fangen schon Montag an , das Korn zu schneiden . « Während die Baronin von der bevorstehenden Ernte sprach , hörte sie nicht auf , Röschen zu beobachten , und zwar mit einem Interesse und einem Wohlwollen , das ihr ein fremdes Wesen nicht leicht einflößte . Sie hatte dem Unglück ihres Bruders heiße Tränen gezollt , damit war aber auch die Sentimentalität abgetan ; nun hieß es , sich eine Räson machen , sich in das Unvermeidliche fügen . Ronald kann nichts Gescheiteres tun , als in den sauren Apfel beißen und die Weinhändlerin heiraten . Wenn die einmal ihre Schwägerin ist , wird Thilde sie schon dahin bringen , ihre allerliebste Nichte so großmütig auszustatten , daß sie ohne weiteres auf das Glück Anspruch machen darf , eine Schwiegertochter der Baronin Waffenau zu werden . Das kann sich alles finden , dachte die praktische Frau und mahnte zum Aufbruch . » Auf Wiedersehen , Papa , auf Wiedersehen , Mama , auf Wiedersehen , Kleine ! « Sie fuhr schmeichelnd mit der Hand über Röschens Scheitel . Mich wundert , sagte sie zu sich selbst , daß die kluge Regula dieses bezaubernde Ding mitgenommen hat . Ronald ist zwar sehr verständig , aber - er ist ein Mann ; und ihn so geradezu herausfordern zum Vergleiche ... Ich hätt es an ihrer Stelle nicht gewagt . Sie nahm Regulas Arm und führte sie hinweg . Fräulein Heißenstein aber fand , die Baronin erweise Höflichkeiten , die sie füglich ihrem Bruder überlassen sollte . Ein hoher Jagdwagen war vorgefahren ; die beiden Damen installierten sich darin , Ronald schwang sich auf den Vordersitz und ergriff die Zügel . Florian wurde , zu seiner großen Unzufriedenheit , daheim gelassen . Er hätte sich so gern zum Cicerone des Stadtfräuleins gemacht , weil der junge Herr Graf gar nicht verstand , den Leuten , wie sich ' s gehört , Sand in die Augen zu streuen . Das Ziel , nach dem Ronald lenkte , war ein ansehnlicher , zu Rondsperg gehörender Hof , der von ziemlicher Höhe aus die Gegend beherrschte . Nach einer Viertelstunde raschen Fahrens hielt der Wagen vor einem Gebäude , das ehemals ein Schlößchen gewesen und später in einen Schüttkasten umgewandelt worden war . Leere Scheunen und Ställe schlossen sich hufeisenförmig an ihn an . In der Mitte des Hofes stand ein Kastanienbaum , in dessen Schatten ein alter Hahn mit gichtisch zuckenden Beinen und zerzaustem Gefieder seinen ihn umgebenden Harem bewachte . Ein paar Schritte weiter befand sich ein Ziehbrunnen , neben dem einige Holzrinnen , die ein Knabe mit Wasser zu füllen beschäftigt war , auf dem Boden lagen . Dieser Junge wurde herbeigerufen und ihm die Hut der Pferde anvertraut . » Gib acht auf Kocka und Myska ! « rief ihm die Baronin zu und hüpfte leicht wie ein sechzehnjähriges Mädchen aus dem Wagen . Regula zeigte sich beim Aussteigen so unbeholfen , hatte so gar keine Ahnung , wohin sie den Fuß setzen sollte , daß Ronald sich genötigt sah , sie in seine Arme zu nehmen und aus dem Wagen zu heben , was er denn auch ohne Umstände tat und was ihr recht zu sein schien . Dann geleitete er sie durch das offene Tor der Scheune zu einem mit Erlen bewachsenen Platze , der eine weite Fernsicht gewährte . » Von hier aus « , sagte Ronald , » überblicken Sie so ziemlich die Rondsperger Flur . Die Wiese dort unten , hinter dem breiten Gerstenfeld ... Mein Gott , Fräulein , wohin sehen Sie denn ? Links - noch weiter - so ! ... Die Wiese dort , die Pappeln auf jener Hügelkette , zu deren Füßen Sie das Schloß sehen ... sehen Sie es ? « Regula versicherte , sie » nehme es ganz deutlich wahr « . » ... und das Flüßchen drüben im Tale , das stellenweise herüberschimmert , wo seine Ufer sich verflachen , bilden die Grenzen Ihres Reiches . Hier , mein Fräulein , übergebe ich Ihnen Rondsperg . Die gerichtlichen Schritte macht Doktor Wenzel , unser beiderseitiger Vertrauensmann . Für Sie und mich ist der Kauf mit diesem Handschlage geschlossen . « Er reichte ihr die Hand , und seine Schwester bemerkte , daß er leicht erblaßte , als Regulas Hand in die seine sank . Fräulein Heißenstein blickte ihn dabei an , schmachtend-erwartungsvoll , und sah so komisch aus , daß die Baronin ein Lachen verbeißen mußte , obwohl sie in einer Stimmung war - einer Stimmung ! ... Sie hätte alle Welt prügeln mögen . Regula warf Kennerblicke um sich , fragte vor einer Stechapfelstaude , ob dies nicht Enzian sei ; verwechselte Schierlings- mit Eibischblüte und Hirse mit Raps und erklärte zuletzt , sie müsse gestehen , daß sie die umliegenden Felder schön finde . » Sie sind leider verpachtet auf Jahre hinaus « , rief die Baronin , » parzellenweise verpachtet und - unter welchen Bedingungen ! ... « Sie lief in Verzweiflung zwischen der Scheune und einem Hühnerstalle hin und her . » Das ist der gute Papa gewesen , sehen Sie - der gute Papa ! Ganz Rondsperg verpachten , was uns vor Jahren noch hätte retten können - o eher sterben ! ... Aber hie und da einen abgelegenen Acker an einen Gläubiger , warum nicht ? - Dann aber auch um ein Stück Brot ! ... « Ronald fiel seiner Schwester ins Wort . » Es bietet sich jetzt die Gelegenheit « , sagte er , » den größten Teil der Pächter mit geringen Opfern abzufinden . Sie müssen es tun , Fräulein . Ich rate Ihnen , diesen Ihren besten Hof einzulösen und , wenigstens solange ich noch hier als Ihr Bevollmächtigter fungiere , in eigener Regie zu behalten . « » Ich werde tun , was Sie mir raten , Herr Graf « , sprach Regula und trat an seine Seite , und als die beiden nebeneinander standen , dachte die Baronin : Es ist doch nicht möglich ! - Nein , es ist doch nicht möglich ! » Auch wollte ich Ihnen ankündigen « , fuhr Regula fort , » daß mein Sekretär mit der ersten Rate des Kaufschillings morgen früh hier eintrifft und ... « » Aber , liebste Regula ! « unterbrach sie die Baronin , » was fällt Ihnen ein , den Mann hierherzubestellen ? Seine Ankunft würde Aufsehen in Rondsperg machen . Er darf nicht kommen . Ronald muß Ihren Schimmel « - sie nahm sich niemals Zeit , Schimmelreiters ganzen Namen auszusprechen - » auf der Station erwarten , das Geld in Empfang nehmen , den Überbringer aber bitten , um Gottes willen wieder heimzufahren . Wenn der Burggraf zehn Worte mit dem Sekretär tauscht , so kommt er euch hinter euren frommen Betrug und rapportiert ihn Papa in einer Weise , die an uns allen zusammen nicht ein gutes Haar läßt ! « Ein alter Schäfer , der den Tieren , die er trieb , ähnlich sah , kam mit seiner kleinen Herde den Berg herauf und wünschte » guten Nachmittag « . Während Ronald sich mit ihm in ein Gespräch einließ , spazierte Thilde von einem Gebäude zum andern , öffnete die Türen , sah in die Fenster hinein und rief : » Diese Mauer stürzt nächstens zusammen - hier braucht ' s einen neuen Dachstuhl - der Stall muß eingerissen werden ! ... Prickelt es einem nicht in allen Fingern ? Möchte man nicht gleich selbst Hand anlegen ? « Jetzt kam auch das Weib des Schäfers herbei und begrüßte die Baronin mit großen Freudenbezeugungen , brach aber sofort in heftiges Schluchzen aus und klagte unter beständiger Anrufung des göttlichen Heilands und der » svatá panenka « Maria : » Daß ich meine gnädigen Herrschaften so selten sehe ! Dreizehn Jahr - dreizehn Jahr sind der Herr Vater und die Frau Mutter nicht mehr bei uns gewesen ... Es ist ihnen hier zu traurig ... Freilich , wie sieht es auch aus ! « Die Baronin tröstete sie : » Sei ruhig , Liborka ! Es wird anders werden . Nicht wahr ? « sprach sie zu ihrem Bruder , der sich genähert hatte , » nächstens schickst du Maurer und Zimmerleute herauf ? « Ronald erwiderte , dies könne , mit Erlaubnis Fräulein Heißensteins , schon morgen geschehen . Fräulein Heißenstein aber freute sich darüber sehr , erkundigte sich nach den Ziegelpreisen und legte beachtenswerte Kenntnisse im Baufache an den Tag . Die Heimfahrt wurde unter tiefem Schweigen zurückgelegt . Die Baronin gab sich ihren Betrachtungen hin und das Ergebnis derselben war : Ronald hat ganz recht , in den sauren Apfel zu beißen . Wenn meine Wirtschaft in einem solchen Zustand wäre wie die seine und müßt ich , um ihr aufzuhelfen , die Frau des Teufels werden - ich nähm den Teufel , weiß Gott ! Ronald dachte an ein Paar braune Augen , an einen leuchtenden Blick . Er dachte : Röschen , Röschen , wie wird es dir ergehen in dieser argen Welt , du Herz voll Mitleid , du Seele voll Begeisterung ? Regula hingegen sagte zu sich selbst : Dieser arme Graf , man muß ihn bedauern ... Er kann nicht sprechen - aus Delikatesse ... Ich werde - es ist schrecklich - die ersten Schritte tun müssen ! Die Sonne stand schon ziemlich tief , als die Equipage in der Nähe des Parks anlangte ; die Baronin schrie plötzlich auf : » Unerhört ! Da steht Papa mit Röschen unter den Linden - außerhalb seiner vier Mauern , außerhalb seines freiwilligen Kerkers ... ein Ereignis ! Das ist ja ein Ereignis ! « rief sie dem Grafen zu , vor dem jetzt der Wagen hielt . » Jawohl , aber « - der alte Herr deutete auf seine Begleiterin - » wo es Feen gibt , da geschehen Zeichen und Wunder . Sie befehlen , der Sterbliche gehorcht . Jetzt jedoch bitte ich euch , mich aufzunehmen . Thilde , räume mir den Platz und ergreife die Zügel . Mein Sohn wird die Ehre haben Ihnen auf dem Heimwege seinen Schutz angedeihen zu lassen , oder vielmehr , ich empfehle ihn dem Ihren ! « sagte er zu Röschen . Die Baronin hatte sich beeilt auszusteigen und half ihrem Vater in den Wagen . Dann besann sie sich einen Augenblick und wollte schon sagen : Fahr zu , Ronald , ich will Röschen geleiten . Aber als sie zu ihm hinaufblickte , ergriff sie ein menschlich Rühren . Es war ein solcher Glanz des Glückes über sein Gesicht verbreitet , daß sie dachte : Er hat der Bitternisse genug , mag er auch einmal eine Freude haben ! ... Und schon saß sie auf dem Bock und nahm die Zügel aus Ronalds Hand . Mit einem Satze sprang er herab , die Baronin trieb die Pferde an , und rasch rollte der Wagen längs der Mauer des Parks . Ronald sah ihm nach , und ihm war zumute , als entführe dieser enteilende Wagen alle seine Sorgen und als stände er nun allein und frei auf der Erde mit dem Lieblichsten , das sie trug , und ihn überkam eine Empfindung der Seligkeit , wie er sie nicht mehr gekannt seit seiner Knabenzeit ; seit den Tagen unbewußter Wonne , wo man sich noch nicht wundert , daß man glücklich ist . Nicht minder froh als er schien Röschen , und als er fragte : » Wohin nun ? Welchen Weg nehmen wir ? « antwortete sie , ohne sich zu besinnen : » Den weitesten ! « » Das mein ich auch « , rief er , » am liebsten führt ich Sie über jene Berge dort ! « Er glitt rasch mit der Hand über die Augen . » Wie wär ' s , was denken Sie , wenn wir so zusammen wandern gingen , weit - weit , und erst heimkehrten in unzählig vielen Jahren ... Da klopfen ein Paar uralte Leute an der Pforte des Schlosses : Wer ist ' s ? fragt eine Stimme , die wir nicht kennen . Ronald und Röschen , die eines schönen Abends spazierengegangen sind und länger , als sie anfangs dachten , verweilten auf dem Weg ... « » Traurige Heimkehr ! « sagte Röschen . » Ihre Mutter tot - Bozena tot - und wir so alt ! ... « » Gut denn ! Wenn Sie sich vor einer großen Reise fürchten , so wird nur eine kleine unternommen . Wir gehen durchs Dorf , in den Hain , über die Hutweide zu den Pappeln , denselben Weg von dort an , den Sie gekommen sind . Ist das recht ? « » Es ist recht . Sie müssen aber nicht glauben , daß ich mich vor einer großen Reise fürchte . Schon als kleines Kind bin ich aus Siebenbürgen nach Weinberg gereist , durch ganz Ungarn . « » Ja - auf Bozenas Arm . « » Und auch zu Fuße . « » Was hilft ' s , daß Sie eine so tapfere Reisende sind , wenn Sie nicht mit mir reisen wollen ? « Ronald blieb stehen und fragte plötzlich : » Wissen Sie , daß ich Ihr Vater sein könnte ? « Röschen antwortete , ohne ihren Blick von dem seinen abzuwenden : » Ich kann mir meinen Vater nur denken , wie ich ihn zum letztenmal gesehen habe ... « Sie stockte . » Erinnern Sie sich seiner ? « » O ganz deutlich - und doch ... « Sie hielt von neuem inne . » Röschen , was denken Sie jetzt ? « » Ob Sie ihm nicht ähnlich sehen ? - Er war auch jung wie Sie und war ... Fragen Sie nur Bozena und Mansuet , die haben ihn gekannt . « Sie schritten weiter , langsam und ernst und dabei glücklich wie Kinder . Bauersleute gingen und fuhren an ihnen vorüber , und mit jedem tauschte Ronald einen Anruf oder einige Worte . Im Dorf hatte man bereits Feierabend gemacht . Vor einem hübschen Hause , das sich durch den Anschein von Wohlhabenheit vor seinen Nachbarn auszeichnete , saßen drei Männer auf einer Bank : Großvater , Vater und Enkel . Als Ronald sich ihnen näherte , nahm der Greis die Pelzmütze vom Kopfe und erhob sich ; der Mann blieb sitzen , zog aber den breitkrempigen Hut grüßend ab . Der Jüngling hatte die Arme gekreuzt , rührte sich nicht und blickte gleichgültig vor sich hin . Ronald sagte zu Röschen : » Ein Beispiel für viele . An die Art des Greises war mein Vater gewöhnt . « Er dankte dem Gruße der Männer , trat dicht vor den Jüngling und streifte ihm ruhig das Käppchen ab . » Nicht meinetwegen « , sprach er , » aber deinetwegen . Hut ab , mein Junge , wenn dein Vater und dein Großvater ihre Häupter entblößen , sonst stehst du einst mit dem Hut in der Hand vor deinen Kindern . « Der Bursche blickte trotzig zu ihm auf und schien von der Lehre wenig erbaut . Aber der Großvater sagte zu seinem Enkel : » Es ist dir recht geschehen . « Ein junges Weib , das am Zaune ihres Gartens stand , riß die Augen weit auf , als sie Ronald vertraulich mit Röschen plaudernd daherkommen sah , und rief ihm zu : » Aha ! Das ist die Braut aus der Stadt . « Sie stemmte beide Hände in die Seiten und betrachtete das Mädchen mit Wohlgefallen : » Meiner Treu , eine Hübsche haben Sie sich ausgesucht . « » Was fällt Euch ein ? « erwiderte er , » das ist nicht meine Braut . Die würde mich ja nicht nehmen , die wartet auf einen Jüngeren . « » Sie soll sich nicht versündigen ! « sprach das Weib und schien sehr aufgelegt , Röschen eine wohlgemeinte Zurechtweisung zu erteilen . Aber Ronald kam ihr zuvor und sagte scherzend : » Die Frau meint mir ' s gut ! « An einem der letzten Häuser des Dorfes eilte Röschen rasch vorbei - » denn « , sagte sie , » hier wohnt Anitschka , wenn sie mich sieht , will sie wieder mit . An der Hand habe ich sie nach Hause führen müssen , sie wäre sonst nicht gegangen . « » Wie ? « fragte Ronald , » Sie waren heute schon hier ? « » Eben - mit Ihrem Vater . « Armer Vater , dachte er , heute vergaß er seines langjährigen Grolles , heute , da sich das letzte Band gelöst hat zwischen ihm und den Bewohnern seines Rondsperg . Er hat , ohne es zu wissen , Abschied von ihnen genommen . Am Ausgange des Dorfes befand sich ein Hain , aus dichtem Gebüsch gebildet , das einzelne Buchen und Birken überragten . Ein klares Wässerchen schlang sich durch das Gehölz , längs seines Ufers führte ein Fußsteig zu einem freien Platze empor . Eine Hügellehne umschloß , eine mächtige Eiche beherrschte die grüne Bucht . Die alte Riesin streckte drohend einen abgestorbenen Zweig in die Lüfte hinaus ; ihre dunkel belaubten Äste verschlangen sich wie zu Schutz und Trutz . Finster stand sie da mit ihrem zerklüfteten Stamm und ihrem breiten , von manchem Sturm arg mitgenommenen Wipfel inmitten des üppigen , strotzenden Anwuchses , und sie schien zu sagen : Solche wie ihr hab ich schon viele kommen und - verschwinden gesehen . Zu ihren Füßen , unter einem schindelgedeckten Dache , erhob sich ein Standbild der heiligen Anna , die ein Buch in der Hand hielt , aus dem sie eine außerordentlich kleine Jungfrau Maria lesen lehrte . Die Figuren waren aus Holz und von einem einheimischen Künstler bunt bemalt . Auf den Blättern des aufgeschlagenen Buches stand das Abc ; demjenigen treu nachgebildet , das der Schulmeister von Rondsperg seiner Jugend vorschrieb . An den Bergesabhang nebenan war ein Kapellchen angebaut . Es hatte einen niedrigen dreieckigen Giebel und wölbte sich über einen Brunnen voll reinsten Wassers . Röschen schöpfte sogleich daraus mit der hohlen Hand . - Nein ! so wie dieser hatte sie noch nie ein Trunk gelabt . Sie kniete am Rande des Brunnens und sah hinein . Ruhig und dunkel schimmerte der Wasserspiegel , und von der Tiefe herauf drangen , sich regelmäßig wiederholend , glucksende Laute . Ein leises Lüftchen erhob sich und rauschte wie Gesang in den Wipfeln der Buchen und Birken und wie ein dumpfes Brausen in dem Gezweig der Eiche . Die kecken Vöglein , die darin hausten , fielen mit lustigem Gezwitscher ein und umflogen geschäftig die traulich sichere Wohnstätte , die ihnen der alte Baum in dem Gewirre seiner Äste bot . Röschen hatte sich auf eine der Wurzeln gesetzt , die wie gepanzerte Schlangen aus dem Boden ragten ; glückselig schaute sie vor sich hin . Eine schlanke , blaue Glockenblume , hoch emporgeschossen aus dem Moose , schien ihre besondere Bewunderung zu erregen ; Ronald wollte sie brechen . » Lassen Sie die Blume leben ! « rief Röschen , » es sind noch nicht einmal alle ihre Glocken aufgeblüht , und - sehen Sie nicht , wie sie sich freut , daß sie dastehen darf im kühlen Schatten auf ihrem samtenen Teppich ? ... Aber - « fragte sie plötzlich mit einem forschenden Blick , » warum so traurig ? « » O Fräulein Röschen ! « antwortete Ronald , » ich bin es lange nicht so sehr , als ich Ursache dazu hätte ... Eine törichte Behauptung - nicht wahr ? « beeilte er sich hinzuzufügen , als er sah , wie bei diesen Worten die Heiterkeit auf ihrem Gesichte erlosch . » Es kann kein großes Leid sein , das nicht einmal vermag , uns recht traurig zu machen . Und überdies - wer hat nicht seine Sorgen ? « » Ich « , sprach Röschen , » habe bis jetzt noch keine Sorgen gehabt . « » Jetzt aber haben Sie welche ? « versetzte er und beugte sich lächelnd näher zu ihr . Ein sanfter Vorwurf lag in ihren Augen , und der Seherblick der Liebe las mit innigem Entzücken Röschens Antwort darin und alle ihre unausgesprochenen Gedanken . Sie sagten in ihrer stummen Sprache : Wie kannst du so fragen ? Weißt du nicht , daß fortan deine Sorgen die meinen sind ? ... Seit jetzt - seit dem Augenblick , wo ich dich bewundert habe in deiner Güte , du starker Mann . Plötzlich ist ' s gekommen und wird immer bleiben , die Empfindung stirbt nicht , die uns beide zueinander zieht . Kann ich aufhören , das Edle zu lieben ? Kannst du aufhören zu beschützen , was sich dir so vertrauensvoll hingegeben hat ? In gar lieblicher Gestalt tritt die Versuchung an ihn heran , doch er muß ihr widerstehen . Der Traum des Kindes ist zu schön , um Wirklichkeit zu werden ... Ein Wort würde den Zauber zerstören . Soll er es sprechen ? Röschen hatte sich erhoben . » Wir vergessen ja , daß wir heute noch heim wollen ! « sagte sie . Er ging voran , bog mit beiden Händen die Zweige auseinander , die den schmalen , steil aufwärts steigenden Pfad überdeckten , und bahnte so seiner Begleiterin den Weg . Sie folgte schweigend . Hinter ihr schlugen die Zweige wieder zusammen , und wenn er anhielt und sich umwandte , sah er sie dastehen unter dem grünen , lebendigen Gewölbe wie ein Heiligenbild in laubgeschmückter Nische . So bist du mein , dachte er , so bin ich allein mit dir abgeschlossen von der ganzen Welt . Tiefe Stille senkte sich über den Hain , leise nur zwitscherte noch hie und da ein silbernes Stimmchen in den Wipfeln , bewegte sich ein Blatt an den hängenden Zweigen der Birken ; ein rosenroter Schimmer fiel durch das Dickicht , es lichtete sich immer mehr , Ronald und Röschen traten in das Freie . - Der Himmel war mit runden , flockigen Wolken überzogen , die im Widerschein der untergehenden Sonne leuchtend das Firmament bedeckten wie ein ungeheures purpurnes Vlies . Röschen breitete die Arme aus : » Schön ! « rief sie , » wunderbar schön ! « » Ich bin so glücklich , Fräulein Röschen « , begann Ronald etwas unsicher und zögernd , » daß es Ihnen hier gefällt . Rondsperg ist vielleicht bestimmt , Ihr zukünftiger Aufenthalt zu werden . « Sie sah ihn mit schmerzlichem Erstaunen an , der Ton , in dem er diese Worte gesprochen hatte , klang so seltsam , fremd und kühl . » Es ist doch etwas Ernstes an dem , was ich vorhin im Scherze zu Ihnen sagte « , fuhr er fort . » Ich muß wandern , liebes Röschen , wer weiß wie bald - wer weiß wie weit ... über die Berge , die Ihnen von den Linden aus so fern erschienen sind . Ich gehe einer ungewissen Zukunft entgegen und darf niemandem sagen : Teile sie mit mir . Aber das Schicksal ist mir doch günstig ... Sie sollen ja daheim sein an dem Orte , den ich von meiner Kindheit an geliebt habe , und ich werde an Rondsperg nicht denken können , ohne zugleich an Sie zu denken ... Das wird mir die Seele erhellen - immer und überall ! « Röschen war sehr blaß geworden , ihr Herz klopfte rasch und bang , tausend Fragen drängten sich auf ihre Lippen , doch sprach sie nur die eine aus : » Sie wollen fort ? « » Nicht heute noch morgen « , antwortete er hastig und beklommen , » und daß ich gehe , ist ein Geheimnis , das nur Sie erfahren , weil ich vor Ihnen keines haben will und weil ich Ihnen alles Gute zutraue , demnach auch Verschwiegenheit . « Bestürzt erhob ihr Blick sich zu ihm , er hatte den seinen abgewendet und eilte rasch vorwärts , sie hielt Schritt mit ihm , in wenigen Minuten war die Allee erreicht . » Wir sind so fröhlich ausgegangen und kommen nun so traurig heim « , sagte Ronald , » und ich bin schuld daran ... « » Es tut nichts « , erwiderte Röschen , » traurig sein ist auch gut . « » Sie sind es nie gewesen ... niemals - sagten Sie nicht ? « Sie schüttelte den Kopf und lächelte ihn mit feuchten Augen an . » O Röschen ! « sprach er ... » Willkommen ! « rief eine Stimme , und aus dem Schloßhofe trat ihnen der alte Graf entgegen , den Hut auf dem Ohr , gerade aufgerichtet , mit Augen so frisch und hell wie die eines Jünglings . Erbarmungslos ließ er seinen Blick auf dem Gesichte seines Sohnes ruhen und weidete sich an dessen Verwirrung mit herzlichstem Ergötzen . » Nun , mein Fräulein « , sagte er zu Röschen , » ich hoffe , Sie haben meine Begleitung bitter vermißt ? « » Ja - nein - - ja « , stotterte sie in größter Verlegenheit und entfloh in das Haus . » Ich lege mich Ihnen zu Füßen ! « rief der Greis ihr nach und klopfte mit einer plötzlichen Anwandlung von Zärtlichkeit seinem Sohn auf die Schultern : » Nicht übel , die kleine Person - - Was sagst du ? - Flößt dir Aversion ein ? ... Schade ! « Er lachte , und als Ronald stockend erwiderte : » Was denken Sie , lieber Vater ? « sprach er : » Nichts - was sollte ich denken ? - ein alter Mann - wer kümmert sich heutzutage um die Gedanken eines alten Mannes ? ... « Er sah Ronald an , und es ward ihm weich und liebevoll zumute wie lange nicht . » Basta ... Lassen wir das gut sein ... « und wieder klopfte er ihm auf die Schulter . » Wir verstehen uns ! « Er war davon überzeugt . Dieses Mal aber hatte er seltsamerweise recht . Röschen wurde aus dem Schlafe , in den sie gesunken war , sobald sie ihr Haupt auf das Kissen gelegt hatte , durch melodische Klänge geweckt , die leise und lieblich durch das offene Fenster hereinschwebten . Aus einem Zimmer des Erdgeschosses stiegen sie zu der Schlummerstätte des jungen Mädchens empor . Eine Geige sang in ihrer wortlosen Sprache ein beredtes Lied ... Kein Lied der Sehnsucht und der werbenden Liebe ! - Wie innig und heiß auch seine Töne erklangen , sie sprachen nicht von den ungestümen Wünschen der Menschenbrust , sie sprachen von überwundenem Schmerz , von gebändigter Leidenschaft , von Frieden und von seliger Erhebung über alles Erdenweh . Röschen lauschte , aufrecht sitzend auf ihrem Lager , mit halbgeöffneten Lippen , mit gefalteten Händen . Wie durchsichtig schimmerte ihr Angesicht im Mondenschein . Sie hörte nicht , daß eine Tür aufgestoßen worden , daß jemand sich näherte , sie zuckte zusammen , als eine wohlbekannte Hand sie berührte , und - lag im nächsten Augenblicke weinend in den Armen Bozenas . Diese schloß das Kind an ihre Brust und sprach ihm beruhigend zu , bis Röschen in den süßen und tiefen Schlummer fiel , der sich so rasch auf müde junge Augenlider senkt . Bozena beugte sich über die Schlafende : Armes Kind , streckst du die Hand nach dem Gute deiner Feindin aus ? ... Was hat der Himmel mit dir vor ? - Will er sie strafen durch dich , oder mußt auch du zugrunde gehn , damit drüben noch eine steht , die Klage führt über sie vor Gottes Thron ? ... Über sie - und über mich ! Bozena rang die Hände : O hätt ich noch meine alte Kraft ! Im Nebenzimmer hatte sich indessen folgendes begeben : Regula erhob sich , nachdem sie eine Weile dem Spiele Ronalds gelauscht , aus ihrem jungfräulichen Bett , zog ihre gelben Pantoffel an und trat an den Tisch , auf dem in einem Glase eine Rose stand , die die Baronin von Waffenau ihr verehrt hatte . Diese Rose nahm Regula und warf sie zum Fenster hinaus , das sie möglichst geräuschlos geöffnet hatte . Sie dachte dabei an » Des Sängers Fluch « . Sodann schlüpfte sie wieder unter ihre Decke und schlief unter den Klängen von Ronalds Geige ein . Gegen Morgen träumte sie , Napoleon I. sei angekommen und werbe um ihre Hand . 18 Fremdes Eigentum ! dachte Ronald , als er um die Mittagszeit , von der Eisenbahnstation zurückkehrend , auf welcher er Schimmelreiter erwartet hatte , über die Rondsperger Grenze ritt . Ein Fußsteig führte durch die Felder , den schlug er ein . Das Korn stand dicht und mannshoch , vom Winde bewegt , beugten sich die Halme , als ob sie grüßten , und trauliches Geflüster erhob sich in ihren goldig schimmernden Wogen . Wie bald , und ich werde nicht mehr dein pflegen dürfen , du mütterliche Erde , dachte Ronald . Wer liebt den Boden nicht , den er bebaut ! Dem Landmann war zumute , als er so dahinritt zwischen seinen Feldern , wie einem Herrscher , der scheiden muß von seinem treuen Volke . - Baronin Thilde hatte soeben ihre anspruchslose Dinertoilette beendet , da pochte es an ihre Tür , und Ronald trat ein . Sie empfing ihn mit der Frage : » Nun , das Geld erhalten ? « » Ja . « » Auf dem Heimwege den Notar gesprochen ? Mit den Pächtern unterhandelt ? « » Mit zweien schon abgeschlossen . « » Ja , ja , es ist unglaublich , was man auf dem Lande mit barem Gelde ausrichten kann « , sagte die Baronin seufzend . Sie ließ