kein Gaukelspiel irgendwelcher Träume . Er drehte langsam den Kopf . » Im Namen Gottes « , sagte er , » wer Sie auch sein mögen , geben Sie mir Antwort ! « Aber noch hatte er die Worte nicht ausgesprochen , als der Unbekannte zwischen den Büschen verschwand , lautlos , ohne sich umzusehen , ohne eine Silbe zu antworten , wie er gekommen war . Das alles vollzog sich innerhalb einer Minute und ging gedankenschnell vorüber , aber Robert spürte , wie das Grauen in ihm hochstieg . War das der Geist eines seiner Kameraden von der Antje Marie ? - Wollte ihn der Tote rufen , ihn den andern nachziehen in das stille Grab ? - Er suchte und forschte nicht , wo die Erscheinung geblieben war . Aber er hatte heftigen Durst ; Hitze und Kälte wechselten in seinen Adern , - er tastete nach dem Wasserbehälter , um zu trinken . Doch der war leer . Robert hatte vergessen ihn am Tag neu zu füllen . Ermattet kroch er in die Höhle und streckte sich auf sein Lager . Zum Bach zu kommen war in der Dunkelheit unmöglich , daher mußte er ohne einen kühlenden Schluck einzuschlafen suchen . Jetzt schüttelte heftiges Fieber seine Glieder , er begann irre zu reden und sich mit dem nächtlichen , geheimnisvollen Besucher zu unterhalten . » Mohr « , flüsterte er , » alter Onkel Mohr , du bist es , ich sehe dich wohl , und ich weiß , daß du mich zu dir rufen willst in das Grab , das ich gegraben habe . Aber warum sprichst du nicht mit mir , lieber Onkel Mohr , - ich möchte so gern , so gern einmal wieder eine menschliche Stimme hören . « Robert warf den Kopf von einer Seite zur andern . Er seufzte tief , wie erleichtert . » In Pinneberg bist du gewesen , Onkel Mohr ? Und du sagst , daß sie mir nicht böse sind , daß sie mich noch lieb haben und mich wie einen Toten betrauern ? - Aber wo blieb denn mein Brief ? - Den haben die Fischer verloren , wie ich das Schiff verlor , das große , schöne Schiff , das ich immer suche , so lange schon und so sehnsüchtig . Das Meer ist tückisch , es hat mir das eine Fahrzeug geraubt , und es besitzt doch so viele , viele , - warum durfte ich meins nicht wiederfinden ? « Er schluchzte im Traum , und dann wurde alles still . Das Fieber schüttelte ihn , kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn , das Bewußtsein war vollständig geschwunden . - - Am nächsten Morgen erwachte er mit dumpfen Kopfschmerzen und an allen Gliedern wie zerschlagen . Während der ersten Stunden des Tages läßt das Fieber meistens etwas nach , so konnte sich auch Robert mit klarer Besinnung , obgleich schwer krank , vom Lager aufrichten . Er kroch mühsam hinaus ins Freie und schlich , an jedem Baume einen Halt suchend , bis zum Bach , um erst einmal zu trinken ; dann setzte er sich in die Sonne und lehnte den Kopf an die Palme , die heute den fünfundzwanzigsten Einschnitt hätte erhalten sollen . Er konnte ihn nicht hineinkerben , die Anstrengung wäre zu groß gewesen . Auch sein Gedächtnis war geschwächt . Er wußte nicht genau , ob ihm von der Erscheinung dieser Nacht nur geträumt hatte , oder ob er sie wirklich vor sich gesehen hatte . Dort hinten , bei den zehn großen Kisten mit Wein , dort hatte der Mann gestanden , nun schon zweimal , - gewiß , es war der Tod , der ihn holen kam . Ein Frösteln schlich durch seine Adern . Selbst die Sonne mit ihren glühenden , versengenden Strahlen konnte ihn nicht mehr erwärmen , - seine Finger waren weiß , wie die einer Leiche , und das unangenehme Zittern wollte gar nicht aufhören . Ich möchte einen Schluck Wein trinken , dachte er , und dann werde ich mich wieder hinlegen , um zu sterben . Die Fingerspitzen sind , glaube ich , schon tot . Er befühlte mit der rechten Hand die Finger der linken . » Alles steif und kalt « , dachte er . » Oh , wie ich mich auf den Wein freue ! « Er schleppte sich mit Mühe bis zu den Kisten und öffnete die obere . Sie war leer . Robert griff sich an die Stirn . Er hatte nach oberflächlicher Berechnung vielleicht vier Flaschen ausgetrunken , in der Kiste aber waren fünfundzwanzig gewesen . Wie kam das ? Doch gleichgültig . Es kümmerte ihn nicht mehr , ob diese Flaschen vorhanden gewesen waren oder ob er sich vielleicht in ihrer Anzahl geirrt hatte . Er warf mit Aufbietung aller seiner Kräfte die leere Kiste herab und öffnete die zweite . Alles leer . Plötzliche Glut schoß durch Roberts ermatteten Körper . Fieberhaft erregt hob er Deckel auf Deckel , bis alle zehn Kisten offen , vor ihm dastanden . Alles leer . Die Erscheinung , die er zweimal gerade an dieser Stelle gesehen hatte , war also doch kein Geist , kein Schattenbild gewesen , sondern ein Mensch , der allnächtlich hierherkam , um zu stehlen , ein Dieb , der dem Verschmachtenden die letzte Labung geraubt hatte . Aber wer ? Wer ? Es brauste vor seinen Ohren , seine Sinne verwirrten sich . Er glitt an den Kisten langsam zu Boden und blieb bewußtlos liegen . Es war am Abend des zweiten Tages danach . Durch den Wald kamen drei Männer , die neben sich einen vierten mit gebundenen Händen als Gefangenen zu führen schienen . Sie trugen sämtlich . Fischerkleidung , aber in den Gürteln steckten breite Messer und auf den Schultern lagen kurze Gewehre . » Wirklich « , sagte in spanischer Sprache der Gefangene , » ihr irrt , Kameraden . Ich bin unschuldig an dem Verbrechen , das mir zur Last gelegt wird , ich weiß von nichts und habe diese Insel nie betreten . Ihr seht ja , daß hier weder Wege noch Stege zu finden sind . « Einer der Bewaffneten deutete auf die Axthiebe , die Robert den Bäumen beigebracht hatte . » Hier muß noch vor kurzem jemand gegangen sein ! « antwortete er finster . » Du solltest lieber alles gestehen ! « » Ich habe nichts zu gestehen ! « beharrte der andere . » Was hätte es mir auch nützen können , in eurem Boot eine öde , unbewohnte Insel anzulaufen ? Diego haßt mich , daher hängt er mir die sinnlose Verleumdung an . « Der Erste deutete jetzt auf Fußspuren , die im Sand deutlich erkennbar waren . » Was ist das ? « fragte er . » Ich glaube , deine Stiefel passen merkwürdig genau hinein , du Scheinheiliger ! « Der Gefangene erschrak sichtlich . » Ach , das ist ein Irrtum , Rafaele « , rief er rasch . » Du bist ungerecht , du willst mich los sein , und doch habe ich dir nichts getan . Aber wir müssen uns mehr links halten , - rechts ist ein Sumpf ! « » Ach ! - Und ich glaubte , du habest die Insel niemals betreten , Bursche ? « Der Gefangene biß sich auf die Lippen . » Nicht wahr ? « lachte der andere . » Da hast du dich schön hereingelegt . Aber das schadet nicht weiter . Auf jeden Verrat steht der Tod , und - ein Leben hast du ja nur zu verlieren . « Der Gefangene wurde blaß wie Kreide . » Mehr links ! « stammelte er , » mehr links , oder wir kommen in den Sumpf . « » Der übrigens schon weit hinter uns liegt « , ergänzte kaltblütig Rafaele . » Du mußt wissen , daß wir früher einmal ein Jahr lang auf dieser Insel wohnten , - du Verräter . « Jetzt schwieg der Gefesselte . Er schien nach dem fehlgeschlagenen Versuch , seine Wächter zu täuschen , sich in das Schicksal , das ihn erwartete , zu ergeben , wenigstens sprach er nicht weiter , sondern schauderte nur unwillkürlich , als er sich mit seinen Begleitern dicht vor Roberts Behausung befand . Der andere hatte ihn beobachtet . » Los ! « drängte er , » was tatest du hier ? Leben Menschen auf dieser Insel ? « Der Gefangene versuchte die gefesselten Hände zu falten . » Gnade ! « stieß er hervor , » und ich will euch alles sagen ! « Der dritte der Männer ließ in diesem Augenblick einen leisen Ausruf hören . Gedankenschnell legte er die Waffe in Anschlag . » Dort ist eine Wohnung ! « raunte er . Der erste packte mit festem Griff die Schulter des Gefangenen . » Jetzt sprich « , zischte er , » oder du sollst mein Messer zwischen den Rippen fühlen , ehe du Zeit hast , ein Vaterunser zu beten . Wer befindet sich in dieser Höhle ? « Der Gefesselte zitterte an allen Gliedern . » Ein Kind « , stammelte er , » nur ein einzelner Junge ! « » Und du , was hast du hier gemacht ? Du hast ihm unsere Geheimnisse verraten , hast mit ihm verhandelt , und - - « » Er sah mich nie ! - Er weiß nicht , daß ich in seiner Nähe war . « » Aber was wolltest du dann hier ? « » Ich wußte , daß Vorräte von Wein auf dieser Insel lagerten « , stammelte der Gefesselte , » ich nahm ihn , da er niemand gehörte . Das ist alles , Rafaele , ich schwöre es dir , das ist alles ! « Der Fischer schüttelte zweifelnd den Kopf . » Um zu trinken fuhrst du in jeder Nacht hierher ? « fragte er . » Das ist undenkbar . « » Gnade ! « winselte der Gefangene , » Gnade . Es ist so , wie ich sagte . « Der Fischer stieß ihn verächtlich von sich . » Da bleibst du , « befahl er . Und dann , sich an die beiden andern wendend , fragte er leise : » Was habt ihr entdeckt ? « Der eine richtete sich langsam auf . » Es ist , wie er behauptet « , nickte er . » Nur ein Junge , und noch dazu ein toter , glaube ich . « Rafaele schien erleichtert aufzuatmen . Wahrscheinlich stimmte es ihn milder , daß offenbar kein Verrat im Spiel war , und daß also auch keine Gefahr für ihn selbst bestand . Er trat näher , beugte sich über den leblosen Körper und sah lange in das blasse Gesicht . Ein unmerkliches Zucken ging über die erstarrten Züge . » Das Kind lebt ! « sagte er nach einer kurzen Pause . » Was beginnen wir mit ihm ? « Die beiden anderen sahen ihn bedeutsam an . » Die Toten plaudern nichts aus ! « meinte mit etwas unsicherer Stimme der eine . » Das ist wahr ! « bestätigte der zweite . » Aber - ein bewußtloser - « » Und ein Kind dazu ! « ergänzte Rafaele . » Bei San Jago , man ist zwar ein Bukanier , man zwingt die Schiffe , ihre Ladung zum Strandgut werden zu lassen , und man stopft das Maul , das durch sein Geschrei Aufsehen erregen könnte , aber - « Dann nickte er langsam mit dem Kopf . » Wir töten keine Kinder « , sagte er . » Wir nehmen diesen Burschen mit uns , und wenn er wieder zu sich kommt , wenn wir erfahren , was er von dem Schicksal seiner Genossen weiß , so wird sich entscheiden , ob er leben darf oder nicht . « » Jetzt bringt mir den dort « , fügte er , auf den Gefangenen deutend , hinzu . » Wir wollen hier Gericht halten . « Einige Stöße mit dem Kolben beförderten den Gefesselten in die Nähe seiner Richter . Nur ein einziges Wort murmelten seine Lippen : » Gnade ! « » Schweig ! « rief Rafaele . » Du wirst antworten , wenn ich dich frage , sonst aber keine Silbe sprechen . - Ist dieser Junge von der Besatzung der Antje Marie ? Und wußtest du , daß er auf dieser Insel war ? « » Ja , ja ! « » Sind noch mehr Waren hier , außer dem gestohlenen Wein ? Und warum wurden sie auf die Insel geschafft ? « » Um sie euch zu entziehen . Es lagern noch große Ballen teurer Seidenstoffe und Spitzen hier . « Alle drei Piraten ließen zugleich einen halberstickten Ausruf hören . » Das ist natürlich inzwischen durch den Regen alles verdorben « , meinte Rafaele . » Und du Verräter , du Schuft , weshalb hast du uns das verheimlicht ? « » Weil ihr sonst auch den Wein beansprucht und verkauft haben würdet ! « » Tier ! « sagte verächtlich Rafaele . » Bestie ohne Herz und Gewissen , treulos gegen den Kameraden von deinem Schiff und gegen die Genossen , zu denen du im Augenblick gehörst . Um zu trinken , um dich zu berauschen stahlst du uns vielleicht Tausende und verurteiltest gleichzeitig den wehrlosen Jungen , fast einen Monat lang hier zu leben ; du nahmst ihm den Wein , du fragtest nicht , ob er noch irgend etwas Eßbares besaß , - du trankst nur , trankst ! Sprich jetzt , weißt du , was dir bevorsteht ? « Der Unglückliche antwortete nicht . Kalter Schweiß rann über sein Gesicht herab , die gefesselten Hände zuckten , er rang vergeblich nach einem Laut . » Du hast bei deiner Aufnahme in unsere Gemeinschaft den Treueid geleistet « , fuhr Rafaele fort , » du hast gelobt , kein persönliches Eigentum zu besitzen und kein Geheimnis für dich zu behalten - und diese Eide hast du gebrochen . Was erwartet dich also ? « Wieder kam keine Antwort von den Lippen des Gefesselten . » Der Tod ! « sagte Rafaele nachdrücklich . » Los , Kameraden , bindet ihn an einen Baum , aber so , daß er sich nicht befreien kann . Dann sucht , ob noch Wein oder Rum zu finden ist . « » Wir haben schon welchen entdeckt « , antwortete einer seiner Begleiter . » Hier stehen mehrere kleine Kisten mit Rum , der ihm ganz entgangen sein muß . « » Gut . Also tut , was ich sagte . « Die beiden Räuber nahmen den Gefangenen zwischen sich und führten ihn in das nächste Dickicht , wo sie ihn an einer jungen Palme festbanden . Sechsfache Seile umschnürten seinen Körper , nur die Arme blieben frei . Rafaele nahm aus einer Kiste sechs Flaschen Rum , die er neben den Baum stellte . Dann begann er sein Gericht . » Wie du gemessen hast , so soll dir gemessen werden ! « sagte er feierlich . » Wie du deinen hilflosen Kameraden verlassen hast , so verlassen wir dich ; wie du alles verleugnet hast , um zu trinken , so verstoßen wir dich aus unserer Mitte und überliefern dich dem Tode auf dem Weg , den du selbst wähltest . Trinke , bis du stirbst ! « Er schwieg und prüfte die Festigkeit der Fesseln . Helles Mondlicht fiel auf die grauenhafte Gruppe der bewaffneten Räuber und des in sich zusammengesunkenen Verräters . » Hast du noch etwas zu sagen ? « fragte Rafaele . » Kein Mensch wird jemals wieder etwas von dir hören , - also sprich , wenn dich noch irgendein Bekenntnis drückt , wenn es irgendeine Botschaft für dich auszurichten gibt . « Der Verurteilte sah mit starren Augen von einem seiner Henker zum anderen . Die Lippen bewegten sich , aber kein Laut drang hervor . » Auf ! « befahl Rafaele . » Wir haben noch einen weiten Weg vor uns . « Die drei wandten sich zum Gehen , - da rang sich ein heiserer Schrei aus der Brust des Gefesselten . Seine Arme griffen in die leere Luft , ein verzweifeltes Keuchen brach über seine aschfahlen Lippen . » Gnade ! - Gnade ! « Keiner der Bukanier hörte auf die entsetzlichen Laute . Sie gingen mit schnellen Schritten zu Roberts Ansiedlung zurück und überließen den Verurteilten seinem furchtbaren Schicksal . Er hatte sich selbst gerichtet , um seiner zerstörenden , höllischen Leidenschaft willen , - Gallego , der Schiffskoch , dem es gelungen war , seine Landsleute für sich zu gewinnen und ihr Genosse zu werden ; Gallego , der im Leben nur ein Glück kannte : zu trinken , - und der nun darum sterben mußte . Leise schaukelnd glitt das Boot über die Wellen . Ein paar Decken , unter Roberts Kopf gelegt , einige Tropfen Branntwein , ihm mühsam eingeflößt , und außerdem der frische , seine brennende Stirn umspielende Seewind hatten seine Lebensgeister zurückgerufen . Er war noch ohne Besinnung , aber die Gedanken begannen sich zu regen , und einzelne abgebrochene Worte drangen über seine Lippen . » Das Schiff ? Wo ist das Schiff ? - Als ich wieder hinübersah , war es fort . - Soll es niemals - niemals zurückkehren ? « Die drei Bukanier saßen in tiefem Schweigen . Sie wagten kaum , ihre Blicke zu erheben , kaum in dies jugendliche , vom Tod schon berührte Gesicht zu sehen . Vielleicht war ihnen das Abscheuliche ihres Berufes nie so deutlich vor Augen geführt worden , als eben durch die unbewußten Worte des kranken Kindes . Sie mußten glauben , daß mit dem verlorenen Schiff die Galliot gemeint war , und sie wußten ja nur zu gut , was aus ihr geworden und wie das alte , unbrauchbare Fahrzeug auf Strand gesetzt und zu Brennholz zerschlagen worden war . Es schien , als ob sich in diesen abgehärteten Verbrechern doch noch der Funke einer alten warmen Menschlichkeit regte , als sie diesen halbverhungerten , durch ihre Schuld zum Gerippe abgemagerten und dem Tode überlieferten Jungen vor sich sahen . Sie dachten vielleicht an ihre eigene schuldlose Jugend , an den langen Weg der Verbrechen , an den ersten Fehltritt , der sie weiter geführt hatte auf abschüssiger Bahn , immer weiter bis zu Raub und Mord an wehrlosen Menschen . Leise rückte der eine die Decken , und leise glättete der andere das Haar über Roberts Stirn . Als man den Strand der größeren Insel erreicht hatte , trugen abwechselnd zwei Männer den Schwerkranken bis zu der hölzernen Hütte , die der Bande als Wohnsitz diente . Hier legten sie ihn auf ein gutes , weiches Lager und bedeckten seine Stirn mit kalten Umschlägen . Der Koch mußte außerdem einen schweißtreibenden Tee zubereiten , der dem Kranken eingeflößt wurde , so oft er Durst verspürte . Das war im ganzen wenig heilkünstlerischer Aufwand , aber vielleicht gerade deswegen drang die unverdorbene Natur des Jungen am ehesten wieder durch . Am neunten Tage kam endlich die Krisis , aus der Robert mit vollem Bewußtsein erwachte . Freilich war er so schwach , daß ihm die Lippen zitterten , und daß er kaum den Kopf drehen konnte , aber dennoch streifte sein Blick mit grenzenlosem Erstaunen die Umgebung . Fenster aus Glas , Türen mit Schlössern , eine wohleingerichtete Küche mit blankem Geschirr , rauchende , spielende Männer um einen Tisch versammelt , und darauf die Überreste einer leckeren Abendmahlzeit , - so sah er zum erstenmal das Innere der Hütte . Hätten nicht wehende Baumzweige in die offenen Fenster einen Gruß hereingenickt , hätten nicht mehrere Nebengebäude und eine Anzahl großer Hunde das Gegenteil bezeugt , so würde Robert geglaubt haben , daß er sich noch an Bord der Antje Marie befinde , daß alles , was dazwischen lag , nur ein schrecklicher , beängstigender Traum gewesen sei . Er versuchte sich der letzten Ereignisse deutlich zu erinnern , aber das ermattete Gehirn vertrug noch keine Anstrengung ; er schlief nach wenigen Minuten wieder ein . Als Robert am folgenden Morgen wieder erwachte , fühlte er sich kräftig genug , eine leise , kaum verständliche Frage zu stellen : » Wo bin ich ? « Zwei der Bukanier , die gerade im Zimmer waren , wandten sich zu ihm . » Gut Freund , Kamerad « , antwortete einer . » Lieg du nur still und erhole dich , armer Kerl . « Das konnte Robert zwar nicht verstehen , da es in spanischer Sprache gesagt worden war , aber der Ton beruhigte ihn . Man hatte auf seine Fragen freundlich geantwortet , das hörte er wohl . Der Koch brachte ihm ein reichliches Frühstück aus gekochten Fischen , Früchten , Reis und Braten , aber Robert konnte natürlich davon so gut wie gar nichts essen , er war auch zu gespannt auf eine Erklärung , wie er hierher gekommen sei , als daß er an irgend etwas anderes hätte denken mögen . Die Männer , die ihn umgaben , erkannte er auf den ersten Blick als die Räuber der Antje Marie und die Mörder seiner Kameraden ; aber wie hatten sie ihn aufgefunden , und warum war nicht auch er getötet worden ? Der Bukanier stellte noch verschiedene Fragen , die Robert weder verstand , noch beantworten konnte ; auch Rafaele , der Anführer der Bande , kam und überzeugte sich , daß sein Gast der spanischen Sprache vollkommen unkundig sei , - am folgenden Tage aber erschien er wieder in Begleitung mehrerer anderer , unter denen einer das Deutsche so halb und halb radebrechen konnte . Jetzt begann ein regelrechtes Verhör , in dessen Verlauf Robert wohl fühlte , daß nur seine eigene Vorsicht und Klugheit ihm das Leben retten konnte . Sechs von diesen wildaussehenden , bewaffneten und schwarzbärtigen Flibustiern umstanden sein Lager und beobachteten ihn scharf , während er die gestellten Fragen beantwortete . » Wann hast du die Galliot verlassen ? « hieß es , » und weshalb ? « » Am Mittag « , antwortete Robert , » und auf Befehl des Kapitäns . Wir brachten Waren nach der Insel , wo drei von uns für einige Zeit bleiben sollten . Meine Kameraden ließen mich allein , um noch einmal zum Schiff zu fahren , aber sie kamen nicht zurück . Ich bitte Sie , sagen Sie mir , wo die Antje Marie jetzt liegt ? « Die Bukanier traten zusammen . Es entstand ein Murmeln und Beraten , bei dem auf Roberts Stirn der Schweiß in großen Tropfen perlte . Jetzt hing sein Leben an einem einzigen Haar , und obendrein fühlte er in der Nähe dieser Verbrecher eine wirkliche Furcht . So allein und schutzlos unter Mördern , ihrer Willkür preisgegeben , vielleicht mit der Aussicht , an einen Baum gebunden und erschossen zu werden oder als eine Art Sklave für immer hier auf der Insel bleiben zu müssen , - das war mehr als beängstigend . Die großen Bluthunde mit den lechzenden Zungen und den rotunterlaufenen Augen umstanden wie Höllenwächter sein Lager , und die Piraten sprachen noch immer lebhaft in spanischer Mundart . » Eine Kugel « , sagte der erste , » eine Kugel , Kameraden ; das macht die Sache kurz . « » Aber es ist ein unnötiges Blutvergießen , Danielo . Das Kind hat uns nichts getan , sein Tod bringt uns keinen Gewinn . « » Er kann uns verraten ! « » Er ahnt nichts , das hörst du ja . Wir sind Fischer , die ihren Erlaubnisschein von der Regierung gelöst haben . Jedermann weiß , daß wir hier wohnen , jedermann kennt die Strandgesetze , die das geborgene , dem Meer entrissene Gut den Bergern zusprechen . Was fürchtest du also ? « » Daß der Schlingel lügt . Ich wollte wetten , ihn auf der Galliot gesehen zu haben . Er weiß genau , daß wir dort waren . « Rafaele wandte sich wieder zu dem Dolmetscher und ließ den Kranken fragen , ob er auf dem Schiff irgendwelche fremden Männer gesehen habe . Robert antwortete der Wahrheit gemäß , daß er von dem Abkommen , das van Swieten mit einigen Fischern abgeschlossen hatte , durch den Kapitän selbst unterrichtet worden sei , und daß man manche Waren nur deshalb auf die Insel überführt habe , um den hohen Wert der Ladung zu verheimlichen . » Der Kapitän wollte uns in ein paar Tagen von Havanna aus abholen « , schloß er seinen Bericht . » Und du weißt nicht , wohin er gesegelt ist ? Du hast das Schiff nicht wiedergesehen ? « » Nein . « Rafaele wandte sich zu den andern . » Kameraden « , sagte er , » unsere Gesetze werden in jedem einzelnen Fall durch Stimmenmehrheit festgestellt , und dies gilt auch für diese Angelegenheit . Wollt ihr es , so wird der Junge erschossen , ich aber mag damit nichts zu schaffen haben , sondern erkläre ein solches Todesurteil für Mord . Und nun entscheidet ! « Danielo hob die Hand . » Er sterbe « , sagte er mit festem Ton . » Nur die Toten sind ungefährlich , nur ihrer ist man ganz sicher . « Aber keiner außer ihm rührte sich . Rafaele war als Anführer zu beliebt und auch zu gefürchtet , um nicht durch seine Stimme die Sache von vornherein entschieden zu haben . Alle Bukanier schwiegen . » Danielo « , sagte nach einer Pause der Räuber , » du hörst , daß sich niemand deiner Meinung anschließt . Der Junge bleibt am Leben und bleibt hier , bis sich Gelegenheit findet , ihn auf ein Schiff zu setzen . Jetzt könnt ihr gehen . « Die Bukanier entfernten sich , und Robert blieb mit seinem Wärter , dem Koch , allein zurück , ohne über den Ausgang der Sache irgend etwas erfahren zu haben . Nach und nach aber beruhigte er sich doch , da man ihn fast gar nicht mehr beachtete , sondern ihn ganz sich selbst überließ . Nur Gomez , der Koch , behandelte ihn freundlicher und lehrte ihn einzelne spanische Worte , die Robert mit deutschen Ausdrücken beantwortete , so daß aus der Unterhaltung der beiden ein Kauderwelsch entstand , wie es komischer wohl selten gehört worden ist . Wenn der blasse , abgemagerte Kranke vor der Tür im Sonnenschein saß und mit langsamen , schwachen Bewegungen für seinen neuen Freund irgendeine kleine Arbeit verrichtete - das Gemüse putzte , Früchte schälte oder die Messer schliff - so brachte ihm Gomez heimlich ein gutes Glas Wein und ein gebratenes Huhn oder dergleichen , wobei dann das spanisch-deutsche Wörterbuch um manchen kostbaren Ausdruck bereichert wurde . Doch die beiden kamen gut miteinander aus , und das war genug , da sie fast immer allein die Insel bewohnten . Rafaele und seine Leute kamen manchmal wochenlang nicht nach Hause , manchmal nur für die Nächte , und wieder an anderen Tagen nur zum Mittagessen ; der Koch aber mußte immer darauf vorbereitet sein , sooft es verlangt wurde , ein schmackhaftes Mahl zu bereiten . Robert sah in einem der Nebengebäude eine Speisekammer , die für einen großstädtischen Gastwirt vollkommen ausgereicht haben würde . Frisches Geflügel , die feinsten Fische , Früchte , Gemüse und Weine , alles war vorhanden . Ganze Fässer voll Butter lagen im Schatten einer Erdhöhlung , ganze geschlachtete Kälber und Ochsen hingen an eisernen Haken . - Die Bukanier vertauschten den Ertrag ihrer Fischerei im Hafen von Havanna gegen andere Lebensmittel und brachten nur dann einige eingeweihte Händler mit auf die Insel , wenn es solche Geschäfte gab , die im engsten Vertrauen der Käufer und Verkäufer abgeschlossen werden mußten . Schon längst waren die Seidenstoffe und Spitzen aus Roberts Niederlassung herübergeholt worden , und schon als der Junge noch ohne Besinnung dalag , hatte man sie zu Geld gemacht . Er sah keine Überreste des unglücklichen alten Schiffes , und auf seine wiederholten Fragen hieß es , daß es untergegangen sein müsse , niemand wisse davon . Robert war jetzt erst vollkommen überzeugt , daß alle seine Kameraden ermordet worden waren , aber er hatte Selbstbeherrschung genug , das nicht öffentlich durchblicken zu lassen , und erkundigte sich desto mehr nach den Einzelheiten seiner Erlösung von der Insel . Hätte ihm nicht der Koch den Namen Gallego genannt , so würde er die ganze , halb in Worten , halb durch lebhafte Gebärden vorgetragene Erzählung kaum begriffen haben , so aber verstand er ihren inneren Zusammenhang sogleich . Gomez schloß beide Augen , um anzudeuten , daß es dunkel gewesen sei , darauf schlich er unhörbar auf den Fußspitzen bis zu einigen Flaschen , die er schnell ergriff , unter den Arm schob , mit scheuen Blicken nach allen Seiten sah und dann mit denselben Katzenschritten davonhuschte . Robert hatte ihn verstanden . » Gallego « , sagte er , » Antje Marie , nicht wahr ? « - Dann machte er die Bewegung des Trinkens . Der Koch nickte lebhaft und fuhr in seiner Erzählung fort , indem er mit gerecktem Oberkörper jemand nachzublicken schien . Er ballte die Faust . » Caracho ! « murmelte er , » Dieb ! « Dann ergriff er ein Seil , stürzte sich auf den Besen , der in stiller Beschaulichkeit an der Tür lehnte , sah ihn mit rollenden Augen an und schnürte ihn gegen einen Pfahl . » Muertos ! « rief er , » Muertos ! « - und schloß wieder die Augen , um anzudeuten , daß das Wort so viel wie Tod bedeute . Als er sah , daß ihn Robert verstanden hatte , legte er mit bezeichnendem Blick