innerlichen Lebens nur noch in dem kalten , stahlscharfen Blicke der Gier . Die Herrschaft war ausgestorben , und die Magd , die sich frühe und zähe in ihrem Dienste ausgebildet hatte , die Alleingebieterin in dem verödeten Hause . Jetzt , das heißt seit der Stunde , in welcher die Todesbotschaft von Valmy sie erreicht hatte , jetzt war sie und wurde von Tag zu Tag mehr » die schwarze Reckenburgerin « , zu welcher die Volksphantasie die einsame Erhalterin seit einem Vierteljahrhundert ausgearbeitet hatte . Jetzt glich sie den dämonischen Märchenwesen , die Metalle hegen und hüten , lediglich um ihres Glanzes willen ; die der Kupferheller schmerzt , welcher dem eigenen Bedürfnis geopfert werden muß . Ich sage Euch , wie ein Herkules habe ich um die Erhaltung der nutzbringendsten Anlagen gekämpft , und es war am Ende nur die achtzigjährige Gewöhnung , welche das Getriebe mechanisch und methodisch zusammenhielt . Die Korrespondenz mit Dresden verstummte ; der einzige Festtag auf Reckenburg fiel aus , und niemals wieder hat der Name des erkorenen und verlorenen Erben der Greisin Lippen berührt . Sie dachte nicht mehr an Sterben und Vererben . Existierte aus früherer Zeit eine letztwillige Verfügung , und zu wessen Gunsten ? Niemand wußte es . Die Testatorin aber würde keinen Federstrich getan haben , um sie zu widerrufen oder umzuändern . Ein Mensch war ihr so gleichgültig wie der andere ; sie kannte keine Pflicht . Sie wollte leben , nur leben . Die Ewigkeit würde ihr nicht zu lang gedeucht haben , allein , neben ihrem funkelnden Schatz . Kam es aber eines Tages zum Ende , nun , wenn dann die Erde unter ihrem Goldturm sich geöffnet hätte , es würde ihr das rechte , das willkommenste Ende gewesen sein . Vierzehn Jahre noch , die letzten der Jugend , sind mir hingegangen in Abhängigkeit von dieser Mumie mit dem einen überlebenden Sinn ; und sicherlich nicht ohne haftende Spur . Wohl waren die Anlagen , die wir weibliche nennen , von Haus aus nur schwächlich in mir organisiert ; die Stunden in dem Goldturm der Reckenburg aber , wenn auch nur wenige jeden Tag und durch Arbeit gefüllt , sie haben in mir die letzte Fähigkeit unterdrückt , einem häuslichen Wesen die anheimelnde Spur , eine Physiognomie einzuprägen , wie das bescheidene Erdgeschoß der Baderei sie doch so beglückend getragen hat . Die Nachwirkung jener Stunden hat auch den westlichen Turm der Reckenburg zu einer Klause werden lassen , und wenn ich , ihnen zum Trotz , die Grundrichtung meiner Natur durchgeführt habe , so danke ich es der Werkstatt unter Gottes freiem Himmel , die mir rings um ihn erschlossen blieb . Ihr seid noch zu jung , meine Freunde , seid , gottlob ! zu beglückt durch Euer wechselseitiges Selbst , um zu ermessen , wie solch eine Werkstatt unter freiem Himmel einem Menschen zur Welt , ja zum Schicksal werden kann . Aber macht einen alten Bauersmann gesprächig , und Ihr werdet über seine Erlebnisse auf der armen Hufe staunen . Nun jedoch eine Schöpfung , wie die der Reckenburg , so mühsam umgewandelt , so weithin angewachsen , so fruchtbringend schon heute , so segenverheißend für eine kommende , freiere Zeit , da wird jeder Findling des Feldes zu einem weiterfördernden Mittel , die kümmerlichste Pflanzung zu einem beseelten Wesen . Wir sehen die Ernte in dem aufgehenden Halm und in der absterbenden Stoppel die Befruchtung für eine neue Saat . Uns schmerzt jeder Baum , dessen Alter der Axt verfällt , und wir freuen uns jedes jung aufstrebenden Keims ; wir führen fremde Kolonisten in die beschränkte Gesellschaft , die unserer Scholle von alters her entsproß , unsere Kenntnis wächst , die Erfahrung wird bunter mit jeder Färbung und Form . Und wie befreunden wir uns mit der tierischen Kreatur ; wie forschen wir nach ihren Trieben , Sitten und Gesetzen , lernen ihre Lebensart verbessern und ihre Gaben immer reichlicher verwerten ! Seht Eure Herden Tag für Tag auf ihrer Trift , und Ihr unterscheidet an jedem einförmigen Schaf oder Rind ein Gesicht und ein Geschick . Endlich aber , ganz zuletzt , die menschlichen Genossen in dieser abgeschiedenen , kleinen Welt . Es ist kein Paradiesesgarten , meine Freunde . Gleichgültiger als an der weidenden Herde geht der Fremdling an den stumpfen , entarteten Gestalten vorüber , schätzt sie niedriger als das Wild des Waldes in seiner unverkümmerten Schöne und dem ungebrochenen Instinkt . Aber Schritt für Schritt schwinden Ekel und Langeweile , wächst der aufmerkende Trieb . Allmählich werden sie uns vertraut , die platten Gesichter , denen wir jede Stunde begegnen , deren mühseliges Tagewerk wir verfolgen von der Wiege bis zum Grabe . Wir schütteln die rauhe Hand , die mit uns arbeitet an der Umbildung unserer heimatlichen Scholle , dringen aus dem allgemeinen in das persönliche Leben zurück , forschen nach der Spur des göttlichen Ebenbildes in unserem Mitgeschaffenen , streben , sie ihm selber kenntlich zu machen und ihn höher zu fördern in der Reihe der Wesen , die einen Schöpfer ahnen und bekennen . Solch eine kleine Welt war mir untergeordnet , mir zunächst , ja mir allein . Sie hatte ich zu schützen vor dem Verfall , welchem eine wahnsinnige Leidenschaft sie preisgab ; sie der Zukunft zu erhalten , gleichviel , ob dieselbe mir oder einem Fremden zugute kam ; und je schwieriger der Ringkampf um die Mittel , desto tiefer wurzelte die Neigung , desto hartnäckiger der Widerstand . Diese uneigennützige Liebe ist mein Verdienst um Reckenburg , weit mehr als die freie , beglückende Wirksamkeit in einer späteren Zeit . Auf diesem meinem Arbeitsfelde ertrug ich denn auch leichter , als ich nach der traurigen Episode des Herbstes hätte ahnen sollen , den Schicksalswinter von dreiundneunzig mit seinem ätzenden Hohn . Als die Kunde des einundzwanzigsten Januar kannibalisch schreckend bis in unseren stillen Waldwinkel drang , da pries ich meinen jungen Helden selig , der in der letzten Hoffnungsstunde geendet hatte , während seine Kampfgenossen wie von einer Narrenfahrt zurückirrten und den königlichen Märtyrer , zu dessen Erlösung sie den Kreuzzug erhoben hatten , unter dem Henkerbeile fallen sehen mußten . Auch Dorothee hatte sich so friedlich eingelebt , als es in ihrer Lage möglich war . Der Herbst brachte noch heitere Tage , die in das Freie lockten ; die Wunde verharschte in der Stille ländlicher Natur ; die Schande drückte sie nicht , da sie keinem begegnete , der sie ihr vorgeworfen hätte , und an die Sünde - wenn sie die Sünde überhaupt jemals gefühlt - wurde sie um so weniger erinnert , da heuer auch der übliche Weihnachtsbrief Siegmund Fabers ausblieb . Kehrte ich bei meinen Wanderungen durch den auch im Winter belebten Wald in dem einsamen Muhmenhause ein , so fand ich Dorothee flink und zierlich mit einer Handarbeit beschäftigt , wie sie die Sorge für ein junges Leben nötig werden läßt . Die Kinderlaune wachte in ihr auf , sie tändelte mit dem kleinen Gemäch wie zu der Zeit , wo sie unter meinen verwunderten Blicken ihre Puppen ausstaffierte . » Wie reizend ! « rief sie dann wohl aus , indem sie ein Mützchen , mit bunten Glasperlen durchstrickt , auf ihren Fingern wiegte ; » wenn da erst so ein Engelsköpfchen daruntersteckt ! Ach wie freue ich mich . Ich habe Kinder immer so liebgehabt , Fräulein Hardine . « An einem der ersten Frühlingstage , mit Störchen und Drosseln um die Wette , fand ich das neue Erdenkind in dem Muhmenhause eingeflogen . » Zu früh « , wie die bewährte Pflegerin versicherte , wenngleich das Männchen ein gar stattliches Ansehen trug und die junge Mutter sich heil und frisch fühlte wie ein Fisch im Wasser . Freudentränen träufelten auf das Kind in ihrem Schoß . » So schön , so wunderschön ! « rief sie entzückt . » Ach wie habe ich es lieb , wie bin ich glücklich , Fräulein Hardine ! Niemals , niemals könnte ich mich von dem kleinen Engel trennen . « Bei welcher Entzückung Ehren-Justine freilich eine gar hämische Grimasse zog und mir beim Hinausgehen zuraunte : » Das wäre der erste Wildling , der eine dauerhafte Mutterliebe genösse ! Was nicht im Ehebett geboren worden ist , das verfliegt wie Spreu . « Indessen wußte sie , immer unter der Rubrik » zu früh « , schon anderen Tages eine häusliche Nottaufe einzurichten , bei welcher sie und ich Gevatterinnen wurden . Der Knabe erhielt den Vaternamen August und ist unter dem seiner mütterlichen Familie gesetzmäßig durch den Prediger in das Kirchenregister eingetragen worden . Niemand würde leichtlich diesen Namen in den Annalen unseres wüsten Walddörfchens gesucht und aufgefunden haben . Als aber etliche Jahre später der Blitz die Kirchenbücher in der Sakristei vernichtete , da gab es nur noch ein einziges Dokument über August Müllers Geburt , und Ihr werdet es an einer anderen Stelle diesen Blättern beigeheftet finden . Solange Dorothee Bett und Zimmer hütete und ihren Knaben an ihrer Seite liegen sah , hegte sie kein Verlangen , als so lange als möglich in Reckenburg zu weilen und sich späterhin irgendwo häuslich mit ihm einzurichten . » Was kümmern mich die Leute ! « entgegnete sie lächelnd den Einwänden der Muhme ; » ich habe ja mein Kind ! « Die Muhme aber blieb brummend bei ihrem Satz : » Schnickschnack Kind ! Selber noch ein Kind ! Die braucht einen Mann und nicht ein Kind ! « Ich schalt darüber heimlich und laut mit meiner alten Getreuen , zumal als sie auch nach Dorothees Herstellung die Pflege des Knaben ausschließlich in ihrer Hand behielt und ihre Hintergedanken bei dieser Diktatur wenig verhüllte . Möglich allerdings , daß das » halbschürige Lamm , die Dörte « , für des kräftigen Knaben Ernährung sich zu zart erwies , und sehr wahrscheinlich , daß ihre von jeher unliebsame Gegenwart der Alten auf die Dauer lästig fiel . Ganz gewiß aber war , daß der unversöhnliche Schellenunter von neuem seine Streiche spielte . Sie ahnte ja nicht , daß er im verwichenen Sommer die Orakelweisheit bereits wahr gemacht hatte . Er lauerte noch immer , und jetzt doppelt bedrohlich , unter der Kappe der anrüchigen Dirne , zu deren Patronin ihr Fräulein sich erhoben hatte , und so ruhte sie denn auch nicht , bis sie die Gefährliche außerhalb des Weichbildes sah , das sie , seitdem sie selbst sich darin niedergelassen hatte , für ihres Fräuleins eigentliche Heimat hielt . Dorothee aber , wie sie die Ernährung ihres Kindes einer Ziege und seine Wartung einem despotischen Willen überlassen mußte , wie sie müßig in dem dürftigen Waldhause unter dem schnöden Gebaren ihrer Wirtin gebannt saß , da merkte ich gar wohl , daß das Herz sich im stillen nach der Freiheit und dem Behagen des eigenen Heimwesens zu sehnen begann . Sie langweilte sich , sie wurde unruhig . » Was soll aus mir werden ? « seufzte sie und klagte : » Ich bin doch recht unglücklich , Fräulein Hardine . « Ich hatte in diesem Jahre den gewohnten Reisetermin vorübergehen lassen , weil die Stimmung der Gräfin und die mit dem Frühling wachsende Tätigkeit eine ununterbrochene Vermittelung zwischen Turm und Flur notwendig machten . Zwischen Saat- und Erntezeit gedachte ich auf etliche Wochen heimzureisen und hatte mich zum voraus für eine Postfahrt entschlossen . Zählte ich auch erst achtzehn Jahre , so fühlte ich mich seit den Erfahrungen des vorigen Sommes selbständig genug , um getrosten Mutes eine Reise um die Welt ohne Begleitung anzutreten . Schon im Mai wurde ich indessen durch einen aufregenden Zwischenfall in die Heimat zurückgerufen . Des Vaters Regiment gehörte zu dem Kontingent , das der Kurfürst zu dem Reichskriege gegen Frankreich gestellt hatte ; der Vater selbst aber war bei den Depots zurückgeblieben , und wir alle , obgleich gewiß keine weichlichen Naturen , fühlten uns dessen froh . Was durfte nach den Erlebnissen des vorigen Herbstes von diesem Feldzuge erwartet werden ? Wer hoffte denn noch auf eine rechtzeitige Rettung der unglücklichen Königin und ihrer Kinder , nachdem man den König geruhig hatte morden lassen ? Für das bedrohte Königtum und den bedrohten König eines fremden Landes würden wir mit religiöser Freudigkeit unsere Teuersten sich haben opfern sehen - wir , sage ich , meine Freunde , und meine damit durchaus nicht bloß uns Frauen , sondern , mit etwaiger Ausnahme des Predigers , alle Männer , stattliche , brave Männer , des mir zugänglichen Kreises - , aber was kümmerte es uns viel , daß deutsches Recht verhöhnt , daß deutsches Land jenseit und selber diesseit des Rheins gebrandschatzt , verheert und dauernd in Besitz genommen wurde ? Erst zwanzig Jahre später , nach einer ungeheuren Umwälzung der Gemüter , haben wir den Wert vaterländischer Erde auch außerhalb unseres heimatlichen Gaues schätzen lernen , und dadurch erst , nicht durch die Bezwingung eines Eroberers , der früher oder später seinem Despotenwahnsinn zum Opfer gefallen sein würde , durch diese Schätzung erst sind die Befreiungskriege zu einem bleibend hochherrlichen Segen für unser Volk geworden . Bei dieser Gleichgültigkeit gegen den Kampfeszweck traf es mich wie ein Unglücksschlag , als mein Vater plötzlich seinem dreißigjährigen Friedensdienste entrückt und mit Majorsbeförderung zu der Armee vor Mainz befohlen wurde . Sobald ich diese Nachricht erhalten hatte , bereitete ich meine Abreise für den nächsten Morgen vor , und es blieben mir nur wenige flüchtige Minuten zum Abschied in dem Muhmenhause . Peinlich , trotz aller Aufregung , empfand ich die Notwendigkeit , Dorothee in der Heimat als krank zurückgeblieben aufführen und auf diese Weise mich der ersten buchstäblichen Lüge in meinem Leben schuldig machen zu müssen . Sie sollte mir indessen erspart werden , denn zu meinem unaussprechlichen Staunen fand ich , als ich am Morgen vor dem Posthause eintraf , meine Schutzbefohlene , zur Rückreise gerüstet , meiner harrend - allein , ohne ihr Kind . » Es läßt mir keine Ruhe , ich muß dem lieben , gnädigen Papa zum Abschiede noch einmal die Hand küssen . Solch ein gütiger , herzlicher Vater von Kindesbeinen an auch für mich , Fräulein Hardine ! « schluchzte sie und setzte dann hastig , mit niedergeschlagenen Augen , hinzu : » Der Kleine ist ja versorgt ; die Muhme versteht es ja weit besser als ich , Fräulein Hardine , und zum Herbst nehmen Sie mich wieder mit zurück . « In unverhohlener Entrüstung wendete ich mich ab . Fühlte ich doch das innerliche Behagen , mit dem sie eine Beschönigung ergriff , um von ihrem Posten zu desertieren . Sie scheute das verräterische , längere Fernsein von der Heimat , sie sehnte sich nach häuslicher Gemächlichkeit , und gab ihr neugeborenes Kind einer Fremden preis , indem sie sich im eigenen Herzen mit der dankbaren Erinnerung an einen fernstehenden Mann entschuldigte . Ich würdigte sie keiner Erwiderung , und wir mögen während unserer Fahrt kaum zwanzig Worte miteinander gewechselt haben . Sie seufzte und bebte wie auf der Hinreise : mich rührte es nicht ; sie sah bleich aus und die Augen waren von Tränen verschwollen : zum ersten und einzigen Male fand ich sie häßlich . Die Versündigung an Pflicht und Ehre hatte mich ihr nicht entfremdet ; die Schwäche des Herzens machte einen Riß durch unser Leben . Ich habe mich zwar ihrem Einfluß auch späterhin nicht völlig entziehen können , wenn ich ihren Liebreiz vor Augen sah ; war ich aber fern , da dachte ich ihrer mit der Geringschätzung Muhme Justines . Ich war ihre Freundin nicht mehr ; das letzte Jugendband hatte sich gelöst , und ich zählte kaum achtzehn Jahre . Der Trennungskampf von dem Vater war härter , als ich ihn vorausgefühlt hatte . Die grausigen Bilder des vorjährigen Rückzugs , deren Einzelheiten mir erst in der Heimat deutlich wurden , ließen ein Nimmerwiedersehen ahnen . Meine arme Mutter erlag fast der Anstrengung , sich als standhafte Soldatenfrau zu behaupten . Sie lächelte über den Trostspruch des ehrlichen Purzel - des letzten Purzel im Reckenburgschen Dienst - : » Nur guten Mut , gnädige Frau . Ich sorge schon . Es passiert ihm nichts ; und passiert ihm doch was , dann komme ich gleich und melde Post . « Sie lächelte und bedachte das kleinste Bedürfnis , das einem Verwundeten oder Kranken dienen kann . Aber ihre zarte Gesundheit hat sich von den Schmerzen und Sorgen der Trennungsjahre nicht wieder erholt . Am Vorabend des Abmarsches ging ich zu Dorothee , die sich in ihrem Mädchenstübchen ganz wohlig wieder eingenistet hatte , und hob ohne Umschweif an : » Ich sehe ein , Dorothee , daß du zu einem freiwilligen Bekenntnis niemals das Herz haben wirst . Gestatte mir daher , dein Geheimnis meinem Vater anzuvertrauen . Die sächsische Armee steht mit der preußischen vereint in dem Lager vor Mainz . Siegmund Faber wird dort leicht aufzufinden , der Vater aber der zuverlässigste Vermittler und dir der mildeste Anwalt sein . « Sie war bei diesen Worten wie vom Donner gerührt , und es dauerte eine Weile , bevor sie der kindlichen Beredsamkeit Herr geworden war , mit welcher sie meine Rechtsgrundsätze schon einmal aus dem Felde geschlagen hatte . » Tun Sie es nicht , Fräulein Hardine ! « rief sie außer sich . » Um Gottes Barmherzigkeit willen , tun Sie es nicht ! Vor der ganzen Welt , vor meinem eigenen Vater sogar eine verworfene , ehrlose Kreatur , nur nicht vor den Augen des arglosen , gütigen Herrn ! und würde er es der gnädigen Frau Mutter verbergen können , verbergen wollen ? Wie sollte ich vor ihr bestehen und fortan unter einem Dache mit ihr leben ? Sie ist so streng , so stolz . Auch Sie würden von ihr zu leiden haben , Fräulein Hardine , Sie erst recht . Und weiß es erst einer , wirds ein Lauffeuer . Ich habe es ja nicht anders verdient , ich müßte es hinnehmen . Aber auch Sie bekrittelt zu sehen , Sie , die Sie mir ein Engel gewesen sind , von den eigenen lieben Eltern getadelt , ich ertrüg es nicht . - Und warum das alles ? « fuhr sie nach einer Pause fort , während welcher ich diesen unbeachteten Gesichtspunkt hin und her erwogen hatte . Der Vater , wie ich ihn kannte , würde in der Tat ein erstes eheliches Geheimnis kaum über die Nacht und sicherlich nicht über den ersten Brief hinaus bewahrt haben . Sollte ich zu dem Herzeleid der armen Mutter noch diese neue Prüfung fügen ? Das freundliche Verhältnis zu unserer Hauswirtin wurde gestört , das Vertrauen in die Aufrichtigkeit und Ehrenhaftigkeit der einzigen Tochter im Grunde erschüttert . Auch der nachsichtigere Vater würde den mütterlichen Auffassungen nicht widerstanden und bekümmerten Herzens von seinem pflichtlosen Kinde , vielleicht fürs Leben , geschieden sein . » Und wozu uns allen diese Verwirrung ? « fuhr Dorothee , durch meine sichtliche Bewegung ermutigt , fort . » Lebt er denn noch ? Er hat den ganzen Winter nicht geschrieben . « » Briefe erreichen in solchen Zeitläuften selten ihr Ziel , « versetzte ich ; » die Nachricht seines Todes aber würden wir erhalten haben . « » Und wenn er lebt , « entgegnete Dorothee , » in welchem entfernten Lazarett , in welcher neuen Stellung ? Es ist ja ein so weitläufiger Kriegsplatz ; Gott weiß , ob der Herr Vater jemals mit ihm zusammentrifft . Begegnet er ihm aber , und weiß ich erst den Ort , wohin ich mich zu richten habe , dann will ich ihm alles bekennen ; ja , Fräulein Hardine , ich versprech es Ihnen , alles bekennen , und wie er es verordnet , so soll es geschehen . Nur stellen Sie keinen anderen zwischen mich und ihn . « So war denn Fräulein Ehrenhardine wieder einmal die Besiegte der kleinen Dorl . Der Vater reiste ohne unser Geheimnis ab . Ja in der Furcht einer Entdeckung wagte ich nur ganz schüchtern die Bitte , sich doch nach dem Faber umzutun und ausführlich über ihn zu berichten . Dicke Tränen hingen dem guten Manne in den Augen , als er beim Abschied es noch mit einem Scherzworte versuchte : » Sage der lieben Dorl , meine Dine , daß ich ihren Mosjö Per-sé ganz gehörig ins Gebet nehmen werde . « Und wirklich enthielt der erste väterliche Brief aus dem Lager vor Castel , in welchem die Sachsen mit einem Teil der Preußen vereinigt standen , einen ausführlichen Bericht über den seit dem Tage von Valmy Verschollenen . Er hatte alle Fährnisse einer pestilenzialischen Krankenpflege glücklich überdauert und stand , zum Regimentsarzt befördert , bei dem Belagerungskorps . Der Ruf seiner Unermüdlichkeit , Unerschrockenheit und seines großen Geschicks war durch das ganze Lager verbreitet ; hoch und gering schätzte des noch so jungen Mannes bedeutenden Beruf . Die Genossen der alten Baderei waren bald aufeinandergestoßen und die heimischen Verhältnisse weidlich hin und her besprochen worden . Ob dem kleinen Musterbräutchen nicht ein wenig die Ohren geklungen haben sollten ? » Ihr müßt euch « , so schloß der väterliche Bericht , » unter dem Herrn Doktor Faber nun beileibe nicht mehr den steifen Feldschergehilfen vorstellen , der sich quasi immer einen Spiegel vorhielt , um ja keine angestammte Badereimanier durchschlüpfen zu lassen . Er ist degagiert wie einer , seitdem Generale und Prinzen so gut wie der gemeine Stückknecht unter seinen Messern und Zangen stillhalten müssen . Auch gemütlicher , aufgeknöpfter ist er geworden , nichtsdestoweniger aber doch noch immer der alte Per-sé , der alles anders anfaßt wie andere Leute , und besieht mans bei Licht , allemal recht . Als ich ihn auf das Risiko hinwies , dem jungen , einsamen Bräutchen das eingegangene Verhältnis so selten in Erinnerung zu bringen , da versicherte er zwar , um die Weihnachtszeit sein regelmäßiges Carmen entsendet zu haben , und weil er es versichert , muß der Brief verloren gegangen sein . - Indessen , - so setzte er hinzu - indessen wozu dieses leere Stroh ? Der Allerweltsdoktor wurde bei diesen Worten zu einer Konsultation bei einem schwer erkrankten General auf das linke Ufer abberufen . Ich hatte ihn gebeten , sich um ein paar in einem Vorpostengefecht Blessierte von unseren Husaren zu bemühen , und erhielt schon am andern Tage schriftlich eine beruhigende Kunde . Am Schluß derselben kam er denn auch auf die Herzensangelegenheit zurück , in der wir gestern unterbrochen waren . Ich schneide die betreffende Stelle zum Frommen meiner lieben Jungfer Grundtext aus seinem Brief und lege sie dem meinigen bei . « » Über das Risiko , wie Sie es mit Recht nennen , mein Herr Major , über die Gefahr hinweg hilft kein mahnendes Wort . Und Beruhigung - wer schöpfte die auf hundert Meilen Distanz ? Bevor ein Brief seinen Ort erreicht , hat die Szene gewechselt , und der , über dessen Wohlergehen man sich freut , modert vielleicht im Grabe . In beiden Fällen hilft nur Vertrauen auf einen guten Stern , oder von Haus aus Resignation in Bausch und Bogen . Briefe sind für Müßige oder für Gleichstrebende . Soll ich mein liebes Kind mit militärischen Evolutionen und diplomatischen Schachzügen unterhalten ? oder soll ich ihm mit meiner ärztlichen Widerwart eine Gänsehaut erregen ? Und Liebesschwüre , Liebesseufzer etwa ? Ist es nicht der Superlativ aller Albernheit , das Heimlichste , Unsagbarste der Menschenbrust , in einen Gemeinplatz umgesetzt , schwarz auf weiß durch die Welt zu jagen ? Wie eingeschnürt sind die Kritzelfüßchen meiner kleinen Dorothee ! Wie kann ich die Stunden zählen , in denen sie an ihrer Feder gekaut hat ! Wo sind ihre Blumen und Vögel , ihr kindliches Tändelwerk ? Wo ist eine Spur von dem , was in ihr und um sie wirklich lebt und webt ? Da lobe ich mir das Täschchen und Beutelchen , die sie gestrickt . Sie sind mir stündlich zu Dienst , und sehe ich sie , so sehe ich auch die flinken Fingerchen in ihrem Bereich . Das sind Taten , weibliche Liebestaten , mein Herr Major , und da ich sie nicht mit solchen aus meiner Praxis erwidern kann , tue ich wohl , mich meiner zärtlichen Treue nicht zu rühmen . Sie versichern mich , hochgeehrter Freund , der stillen Geduld des herrlichen Kindes , und ich kann Ihnen nicht aussprechen , wie es mich beglückt , mein schülerhaftes Experiment also gerechtfertigt zu sehen , ein Experiment , vor dem ich mich bei reiferer Erfahrung gehütet haben würde . Ich fühlte mich als Mann und sah in ihr das Kind , den einen vielleicht zu früh und das andere vielleicht zu lange . Im Grunde aber sah ich gemäß der Natur und gemäß der Vernunft . Denn wem , frage ich , möchte eine derartige Enthaltsamkeit ins Blaue hinein zugemutet werden , als dem Manne , der gewohnt ist , vor sich selber Schildwach zu stehen , oder dem Kinde , das , ohne zu träumen , im umfriedigten Nestchen schlummert , bis der vorbestimmte Erwecker es zur Freiheit ruft ? Nun wohlan , mein Herr Major , der Mann wird Farbe halten . Das Weltwesen , das ich ahnete , als ich dieses Bündnis schloß , hat sich um zwei Jahre verzögert , und der Himmel weiß , wann und wo das Wirrsal enden wird . Überdauere ich es aber , und wäre ich verschlagen worden bis ans Ende der Welt , so werde ich meinem anverlobten Weibe den väterlichen Trauring unentweiht vor Augen führen , und sehe ich den meiner Mutter an ihrer Hand , werd ich den Knabenglauben segnen , der sich bewährte , wo so mancher Mannesglauben zuschanden ward . « Die experimentierende Resignation , welche meine arglose Mutter nicht vorsichtig zurückhielt , war Wasser auf die Mühle der bekenntnisscheuen Sünderin . Der seltsame Mensch verlangte ja gar keine Aufklärung , und bis er persönlich kam , dieselbe einzuholen - wenn er überhaupt wiederkam , ach , was konnte da nicht alles verändert sein ! Ich aber wurde es müde , ein Mißverhältnis zu demonstrieren in die leere Luft . Schämte sie sich nicht , als Braut eines Mannes zu gelten , den sie verraten hatte , scheute sie sich nicht , mit seinem Treugut sich selber und dem Kinde eines anderen das Leben leicht zu machen : warum sollte ich mich dessen schämen und scheuen ? War sie meine Schwester , meinesgleichen ? Torheit über Torheit , der leichtfertigen Schenkentochter eine honette Gesinnung zuzutrauen ! Kehrte Siegmund Faber zurück , dann lag es mir ob , mich , nicht sie , vor einem wahrhaftigen Ehrenmanne zu entschuldigen . Zu Dorothees Gunsten , und um vorderhand mit ihrem philosophischen Liebhaber abzuschließen , sei indessen vorausgemeldet , daß ein späterer väterlicher Brief von einem rätselhaften Verschwinden des Doktor Faber berichtete . Während des Angriffs auf die feindlichen Lager bei Pirmasens , Ende September , war er in seiner beherzten , rastlosen Tätigkeit noch vielfach bewundert worden - seitdem spurlos aller Augen entrückt . Anfangs glaubte man ihn , im Gefolge des Königs , der ihn persönlich hatte schätzen lernen , auf das vor kurzem so schmählich erworbene polnische Gebiet verpflanzt . Da diese Meinung aber sich als Irrtum erwies , sahen die einen ihn verwundet in Feindes Hand , die anderen ihn von erbitterten Gebirgsbauern abgefangen . Die Mehrzahl hielt ihn für geblieben , wenngleich sein Leichnam von den das Terrain innehaltenden Siegern nicht aufgefunden werden konnte . Alle aber beklagten die Lücke , welche durch des immer bereiten Helfers Fehlen entstanden war . Auch als mein Vater nach drei Jahren , wohlbehalten und mit dem Verdienstorden belohnt , aber kopfhängerisch wie alle Teilnehmer dieser unfruchtbaren Kampagne , zurückkehrte , wußte er keine Spur von dem Verschollenen anzudeuten . Bald war er unter seinen Heimatsbürgern ein toter , vergessener Mann , und niemand würde es seiner bräutlichen Witwe verargt haben , hätte sie , zugunsten eines anderen , über ihre begehrenswerte Person und das Anwesen der alten Faberei verfügen wollen . Ich hatte in unserer bänglichen Stimmung meine Mutter während des Feldzugs nicht verlassen wollen und nur auf beider Eltern dringende Vorstellung mich zu der Rückreise nach Reckenburg entschlossen . » Bei des Vaters ausgesetzter Lage und unserer Mittellosigkeit , « so sagte die Mutter , » ist die Gräfin dein und auch mein letzter Anhalt . Verscherze ihn uns nicht , liebe Tochter . Dort kannst du wirken , mir nützest du nichts . Ich bin nicht krank , und stieße mir etwas zu , habe ich da nicht das liebe Kind Dorothee ? « Das liebe Kind Dorothee ! Sie mir an einem Sorgenstuhle , an einem Krankenbette vorzustellen , mit ihrer freundlichen , leise geschäftigen Art - wahrlich , es konnte mir nichts Beruhigenderes widerfahren , als daß sie im Ernst gar nicht mehr an die Rückkehr in das einsame Waldhaus dachte , und daß eine abzehrende Krankheit ihres Vaters ihr die Selbsttäuschung einer näher liegenden Pflicht gestattete . » Halten Sie Ihre Augen über meinem Liebling , Fräulein Hardine ! « flüsterte sie beim Abschied in mein Ohr ; » ich werde der gnädigen Frau Mutter helfen und dienen an Ihrer Statt . « So schieden wir , und als gegen die Weihnachtszeit jene erste Kunde von Fabers Verschwinden eintraf , stand ich schon längst wieder auf meinem Reckenburger Posten und Dorothee saß - zu meiner innerlichsten Befriedigung ! - ruhig daheim in ihrer Mädchenstube . Dort fand ich sie , wenn ich in den nächsten Jahren - immer nur auf etliche Sommerwochen - in der Heimat einkehrte , unverändert dieselbe , fleißig bemüht , durch zierliche Stickereien ihre Einkünfte zu verbessern , auf daß es ihrem Knaben an keiner Pflege , keiner Zierat gebrechen möge . Hatte sie am Abend Mützendeckel