. Ich vermag kaum zu denken , wie es komme , daß dieses hilflose , blutjunge Menschenkind zu dieser Stunde an dieser entlegenen Stelle sei . Da klärt es sich schon auf . Von der Talmulde wankt eine Grasladung heran und unter derselben schnauft die Aga , die für ihre Ziegen Futter sammelt , und das Kind ist ihr Töchterlein - meine Waldlilie . Das Weib ladet hierauf den Grasvorrat auf ihren Rücken und das Kind auf ihre Brust , und wir gehen zusammen dem Tale zu . Ich bin an demselben Abende in ihre Klause eingekehrt und hab ' Ziegenmilch getrunken . Der Berthold ist spät vom Holzschlage heimgekommen . Die Leutchen führen ein kümmerliches Leben ; aber sie sind guten Mutes , und die junge Waldlilie ist ihre Glückseligkeit . Als der Berthold an meiner Brust das Edelweiß sieht , sagt er , mit dem Finger drohend : » Ihr , gebt acht , das ist ein gefährlich Kraut ! « Ich verstehe ihn nicht , da setzt er bei : » Das Edelweiß hätt ' schier meinen Vater getötet und das Edelweiß will mir die Lieb ' zu meiner schon verstorbenen Mutter vergiften . « » Wie so , wie so , Berthold ? « frage ich . Da erzählt er mir folgende Geschichte : Auf der andern Seite des Zahn , vom Gesenke hinaus , ist ein Forstjunge gewesen , der hat ein Sennmädchen lieb gehabt . Aber das ist gottlos stolz gewesen und hat eines Tages zum Forstjungen gesagt : » Bist mir ja recht und ich mag dein werden , aber eine Gewährschaft mußt du mir geben von deiner treuen Lieb ' . Bist ein flinker Bursch ; schlagst mir ' s ab , wenn ich ein Edelweiß verlang ' von der hohen Wand herab ? « » Mein Leben , ein Edelweiß sollst du haben ! « jauchzt der Bursch , denkt aber nicht daran , daß sie die hohe Wand die Teufelsburg heißen , weil sie unbesteigbar ist , weil an ihrem Fuß Martertafeln stehen , von Wurznern und Gemsjägern zeugend , die herabgestürzt . Und die Sennin bedenkt es nicht , das sie eine neue Martertafel begehrt . Aber dasselb ' ist wohl wahr , daß einem die Lieb ' toll den Kopf verrückt . Der Forstjunge hat sich aufgemacht noch an demselbigen Tag . Er besteigt das niedrigere Gewände , über welches der Holzhauer mit seiner Kraxa noch wandeln muß ; er erklettert Hänge , an denen der Wurzner seinen Speik aussticht ; er schwingt sich über Schründe und Klippen , denen kaum mehr der Gemsjäger traut . Und er erreicht endlich jene schaudervollen Stellen an der Teufelsburg , die unter sich den zerrissenen Abgrund , über sich das senkrecht aufsteigende Getürme haben . Auf einem nächsten Felsvorsprung ist ein Gemslein gestanden , das hat lustig sein Haupt erhoben und spottend auf den Burschen herübergeschaut . Es ist nicht geflohen , da oben ist das Wild der Jäger und der Mensch das hilflose Wild . Das Gemslein scharrt mit dem Vorderfuß , da fliegen weiße Flaumschüppchen auf . - Edelweiß . Der Bursche weiß wohl , er hat seine Auge zu wahren , daß das Rad in dem Haupte nicht anhebt zu kreisen . Er weiß wohl : blickt er empor am Gewände , so ist er der Abschied vom Himmelslicht , und senkt er sein Auge niederwärts , so schaut er in sein Grab . Nicht die Gemse , der Boden , auf dem sie steht , ist heute sein Ziel . Einstemmt er den Alpenstock und windet sich und schwingt sich . Blau und grau wird es um sein Auge . Funken tauchen auf und kreisen und vergehen . Nichts sieht er mehr als das Lächeln der Sennin , da schleudert er den Stock von sich , da hebt er an und hüpft und springt in weiten Sätzen . Und die Gemse macht sich auf und setzt wild über sein Haupt , und der Forstjunge sinkt hin auf das weiße Bett ins Edelweiß . Am zweiten Tage nachher hat der Oberförster bei den Leuten nachfragen lassen , ob der Forstjunge nicht gesehen worden sei . Am dritten Tage haben sie das Sennmädchen gesehen im Walde laufen mit gelösten Haaren . Und an dem Abende desselben Tages ist der Forstjunge auf einen Stock gestützt durch das Tal geschritten . Wie er herabgekommen von der Teufelsburg , das hat er keinem Menschen erzählt , noch vielleicht erzählen können . Edelweiß hat er bei sich getragen - einen Strauß an der Brust - einen Kranz auf dem Haupte ; schneeweiß , edelweiß sind seine Haare gewesen . Und das Sennmädchen , das sich in seinem Übermut an dem braunen Lockenkopf versündigt , hat jetzund das Weißhaupt geliebt und gepflegt , bis es selbst ein solches geworden in späten Jahren . - Fast schön hat der Berthold diese Geschichte erzählt und letztlich beigesetzt , daß er von dem Forstjungen und der Sennin das Kind sei . Im Herbst 1818 . Wenn ich in den Wäldern herumgehe zu großen und kleinen Leuten , und von den ersteren lerne und die letzteren lehre , so sehne ich mich oftmals zurück zum Steg der Winkel . Da haben die letzten Jahre her die Leute um das Winkelhüterhaus mit Axt und Hammer so herumgearbeitet und ich habe selber zuweilen ein wenig meine Hand daran gelegt . Und nun ich die Augen einmal aufmache und die Dinge betrachte , sehe ich , daß wir ein Dorf haben . Neben dem Hause sind ein paar Hütten aufgerichtet worden , anfangs nur für die Bauarbeiter , und nun werden sie zu ständigen Häusern eingerichtet . Und da ist der Martin Grassteiger , ein Kohlenbrenner , aus den Lautergräben herübergekommen und hat zwei solche Hütten um eine ganz erkleckliche Summe erkauft und zur Verwunderung der Leute gleich bar ausbezahlt . Aus den pechschwarzen Kohlen werden funkelnde Taler gemacht , hat die alte Ruß-Kath einmal gesagt . Und mit blanken Talern hat der Grassteiger die Hütten bezahlt , und nun ist er ein ansehnlicher Mann . Der Pfarrhof ist der Vollendung nahe und die Kirche ebenfalls , und danach kommt das Schulhaus dran ; - o Gott , ich erlebe eine sehr große Freude in diesen Wäldern . Gestern zur Abendstunde haben wir die Kirche zum erstenmal zugesperrt . Es ist der Baumeister , der Tischler aus Holdenschlag , der Holzmeister dabei gewesen , aber ich weiß nicht , wie es gekommen , daß , wie wir auseinander gegangen , der Schlüssel mir in den Händen ist verblieben . Ja so - ich bin der Schulmeister . Ich weiß es selber kaum , daß ich es bin , und da schreibt mir letztlich der Waldherr , er sei mit meinem schulmeisterlichen Wirken im Walde recht zufrieden . Was tue ich denn ? Geschichten erzähle ich den Kindern , und weise ihnen mancherlei Kleinigkeiten des Waldes , die sonst zeitlebens kein Mensch hier noch beachtet hat , mit denen aber die Kinder tolles Wesen treiben und ihre Freude haben . Die vordersten Fenster in der Kirche , zwischen welchen der Altar kommt , sind mir nicht ganz recht . Die Scheiben sind so hell , und das tut mir zuweilen im Auge weh . Und es schaut die Waldlehne und der Holzschlag herein . Ei , das wäre was rechtes für den Sonntagsbeter , da tät ' er im Gedanken allfort Holz hacken , statt seine arme Seele demütig dem lieben Gott vorzuführen , und er tät die geschlagenen Stämme zählen und die Stöcke und die Reisighaufen und solche Dinge , um deren Anzahl er sich sonst die ganze Woche nicht kümmert . Da muß das Gebet schon wie ein Blutquell aus dem Herzen strömen , wenn der Gedanke dabei nicht durchzugehen trachtet , und weil das nicht immer ist , so muß man die Kirche wie eine Burg bewahren , daß der Sonntag nicht hinaus und der Werktag nicht herein kann . Die beiden Fenster müssen mit Glasmalereien versehen werden , und das will ich besorgen . Ich habe mir rotes , gelbes , blaues und grünes Papier kommen lassen und arbeite nun schon seit Tagen als Bildschnitzer bei verschlossenen Türen . Über den Kirchenheiligen sind die Leute noch nicht einig geworden . Aber ich habe darüber meine Gedanken . Stellen wir gar keinen auf . » Leute , « habe ich gesagt , » stellen gar keinen auf . Jeder soll sich den seinen denken nach Belieben . Die Heiligen sind unsichtbar und im Himmel ; wir können sie nur aus schlechtem Holz nachmachen , und das täte sie leicht verdrießen . « » ' s mag wohl richtig sein , « haben einige auf diesen Vorschlag geantwortet , » und wir ersparen die Unkosten . « Den Altartisch hat ein Vorhacker vom Karwasserschlag gezimmert . Der Vorhacker ist ein armer Mann mit reichem Kindersegen ; er hat aber für die Kirchenarbeit kein Entgelt genommen . - » Auf eine gute Meinung tu ' ich ' s « , hat er gesagt , » für die Meinigen tu ' ich ' s , auf daß mir keines stirbt und keines mehr dazukommt . « Der liebe Gott muß nicht recht verstanden haben ; kaum ist der Altartisch fertig , rückt dem Vorhacker der neunte Bub auf die Welt . Um zu zeigen , daß es eine Ehre ist für den Wald , wenn so ein armer Mann ein gemeinnütziges Werk vollbringt , so nennen wir den Vorhacker , weil er auch einer ist , der seinen Namen nicht weiß , - den Ehrenwald . - Der Name reicht für seine neun Buben und für weiteres . Der Franz Ehrenwald ist ein geschickter und strebsamer Kopf . Weil ihm der Altartisch gelungen ist , so will er sich nun ganz auf das Zimmer- und Tischlerhandwerk verlegen . Er hat sich schon eine Unzahl Werkzeuge gesammelt und zwei Körbe voll von Hobeln , Reifmessern , Bohrern , Sägen , Beilen , Stemmeisen und Dingen verschafft , die er gar nicht anzufassen weiß und sein Lebtag nicht brauchen wird . Aber die Werkzeugkörbe sind sein Stolz , und seine Buben können ihm keinen größeren Ärger verursachen , als wenn sie in ihren eigenmächtigen Tischlerarbeiten ihm etwan einen Bohrer verschleppen oder ein Messer schartig machen . Sie mögen nur brav das Handwerk lernen , die zwei Körbe werden ja einmal ihre Erbschaft sein . Ich habe mehrere Pläne für Wohnhäuser gezeichnet , wie sie gebaut werden sollen , daß sie dauerhaft , licht , luftig , leicht heizbar , für die Lebensweise der Leute geeignet und geschmackvoll sind . Nach solchen Plänen hat der Franz Ehrenwald bereits mehrere Häuser begonnen . Eines davon gehört dem Meisterknecht Paul in den Lautergräben . Die Bauten sind nicht kostspielig , da der Waldherr das Holz dazu umsonst gibt ; auch sollen sie , sagt man , steuerfrei bleiben . So fängt das Geschäft des Meisters Ehrenwald gut an ; er muß sich Gehilfen nehmen und seine Buben werden ihm bald zu wenig sein . Auch geht er bereits mit einem Plan für sein eigenes Haus um . Letztlich , als ich einmal unten am Bache stehe und Forellen fische , kommt er sachte , ich weiß gar nicht von woher , auf mich zu und lispelt mir geheimnisvoll ins Ohr : » Glaubt mir , mein neues Haus wird saggrisch toll , saggrisch toll wird ' s ! « Kein Mensch sonst ist in der Nähe gewesen und die Fische sind auch in der Winkel taub . Aber saggrisch toll - flüstert er leise - wunderprächtig wird sein Haus ! Der Mann ist schier kindisch vor Stolz ; er ist auf seinem Fahrwasser ; früher ist es gar keinem eingefallen , daß man auch in den Winkelwäldern stattliche Wohnungen bauen könne . Auf dem Kreuzwege Im Herbst 1818 . Oben , in der Öde des Felsentales steht ein hölzernes Kreuz . Es ist dasselbe , welches emporgewachsen sein soll aus dem Samenkorne des Vögleins , das alle tausend Jahre in den Wald fliegt . Ich bespreche mich mit dem Förster und einigen der Ältesten . Hernach frage ich den alten Bartkopf und Fabelhans Rüpel , der sonst auch just kein wichtig Geschäft hat , ob er mit mir gehen wolle hinauf in die Karwässer und in das Felsental , und ob er mir das bemooste Kreuz wolle herabtragen helfen in das Winkel . Und so gehen wir an einem hellen Herbstmorgen davon . Beiden ist uns unsäglich wohl gewesen . Dem schattendunkeln Winkelbach haben wir Dank gesagt für sein Schäumen und Rauschen . Dem Wiesengrün haben wir Dank gesagt , daß es Wiesengrün ist , dem Taue und den Vöglein und dem Reh und dem ganzen Wald haben wir Dank gesagt . - Wir steigen über glatten Waldboden , wir steigen über verwittertes Gefälle und bemoostes Gestein . Die Bäume sind alt und tragen lange Bärte , mit jedem steht der Fabelhans auf brüderlichem Fuße . Auf den Weben der Moose begegnen uns Käfer , Ameisen , Eidechsen ; wir grüßen sie alle , und lustflunkernde Schmetterlinge laden wir ein , daß sie mit uns kommen sollten zum Kreuze . Die kleine bunte Welt hat davon nichts wissen wollen . Mein Gefährte ist ein sehr seltsamer Kauz . Wer ihn nicht kennt , der kann ihn nicht glauben . Aber unter den Waldmenschen gibt es einmal die wunderlichsten Leute . Draußen in der durchgebildeten und abgeschliffenen Welt nennt man solche Erscheinungen Dichter ; hier heißen sie Halbnarren . Der Rüpel ist so ein Halbnarr . Sie heißen ihn auch den Fabelhans , weil er allfort was zu fabeln weiß ; und sie heißen ihn den Reim-Rüpel , weil er - und das ist die Merkwürdigkeit - nicht zehn Worte sprechen kann , ohne zu reimen . Es ist eine tollwitzige Gewohnheit . Seine ganze Lebensgeschichte hat er mir unterwegs in Reimen erzählt . Die Reime haben zwar gottslästerlich geholpert ; aber wer soll auf so steinigem Waldboden nicht holpern und stolpern ? - Ich will es doch versuchen , mir seine Geschichte einzuprägen . » Ein Küsterbüblein bin ich gewesen , « hebt er an , » draußen in Holdenschlag steht ' s noch zu lesen . Wenn ich den Strick hab ' geschwungen und die Glocken haben geklungen , hab ' ich den Takt gesungen und den Schwenkel nachgeahmt mit meiner Zungen . Beim Ministrieren hab ' ich dem Pfarrer Wein in den Kelch gegossen ; aber unter dem Wasserkrüglein hat er gleich gezuckt ; kaum ein Tröpflein , ist er schon davongeruckt . Wasser und Wein als Fleisch und Blut , das ist unser höchstes Gut , aber wer in den Kelch zu viel Wasser tut , der verdirbt das rosenfarben ' Christiblut . - Als ich von der Kirchen bin fortgekommen , hat mich ein Schmied in die Lehr ' genommen . Der Blas ' balg hat mit Gleichmaß angefangen und der Hammer ist taktfest mitgegangen , und der Amboß hat geklungen , sind die Funken gesprungen , und alles hat sich gefügt und gereimt , als wär ' es gehobelt gewesen und geleimt . Gerade meinem Meister hat ' s nicht angepaßt , da hat er mich nach dem Takt beim Schopf gefaßt . Und schaut , bei diesen taktfesten Dingen , Klingen , Singen und Springen , hab ' ich zum stillen Feierabendfrieden baß angefangen , Reime zu schmieden . Aber , wie auch geschmiedete Reime geraten , es sind keine Hufeisen , sind keine Spaten , und der Eisenschmied hat den Reimschmied bald verjagt hinaus in den Wald . - Im Wald hab ' ich Moos gezupft und Wurzeln und Kräuter gerupft , bin federleicht geworden und mit dem Reh gesprungen , bin lustig geblieben , hab ' mit den Vöglein gesungen . Der Förster , ein Vetter von mir , hat gedacht , ich kunnt bei dem Lungern gar leicht verhungern , und hat mich zum Jäger gemacht . - Wie ich die erste Büchs hab ' umgehangen , haben die Tier ' im Wald ein Freudenfest begangen . Ich hab ' nach dem Wild geschossen und die blaue Luft getroffen , da bin ich dem Reh auf Versfüßen nachgeloffen . Das ist gar stehen geblieben : ich kunnt nach Belieben mich setzen auf seinen Rücken ; auf so ungleichem Bein ' , das sehe es ein , könne das Gehen nicht glücken . - Das tat sich dem Förster nicht schicken , und von meinem Jagen und schießen will er gar nichts mehr wissen . - Bin eine Weil ' in der Welt herumgegangen , hab ' allerlei angefangen ; mit allerhand Herren tät ich verkehren ; teils haben sie mir gutherzig den Dienst aufgesagt , teils haben sie mich davongejagt . - Und schaut , so schleift es fort und so werd ' ich alt , und so holper ' ich wieder zurück in den Wald ; und das ist mein Aufenthalt . Und wenn ich wo Leute find ' , die gutherzig und lustig sind , so mach ' ich mich bescheiden und mit Freuden daran , und singe sie an ; und singe zur Tauf ' und Hochzeit und anderer Lustbarkeit um ein Stücklein Brot ; ist ' s auch schwarz und trocken , gesegne mir ' s Gott ! Bin ich gesund und wird mir die Zungen nicht lahm im Mund , so leid ' ich keine Not . Und ist es Zeit , so kommt der Herr Tod , ich bin bereit und gehe heim , und das ist der allerbeste Reim . Und hör ' ich singen und posaunenklingen , so steh ' ich wieder auf . Und das ist des Reim-Rüpels Lebenslauf . « Ich möchte den Mann die wilde Harfe oder den Waldsänger heißen , oder den evangelischen Sperling ; er säet nicht und erntet nicht und bettelt nicht , und die braven Winkelwälder ernähren ihn dennoch , während draußen im weiten Land die Sänger hungern . Nach vielen Stunden sind wir endlich hinaufgekommen in das Felsental . Als wir am zerrissenen Gewände hingehen , in deren Klüften das Grauen schlummert , und als wir mitten in den niedergebrochenen Klötzen das Kreuz ragen sehen , teilt mir mein Begleiter mit , es tät ' ihm scheinen , als husche dort eine Menschengestalt zwischen den Steinen . Ich aber habe außer uns zweien niemanden bemerkt . Vor dem Kreuze stehen wir still . Auf dem Felsklotz ragt es , wie es vor Jahren geragt , wie es nach der Menschen Sagen seit unerdenklichen Zeiten gestanden . Wetterstürme sind über ihn hingezogen und haben die Rinde gelöst von dem Holze ; sie sind dem Kreuzbilde nicht weiter gefährlich worden . Aber die milden Sonnentage haben Spalten gesprengt an den Balken . - Das Himmelsauge wölbt sich in lichter Bläue über den verlorenen Weltwinkel . Die niedergehende Sonne blitzt schräge hinter dem Gefelse hervor und spinnt in den uralten , kahlästigen Baumrunen und bescheint den rechten Arm des Kreuzes . Ein braunes Würmchen kriecht über den Balken dem sonnigen Arme zu , doch kaum es den Arm erreicht , ist die Glut erloschen . - Ein Kieferschabkäfer läuft an dem Stamme empor und eilt unter das letzte Rindenschüppchen , um etwan die Puppe einer Ameise zu erhaschen . - Dem ist das bestrahlte Kreuz ein Gottesreich ; dem ist es ein Tummelplatz seines Strebens und Genießens . Unserer Gemeinde möge es das erstere sein ! Es ist gut , daß kein Mensch weiß , wer den Pfahl im Felsentale gezimmert und aufgestellt hat . Denn niemals sollen sich unter den Anbetenden jene Hände falten , die das Bild der Gottheit geschnitzt haben . Von dem Berge Sinai herab hat Moses die Gesetztafeln geholt , dem Volke als wahres Bild Gottes . Erst als die Israeliten aus ihrem eigenen Geschmeide und mit eigenen Händen ein Bild geformt , ist ein Götzenbild daraus geworden . Als wir auf den Fels gestiegen , um den Kreuzpfahl abzulösen , hat der Rüpel sein Gesicht bedeckt mit beiden Händen . » Wir brechen den Altar im Felsenkar ! « ruft er in Erregung , » bei wem soll nun im Sturme beten der Baum und das verfolgte Reh am Waldsaum ? « Mir selbst haben die Hände gezittert , als wir das Kreuz ausheben und auf unsere Schultern nehmen . Ich habe es so getragen , daß der Querbalken an meinem Nacken gelegen , wie ein Joch ; der Rüpel hat den Stamm nachgeschleppt . Und so gehen wir mit der Last hin zwischen den Klötzen und zwischen den Baumrunen . Als wir zu dem Hange kommen , da bricht die Abenddämmer an . Die ganze Nacht sind wir mit dem Kreuze gegangen her durch die Waldungen . In den Schluchten und Engpässen ist es ganz grauenhaft finster gewesen und an manch alten Stamm hat unser Pfahl gestoßen . Wo der Weg über Höhen geht , da rieselt durch das Geäste das Mondlicht , und wir schreiten hin über die weißen Tafeln und Herzen , die auf dem Boden liegen . Mehrmals haben wir das Kreuz auf die Erde gestellt und uns den Schweiß getrocknet ; gar wenig haben wir mitsammen gesprochen . Nur einmal hat der Rüpel den Mund aufgetan und folgende Worte gesagt : » Das Kreuz ist schwer und herb ; mag ' s nur tragen , bis ich sterb ' . Aber tun sie mich begraben , möcht ich ein grünes Bäumlein haben , das nicht zusammenbricht auf mein Gebein , das aufwächst gegen Himmel im Sonnenschein ! « Da ist es bei so einem Ablasten , daß neben uns eine dunkle Gestalt über den Weg huscht . Sie streckt eine Hand aus , deutet auf einen breiten Stein und dann ist sie verschwunden . Wir haben beide diese Erscheinung bemerkt , aber wir haben kein Wort gesagt , und erst , als wir auf der Wiese der Karwässer das Kreuz wieder aufrecht auf die Erde stellen , so daß dessen scharfer Schatten ruhesam über dem tauigen Grasgrunde liegt , sagt der Alte : » Wie in den bitteren Leidenstagen der Herr das Kreuz auf den Berg hat getragen , und wie er mit seinen schweren Lasten auf einem Stein hat wollen rasten , da tritt aus dem Haus ein Jud ' heraus , und sagt : der Stein gehört mein . Und der Herr schwankt weiter in seiner Pein . - Und selbiger Jud ' kann nicht sterben und ruhen , muß heut ' noch wandern von Landen zu Landen , von einem Jahrtausend zum andern , in glühenden Schuhen . « - Dann nach einer kleinen Weile fährt der Rüpel fort : » Und weil in der heutigen Nacht wir mit dem Kreuze gehen , so haben wir gar den ewigen Juden gesehen . Er hat uns geladen ein zur Ruh ' auf den Stein , das wäre gewesen nicht unsere Rast , aber die Ruhe sein . « In der Kohlstatt der hinteren Lautergräben haben uns vier Männer aus dem Winkeltale erwartet . Diese nehmen uns das Kreuz ab , legen es auf eine grünsprossige Bahre und tragen es davon . Wie wir herauskommen zu unserem Tale , da bricht der Tag an . Und es klingt und zittert ein Ton durch die Luft , der nicht vergleichbar ist mit Menschengesang und Saitenspiel und aller Musik auf Erden . Schon jahrelang habe ich diesen Ton nicht gehört , weiß ihn kaum mehr zu deuten . Wir alle stehen still und horchen ; es ist die Glocke von unserer neuen Kirche . Während wir im Felsentale gewesen , sind die Glocken angekommen und erhöht worden . Wie ich an diesem Morgen das Glöcklein gehört , da hab ' ich es nicht lassen mögen , habe laut gerufen : » Leute , jetzt sind wir nimmer allein ! Alle Gemeinden draußen läuten zu dieser Stunde ; wir haben mit ihnen den gleichen Morgengruß , den gleichen Gedanken . Wir sind nicht mehr stumm , wir haben unsere gemeinsame Zunge auf dem Turm , die in Freude und in Trübsal spricht , was wir empfinden , aber nicht vermögen zu sagen . Und der ewige Gottesgedanke , der überall weht und webt , aber nirgends faßbar und in keinem Bilde und durch kein Wort voll und ganz ausgedrückt werden kann , im klingenden Reife der Glocke allein nimmt er Gestalt an für unsere Sinne und wird faßbar unserem Herzen . Und so bringst du uns , du süßer Glockenklang , trostreiche Botschaft von außen und von innen und von oben ! « Die Männer haben mich angestaunt , daß ich rede , und was es denn viel zu reden gäbe , wenn Kirchenglocken läuten ; das höre man draußen zu Holdenschlag doch alle Tage . Nur der gute Rüpel ist beiseite geeilt und hinter die Erlenbüsche hinauf , auf daß er unbeschadet von meiner heiseren Rede den reinen Glockenton hat hören können . Vor der Kirche sind sehr viele Menschen versammelt , um die Glocken zu vernehmen und das Kreuz zu sehen . Jenes Kreuz , das entsprossen ist aus dem Samenkorne , so das Vöglein hat gebracht , welches alle tausend Jahre einmal durch den Wald fliegt . Kirchweih 1818 . Sonntag ist ! Der erste Sonntag in den Winkelwäldern . Die Glocken haben es schon im Morgenrot verkündet , und da sind die Leute herbeigekommen aus dem Hinterwinkel , aus dem Miesenbacheck , von den Lautergräben , von den Karwassern und aus allen Klausen und Höhlen der weiten Wälder . Heute sind sie nicht Holzer oder Kohlenbrenner , oder was sie eben sonst sein mögen , heute zum erstenmal schmelzen sie zusammen in eins , in einen Körper und heißen : die Gemeinde . Die Kirche ist fertig . Über dem Altartische ragt das Kreuz aus dem Felsentale ; es steht hierorts so anspruchslos und schier so stimmungsvoll , wie es dort in der Einsamkeit gestanden . Unter den Leuten werden Äußerungen gehört , das sei das wahchaftige Kreuz des Heilandes . Wenn sie Trost und Erhebung in diesem Gedanken finden , dann ist es , wie sie sagen . Das Gezelt des Heiligsten ist ein Geschenk des Freiherrn ; die Kerzenleuchter und das Speisegitter hat der Ehrenwald geschnitzt . Wer doch die zwei schönen Altarfenster mit den Glasmalereien gespendet hat ? werde ich gefragt . Es ist gut , daß die Fenster so hoch sind , sonst müßte man es wohl merken , daß über den Glastafeln nur buntes Papier klebt . Die beiden Fenster stellen in einem grünen Dornenkranze mit roten und weißen Rosen die zwei Gesetztafeln Moses vor . Über dem Altare und dem Kreuze ist ein Rundfenster mit dem Auge Gottes und den Worten : » Ich bin der Herr , dein Gott , der dich befreit aus der Knechtschaft . Mache dir kein geschnitztes Bild , um es anzubeten . « Der Pfarrer von Holdenschlag , der hier gewesen , um die Weihe und den Gottesdienst zu vollziehen , hat mir bedeutet , die obigen Worte paßten nicht . » Du sollst allein an einen Gott glauben ! « müsse es heißen . Ich antwortete , daß ich die angewendeten Worte in einer sehr alten Bibel gelesen hätte . Der Schulmeister von Holdenschlag hat die Orgel gespielt , die einen sehr reinen , ich möchte sagen , innigen Klang hat . » Die Freuden und Schmerzen , die der Mund nicht kann sagen , sie sprudeln aus Musik , wie ein Bronnen in der Sonnen ! « sagt der alte Waldsänger . Wie ich mich auf der Zither geübt habe , so übe ich mich nunmehr auf der Orgel . Jeder liebliche Ton ist ein Eimer , der niedersteigt in das Herz des Andächtigen und die Seele emporhebt zum Altare Gottes . Der Pfarrer von Holdenschlag hat eine Predigt gehalten über die Bedeutsamkeit der Kirchweih und der Pfarrkirche und über das Leben des Menschen vom Taufstein bis zum Grabe . Da fällt mir ein , daß wir noch keinen Friedhof haben . Kein Mensch hat daran gedacht oder denken wollen , so oft auch die Rede vom Taufstein gewesen . - Meine ganze Andacht ist weg , und während hernach bei der Messe der Schleier des Weihrauches aufsteigt , habe ich immer daran denken müssen , wohin wir doch den Friedhof legen werden . Und nach dem Hochamte , da alles herausströmt auf den Platz zu den Verkaufsbuden der Hausierer , um die Schätze und Künste zu betrachten , die nun die Welt der neuen Gemeinde im Winkel hereinzusenden beginnt , steige ich den Hang hinan bis zur sanften Hebung , über die sich der finstere Hochwald hinzieht gegen das Gewände . Dort lege ich mich auf die abgefallenen Fichtennadeln des Bodens . Ich bin schier abgespannt von den ungewohnten Erregungen des Ereignisses und versuche des Friedhofes wegen , wie sich ' s hier oben ruhen läßt . Vom Platze herauf höre ich das Geschrei der Marktleute und das Gesurre der Menge . Vielen ist aber die Kirche nicht recht , weil noch kein ordentliches Wirtshaus dabei steht . Ei , der Branntweiner Hannes ist ja doch da , der hat sich unter Eschen ein Tischchen aufgeschlagen und große Flaschen und kleine Kelchgläser darauf gestellt . » Was wär ' das für eine steintrockene Kirchweih , wenn wir nicht trinken täten ! « sagen die Leute , und der Bursche will auch seiner Maid ein Gläschen zahlen . Und der Teufel ist ein frommer Mann , der will jede neue Kirche nachmachen , aber es wird halt immer ein Wirtshaus daraus . Der Schenktisch ist sein Hochaltar , die lose Wirtin sein Priester , das Gläserklingen sein Glocken- und Orgelspiel , des Wirts Säckel sein Opferstock , die Spielkarten sind sein Gebetbuch , und wenn einer im Rausch und Zank niedergeschlagen wird , so ist das sein Opferlamm . Das ist der Schatten von der Kirche . Und