das tiefste zu verletzen . Nach einem blitzähnlichen Aufzucken blieb dessen schlanke Gestalt in starrer Ueberraschung stehen und sah dem Dahinschreitenden nach , bis er im Gebüsch verschwunden war . Ich wollte diesen Augenblick benutzen , um fortzuschlüpfen , allein bei dem leisen Geräusch , das meine Bewegung verursachte , wandte sich Herr Claudius nach mir um . » Bleiben Sie noch ! « sagte er und streckte den Arm zurückhaltend gegen mich . » Der alte Mann war in großer Aufregung ; ich möchte nicht , daß Sie ihm in diesem Augenblicke noch einmal begegneten . « Er sprach so freundlich und gelassen wie immer ... Sollte ich in diesem Moment des Alleinseins ihm beichten , wie es sich mit dem Spuk in der Bel-Etage der Karolinenlust verhielt ? ... Nein , ich hatte kein Vertrauen zu ihm , ich fühlte mich bis in mein warm schlagendes Herz hinein erkältet in seiner Nähe . So rückhaltlos meine ganze Seele Charlotte zugeflogen war , so wenig sympathisierte ich mit diesem Manne der kalten Berechnung - sein eigentümlich gehaltenes Thun und Wesen , das weder bei sich selbst , noch bei den anderen ein Zuviel zuließ , stieß mich entschieden zurück . Er hatte zwar eben noch im Sinne der christlichen Liebe gesprochen - bei jedem anderen würde ich die Worte auf innere Herzenswärme zurückgeführt haben , von seinen Lippen klangen sie mir nur als die Rüge eines leidenschaftslosen , klaren Verstandesmenschen . Er hatte mich in Schutz genommen ; allein so kindisch und urteilslos ich auch war , ich sagte mir doch , daß das nur geschehen sei , um die Uebergriffe seines Untergebenen abzuwehren ... Ich war eine viel zu beeiferte und enthusiastische Schülerin Charlottens , um nicht bei jeder Begegnung mit diesem Manne ihres Urteils über ihn eingedenk zu sein . Jetzt gehorchte ich ihm aber und wartete geduldig , bis wir die dröhnenden Schritte des Buchhalters nicht mehr hören würden . Mechanisch schob ich den Sand des Weges mit den Fußspitzen zusammen - der plumpe Schuh in seiner ganzen Häßlichkeit kam zum Vorschein ; das alterierte mich gar nicht - es war ja nur Herr Claudius , der neben mir stand , und dessen Blick darauf fiel . » Ich will gehen und die Thür wieder schließen , « unterbrach ich das momentane Schweigen ; mir fiel plötzlich ein , daß sie ja noch weit offen stand ... Ich wollte ihn um Verzeihung bitten , aber ich brachte es nicht über die Lippen . » So kommen Sie , « sagte er . » Ich begreife nicht , wie Sie mit Ihren kleinen Händen das alte , seit Jahren verrostete Schloß haben öffnen können . « » Das Kind - « sagte ich und mußte bei dem Gedanken an das liebliche kleine Geschöpf lächeln - » ich wollte durchaus das Kind nahe sehen , und die Leute , die so glücklich beisammen sind . Ich habe nie gewußt , wie es ist , wenn die Eltern ihre kleinen Kinder so sehr lieb haben . « » Wie ist es Ihnen denn möglich gewesen , in das fremde Familienleben hineinzusehen ? « Ich deutete unbefangen nach dem Wipfel der Ulme , unter der wir eben hinschritten . » Da droben hab ' ich gesessen . « Er lächelte verstohlen , und trotz der Brille sah ich , daß seine Augen an meiner linken Seite niederglitten ; unwillkürlich folgte ihnen mein Blick - o weh ! die rachsüchtige Ulme hatte mir ein weitklaffendes und so regelrechtes Dreieck auf meinen schwarzen Staatsrock gezeichnet , als habe sie das Winkelmaß dazu genommen . Ich fühlte , daß ich feuerrot wurde , und wenn es auch nur Herr Claudius war , ich schämte mich doch . » O Gott - Ilse ! « mehr brachte ich nicht heraus . » Seien Sie ruhig , Frau Ilse darf nicht schelten , das leiden wir nicht ! « sagte er freundlich , aber auch in so protegierendem Tone , als spräche er zu dem kleinen Gretchen . Und das verdroß mich - so kinderklein und hilfsbedürftig war ich doch wahrhaftig nicht ... In diesem Augenblick fiel es mir so recht auf , wie ganz anders doch Dagobert war . Er behandelte mich , besonders seit er wußte , daß ich bei Hofe vorgestellt werden sollte , als völlig erwachsene Dame . » Frau Ilse hat übrigens bereits für Ersatz gesorgt , « sagte er weiter . » Sie hat mir gestern eine Summe Geldes abverlangt zu einer Hoftoilette für Sie ... Bei dieser Gelegenheit muß ich Sie aber auf etwas aufmerksam machen . Solange die Frau dableibt , mag sie dergleichen Angelegenheiten in den Händen behalten ; später jedoch werde ich Sie bitten müssen , sich direkt an mich zu wenden . « » Muß das sein ? « fragte ich , ohne meinen Verdruß zu verbergen . » Ja , das muß sein , Fräulein von Sassen - es ist der Ordnung wegen . « » Nun , da hat meine liebe Großmutter doch recht gehabt , wenn sie das Geld nicht leiden konnte ... Gott , was für Umstände , wenn solch ein paar Thaler von einer Hand in die andere gehen ! « Er sah mich lächelnd von der Seite an . » Ich werde Ihnen die Sache so leicht wie möglich machen , « sagte er gütig . » Aber ich muß doch um jeden Groschen in Ihr dunkles Zimmer kommen ? « » Das freilich ... Ist Ihnen denn dies Zimmer so schrecklich ? « - » Das ganze Vorderhaus ist ja so kalt und grabesdunkel ... wie es nur Charlotte und Fräulein Fliedner drin aushalten ? ... Ich stürbe vor Angst und Beklemmung ! « - Ich legte unwillkürlich beide Hände auf die Brust . » Das schlimme alte Haus - es hat schon einmal ein Frauenleben gefährdet ! « meinte er schwach lächelnd . » Und nun ist es wohl auch schuld , daß es Ihnen bei uns nicht gefällt ! « » O , den Blumengarten hab ' ich sehr lieb ! « versetzte ich rasch , ohne seine Frage direkt zu beantworten . » Er kommt mir vor wie ein ganzes Buch voll Wunder- und Zaubergeschichten ! Ich muß manchmal die Augen rasch schließen und Hände und Füße festhalten , sonst - würfe ich mich unversehens mitten in solch ein Blumenbeet hinein ! « » Das thun Sie doch , « sagte er in seiner freundlichen Gelassenheit . Ich sah ihn überrascht an . » Na , da würden Sie doch schön schelten , « fuhr es mir heraus . » Wie viel Bouquetgroschen gingen Ihnen da verloren ! ... O Gott , und wie viel Samentüten ! « Er wandte sich ab , schloß die Thür zu , vor der wir standen , und zog den Schlüssel aus dem Schloß . » Diese Bouquetgroschen-Weisheit haben Sie wohl aus demselben Munde , der Ihnen bereits von der Hinterstube erzählt hat ? « fragte er , nachdem er den Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte . Ich schwieg - Dagoberts Namen konnte ich unmöglich aussprechen ; von ihm hatte ich ja diese » Weisheit « , wie es Herr Claudius mit einem ganz leisen Anflug von Bitterkeit nannte . Er drang nicht weiter in mich . » Aber die Karolinenlust und der Wald , gefallen sie Ihnen denn gar nicht ? « fragte er . » Es ist ganz schön hier - « » Allein lange nicht so schön , wie in der Heide - nicht wahr ? « » Das weiß ich nicht - aber - ich habe heftige Sehnsucht nach dem Dierkhof ! Ich leide oft schrecklich und ängstige mich , daß ich mir die Stirne an den vielen Bäumen einstoßen könnte . « Die Klage trat mir fast unwillkürlich auf die Lippen ... Das hatte mich noch niemand im Hause gefragt ; sie setzten ohne Zweifel alle voraus , daß der Tausch ein überwiegend vorteilhafter für mich sei . » Armes Kind ! « sagte er , - nein , nein , das war keine Teilnahme ! - Die Natur hatte ihm nur eine so weiche Stimme gegeben . Wir betraten eben das Parterre seitwärts der Karolinenlust . Da stand der alte Erdmann , der neulich Ilse und mir den Eintritt in das Vorderhaus verwehrt hatte . Er hielt eine Mulde im linken Arm und streute unermüdlich Futter für das Geflügel auf den Kies . Herr Claudius schritt rasch auf ihn zu und hielt die Rechte zurück , die eben wieder einen Körnerregen hinwerfen wollte . » Sie füttern viel zu verschwenderisch , Erdmann , « sagte er . » Gehen Sie da hinein in den Busch , überall keimen die Körner , die die Tiere mit dem besten Willen nicht bewältigen können ; ich habe es eben mit großem Mißfallen bemerkt . « - Er griff in die Mulde und ließ die Körner durch seine schlanken Finger laufen . » Das ist ja der reine Weizen - Erdmann , da muß ich schelten ! Sie wissen , daß mir eine solche achtlose Verschwendung ein Greuel ist . Bei uns kommt das Getreide nutzlos um , und manches arme Kind sehnt sich vergebens nach einer Semmel . « Eine förmliche Erbitterung überkam mich - wie doch dieser Mann seinen Geiz zu beschönigen verstand ! Er schalt nicht , weil ihm in dem verschwenderisch hingeworfenen Weizen ein paar Groschen verloren gingen . Gott bewahre ! Die Semmel wurde beklagt , die für ein hungriges Kind möglicherweise hätte gebacken werden können . Der alte Erdmann entschuldigte sich damit , daß auch nicht ein Körnchen Gerste mehr im Hause gewesen sei . Er zog wie ein schuldbeladener Sünder den Kopf zwischen die Schultern und suchte eiligst das rettende Boskett zu gewinnen ... Hu , diese abscheulichen blauen Gläser , wie sie ihm nachfunkelten . Ich mochte sie aber auch gar nicht mehr ansehen . Ich wandte das Gesicht weg ; meine Hände griffen in das nächste Gebüsch und zupften und zausten an den Blättern und streuten sie achtlos über den Kies hin . » Was hat Ihnen denn der arme Schokoladenstrauch gethan ? « fragte Herrn Claudius ' Stimme neben mir wieder so sanft und gleichmütig , als sei sie es gar nicht gewesen , die eben noch gescholten . » Denken Sie einmal , wenn nun doch in den mutwillig und nutzlos abgerissenen Blättern ein klein wenig von dem Heimweh lebte , das Sie quält - « Ich bückte mich , las schleunigst die Blätter vom Boden auf , schichtete sie übereinander und legte sie auf den kühlen Rasen , dicht neben den Hauptstamm des Strauches , indem ich einen dickbelaubten Zweig über sie hinbog . » Nun sterben sie doch wenigstens in der Heimat , « sagte ich und sah wider Willen in die Brillengläser hinein . » Werden Sie es hier aushalten können ? « fragte er . » Ich muß wohl - ich soll ja gebildet werden , und dazu gehören zwei Jahre « - ich faltete unwillkürlich die Hände - » zwei lange Jahre ! ... Aber es hilft nichts , ich weiß nun selbst , daß ich lernen muß - ich bin doch zu entsetzlich unwissend in der Heide geblieben ! ... Das kleine Gretchen da drüben weiß ja mehr als ich ! « Er lachte leise auf . » Nötig ist Ihnen diese Lehr-und Leidenszeit freilich , wenn ich bedenke , wie sauer es Ihrer kleinen Hand wird , den eigenen Namen zu schreiben , « sagte er . » In zwei Jahren können Sie viel lernen ; aber Ihr Vater und vielleicht auch andere werden wünschen , daß Sie manches nicht in Ihre junge Seele aufnehmen , was die Welt , und vor allem das Leben in einer Residenz , lehrt und verlangt ... Frau Ilse hat mich gestern ersucht , Ihr Thun und Treiben zu überwachen . « Ein jäher Schreck durchfuhr mich - das litt ich nicht . Dagegen wehrte ich mich aus Leibeskräften ! Freiwillig begab ich mich ganz gewiß nicht in das unerträgliche Joch , unter dem Dagobert und Charlotte schmachteten ! Seltsam aber war es doch , daß ich nicht den Mut fand , ihm diesen meinen festen Entschluß ungescheut in das Gesicht zu sagen . » Ich weiß nicht , was Ilse einfällt - das hat ja Fräulein Fliedner längst übernommen und Charlotte auch , « sagte ich zögernd . » Und Charlotte habe ich so sehr lieb , ihr werde ich ganz gewiß gehorchen . « » Das soll eben vermieden werden , « versetzte er ernst . » In Fräulein Fliedners Händen sind Sie gut aufgehoben . Charlotte dagegen hat noch viel zu viel mit sich selbst zu thun , als daß sie die Verantwortlichkeit für Ihren Bildungsgang übernehmen dürfte ... Wenn ich ihren unumschränkten Einfluß auf ein unerfahrenes Gemüt zulassen sollte , dann müßte sie in allen Stücken ein Vorbild sein können - davon ist sie jedoch weit entfernt ... Charlotte ist im Grunde eine edle Natur , aber sie hat Schlacken in ihrer Seele - ich weiß es , ich werde oft genug warnend und verbietend zwischen Sie beide treten müssen . « Hätte je ein Funken von Sympathie für diesen Mann in mir gelebt , bei seinem letzten , so rücksichtslos unumwundenen Ausspruch wäre er erloschen . Er rächte sich in diesem Augenblick bitter für Charlottens Plauderei hinsichtlich der Hinterstube - ich wußte es wohl - das war wieder einmal die hinterlistige Art und Weise der Revanche , die Dagobert so tief erbitterte . ... Und zu allem gab mich Ilse diesem steifen , eingerosteten Zahlenmenschen ohne weiteres in die Hände . Er steckte mich zwischen vier Wände , ließ mich lernen , sprach von den mir am meisten verhaßten Schreibübungen , und in alles , was ich that , guckten die verabscheuten Brillengläser . Er sprach schon vom Verbieten und betonte vor allem meine schlechte Handschrift , die sich bessern müsse . Wenn er geflissentlich mein ganzes Wesen zu Widersetzlichkeit und Aufruhr reizen wollte , so konnte er kein wirksameres Mittel ersinnen , als diese verhaßten Schreibübungen , die er mir fürs erste zudiktierte . Es regte sich auf einmal etwas von der heimtückischen Schlauheit der Katze in mir . » Sie werden mich recht viel schreiben lassen , nicht wahr ? « fragte ich ganz ruhig und scheinbar unterwürfig . » Und dazu haben Sie keine Lust , « sagte er , statt aller Antwort - abscheulich ! Er las mir die Gedanken vom Gesicht . » Nein , dazu habe ich nicht die mindeste Lust ! « bestätigte ich zornig . » Stecken Sie mich hinauf in die Bibliothek und lassen Sie mich lesen , und wenn ich monatelang keinen Atemzug frische Luft schöpfen und kein grünes Blatt sehen darf - meinetwegen , ich will ' s ertragen , ich thue es , aber schreiben ! Nein ! ... Es ist schrecklich , immer auf das weiße Papier zu sehen und eine krumme und gerade Linie nach der anderen hinzumalen , und unterdessen spukt und quirlt es durcheinander im Kopfe und vor den Augen , und die Füße finden keine Ruhe unter dem Tische - dann kömmt es mir siedend heiß herauf und klopft in den Schläfen , und ich springe auf und muß laufen , soweit mich meine Füße tragen ! « Er lächelte auf mich nieder . » Ich kann mir denken , daß sich Ihre ganze Natur gegen das rein Mechanische sträubt , « sagte er . » Sie wissen ja noch nicht , daß die Feder ein beseeltes und beschwingtes Wesen in unserer Hand wird , daß sie alles das , was Ihnen im Kopfe spukt und durcheinander quirlt , ausströmen kann - wer sollte Sie auch darauf hingeleitet haben ! ... Aber fragen Sie doch Ihren Vater - er hat mit der Feder in der Hand der Wissenschaft unberechenbar genützt , er wird ohne sie nicht leben wollen . « » Nun , dann will ich Ihnen auch sagen , daß ich sie gerade deshalb nicht ausstehen kann , « grollte ich . » Gibt es denn etwas Schöneres als den blauen Himmel droben und die köstliche Luft und den ganzen feierlichen Sonntagmorgen ? Und da sitzt nun mein armer , lieber Vater da oben hinter den dicken grünen Wollvorhängen , in der Bücherluft , die nach Leder-und Moderpapier riecht und schwer von Staub ist , und schreibt sich die Finger fast herunter , und hat darüber längst vergessen , wie schön die Welt ist ... Und wenn ich dann hineintrete , da fährt er empor und muß sich erst besinnen , daß ich sein Kind bin ... Meine Mutter hat auch immer geschrieben - sie hat mich nie in ihre Arme genommen und mich niemals getröstet , wenn ich geweint habe - und so will ich nicht werden , durchaus nicht ! « Wir waren währenddem in die Halle getreten und standen vor dem Korridor , in den die Thür meines Zimmers mündete . Herr Claudius nahm die Brille ab und steckte sie in die Tasche ... Und wenn es auch nur Herr Claudius war und ich ihn nicht leiden konnte , auffallend schöne Augen hatte er doch - es ging mir genau so mit ihnen , wie mit dem wolkenlosen Mittagshimmel ; er sieht sanft und harmlos mild aus , und wenn man fest hineinsehen will , da senken sich die Lider tief vor dem Sonnenfeuer , das ihn durchglüht . Jetzt schwieg ich beklommen - die Brillengläser waren mein Bollwerk gewesen ; mit ihnen floh mein Mut und verkroch sich in den allerentferntesten Winkel meiner Seele . Da kreischte draußen der Kies unter Menschentritten , die sich dem Hause näherten . » Na , das nehmen Sie mir aber nicht übel , Fräulein ! « hörte ich Ilse schon von ferne sagen . » Das ist mir ja eine greuliche Mode ! ... So ' ne junge hübsche Dame und raucht wie ein Schornstein ! « » Ach , Sie haben nur Angst , daß Ihnen der Tabaksrauch die brillanten Pensees auf Ihrem Hute verderben könnte , Frau Ilse ! « lachte Charlotte . » Dummes Zeug - fällt mir nicht ein ! Aber das sage ich Ihnen , wenn ich mir dächte , daß das Kind je solch ein Papier zwischen seine kleinen Zähne steckte - ich packte auf der Stelle mit ihm ein - « Sie verstummte ; denn sie war auf die Schwelle getreten und stand vor uns . Charlotte , die neben ihr erschien , hatte eine Papierzigarre zwischen den kirschroten Lippen , und ihr lachendes Gesicht verschwand hinter einer dicken Rauchwolke , die sie , jedenfalls Ilse zum Trotz , kräftig ausgestoßen hatte . Bei Herrn Claudius ' Anblick fuhr sie aber doch sichtlich frappiert zurück ; sie wurde feuerrot und nahm schleunigst die Zigarre aus dem Munde . Ihr Anblick reizte mich zum Lachen , und die Leichtigkeit und Grazie , mit der sie die Zigarre handhabte , machte sie mir nur um so interessanter . Herr Claudius schien sie gar nicht zu bemerken . » Sie haben recht - leiden Sie das nicht , Frau Ilse ! « sagte er gelassen . » Ihrem Hute wird der Tabaksrauch nicht schaden ; aber den milden keuschen Glanz der Weiblichkeit überzieht er mit einem häßlichen Ruß . « Charlotte schleuderte mit einer heftigen Bewegung die Zigarre hinüber in den Teich . » Hast du die Einladungen besorgt , Charlotte ? « fragte er so ruhig , als sähe er die Leidenschaft nicht , die ihr aus den Fingern zuckte und aus den Augen flammte . » Noch nicht - Erdmann wird sie gegen Abend forttragen - « » Dann vergiß nicht , Helldorf eine Karte zu schicken . « » Helldorf , Onkel ? « fragte sie stockend , als traue sie ihren Ohren nicht ; eine hohe Glut überflog ihre Wangen . » Ja , er soll morgen mit uns essen - hast du etwas einzuwenden gegen meine Anordnung ? « » Das weniger - aber neu ist sie mir , « versetzte sie zögernd . Er zuckte leicht die Achseln , zog den Hut höflich vor uns und stieg die Treppe hinauf ; er ging nicht in das Bibliothekzimmer - ich hörte , wie er droben eine Thür aufschloß . » Steht denn die Welt plötzlich auf dem Kopfe ? « fragte Charlotte , die bewegungslos , mit niedergesunkenen Armen stehen geblieben war und den Schritten des Hinaufsteigenden gelauscht hatte , bis das Zufallen der Thür herunterklang . » Na , gnade Gott , das wird eine allerliebste Geschichte geben ! ... Ich will Hans heißen , wenn uns Eckhof morgen die Suppe nicht versalzt ! « » I , was hat sich denn der alte Buchhalter um die Küche zu bekümmern ! « rief Ilse ärgerlich - der unermüdliche Morgen- und Abendsänger hatte es bei ihr gründlich verdorben . » Liebe Frau Ilse , « lachte Charlotte , » ich will Ihnen einmal etwas sagen ... An dem Geschäftshimmel der Firma Claudius kreist eine Nebensonne , und das ist Herr Eckhof . Onkel Erich thut freilich , was er will ; allein er respektiert den hochweisen Rat und die Wünsche des Herrn Buchhalters in einer Weise , daß die bescheidene Nebensonne thatsächlich regiert ... Nun ist Eckhof Helldorfs Todfeind , ob mit Recht oder Unrecht , das weiß ich nicht , geht mich auch auf der Gotteswelt nichts an und ist mir schließlich sehr egal , denn ich kenne den - Menschen nicht , rein gar nicht ! Ich weiß nur , daß Helldorf bis zu dieser Stunde mit keinem Fuß die Gesellschaftsräume im Hause Claudius betreten hat , und zwar aus dem einfachen Grunde , weil es Herr Eckhof nicht wünscht ... Morgen nun soll er plötzlich an einem Diner teilnehmen , das Onkel Erich zwei angesehenen amerikanischen Geschäftsfreunden gibt - Eckhof wird wüten und mit Traktätchenschwung das Gericht des Herrn herabbeschwören - denn das ist eine Auszeichnung für Helldorf , wie sie der Onkel sonst nur hochehrwürdigen Glatzen oder weltberühmten Firmen gönnt ... Ich sage Ihnen ja , die Welt steht auf dem Kopfe , und es soll mich gar nicht wundern , wenn die steinernen Männer dort , « sie zeigte nach der Gruppe inmitten des Teiches , » aufstehen , ihre Reverenz machen und uns versichern , daß wir schöne Mädchen sind ! « Ich mußte lachen und auch Ilse schmunzelte wider Willen . » Was thut denn Herr Claudius im oberen Stockwerk ? « fragte ich - es wollte mir durchaus nicht in den Kopf , ja , ich ärgerte mich darüber , daß » der Krämer « , wie ihn mein Vater nannte , das Reich der Wissenschaft betrat . » Er kramt jedenfalls zwischen seinen Fernrohren ... Haben Sie denn die zwei Auswüchse auf der Karolinenlust noch nicht gesehen ? Der eine bildet die Kuppel im Antikenkabinett , und den anderen hat sich der Onkel zur Sternwarte eingerichtet ... Nicht wahr , das sieht aus , als hätte er auch höhere Interessen ? Glauben Sie ' s um Gottes willen nicht - die Beschäftigung läuft ganz auf eines hinaus , er zählt droben am Himmel die blanken Goldstücke , wie die Thaler auf dem großen Kontor-Zahltisch . « Sie griff in die Tasche und zog ein kleines , schmales Paket hervor . » Und nun , weshalb ich gekommen bin . Hier sind die Strümpfe - ein Dutzend - die ich für Sie aus R. verschrieben habe - sie sind eben eingetroffen und morgen bringt auch die Schneiderin den Anzug . « » Lassen Sie sich doch nicht anführen , Fräulein ; das ist doch sein Lebtag kein Dutzend ! « rief Ilse und wog das Päckchen auf ihrer breiten Hand ; es hatte genau den Umfang wie ein einziges Paar der berühmten Heidschnuckenstrümpfe . Sie schlug das umhüllende Papier zurück , ein wunderfeines , zartes Spitzengewebe quoll heraus . » So - na , das ist ja recht schön ! « sagte sie grimmig . » Da kann die Kleine auch in K. halb barfuß laufen ... Das sind mir ja recht vornehme Dinger , die kommen nie auf die Waschleine - nach dem ersten Spaziergang fliegen sie in die Lumpenkiste ... O weh , meiner armen Frau ihr Geld ! « Sie schritt spornstreichs nach dem Wohnzimmer . » Lassen Sie sich nicht irre machen , Kleine , « sagte Charlotte in ihrem bestimmtesten Ton . » Ich trage jahraus , jahrein keine anderen , und wenn zehnmal Fräulein Fliedner über diese sogenannte Verschwendung ihre kleine Nase rümpft ... Ich habe nun einmal eine empfindlich feine Pariser Haut , und Sie müssen Ihrer Stellung Rechnung tragen , und damit basta ! « Sie huschte fort , und ich ging mit etwas ängstlichem Herzen Ilse nach . Sie hatte Hut und Gesangbuch abgelegt und stand eben mit dunkelgerötetem Gesicht vor dem Blumentisch in meinem Zimmer . Er sah schlecht und vernachlässigt aus . Ich hatte die Blumen von vornherein mit ungünstigen Augen angesehen und begoß sie nicht , obgleich mir Ilse streng dieses Geschäft zugewiesen hatte . Jetzt hingen die prachtvollen Blüten verschmachtend die Kelche nieder . Ilse sagte kein Wort und zeigte nur mit dem Finger auf mein Werk , und da kam der Widerspruchsgeist und Trotz über mich . » Ei , was geht mich denn der Tisch an ? « sagte ich grollend . » Ich sehe gar nicht ein , weshalb ich mich mit den Blumen abquälen soll . Ich habe sie gar nicht von Herrn Claudius verlangt - weshalb stellt er sie denn durchaus in mein Zimmer ! Nun mag er sie auch pflegen lassen ! « » So ist ' s recht - es wird ja immer schöner ! « sagte sie mit tonloser Stimme . » Spitzen an den Füßen und ein undankbares Herz . Leonore , auf den Dierkhof kommst du nicht wieder zurück , und - ich will dich auch gar nicht haben ! « Ich schrie laut auf und warf mich an ihre Brust - ihre Stimme hatte mir wie ein Dolch das Herz zerschnitten . » Täubchen hat dich die Großmutter genannt , « fuhr sie unerbittlich fort ; » ein schönes Täubchen ! ... Wenn sie ' s nur gewußt hätte , was in dir steckt , da würde sie dich wohl - « » Teufel genannt haben , « ergänzte ich zornig und tief erbittert gegen mich selbst . » Ja , ja , Ilse , das bin ich - ich habe ein böses schwarzes Herz ; aber ich hab ' s ja gar nicht gewußt , und nun überrumpelt es mich immer . « 18 Am anderen Morgen sagte mir mein Vater , daß mich die Prinzessin Margarete abends um sechs Uhr zu sehen wünsche . Zum Ueberfluß kam auch noch ein Lakai , um mir selbst die Stunde meines Erscheinens anzuzeigen , da die Prinzessin dem Gedächtnis meines Vaters offenbar nicht traute . Er war aber auch seit gestern viel zerstreuter und in sich gekehrter als bisher . In den Nachmittagsstunden war ein sehr elegant gekleideter Herr mit einem Kästchen unter dem Arme in die Bibliothek hinaufgestiegen und sehr lange droben geblieben , und als dann später mein Vater zu dem Herzog ging , da vergaß er völlig , mir adieu zu sagen . Ich hörte seine Schritte und lief hinaus in die Halle , und da sah ich , daß eine fieberhafte Röte auf seinen Wangen lag ; er hatte einen seltsam funkelnden Blick , und in dem zerflatternden Haar mußten die Hände unablässig gewühlt haben . Nun saßen wir mittags bei Tische . Ich konnte nur wenig essen ; mir war beklommen und ängstlich zu Mute - ich fürchtete mich entsetzlich vor der Prinzessin , die ich mir nicht anders als im goldbrokatenen Kleide , mit der steinfunkelnden Krone auf dem Kopfe denken konnte . Zudem befremdete mich das Wesen meines Vaters . Er rührte keinen Bissen an ; unermüdlich drehte er Brotkügelchen zwischen den Fingern , wobei er in das Leere starrte . Er rang offenbar mit sich selbst , etwas auszusprechen ; sein Blick streifte dann und wann forschend Ilses Gesicht , die , arglos , mit gutem Appetit aß und dabei wiederholt versicherte , daß es doch in der ganzen Welt nicht so mehlreiche Kartoffeln gebe wie auf dem Dierkhof , weil da sandiger Boden sei . » Liebe Ilse , ich möchte Sie um etwas bitten , « hob plötzlich mein Vater an - das klang so kurz und gepreßt , als kämen die Worte nur infolge eines gewaltsamen innern Ruckes über seine Lippen . Sie sah von ihrem Teller auf . » Nicht wahr , Sie haben die Wertpapiere , den letzten Nachlaß meiner verstorbenen Mutter , mitgebracht ? « » Ja , Herr Doktor , « sagte sie aufhorchend und legte die Gabel hin . Er griff in die Brusttasche und zog behutsam einen in Papier gewickelten Gegenstand hervor ; seine Hände zitterten und die Augen leuchteten auf , als er die seidenweiche Hülle auseinanderschlug - eine prachtvolle , sehr große Denkmünze lag darin . » Sehen Sie sich das an , Ilse - was sagen Sie dazu ? « » Was Schönes ist ' s , « meinte sie und wiegte mit beifälliger Miene den Kopf . » Und denken Sie sich , das ist spottbillig zu haben . Für dreitausend Thaler kann ich einen Münzenschatz bekommen , der unter Brüdern mindestens zwölftausend Thaler wert ist . « - Sein sonst so sanftes , stilles Gesicht hatte etwas Verzücktes angenommen . - » Es ist der erste glückliche Zufall in meinem Leben ; bis jetzt habe ich alles sehr schwer , oft mit unsagbaren Opfern erringen müssen - und gerade in diesem Augenblick steht mir kein größeres Kapital zur Verfügung ... Liebe Ilse , Sie würden