müßt Ihr allein darauf bedacht sein , dem Ernste dieses Erlebnisses entsprechend fortzuleben , und gewärtig , daß jede Abweichung von der Bahn der Tugend sich an Euch empfindlicher rächen werde als an anderen , auf daß Ihr dadurch in der Übung des Guten gerade fleißiger und stärker werdet als viele , denen nicht solches geschieht . Nur auf diese Weise vermag das Ereignis etwas Heilbringendes zu sein ; ohne dies aber würde es nur eine fatale und ärgerliche Geschichte bleiben , mit welcher ein so junges Leben zu beladen nicht die Absicht und das Vergnügen Gottes sein kann . Freilich ist nun die Wahl eines Berufes das Nächste und Wichtigste , und wer weiß , ob nicht Euere Bestimmung ist , gerade durch diese plötzliche Bedrängnis Euch früher zu entscheiden , als sonst geschehen wäre ! Gewiß habt Ihr schon die Lust zu irgendeinem besondern Berufe in Euch verspürt ? « Diese Reden gefielen mir ausnehmend wohl ; obgleich ich den ernsten moralischen Sinn derselben nicht sonderlich faßte , so ergriff ich doch den Gedanken an eine höhere Bestimmung und Leitung Gottes höchst lebendig und dünkte mich glücklich , mich unter dem besondern Schutze Gottes in meinen Neigungen zu wissen ; es ging mir ein heller Stern auf , und ich sagte unumwunden : » Ja , ich möchte ein Maler werden ! « Bei dieser Antwort stutzte mein neuer Freund fast noch mehr als bei dem frühern Geständnisse , weil er in seiner Abgeschiedenheit von allem Verkehre der Welt am wenigsten an dies Wort gedacht hatte . Doch besann er sich ebenfalls schnell und sprach : » Ein Maler ? Ei sieh , das ist seltsam ! Doch lasset sehen ! Es war allerdings eine Zeit , wo es Maler gegeben hat , welche von göttlichem Geiste erfüllt waren , welche den dürstenden Völkern einen Trunk himmlischen Lebens reichten in Ermangelung des lebendigen Wortes , das wir jetzt haben . Allein so wie schon dazumal diese Kunst nur zu bald ein eitler Flitterkram der hochmütigen Kirche geworden , so scheint sie mir heutzutage vollends ohne innern Kern und ein bloßes Gebaren der menschlichen Eitelkeit und Fratzenhaftigkeit zu sein . Ich habe zwar durchaus keine Kenntnis von den Künsten , wie sie jetzo in der Welt praktiziert werden , kann mir aber desto weniger vorstellen , wie sich ein ernsthaftes und geistiges Leben dabei führen läßt ! Habt Ihr denn so große Lust und Geschick , allerlei unnützes Bildwerk zu verfertigen oder wohl gar Menschengesichter für Bezahlung abzubilden ? « » Zuvörderst will ich ein Landschaftsmaler werden « , erwiderte ich , » und habe dazu allerdings große Lust und hoffe , der liebe Gott werde mir auch das Geschick geben ! « » Ein Landschaftsmaler ? das heißt , merkwürdige Städte , Gebirge und Weltgegenden abbilden ? Hm ! Dieses scheint mir nicht so übel zu sein , da lernt man wenigstens die Welt kennen und kommt weit umher ; Länder , Meere und allenfalls auch , die Menschen dazu ; aber dazu gehört besonderer Mut und eigenes Glück , wie mich dünkt , und vor allem soll , meines Erachtens , ein junger Mensch darauf denken , wie er im Lande bleiben und sich redlich nähren , auch seinen Mitbürgern sich nützlich , und seinen Eltern dienstbar erweisen kann ! « » Die Landschaftsmalerei , die ich im Sinne habe , ist nicht sowohl , was Ihr hiemit darunter versteht , Herr Vetter ! als etwas ganz anderes ! « » Nun , und das wäre ? « » Sie besteht nicht darin , daß man merkwürdige und berühmte Orte aufsucht und nachmacht , sondern darin , daß man die stille Herrlichkeit und Schönheit der Natur betrachtet und abzubilden sucht , manchmal eine ganze Aussicht , wie diesen See mit den Wäldern und Bergen , manchmal einen einzigen Baum , ja nur ein Stücklein Wasser und Himmel . « Da der Vetter hierauf nichts entgegnete , sondern auf eine Fortsetzung zu warten schien , fuhr ich auch fort und geriet nun meinerseits in eine ordentliche Begeisterung und Beredsamkeit hinein . Der zwischen Sonnenglanz und Waldesschatten schwebende See ruhte majestätisch vor den klaren Fenstern ; von fernem Bergrücken schienen einige schlanke Eichen , die in die himmelhohe Sonntagsluft stiegen , mir zuzuwinken , fern , leise , aber eindringlich ; ich blickte unverwandt nach ihnen wie auf eine höhere Erscheinung , indem ich sprach : » Warum sollte dies nicht ein edler und schöner Beruf sein , immer und allein vor den Werken Gottes zu sitzen , die sich noch am heutigen Tag in ihrer Unschuld und ganzen Schönheit erhalten haben , sie zu erkennen und zu verehren und ihn dadurch anzubeten , daß man sie in ihrem Frieden wiederzugeben versucht ? Wenn man nur ein einfältiges Sträuchlein abzeichnet , so empfindet man eine Ehrfurcht vor jedem Zweige , weil derselbe so gewachsen ist und nicht anders nach den Gesetzen des Schöpfers ; wenn man aber erst fähig ist , einen ganzen Wald oder ein weites Feld mit seinem Himmel wahr und treu zu malen , und wenn man endlich dergleichen aus seinem Innern selbst hervorbringen kann , ohne Vorbild , Wälder , Täler und Gebirgsziege , oder nur kleine Erdwinkel , frei und neu , und doch nicht anders , als ob sie irgendwo entstanden und sichtbar sein müßten , so dünkt mich diese Kunst eine Art wahren Nachgenusses der Schöpfung zu sein . Da lässet man die Bäume in den Himmel wachsen und darüber die schönsten Wolken ziehen und beides sich in klaren Gewässern spiegeln ! Man spricht Es werde Licht ! und streut den Sonnenschein beliebig über Kräuter und Steine und läßt ihn unter schattigen Bäumen erlöschen . Man reckt die Hand aus , und es steht ein Unwetter da , welches die braune Erde beängstigt , und läßt nachher die Sonne in Purpur untergehen ! Und dies alles , ohne sich mit schlechten Menschen vertragen zu müssen ; es ist kein Mißton im ganzen Tun ! « » Gibt es denn eine solche Art der Kunst , und wird sie anerkannt ? « fragte der gute Schulmeister ganz verblüfft . » Jawohl « , erwiderte ich , » in den Städten , in den Häusern der Vornehmen , da hängen schöne glänzende Gemälde , welche meistens stille grüne Wildnisse vorstellen , so reizend und trefflich gemalt , als sähe man in Gottes freie Natur , und die eingeschlossenen gefangenen Menschen erfrischen ihre Augen an den unschuldigen Bildern und nähren diejenigen reichlich , welche sie zustande bringen ! « Der Schulmeister trat an das Fenster und schaute etwas überrascht hinaus . » Also dieser kleine See zum Beispiel , diese meine holdselige Einsamkeit würde ein genugsamer Gegenstand sein für die Kunst , obgleich niemand den Namen kennte , bloß wegen der Milde und Macht Gottes , die sich auch hier offenbart ? « » Ja gewiß ! Ich hoffe noch , Euch diesen See mit seinem dunklen Ufer , mit dieser Abendsonne so zu malen , daß Ihr mit Vergnügen diesen Nachmittag darin erkennen sollt und selbst sagen müßt , es sei weiter hiezu nichts nötig , um bedeutend zu sein , das heißt , wenn ich ein Maler werden kann und etwas Rechtes lerne ! « setzte ich hinzu . » Jetzt habe ich alter Mensch wieder etwas Neues gelernt « , sagte mein Vetter gerührt , » es ist doch höchst merkwürdig , in wie vielen Weisen der menschliche Geist sich äußern kann . Mir scheint , Ihr seid auf einem guten und frommen Wege , und wenn Ihr ein solches Stück zustande bringen könnt , so möchte es leidlich so verdienstvoll sein als ein gutes geistliches Frühlings- oder Erntelied . He , ihr Knaben ! « rief er den jungen Fischkennern zu , welche immer noch an ihrem Geschäfte waren , » holt ein Gefäß und sucht ein tüchtiges Gericht Fische aus , Aale , Forellen oder Hechte , daß die Weiber sie backen können ! « Indessen waren die Mädchen wieder in die Stube gekommen und hatten teilweise unser Gespräch angehört , so daß der redselige Mann nicht verlegen war , auf einen neuen Stoff überzugehen und alle für denselben pflichtig zu machen . Ich selbst wurde wieder still und ziemlich befangen , da die zierliche Anna ungehört wieder da war und leise mit einer Base flüsterte . Der Alte sprach nun von der Ernte , von den Weinhoffnungen , von den Baumfrüchten mit den Mädchen , aber alles in einer feinen und salbungsvollen Weise , mir nebenbei manche Aufklärung gebend , wenn er meine Unbekanntschaft mit diesen Dingen voraussetzte . Ich aber sagte fürder nichts , sondern befand mich glücklich und wohlgemut in der Nähe des lieblichen Mädchens , ohne sie jedoch anzusehen , und nur angenehm berührt , wenn sie einmal ihr Stimmchen erhob . Ein lieblicher Speiseduft verbreitete sich , zog die Knaben herbei und veranlaßte den Schulmeister , auf ein Zeichen der alten Köchin , zum Aufbruch in das obere Stockwerk aufzufordern . Dort war ein kleiner , heller und kühler Saal , welcher zwischen seinen ganz geweißten Wänden nichts enthielt als einen länglichen Tisch , Stühle und eine alte Hausorgel . Der Tisch war gedeckt , wir setzten uns zu einem fröhlichen Abendessen , welches aus den Fischen bestand , so die Vettern mit wenig Bescheidenheit ausgewählt hatten . Ländliches Backwerk und Früchte und ein milder heller Wein , an der Höhe hinter dem Hause gewachsen , bereicherten das einfache und in seiner Art doch festliche Mahl ; der Alte würzte es mit sinnigen Reden , die Jungen scherzten und gaben sich naive Rätsel und Wortspiele auf , und dies alles übergoldete ein gehobener sonntäglicher Ton , anders als ob man zu Hause , und anders als ob man in einer gewöhnlichen Bauernfamilie wäre . Als wir uns genugsam erfrischt , schritt der Schulmeister zu der Orgel hin und öffnete dieselbe , daß die glänzende Pfeifenreihe zutage trat und das Innere der beiden Flügeltürchen das gemalte Paradies zeigte mit Adam und Eva , Blumen und Tieren . Er setzte sich davor ; wir mußten uns in einen Kreis um ihn herumstellen , Anna teilte einige alte Musikbücher aus , und nachdem ihr Vater etwas präludiert , sangen wir zu seinem Spiele und Vorsang einige schöne kirchliche Sommerlieder und hernach einen künstlichen Kanon . Wir sangen in heiterer Freude und aus voller Brust und doch mit Maß und Haltung ; die Dankbarkeit gegen den Augenblick brachte bessere Musik hervor als die strengste Schulprobe , und ich selbst ließ mein inneres Glück unbefangen und frei in den Gesang strömen ; denn dieser Tag war für mich wieder neuer und schöner als alle früheren . Wenn wir einen Vers geendigt hatten , erklang über den See her , von einer Wand im Walde , ein harmonisch verhallendes Echo , die Orgeltöne und Menschenstimmen verschmelzend zu einem neuen wunderbaren Tone , und zitterte eben aus , indem wir selbst den Gesang wieder anhoben . An verschiedenen Stellen , in der Höhe und Tiefe , wurden freudige Menschenstimmen wach , welche ihre Lust in die still webenden Lüfte sangen und jauchzten , so daß unser Kanon , mit welchem wir schlossen , sozusagen sich über das ganze Tal verbreitete . Doch nun mußten wir aufbrechen , da die Sonne sich schon den Bergen näherte ; der Schulmeister entließ uns mit Zufriedenheit und verabschiedete mich mit entschiedenen Zeichen seines Wohlwollens . Ich mußte ihm versprechen , auf meinen Streifzügen so oft als möglich in sein Tal zu kommen und in seinem Hause meinen Sitz aufzuschlagen , als ob er ebenfalls mein Oheim wäre . Anna wollte uns noch bis auf die Berghöhe begleiten , und so machten wir uns viel aufgeregter und lauter auf den Weg , als wir gekommen waren . Die Mädchen , so schon durch ein Nichts , durch die bloße freie Gelegenheit in die höchste Stimmung reiner mutwilliger Lust versetzt , sangen fort und fort mit glänzenden Augen und verlockten uns mitzusingen , indem sie Welt- und Vaterlandslieder anstimmten . Dazwischen machte sich eine gegenseitige Neckerei mit Herzensangelegenheiten unter den Geschwistern geltend , das ganze süße Geplauder jenes hoffnungsreichen Alters befreite sich aus den offenen Gemütern und umspann alle mit gern gehörten Anspielungen , verstelltem Widerstande und schelmischer Rückantwort . Nur Anna schien vor den Angriffen sicher zu sein , während sie hie und da einen schüchternen Scherz hinwarf , und ich sagte gar nichts dazu , weil mein Herz voll war von den Begebnissen des Tages . Wir standen nun auf der Höhe , welche im Glanze der untergehenden Sonne schimmerte ; vor mir schwebte die federleichte , verklärte Gestalt des jungen Mädchens , und neben ihr glaubte ich den lieben Gott lächeln zu sehen , den Freund und Schutzpatron der Landschaftsmaler , als welchen ich ihn heute in dem Gespräche mit dem Schulmeister entdeckt hatte . Das scheidende Mädchen errötete noch stärker in die Abendröte hinein , als sie zuletzt auch mir die Hand bot . Wir berührten uns kaum mit den Fingerspitzen und nannten uns höflich Sie ; aber die Vettern lachten uns aus , und die Basen verlangten ernsthaft , daß wir uns mit Du anreden sollten , da hierzulande nichts anderes geduldet würde unter jungen Leuten . So wechselten wir unsere Taufnamen , verzagt und spröde ; aber der meinige schlüpfte wie ein Flötenton in mein Ohr , und als Anna schnell und ängstlich im Schatten ihrer Bergseite verschwand und wir auf der unserigen niederstiegen , hatte ich zwei Dinge erworben einen großen und mächtigen Kunstgönner , der unsichtbar über der dämmernden Welt hauste , und ein zartes Frauenbildchen , welches ich unverweilt in meinem Herzen aufzustellen wagte . Zweiter Band Erstes Kapitel Berufswahl . Die Mutter und die Ratgeber Ich konnte den unbestimmten Zwischenzustand nun nicht länger ertragen , sondern suchte unter meinen Sachen nach feinem Papier , um einen Brief an meine Mutter zu schreiben , den ersten in meinem Leben . Als ich ganz zuoberst am Rande das » Liebe Mutter ! « hinsetzte , schwebte sie mir in einem neuen Lichte vor ; ich empfand diesen Fortschritt und Ernst des Lebens wohl , und meine Schreibgeläufigkeit ließ mich anfänglich im Stiche und kaum die ersten Sätze finden . Doch führten mich die Schilderungen meiner Reise und der sonstigen Erlebnisse bald vorwärts , und meine Beschreibung fiel nur allzu geschmückt und prahlerisch aus . Ich trug ein großes Behagen zur Schau und ein gewisses sonderbares Bestreben , welches sich nachher mehrmals wiederholte , auf meine Mutter mit einem glücklichen Befinden und mit meinen verschiedenen Taten und Abenteuern ein Art Eindruck zu bewirken , eine förmliche Sucht , auf drollige Weise sie zu unterhalten und zugleich dadurch mich geltend zu machen . Alsdann ging ich auf den Zweck meines Schreibens über und erklärte unverhohlen , daß ich nun durchaus glaubte , ein Maler werden zu müssen ; und infolgedessen bat ich sie , sich vorläufig umzusehen und mit den verschiedenen Erfahrenen unserer Bekanntschaft sich zu beraten . Die Familien berichte und Grüße sowie einige wichtige Aufträge über kleine Gegenstände bildeten den Schluß des Briefes ; ich faltete ihn eng und künstlich zusammen und verschloß ihn mit meinem Leibsiegel , einem Hoffnungsanker , welchen ich längst in ein weiches Stückchen Alabaster gegraben hatte und nun zum ersten Mal gebrauchte . Nach dem Empfange dieses Briefes begab sich meine Mutter in ihre Staatskleidung , schlicht und einfarbig , bauschte ein frisches Taschentuch zusammen , das sie in die Hand nahm , und begann feierlich ihren Rundgang bei den ihr zugänglichen Autoritäten . Zuerst sprach sie bei einem angesehenen Schreinermeister vor , welcher viel in guten Häusern verkehrte und Weltkenntnis besaß . Als Freund meines seligen Vaters hielt er in Freundschaft zu uns , so wie er auch die Bildungsversuche jenes Kreises eifrig fortsetzte . Nachdem er Vortrag und Bericht der Mutter ernstlich angehört , erwiderte er kurzweg , das sei nichts und hieße so viel , als das Kind einer liederlichen und ungewissen Zukunft anheimstellen . Hingegen wußte der Schreiner bessern Rat , wenn einmal etwas Künstlerisches ergriffen werden müsse . Ein junger Vetter von ihm hatte sich in einer entfernteren Stadt als Landkartenstecher ausgebildet und genoß eines guten Auskommens , so daß er in den Augen seiner Sippschaft als etwas Rechtes dastand . Daher erbot sich der Ratgeber , mich aus besonderer Freundschaft in der Nähe dieses Mannes unterzubringen , wo ich dann , wenn wirklich etwas Tüchtiges in mir stäke , es nicht nur bis zum Stechen , sondern zum Selbstentwerfen der Landkarten bringen könne , indem ich meine Zeit wohl anwende zur Erwerbung der nötigen Kenntnisse . Dies wäre dann ein feiner , ehrenvoller und zugleich ein nützlicher und in das große Leben passender Beruf . Mit vermehrten Sorgen und Zweifeln gelangte meine Mutter zum zweiten Gönner und auch einem Freunde ihres Mannes . Derselbe war ein Fabrikant von farbigen und bedruckten Tüchern , welcher sein ursprünglich geringes Geschäft nach und nach erweitert hatte und sich eines wachsenden Wohlstandes erfreute . Er erwiderte den Bericht meiner Mutter folgendermaßen : » Dieses Ereignis , daß der junge Heinrich , der Sohn unseres unvergeßlichen Freundes , sich für eine künstlerische Laufbahn erklärt , und die Nachricht , daß er schon lange sich vorzugsweise mit Stift und Farben beschäftigt , kommt sehr erfreulich einer Idee entgegen , die ich schon einige Zeit in bezug auf den Knaben hege . Es entspricht ganz dem Geiste seines wackern Vaters , daß er seine Neigung einer feineren Tätigkeit zuwendet , zu welcher Talente und ein höherer Schwung erforderlich sind ; allein diese Neigung muß auf eine solide und vernünftige Bahn gelenkt werden . Nun ist Euch , werteste Frau und Freundin , die Art meines nicht unbedeutenden Geschäftes bekannt ; ich fabriziere bunte Stoffe , und wenn ich einen leidlichen Verdienst erzwecke , so geschieht es hauptsächlich dadurch , daß ich mit Aufmerksamkeit und Raschheit allezeit die neuesten und gangbarsten Dessins zu bringen und selbst den herrschenden Geschmack durch ganz Neues und Originelles zu überbieten suche . Hiezu sind eigene Zeichner vorhanden , deren Aufgabe es ist , lediglich neue Dessins zu erfinden und , in der behaglichen Stube sitzend , nach Herzenslust Blumen , Sterne , Ranken , Tupfen und Linien durcheinanderzuwerfen . In meiner Anstalt habe ich drei solcher Leute , denen ich ein lästerliches Geld bezahlen und sie obenhinein noch sehr glimpflich behandeln muß . Sie sind , obgleich sie ziemlich geschickt den Gang des Geschäftes begreifen und verfolgen , doch nur zufällig zu diesem Berufe gekommen und durch keinerlei innere Kraft vorherbestimmt . Was könnte mir nun willkommener sein als ein junger Mensch , der mit solcher Energie sich für Papier und Farben erklärt , in so frühem Alter , der den ganzen Tag , ohne weitere Anregung , Bäume und Blumengärtchen malt ? Wir wollen ihm schon Blumen genug verschaffen , in geordneten Reihen soll er sie auf die Tücher zaubern , unerschöpflich , immer neu ; er soll aus der reichen Natur die wunderbarsten und zierlichsten Gebilde abstrahieren , welche meine Konkurrenten zur Verzweiflung bringen ! Kurz , gebt mir Euren Sohn ins Haus ! Ich werde ihn bald so weit gebracht haben wie die anderen , und wenn er einige Jahre älter ist , so tun wir ihn nach Paris , wo die Sache ins Große betrieben wird und die ausgezeichnetsten Dessinateurs der verschiedensten Industriezweige leben wie die Fürsten und von den Geschäftsleuten auf Händen getragen werden . Hat er dort sich gehörig emporgeschwungen und seine Erfahrung bereichert , so ist er ein gemachter Mann und kann sein Los selbst bestimmen . Will er alsdann sich wieder mit mir verbinden , so wird das mir zur Freude und zum Vorteil gereichen ; findet er aber sein Glück anderswo , so habe ich nichtsdestoweniger meine Zufriedenheit daran . Bedenket Euch , ich glaube mich nicht zu täuschen ! « Er führte hierauf meine Mutter in seinem Geschäfte herum und zeigte ihr die bunten Herrlichkeiten , die geschnittenen Holzmödel und vor allem die kühnen Kompositionen seiner Zeichner . Es leuchtete ihr alles vollkommen ein und erfüllte sie wieder mit Hoffnung . Abgesehen von dem gesicherten und reichlichen Erwerbe , welchen ein gewandter Geschäftsmann verbürgte , war ja diese ganze Kunst dem Dienste der Frauen gewidmet und so reinlich und friedsam , daß ein Sohn in ihrem Schoße wohl geborgen schien . Auch mochte es vielleicht eine Ader verzeihlicher Eitelkeit erwecken , wenn sie sich in einen der bescheideneren Stoffe meiner Erfindung gekleidet dachte . Sie war so mit diesen angenehmen Gedanken beschäftigt , daß sie für diesmal ihre Wanderung einstellte , um sich ganz in denselben zu ergehen . Der folgende Tag jedoch rief sie wieder zur Erfüllung der sonst väterlichen Pflicht auf und führte sie mit neuen Sorgen und Zweifeln auf den Weg . Sie gelangte zu einem dritten Freunde des Vaters , einem Schuster , der im Geruche tiefen Verstandes und eines gewaltigen Politikers lebte . Seit dem Tode meines Vaters war er durch die Zeitereignisse in eine strenger demokratische Richtung hineingetreten . Nach mißlaunischer Anhörung des Berichtes und des Erfolges der gestrigen Bemühungen brach er barsch los : » Maler , Landkartenmacher , Blümchenzeichner , Stubensitzer , Herrenknecht ! Handlanger der Geldaristokraten , Gehilfe des Luxus und der Verweichlichung , als Landkartenmacher sogar direkter Vorschubleister des bestialischen Kriegswesens ! Handwerk , ehrliche und schwere Handarbeit ist uns vonnöten , gute Frau ! Wenn Euer Mann lebte , so würde er den Jungen so gewiß durch schwere Handarbeit ins Leben führen , als zwei mal zwei vier sind ! Zudem ist der Junge schon ein bißchen schwächlich und verwöhnt durch Euere Weiberwirtschaft ; laßt ihn Maurer oder Steinmetz werden , oder besser , gebt ihn mir , so wird er die gehörige Demut und damit den rechten Stolz eines Mannes aus dem Volke gewinnen , und bis er imstande ist , einen guten Schuh fix und fertig zu arbeiten , soll er gelernt haben , was ein Bürger ist , wenn er anders seinem Vater nachfolgt , den wir sehr vermissen , wir andere Handwerksleute ! Besinnt Euch , Frau Lee ! von der Pike auf dienen , das macht den Mann ! Waren die neuen Schuhe doch nicht zu eng , die ich letzthin schickte ? « Die Frau Lee ging aber nicht sonderlich erbaut fort und murmelte vor sich her : » Schlag du nur deine hölzernen Zwecke ein , bei mir erreichst du deinen Zweck nicht , Herr Schuster , ungehobelter Mann ! Bleib nur bei deinem Leisten und warte , bis mein Kind kommt , dir Gesellschaft zu leisten ! Draht ist nicht Rat ! Wenn du Gott fürchten würdest , so brauchtest du nicht vor dem Gerber zu fliehen ! Wer Pech angreift , besudelt sich ! « Unter solchen Sarkasmen , welche sie nachher wiederholte , sooft sie auf diese Unterredung zu sprechen kam , zog sie die Klingel an einem hohen und schönen Hause , welches der Vater einst für einen vornehmen Herrn gebaut hatte . Es war ein feiner und ernster Mann , der in den Staatsgeschäften stand , nicht viele Worte machte , jedoch für uns einige Geneigtheit bezeigte und schon mehrmals mit entscheidendem Rat an die Hand gegangen war Als er vernommen , worum es sich handelte , erwiderte er mit höflich ablehnenden Worten : » Es tut mir leid , gerade in dieser Angelegenheit nicht dienen zu können ! Ich verstehe soviel wie nichts von der Kunst ! Nur weiß ich , daß auch für das ausgezeichnetste Talent lange Studienjahre und bedeutende Mittel erforderlich sind . Wir haben wohl große Genies , welche sich durch besondere Widerwärtigkeiten endlich emporgeschwungen ; allein um zu beurteilen , ob Ihr Sohn hiezu nur die geringsten Hoffnungen biete , dazu besitzen wir in unserer Stadt gar keine berechtigte Person ! Was hier an Künstlern und dergleichen lebt , ist ziemlich entfernt von dem , was ich mir unter wirklicher Kunst vorstelle , und ich könnte nie raten , einem ähnlichen verfehlten Ziele entgegenzugehen . « Dann besann er sich eine Weile und fuhr fort : » Betrachten Sie mit Ihrem Sohne die ganze Sache als eine kindische Träumerei ; kann er sich entschließen , sich von mir in einer unserer Kanzleien unterbringen zu lassen , so will ich hiezu gern die Hand bieten und ihn im Auge behalten . Ich habe gehört , daß er nicht ohne Talent sei , besonders in schriftlichen Arbeiten . Würde er sich gut halten , so könnte er sich mit der Zeit ebensogut zu einem Verwaltungsmanne emporarbeiten als mancher andere wackere Mann , welcher ebenso von unten angefangen und als armer Schreiberjunge in unsere Kanzleien getreten ist . Letztere Bemerkung mache ich übrigens nicht , um irgend große Hoffnungen zu erregen , sondern nur um Ihnen zu zeigen , daß der Knabe auch auf diesem Wege nicht unbedingt an ein dunkles und dürftiges Los gebunden ist . « Diese Rede , indem sie meiner Mutter eine ganz neue Aussicht eröffnete , warf sie gänzlich in Ungewißheit zurück , ob sie nicht ernstlich mich zur Änderung meines Sinnes bestimmen solle . Denn hier war noch mehr als beim Fabrikanten die Bürgschaft eines angesehenen und seiner Worte sichern Mannes zur Hand , welcher einen großen Teil unserer Verhältnisse ebenso klar durchschaute als mit beherrschte und imstande war , diejenigen über dem Wasser zu halten , die sich seinem Rate anvertrauten . Sie schloß hier ihren beschwerlichen Gang und beschrieb mir in einem großen Briefe sämtlichen Erfolg desselben , jedoch die Vorschläge des Fabrikanten und des Staatsmannes besonders hervorhebend , und ermahnte mich , meinen bestimmten Entschluß noch hinauszuschieben und eher darauf zu denken , auf welche Weise ich am füglichsten im Lande bleiben , mich redlich nähren , ihr selbst ein Trost und eine Stütze des Alters und doch meinen natürlichen Anlagen gerecht werden könne ; denn daß sie je dazu helfen würde , mich gewaltsam zu einem mir widerstrebenden Lebensberufe zu bestimmen , davon sei keine Rede , da sie hierüber die Grundsätze des Vaters genugsam kenne und es ihre einzige Aufgabe wäre , annähernd so zu verfahren , wie er getan haben würde . Dieser Brief war überschrieben » Mein lieber Sohn ! « , und das Wort Sohn , das ich zum ersten Male hörte von ihr , rührte mich und schmeichelte mir aufs eindringlichste , daß ich für den übrigen Inhalt sehr empfänglich und dadurch an mir selbst irre und in Zweifel gesetzt wurde . Ich fühlte mich ganz allein und wehrlos mit meinen grünen Bäumen gegenüber dem ernsten kalten Weltleben und seinen Lenkern . Aber während ich schon begann , mich mit dem Gedanken vertraut zu machen , auf immer vom geliebten Walde zu scheiden , gab ich mich nur um so inniger der Natur hin und schweifte den ganzen Tag in den Bergen , und die drohende Trennung ließ mich manches angehende Verständnis sicherer ergreifen , als es sonst geschehen wäre . Ich hatte schon viele Studien des Junker Felix nachgezeichnet und dadurch einige Ausdrucksweise gewonnen , so daß meine Blätter wenigstens ordentlich weiß und schwarz wurden von Stift und Tusche . Zweites Kapitel Judith und Anna Oft , am Morgen oder am Abend , stand ich auf der Höhe über dem tiefen See , wo unten der Schulmeister mit seinem Töchterchen wohnte , oder ich hielt mich auch einen ganzen Tag an einer Stelle des Abhanges auf , unter einer Buche oder Eiche , und sah das Haus abwechselnd im Sonnenscheine oder im Schatten liegen ; aber je länger ich zauderte , desto weniger konnte ich es über mich gewinnen hinabzugehen , da mir das Mädchen fortwährend im Sinne lag und ich deshalb glaubte , man würde mir auf der Stelle ansehen , daß ich seinetwegen käme . Meine Gedanken hatten von der feinen Erscheinung Annas plötzlich so vollständigen Besitz ergriffen , daß ich alle Unbefangenheit ihr gegenüber im gleichen Augenblicke verlor und mit vorwitziger Ziererei von ihrer Seite sofort das gleiche voraussetzte . Indem ich jedoch mich nach dem Wiedersehen sehnte , war mir die Zwischenzeit und meine Unentschlossenheit gar nicht peinlich und unerträglich , vielmehr gefiel ich mir in diesem gedanken- und erwartungsvollen Zustande und sah einem zweiten Begegnen eher mit Unruhe entgegen . Wenn meine Basen von ihr sprachen , tat ich , als hörte ich es nicht , indessen ich doch nicht von der Stelle wich , solange das Gespräch dauerte , und wenn sie mich fragten , ob es denn nicht ein allerliebstes Kind sei , erwiderte ich ganz trocken : » Ja , gewiß ! « Auf meinen Wegen war ich häufig am Hause der schönen Judith vorübergekommen und , da ich eben deswegen , weil sie ein schönes Weib war , auch einige Befangenheit fühlte und Anstand nahm einzutreten , von ihr gebieterisch hereingerufen und festgehalten worden . Nach der Weise der aufopfernden und nimmermüden alten Frauen und auch aus unentbehrlicher Gewohnheit befand sich ihre Mutter beinahe immer auf dem warmen Felde , während die kräftige Tochter das leichtere Teil erwählte und im kühlen Haus und Garten gemächlich waltete . Deswegen war diese bei gutem Wetter regelmäßig allein zu Hause und sah es gern , wenn